• 20.3.1995

    „Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung; daher hat die Gedächtnislosigkeit keine“ (Ulrich Sonnemann): Definition des Himmels, der am Ende „wie eine Buchrolle sich aufrollt“.
    Hat Amalek etwas mit dem Lösen zu tun; ist Amalek der Knoten, der zu lösen wäre?
    Zum Begriff des Scheins: Ist nicht der Objektbegriff der Repräsentant des Scheins? Sind nicht die Verdinglichung, der Konkretismus, die Personalisierung Folgen der Logik des Scheins?
    Kritik der Naturwissenschaften: Dem Namen Gottes ein Haus bauen.
    Die Funktion und Bedeutung des Traums in der Apokalypse konvergiert mit der Funktion und Bedeutung der Tiere.
    Die Kultur der Empfindlichkeit steht unter dem Vorzeichen der „sensorischen Deprivation“, der „Isolationshaft“ im Bannkreis des steinernen Herzens.
    Die Bekenntnislogik verstößt gegen
    – das Votum für die Fremden,
    – das Votum für die Armen und
    – die Barmherzigkeitsforderung,
    und d.h.:
    – Sie ist tendentiell antisemitisch und leugnet den Vater,
    – sie ist tendentiell paranoid und leugnet den Sohn, und
    – sie ist frauenfeindlich und leugnet den Heiligen Geist.
    Die Bekenntnislogik wird gesprengt durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion (Joh 129).
    Die Materie ist das Deckbild des zersprungenen und verborgenen Gottesnamens.

  • 19.3.1995

    Der Turm von Babel wurde gebaut, um „sich einen Namen zu machen“, der Tempel in Jerusalem hingegen, um dem Namen Gottes ein Haus zu bauen. Ist es nicht der Begriff, mit dem die Menschen „sich einen Namen machen“?
    Welche Abstraktionsschritte sind nötig zur Bildung des Zahlbegriffs?
    Erbaulichkeit und Trost: Der Trost, den das Erbauliche spendet, ist ein exkulpierender Trost. Er bedient sich des Schuldverschubsystems, um von „Schuldgefühlen“ zu befreien. Damit hängt es zusammen, wenn die erbauliche Schriftinterpretation ohne Antisemitismus nicht zu haben ist.
    War nicht die Fixierung des „Kenntnisstandes“ des Gerichts am Anfang des Hogefeld-Prozesses die Selbstlegitimation einer massiven Vorverurteilung, eine Verurteilung ohne die Notwendigkeit, das Urteil durch sorgfältige Beweisführung begründen und absichern zu müssen. Hier wurden die synthetischen Urteile apriori festgezurrt, unter die die Angeklagte vor jeder Beweisführung, nur aufgrund der transzendentalen Logik des gerichtlichen Vorurteils, zu subsumieren war. Das Ansinnen, sich mit der Sache selbst noch einmal auseinanderzusetzen, war damit vom Tisch gewischt; jedes Argument der Verteidigung, das in diese Richtung ging, galt danach als Versuch einer Prozeßverzögerung. Dazu paßt der Eindruck, den das Verfahren selber im Beobachter hervorruft: Durch Mimik, Gestus und Ton geben Gericht und Staatsanwalt zu erkennen, wie lästig ihnen die Verteidigung ist, so als beruhe deren Anwesenheit (wie auch die der Prozeßbesucher, die man dann auch durch entwürdigende Eingangskontrollen abzuschrecken versucht) auf eigentlich nicht mehr recht einsichtigen formalen Verfahrensvorschriften, an die man sich leider halten muß.
    Haben früher einmal die Taten der raf dazu beigetragen, ihre eigenen Ziele und Motive, und damit auch deren öffentliche Diskussion, zu diskriminieren, so scheint sich heute das Blatt zu wenden: Das rigide Vorgehen gegen Mitglieder der raf in Verfahren, mit denen man nur noch zu testen scheint, was der Öffentlichkeit heute alles zugemutet werden kann, erzwingt geradezu die Reflexion auf die so massiv verdrängten Intentionen der raf, indem sie beginnt, die Weigerung, diesen Diskurs aufzunehmen, unter einen moralischen Rechtfertigungsdruck zu setzen.
    Was Auschwitz und den Nationalsozialismus von allem Vergleichbaren bis in die Gegenwart hinein unterscheidet, scheint darin zu liegen, daß hier erstmals die nationale Paranoia die Mordlust zur vorgeschriebenen Staatsgesinnung gemacht hat. Was bei anderen totalitären Systemen (im Stalinismus wie in den Militärdiktaturen) als ein nicht intendierter Nebeneffekt erscheint, ist im Nationalsozialismus (und in den nachfolgenden rechtsradikalen Gruppierungen) zum Kern der Sache geworden: Ausdruck dessen sind der Antisemitismus und allgemein die Xenophobie (die eigentlich Manifestationen einer Gewissensphobie sind: Vorstufe dieser Gewissensphobie ist die merkwürdige Beziehung der Deutschen zum „Ausland“, das heute im seelischen Haushalt der Deutschen die Stelle einzunehmen scheint, an der in Zeiten, in denen das Moralische das Sich-von-selbst-Verstehende war, das Gewissen seinen Platz hatte).
    Beitrag zur Logik der Schrift: Ist nicht das Verfahren der Pseudepigraphie eines der Delegation: Man möchte für das, was man schreibt, nicht selbst die Verantwortung übernehmen? Und waren nicht die Fälschungen im Mittelalter schon ein Werk der List der Vernunft, Reflex des gleichen Problems, das am Ende im Problem des kontrafaktischen Urteils sich manifestiert?
    Kosmologie, Erkenntnis- und Gesellschaftskritik: Die Verinnerlichung des Schicksals (Ursprung des Begriffs) und die Verinnerlichung der Scham (Ursprung des Inertialsystems) waren ebensosehr objektive wie subjektive Prozesse. Bezeichnen nicht Sem, Japhet und Ham auch welthistorische Knotenpunkte? Und sind nicht die apokalyptischen Tiere Gestalten des Weltgeistes (und der Weltgeist selber die Schlange, die „das klügste aller Tiere“ war)?
    Apokalypse: die Ermittlung und Deutung der Träume der Herrschenden (Nebukadnezars). Nebukadnezar hatte einen Traum, den er aber vergessen hatte, und den Daniel, um ihn deuten zu können, erst finden muß: Die Hegelsche Logik ist dieser Traum; sie ist die Wahrheit, die Hegel verborgen geblieben ist, als Traum. Wäre nicht das Freudsche Verfahren der Traumdeutung dahin zu korrigieren, daß nicht Träume ihre eigene Logik haben, sondern daß die Logik das Material bildet, aus dem die Träume sind? Ohne Logik gäbe es keine Träume: Die Logik ist der Schlaf der Sprache und insofern der Ursprungsort der Träume. Und war nicht die mathematische Logik das Vergessen dieses Traums (Modell des traumlos gewordenen Schlafs)? Verweisen nicht gerade die Elemente der Logik, von denen die mathematische Logik abstrahiert, auf ihre Beziehung zum Traum: das Subjekt und der Grund?
    Die Orthodoxie ist das Mahnmal der heute in sich selber zur Unkenntlichkeit entstellten Erinnerung an das, was die Mathematik, als sie die Orthogonalität entdeckte, verdrängen mußte.
    Wie hängen die sieben Sakramente, die sieben Planeten, die sieben Schöpfungstage und die sieben Siegel miteinander zusammen? Verweist nicht das Siegel auf den Namen: Es war einmal Unterschrift und Signum der Person zugleich. So war mit dem Siebentage-Werk die Welt auf den Namen Gottes versiegelt. Im Namen Beerscheba ist beides enthalten: die Sieben und der Schwur (vgl. hierzu die Siebener-Gruppen in der Johannes-Offenbarung).

