Christentum

  • 07.05.92

    Kelch und Kreuz: Ist mit dem Kreuz im Nachfolge-Rat schon das Kreuz von Golgatha gemeint? Muß, wer das Kreuz auf sich nimmt, den Kelch trinken?
    Die Unbelehrbarkeit (Produkt aus Schuld und Verstockung) ist eine Konsequenz aus der Sünde wider den Heiligen Geist. Sie kann weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden.
    Jungfrauengeburt und die sogenannte „Enttäuschung der Parusieerwartung“: In beiden spielen die Mechanismen eine Rolle, die man in dem Konzept von Objektivierung und Instrumentalisierung zusammenfassen kann.
    Alle Kosmogonien haben mit dem Urknall gemeinsam, daß sie sich um die Idee der Schöpfung herummogeln, den Naturbegriff als Totalitätsbegriff festhalten wollen.
    Zu den Confessiones des Augustinus:
    – Für ihn war das Bekenntnis als Symbolum in erster Linie etwas, das sich in seiner Beziehung zu Gott abspielte; es war esoterisch, der Gottesfurcht oder der Scham unterworfen.
    – Vor den Menschen war es vorab ein Schuldbekenntnis, ein Sich-wehrlos-Machen, ein „Akt der Demut“, und zugleich ein Bekenntnis der Befreiung, mit dem Anreiz für andere, es nachzumachen. Hierin ist der ursprüngliche Sinn des Bekenntnisses noch sichtbar, aber hier ist genau der Punkt bezeichnet, an dem es umkippt in ein konfessionelles Bindemittel.
    – Das zweite große Bekenntnis in der europäischen Geschichte, das des Rousseau, ist eigentlich nur noch exkulpatorisches Bekenntnis, Bekenntnis einer schuldlosen Schuld, das glaubt, im „Zurück zur Natur“ einen Fluchtweg aus dem Schuldbewußtsein, aus der Gottesfurcht gefunden zu haben, und das dann zwangsläufig in den christologisch instrumentierten Naturbegriff führt. Es kein Zufall, daß Rousseau, die Etablierung des modernen Naturbegriffs, diese zugleich ungeheure und subkutane Wirkung gehabt hat, in der gesamten Geschichte von Spinoza über den deutschen Idealismus bis hin zu Derrida.
    – Welche Sünden bekennt Augustinus:
    . die Gier und die Eifersucht des Säuglings,
    . den Diebstahl des Heranwachsenden und
    . die Sexualität des jungen Mannes, wobei er das moralische Problem nicht in der Trennung von der Frau, mit der er zusammengelebt hat, sieht, sondern nur in der sexuellen Beziehung, die er vor der Trennung gehabt hat. Diese Kälte ist die Kirche seitdem nicht mehr losgeworden. Indiz des Zusammenhangs der kirchlichen Unsterblichkeitslehre mit dem bürgerlichen Prinzip der Selbsterhaltung, das über diese Unsterblichkeitslehre (und durch die Aufnahme des Tauschprinzips in die bürgerliche Moral) gleichsam seine theologische Weihe erhält.
    – Beim Augustinus ist der Kontext des ungeheuerlichen Wortes vom Binden und Lösen noch mit Händen zu greifen. Hat nicht dieses Binden und Lösen nicht sehr viel mit dem gordischen Knoten zu tun: den Alexander, Schüler des Aristoteles und erster Welteroberer, nur durchschlagen und nicht gelöst hat? Alexander ist geradezu die historische Verkörperung jener Beziehung von Philosophie und Herrschaft, die dann durch die Rezeption der Philosophie und durch die Übernahme des Erbes Roms in der Konstantinischen Ära von der Kirche übernommen und verinnerlicht worden ist, mit all den Folgen, die das gehabt hat.
    – Im Anfang (im Zusammenhang mit dem Satz „inquietum es cor nostrum …“) kommt die Differenz zwischen dem Anrufen Gottes und der Kenntnis Gottes zur Sprache, ohne daß sie wirklich entfaltet wird. Ist nicht das „inquietum …“ ein Fluchtversuch aus dem Bereich der Gottesfurcht?
    – Ist nicht der augustinische Gott – wie der philosophische -stumm, und wird er nicht gerade durch die dogmatische Logos-Spekulation zum Verstummen gebracht? Was ist das für ein Gott, in dem ich ruhen könnte?
    Zur euklidischen Geometrie: Ein Dreieck in einer Ebene enthält sechs Bestimmungselemente: drei Längen und drei Winkel. Von diesen sechs Elementen müssen drei gegeben sein, um ein Dreieck eindeutig zu bestimmen, mit der einen Ausnahme: Durch drei Winkel werden nur ähnliche, nicht gleiche Dreiecke bestimmt (Grund ist u.a., daß aufgrund der mathematisch bestimmten Winkelsumme der dritte Winkel keine unabhängige Größe darstellt, sondern durch die Festlegung der beiden anderen mitbestimmt ist).
    Hat das Rosenzweigsche Konstrukt Gott Welt Mensch etwas mit dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang zu tun, oder auch mit dem Verhältnis von Raum und Umkehr: Oben/Unten, Rechts/ Links und Vorne/Hinten (und zwar genau in dieser Reihenfolge)? Und gründet die Ebenbildlichkeit des Menschen in der Abbildlichkeit, in der abbildlichen Beziehung des Vorne und Hinten zum Oben und Unten? Für Gott gibt es kein Hinten, für den Menschen kein für ihn gegenständliches Unten (aus diesem Satz läßt sich die gesamte Moral ableiten).
    Die Subjektivität der kantischen Formen der Anschauung wird bei Kant selber nachgewiesen durch die Antinomien der reinen Vernunft.
    Israel ist der Augapfel Gottes; deshalb entspringt mit dem Versuch, der Gottesfurcht zu entgegehen, gleichsam hinter den Rücken Gottes zu gelangen, der Antisemitismus.
    Es ist wahr: Mit dem Ursprung des Protestantismus war die häresienbildende Kraft in der Kirche erschöpft. Aber ist die Frage nicht interessanter: Wo und unter welchen Bedingungen ist die häresienbildende Kraft in der Kirche entstanden, wo ist sie entsprungen? Die Lösung dieser Frage würde die Lösung des Rätsels des Christentums mit einschließen.
    Die apologetische Bemerkung in der Einleitung zu den Minima Moralia über die Bedeutung der individuellen Erfahrung für die Philosophie wäre ihres apologetischen Charakters zu entkleiden und als schlichter sachlicher Quellpunkt einer neuen Selbstbegründung der Philosophie zu bestimmen.

