• 07.10.93

    Zu Crüsemann, S. 246: Könnte es nicht sein, daß ein Verbot des Götzendienstes vor der Landnahme gegenstandslos war und reale Bedeutung erst im Zusammenhang mit der Begründung staatlicher Strukturen erlangte?
    Die Hegelsche Rechtsphilosophie hat, in der Konsequenz der Logik des Hegelschen Systems, den Staat auf eine radikale Weise verweltlicht: Hier ist der Staat zum Vollstrecker des „Weltgerichts“ geworden und der öffentliche Ankläger zum Staatsanwalt (mit der Folge, daß bereits das Ermittlungsverfahren zu einem hoheitlichen Akt wird, Eigenermittlungen Gefahr laufen, als Verletzung der Hoheitsdrechte des Staates inkriminiert zu werden -vgl. Finkelgruen, S. 169). Die ungeheuerlichen Folgen dieser Staatsmetaphysik für das deutsche Staatsverständnis sind bis heute nicht aufgearbeitet: weil sie aufgrund der Verstrickung dieses Staates mit dem Weltbegriff unsichtbar geworden sind?
    Im Titel des Staatsanwalts ist die Gemeinheit, die Ralph Giordano dann wahrgenommen hat, vorprogrammiert.
    Ethik als prima philosophia läßt sich begründen – und der Bruch zwischen der theoretischen und der praktischen Philosophie, der der Trennung des Natur- und Weltbegriffs zugrundeliegt und durch diese Trennung stabilisiert wird, heilen – nur durch die Schuldreflexion.
    Durch den Weltbegriff ist der Götzendienst zur Subjektidolatrie: zum Nationalismus geworden.
    Jesus hat die Sünde, nicht die Schuld der Welt auf sich genommen. Aber nur von der Last der Schuld befreit man sich, wenn man sie auf sich nimmt. Ist die Auf-sich-Nahme der Sünde der Welt (durch die der Logos sich an den Anfang der Welt setzt) die Grundlage für die Schöpfungsbedeutung des Logos? Wird nicht, wer die Sünde auf sich nimmt, selbst zum Sünder (mit ungeheuerlichen Konsequenzen fürs Verständnis des Kreuzestodes)?
    Heute klagen alle Leute darüber, daß sie nach Feierabend so fertig sind, daß sie sich nur noch vor die Glotze setzen können. Die Programme sind denn auch danach: nur noch Drachenfutter (Psychoanalyse verkehrt). Welcher Welt- und Ichzustand drückt sich darin aus! Die durchs Fernsehen vermittelte Welt ist ohne Fernsehen nicht mehr erträglich. Hat das Fernsehen als Droge das Rauchen, ohne das die Nazizeit nicht zu ertragen gewesen wäre, abgelöst (Teil des Modernisierungsschubs)?
    Die Isolationshaft der raf-Gefangenen ist das genaueste Bild der Isolationshaft, in der wir alle sitzen: Das Fernsehen ist die Blende vor dem Zellenfenster, und die Fernsehgesellschaft eine Gesellschaft von Kollektiv-Monaden; Aufgabe der Fernsehanstalten: die Herstellung der prästabilisierten Harmonie durch Verhinderung von Erfahrung.
    Liegen hier nicht die Voraussetzungen einer Politik des Aussitzens, deren Gravitationswirkung die „Hoffnung“ nicht unbegründet erscheinen läßt, daß „uns“ eines Tages Europa, und „morgen“ -wie zuvor die „deutsche Einheit“ – „die ganze Welt“, wie eine reife Frucht in den Schoß fällt; und dient nicht die Diskussion um den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ genau diesem Zweck?
    Zu den schlimmsten Folgen des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus gehört die Zerstörung, die Destruktion der Erinnerung an die einzige Gestalt einer moralisch begründeten Politik im Nachkriegs-Deutschland: der Brandtschen Ostpolitik. In diesem Kontext gewinnen Gestalten wie Heitmann ihre verhängnisvolle Funktion.
    Drücken die Chaostheorien nicht den depressiven Untergrund unseres Naturverständnisses aus? Sie reduzieren die Natur auf die Logik der Gräser, Farne und Insekten (auf eine Entwicklungsstufe, in der es die Entsprechung des Licht, die Prophetie des Angesichts in der Natur: die Blüten, noch nicht gab).

  • 06.10.93

    Gehört nicht das Problem der Gefangenschaft und der Gefängnisse zum Problem des Staates und zur Geschichte der Struktur des Subjekts? Gefängnisse gibt es nur in staatlich organisierten Gesellschaften von Privateigentümern. Der Staat selber ist eine Reflexionsform des Privateigentums, das er insbesondere mit dem Institut der Strafe fundiert und durchsetzt; Gefängnisse demonstrieren den vom Eigentum nicht abzulösenden gesellschaftlichen Schuldzusammenhang zwischen:
    – Eigentümern und Nichteigentümern, Reichtum und Armut,
    – den (bis in die Geschichte der Naturwissenschaften hinein wirksamen) gesamtgesellschaftlichen Eigentumsstrukturen und dem durch sie erzeugten Potential an Strafbedürfnissen in der Gesellschaft (Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Ursprung der Sexualmoral);
    sie repräsentieren schließlich den Existenzgrund der gesellschaftlichen Notwendigkeit und Gewalt des individuellen Verdrängungsapparats. Sind Gefängnisse (ähnlich wie Irrenhäuser, Schulen und das Militär) nicht eines der gegenständlichen Korrelate des Unbewußten?
    Die Vergangenheit ist nicht nur vergangen: Die Vermutung, daß der Nationalsozialismus auch die Bedeutung eines Modernisierungsschubs hatte, daß seine „Errungenschaften“ in die Fundamente der Nachkriegsgesellschaft mit eingegangen sind und darin fortleben, gilt auch für den Antisemitismus.
    Welt und Natur: Wer groß denkt, muß groß irren (Heidegger): Ist nicht die Hegelsche Logik und ihr Resultat: das Absolute, das Labyrinth? Und ist nicht das Labyrinth der weltliche Aspekt der gleichen Sache, deren naturalen Aspekt die Mühle in der Simson-Geschichte repräsentiert? Theologie als Erinnerung an die Möglichkeit der Befreiung von Labyrinth und Mühle?