  • 18.3.1995

    Zu den Konstituentien der Gegenständlichkeit des Vergangenen gehört der Tod, und zwar der instrumentalisierte Tod. Deshalb gehört die opfertheologische Verarbeitung des Kreuzestodes zur Geschichte der Aufklärung.
    Die Angst vor der Sexualität ist ein Teil der Todesangst (und die Angst, an den Trieb sich zu verlieren, ist ein Teil der Angst, in der Natur unterzugehen, aus der beruhigenden Gegenständlichkeit der Natur, aus der Absicherung des Selbst durch die vergegenständlichende Gewalt der subjektiven Formen der Anschauung herauszufallen). Aber stark wie der Tod ist die Liebe: Die Wendung, die Rosenzweig diesem Satz aus dem Hohenlied der Liebe gegeben hat, ist befreiend.
    Die Höllenangst war die Rache der Bekenntnislogik an der Verräumlichung des Himmels. Und die Vorstellung, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle gehört, hat sein fundamentum in re in der Sühne- und Strafrechtslogik in der staatlich organisierten Privateigentumsgesellschaft.
    Zu den Stabilisatoren der Vergegenständlichung des Vergangenen gehört auch das Strafrecht.
    Die Hellenisierung der Theologie ist der Beweis dafür, daß die Bitte „et ne nos inducas in tentationem“ nicht erfüllt wurde. Aber darauf verweist schon das Wort von Getsemane „Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“.
    Durch die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist die Religion zur Staatsreligion geworden (zu einem Instrument der Selbstrechtfertigung des Bestehenden). Genau dagegen richtet sich die prophetische Erkenntnis, die Kritik des Götzendienstes und der Hurerei.
    (Zur Eingangskontrolle im Hogefeld-Prozeß:
    – Die Würde des Menschen ist antastbar;
    – Eingangskontrolle als „Beweismittel“, als Instrument der Vorverurteilung;
    – Eingangskontrolle als Mittel der Abschreckung der Öffentlichkeit.)
    Heute ist das Erkennen selber in die historisch-gesellschaftlichen Unheilsstrukturen verstrickt; es wirkt als deren Verstärker. Der Verstärkungsmechanismus gründet in den institutionalisierten, die Wahrheit ausblendenden Rechtfertigungszwängen.
    Solange es noch Zukunft gibt, sind die Pforten der Hölle noch nicht verschlossen. Nur für die, die die Toten vergessen, sind sie verschlossen. Die Kraft des Lösens (die Kraft, die Gefangenen zu befreien) liegt in der Erinnerung, im Eingedenken.
    Den blasphemischen Gehalt des Kohlschen Satzes über eine „Versöhnung über den Gräbern“ (der die Aufforderung in sich schließt, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen) wäre innerchristlich erfahrbar gewesen, wenn die freie Erinnerungsarbeit die eigene Tradition bereits aufgearbeitet hätte.

  • 17.3.1995

    Die Unzucht ist ein Symbol für die Struktur der politischen Ökonomie (der Beziehung der männlichen Öffentlichkeit zur weiblichen Privatsphäre: der Politik zur „Privatwirtschaft“). Und die feministische Patriarchatskritik ist ebensosehr eine Vorform der Kritik der Logik der Schrift (die für den Ursprung und den Begriff der Öffentlichkeit konstitutiv ist). Deshalb erfolgte nach der Märtyrerzeit die geschlechtsspezifische Aufteilung der Heiligentypen in den (männlichen) Confessor und die (weibliche) Virgo, und deshalb ist der Konfessionalismus (die Bekenntnislogik, die eine Emanation der Logik der Schrift ist) apriori frauenfeindlich.
    Ist das zoon politikon des Aristoteles ein Synonym für das apokalyptische Tier (und ein Hinweis auf die wechselseitige konstitutive Beziehung von Tier und Welt)?

  • 16.3.1995

    Abgeschlossen und vollendet („perfekt“) ist im Indogermanischen nur die Vergangenheit. Das ist der Grund des Neutrum, der indogermanischen Formen der Konjugation, die an den Zeitablauf sich anlehnen, und nur so, nicht mehr unmittelbar, aufs Handeln sich beziehen, und der Steigerungsformen der Adjektive. Hier entspringt das Verdinglichungsgesetz, das dann als Inertialsystem von der Sprache sich ablöst, sie als „leeres, gereinigtes und geschmücktes Haus“ (als Ort der sieben unreinen Geister) zurückläßt.
    Die Wirkung dieses Verdinglichungsgesetzes hängt mit der Funktion und Bedeutung des Begriffs Sühne zusammen. Die Bemerkung eines (amerikanischen) Zeugen im Prozeß gegen Birgit Hogefeld (am 14.03.95), er habe mit seiner (offensichtlich falschen) Aussage „der Regierung und dem Recht“ einen Dienst erweisen wollen, verweist auf eine Logik, in deren Kern ein Begriff der Sühne steht, der fürs Strafrecht insgesamt grundlegend ist (und das Strafrecht mit der Logik des Objektivationsprozesses, mit der er durch den Begriff des Urteils verknüpft ist, verbindet). Dieser Logik liegt die Vorstellung einer gleichsam reinigenden Kraft der Sühne zugrunde. Hiernach hat die Sühne (und auf ihrem Grunde das Strafrecht) eine hygienische Funktion für den Gesellschaftskörper (Element einer Logik, zu deren wahnhaften Konsequenzen der Antisemitismus gehört, der u.a. dazu diente, die Sühne-Logik des Strafrechts gegen jede Anfechtung durch Empathie, durch Identifikation mit dem Angeklagten, abzuschirmen und zu stützen).
    Die Sühne-Logik konstituiert das Kausalprinzip in der sittlichen Welt (im Rahmen dieser Logik ist der Antisemitismus die Atomphysik des zugehörigen Welt- und Gesellschaftsbildes, zu dem u.a. auch der Begriff des Volkes gehört, der die Gesellschaft als Schicksalsgemeinschaft definiert, deren mythischer Kern in der Sühne-Logik gründet). Die Sühne-Logik ist eine völkische Logik.
    Das „Entsühnungs“-Konzept (die Entsühnung der Welt durch den Kreuzestod Jesu, Grund der Opfertheologie) hat den historischen Säkularisationsprozeß in der Theologie eröffnet; es ist u.a. eine Voraussetzung des Begriffs der Materie. Und es ist dieses Konzept, das dem Schein eine wesenskonstituierende Funktion gibt, und zu dessen eigenen Konstituentien die Hegelsche „List der Vernunft“ gehört (vg. Hegels Logik). Aber dieses Konzept zerstört zugleich – zwar schon in ihrer theologischen Fassung, in der mit ihr verbundenen Gottesvorstellung – die Idee der Barmherzigkeit in der Wurzel.
    Die Sühnelogik ist die Logik des Schuldverschubsystems, die auch die Bekenntnislogik mit ihren speziellen (Feigenblatt-)Effekten begründet.