  • 29.04.92

    Was bedeutet der Satz, daß Gott die Menschen liebt?
    Wie hängt der Wertbegriff mit der Bekenntnislogik zusammen? Die Unterscheidung von Wert und Gegenstand ist Ausdruck des Zusammenhangs von Gegenständlichkeit und Instrumentalisierung; so verdankt sich die Bekenntnislogik der Objektivierung und Instrumentalisierung des Wahrheitsbegriffs, er wird verfügbar. Und deshalb sind Bekenntnisse Bekenntnisse zu Werten. Die Werte werden in der Reklame (ähnlich wie die Wahrheit als Dogma in der Apologetik) „auf den Punkt gebracht“.
    Der Hegelsche Begriff der Aufhebung ist eine Parodie (und zugleich die Umkehrung) der Idee der Auferstehung. Die Aufhebung verhält sich zur Auferstehung wie der Begriff zum Namen.
    In welcher Beziehung steht die Taube zum Heiligen Geist, wo kommt sie vor (von der Arche Noahs bis zu den Evangelien)?
    Gibt es einen geschichtsphilosophischen Unterschied zwischen Silber- und Goldwährung? Beginnt die alte Geschichte mit der Silber-, die neue mit der Goldwährung?
    Die Geschichte der Beziehung von Gold und Geld ist die Kehrseite der Geschichte von Schulden und Geld. (Ist Gold die Einheit von Licht und Schwere?)
    Inflationen sind Ausdruck von Schuldenkrisen, die durch Sozialisierung der Schulden gelöst werden.
    Hängt der Ausdruck Schulden mit Schultern zusammen (die Schuld auf sich nehmen)?
    Läßt sich das Rätsel des biblischen Schöpfungsberichts auflösen, wenn die Geschichte der Geldwirtschaft durchsichtig wird? Und verweist nicht der zweite Schöpfungstag auf die Entstehung des Geldes (ist das Geld das Wasser – auch bei Thales)?
    Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt?
    Privateigentum, Geldwirtschaft, Patriarchat gehören zusammen. Reflex und Indikator dieses Zusammenhangs ist der Begriff der Materie; dagegen steht die theologische Idee der Verklärung (Zusammenhang mit dem Satz „Richtet nicht …“ und mit der Kritik des moralischen Urteils: „Der Ankläger hat immer unrecht“). Hier ist es mit Händen zu greifen – und zwar anders, als es die traditionelle, herrschaftsgeschichtlich determinierte Interpretation gern möchte -, wie Materialismus und Empörung zusammenhängen: Empörung ist nicht Empörung gegen Herrschaft, sondern Herrschaft selber ist Empörung. Vor diesem Hintergrund gewinnen die kantischen Antinomien der reinen Vernunft und die „Vorstellung“ des unendlichen Raumes und das Problem der Sexualmoral eine ungeheure Bedeutung (Naturbegriff, Trinitätslehre und Inzest).
    Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde; und am sechsten Tag die Menschen (nach seinem Bilde, als Mann und Weib). Und der Kirche ist verheißen, daß, was sie auf Erden binden wird, auch im Himmel gebunden sein wird, und was sie auf Erden lösen wird, auch im Himmel gelöst sein wird.
    Judith war auch eine Hebräerin?
    Die Kirche hat am Ende des Mittelalters ihre häresienbildende Kraft verloren, weil sie sie in Gestalt der naturwissenschaftlichen Aufklärung in einer Form vor Augen hatte, gegen die sie hilflos war. Man kann gegen die Mathematik nicht vorgehen wie gegen Ketzer und Hexen: man kann sie nicht auf den Scheiterhaufen bringen (weil sie in der Tradition der Scheiterhaufen steht, aus deren Verinnerlichung hervorgegangen ist).
    Die Hegelsche Philosophie ist eine Philosophie, die sich im Urteil der anderen versteht und begreift. Deshalb ist der Weltbegriff zentral für die Hegelsche Philosophie.
    „Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört!“ (Jon 33f)
    Es kommt nicht nur die Philosophie in der Prophetie vor, sondern auch die Prophetie in der Philosophie, und zwar im Begriff der Barbaren (oder der Materie).
    Ein Zyniker ist ein Fundamentalist, der kein Terrorist werden möchte.
    Gibt es eine Beziehung zwischen Münze und Symbolum (Prägung, Avers und Revers); drückt sich in der Prägung der Bruch aus, und welche Bedeutung haben die eingeprägten Köpfe (Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung des Königtums und des Geldes im Opfer)?
    Zur Konstruktion des israelischen Königtums gehört es, daß nicht der Priester, sondern der Prophet den König erwählt und salbt.
    Die Kritik des Bekenntnisbegriffs (und der Bekenntnislogik) wird in der Gestalt der Maria Magdalena verkörpert (Befreiung von den sieben unreinen Geistern).
    Gibt es eine Beziehung zwischen der Bindung Isaaks, dem Sieg Abrahams über die Könige von Sodom etc. und der Melchisedek-Geschichte. zwischen Moloch, Melek und Melchisedek? Und stellt sich nicht über Melchisedek eine Beziehung her zwischen dem Hebräer Abraham und dem biblischen Hebräerbrief? Bei Abraham und Isaak erscheint die Geschichte mit Abimelech, dem Philisterkönig, während die Ägypter-Geschichte auf Jakob (Israel) und Josef vorausweist? Wie verhält sich Abimelech zu Melchisedek?
    Barock als Geschichte der Privatisierung (und Vegrgesellschaftung) von Herrschaft, als Teil der Geschichte der Säkularisation (Absolutismus, Gegenreformation, Barocktheologie, Ursprung der Gnadenlehre, kasuistische – pornographische – Moraltheologie). Erst die Barocktheologie hat sich in dem Netz der Verdinglichung verfangen, aus dem die katholische Theologie sich seitdem nicht mehr hat befreien können. Der barocke Pomp, die barocke Kunst (die Kunst des Rahmens), ist die Ersatzbildung für den privatisierten und verdinglichten Wahrheitsbegriff.
    Putten: Diese Form der Verniedlichung der himmlischen Heerscharen, Vermischung mit den mythischen Allegorien (Amor und Eroten): Vorläufer des Kuschel-Behemoth.
    Im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft wird immer deutlicher und kenntlicher, was mit dem Begriff der Übernahme der Sünde der Welt allein gemeint sein kann.
    Das Bekenntnis als verinnerlichte Exkulpationsmagie.
    Ist der Heideggersche Titel „Vom Wesen des Grundes“ nicht der genaueste Ausdruck der Abschaffung des begründenden, argumentativen Denkens? Und entspricht dem nicht genau die Hypostasierung der Frage, die Konstruktion der objektlosen Angst und des Daseins als In-der-Welt-Seins? Ist das Wesen des Grundes nicht der Inbegriff dessen, was theologisch „Abgrund“ heißt. Die Heideggersche Fundamentalontologie ratifiziert den Einsturz der Hegelschen Logik, die Trunkenheit des Begriffs am Ende nüchtern, rational beschrieben hat.
    Heidegger hat den Ursprung der Angst unerkennbar gemacht, indem er die Angst zu einem objektlosen Affekt gemacht hat (oder machen mußte, weil seine Philosophie vom Objektparadigma sich nicht lösen konnte). Es gibt keine Angst ohne Beziehung zur Schuld; die Unfähigkeit zur Schuldreflexion macht die Angst objektlos. Diese Schuldbeziehung gilt auch für die Todesangst. Wenn das Christentum die Todesangst „überwindet“, dann nur im Kontext der Übernahme der Sünde der Welt. Heute jedoch nimmt das Christentum nur noch die Schuldangst hinweg, indem es die Todesangst verdrängt; wer wagt denn noch, an die Unsterblichkeit der Seele oder an die Auferstehung der Toten zu glauben: gemeinsamer Ursprung des pathologisch guten Gewissens und der Gemeinheitsautomatik. Es gibt Schlimmeres als den Tod. Umgekehrt: Der Adornosche Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil niemand mehr zu lieben fähig ist“ ist die Kehrseite des biblischen Satzes, daß die Liebe stärker ist als der Tod.
    Der Objektivationsprozeß ist der Stauberzeugungs- und -verwertungsprozeß.
    Stichwort „Wüste“.
    Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt?

  • 16.04.92

    Ist die Erde eine Kugel? Oder ist der Vergleich von Mond und Apfel zulässig? Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: Kann von der Größendifferenz von Körpern abgesehen werden: Wenn nicht bei Maus und Elefant, weshalb dann bei Erde und Sonne, bei Apfel und Mond (Differenzen ergeben sich schon aus der unterschiedlichen Relation von Masse und Oberfläche; welche anderen Probleme sind vergleichbar; Grenzbereiche Gravitation und Licht: warum ist es nachts dunkel)? Warum können Bäume nicht in den Himmel wachsen? Wie begründet ist die Rückrechnung aus dem Gravitationsgesetz auf das „Gewicht“ der Sonne und der Planeten? Kann man die Sterne auf die Waage legen? Ist das Problem des Planetensystems und der Sternenwelt das Korrelat des Quantenproblems in der Mikrophysik (der Korpuskel-Welle-Dualismus)?
    Ist der Raum als „Form der Gleichzeitigkeit“ (und nicht nur als Form der Anschauung) zu halten? Ist der Blick in die Sternenwelt ein Blick in die Vergangenheit? Kann angesichts des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die Vorstellung eines nach allen Seiten unendlich ausgedehnten Raumes, seine gegenständliche Stabilität, noch gehalten werden? Ist hierauf nicht die theologische Tradition, wonach die Erbschuld sich über die sexuelle Lust fortpflanzt, anzuwenden: Ist nicht die Vorstellung des unendlichen Raumes (deren Entstehung mit der Hexenverfolgung zusammenfällt) Produkt dieser „Fortpflanzungslust“? Und erweist sich nicht damit:
    – diese Fortpflanzungslust als Grund der Urteilslust, und
    – und die „kopernikanische Wende“ als die entscheidende Wende im Prozeß der Verinnerlichung des Patriarchats, des Sexismus, der Vergewaltigung als System?
    (Der Raum und das Lachen, der Raum und das Gericht; Fortpflanzung: Zusammenhang von Zeugung und Zeugnis; Stellenwert und Bedeutung der Sexualmoral im Christentum: Zusammenhang mit dem Weltbegriff; gegenseitige Stabilisierung von Ökonomie und Natur; das Problem der Größe reflektiert sich in der Ökonomie im Schuldenproblem: vgl. Hegels Satz über den Zusammenhang des bürgerlichen Reichtums mit der Armut).
    Hängt diese Bedeutung des Raumes mit dem trinitarischen Zeugungsbegriff (der Vergeistigung der Genealogie) zusammen?
    Der Raum ist das Gattungswesen von Welt und Menschheit. Und die subjektiven Formen der Anschauung sind die anonymisierten Repräsentanten der Gesellschaft im eigenen Innern.
    If the future will be like the past: Die Frage, ob Erkenntnisse, die anhand der Vergangenheit gewonnen werden, sich auf die Zukunft übertragen lassen, hat im Konzept des Inertialsystems ihre instrumentalisierte Antwort („Lösung“) gefunden. D.h. die Zukunft, die wir so begreifen, ist die Zukunft des Futur II, die zukünftige Vergangenheit. Und dieses Futur II ist die Grundlage des hypostasierenden Denkens, der transzendentalen Logik und der synthetischen Urteile apriori: der Urteilsform. Es verstrickt sich ins Herrendenken, schließt den Schöpfungsgedanken aus (der dann im Rahmen der domestizierten Theologie als creatio ex nihilo dem kapitalistischen Bewußtsein sich einverleiben und zugleich unschädlich machen läßt; er setzt dann die Grenze zwischen Barbaren und Wilden, als Reflexionsgestalten der Zivilisation).
    Zusammenhang mit der Selbstverblendung des Kapitalismus, an der alle partizipieren: Rekonstruktion des blinden Flecks im Zentrum dieses Systems? (Apokalyptische Vorstellungen Reagans, Bushs „Neue Weltordnung“; Grenada, Irak, Lybien; Problem Israel)
    Erst wenn wir das Problem des Gravitationsgesetzes lösen, stürzt Babylon.
    Christentum heißt auch: Unsere Zukunft liegt in der Vergangenheit. Und das etablierte Christentum hat alles getan, um die Vergangenheit des Vergangenen zu stabilisieren (sich der Auferstehung in den Weg zu stellen). Darauf bezieht sich die Geschichte von den drei Verleugnungen (Warten auf den Hahnenschrei).
    Derrida ist der Drewermann der Philosophie.