  • 04.10.93

    Die Anschauung verletzt das Bildergebot, ihr ist das Gesetz der Verdinglichung einbeschrieben.
    Ist nicht das Präsens in jeder Hinsicht eschatologisch: das Ende des Alten und der Beginn des Neuen?
    Muß man den hegelschen Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, nicht heute dahin verschärfen: daß der bürgerliche Reichtum jetzt aus seinen eigenen Prämissen und Voraussetzungen die Armut und den Pöbel erzeugt?
    Stämme, Völker, Sprachen und Nationen: Ist das nicht aufzuschlüsseln nach: Genealogien, Königtümern (Tempel und Opfer), Sprachen, Städte (Geldwirtschaft, Handel)?
    Zum Kerub mit dem kreisenden Flammenschwert: Thront nicht Gott auf den Keruben, und ist nicht der Himmel sein Thron (und die Erde der Schemel seiner Füße)? Aber heißt es nicht auch: Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst (und das kreisende Flammenschwert zurückgenommen) sein?
    Das Bekenntnis ist undialogisch: das gemeinsame Bekenntnis von Einsamen.
    Wenn Kohl vom Urteil der Geschichte spricht, denkt man nicht dann an den zukünftigen Tatenruhm, der den toten Helmut überleben soll? Aber ist der Toten Tatenruhm nicht heute durchsetzt von dem Leichengift und dem Leichengeruch von Auschwitz?
    Ist nicht Brechts „Der Schoß ist fruchtbar noch“ noch zu harmlos, beginnt nicht die Vergangenheit, aus der Auschwitz hervorgegangen ist, heute Auschwitz zu überleben? Und war es nicht genau das, was Heitmann zum Ausdruck gebracht hat?
    Hat Auschwitz nicht in der Tat der Opfertheologie (der theologischen Instrumentalisierung des Kreuzestodes) die Grundlage entzogen, und ist der Hinweis in den Elementen des Antisemitismus (in der Dialektik der Aufklärung) nicht doch endlich ernst zu nehmen?
    – Ein undeutliches Bild aus der Kindheit: Es ist Winter, draußen liegt Schnee, ich stehe in der Küche am Küchenfenster. Draußen ist jemand mit einem Schlitten, der mich auffordert, herauszukommen und auf dem Schlitten mitzufahren. Aus einer Wunde (wessen Wunde es war, weiß ich nicht mehr) tropft Blut in den Schnee, und ich bin nicht mehr dazu zu bewegen, nach draußen in den Schnee zu gehen.
    – Kann es sein, daß es am Rande (neben dem realen Anlaß: den Gesprächen zuhause über Hitler und die wachsende Nazibewegung) eine Beziehung zur Frage des Fünfjährigen gibt, wann die Welt untergehen wird?
    – Das Ganze wächst weiter, als ich in der Vorbereitungszeit vor der Erstkommunion auf Geschichten aus der Märtyrerzeit stoße, die mir klarmachen, daß man nicht Christ sein kann ohne die Bereitschaft, im Ernstfall auch physisches Leiden auf sich zu nehmen.
    – Das nächste ist die Geschichte der Operation, der ich mich als 16-jähriger habe unterziehen müssen, eine Operation an einer für einen Jungen in diesem Alter sicher empfindlichsten Stelle: eine Phimose-Operation. In dem Lazarett (1943, ich war Luftwaffenhelfer), in dem die Operation vorgenommen wurde, lag im gleichen Zimmer ein SS-Unterscharführer, der von seiner Beteiligung an den Judendeportationen aus Holland erzählt. Hat sich vielleicht die Erinnerung an die Operationen mit Vorstellungen über eine Beschneidung vermischt? – Aber die Operation war ebensowenig eine Beschneidung wie Auschwitz ein Holocaust war.
    Hängen meine Ängste bei physischen Eingriffen, von der Blutentnahme beim Arzt bis zur Zahnarzt-Behandlung, mit diesen Erinnerungen zusammen? Und reicht das nicht mit hinein in die (zweifellos aus der christlichen Sexualmoral erwachsene) Vorstellung, daß Sexuelles an den Grund der Welt rührt (in welcher Beziehung steht die Sexualität zu den objektivierenden, verdinglichenden Logiken des Inertialsystems, der Geldwirtschaft und des Bekenntnisses)?
    Das Werk der subjektiven Formen der Anschauung (insbesondere der Form des Raumes) ist die Vernichtung des Angesichts.

  • 03.10.93

    Der Satan ist der Ankläger (der Hassende), der diabolos der Verleumder (der Wütende).
    Bezieht sich das Wort: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ auf das dämonische Zeitalter?
    Fink, S. 146f: Das Wissen gründet im vergangenen Sehen: in der Anschauung (oida = ich weiß, Zusammenhang mit videre, Wissen).
    Der Sündenfall ist der Prozeß und das Produkt des Herausfallens aus der benennenden Kraft der Sprache, ein aufklärungs- und sprachgeschichtlicher Sachverhalt zugleich. Ist nicht der Beginn der Naturerkenntnis ein aktiver, von der Menschheit insgesamt zu verantwortender Prozeß der Neutralisierung, dessen Produkt dann Natur heißt.
    Zur Genesis der subjektiven Formen der Anschauung: Verändert nicht das grammatische Präsens die Beziehung der Sprache zur Zeit, ändert er nicht die Funktion und Bedeutung von Imperfekt und Perfekt, und zieht er nicht zwangsläufig die Konstituierung der anderen Tempora (Futur, Plusquamperfekt etc.) nach sich (Trennung und Konstituierung von Vergangenheit und Zukunft durch Bildung des Präsens, das dann als Form der Gleichzeitigkeit gegen die Zeit sich verselbständigt: als Raum). Imperfekt und Perfekt waren einmal Attribute des Handelns, nicht eines „objektiven“ Geschehens. Erst durch die Einführung des Präsens wurden die Tempora insgesamt zu Attributen eines subjektlosen Geschehens: sprachlicher Grund des Schicksalsbegriffs (Ursprung des Weltbegriffs). Das Imperfekt, das zuvor eine nicht abgeschlossene Handlung (d.h. Gegenwart und Zukunft) bezeichnete, ist im indogermanischen Sprachraum zum Ausdruck der Vergangenheit geworden: Subsumtion unter die Vergangenheit. Hier wird das Subjekt des Handelns enteignet, wird es zum Objekt und Zuschauer des Weltgeschehens.