  • 15.3.1995

    Die paradigmatischen Dimensionen eines Nomens sind Kasus, Numerus und Genus; nach Rix (Historische Grammatik des Griechischen, S. 107) beim Substantiv Kasus und Numerus, beim Adjektiv Kasus, Numerus, Genus und Gradus. Heißt das, daß das Neutrum über das Adjektiv sich gebildet hat (und der bestimmte Artikel gleichsam ein absolutes Adjektiv darstellt), und daß es zusammen mit dem Gradus (mit dem sprachlichen Äquivalent der hierarchischen Struktur) sich gebildet hat (vgl. Jürgen Ebachs Hinweis auf den Zusammenhang von Fleischessen und hierarchischer Gesellschaftsstruktur)? Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang der grammatischen mit den räumlichen Dimensionen (z.B. der Hierarchien in Kosmos und Gesellschaft: Ist die spätantike/frühmittelalterliche Engellehre sprachgeschichtlich und sprachlogisch determiniert, und dann zur logischen Grundlage des Feudalismus geworden)?
    Gründet die Bemerkung von Rix über die Dimensionen des Substantivs im Griechischen (zu denen er nur Kasus und Numerus, nicht das Genus zählt) darin, daß das Genus fürs Substantiv keine dimensionale Kategorie ist (jedes Substantiv hat ein Genus, aber anders als bei Kasus und Numerus und anders als das Adjektiv vermag es nicht alle drei Genus – m, f, n – zu durchlaufen)? Aber eignet nicht dem Genus gleichwohl eine quasidimensionale Struktur, die an der besonderen Funktion des Neutrum zu demonstrieren wäre: Ist nicht der Name des Substantiv ein Hinweis auf seine innere Neutralisierung, die an der Trennung des Nomens vom Objekt und der darin gründenden Transformation des Männlichen und Weiblichen in bloße Eigenschaften des Objekts sich erweist? Hier ist der Punkt, an dem Grammatik und Inertialsystem sich berühren (in der Depotenzierung des Namens, theologisch gesprochen: in der Entmächtigung des göttlichen Gebots). Liegt hier der Grund, weshalb im Deutschen die Logik der Kasus und die Zuordnung des grammatischen zum natürlichen Geschlecht willkürlich und zufällig erscheint (vgl. die entsprechenden Artikel in H. Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft)? Läßt der zugrundeliegende Sachverhalt sich aber nicht auch so verstehen, daß die Genus-Dimension das Substantiv nur von außen trifft, seine innere logische Struktur hingegen unberührt läßt? Welche Schlüsse lassen sich hieraus ableiten hinsichtlich der Beziehungen der grammatischen Dimensionen des Substantivs zu den Dimensionen des Raumes; oder in welcher logischen Beziehung steht das grammatische Substantiv zum räumlichen Ding? (Gibt es eine Beziehung des Taumelbechers, Kelch des göttlichen Zorns und des Unzuchtbechers zu Kasus, Numerus und Genus?)
    Wer sagt, Gott sei ein Substantiv, leugnet Gott.
    Spekulation und Reflexion sind beide optische Kategorien; sie reflektieren den Vorrang des Sehens vor dem Hören in der Geschichte der europäischen Aufklärung. Bezieht sich hierauf der Satz „Da gingen ihnen die Augen auf“ sowie auch sein Kontext (Vertreibung aus dem Paradies und Ursprung der Scham, die Fähigkeit, sich in den Augen der anderen wahrzunehmen); bezeichnet auch die Paradies- und Sündenfall-Geschichte einen sprachgeschichtlichen (und sprachlogischen) Vorgang? Ist nicht die Fähigkeit, sich in den Augen der anderen wahrzunehmen, der logische Kern der grammatisch entfalteten Sprache, auf den auch die Mathematik, die zugleich von dieser Fähigkeit abstrahiert (ihren eigenen Grund „leugnet“), zurückweist. Mathematik und Scham: Die Mathematik hat den Blick des andern ins eigene Innere mit aufgenommen; so glaubt sie, ihm zu entkommen, während sie gerade dadurch unentrinnbar in ihn sich verstrickt. Die Mathematik (und die Physik als Emanation der Mathematik) ist Ausdruck der Logik dieser Verstrickung (oder das irre Herumlaufen im Käfig der verstummten Sprache). Der gleiche Vorgang drückt im Ursprung der Schrift und in der Logik der Schrift sich aus: Mit der Schrift sind dem Menschen „die Augen aufgegangen“.
    Ist nicht der Unzuchtsbecher, dessen einzelne Momente schon bei Ezechiel auftreten, der Hinweis darauf, daß das Keuschheitsgebot ein politisches Gebot ist, das dann durch die Logik des Weltbegriffs privatisiert worden ist? Die (reale und die Sprach-) Geschichte dieser Privatisierung wäre zu demonstrieren anhand der kirchlichen Geschichte von der Pornokratie zur Pornographie, die die Geschichte einer Befreiung und einer Verstrickung zugleich war. Im Kontext dieser Geschichte müßte der gesamte Problembereich von der Pseudepigraphie über die Fälschungen im Mittelalter, von der Reorganisation der Kirche durch Zölibat, Ohrenbeichte, Inquisition bis hin zum steinernen Herzen der Welt, zu dem die Kirche heute geworden ist, sich durchsichtig machen lassen.
    Definition des Katholizismus: Verweltlichung durch Sakralisierung.
    Wenn einer einen auf Praxis abzielenden humanen Impuls in die Philosophie gebracht hat, dann war es Max Horkheimer, und das ist einer der Gründe, weshalb er am Ende kein „Werk“ mehr geschrieben hat.
    Die Geschichte der drei Leugnungen beschreibt genau die Entfaltung der inneren Beziehungen der Theologie zur Logik der Schrift. Diese Geschichte gehört zur Geschichte der „Erfüllung der Schrift“.
    Mit der Vergesellschaftung von Herrschaft ist das hierarchische Moment im Begriff der Herrschaft nur verdrängt, nicht aufgehoben worden: Jeder will oben sein. Diese Logik liegt der gesamten Geschichte des Sports seit den Wettkämpfen in Olympia zugrunde.
    Im Hebräischen gibt es keine Steigerung der Adjektive; die Steigerungsformen der Adjektive sind zusammen mit dem Ursprung des Neutrum entstanden. Die Steigerung der Adjektive gründet in einer Form des Vergleichs, für die es im Hebräischen noch keine Grundlage gab, die erst im Kontext der Bildung des Neutrum (oder mit der Bildung des Neutrum als Preis) möglich war.
    Das „gut“ und „sehr gut“ (gut gar sehr) im biblischen Schöpfungsbericht ist keine Vorstufe dieser Steigerungsform, sondern eine Entsprechung der Beziehung von Imperfekt und Perfekt: „Gut gar sehr“ ist das Vollendete (und gar sehr ist der Tod; aber stark wie der Tod ist die Liebe). Die Steigerungsformen im Griechischen sind das Produkt der Neutralisierung der Beziehung von Unvollendetem und Vollendung. Sie gehorchen der gleichen Logik, der die Verwandlung der Barmherzigkeit in Hysterie sich verdankt. Die Steigerungsformen in den indoeuropäischen Sprachen sind Folgen einer Logik, die das Unvergleichliche vergleichbar, das Ungleichnamige gleichnamig macht. (Ähnlich macht die Logik des Geldes das Unvergleichliche vergleichbar, während sie über den eingebauten Gewinnmechanismus, das Konkurrenzprinzip, das Handeln dem Rekordtrieb unterwirft.)
    Die Steigerungsformen sind der sprachliche Reflex des Konkurrenzverhältnisses, in dem die Hierarchie in der Gesellschaft gründet. (Es stimmt nicht, daß Rix in seiner Historichen Grammatik des Griechischen nichts über den Ursprung des Neutrum sagt; sein Werk handelt von nichts anderem.)
    Hat nicht auch der Zusammenhang der nicht-vegetarischen Lebensweise mit hierarchischen Strukturen in der Gesellschaften seinen sprachlichen Grund in der gleichen Konstellation, der die Steigerungen des Adjektivs sich verdanken? Wäre nicht in dieser Konstellation die Logik dieses Zusammenhangs zu bestimmen? Und gründet nicht in dieser Logik das opfertheologische Mißverständnis der Eucharistie (das dann zum begriffsgeschichtlichen Grund des modernen Dingsbegriffs geworden ist)?
    Im Christentum ist das Stier- und Rindopfer abgeschafft worden, während die Auslösung der Erstgeburt des Esels durch das Lamm zum Kern der Theologie geworden (ähnlich wie die Auslösung des Erstgeborenen der Armen durch die Taube, die dann jedoch schon früh verdrängt worden ist).
    Hat die Tradition der Eucharistie etwas mit den mysterienkultischen Ursprüngen der Mysterientheologie zu tun, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, daß die Mysterienkulte hauptsächlich im Militär üblich und gebräuchlich waren?
    Das Tier aus dem Meer und das Tier vom Lande: Bezieht sich das Meer auf die Vergangeheit, die uns beherrscht, und das Land auf die Vergangenheit, auf der wir stehen?
    Gibt es zu gesinnt und gesonnen noch andere vergleichbare Bildungen (wie verwirrt und verworren)?