  • 11.04.92

    Das Bild ist Modell und Ursprung des Objekts; Ursprung und Modell des Bildes ist das Opfer, das Bild das Gedächtnis oder Ersatz des Opfers. Das Bild ist aber ebensosehr der Quellpunkt der Schrift, des prädikativen Denkens, des Logos und der Welt. Und der Gott und das Opfer sind Modell der Beziehung von Welt und Natur.
    Das Opfer und das Ding hängen über die Exkulpationsautomatik zusammen (gegenüber einem Ding kann ich nicht schuldig werden: Verdinglichung als Schutz vor dem schlechten Gewissen, Schutz vor der Gottesfurcht).
    Der Untergang der Welt und die Erneuerung des Antlitzes der Erde: das ist ein Vorgang.
    Hat nicht die Fortpflanzung des Lichts (Modell der Selbstausbreitung des homogenen, isotropen Raumes) tatsächlich etwas mit der Fortpflanzung, der Zeugung (und diese Zeugung etwas mit dem Zeugnis, den Bedingungen der Anerkennung der Zeugenschaft (Geschlecht und Anzahl der Zeugen): der Raum ist der Zeuge der Naturwissenschaft, aber das perfekte falsche Zeugnis wider den Nächsten), zu tun? Und ist der Frühling so etwas wie ein Orgasmus der Natur? Was bedeuten dann die Insekten und die Vögel? Sind die Vögel nicht akustische Blüten (und die Insekten Bastarde aus Raum und Licht (vgl. Belzebul, den Herrn der Fliegen)?
    Das organische Leben unterliegt der Dialektik von Innen und Außen und der Prävalenz des Außen. Durch die Geldwirtschaft wurde diese Dialektik auf die Evolution des Kapitalismus übertragen. Der Darwinismus verdankt sich der projektiven Übertragung dieser gesellschaftlichen Evolution auf die Natur. Frage: Welche Stellung haben die Blumen, die Insekten, die Bäume, die Vögel, die Säugetiere und die großen Seeungeheuer (Behemot und Leviatan) in der Evolutionsgeschichte des Kapitalismus?
    Bei den Tieren drückt sich das Verhältnis von Im Angesicht und Hinter dem Rücken im Angriffs- und Fluchtverhalten aus, in der organischen Selbstinstrumentalisierung der Arten und Gattungen (in den Hörnern, dem Gebiß, den Klauen und Pfoten, den galoppierenden Hufen). Und wie sieht es aus mit dem Charakter von Behemot und Leviatan? Und mit der Schlange: als reine Selbstinstrumentalisierung der „Klugheit“? Hier ist – wie bei den Tieren überhaupt – die Instrumentalisierung durch Gattung und Art vorgegeben (von der organischen Ausstattung bis hin zum Verhalten: wie hängen beide zusammen?). Das einzelne Tier ist für seinen Charakter (seine organische und Verhaltens-Ausstattung) nicht verantwortlich, reiner Ausdruck des Schuldzusammenhangs der Welt. Der Mensch hingegen ist für seinen Charakter und für sein Gesicht verantwortlich. Er muß die Selbstinstrumentalisierung selbst arrangieren, wobei ihm die Gesellschaft (in der Gesamtheit ihrer Institutionen) die Mittel an die Hand gibt, die diese Selbstinstrumentalisierung zumindest erleichtern, in der Regel bewußtlos durchsetzen.
    Die Musik mißt die Distanz zwischen der nominalistisch depotenzierten Sprache und dem Schuldgrund, auf den sie zurückzubeziehen ist. Die Kunst federt die Brutalität des Aufklärungsprozesses ab und ermißt sie zugleich, sie verleiht dem Leiden die Sprache vor der Sprache. Die Konstellation von Technik, Material und Ausdruck in Musik und Malerei ist das Medium dieser seismographischen Wahrnehmung.
    Das Osterlachen scheint mir (in Publik-Forum) völlig falsch interpretiert zu sein. Das exhibitionistische Element als Anlaß des Lachens verweist auf die Soziologie des Witzes, nur daß hier – wie beim Clown – Erzähler und Objekt des Witzes eins sind. Das Osterlachen ist tieftraurig und blasphemisch zugleich, die umgekippte Osterfreude.
    Die gesamte Geschichte der europäischen Aufklärung steht unter dem Zeichen des Gerichts.
    Wittfogel, Franz Borkenau und Alfred Sohn-Rethel: An den Rändern der Frankfurter Schule scheinen die Versuche mißlungen zu sein, an das offene Problem der Frankfurter Schule sich heranzutasten. Die realen Ursachen dieser Probleme werden vielleicht am ehesten sichtbar an dem konspirativen Element im Ursprung der Theorie Sohn-Rethels. Lösbar ist das Problem erst geworden durch Einstein.
    „Das Christentum als Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“
    Die Gebote des Dekalogs sind strikte Gebote, keine durch Sanktionen abzusichernde Gesetze. Das unterscheidet sie von Rechtsgründungen der Hamurabi, Solon u.a.
    Aufschlußreich (für das Verhältnis von Wirtschaftsmacht und Recht) ein Fall, der heute in der Rundschau geschildert wird: Ein Großunternehmen verklagt einen öffentlichen Kritiker (Leserbriefschreiber) und setzt die Schadensersatzforderung und den Streitwert so hoch, daß die Rechtsschutzversicherungen andere Beteiligte (u.a. das Publikationsorgan, das den Leserbrief veröffentlicht hatte) zwingen, die Klage zurückzuziehen. (Der Kritiker selbst hält durch und gewinnt den Rechtsstreit.) Wie lange gibt es angesichts der jedem Vergleich spottenden Unterschiede der ökonomischen Potenz für einen privaten Beteiligten überhaupt noch eine Möglichkeit, gegen einen potenten Kläger sein Recht zu bekommen? Es ist offensichtlich ein Leichtes, einen etwa bestehenden Rechtsschutz auf legale Weise auszuhebeln. Ist es nicht längst so, daß „Rechtspersonen“ Vorrechte vor realen Personen haben (und die Gleichheit vor dem Gesetz längst zur Makulatur geworden ist: Rückkehr des Naturzustandes, Undomestizierbarkeit der in Privathand angewachsenen ökonomischen Gewalt)?