  • 02.10.93

    Casus (Deklination) und Raum: Verkörperung räumlicher Metaphern,
    – Nominativ: Im Angesicht,
    – Akkusativ: Hinter dem Rücken,
    – Genitiv und Dativ: Rechts und Links (Besitz und Schenken, Gericht und Gnade).
    Wenn im Griechischen und im Deutschen die Deklination in den bestimmten Artikel mit hereingenommen wird, so ist hier die sprachliche Abstraktionsleistung begründet, die der Philosophie zugrundeliegt. Aber was bedeutet dann die Geschlechtertrennung, die Ableitung des Neutrum (im Deutschen auch des Femininum) aus dem Akkusativ, sowie im Deutschen zusätzlich die Identität des Femininum mit dem allgemeinem Plural (die, der, der, die) und bei beiden (Femininum und Plural) die Verwendung des Nominativ masculinum (der) als Genitiv und Dativ? Spiegelt sich darin die Gewalt der mathematischen Form des Raumes (die Neutralisierung des vorn und hinten beim f und n und des rechts und links beim f und pl)?
    Die Materialisierung der Welt ist die Verwandlung des Wortes in einen allgemeinen Sprachbrei (Zerstörung der Kraft des Namens).
    Fink, Griechische Sprache:
    – S. 105: Gehört nicht die Bindung des archein (herrschen) an den Genitiv (Bindung der Herrschaft ans Eigentum) zur „Sklavenhaltergesellschaft“, während die moderne Bindung an den Akkusativ zur Lohnarbeiter-Gesellschaft, zum Kapitalismus (Verinnerlichung und Vergesellschaftung von Herrschaft durch den Weltbegriff), gehört,
    – ebd.: katagelan (m. Gen.) = verspotten (auch hier Beziehung des Verspottens zum Eigentum, im Deutschen Beziehung zum Akkusativ),
    – S. 125: meta (m. Gen.) = mit, ~ (m. Akk.) = nach;
    para (m. Gen.) = von (her), ~ (m. Dat.) = bei,
    ~ (m. Akk.) = hin (zu), entlang, während, gegen.
    Liegt hier nicht der Zusammenhang von Gesellschaft, grammatischer Ausdruck der Raumbeziehungen (als Herrschafts- und Eigentumsbeziehungen, die im Deutschen dann in die Prä- und Suffixe sich verlagert haben) offen zutage? Und wird nicht die Differenz zwischen dem Griechischen und dem Deutschen (dem Paradigma der modernen Sprachen) durch die Geschichte des Christentums (Stellung des Dogmas und der Orthodoxie im Aufklärungsprozeß) überhaupt erst durchsichtig und bestimmbar?
    Nochmal zu archein: Ist nicht die Bindung der Herrschaft an den Besitz (Bindung des Verbs archein an den Genitiv) die Grundlage des griechischen Imperialismus. Der Eigentumsbegriff ist doppeldeutig: Die Privateigentums-Gesellschaft bedarf des Staats zur Begründung und Garantie des Eigentums, nämlich sowohl durchs Recht wie auch durch die Währungshoheit, durch die Konstituierung und Garantie des Geldwerts, die ihn in eine Eigentumsbeziehung zur Totalität rückt. Hiermit hängt es zusammen, wenn der Staat nicht selber Objekt des Rechts sein kann (selbst dem Recht nicht unterworfen ist), und wenn die Außenbeziehungen des Staates „Natur“-Beziehungen, und d.h.: wenn in diesen Beziehungen Kriege und Gewaltanwendung unvermeidbar sind: Ausländer haben in diesem Kontext Naturstatus: sie sind Barbaren, nur durch Unterwerfung zu zivilisieren. Das Gewaltmonopol des Staates ist Ausdruck seines potentiellen Besitzanspruchs an die Welt, den Kosmos.

  • 01.10.93

    stoicheia bezichnet sowohl die Buchstaben als auch die Elemente. Kann es sein, daß die Natur zu sprechen beginnt, wenn der Bann der Natur gelöst ist? (Haben das Opfer, der Moloch und die Bindung Isaaks etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Weshalb nimmt Gott das Opfer Abels an, während er das Opfer Kains verwirft? – Was heißt Abel?)
    In der Geschichte des Tempels verbinden sich
    – der Ursprung der Religion (des Opfers) mit dem des Staates,
    – der Ursprung der Schrift mit dem des Geldes (Tempelwirtschaft) und
    – der der Astronomie mit der der Architektur.
    Unser gesamter Erkenntnisapparat bleibt solange von paranoiden Strukturen durchsetzt, wie es nicht gelingt, das Rätsel der subjektiven Formen der Anschauung zu lösen.
    Enthält nicht Joh 129 auch den Aktualitätsbezug der Prophetie (die Gegenwart als Grund der benennenden Kraft der Sprache); stellt dieser Aktualitätsbezug sich nicht überhaupt erst durch die Schuldreflexion her?
    Zu dem Satz in der Dialektik der Aufklärung, daß die Distanz zum Objekt vermittelt sei durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt: Das aber heißt, daß in der Distanz zum Objekt die Herrschaftsgeschichte: die Geschichte der Schuldknechtschaft, der Sklaverei und der Lohnarbeit enthalten ist. Wird diese Geschichte nicht durchs Anschauen verwischt? Wer ist das Subjekt der Aufklärung?
    Der Bann der Natur hängt zusammen mit dem Bann des Privaten: Wenn dieser Bann gelöst ist, werden die Geschichte von den drei Leugnungen und der Ursprung und Stellenwert der Sexualmoral in den drei „Weltreligionen“ durchsichtig und verständlich.
    Wie hängen die Sexualmoral, der Begriff der Anschauung und der des Bekenntnisses zusammen?
    Bezeichnet nicht das homologein etwas anderes als das, was wir heute Bekenntnis nennen, ein Begriff, der die Geschichte der Privatisierung der Religion (die Geschichte ihrer Entpolitisierung) begleitet und gegen ihre Erkenntnis abschirmt? Bezeichnet er nicht aufs genaueste die Umkehr? Das Bekenntnis des Namens ist die Nachfolge.
    Der logos konstituiert sich durch die Übernahme der Sünde der Welt (hier gewinnt die Sprache ihre benennende Kraft zurück). Das aber ist im homologein mit eingeschlossen.
    Die Naturwissenschaften sind undialogisch; ihr Existenzgrund sind die Köpfe der Einsamen. Sie hängen zusammen mit dem, was Levinas die Asymmetrie der dialogischen Verhältnisses genannt hat.
    Wer die transzendentallogische Isolationshaft, in der wir alle gefangen sind, sprengen will, muß den Ursprung des Naturbegriffs in die kritische Reflexion mit aufnehmen.
    Was haben die Engel mit der Schrift zu tun, und wie sind sie in die Astronomie hineingekommen?
    Zu Crüsemann: Hat er Angst vor der kritischen Reflexion der politischen Institutionen: Es gibt in der Bibel schließlich ein Buch der Richter, dessen zentrales Thema der Ursprung des Richtens in der Geschichte der Gewalt ist? Wenn er vom Begriff des geschriebenen Rechts ausgeht, setzt er als Prämisse, was vom Ursprung her erst zu bestimmen wäre: den Zusammenhang von Recht, Gewalt und Schrift (in dem der Gesetzesbegriff sich erst bildet).