  • 13.3.1995

    Die subjektiven Formen der Anschauung sind eine Verdrängungsmaschine.
    Hat das „leer, gereinigt und geschmückt“ etwas mit der Form des Raumes zu tun?
    Das Buch mit den sieben Siegeln („innen und auf der Rückseite beshrieben“) sah Johannes „in der Rechten dessen, der auf dem Thron saß“ (Off 51).
    Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren: Die Form des Raumes ist das Produkt der Verdrängung der Scham. Daraus läßt sich die Bedeutung der Kleidung ableiten (auch ihre geschlechtsspezifische Gestaltung, die heute neutralisiert zu werden tendiert? – Gibt es einen Zusammenhang dieser Neutralisierung mit der Tendenz beim Kirchenbau, die Innenwand wie die Außenwand zu gestalten?).
    Das Dogma ist zum Labyrinth geworden; ohne den Faden der Ariadne findet keiner mehr heraus. Aber ist nicht auch hier ein Minotaurus im Innern, der das Lamm ersetzt hat?
    Daß das Rind in der christlichen Symbolwelt nicht mehr vorkommt, sondern nur das Lamm (als Auslösung der Erstgeburt des Esels) und die Taube (als Auslösung der Erstgeburt der Armen), hängt das damit zusammen, daß an seine Stelle der Wolf getreten ist?
    Das Lamm und die Taube symbolisieren das stellvertretende Opfer.
    Welche Bedeutung haben in der jüdischen Symbolwelt die Raubtiere, erscheinen sie nur als Herrschaftssymbole (Löwe, Bär, Panther)?
    In den prophetischen Bildern des Tierfriedens gehört der Löwe zum Rind, der Wolf zum Lamm und die Natter zum Kind: Sind nicht Rind, Lamm und Kind Opferbilder? Hinsichtlich der Charaktere der Raubtiere scheint ihre Zuordnung in diesen Bildern des Tierfriedens nicht ohne Bedeutung zu sein. Haben Löwe und Rind etwas mit der Frontalität (und der Herrschaft) zu tun, Wolf und Lamm mit der Stellvertretung (und der Messianität), die Natter und das Kind mit dem Reich? „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“
    Sind nicht Tiere die Charaktere der Welt?
    Hat das Tier aus dem Wasser etwas mit oben und unten (mit den oberen und unteren Wassern) zu tun, das Tier vom Lande mit den vier Himmelsrichtungen?
    Die Schlange war das klügste aller Tiere: Sie symbolisiert das Wissen? Drückt im Spiel des Kindes mit der Schlange nicht schon das Jesus-Wort sich aus: „Seid klug wie die Schlange und arglos wie die Tauben“?
    Ist die Taube das Symbol des Heiligen Geistes, weil sie die Erstgeburt der Armen auslöst?
    Welche Bedeutung hat das Pferd, wo und in welchem Zusammenhang kommt es vor? Das Pferd zieht den Sonnenwagen, und die apokalyptischen Reiter haben etwas mit den Himmelsrichtungen zu tun.
    Hängt die Geschichte der Verinnerlichung der Scham mit der Erweckung des Tieres in uns zusammen?
    Die Ökonomie ist ein symbiotisches System. Indem wir uns von diesem Apparat ernähren lassen, ernähren wir ihn. Und die Freiheit, die uns dieser Apparat gewährt, ist die Quelle seiner Macht.
    Wer den Glauben als ein Instrument, sich selbst unnützes Wissen einzureden, begreift, sollte es lieber lassen. Was hat Jesus davon, wenn wir glauben, daß er der Sohn Gottes ist, daß er gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater ist? Wichtiger wäre der Ausbruch aus der Selbstinstrumentalisierung der Religion, die in dieser Art des Glaubens gründet.
    Wer verfolgt wen in der Apostelgeschichte:
    – Petrus und Johannes durch die Priester, Schriftgelehrten, Sadduzäer (41),
    – die Apostel durch die Hohepriester, Sadduzäer (517),
    – Stephanus durch die Hohepriester, Saulus, Steinigung des Stephanus (68),
    – die Gemeinde in Jerusalem durch Saulus (81),
    – Hinrichtung des Jakobus, Bruder des Johannes, durch den König Herodes (121),
    – Gefangennahme des Petrus durch den König Herodes (123),
    – Verfolgung des Paulus und Barnabas in Antiochien durch die „Juden“ (1344),
    – Steinigung des Paulus in Lystra durch Heiden und Juden (148),
    – Verfolgung des Paulus und Silas in Philippi (1619),
    – des Jason in Thessalonich durch die Juden (175),
    – Paulus in Beröa durch die Juden aus Thessalonich (1713),
    – Paulus in Korinth durch die Juden (1812),
    – Aufstand des Silberschmieds Demetrius in Ephesus gegen die Christen (1923),
    – Aufstand der Juden aus Asien gegen Paulus in Jerusalem, Gefangennahme des Paulus (2127),
    – Paulus vor dem Hohen Rat (231),
    – Verschwörung zur Ermordung des Paulus (2312),
    – Paulus vor dem Statthalter Felix in Caesaria (2323),
    – Anklage durch die Hohepriester in Caesaria (241),
    – Paulus vor Statthalter Fester (Nachfolger des Felix) in Caesaria (251),
    – Paulus vor König Herodes Agrippa II (2513),
    – Paulus nach Rom (271).

  • 12.3.1995

    Welche Anlässe für die Verfolgung Jesu werden in den Evangelien berichtet, und wer verfolgt in wessen Namen oder Auftrag wen in der Apostelgeschichte?
    Wer über andere redet, ist zu feige, mit anderen zu reden.
    Hegels Bemerkung über den Namen der Geschichte verweist darauf, daß es Geschichte nur als objektivierte Geschichte gibt.
    Gehören zu den Visionen die Engel, die sie erläutern?
    Der Ursprung des Inertialsystems liegt im Andern, in mir nur insoweit, als ich für Andere ein Anderer bin. Und in den subjektiven Formen der Anschauung, seiner Repräsentanz im Subjekt, ist die ganze Herrschaftsgeschichte enthalten. Im Kontext der Anschauung wird alles zur Erscheinung (zum Objekt und zur Grundlage von Herrschaft).
    Die synthetischen Urteile apriori sind Urteile der Andern, die keines Beweises mehr bedürfen, weil ich selbst für Andere ein Anderer bin (weil ich sie selbst vor mir bezeuge). Modell der synthetischen Urteile apriori ist die aristotelische noesis noeseos.
    Der Idealismus in jeder Gestalt (der seine Wurzeln in der Mathematik hat) ist der Versuch, den Rechtsbegriff einer Wahrheit zu definieren, die keines Zeugen mehr bedarf.
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Das Ideal jedes Anklägers ist der Apriori-Beweis (der Indizienbeweis aus reiner Vernunft), dessen transzendentales Subjekt der Staat ist (systemlogischer Grund des Titels Staatsanwalt). Anklageschriften und Plädoyers in Staatsschutzprozessen kommen dem nahe. Wie hängt dieser Apriori-Beweis mit dem Stellenwert und der Logik der Gemeinheit im Recht zusammen?
    Ist nicht der Apriori-Beweis der idealistische Erzeugungsbeweis? Der Begriff der Erzeugung ist der Erbe der neuplatonischen Emanation; zwischen beiden liegen der Ursprung und die Geschichte der Naturwissenschaften und die transzendentale Logik.
    Unzuchtsbecher der Hure Babylon: War nicht der Hexenwahn eine projektiv verdinglichte Gestalt der Erkenntniskritik, und insoweit ein Vorläufer des modernen Fundamentalismus?
    Zielt das „et ne nos inducas in tentationem“ nicht auch auf den Historismus und die Naturwissenschaften (auf den historischen Objektivationsprozeß)?
    Bezogen auf die Totalität der mathematischen Naturwissenschaften gibt es nur drei empirische Tatbestände:
    – die Dreidimensionalität des Raumes,
    – das Gravitationsgesetz und die Gravitationskonstante und
    – die Lichtgeschwindigkeit und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
    Liegen nicht die Wurzeln dieser drei empirischen Totalitätsbestimmungen in der ersten: in der Dreidimensionalität des Raumes, in seiner Beziehung zur Zeit? Bezeichnen sie nicht Abstraktionsstufen, die in der Struktur des Raumes vorgezeichnet sind? Insgesamt weisen alle drei zurück auf den „ursprünglichen“ Abstraktionsschritt: auf die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit.
    Zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen, niemand kann sich selbst überholen, und niemand kann hinter seinen eigenen Rücken gelangen.
    Gehört dieser erste Abstraktionsschritt zum siebten Siegel, mit dessen Lösung die der sechs anderen, die auf die Richtungen des Raumes sich beziehen, beginnt; liegt hier der Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat (Joch und Last: ihre Identifikation gehört zu den Wurzeln des Staates, während die Erkenntnis ihrer Asymmetrie die Prophetie freisetzt)?
    Die Objektivation des Vergangenen, und damit die Konstitution des Objektbegriffs überhaupt, gelingt nur im Kontext der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. So stützen der Historismus und die Objektivation der Natur sich gegenseitig. Genau an dieser Stelle wird die Gotteserkenntnis storniert. Erst mit der Umkehr dieser Logik: mit der Erinnerung des Unabgegoltenen in der Vergangenheit (des nicht aufgehobenen Unrechts, des unabgegoltenen Leidens und der unerfüllten Verheißungen), mit dem Blick der Barmherzigkeit, löst sich der Bann. Hier liegt das von der Orthodoxie bisher nur vergrabene Talent.
    Der Begriff der Sünde der Welt bezeichnet genau diesen Zusammenhang der Objektivation des Vergangenen mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Die Sünde der Welt auf sich nehmen (nicht hinwegnehmen), das ist die Voraussetzung der Lösung der sieben Siegel; hierauf bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen. Auf dieses Konzept der Rettung der vergangenen Zukunft beziehen sich die drei evangelischen Räte.
    Erinnerungsarbeit: Das Gottsuchen befreit Kräfte, die in die Vergangenheit wirken, sie in die Gegenwart holen.
    Paulus hat die sieben Siegel zu Archonten, zu Elementargeistern gemacht. Das Werk Jesu endete mit dem Kreuzestod, das des Paulus begann mit dem Mord des Stephanus. Paulus mag ein Instrument der Vorsehung gewesen sein, aber das Nachfolgegebot bezieht sich nicht auf ihn, sondern auf Jesus den Nazoräer.
    Die Geschichte der Aufklärung, an der die Theologiegeschichte seit den Kirchenvätern ihren Anteil hat, war ein Instrument der Instrumentalisierung, der Verdinglichung, die sie durch den Objektivationsprozeß bewußtlos weitergetrieben hat (und noch weitertreibt). Auf diesen Prozeß antwortet die gottsuchende Theologie mit dem verteidigenden, dem parakletischen Denken. Bezieht sich nicht hierauf das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann? Verteidigendes Denken sprengt den Bann des instrumentalisierenden Denkens: begründet die Geistesgegenwart der Prophetie.

  • 11.3.1995

    Wenn Empfindlichkeit pathologisch ist, wer ist dann ihr Subjekt? Der Empfindlichkeit geht es um den Schutz der Bäume, unter denen Adam sich versteckte, als Gott ihn beim Namen rief.
    Ist nicht der Ausdruck „Entfremdung“ doch korrekt? Bezeichnet er nicht die Xenophobie, Grund und Produkt der Anpassung an die Welt, die das Subjekt, indem es das Fremde abstößt, von innen aufzehrt und auslöscht, „sich selbst entfremdet“? Die Entfremdung, indem sie das Fremde abwehrt, richtet sich auf am Anderen, dem sie dann sich angleicht. Entfremdung ist ein anderer Ausdruck für Veranderung. Das Verhältnis zu den Fremden ist der Gradmesser der Autonomie. Der Andere und der Fremde verhalten sich wie Joch und Last, wie Begriff und Name. Hängt nicht die Ambivalenz der christlichen Symbole mit dem Verschwinden des Rinds aus dem Kreis dieser Symbole zusammen, mit der Konsequenz, daß sowohl die Auflösung des Jochs (das Auf-sich-Nehmen der Sünde der Welt) als auch seine Unauflösbarkeit (die Opfertheologie und das Konstrukt der Entsühnung der Welt durch den Opfertod Jesu, das zur Geschichte der Aufklärung als Geschichte der Selbstlegitimation des Bestehenden gehört) als Grund christlicher Erfahrung sich anbieten?
    Verweist nicht auch der Satz: Das Rind kennt seinen Eigner, der Esel die Krippe seines Herrn, auf das Verhältnis von Fremdheit und Anderssein? Fremdheit und Anderssein sind geschieden durch die subjektiven Formen der Anschauung (durch den Kelch, dessen Inhalt das Anderssein der Dinge ist). Sie sind geschieden wie der Ewige vom Überzeitlichen.
    Ist nicht die Welt, deren Fundament der Gerechte ist, eine andere als die, deren Fundament die Naturwissenschaften sind?
    In welchem Verhältnis stehen Sodom, Jericho und Gibea (die biblischen Exempel der Xenophobie) zu einander?
    – Auf Sodom bezieht sich die Stelle im Hebräer-Brief, daß die Fremden als Engel sich erweisen. Aber Lot, der anstelle der von der xenophoben Meute herausgeforderten Fremden seine Töchter anbietet (jedoch vor dieser Konsequenz durch die Engel geschützt wird), wird selber später von seinen (von ihm verratenen) Töchtern betrunken gemacht und erzeugt mit ihnen Moab und Ammon. Über die „Moabiterin Rut“ gehören Lot und seine Töchter zum Stammbaum Davids und Jesu.
    – In Jericho ist es nicht das Volk, sondern der paranoide König, der von der Hure Rahab die Herausgabe der Fremden, der Kundschafter Josues, fordert. Rahab, die die Fremden rettet, wird als einzige Einwohnerin Jerichos auch gerettet und gehört ebenfalls zum Stammbaum Davids und Jesu.
    – Gibea ist die Geburtsstadt Sauls. Ein Levit, der als Fremder im Gebirge Ephraim lebt, kommt mit seiner bethlehemitischen Nebenfrau auf dem Heimweg als Fremder nach Gibea, ein Mann, der selbst als Fremder in Gibea lebt, nimmt ihn auf. Als die xenophobe Meute der benjaminitischen Einwohner Gibeas seine Herausgabe fordert, gibt er seine Nebenfrau heraus, die zum Opfer der Meute wird. Bethlehem, der Heimatort der Frau, ist der Geburtsort Davids und Jesu.
    Sodom wird durch Schwefel und Feuer, Jericho durch den Posaunenschall der Israeliten, Gibea nach einem Vergeltungskrieg ganz Israels an dem einen seiner Stämme, in dem diese schreckliche Tat begangen wurde, zerstört.
    Der Begriff unterscheidet vom Namen durch die Monologisierung, durch seine äußerliche, durch die „dritte Person“ vermittelte Beziehung zum Objekt, gleichsam durch ein in ihn installiertes, gegen das Objekt gerichtetes Lachen: durch die subjektiven Formen der Anschauung, die das Objekt zum Objekt erstarren machen.
    Der Name unterscheidet sich vom Begriff dadurch, daß er (wie nach Emanuel Levinas die Attribute Gottes) die Trennung von Indikativ und Imperativ suspendiert: er steht im Imperativ (er ist als Name zugleich Gebot – aber eines, das in der Objektivität der Sprache, und subjektiv im Hören, gründet). Oder – in Abwandlung eines Satzes von Herrmann Cohen: auch für den Namen gilt, daß er kein Attribut des Seins, sondern des Handelns ist (so wie die Attribute Gottes die Qualität des Namens, nicht des Begriffs haben). Ist nicht Joh 129 ein Teil des Namens Jesu, und rückt nicht das „Bekenntnis (homologein) des Namens“ diesen ins Zentrum des Nachfolgegebots? Die Theologie wird durch die wiederzugewinnende Kraft des Namens (durch die Heiligung des Gottesnamens oder als Theologie im Angesicht Gottes) überhaupt erst zur Theologie.
    In der Beziehung zum Namen gründet, was Adorno einmal „eingreifende Erkenntnis“ nannte. (Aber was bedeutet in Gesetzen und Urteilen das „Im Namen des Volkes“; ist der „Name des Volkes“ das allen Gesetzen und Urteilen zugrunde liegende Gewaltmonopol des Staates?)
    Der Johanneische Logos bezieht sich auf die Kraft des Namens (und nicht auf den „Begriff“). Die Differenz liegt in Joh 129, eine Stelle, die falsch übersetzt werden mußte (mit fatalen Konsequenzen für die gesamte Theologie), um den Anschluß der Theologie an die Philosophie sicherzustellen. Die Frage, ob das Dogma der Hellenisierung der Theologie oder der Enttäuschung der Parusieerwartung sich verdankt, ist falsch gestellt: Beide Thesen bezeichnen nur zwei verschiedene Aspekte des gleichen Sachverhalts.
    Die Vision rührt an das Schauen Gottes, nicht an die „Anschauung Gottes“, eine contradictio in adiecto.
    Stehen nicht die Siegel (mit denen das Buch versiegelt ist) für den Namen? Und wenn die sechs Richtungen des Raumes nach kabbalistischer Anschauung auf sechs Aspekte des Gottesnamens versiegelt sind, kommt das nicht der Wahrheit der apokalyptischen Siegel nahe? Das Problem des Raumes ist nur im Kontext der Rekonstruktion (der Wiederherstellung) der benennenden Kraft der Sprache aufzulösen.
    Das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, ist auch das Lamm, das würdig ist, die Siegel zu lösen: Nach dem Wort vom Binden und Lösen ist etwas von dieser Kraft an die Kirche übergeben worden (die dann ihr Talent im Dogma vergraben hat); das aber setzt voraus, daß das Auf-sich-Nehmen der Sünde der unters Nachfolgegebot fällt.
    Kann es sein, daß das Verhältnis des Feminismus zur Kirche in dem Satz der Martha vorm Grab des Lazarus vorbezeichnet: „Herr, er riecht schon“ (Joh 1139)?
    Die christliche Theologie hat immer aus zweiter Hand gelebt: die der Kirchenväter von Philo und die der Scholastik von Maimonides. Kann es nicht sein, daß das Werk Franz Rosenzweigs heute eine ähnliche Bedeutung hat, wir sie nur noch nicht erkannt haben?
    Wenn Ezechiel die Namen Daniels und Hiobs zusammen mit dem des Noe nennt, so rückt er beide in eine Beziehung zum Stammvater der Menschheit nach der Sintflut. Verweist es aber nicht zugleich auch darauf, daß bereits für Ezechiel Hiob und Daniel (deren Namen er kennt) zusammen mit Noe an die Qualität und den Charakter des Gerechten rühren? Welche Bedeutung hat diese Stelle für die historische Bibelkritik, für die historische Zuordnung der Bücher Daniel und Hiob?