  • 10.04.92

    In seiner Antisemitismus-Studie übersieht Heinsohn offensichtlich, welche Bedeutung diese gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen, die die Entstehung der Hochkulturen begleiten, für die Geschichte des Bewußtseins haben; hier rächt es sich, daß er beispielsweise den Ursprung der Schrift und die Entwicklung der Sprachen aus seinen Überlegungen ausschließt. Die Darstellung der „Reaktionen der Betroffenen“ auf die „kosmischen Katastrophen“ (S. 31) behandelt diese Reaktionen so, als könnten sie sich auch heute – nach der Ausbildung des Welt- und Naturbegriffs – so abgespielt haben. Daß es eine Geschichte des Bewußtseins gibt, die mit der der Sprachen aufs engste verknüpft ist, scheint außerhalb seines Gesichtskreises zu liegen. Daß es sich hier um vorödipale Zeiten handelt, daß die Bewußtseinsidentität noch nicht vorausgesetzt werden darf, daß das Bewußtsein erst mühsam beginnt, sich aus den mythischen Zwängen zu befreien und welche Rolle dabei die Struktur der Sprachen und die Entwicklung der Schrift, der Ursprung des Privateigentums und des Geldes, die Entstehung des Rechts, aber auch die Institutionen der Religion und der embryonalen politischen Strukturen, insbesondere die Institution des Königtums, spielen, scheint ihn nicht zu interessieren. Daß z.B. erst in den indogermanischen Sprachen über die grammatischen Innovationen, insbesondere die Futurbildungen als Voraussetzung des objektiverenden, hypostasierenden Denkens, ein Weltbewußtsein sich bildet, dessen Vorläufer Mythos, Idolatrie und Opfer sind, die dann – paradigmatisch in der griechischen Philosophie und in deren Konsequenz in der christlichen Theologie – durch Verinnerlichung (durch den ödipalen Prozeß hindurch) zur Grundlage des zivilisatorischen Bewußtseins werden, entgeht ihm. In diesem Zusammenhang – und jedenfalls nicht nur in dem des Interesses an der Voraussage von Naturkatastrophen (vgl. S. 43) – wäre z.B. das Orakelwesen (das in Griechenland ganz erheblich zur Durchbildung der Sprache und zur Entstehung der Philosophie beigetragen hat) zu diskutieren. Velikovsky und seine Adepten lösen keine Rätsel, sondern schürzen neue (oder genauer: machen sie kenntlich). Die monokausale Ableitung des Neuen aus Naturkatastrophen verkennt, daß es auch gesellschaftliche Naturkatastrophen (zu denen Heinsohn selber mit seiner Geldentstehungstheorie entscheidende Hinweise gegeben hat) gibt; und hier scheint mir, stellt sich ernsthaft die Frage: handelt es sich bei dem Zusammentreffen kosmischer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen (die formal dem Leibnizschen Begriff der prästabilisierten Harmonie zu entsprechen scheinen) um reinen Zufall, oder gibt es dazwischen auch vermittelnde Agentien?
    Wurden die Götter nach Einführung des Privateigentums durch die Statuen um ihre Opfer betrogen (vgl. Heinsohn, Antisemitismus, S.47)?
    S. 54: Keine „wissenschaftlich begründete Religionsüberwindung“, sondern eine prophetische. Der Unterschied ist bestimmbar.
    Im VIII. Kap., S. 72ff, führt Heinsohn den Antisemitismus allein auf seine theologischen Ursprünge zurück, ohne den Zusammenhang dieser Theologie mit dem Ursprung des Säkularisationsprozesses und des modernen Weltbegriffs zu begreifen. Aber hier wird es erst interessant. Washalb war beispielsweise der real existierende Sozialismus, insbesondere der Stalinismus, antisemitisch?
    Es ist schon ein wenig irrsinnig, wie sich bei Heinsohn die Dinge zu einem System zusammenschließen: Die Naturkatastrophen-Theorie ist nur zu halten, wenn er die Befreiung vom Opfer im Atheismus terminieren läßt und diesen Atheismus in Widerspruch setzt zu den altorientalischen, heidnischen Hebräern, verbunden mit der These, daß erst das (erneut opfertheologische) Christentum monotheistisch geworden sei; so wie er auch schon in seiner Geldtheorie das gesellschaftskritische Element herausoperiert hat, so muß er hier den damit notwendig verbundenen szientifischen Antisemitismus der Wellhausen et al. mit rezipieren, und ihn dann in den Sack reinstecken, den er „Hebräer“ nennt. Zugleich muß er den „Juden“ die Schöpfungsidee nehmen, die doch die Prophetie, der die Absage ans Opfer sich verdankt, erst ermöglichte. Und seiner Geldtheorie das erkenntnis- und gesellschaftskritische Element, das zwangsläufig aus seinem Schuldknechtschaftskonzept folgt, und damit das Moment der Barmherzigkeit nehmen, dem doch die Absage ans Opfer sich verdankt. Zusammen damit muß er die Juden in die Nähe der Philosophen rücken (mit Hilfe des einen Theophrast-Zitats): das aber geht nur, indem er den Juden in ihrer eigenen hebräischen Vergangenheit das Barbaren-Äquivalent verschafft. Das Problem bleibt unlösbar, solange Heinsohn das im Begriff des Begriffs (und schließlich in dem der Welt) säkularisierte und zugleich verdrängte Exkulpations- (und Opfer-) Konzept nicht durchschaut. Inzwischen geht der Verdrängungsapparat, der dem Universums-Konzept zugrundeliegt, zu Bruch.
    Der Weltbegriff konstituiert sich auf zwei Ebenen:
    a. auf der des Ursprungs und der Stabilisierung des Begriffs (des Referenzsystems der Philosophie), und
    b. auf der Ebene und im Rahmen der Stabilisierung der Produktions- und Austauschverhältnisse, des Ursprungs des Marktes, d.h. zusammen mit dem Ursprung des Rechtssystems, das das Privateigentum ermöglicht und garantiert.
    Ebenso wie die Philosophie ist der Weltbegriff vom Ursprung, vom Bestehen und von der Geschichte des Privateigentums nicht zu trennen. Hinsichtlich eines jeden Sozialismus-Konzepts wäre festzuhalten: Vergesellschaftung ist ein „naturwüchsiger“ Prozeß und durch Verstaatlichung nicht zu humanisieren. Auch das staatliche Eigentum ist Privateigentum, wobei der Staat aus leicht durchschaubaren Gründen der dümmste (und der gemeinste) Privateigentümer ist.
    Wodurch unterscheidet sich Moses von Hammurabi und Solon?
    Gegen Adorno: Nicht das Eingedenken der Natur, sondern das der Ursprünge wäre als Ziel der Philosophie zu bestimmen. Von Adorno zu Habermas ist es in der Tat nur ein kleiner Schritt, aber einer in die falsche Richtung. Das Konzept des Eingedenkens der Natur ist Adornos säkularisierte Theologie.
    Was bedeutet der Raum für das geschichtliche Eingedenken, für die Erinnerungsarbeit?
    Zur biblischen Zoologie: Wie ist das mit den Schafen und Wölfen und Schlangen und Tauben?
    Der neutestamentliche Begriff der Sünde der Welt bezeichnet das Konzentrat der Ursprungsgeschichte der Welt in Idolatrie, Sternendienst und Opferwesen. Auch das Menschenopfer steckt in den Fundamenten unseres Weltbegriffs. Daran erinnert der Kreuzestod (Problem der Ursprungsgeschichte der subjektiven Form der äußeren Anschauung: welches ungeheuerliche Problem hat Kant in diesem Begriff stillgestellt?).
    Einige Bemerkungen zum Problem einer christlichen Theologie nach Auschwitz.
    Der moderne Naturbegriff ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff.
    Begriff und Institution der Diktatur hängt mit der Funktion des Prädikats im Urteil und mit der der Predigt im Christentum zusammen.
    Bekenntnis und Dogma stammen aus der Sphäre des Rechts, oder sind Reflexionsbegriffe von Rechtsbegriffen.
    Es gibt eingreifende Bedenken gegen die Vorstellung der Möglichkeit, das Recht mit den Mitteln des Rechts zu humanisieren. Vgl. den Zerfallsprozeß des Rechts im Gefolge der beiden Weltkriege, die Systemwidrigkeiten, die nicht mehr zu übersehen sind (fehlender Friedensvertrag, Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Delikte, Verdrängung des Gemeinheitsproblems, Fortleben des „gesunden Rechtsempfindens“, d.h. des Rachemotivs im Rechtsstaat, Frage der Gewalt: Gewaltmonopol und Kampf gegen die Privatisierung der Gewalt; kann es sein, daß die Kritik an Carl Schmitt ihr Ziel erst erreicht, wenn sie das Recht selber trifft, dessen ungeheuerliche Systemlogik Carl Schmitt nur ausgesprochen hat – vgl. Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ und die Bemerkungen von Jaques Derrida dazu).