  • 30.09.93

    Der Bereich des Ästhetischen, der mit dem der kantischen Erscheinungen identisch ist, entspringt in der Idealisierung: in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; darin gründet seine Beziehung zum Mythos. Inbegriff des Ästhetischen ist der Naturbegriff. Es ist sinnlos, für ästhetische Personen die Hoffnung auf Auferstehung und auf einen Anteil am seligen Leben zu hegen. Diese Hoffnung konstituiert sich im Kontext einer Erkenntnis, die in der Moral gründet. Romane begründen reine Kopf-Welten.
    Die Umkehr erfüllt sich in der Auflösung des Banns der Natur und in der Auferstehung der Toten.
    Das mystische nunc stans, und mit ihm die Idee der Ewigkeit, hat einen Aktualitätskern, einen Zeitkern; es erfüllt sich in der real und konkret begriffenen Gegenwart (der Kritik des Präsens).
    Wir hören aus den apokalyptischen Texten der Schrift nur noch die Drohungen heraus, um sie dann gleich zu verdrängen. Es käme aber darauf an, das darin enthaltene Erkenntnismoment endlich zu realisieren. Daß z.B. die Sünde wider den Heiligen Geist weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird, drückt, wenn man den Satz wirklich begreift, nicht ein Verhältnis von Sünde und Strafe, sondern einen schlichten logischen Sachverhalt aus.
    In den Armen ist Gott, in den Fremden sind die Spuren seiner Schöpfung präsent.
    Merkwürdiges Wortfeld zu hören: gehört (Perfektpartizip) und gehören (Possessivverhältnis), horchen, gehorcht (Perfektpartizip) und gehorchen, Gehorsam: Das 2. Partizip von hören und horchen wird zum Infinitiv eines neuen Verbs (vgl. auch gewesen und wesen, verwesen). Ist aus der Änderung der Bedeutung nicht die Wirkung der Subsumtion unter die Vergangenheit zu erkennen?
    Die deutsche Sprache hat (u.a.) den Gebrauch und die Deklination des bestimmten Artikels mit dem Griechischen und den Gebrauch der Hilfsverben sowie das Pluquamperfekt und das Futur II mit dem Lateinischen gemeinsam.
    Steckt in Goethes Farbenlehre auch ein Hinweis auf die Beziehung der Farben zu den Himmelsrichtungen?

  • 29.09.93

    Zu Johann Baptist Metz: Was hat die Welt davon, wenn wir „Ja und Amen zur Welt“ (anstatt zu den göttlichen Verheißungen, wie es bei Paulus korrekt heißt) sagen? Merkwürdig, daß Metz der Welt ein Anerkennungsbedürfnis unterstellt: Ändert das die Welt oder nicht doch nur den Anerkennenden (den Konformisten)? Und wer ist das Subjekt dieses Bedürfnisses: Ist es nicht der der Welt sich Anpassende, der aus guten Gründen die Anpassung ohne die Komplizenschaft der Anderen (ohne ihre bekenntnishafte Zustimmung) nicht zu leisten bereit ist? Ist nicht das „Ja und Amen zur Welt“ der eigentliche Inhalt jedes Glaubensbekenntnisses (und seiner logischen Durchbildung in Trinitätslehre und Opfertheologie)?
    Es gibt keinen Weltbegriff ohne Bekenntnislogik. Die Idolatrie gehört zur Geschichte der Ausbildung und Entfaltung dieser Bekenntnislogik (und des Weltbegriffs), sie hat sich vollendet im Dogma. Das Dogma (das erst durch Umkehr wahr wird) ist das versteinerte Herz der Kirche, und die Kirche das versteinerte Herz der Welt.
    Weist nicht das „Weiche von mir, Satan“ darauf hin, daß die Petrus- und die Dämonen-Geschichten zusammengehören (ähnlich wie die drei Leugnungen mit den sieben unreinen Geistern)?
    Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils; deshalb hat Jonas Unrecht.
    Hat das Binden und Lösen etwas mit dem Millenium zu tun, und ist die Kirchengeschichte dieses Millenium (die Zeit der Bindung)?
    Die Welt ist die Welt der anderen, zu denen ich selbst als anderer für andere auch gehöre. Das ist der logische Kern des Weltbegriffs und der Entfremdung.
    Sind die Banker nicht die Priester der Geldreligion?
    Wenn die Konservativen den Linken vorwerfen, sie könnten nicht mit Geld umgehen, so wäre gegenzufragen: Welcher Politiker kann schon mit Geld umgehen?
    Der Begriff der Weltanschauung bezeichnet den (logisch unmöglichen) Sieg und das Attribut des Siegers in der zum Weltgericht sich aufspreizenden Weltgeschichte. Deshalb war der Weltanschauungskrieg ein Vernichtungskrieg. Zur Vorgeschichte der Weltanschauung gehört die Geschichte der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung. Im Begriff der Weltanschauung erweist sich die Anschauung als Medium der richtenden Gewalt. Zum Anschauen gehören auch das Schaufenster (der Erwecker der concupiscentia) und die Reklame (die nach Adorno den Tod verschweigt).
    Die Unfähigkeit, die Formen Anschauung selber in die Reflexion mit einzubeziehen, ist eine Folge davon, daß Reflexion nur im Medium der Anschauung möglich ist; sie ist der Grund der Hybris.
    Wenn die Theologie die Lehre von der Anschauung Gottes auf das Objekt der Trinitätslehre bezieht, verdrängt sie dann nicht das Angesicht Gottes, eliminiert sie dann nicht das Gesehenwerden, das „von Angesicht zu Angesicht“: die Gottesfurcht?
    Als aus der Anschauung Gottes das Angesicht gestrichen wurde, wurde die Gottesfurcht gestrichen. Das ist in der Philosophie umgeschlagen in die Angst vor dem Angesicht (Ursprung des Portraits?), die dann in der Entfaltung der Mathematik und in der Bildung des Neutrums sich ausdrückte.
    Das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, hat etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vorm Eingang des Paradieses zu tun: Es zerschneidet das Licht und entfernt aus ihm die Quelle des Angesichts, verwandelt es in eine Form der Anschauung.
    Wie verhält sich das Sehen zum Schauen? Ist nicht im Sehen das reflexive Moment mit enthalten, von dem das Schauen dann abstrahiert (vgl. den Zuschauer und die Anschauung Gottes)? Die Welt heute verhält sich zum Faschismus wie das Fernsehen zum Radio. Deshalb ist die Reflexion der kantischen Philosophie und der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung in ihr an der Zeit.
    Müssen die Psalmen, wenn sie als Lieder Davids verstanden werden, nicht als Versuch der Durchdringung der Königsidee mit prophetischem Geist verstanden werden: als messianisch? Die Apokalypse hingegen ist das auf die Kaiseridee und die Weltreiche bezogene Gegenstück zur Prophetie: Als Instrument der projektiven Verarbeitung der Angst instrumentalisiert sie die Angst, ist sie angsterzeugend; wahr ist sie nur als Medium der reflexiven Verarbeitung der Angst: als Erkenntnis. Die projektive Verarbeitung der Angst ist fundamentalontologisch und faschistisch. Bangemachen gilt nicht, aber die Apokalypse ist endlich zu begreifen.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Jesus-Wort an Johannes und den drei Gestalten des Bösen?
    – Gegen den Satan, den Ankläger, steht der Paraklet,
    – gegen den Teufel, den Verleumder und die Verkörperung der Wut, steht der göttliche Zorn,
    – dämonisch ist die Instrumentalisierung, Verinnerlichung und Neutralisierung beider: ihre Subjektivierung; hiergegen steht die Austreibung der Dämonen, die der frohen Botschaft den Weg zu den Armen freimacht.
    Heidegger hatte recht: Die deutsche Sprache ist die Sprache der Philosophie, aber sie ist es als Grenze zur Theologie und wird theologisch, wenn sie die Reflexion auf diese Grenze in sich mit aufnimmt.
    Woher kommen und was bedeuten die Begriffe des Anderen und des Fremden? Gründen nicht beide in Präpositionen, und zwar das „an“ bzw. das „vor“ oder „für“ (im Englischen „for“; weshalb heißt der Fremde im Englischen the stranger)?
    Das Präfix be- im Englischen: Vgl. die Beziehung von for und before (auch between, become, behalf, belief, belong, beloved, below, beneath, beside, betray, beware, beyond).
    -schen: Suffix zur Bildung von Verben aus Nomina (feilschen, herrschen). Gilt diese Definition eigentlich generell, oder sind es nicht bestimmte Verben (z.B. grapschen), die so aus Nomina sich bilden lassen? Bezeichnen nicht alle diese Verben Tätigkeiten, die sich direkt auf andere als Objekte beziehen; steckt nicht in allen etwas von einer objektivierenden, erniedrigenden Tätigkeit, etwas Verächtlich-Machendes?
    Das Verb „zernichten“ taucht an zwei Stellen auf,
    – bei Georg Büchner: „Ich fühle mich wie zernichtet im Anblick des gräßlichen Fatalismus der Geschichte“ (aus einem Brief an die Eltern, nach Hinweis auf das Studium der französischen Revolution), und
    – bei Franz Rosenzweig: „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn, sie zernichten seine Lehre“ (Überschrift über einen Aufruf zur Gründung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums).
    Beide Stellen bezeichnen welthistorische Wendepunkte.

