9.5.1997

Theologie hinter dem Rücken Gottes: Die Kirche hat seit je die Logik des Hörens mit der des Sehens verwechselt: die Sprache mit dem Raum, das Ewige mit dem Überzeitlichen, den Namen mit dem Begriff. Die Orthodoxie (der in der Philosophie die Idee des Absoluten ent­spricht) ist ein Produkt der Apologetik, des Rechtfertigungszwangs.

Nietzsches Idee der ewigen Wiederkehr ist ein im Absoluten gespiegeltes, entstelltes Deck­bild des Namens.

Der Markt und die Wahlen sind Säkularisate des Weltgerichts.

In den Kosmogonien reflektiert sich die Ursprungsgeschichte des Staates. Deshalb ist das Pantheon auf die Astrologie (die Planetengötter) bezogen.

Bild und Substanz: Die Vorstellung von einem gesellschaftlichen Reichtum, der ein Leben ohne Not für alle ermöglicht, hatte ihren Grund in der Form, in der der Reichtum der Anderen erfahren wird. Der Reichtum der Andern (der Reichtum von außen) unterscheidet sich logisch vom eigenen Reichtum (dem Reichtum von innen) dadurch, daß nur der Reichtum von außen als substantieller Reichtum imaginiert wird, als ein Reichtum, der die Vorstellung erzeugt, was man damit alles machen könnte. Die Innenerfahrung des Reichtums (die private wie auch die nationale) ist die des Zerrinnens, des Verzehrs, des Zerfalls.

Wie hängt der apagogische Beweis mit dem Problem der Beweisumkehr (dem Schuldbeweis) zusammen? Welche Folgen hat das „in dubio pro reo“ für den Begriff des Wissens, für das heliozentrische System, für den Begriff der Geschichte?

Das Relativitätsprinzip, mit dessen Hilfe das Inertialsystem sich konstituiert, verwischt und neutralisiert das Angesicht. Der gleichen Logik verdanken sich bereits das Geld und die Be­kenntnislogik, die Vorläufer des Inertialsystems. Das Inertialsystem zerstört die Reflexions­fähigkeit in der Wurzel.

Genitiv und Dativ (oder das schwarzes Loch der Grammatik): Kann man sagen, daß die indo­europäische Grammatik, die mit der politischen Ökonomie sich entwickelt hat, mit dem Über­gang zum Inertialsystem die Sprache selber dekonstruiert, sie gleichsam zur Implosion bringt.

Zur Ursprungsgeschichte des Christentums: Verhält sich nicht der Vater zu den Vätern wie Israel zu den Völkern (wie JHWH zu den Elohim: wie die Barmherzigkeit zum Gericht)? Und hat das Christentum nicht aus dem Vater im Himmel den Vatergott, einen Jupiter, gemacht?

Probleme verlangen nach Lösungen, Fragen nach Antworten. Ist nicht Heideggers Begriff der Frage ein Hinweis darauf, daß heute die Zeit des Lösens ist?

Kommt im Stern der Erlösung auch das Neutrum vor (richtet sich die Kritik des All nicht ei­gentlich gegen das Neutrum)?

Hogefeld-Prozeß: Der Verurteilungswille war stärker als der Wille zur Wahrheitsfindung. Der Staatsschutz kann nicht mit offenen Fragen leben.

Die Linke unterscheidet sich von den Rechten (auch von den Rechten in der Linken) u.a. da­durch, daß sie mit offenen Fragen (auch mit den offenen Fragen der Vergangenheit) leben kann. Die Linke hat nicht den Ehrgeiz, das Jüngste Gericht zu antizipieren, eher schon die Barmherzigkeit, von der es heißt, daß sie über das Gericht triumphiert.


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