  • 09.04.92

    Wasser: das flüssige, unbestimmbare, objektlose Element (oder das reine Objekt), ein Objekt aus reiner, dingloser Eigenschaft.
    Das Benennen gibt es nur zusammen mit dem Scheiden, wobei das eine Mal das Getrennte, das Geschiedene benannt wird: Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht, während das andere Mal das Instrument der Scheidung benannt: Gott machte eine Feste zur Scheidung der Wasser oberhalb der Feste von dem Wasser unterhalb der Feste, und Gott nannte die Feste Himmel. Das Wasser ist demnach das Nicht-Benannte, vielleicht Unbenennbare, das Element, in dem das Ungleichnamige gleichnamig gemacht werden kann, nur unterschieden nach oben und unten.
    Das Wasser ist das reine Schwere, das Maß des Gewichtes.
    Naturgrund von Herrschaft: Kann es sein, daß es gesellschaftliche Prozesse (gesellschaftliche Gesteinsverschiebungen) gibt, die an den Grund der Natur rühren?
    Wo ist die Stelle: Wenn sie schweigen würden, würden die Steine schreien?
    Ist nicht die Israel-Theologie (Marquardt u.a.) selber in Gefahr, zu einem Teil des Schuldverschubsystems zu werden? Und zwar durch den Versuch, am Privileg des Opfers teilzuhaben? Denn genau das ist uns als Deutschen und als Christen (als Tätern) untersagt. Wird nicht die Israel-Theologie so zu einem Teil der gleichen Exkulpations-Magie, die in die Katastrophe geführt hat? Oder ist die Israel-Theologie ein unmöglicher Versuch, der Wiedergutmachungspolitik gleichsam theologischen Rang zu verleihen, der ihr nicht zusteht (ohne daß dadurch ihre Notwendigkeit berührt würde). Das reale Votum für Israel ist sehr viel pragmatischer zu begründen (durch unsere Verstrickung in den Schuldzusammenhang, aus dem diese Situation entstanden ist). Nach dem, was wir getan haben, haben wir keine andere Möglichkeit.
    Das pragmatische Votum für Israel ist das Eine, das Andere aber wäre das, was Franz Rosenzweig einmal mit seiner Übersetzung der Schriftstelle „Zeit ist’s …“ ausgedrückt hat. Die Existenz Israels und die Gefahr der „Zernichtung der Lehre“ hängen möglicherweise zusammen, aber das kann nicht Gegenstand theologischer Spekulation sein.
    Man kann den Vorgang, dessen Zeitgenossen wir heute sind, als einen der Entgründung der Erde beschreiben: Eines seiner auffälligen Produkte ist der Zerfall des argumentativen Denkens, der Kraft der Begründung. Das rührt ans Antlitz der Erde, die Gott „gegründet“ hat (als er den Himmel „aufspannte“). Von dieser „gründenden“ Kraft ist, wie es scheint, nur der Abgrund übriggeblieben, als der die Welt sich manifestiert. Der Zerfall des argumentativen Denkens ist selber begründet in der Gewalt des logischen Zerfalls des Weltbegriffs. Diese entgründende Gewalt des Weltbegriffs produziert die Bekenntnissucht, den Grund der Exkulpationsmagie. Nicht Rechtfertigung, sondern Gerechtmachung; und wenn das heute aussichtslos ist, so drückt sich in diesem Sachverhalt präzise der Grund dessen aus, was in der Schrift Gottesfurcht heißt.
    Rationalität selber gründet heute in einer Beziehung zur Schuld, die auf den Komfort der Rechtfertigung verzichtet. Hoffnung drückt sich nur noch in den beiden Petrus-Stellen aus: in dem „er weinte bitterlich“ nach der dritten Leugnung und in der Übertragung der Vollmacht zu binden und zu lösen.
    Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern Befreite, ist die einzige, die die Grenze überschritten hat.
    Wie hängt der Bekenntnisbegriff mit der Verfälschung des achten Gebots zusammen? Ist nicht das formalisierte Bekenntnis, die Confessio, die tiefste Verletzung des achten Gebots?
    Die Unmöglichkeit der Hexen, gegenüber der Inquisition ihre Unschuld zu beweisen, entspricht der Etablierung des Trägheitsbegriffs in den Naturwissenschaften.
    Theologie heute ist vergleichbar der Archäologie: Unter den Trümmern der Geschichte die Hoffnungen der Toten wiedererwecken.
    Es hilft kein Hinausreden auf die Natur mehr: Wir selbst sind für unsern Charakter und für unser Gesicht verantwortlich. Ob wir dieser Verantwortung gerecht werden können, ist eine andere Frage.
    Zum Naturbegriff: Er enthält ein Stück säkularisierte Christologie. Die Natur nimmt die „Sünde der Welt“ auf sich, sie ist das vergöttlichte Opfer, sie spricht uns frei von Schuld, nimmt uns die Verantwortung ab. Eben damit aber hängt es zusammen, daß der Naturbegriff der christologischen Logik unterliegt, den dogmatischen Christus ersetzt. Ähnlich ist auch der Weltbegriff Produkt der Säkularisation einer theologischen Kategorie (so erscheint er dann auch bei Hegel), nämlich der des Gerichts. Durch Anpassung an die Welt werden wir zu Richtern über andere, das ist ihr „zivilisatorischer“ Effekt: die verworfenste Gestalt der Säkularisation. Hier ist der Punkt, an dem sich aufs genaueste zeigen läßt, was es mit dem Wort des Täufers „Sehet das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“ auf sich hat. Und es ist gerade jener exkulpationsmagische Teil der theologischen Tradition des Christentums (jener Teil, aus dem der Bewußtseinskomfort sich herleitet, den wir nicht mehr missen möchten, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht), der in diese Verworfenheit hineinführt. Die Heideggersche Philosophie ist der genaueste Ausdruck dieser Verworfenheit.
    Jedes Urteil hat durch die Kopula Anteil an der „verandernden Kraft des Seins“ (Rosenzweig).
    Schelers Rangordnung der Werte ist gleichsam Produkt einer fleischfressenden Philosophie, einer Philosophie, die am Opfer festhält und es zugleich verdrängt. Daher rührte die Nähe Schelers zum Katholizismus. Auch bei Heidegger sind die katholischen Ursprünge unverkennbar. Nur daß bei ihm der Grund der Verworfenheit als bewußtlose Selbstverfluchung dann erscheint. Es ist die Selbstverfluchung, die von der dritten Leugnung nicht zu trennen ist. Und darin liegt die besondere Bedeutung der französischen Heidegger-Rezeption: es ist die des gallischen Hahns (vgl. hierzu das geradzu prophetische Wort Heines).
    Wertphilosophie und Fundamentalontologie sind die Indizes der beiden Weltkriege, der Phasen der Selbstzerstörung der Welt. Wir leben in dem Trümmerfeld, das sie hinterlassen haben.
    Man wird davor warnen müssen, den Antisemitismus als eine Gesinnungsfrage zu behandeln. Es ist eine Strukturfrage, provozierend ausgedrückt: eine Frage der Logik. Kriterium ist die Fähigkeit der Reflexion der „Schuld der Welt“.
    Sind nicht in der Tat die Farben die Widerlegung der Vorstellung des unendlichen Raumes (und die letzte Erinnerung an die Lehre von der Auferstehung der Toten)? Farben als Taten und Leiden des Lichts: Es gibt morgendliche und abendliche Farben (Licht über Finsternis, Finsternis über Licht: Gelb und Blau). Und es gibt die Mischung dieser Farben (Grün) und die Konträrfarbe dazu (Rot, die Farbe des Gerichts, der Linken; das Blut, das zum Himmel schreit).
    Man muß einmal bemerkt haben, welche Katastrophen es auslösen kann, wenn Kinder erfahren, daß hinter ihrem Rücken über sie gerdet worden ist.
    Kephas, Petrus: Was ist hebräisch, griechisch oder Latein? – Haben Kephas und Kaiphas etwas miteinander zu tun?