  • 28.09.93

    Zum Ursprung des Nominalismus: Mit der Lehre vom liberum arbitrium, der die Raumvorstellung und mit ihr die drei Freiheitsgrade des Raumes als Bild der Wahlfreiheit zugrunde liegen, war die Neutralisierung der Welt (unterm Titel der „Entsühnung der Welt“) besiegelt: wurde die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt (und der Kreuzestod Jesu durch die Opfertheologie instrumentalisiert).
    Der Naturbegriff bezeichnet die die Erkenntnis zurückstauende Gewalt (Zusammenhang mit der Geschichte des Gewaltmonopols des Staates), der Begriff der Materie die zurückgestaute Erkenntnis selber (die zurückgestaute Kraft des Namens) und der Name der Barbaren den gesellschaftlichen Reflex, das gesellschaftliche Korrelat dieses Zusammenhangs. Natur, Materie und Barbaren: das Jenseits der Zivilisationsschwelle.
    Wenn die Materie die zurückgestaute Kraft des Namens (die mit der Begriffsbildung verdrängte benennende Kraft der Sprache) in sich birgt, hat sie dann nicht auch etwas mit dem kabod, mit der Herrlichkeit Gottes zu tun?
    Das Verhältnis von Natur und Dogma läßt sich am Prozeß der naturwissenschaftlichen Erkenntnis demonstrieren: Hier ist die Dogmatisierung der Erkenntnis ein Produkt ihrer Mathematisierung (der Grundlage ihrer Geltung: jede einmal „gewonnene“ Erkenntnis ist ist in dem Augenblick, in dem sie gewonnen wird, eine vergangene Erkenntnis, und somit frei verfügbar). Es gibt kein Dogma ohne mathematisches Sinnesimplikat: Es ist eines und das Gleiche für alle (es neutralisiert die Differenz zwischen mir und den anderen), und es erhebt den Anspruch der Orthodoxie.
    Ist die Schrift nicht deshalb und nur dann ein durchsichtiger Körper, weil sie, anstatt der indogermanischen Herrensprache sich zu überantworten, ihr ihr sprachmythisches Spiegelbild entgegenhält. Ist nicht die Schlange das sprachmythische Bild der homogenen Zeit und des Ursprungs des Neutrums zugleich (das Bild des Staates)?
    Was bedeutet der Name Joseph („er (Gott) fügt hinzu“) und worauf bezieht sich das Wort von dem Pharao, der „Joseph nicht mehr kannte“?
    Hängen nicht die Kasus mit den Himmelsrichtungen (den Richtungen des Raumes) zusammen:
    – Nominativ = Osten (im Angesicht),
    – Genitiv und Dativ = Nord und Süd (Gericht und Barmherzigkeit) und
    – Akkusativ = Westen (hinter dem Rücken)?
    Welchen Ursprung haben der Vokativ (semitisch?) und der Ablativ (lateinisch?, und wie hängt der Ablativ mit dem Instrumentalis zusammen?); wann und aus welchem Grunde wurden sie überflüssig und sind sie wieder verschwunden? War der Vokativ eine Vorstufe des Nominativ und der Ablativ eine Reflexionsform des Dativ (Indiz der Instrumentalisierung)?
    Kritik des Materialismus: Nicht auf die Identifikation mit dem Opfer (und auf den Genuß der Privilegien des Opfers), sondern auf die Befreiung der helfenden Kraft: auf parakletisches Denken kommt es an.
    Hat nicht Steffen Heitmann genau die drei Gestalten des Opfers benannt: die Fremden (die „Ausländer“), die Frauen und die Juden („Auschwitz“)? Seine Inspiration stammt aus der Bekenntnislogik (des Theologen Heitmann), die seit je das Opfer instrumentalisiert. So war das Bekenntnis seit je ein politisches Instrument: die zum bloßen „Umdenken“ instrumentalisierte Umkehr, in dem der Ruf des Täufers: Kehret um, denn das Reich Gottes ist nahe, ins Leere verhallte.
    Heitmann: Was in der DDR nicht geleistet werden durfte: die konkrete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, soll jetzt endlich durch Verjährung aus der Welt geschafft werden (die ganze ehemalige DDR soll teilhaben an der Gnade der späten Geburt).
    Ist das Chronologie-Problem, mit seinen geologischen, entwicklungstheoretischen und historischen Konnotationen, nicht in der Tat die Verdrängung und Verwischung des mit dem Wort vom Lösen bezeichneten Problems? Und ist dies nicht die letzte Bindung Isaaks (die letzte Konvergenz von Lachen und Schrecken)?
    Ist nicht jedes Bekenntnis ein Schuldbekenntnis, und das Glaubensbekenntnis nur ein auf den Kopf gestelltes (an die Natur delegiertes) Schuldbekenntnis, Produkt einer projektiven Logik? Führt nicht das Bekenntnis in den Rechtfertigungszwang (wie die „Entsühnung“ der Welt, die dann das subjektlose Bekenntnis als Bekenntnis der Natur nach sich zieht, nur als ideologische Verdoppelung ihrer Neutralisierung sich begreifen läßt)? Ist nicht die Geschichte des Bekenntnisses (die Entfaltung ihrer Logik) die Geschichte der drei Leugnungen, und das Bekenntnis selber der Vorhang vorm Allerheiligsten, der beim Tod Jesu am Kreuze, zusammen mit der Verfinsterung der Sonne, dem Beben der Erde und der Auferweckung der Toten, zerriß: der Vorhang vorm Angesicht Gottes? Aber löst sich nicht der Bann des Bekenntnisses nur zusammen mit dem des Naturbegriffs?
    Der innere Widerspruch des Feminismus, auch der Ökologie- und der Friedensbewegung, liegt darin, daß sie einerseits die Opferrolle endlich abwerfen, auf der anderen Seite aber deren Privilegien weiterhin genießen möchten.
    Der banausische Witz zur Frage, ob man beim Beten rauchen dürfe, rührt insofern an ein Stück Wahrheit, als mit dem Rauchen das Beten endgültig verlernt wurde. Sind nicht die Gebete der Heiligen ein lieblicher Geruch für Gott, und ist nicht die Nase das Organ des göttlichen Zorns? – In die Nase wurde dem ersten Menschen der belebende Hauch des göttlichen Atems eingeblasen. Und gehört nicht zum Fluch über Adam der Nasenschweiß zur Arbeit unter den Bedingungen der Dornen und Disteln?
    Von der Taube abgesehen, waren nur gehörnte Tiere Opfertiere: Warum stellt man sich den Teufel mit Hörnern vor (während die Taube das Symbol des Heiligen Geistes ist)? Haben die Hörner etwas mit den Dornen und Disteln zu tun, und das Opfer mit der Sünde der Welt?
    Bei der Bindung Isaaks ist als Ersatz für die Opferung Isaaks der Widder eingetreten, der sich mit seinen Hörnern im Dornengestrüpp verfangen hatte. (Ist das Lamm, das stumm zur Schlachtbank geführt wird, neben der Taube das andere nicht gehörnte Opfertier?)
    Im Sündenfall gewann die Vergangenheit Macht über die Zukunft, mit ihm ist der Tod in die Welt gekommen. Drückt sich das in den Dornen und Disteln aus, im „Schweiße des Angesichts“ und in der Beschwernis der Schwangerschaft?
    Eine Naturphilosophie, die daran arbeitet, daß der Bann, der auf der Natur liegt, endlich sich löst, wäre Teil einer apokalyptischen Erkenntnistheorie. Müßte nicht eine Erkenntnis, die nach der Erkenntnis des Angesichts Gottes sich sehnt, prophetisch, apokalyptisch und messianisch in eins sein? Gibt es eine Beziehung des Prophetischen, Apokalyptischen und Messianischen zu den drei Totalitätsbegriffen Welt, Natur und Wissen?
    Hängt das Personalpronomen der 1. Pers. pl. im Deutschen, das Wir, mit dem „virum“, dem Mann, zusammen (als Selbstbegriff der kollektiven Männlichkeit: der „wereld“)? Wie sieht das im Hebräischen aus, und wie in den klassischen alten Sprachen? Vgl. auch die anderen Personalpronomen (Ich – Nichts, ego – nego; ist das Ich nicht zugleich der säkularisierte Gottesname: Ich – JH; steckt im Gottesnamen Jahu das hu = er; das Ich ist die Verneinung des Andern, das im Weltbegriff zur Totalität sich aufspreizt, – gibt es auch eine sprachliche Beziehung des Ich zum Licht?).
    Die Geschichte Israels beginnt mit Jakobs Kampf mit dem Dämon (an diesen Kampf ist der Ursprung des Namens gebunden), sie endet in der Austreibung der Dämonen, während die Philosophie in der Verinnerlichung des Dämons gründet, die mit der Verinnerlichung des Opfers und mit der Hybris zusammenfällt (Begriff der Besessenheit).
    Gibt es im Hebräischen Possessivpronomen, oder beginnt die Unterscheidung von Mein und Dein erst in den indogermanischen Sprachen?
    Sind nicht die Geschichten von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel die Lösung der Geschichte vom Ursprung der Philosophie (vom „alles ist Wasser“ des Thales bis zur noesis noeseos des Aristoteles).
    Haben die Jahreszahlen bei den Urvätern etwas mit den Umlaufzeiten der Planeten zu tun (Henoch wurde 365 Jahre alt)? Und gibt es nicht drei Genealogien: Kain, Set (jeweils bis Lamech) und Noach (bis Abraham), hier mit der Spiegelung in den Söhnen des Noach: Sem, Ham (Kain) und Japhet (Set)?