  • 10.3.1995

    Namen:
    Wer sind die Zebedäussöhne, wer ist Alphäus (Jakobus, Levi?), Thaddäus (Judas?)? Was bedeuten die griechischen Namen (Andreas, Philippus)? Wer ist Nathanael (aus Kana), hat er etwas mit Simon Kananäus zu tun? Wer ist die Mutter der Zebedäussöhne (wer war Salome?), wer war die Schwiegermutter des Simon Petrus? Was bedeuten die Namen Petrus/Kephas (Simon Barjonas), Paulus (Saulus)? Was heißt Iskarioth (Judas, der ihn verraten hat)?
    Die Apostel in den Evangelien:
    Mt Mk Lk Joh Apg
    Simon (Pt) Simon (Pt) Simon (Pt) Simon (Keph) Petrus
    Johannes Johannes Johannes Zeb.söhne Johannes
    Jakobus Jakobus Jakobus Zeb.söhne Jakobus
    Andreas Andreas Andreas Andreas Andreas
    Philippus Philippus Philippus Philippus Philippus
    Thomas Thomas Thomas Thomas (Zw) Thomas
    Bartholom. Bartholom. Bartholom. ) Bartholom.
    Matthäus Matthäus Matthäus ) ?? Matthäus*
    Jak. (Alph) Jak. (Alph) Jak. (Alph) ) Jak. (Alph)
    Simon (Kan) Simon (Kan) Simon (Eif) ) Simon (Eif)
    Thaddäus Thaddäus Judas (Jak) Judas (n.I.) Judas (Jak)
    Jud.Isk. Jud.Isk. Jud.Isk. Jud.Isk. — (Matthias)
    Nathanael (aus Kana)
    * Matthäus, der Zöllner, bei Mk und Lk auch Levi.
    Wer sind die Cherubim:
    – der Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert vorm Eingang des Paradieses,
    – die Cherubim im Allerheiligsten des Tempels (die Träger des Gottesnamens und der Herrlichkeit Gottes)
    – in der Merkaba-Vision des Ezechiel (mit den vier Gesichtern – Stier, Löwe, Adler und Mensch -, den Flügeln und Rädern, den Augen), sie tragen den Thron Gottes („der Himmel ist sein Thron“).
    – Erscheint mit den Cherubim zum erstenmal der Name des Menschensohns (bei Ezechiel)?
    – Sind die Cherubim die ersten Objekte der Sprachvision?
    – Was bedeuten die vier Gesichter, die Flügel, die Räder, die Augen, in welcher Beziehung stehen sie zum Flammenschwert?
    – Sind die Cherubim die Instrumente des Aufspannens („Er hat die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt“)?
    – Sind die Cherubim, die „überall Augen“ haben, Verkörperungen des Gegenblicks, die andere Seite des Gesehenwerdens: die kosmischen Entsprechungen der Scham nach dem Sündenfall, der Inbegriff dessen, wovon der Raum als „Form der Anschauung“ abstrahiert (in welcher Beziehung stehen sie zu den „sieben unreinen Geistern“)?
    Der Raum ist einäugig wie der Polyphem. Was bedeutet der Name Polyphem (hängt das -phem mit phemi, ich sage, zusammen: ist die Einäugigkeit ein Konstituens der Sprachverwirrung)?
    Oculi omnium in te sperant, Domine: Hat das etwas mit den Augen der Cherubim zu tun; sind die Augen der Cherubim die Augen aller?
    Der Mythos verhält sich zur Wahrheit wie die Häresie zur Orthodoxie, und das auch in dem Sinne, daß auch in ihm, im Mythos wie in den Häresien, der Schlüssel zur Wahrheit liegt, auch wenn er sie nicht „enthält“. Der Mythos enthält – wie auch die Häresien – die entstellten Gestalten des Vergessens.
    Der Mythos ist die durchs Prinzip der Anschauung stillgestellte Kosmogonie. Hinter der mythischen Anschauung bildete sich die Schicksalsidee (als Abspaltung des projektiven Elements im Mythos). Deren Erbe ist der die begriffliche Erkenntnis und mit ihr die Objektivierung und Instrumentalisierung der Dinge legitimierende Weltbegriff. Diese Beziehung von Begriff und Objektivierung (der Begriff als die subjektive Form des Stands der Objektivierung) im Weltbegriff begründet die Selbstlegitimation des Bestehenden im Prozeß der Aufklärung. Der Weltbegriff bezeichnet den jeweils aktuellen Stand des Säkularisationsprozesses und begründet dessen Selbstlegitimation. Darin, in dieser Selbstlegitimation (in ihrem kollektiven Exkulpationseffekt), liegt das Wesen der Aufklärung.
    Wer das Resultat der Naturwissenschaften für die Wahrheit hält, ist wie einer, der die Mühle anbetet, weil sie Mehrwert produziert, aber das Mehl und das Brot nicht mehr wahrnimmt. Überzeitlich, das „Bleibende“, ist das Geld, die Gebrauchswerte hingegen sind vergänglich. Aber war nicht das Vergängliche seit je das Wesentliche?
    Ich werde das steinerne Herz durch ein fleischernes ersetzen. Was daraus geworden ist, kann man dem Kirchenlied entnehmen:
    „Mach unser Herz von Sünden rein,
    damit wir würdig treten ein
    zum Opfer Deines Sohnes.“
    Was hat der (moralische) Anstand mit dem Anstand des Jägers zu tun? Bezeichnet nicht der moralische Begriff des Anstands die Reduktion der Moral auf die Sexualmoral? Anständig ist, wer sich in sexualibus nichts zuschulden kommen läßt. Deshalb konnte Himmler vor dem Mordpersonal in Auschwitz vom Anstand reden. Findet hier nicht der jagdtechnische Begriff des Anstands (hatten nicht die Wachtürme auch dieses Anstandsfunktion?) seinen Bezugspunkt? Hat nicht der Anstand etwas mit dem Anstehen und der Schlange zu tun? Oder, auf eine kurze Formel gebracht: Der Anstand verknüpft den Mord mit der verdrängten Lust zur Mordlust. – War nicht die kirchliche Sexualmoral eine der Voraussetzungen der fürchterlichen Kriege und Verfolgungen in der christlichen Ära? Sich an anderen dafür rächen, was man sich selbst versagen muß: Das Schuldverschubsystem ist die Seele des apokalyptischen Tieres.
    Auschwitz, eine Folge des Wiederholungszwangs, unter den die Christen geraten sind, nachdem sie die Frage, vor die sie durch den Kreuzestod gestellt waren, falsch beantwortet hatten.
    Die Staatsmetaphysik, die im anklagenden und richtenden Prinzip wurzelt, ist das Instrument der Sprachverwirrung. In der Geschichte vom Turmbau zu Babel bezeichnet das Niederfahren Gottes den Ursprung des Staates. Niedergefahren ist die Linke Gottes.
    Die Anpassung an die Welt, oder das Sichverstecken im Andersein, im Nicht-Ich, ist im Konzept der „Entsühnung der Welt“ institutionalisiert worden. Dieses Entsühnungskonstrukt ist die Geschäftsgrundlage ist die Geschäftsgrundlage der kirchlichen Gnadenverwaltung (der Theologie als Verwaltungswissenschaft: als Theologie hinter dem Rücken Gottes).
    Die sieben Siegel und die Auflösung des projektiven Erkenntnisbegriffs.
    Die sieben Wunder im Johannes-Evangelium:
    – Hochzeit zu Kana (21),
    – Heilung des Sohns des königlichen Beamten in Kapernaum (446),
    – Heilung eines seit 38 Jahren Kranken am Teich Bethesda in Jerusalem (53),
    – die Speisung der Fünftausend am jenseitigen Ufer des Sees von Tiberias (61),
    – Jesus wandelt auf dem See (616),
    – Heilung eines Blindgeborenen am Sabbath (91),
    – Auferweckung des Lazarus (111).
    In Rosenzweigs Stern der Erlösung sind Gott Mensch Welt Grenzbegriffe der Vorwelt (der Wachs, aus dem die sieben Siegel gefertigt sind?).
    Das Konzept der Entsühnung der Welt ist die theologische Legitimierung der Selbstlegitimation des Bestehenden, damit zugleich die Tabuisierung der Kritik.
    Während das Armutsgebot eindeutig ist, sind die beiden anderen evangelischen Räte (Gehorsam und Keuschheit) unterm Bann des Weltbegriffs zum Gegenteil dessen geworden, was sie ursprünglich meinten.
    Ist nicht das, was Drewermann und fast die ganze Theologie vor ihm den „jüdischen Rachegott“ nennt, eigentlich das Instrument gegen den Rachetrieb (indem sie die „Rache“ Gott überantwortet); und hängt das „Mißverständnis“ nicht mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit, konkret mit Auschwitz, zusammen?

  • 9.3.1995

    Umkehr: Die Frage ist nicht, ob man nach Auschwitz noch beten kann, sondern was es heißt, nach Auschwitz zu beten. In der heutigen Morgenpredigt, in der der Theologe die Frage von J.B. Metz zitierte, wurde die Frage nach Versöhnung an das Opfer statt an die Täter gerichtet. Und den Opfern, nicht den Täter wurde Verhärtung, die Versteinerung der Herzen unterstellt. Vgl. aber Mk 1125 und Mt 524. Steht unsere Theologie sich hier nicht selber im blinden Fleck?
    Nicht eine narrative Theologie – die Zeit des Erzählens ist vorbei -, sondern begreifen, daß in der Haggada die Prophetie sich verbirgt.
    Verhalten sich nicht die Naturwissenschaften zur Wahrheit wie das Recht zur Gerechtigkeit? Darin ist die Notwendigkeit einer Kritik der Naturwissenschaft begründet.
    Anmerkung zu Heinsohn: Gibt es nicht auch einen islamischen Antisemitismus, mit gleichem Effekt, aber ohne Menschenopfertradition?
    Was bedeutet es eigentlich,
    – wenn die Hure Rahab die Kundschafter des Jesus (wie Flavius Josephus den Josue nennt) vor der xenophoben Verfolgung durch den König von Jericho schützt,
    – wenn die Tamar durch den Verkehr mit dem Schwiegervater den Stammbaum Davids und Jesu begründet,
    – wenn Jericho gegen das Verbot, es wieder aufzubauen, nur wieder aufgebaut werden kann durch das Opfer des Erstgeborenen und des Jüngsten?
    Die Sekten sind die letzte Gestalt der Häresie. Sie erinnert die Kirche daran, daß sie endlich die Apokalypse begreift und sie denen entreißt, die sie als Angstgenerator benutzen, um die Schäflein in ihre eigenen profitablen Hürden zu treiben. Es gibt fatale Ähnlichkeiten (bis hin zur Identität) heute zwischen den Methoden, mit denen Sekten neue Mitglieder werben, und der Kundenwerbung unseriöser Wirtschaftsunternehmen.
    Sind nicht die theologischen Mucken der Waren die Geschäftsgrundlage der Sekten; und sind sie nicht solange wirksam, wie sie nicht in die theologische Reflexion mit aufgenommen werden?
    Ebenso wie das Selbsterhaltungsprinzip und das Eigeninteresse ist auch das Inertialsystem ein Vorurteilsgenerator und eine Verdrängungsmaschine. Der naturwissenschaftliche Blick auf die Dinge gründet in einer Tradition, die in den Naturwissenschaften sich vollendet: in der Tradition der Anschauung. Fällt dieser Blick nicht unter das Ezechiel-Wort: „Mein Auge soll nicht gütig blicken, und ich will mich nicht erbarmen“ (Ez 818 u.a.).
    Ist nicht durch die kleine Differenz, die das Anschauen vom Schauen, von der Vision, unterscheidet, indem sie das Schauen von seinem sprachlichen Grund trennt, der Quellpunkt der Unbarmherzigkeit? Ist nicht das Anschauen der mitleidlose, nur dem Eigeninteresse gehorchende Blick? Die Anschauung Gottes macht Ihn verstummen; sie macht den Anschauenden blind und lähmt ihn.
    Das Anschauen ruft, mit der Objektivation des Angeschauten, hinter seinem Rücken die „Form der Anschauung“: den Kelch (den Taumelbecher, den Kelch des göttlichen Zorns und den Unzuchtbecher) hervor. Die durch die Form der Anschauung veränderte Sprache ist der Inhalt des Kelchs. Während nur fürs Schauen der „Himmel sich öffnet“, ist es das Anschauen, das ihn verschließt. Die „Wörtlichkeit“ des Fundamentalismus steht (seit dem „ad litteram“ des augustinischen Genesis-Kommentars) unter dem Bann (den Gesetz) dieses Anschauens (des Kelchs). Paulus, der nicht den Himmel offen sah, sondern „in den dritten Himmel entrückt“ war, steht am Anfang, an der Wasserscheide dieser Geschichte. War nicht Stephanus, an dessen Mord Saulus beteiligt war, der Letzte, der den Himmel offen (und „den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes“) sah (Apg 755)? War der Mord an Stephanus (dessen am zweiten Weihnachtstag gedacht wird) das Zwischenglied zwischen dem Kreuzestod und der Opfertheologie?
    Hat das Präfix Er- in Begriffen wie „Erscheinung“ etwas mit dem Personalpronomen der dritten Person m. sing. zu tun? Im Begriff der Erscheinung steckt die Reflexionsbeziehung zu den Formen der Anschauung mit drin.
    Bezeichnet nicht der Begriff der Weltanschauung den Unzuchtsbecher? Gegenstand der Anschauung ist das Naturobjekt; so macht die Weltanschauung die Welt zu einem Naturobjekt, damit aber zu einem Herrschaftsobjekt. Jede Weltanschauung ist ihrer eigenen Logik nach ein Instrument der Weltherrschaft (mit ebenso destruktiven wie nekrophilen Konsequenzen: nicht zufällig war der erste „Weltanschauungskrieg“, der gegen „den Bolschewismus“, ein Vernichtungskrieg).
    Karl Kraus hat einmal auf die Beziehungen zwischen der Phrase und ihren blutigen Folgen hingewiesen. Die schlimmsten Dinge künden sich in der Sprache an, und wer die nötige Sensibilität besitzt, nimmt sie wahr, bevor sie eintreten (Beispiel: die „Dritte Walpurgisnacht“ von Karl Kraus). Wäre nicht endlich das homologein aus seiner verdinglichten Bindung ans „Bekenntnis“ herauszulösen und als Sprachsensibilität zu begreifen? Das „Bekenntnis des Namens“ wird so zum Inbegriff der Nachfolge. Im Namen wird der Indikativ zum Imperativ, das Sein zum Handeln, die Ontologie zur Ethik. Im Namen gründet die eingreifende Qualität der Erkenntnis, durch die sie über das Wissen hinausweist. Diese Erkenntnis begnügt sich nicht mehr mit „überzeitlichen Wahrheiten“, sie sucht in den Zeitkern der Wahrheit einzudringen, in dem sie Anteil an der Prophetie gewinnt. Das ist in der Schrift mit Gotteserkenntnis gemeint, die so mit der Erfüllung des Worts konvergiert. Ihr Organ wäre eine Theologie, die frei im Angesicht Gottes statt unter den von der Welt aufgezwungenen Rechtfertigungszwängen hinter seinem Rücken sich bewegt. Hierauf bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen (Mt 1619 und 1818).
    Die Söhne Leas (der Kuh) waren Ruben, Simon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon, die Söhne Rahels (des Mutterschafs): Josef und Benjamin.
    Jericho: Welcher König hat Jericho wieder aufgebaut, und kommt in den Evangelien, außer in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, Jericho noch einmal vor?
    Zwei Stellen aus Büchners „Lenz“:
    – „Aber ich, wär ich allmächtig, sehen Sie, wenn ich so wäre, ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten“ (S. 106) und
    – „… und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und faßte ihn ganz sicher und ruhig und fest“ (S. 100).
    Was Hegel so gelassen niederschreibt: Das Eine ist das Andere des Anderen, ohne die Gewalt dieses Andersseins zu reflektieren, führt genau in den leeren Kern des Weltbegriffs (in das darin sich reflektierende Verhältnis von Lachen und Schrecken). Die Dialektik von Lachen und Schrecken läßt sich an der Ästhetik des modernen Kirchenbaus demonstrieren, wenn im Innern die Ornamente und die Fresken verschwinden und die Außenwand nach innen gekehrt wird, so als wäre die Differenz der kirchlichen Innenwelt gegen die Außenwelt (gegen Ökonomie und gegen die durch Naturbeherrschung definierte Natur) aufgehoben, die Außenwelt zur alles beherrschenden Macht geworden.
    Die Geschichte der Barmherzigkeit hat die zivilisationsbegleitende Phase, ihre Metamorphose in der Hysterie, mit Freud beendet, aber so, daß sie zu einer strukturellen Bestimmung der Objektivität selber geworden ist: Die Geschichte ist in ihre faschistischen Phase eingetreten. Nachdem die Hysterie in der Gestalt psychosomatischer Erkrankungen den Frauenkörper durchwandert hat, hat sie als Lüge die Dingwelt ergriffen.

  • 8.3.1995

    Der Plural majestatis ist ein Produkt der Logik der Schrift. Durch die Monologisierung der Sprache (eine Folge der Logik der Schrift) wird sie zum Selbstgespräch. Ein König hat Berater, aber entscheiden muß er für sich (dieser Satz scheint eine conditio des autoritären Charakters zu sein, der wie die Majestät, dialogunfähig ist).
    Scheler hat das Paradigma einer Religionsphilosophie geliefert, deren Grundlage die theologischen Mucken der Ware sind.
    Die Prophetie ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben.
    Die Grundlage des theologischen Satzes von der Erhaltung der Welt ist nicht die Form des Raumes (das Inertialsystem), sie liegt in der Konstruktion des Himmels verborgen.
    Was bedeutet es, wenn nach islamischer Tradition Gott jeden Tag die Welt neu erschafft? Wie verhält sich der islamische Schöpfungsbegriff zum biblischen Schöpfungsbericht (insbesondere zum siebten Tag)?
    Haben das tohu wa bohu und die Finsternis über dem Abgrund und der Geist Gottes, brütend über den Wassern, etwas mit den drei abrahamitischen Religionen zu tun, mit Judentum, Islam und Christentum (jeweils in dieser Reihenfolge)?
    Eine Kritik des Ansatzes der Kant-Laplaceschen Weltentstehungs-Theorie würde auch deren moderne Derivate (Urknall und schwarzes Loch) treffen.
    Der Orion und die Plejaden: Sind sie die Reflexion des Planetensystems am Fixsternhimmel?
    Die Naturwissenschaften rücken die Welt in die Perspektive des Eigeninteresses. Aber dieses Eigeninteresse steht unterm Bann der Äquivalenz von Einzelnem und Allgemeinem (der Beziehung von Privateigentum und Staat). Das Gewaltmonopol des Staates und der Nationalismus (das logische Fundament der Privateigentums-Gesellschaft) gehorchen einer Logik, die in den Naturwissenschaften gegen die Natur sich richtet. Kein Zufall, daß die Objektivation der Natur zu Beginn sowohl der alten als auch der neuen Geschichte mit der Astronomie anhebt (als Legitimationswissenschaft des Staates: Newtons „absoluter Raum“ war einer der logischen Gründe des politischen Absolutismus: der Privatisierung der Herrschaft).
    Die kopernikanische Wende hat die „Völker, Stämme, Sprachen und Nationen“ im Begriff der Nation kontrahiert (und neutralisiert): Die rassistische Wendung der Sprachwissenschaft (die Rückführung der indogermanischen Sprachen auf eine indogermanische Rasse) gründet in dieser Logik. Die sprachgeschichtliche Aufklärung des zugrunde liegenden Sachverhalts wird erst möglich sein, wenn es gelingt, den sprachlogischen Grund der indogermanischen Sprache zu entschlüsseln.
    Einstein hat die im Relativitätsprinzip verkörperte Beziehung von Bewegung und Ruhe neu definiert und durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit konkretisiert. Das Licht, nicht der Raum definiert die Dauer, von der Folge und Zugleichsein (die anderen Attribute der Zeit) unterschieden werden müssen. Nicht mehr zu halten ist das im Raum verkörperte Moment des Zugleichseins, zumindest in dem Sinne, in dem es Vergangenheit und Zukunft von sich (vom Präsens) ausschließt, den Raum zur Wasserscheide der durchs Inertialsystem äqualisierten (zum Zeitkontinuum verräumlichten) Dimensionen der Zeit macht. Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist die Rache der Asymmetrie von Zukunft und Vergangenheit an der homogenisierten Zeitvorstellung. Es gibt ein Zugleichsein mit dem Vergangenen (die auch die zukünftige Vergangenheit umgreift): das Überzeitliche, und mit dem Zukünftigen (auch der vergangenen Zukunft): die Idee des Ewigen.
    Hat der Satz über die „Lichter … an der Feste des Himmels“: „sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren“ (Gen 114), etwas mit den Zeichen an Hand und Stirn (in Ex 131ff, 1311ff, Dt 64ff und 1113ff) und haben beide etwas mit den Zeichen an Hand und Stirn in Off 1316 zu tun? Hat die kopernikanische Wende das Zeichen an Stirn und Hand geheftet (sowohl Kopernikus als auch Newton waren Geldtheoretiker), und hat dieses Zeichen etwas mit dem Zeichen des Kain zu tun?
    Der Traum von einer Laientheologie, den ich mit einigen Freunden während des Theologiestudiums kurz nach dem Krieg geträumt habe, war ein Nebukadnezar-Traum: Ich mußte den Traum erst finden, um ihn dann deuten zu können.
    Heute morgen eine Karikatur in der FR, zum Welt-Frauentag: ein Globus mit dem Abdruck eines Kußmundes. Angesichts der Zustände, an die dieser Tag erinnern soll, schlicht eine Geschmacklosigkeit. Aber erinnert es nicht an das Problem der Schiller-Beethovenschen Ode an die Freude: Auch hier gibt es „diesen Kuß der ganzen Welt“, und das im Kontext einer schrecklichen (dazu anatomisch unmöglichen) Vision: Alle Menschen werden Brüder. Wäre es nicht an der Zeit, daß endlich alle Brüder Menschen werden?

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