  • 06.04.92

    Der Zusammenhang von Im Angesicht und Hinter dem Rücken hat zu tun mit dem von Bewußtsein und Verdrängung, nur daß er im Begriff des Angesichts nicht psychologisch, sondern als Objektives gefaßt wird.
    Obelisk und Pyramide: Potenz und Totenkult?
    Konnte Jesus überhaupt die zukünftige Schuld (unsere Schuld) schon auf sich nehmen, geschweige denn „hinwegnehmen“; d.h. ist die Geschichte im Rahmen einer Opfertheologie (Sühneleiden für zukünftige Schuld) überhaupt zu fassen? Die Opfertheologie ist die weltliche (kosmologische) Interpretation der Übernahme der Sünde der Welt als eines vergangenen Ereignisses, die aber eben damit bewußtlos das kapitalistische Konzept antizipiert und den Bezugsrahmen herstellt für die kapitalistische Gestalt der inneren und äußeren Naturbeherrschung.
    Daß der Begriff der Welt in den historischen Prozeß verflochten ist, ist selber erst ein Resultat dieses historischen Prozesses und erscheint nicht zufällig zum ersten Mal bei Hegel.
    Heute ist vom Christentum allein die Exkulpationsmagie übrig geblieben. Nur sie bindet die „Gläubigen“ noch an diese Religion.
    Sapientia, sapere: Beziehung zur Scham; Fähigkeit, das Von außen gesehen Werden zu reflektieren (die Sünde der Welt auf sich zu nehmen). Diese Reflexion ist die Bedingung der Weisheit und des Erlernens des Schmeckens.
    „Laßt die Toten ihre Toten begraben“: Ich glaube, mit dieser Begründung könnte man aus der Kirche austreten.
    Ist der Freudsche Mythos von der Tötung des Urvaters nicht das genaueste Modell des christlichen Ursprungs des Antisemitismus, der Entstehung des Urschismas.
    Definition: Die Welt ist der Abgrund, der die Menschen von sich selber, von einander und von Gott trennt. Vgl. Ludwig Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist.
    Kruzifix und Auschwitz: Beides unterliegt dem Bilderverbot; erst die Einhaltung des Bilderverbots, macht den Weg frei für die reale Erinnerung (sprengt die Vorstellung einer homogenen Zeit, während die Opfertheologie diese Vorstellung einer homogenen Zeit voraussetzt und stabilisiert; die Opfertheologie ist ein Teil der Anpassung an die Welt, sie hat den Weltbegriff als Referenzsystem und Maß; die Versöhnung, die sie zu leisten vorgibt, ist Schein, Ersatz für die verdrängte Übernahme der Sünde der Welt).
    Metaphorik ist die Quelle, aus der sprachliches Denken sich nährt. Der Kampf gegen die Metaphorik, der Zwang zum direkten begrifflichen Zugriff, zerstört die Sprache, kreuzigt des Logos.
    Wenn die Beziehung von Innen und Außen eine Bedeutung hat, dann nur unter dem Aspekt von Rechts und Links: Links (das Richten) nach innen, Rechts (die Barmherzigkeit) nach außen. Das steht hinter dem Wort vom Balken und vom Splitter (während heute in der Folge einer schlimmen christlichen Tradition alle nur barmherzig gegen sich selbst, aber streng gegen die Andern sind, das Gut-Sein verdrängen).
    Bei der Übernahme der Sünde der Welt kann und soll nicht geleugnet werden, daß es gegenständliche Schuldzentren in der Welt (die Welt selber als gegenständliches Schuldzentrum) gibt. Nur darf dabei nicht vergessen werden, daß man selber zu ihren Urhebern gehört, sich nicht davon freisprechen kann.
    Jede Überwindung ist nur eine Metamorphose; die Vorstellung, das es wirklich überwunden sei, hängt mit der anderen zusammen, daß es tot und vergangen sei, und uns das Tote und Vergangene nicht mehr interessiert: die beste Garantie dafür, daß es weiterlebt.
    Das verlorene Antlitz der Erde: Nach der „Heiligung der Welt“ jetzt die „Bewahrung der Schöpfung“? Ist nicht beides falsch?
    Wenn die Schlange klüger war als die anderen Tiere des Feldes: heißt das nicht auch, daß die Tiere des Feldes auch klug sind? Liegt die Differenz nicht doch nur in der fehlenden (oder, worauf das Fell hinzudeuten scheint: nicht mehr reflektierbaren) Scham, in der fehlenden Fähigkeit, sich im Blick der anderen zu sehen?

  • 03.04.92

    Es hat Zeiten gegeben, in denen Eltern ihre Kinder und Könige ihre Untertanen in der dritten Person Singular anredeten. Umgekehrt durften die Untertanen den König nur in der dritten Person Plural ansprechen (ähnlich die Kinder ihre Eltern). Diese Anrede in der dritten Person Plural ist im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft mit vergesellschaftet worden. Steckt in dieser Kollektiv-Anrede nicht die (durch die Institution des Königs vermittelte, dann im Christentum institutionalisierte) Anerkennung der Welt (als Kollektivsubjekt aller objektiven Urteile).
    Im Englischen ist es das wechselseitige „you“, die zweite Person, die sowohl im Singular wie im Plural verwandt wird. Hängt das Kollektiv-Du mit dem englischen Empirismus zusammen?
    Was ist der Unterschied zwischen Kollege, Kamerad und Genosse?
    Das katholische pokerface, diese harten, verschlagenen Gesichter, Produkt eines Religionsverständnisses, das nicht mehr die Schuld auflöst, sondern nur noch das Schuldbewußtsein wegnimmt und deshalb der Reue, der Umkehr nicht mehr bedarf, sie – mehr noch – diskriminiert. Wer büßt, der muß es schlimm getrieben haben. Und Umkehr wird nur noch als Eingeständnis der Schuld verstanden (anders hätte es der Umkehr nicht bedurft), das aber darf um keinen Preis laut werden (Ursprung der Apologetik, mit deren Hilfe immer schon die schlimmsten Untaten gerechtfertigt, und d.h. im Nachhinein begründet wurden).
    Die subjektive Form der Anschauung ist
    – der Angelpunkt, um den sich die Welt dreht,
    – das firmamentum, das die Wasser über und unter dem Firmament scheidet,
    – der Balken, durch dessen Optik hindurch die Splitterforschung betrieben wird.
    Das Poe’sche Bild vom Maelstrom, das Adorno in seinem Kierkegaard-Buch zitiert, realisiert sich im Hegelschen Absoluten (Inbegriff und Modell der Isolationshaft des Denkens).
    Philosophie in Erfahrung übersetzen bedeutet heute insbesondere: endlich den Geburtsfehler der Philosophie begreifen. Die Philosophie ist der Balken im eigenen Auge.
    Vom Splitter und vom Balken: Der Balken, ist das der Baum der Erkenntnis?
    Die Person ist als Objekt, was die Persönlichkeit als Subjekt ist.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt von der anderen Seite her an den Begriff der Materie. Es bezeichnet gleichsam dessen Innenseite und macht damit die Naturwissenschaft zur Schale, die zu knacken ist, wenn man an den Kern herankommen will.
    Ist der (christologisch bestimmte) Naturbegriff der (gordische) Knoten, den Alexander bloß durchschlagen hat, und den es jetzt endlich zu lösen gilt?
    Ist der Hahn in der Geschichte der drei Leugnungen eine Metamorphose des über den Wassern brütenden Geistes, der auch vor der Morgendämmerung des ersten Tages erscheint?
    Haben die Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments etwas mit der Gravitation zu tun? Und hat die Feste, die die Wasser scheidet, etwas mit den kantischen subjektiven Formen der Anschauung oder mit dem Inertialsystem zu tun? Steckt nicht in dem kantischen Wort von dem erhabenen Sternenhimmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir ein Hinweis auf diese Feste?
    Haben die Wolken des Himmels etwas mit den Wassern oberhalb des Firmaments zu tun?
    Der Balken im eigenen Auge wächst mit der Anpassung an die Welt: Die Welt ist alles, was der Fall ist; d.h. die Welt ist der Abgrund, der die Menschen voneinander trennt, und dem sie in dem Maße verfallen, in dem sie selber der Welt sich anpassen.
    Der descensus ad inferos hat mit der Lösung des Drachens am Ende des Millenariums zu tun (Signatur dieser Epoche).
    Der Unterschied zwischen Genitiv und Dativ ist bei „trotz“ und „wegen“ der Unterschied ums Ganze. (Nach der Duden-Grammatik, Nr. 641, ist der Dativ in der Regel veraltet, regional oder umgangsprachlich: Es wäre nun doch wohl an der Zeit, endlich einmal den Geist der Duden-Grammatik zu bestimmen.)
    Babylon, genauer Ur in Chaldäa (die Schuldknechtschaft), ist der Ursprung der Hebräer, Ägypten (das Sklavenhaus) ihr natürliches (unerlöstes) Telos.

  • 01.04.92

    Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: Grund des Selbstmitleids (Symbol des Kelches, Getsemane, unbekehrtes Christentum); der verandernden Kraft des Seins: das Eine ist das Andere des Anderen. Unvermeidbarkeit unter den Bedingungen des Nominalismus (der Vorstellung des unendlichen Raumes). Erste reale Anwendung: das newtonsche Gravitationsgesetz. Verhexung Gottes, der Natur und der Menschen. Anwendung auf die Naturphilosophie: erstes Opfer das Licht, das einzige direkt durchs Wort Geschaffene?
    Erkennbar ist die Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen im Kontext von Schuld, Verdacht und Empörung (und hier liegt zugleich der Grund der Mathematik). Indiz für den Stand der Dinge sind die Erkenntnisse von Marx und Freud, die als Wissenschaften des Verdachts seit je Empörung provoziert und auf sich gezogen haben (Beweis des flüssigen Charakters der Schuld).
    Modell der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: die Abtreibungsdebatte (Beispiel für das Verfahren der Verschiebung und Projektion: Zusammenhang mit der Raumvorstellung).
    Die praktische Bedeutung der Marxschen und Freudschen Theorien (proletarische Revolution und Psychoanalyse als Therapie) ist sicherlich zu Recht umstritten, nicht aber die theoretische Bedeutung, ihre originäre Beziehung zur „Sünde der Welt „; und praktische Bedeutung hat weiterhin der Umgang mit diesen Theorien: ihre Abwehr führt genau in jenen Bereich (der Schuld) herein, der von ihrer Kritik getroffen wird.
    Biblische Elementenlehre: Hier sind die „Elemente“ die Buchstaben der Schrift; aber welche Bedeutung haben Erde (und Himmel), Wasser (unter und über dem Firmament), Luft (pneuma, ruach) und Feuer (fire next time)?
    Der Begriff des Volkes bezeichnet die Schicksalsgemeinschaft, der der Nation die Sprach-Gemeinschaft (unterm Gesetz des Inertialsystems die „Rasse“-Gemeinschaft: Grund in der Trinitätslehre nach der Verknüpfung von Logos und Zeugung?), oder die Rechtsgemeinschaft (Bund, Vertrag, Verfassung)?
    Num 2420: Amalek war das erste unter den Völkern, doch es endet im Untergang.
    Zum Begriff der Welt vgl. Deut 2849f: Der Herr trägt zum Kampf gegen dich ein Volk aus der Ferne herbei, von den Enden der Erde, das wie ein Adler herabstößt, ein Volk, dessen Sprache du noch nie gehört hast, ein Volk mit unbeweglichem Gesicht, das sich dem Greis nicht zuwendet und für das Kind kein Mitleid zeigt.
    Das Bekenntnis ist die genaue Umkehrung des anklagenden, richtenden Denkens. Beide beziehen sich auf die gleiche Schuld, nur mit dem Unterschied, daß das (objektivierende) anklagende, richtende Denken diese Schuld nach außen projiziert und so sich selber in den Schuldzusammenhang verstrickt, während das Bekenntnis (als Bekenntnis zum messianischen Namen) seinen Anteil an der Auflösung des Schuldzusammenhangs durch die (messianische, parakletische) Übernahme der Sünde der Welt wahrnimmt. Dieses Bekenntnis ist dem anderen genau entgegensetzt: die entfremdete Bekenntnislogik hat das objektivierende, anklagende und richtende Denken zur Voraussetzung. Es ist mit ihm wesensgleich und verhärtet, stabiliert es zugleich. Das wirkliche Bekenntnis konstituiert sich in der Umkehr des entfremdeten als Gottesfurcht.

  • 10.03.92

    Bedeutungswandel des Namens des Himmels im Christentum: Zusammenhang mit dem Namen des Logos und der Übernahme der Sünde der Welt? Konstitutiert sich dieser Himmelsbegriff in der Reflexion des Schuldzusammenhangs? Und wie hängt dieser Himmel mit dem empirischen Himmel (der „Feste“ und der Sternenwelt) zusammen? Ursprung der neuen Himmelsvorstellung in der Apokalypse, Zusammenhang mit der Schöpfungsidee und mit dem Weltbegriff?
    Dankbarkeit und Schuld sind Korrelate der Gnade und des Gerichts: Ist Undankbarkeit Schuld? Und ist erzwungene Dankbarkeit noch Dankbarkeit (Ursprung des Herrschaftsverhältnisses und des Schuldzusammenhangs)? – Anwendung auf das Verhältnis von Genitiv und Dativ.
    Zur Baum-Metaphorik: Unterscheidung des Baumes des Lebens vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Beide sind sprachlicher Natur, wie überhaupt Bäume mit Sprache zu tun zu haben scheinen (Erlaubnis, von den Früchten der Bäume – mit der bekannten Ausnahme – zu essen). Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen scheint die durch die Urteilsform geprägte und präjudizierte Sprache, die begriffliche Sprache, zu symbolisieren, der Baum des Lebens die Ausdruckssprache, die metaphorische, die Namenssprache (die Sprache, die ihre Wurzeln in ihrer benennenden Kraft hat, und in deren Krone die Vögel des Himmels nisten).
    Hat der Rhizynus-Strauch im Buch Jona etwas mit dem Senf-Strauch im Gleichnis Jesu tun? Auf diesen Strauch bezieht sich der Dialog, in dem am Ende Gott auf die 120000 Menschen, die rechts und links nicht unterscheiden können, und auf soviel Vieh verweist.
    Welche Bäume gibt es in der Schrift (Ölbaume, Weinbäume, Eichen, Zedern)? Nach der Kabbalah gibt es sieben Baumarten (Zusammenhang mit Schöpfung und Apokalypse, Astrologie).
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Hier ist der Ursprung des Weltbegriffs, die reinste Beschreibung des Falls, und zwar sowohl als Vorgang, als Prozeß, als auch der Bahn, auf der dieser Vorgang verläuft.
    Die Zeitdilatation ist richtungsabhängig und nicht unmittelbar auf den ganzen Raum bezogen. Bedeutung für die Frage der Chronologie, der Umkehr, der sieben unreinen Geister, der Schöpfung und Apokalypse?
    Das „Seid klug wie die Schlangen“ (griechische Tradition) ist leicht im Verhältnis zu dem „arglos wie die Tauben“ (jüdische Tradition).
    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“: Hängt das mit der Umkehr und den sieben unreinen Geistern zusammen (vgl. auch die sieben Werke der Barmherzigkeit bei Matthäus)?
    Die Hebräer haben im Sklavenhaus Ägypten Ziegel gebrannt: wurden die Pyramiden mit Ziegeln oder mit Quadersteinen erbaut; war der Ziegelbau nicht eine Spezialität in Mesopotamien?
    Das christliche Dogma blockiert die Sprache und den Dialog auf ähnliche Weise wie das Rechtbehaltenwollen bei (nicht nachprüfbaren) Zukunftsaussagen (negative Prognosen).
    Parakletisches oder messianisches Denken vermag nicht die Schöpfung zu rekonstruieren, den Schöpfungsprozeß nachzuvollziehen, aber es reicht heran an den Ursprung des Sündenfalls (an den Grund der Sünde der Welt).
    „Ich bin das Licht der Welt“: Das Licht macht die Welt nicht durchsichtig, aber hell, und das ist möglich nur im Kontext der Auf-sich-Nahme der Sünde der Welt.