  • 27.09.93

    Die Schrift wird zu einem durchsichtigen Körper im Angesicht Gottes, wenn in ihr die Gegenwart sich selbst begreift.
    Im Begriff des Monarchen in der Hegelschen Rechtsphilosophie begreift Hegel die Welt als Erbe, zu dem es ein Testament, einen Erblasser und einen Erben geben muß. Das Testament ist die Logik.
    Wollte man die Kritik der reinen Vernunft heute noch einmal schreiben, so müßte man anstatt mit den subjektiven Formen der Anschauung mit den Begriffen Welt und Natur (den Reflexionsbegriffen der subjektiven Formen der Anschauung) beginnen.
    Beerscheba: Wie hängt der Name Siebenbrunnen mit dem Namen Schwurbrunnen zusammen? Drückt sich darin auch ein Inhaltliches aus: ein Zusammenhang der Zahl Sieben mit dem Schwur (dem Siegel)?
    Schwur, Eid und schwören, Zeuge und Zeugenschaft (vgl. auch Quell und Brunnen): Hängen die Verwerfung des Schwurs und die Austreibung der Dämonen (und die Stellen mit den sieben unreinen Geistern) zusammen? Der Schwur ist eine Bekräftigung der Zeugenschaft (Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Zeugenschaft: Beziehung zum Bekenntnisbegriff).
    Meineid hängt mit gemein, dem Allgemeinen, zusammen, ähnlich das Tauschen mit dem täuschen.
    Wie verhalten sich die sieben Völker Kanaans zu den Philistern?
    Ist das Antlitz Gottes das Antlitz JHWHs oder das Antlitz Elohims?
    Nur die Gotteserkenntnis befreit von der Trägheit des bloß Urteilenden. Aber die Idee Gottes ist nur zu halten zusammen mit der Idee, daß
    – das Vergangene nicht nur vergangen ist und
    – die Natur nicht siegen wird.
    Und die Vorstellung, daß Auschwitz endlich in die Geschichte einzuordnen sei, ist schlicht blasphemisch (warum erhebt kein Theologe Einspruch gegen die Sprüche des Theologen Heitmann?).
    Heute hat der Faschismus Kreide gefressen und sich ein Schafsfell umgehängt.
    Ist nicht die Subjektivität das Feuer, in dem der Himmel und die Elemente verbrennen, während die Welt als Asche zurückbleibt?
    Bindung Isaaks: Sind wir nicht heute dabei, unsere Kinder zu opfern, und wo bleibt der Engel JHWHs, der uns davon abhält? (Ist das vergleichbar?)
    Ein Beitrag zur Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Der eucharistische Ursprung des kantischen Objektbegriffs. Das Objekt ist das gekreuzigte Ding (es liegt im Zentrum der Todesgrenze, des Inertialsystems: so ist es auf die subjektiven Formen der Anschauung bezogen und an sie gebunden).

  • 26.09.93

    Sünde und Schuld, Schuld und Aussatz (Pest?): Sünde und Schuld sind zu unterscheiden wie Natur und Welt, wie Herrschafts- und Schuldzusammenhang. Der Verblendungszusammenhang gründet in der Nichtunterscheidung. Als Getrennte wird die Schuld manifest in dem, was die Schrift Aussatz (ein Abkömmling der Scham) nennt.
    Zur Quellentheorie:
    – Ist sie nicht insgesamt apriori: Wird nicht das herausgelesen, was man zuvor hineingelesen hat (das zugrunde gelegte Identitätsprinzip)? Dieses Apriori ist zugleich ein nationalistisches und ein christliches (der „historisch interessierte Christ“).
    – Kann es sein, daß die historische Bibelkritik als eine christliche, theologische Angelegenheit, auf ein im deutschen Protestantismus gewachsenes Selbstverständnis (auf einen sehr protestantischen Begriff der Erlösung: Rechtfertigung durch Entsühnung der Welt als theologische Freigabe eines säkularisierten Weltverständnisses) zurückgeht (Leidensgeschichte als eines „zwar geschichtlichen, aber doch schon als übergeschichtlich gewerteten Geschehens“)?
    – Gibt es nicht eine merkwürdige Beziehung (vielleicht gar Parallele) der vier Quellen zum Charakter der vier Evangelien (möglicherweise sogar eine konkrete Zuordnung beider?
    – Ist nicht die Vorstellung, daß die vier (oder auch nur die drei ersten) Quellen aus einer gemeinsamen Quelle herrühren und die jüngeren „aus dem noch nicht versiegten Quell der Sagenbildung geschöpft“ hätten, in sich widersprüchlich (gar, wenn die Redaktoren nur „Kompilatoren“ sein sollen, in den Text nicht eingreifen)?
    Die Quellentheorie vermag weder die „weitgehende Parallelität“ des Erzählgutes zu erklären, noch die Notwendigkeit, dieses differierende Traditionsgut dann so zu kompilieren, daß gleichsam willkürlich und ohne innere Logik bloß eine Kollage hergestellt wird. Erinnert an die Zwangslogik der physikalischen Atomtheorien heute.
    Im Angesicht Gottes wird die Schrift zu einem nach allen Seiten durchsichtigen Körper, während jeder Blick von außen die Schrift verdunkelt.
    Ist nicht die historische Bibelkritik schon im Ansatz, und nicht erst bei ihren radikalen Exponenten, antisemitisch? „Den Griechen eine Torheit, den Juden ein Ärgernis“: Nachdem die Theologie selber der griechischen Torheit verfallen ist, blieb nur die projektive Verarbeitung des jüdischen „Ärgernisses“, das so nur als Verstocktheit und als Angriff auf die glasklare Wahrheit des Christentums (die dann freilich teuer erkauft worden ist) verstanden werden konnte. Wäre nicht endlich die produktive (das Evangelien-Problem mit einbegreifenden) Anwendung der Rosenzweigschen Bemerkung zur Bedeutung des Redaktors an der Zeit?
    Projektive Schuldverarbeitung: „den Spieß umkehren“.
    Das Verhältnis der vorweltlichen Stammes- (in L) zu den innerweltlichen Familiengeschichten (in J und E) wäre genauer zu bestimmen. Sind die „Quellen“ nicht schlicht und einfach verschiedene Gestalten der Vergegenständlichung, die, indem sie aufeinander sich beziehen, sich gegenseitig überhaupt erst erhellen? Voraussetzung des Schriftverständnisses ist die Kritik des Prinzips der Vergegenständlichung (die Lösung des Banns der Frage, was sich der Autor wohl dabei gedacht haben mag).
    Haben die „vier Quellen“ etwas mit der Standwendung „Stämme, Völker, Nationen und Sprachen“ zu tun?
    Sind nicht die alten Sprachen Kunstprodukte, erzeugt aus der Logik der Schrift (die die innere Form der Sprache verändert hat)? Und ist es nicht allein die Bibel, in der diese Logik der Schrift, ihr logisch-ästhetischer Zusammenhang, selber reflektiert wird? Zu erinnern ist daran, daß diese „Logik der Schrift“ auch historisch-gesellschaftliche Implikationen in sich enthält, daß sie wie die Geschichte des Ursprungs der Schrift, verbunden ist mit
    – der Entwicklung der Stadt und des Staates (Privateigentum und Recht),
    – den Anfängen der Naturerkenntnis (zentral die Astronomie),
    – dem Ursprung und der Geschichte des Tempels (Priestertum und Opferreligion, auch Ursprung und Geschichte der Architektur und der Kunst),
    – dem Ursprung des Geldes und der Geldwirtschaft (im Kontext der Tempelwirtschaft),
    die insgesamt ein großes logisches Kontinuum bilden, zu dessen Grundlagen die Schrift gehört.
    Ist nicht das Ökologie-Problem, das in dieser Zuspitzung ein sehr deutsches Problem ist, ebenso sehr real wie Teil eines riesigen Projektions-, Schuldverschub- und Entlastungssystems, Produkt der Anwendung des Schuldverschubsystems auf die technische Zivilisation? Verschärft wird das Problem durch das systembegründende selbstreferentielle Moment im Ökologie-Konstrukt. Modell ist die Hegelsche Logik, nach der die Idee, wenn sie sich selbst begreift, die Natur frei aus sich entläßt. In dieser Selbstentäußerung macht sich die Idee selbst unkenntlich.