  • 08.03.92

    Die Geschichte der Banken als Geschichte der Rationalisierung und Instrumentalisierung von Schuld, als Grund der Herrschaftsgeschichte (die gnoseologische Funktion der Banken).
    Wird „Staub“ bei der Schlange und bei Adam (bei der Verfluchung nach dem Sündenfall) durch das gleiche Wort bezeichnet? Ist Staub das Produkt und das Medium des Falls?
    Bezeichnen Eigenschaft, Qualität und Ausdruck den gleichen Sachverhalt?
    Der immer noch unbegriffene Entwicklungsschub in diesem Jahrhundert (und seine seismographische Wahrnehmung im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts), die Katastrophen dieses Jahrhunderts (die beiden Weltkriege sowie die technologischen Anpassungsversuche an den Entwicklungsschub in Faschismus und Sozialismus): Besteht nicht die Gefahr, nachdem diese Katastrophen bisher nur schicksalshaft hingenommen wurden, daß die nächste Katastrophe die vorausgegangen nur noch übertreffen kann?
    Wenn die Kirche das Gewissen der Welt ist, dann ist die jüdische Tradition seit dem Urschisma das verdrängte und externalisierte Gewissen der Kirche, Indiz und Katalysator der Veräußerlichung des kirchlichen Gewissens (Grund der kirchlichen Judenfeindschaft).
    Gehöre nicht das Buch Jona und das Buch Tobit auf eine verdeckte Weise zusammen? Der Jona im Bauch des großen Fisches, ist das nicht die andere Seite des blinden Tobit?
    Ist nicht das Bild des Kessels (nicht nur bei Jer) mehrfach verbunden mit dem des Nordens (der linken Seite) und mit dem des Dampfdrucks? Und ist dieser Dampfdruck der zu Herrschaftszwecken instrumentalisierte Druck der Schuld? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Dampfdruck, den vier Winden, dem Hauch Gottes, der ruach? – Stichworte: Kessel (Topf), Dampf, Norden, Wind.
    Die Beziehung Hebräer / Barbaren wird mit bestimmt durch die ironische Verdoppelung (Kollektivierung) des ‚br, die den Namen in einen Begriff verwandelt.
    Elemente der Josefsgeschichte:
    – Hebräer / Barbaren,
    – der hebräische Sklave,
    – Potiphars Frau und der Ursprung der Sexualmoral,
    – Schuldknechtschaft, Gefängnis, Traumdeutung (vgl. die Daniel-Geschichte),
    – Erhebung zum Vizekönig (Vorgeschichte der Königsgeschichte), Tempel- und Vorratswirtschaft, Ursprung des Geldes, Geschichte der ursprünglichen Akkumulation, – Vorgeschichte des Hofjuden (Jud Süß-Paradigma),
    – Hebräergeschichte: Ansiedlung als (diskriminierte) Kleinviehnomaden im Land Gosen, Sklaverei, Exodus.
    Zur Königsidee in Israel: Buch der Richter, der Sohn des Jerubbaal und die Jotams-Fabel; Samuel, Saul, David; Saul, David, Salomo; Richter- und Königsgeschichte als Abfallgeschichte; Übergang von der Richter- und Stammengeschichte zur Königs- und Volksgeschichte (Vorspiel Jakob / Israel); Ergänzung der Richtertradition durch die sakramentale Königstradition, Ursprung der Messiasidee. Vorgeschichte des Weltbegriffs, auf den dann (als anders richtende Instanz) die Messiasidee sich bezieht: im Christentum Zusammenhang von Logosidee und Übernahme der Sünde der Welt. Der Messias stammt aus der weltbegründenden Königstradition, die dann umschlägt in die des Weltenrichters.
    Ist auch Ibn Daud ein „Sohn Davids“?
    Zum Bekenntnisbegriff: das Bekenntnis des Namens (homologein) klingt weit eher an den Begriff der Heiligung des Gottesnamens an, und gewinnt da seine Wahrheit, als an den modernen Bekenntnisbegriff. Erst wenn die Bitte um Heiligung des Namens mehr wird als ein frommer Wunsch, bekommt das Programm der Entkonfessionalisierung der Kirchen einen konkreten Inhalt.
    Eine Jogginggruppe: Die Leute nehmen wirklich nichts mehr wahr (und möglicherweise ist das der Zweck des Jogging: die Einübung der Zerstreutheit); obwohl ich schon so nahe wie möglich am Rande des Weges ging, hätten sie mich fast übergelaufen.

  • 04.03.92

    Gegenstand des Buches Hiob ist nicht die Theodizee, sondern die Schöpfungslehre und die Gottesfurcht (Anthropodizee). Die Theodizee, die Vorstellung, daß Gott sich rechtfertigen müsse, ist der genaueste terminus a quo der Umkehr. Die Theodizee gehört wie der ontologische Gottesbeweis zu den Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategien.
    Es wäre eine ebenso interessante wie lohnende Untersuchung, festzustellen, welche Zweifel die Kirche zuläßt und welche sie sanktioniert. Differenzen hinsichtlich der Schöpfung, der Wunder, der Auferstehung lösen keine Konflikte mehr aus, aber die Jungfrauengeburt und die Unfehlbarkeit des Papstes dürfen öffentlich nicht in Frage gestellt werden, weshalb?
    An der Physik hat sich die Kirche die Finger verbrannt, und das gebrannte Kind scheut das Feuer.
    Die Gottesfurcht, die Weltkritik und das Angesicht sind für die Kirche leere Hülsen geworden.
    Es ist die Rolle des Zuschauers, in die die Theologie die Gläubigen versetzt, die dann zwangsläufig die Frage der Rechtfertigung nach sich zieht, die nach dem richtigen Leben aber erstickt.
    Mit der Rezeption der Philosophie hatte die Kirche schon ihren Frieden mit der Welt geschlossen; deshalb ist sie heute unfähig, den Stand der Dinge zu erkennen.
    Der Begriff der Buße klingt heute so sehr nach demütigendem Herrendenken, daß der Ursprung im Begriff der Umkehr nicht mehr erkennbar ist.
    Die Kirche hat mit Petrus und gegen Maria Magdalena die dreifache Leugnung gewählt und die Umkehr ausgeschlagen.
    Kann das „Deus sive natura“ des Spinoza nicht auch bedeuten, daß die im modernen Naturbegriff zum Schweigen gebrachte Theologie die Sprache wiederfinden muß (deshalb Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt). Das Nest der Widersprüche im Naturbegriff löst sich nur zusammen mit der Selbstreflexion des Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie.
    Spürt man in Adornos Philosophie nicht doch einen Hauch von Katholizismus?
    Die Gemeinheitsautomatik (siehe die Stasidiskussion) hat die fatale Eigenschaft, daß sie den Verlierer an den Pranger stellt, während der Gewinner fein heraus ist (Zusammenhang mit dem „pathologisch guten Gewissen“ der Angeklagten in Nazi-Prozessen).
    Die Gemeinheitsautomatik und die Rechtfertigungsmechanismen – das gesamte Schuldverschubsystem – mit Verschiebung und Projektion gründen in der Sprachverwirrung: in der Beziehung des Raumes, der Mathematik, zur Sprache. Erst mit der Herrschaft des Inertialsystems ist das Eine zum Anderen des Anderen geworden.
    Unterscheiden sich Mythos und Offenbarung nicht wie der Naturkreislauf und die Genealogie? Und ist nicht die zentrale Bedeutung der Sexualmoral im Christentum begründet in der Vergeistigung der Genealogie in der Trinitätslehre und der Verinnerlichung des Opfers? Die Kritik der Sexualmoral und die Kritik des verdinglichten Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie, gehören zusammen.
    Zum Traum in der Bibel (bei Joel werden in den letzten Tagen die Greise Träume und die Jünglinge Visionen haben, während die Söhne und Töchter wie auch die Knechte und Mägde weissagen, jedoch nicht die Väter und Mütter, auch nicht die Herren): Sind es nicht in der Regel die Träume der Könige (Nebukadnezar/Daniel; Pharao/Josef), aber auch Josef träumt (er werde König über seine Brüder), auch Jakob und Salomo. Dagegen fällt Adam in Tiefschlaf, als Eva erschaffen wurde, auch Abram (Gen 1512, vgl. auch Hi 413). Außerdem gibt es die prophetische Entrückung (Elias, Ezechiel, Habakuk). Gibt es im NT keine Träume (außer den Träumen Josefs im Zusammenhang mit der Geburt und der Kindheitsgeschichte Jesu, dem Traum des Zacharias bei der Geburt des Johannes, dem Traum der Frau des Pilatus, dem Traum des Paulus vor der Griechenmission, dann in Korinth, in Jerusalem, auf dem Schiff vor Malta, dem Traum des Hananias bei der Bekehrung des Paulus, dem Traum des Kornelius vor dem Auftrag zur Heidenmission an Petrus), nur Besessene und die Austreibung von Dämonen?
    Vgl. Sir 133: Das Traumbild ist ein Spiegel: ein Abbild des Gesichts gegenüber dem Gesicht selbst. – Bezeichnet hier das „Gesicht“ sowohl das reale Gesicht als auch die Vision?
    Sind unsere Theologen nicht wie die blinden Hühner, die auch gelegentlich ein Korn finden, aber kein Hahn darunter?
    Gehört nicht der episcopus zum Anfang jener Geschichte, die mit den Aufsehern endet?

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