    „Die Aussätzigen werden rein, und den Armen wird die frohe Botschaft verkündet“: Ist nicht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, zugleich das apokalyptische Lamm, das berufen ist, die sieben Siegel zu lösen, und wird das nicht in dem Jesus-Wort an Johannes konkret? Und stellt sich nicht hier auch die Beziehung zu der Geschichte von den sieben unreinen Geistern her?
    Der Aussatz ist der Aussatz des Fleisches, der Kleidung und des Hauses.
    „Ich bin der Herr, euer Gott. Ihr sollt keine fremden Götter neben mir haben“: Ist nicht das „Keine fremden Götter neben mir“ der Kern der Kritik des Weltbegriffs? Gehören nicht die „anderen Götter neben ihm“ zur Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs, zur Begründung und Entfaltung der Logik des Satzes „Das Eine ist das Andere des Anderen“, dessen Kraft einzig an Gott zerbricht?
    Ist die Hegelsche Ableitung des Monarchen aus der Logik der Rechtsphilosophie nicht schon vorgebildet im kantischen „Ich denke“ (und eine logische Konsequenz aus dem idealistischen Ich = Ich)?
    Hatten die Erwachsenen, die uns, als wir noch jung waren, entgegenhielten: Auch du wirst es noch erfahren, nicht recht (die Welt ist tatsächlich so)? Aber hatte nicht auch wir recht, wenn wir uns durch diesen Satz (und durch den Zustand der Welt) nicht dumm machen lassen wollten?
    „Grauen ringsum“ (zu Ps 3114 vgl. Jer 203.10)
    Sind nicht in der Geschichte vom Sündenfall die Elemente der Erkenntiskritik beieinander:
    – der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen,
    – das „Ihr werdet sein wie Gott“ und
    – die Instrumentalisierung der Sprache durch die Schlange und die Rechtfertigungslogik in den Antworten Adams, Evas und der Schlange an Gott.
    Kephas und Petrus ist aramäisch und griechisch.
    Hat nicht die Benjaminsche Kritik der Vorstellung des Zeitkontinuums auch einen innerphysikalischen Aspekt: In der speziellen Relativitätstheorie wird das Zeitkontinuum, das Inertialsystem, dessen Voraussetzung die Vorstellung des Zeitkontinuums ist, nur durch seine Auflösung und Sprengung hindurch gerettet und stabilisiert.

  • 24.09.93

    Otto Eissfeldt: Die historisch-kritische Bibelwissenschaft als Ergebnis der Anwendung des Inertialsystems auf die Schrift (haben die „Quellen“ etwas mit dem Verhältnis der Dimensionen im Raum und der Beziehung von Raum und Zeit zu tun)? Hier gründet das Identitätsprinzip, das die Bibel sprengt, deren Trümmer dann aber den Kern freilegen und erkenntbar machen. Vgl. die Wolkensäule, den Engel und die Finsternis (die die Israeliten durch die Wüste führen, und in denen die Kirchenväter einen Typos Jesu erkannten).
    Wenn mit der Wolken- und Feuersäule auch die Finsternis ein Typos Jesu ist, muß dann nicht der Anfang der Genesis trinitarisch verstanden werden (tohu wa bohu: der Vater, die Finsternis: der Sohn und ruach: der Geist)?
    Die Wachteln und die Begeistung der 70 Ältesten.
    Zuordnung der Rauchgewohnheiten: Zigarren: hochkapitalistisch, lange Pfeife: orientalisch, kurze Pfeife: englisch, Zigarette: faschistisch?
    Wer nur noch gelebt wird, glaubt, für sein Tun nicht mehr verantwortlich zu sein.
    Was ist die Sünde der Welt (Zusammenhang von Dornen und Disteln, Kelch, Schlange, Schwert)? Hat Joh 129 antizipatorische Bedeutung: Bezeichnung einer unabgeschlossenen, nicht abgeschlossenen Handlung (Unterscheidung von Perfekt und Imperfekt)? Zusammenhang mit dem Binden (Perfektbildung, abgeschlossene Vergangenheit: Welt- und Naturbegriff) und dem Lösen (Lösen der Vergangenheit: Idee der Auferstehung).
    Es kommt darauf an, den Natur- und den Weltbegriff als Produkte einer sprachlichen Logik zu begreifen, in deren Kontext die Theologie keine Chance mehr hat.
    Verhängnisvoller Perfektionstrieb, ungeheuerliche Bedeutung der grammatischen Struktur des Hebräischen, das nur die Zeitformen des Perfekt und Imperfekt (und deshalb kein Neutrum) kennt (keine Welt, aber Himmel und Erde).
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt als Grundkonzept einer Geschichtsphilosophie begreifen: Natur ist ein Moment im Lebensprozeß der Gesellschaft, ein Teil der Herrschaftsgeschichte.
    Was waren eigentlich die Fleischtöpfe Ägyptens?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie