• 20.08.93

    Der Himmel ist die Einheit der Extreme, hat er etwas mit dem Blutsymbol zu tun, und mit der (prophetischen) Erfüllung des Wortes: dem Namen? Ist der Himmel nicht das in den oberen Wassern gebundene Feuer, der darin verschlossene Name? Und ist der gesellschaftliche und erkenntnistheoretische Begründungszusammenhang des Nominalismus nicht das Wasser (die Sintflut), in dem der Name erloschen ist? Ist der Nominalismus das Wasser, das den Meeresboden bedeckt, auf das die Gotteserkenntnis die Antwort ist?
    Steckt nicht im Kern des Naturbegriffs der Tod, drückt darin nicht seine konstitutive Beziehung zur Herrschaft sich aus? Und wurde nicht die Todesstrafe abgeschafft, nachdem im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft die Todesfurcht als Grund der Herrenfurcht in anderen („existentiellen“) Tatbeständen begründet werden konnte? Ist nicht seit Getsemane der Schweiß des Angesichts, der seit dem Sündenfall zur Arbeit gehört, mit Blut vermischt? Und ist nicht der im Sündenfall gründende Tod der Herr der Welt; aber ist dieser Herr nicht einer, der seine Macht aus unsern Händen empfängt, und ist nicht das die Sünde der Welt? Gründet nicht jede Herrschaft in der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit: in der Todesinfektion?
    Stark wie der Tod ist die Liebe. (Hl 86) Aber nur stark wie, nicht stärker als der Tod.
    Ist die kantische Erkenntnis, wonach die Vernunftideen nur regulative, nicht konstitutive Bedeutung haben, nicht ein anderer Ausdruck für das, was Levinas die Asymmetrie in der Ich-Du-Beziehung genannt hat, oder für das Benjamin-Wort „Überzeugen ist unfruchtbar“? Ist sie nicht zugleich eine Begründung der Notwendigkeit von Erinnerungsarbeit, und enthält sie nicht den genauesten Einspruch gegen die Instrumentalisierung der Marxschen Theorie aus Herrschaftsgründen? Widerlegt sie nicht die Wertphilosophie? Die kantischen Vernunftideen respektieren die Grenze zwischen mir und dem anderen, sie verhindern die Xenophobie schon dem Grunde nach.
    Die Unterscheidung zwischen der (erlaubten) regulativen und der (verbotenen) konstitutiven Bedeutung der Ideen ist eine Anwendung und Präzisierung des jesuanischen Satzes „Richtet nicht …“.
    Ist die Xenophobie nicht ein Ausfluß der inneren Logik des Herrendenkens? Gründet sie nicht in dem vom Objektivierungsprozeß unablösbaren projektiven Element?
    Sind nicht die Empfindungen, die mit der Trennung der primären und sekundären Sinnesqualitäten erst sich konstituieren und entspringen, Produkte der Selbstobjektivierung; verweist darauf nicht der Regenbogen in der Sintflut-Geschichte?
    Gibt das johanneische Komma nicht auch mit seiner trinitarischen Ergänzung Sinn?
    Gegen die Kollektivscham: Hängen Scham, Blut und Feuer zusammen? Ist die Scham die Pforte der Hölle?
    Wie verhalten sich die Scham und der Zorn: Beide treiben die Röte ins Gesicht, aber während die Scham sich nach innen richtet, geht der Zorn nach Außen? Wie verhalten sich Scham und Wut (ist nicht die Wut ein Zorn, der in Scham verstrickt bleibt)?
    Rühe, Seiters, Bohl und Schäuble: die Metastasen des Aussitzens. Aber ist Kohl dem Kanther gewachsen?
    Sind nicht die Beziehungen von Engels zu Marx, von C.G. Jung zu Freud und die der Kopenhagener Schule zu Einstein vergleichbar? Aber sind dann nicht doch auch die Differenzen zu beachten:
    – das Verhältnis von Engels zu Marx war von großer menschlicher und theoretischer Solidarität geprägt,
    – das C.G. Jungs zu Freud hingegen war bestimmt durch das intri-gantische Renegatentum die Ranküne Jungs und
    – das der Kopenhagener Schule zu Einstein durch einen von der Verachtung des „Spinners“ durchsetzten Respekt vor der moralischen und theoretischen Integrität Einsteins.
    Der Hilfloseste von allen war offensichtlich Einstein.

  • 19.08.93

    Es läßt sich stringent aus der Logik des Weltbegriffs (der verandernden Gewalt dieser Logik) herleiten, wenn die Deutschen sich als Opfer des gleichen Schicksals begreifen, dessen Urheber sie doch zugleich sind.
    Hat die Geschichte mit Noe und seinen Söhnen, die in der Verfluchung Kanaans endet, etwas mit der Geschichte vom Sündenfall zu tun? Und zu Japhet heißt es:
    Raum schaffe Gott dem Japhet, daß er wohne in den Zelten Sems, Kanaan aber sei ihm Knecht! (Gen 927)
    Übrigens: Paulus war ein Zeltmacher!
    Ist nicht Mizrajim ein Sohn Hams, und Heth ein Sohn Japhets?
    Ist nicht das Licht ein Einspruch gegen die Vergangenheit (gegen die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit)?
    Wie wird das Himmelblau erklärt? Und wäre die Frage, warum es nachts dunkel ist, nicht zu ergänzen durch die andere: Warum das Himmelblau am Tage die Grenze des Sichtbaren anzeigt (und wo liegt diese Grenze)?
    Sind nicht das Feuer und das Angesicht die Antipoden des Lichts?
    Die Entfaltung einer philosophischen Sprachlogik ist ohne eine Theorie des Feuers nicht mehr möglich.
    Zu der Vorstellung, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels wiederkehren wird: Führt nicht auch hier das naturwissenschaftliche bestimmte Bild der Wolken in die Irre? Und ist dahinter nicht die metaphorische Bedeutung der Wolken (die in der „Wolke der Zeugen“ – Hebr 121 – anklingt) verdrängt und untergegangen?
    Daß der Menschensohn bei seiner Wiederkunft in den Wolken erscheinen wird, verweist das nicht, ebenso die Wolke der Zeugen im Hebräerbrief, zurück auf den Noe-Bund (auf den Bogen in den Wolken, vgl. Erich Zenger)?
    Als Athalya Brenner auf die diffamatorische Nebenwirkung des prophetischen Gebrauchs der Worte Hure, Unzucht u.ä., auf die Nutzung der Frauen als Projektionsfolie für Verfehlungen des Volkes Israel, aufmerksam machte, hat sie zugleich auf eine logische Beziehung zur durchaus vergleichbaren Gebrauch des Namens der Juden im Neuen Testament und dann im christlichen Antijudaismus hingewiesen. Liegt hier nicht der Nachweis für den strukturellen Zusammenhang von Antisemitismus und Frauenfeindschaft (sowie Antisemitismus und Sexualmoral)? Gehört zur Entschärfung des Vorurteils nicht auch die Erkenntnis des Zusammenhangs der Form des Symbols mit seinem projektiven Inhalt? Wird nicht beidemale, mit der Unzucht bei den Propheten und mit den Juden im Johannes-Evangelium, eindeutig Herrschaftskritik gemeint, die projektive Züge erst dann annimmt, wenn die Worte aus ihrem wirklichen Kontext herausgelöst und (im augustinischen Sinne) „ad litteram“ gebraucht werden?
    Liegt hier nicht die Lösung des Problems der Beziehung von Symbol, Name, Instrumentalisierung, Begriff, Schuld, Herrschaft, Verdinglichung: nämlich im Zusammenhang einer Theorie des Feuers? Bezeichnet nicht das Feuer die Grenze zwischen Reflexion und Verdrängung: zwischen Begriff und Name? Indem ich das Verdrängte durch Reflexion verbrenne, lösche ich die Fluten der Sintflut? Hängen Wasser und Feuer nicht so im Namen des Himmels zusammen?
    Wasser und Feuer, Schwert und Kelch: Verweist nicht die Verwandlung von Wasser in Wein beim ersten Wudner in Kana auf diesen Zusammenhang (vgl. hierzu das johanneische Komma: Drei nämlich sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist und das Wasser und das Blut, und diese drei gehen auf eins. – 1 Joh 57)?
    Der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, ist als empirischer Satz, der die mythische Ära beendet und das philosophische Zeitalter eröffnet, zugleich ein prophetischer Satz: Hilft er nicht zum Verständnis des Wunders von Kana? Zum Satz Jesu: Ich werde von jetzt an von diesem Gewächs des Weinstocks nicht trinken bis zu jenem Tage, wo ich es mit euch neu trinken werde im Reiche meines Vaters (Mt 2629): Ist nicht der Taumelbecher und der Kelch des Zorns Produkt der Instrumentalisierung („der trinkt sich das Gericht“)? Beschwert sich nicht der Küchenmeister in Kana, daß andere Gastgeber den guten Wein am Anfang bringen, warum hier am Ende (sh. auch das „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, und den Hinweis Marias an die Diener: „Was er euch sagt, das tut“; und es waren die Reinigungskrüge, die sie dann mit Wasser füllen sollten)?
    Zu Jutta Voß: In ihrer Geschichte vom heiligen Franziskus würde ich auch die Partei des Lammes ergreifen.
    Theologie nach Auschwitz kann sich nicht darauf berufen, daß auch in Auschwitz gebetet wurde: Zwischen diesen Gebeten und uns steht Auschwitz. Und es wurde sicherlich auch geflucht. Theologie nach Auschwitz ist notwendig, weil anders die Opfer von Auschwitz nochmal verraten werden (eine andere Frage ist es, ob sie noch möglich ist). Aus dieser Formulierung ergeben sich Konsequenzen, wie diese Theologie beschaffen sein müßte.
    Die Corpus-Christi-mysticum-Lehre scheint irgendwann nach dem Kriege aus dem Bewußtsein der Kirche (und der Theologie) entschwunden zu sein, möglicherweise im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil? Kann es sein, daß sie genau zu dem Zeitpunkt „vergessen“ wurde, als man sie von der Erinnerung an Auschwitz nicht mehr trennen konnte (Auschwitz als Folge des durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes initiierten Wiederholungszwangs)? Steht die Theologie nicht heute unter dem Symbol: Abgestiegen zur Unterwelt (zur Hölle)?
    Die Wahrheit hat einen Zeitkern, und kann es nicht sein, daß dieser Zeitkern die Positionen des Glaubensbekenntnisses durchwandert?
    Kritik der reinen Vernunft, S. 508: Ein Hinweis auf die Unterscheidung der dynamischen von den mathematischen Grundsätzen des reinen Verstandes (auf Genesis und Bedeutung des Welt- und Naturbegriffs).

  • 18.08.93

    Nur Gott blickt ins Herz der Menschen: Nur so (nicht unmittelbar: Gott ist kein Historiker) nimmt er Welt und Geschichte und den Stand der Dinge wahr, die Distanz zur Erlösung. Das göttliche Urteil über einen jeden (und dessen Aufzeichnung im „Buch des Lebens“) ist nicht ein Urteil, das Gott über uns fällt, sondern die uns zugewandte Seite des göttlichen Blicks (sein Angesicht), die sich uns allein in dem Versuch, die Gegenwart zu begreifen und zu bestehen, zuwendet: Heute, wenn ihr seine Stimme hört.
    Der Name des Logos verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn man Joh 129 mit „hinwegnehmen“ (anstatt „auf sich nehmen“) übersetzt. Das Hinwegnehmen sanktioniert das Herrendenken und vermehrt die Last, während allein das Auf-sich-Nehmen von der Last befreit.
    Mt 1128ff: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
    Wer die sogenannten Rache-Psalmen Rache-Psalmen nennt, fühlt sich getroffen.
    Wer die Geschichte der Naturwissenschaften nur als eine Geschichte des Erkenntnisfortschritts in einer Welt, die durch die Naturwissenschaften nur erkannt wird, versteht, entzieht der Kritik der politischen Ökonomie den Boden. In diesem Kontext gäbe es zu dem als gesellschaftliche Natur- und Herrschaftswissenschaft verstandenen Marxismus keine Alternative.
    Hat nicht der faschistische Modernisierungsschub insbesondere dem Bekenntnis-Nationalismus, dem Bekenntnisstreit generell, den Boden entzogen mit der Folge, daß es ihn in Deutschland eigentlich nicht mehr gibt. Gewalt ist nicht mehr rechtfertigungsfähig (und Begründungen nehmen immer mehr den Charakter der bloßen Rechtfertigung an), sie ist so nackt, brutal und obszön geworden, wie sie im Kontext der Xenophobie heute dann auch tatsächlich sich darstellt. Die weitere Folge ist, daß die Konfessionen in Deutschland immer deutlicher als konkurrierende Religions-Kartelle begriffen werden, und daß niemand mehr von ihnen erwartet, sie könnten noch einmal die Erfahrung der Welt aufschlüsseln, sie auf die Idee des seligen Lebens hin durchsichtig machen. Die Religionen sind zu einem Teil des Systems der freien Marktwirtschaft geworden, zu dem es keine Alternative mehr gibt. Karl-Heinz Haag hat es einmal in einer Vorlesung zur Religionsphilosophie auf den Punkt gebracht: Nachdem die harten wirtschaftlichen Fakten die Realität bestimmen, hat die Religion ihre raison d’etre verloren.
    Mit der Auflösung und endgültigen Neutralisierung des Bekenntnisprinzips haben die Religionen ihre identitätsstiftende Funktion verloren. Das ist zuerst in der Existenzphilosophie bewußtlos wahrgenommen worden. Nur in der Provinz: In Nordirland, in Jugoslawien, im Baskenland, in Bayern und im Münsterland gibt es noch verwesende und vergiftete Reste der Bekenntnisidentität.
    Liegt nicht das Problem des Weltbegriffs in dem Unvermögen, auch die Vergangenheit ins Reine zu bringen?
    „Wenn du nun deine Opfergabe zum Altar bringst und dort eingedenk wirst, daß dein Bruder etwas wider dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bringe deine Gabe dar.“ (Mt 523f) Entspricht das nicht dem „Nimm die Sünde auf dich und dann opfere sie“?
    Im Inertialsystem ist das Hören und Sehen vergangen: Es ist die nicht mehr aufzulösende (gegen jede Versöhnung sich sperrende) Erinnerung, „daß dein Bruder etwas gegen dich hat“.
    Der Weltbegriff ist das Ergebnis des nur durchschlagenen, nicht gelösten Knotens. Er begründet und exkulpiert das Herrendenken (die Leugnung der Schöpfung), während gleichzeitig der ihm korrespondierende Naturbegriff die Knechtschaft verewigt (und die Auferstehung leugnet).

  • 16.08.93

    Das Absolute ist die Bestätigung und die Widerlegung des Weltbegriffs zugleich.
    Das Absolute ist nicht Gott, sondern die Selbstreflexion des Schuldzusammenhangs (und, als Reflexion der Geschichte der Selbsterhaltung, der Beginn der Befreiung davon). – Die Hegelsche Logik als Gegenstand einer Theorie des Feuers!
    Ist die deutsche (sowie griechische, auch lateinische?) Aussprache des Diphtongs „eu“ (in „deutsch“, „Zeus“, „Neutrum“ z.B.) aus einer Entstellung: einer Verschiebung und Umkehrung des hebräischen Gottesnamens (ia > io > eu/oi) ableitbar? Steckt darin ein Hinweis auf den Ursprung und die Bedeutung der Sprachlogik (der Grammatik) dieser Sprachen und ihrer Beziehung zur Philosophie? Gibt es außer der deutschen (und der griechischen und lateinischen?) noch eine andere Sprache, in der das „eu“ wie oi ausgesprochen wird? (Gab es im Griechischen schon ein Futur II; ist das nicht erst eine Entdeckung des Lateinischen, die zusammengehört mit dem Ursprung der Hilfszeitwörter und ihrer Verwendung bei der Perfektbildung?) Hat dagegen das Griechische nicht mit dem Deutschen (und nur mit dem Deutschen?) den artikulierten bestimmten Artikel (die Einbeziehung des Artikels in die Deklination, in die Casus-Bildung) gemeinsam?
    Duden: Die Deutschen sind zum Opfer ihrer Sprache geworden, aber ihrer Sprache nicht mehr mächtig.
    Was Günther Anders (Antiquiertheit, 2. Teil, S. 447, Anm. 5) zu den gelegentlich im Fernsehen zu Unterhaltungszwecken arrangierten und gezeigten Besuchen im Privatbereich der Zuschauer bemerkt, gilt nicht nur für diese Sendungen, sondern für das Medium insgesamt: „Während die (dem Unterhaltungsinteresse der Zuschauer, H.H.) „ausgelieferten“ Personen blind gegen uns, die Zuschauer, bleiben, ist es uns, den belieferten Zuschauern, unmöglich, mit den Ausgelieferten in einen mehr als voyeurhaften Kontakt zu treten.“ Der Satz erinnert nicht zufällig an den Kantischen und radikalisiert ihn: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe blind.“ Er beschreibt einen Effekt, der mit der Hypostasierung von Raum und Zeit (der kantischen subjektiven Formen der Anschauung) mitgesetzt ist: den Abbruch jeder anderen als ästhetischen Kommunikation zwischen Anschauendem und Angeschautem, zwischen Subjekt und Objekt. Oder genauer: Die Trennung von Subjekt und Objekt, die durch die Hypostasierung der Formen der Anschauung erzwungen wird, hat notwendig den Abbruch jeder anderen als ästhetischen (durch Herrschaft definierten) Kommunikation zur Folge. Der Ausgelieferte ist nur noch Objekt, der Belieferte zwar Subjekt, aber nur ästhetisches (ohnmächtig zuschauendes), nicht mehr handlungsfähiges, moralisches Subjekt; von der Moral bleibt nur deren Urteilsform (wie unter der Ungreifbarkeit des Imperium Romanum von der politischen Moral als deren Zerfallsprodukt die Sexualmoral, die Verwandlung von Verantwortung in Voyeurismus, übriggeblieben ist: Hinweis auf den Zusammenhang der Astronomie mit der Entstehung des Staates).
    Kunst als Gegenstand von Naturbeherrschung: Das Fernsehen beraubt die Zuschauer ihrer Handlungsfähigkeit (durch Ästhetisierung: durch Projektion der Gegenwart ins Vergangene).
    Historismus als Ästhetisierung der Vergangenheit: Nur durch ihre Ästhetisierung wird die Vergangenheit zum Objekt des moralischen Urteils, des Vergangenheitskolonialismus, während die reale Beziehung zur Vergangenheit, die in den Institutionen noch real und gegenwärtig, und nicht nur vergangen ist, verdrängt wird.

  • 15.08.93

    Eine Theologie, die die Schöpfung der Welt zusammen mit der Entsühnung der Welt enthält, lastet apriori die Politik Gott an und exkulpiert sie zugleich.
    „Die deuteronomistische Geschichtsschreibung … entstellt für unsere Begriffe den Gang der Geschehnisse, indem sie die politischen oder militärischen Fähigkeiten und Erfolge der einzelnen Herrscher verschweigt oder ungebührlich in den Hintergrund treten läßt. … Über solchen zeitbedingten Einseitigkeiten sollte man aber das Verdienst dieses Werkes nicht übersehen.“ (Klaus Koch, S. 72f) Ich glaube, deutlicher kann man das (tendentiell antisemitische) Mißverständnis der Schrift nicht beschreiben.
    Philosophie, Naturwissenschaft und Gedankenflucht: Drückt nicht der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, schon eine erste Angstfigur als Ursprung der Gedankenflucht aus, die dann erst (über die Astronomie) an der Mathematik, am Begriff und an der Logik (schließlich am Denken des Denkens) als Philosophie einen ersten Halt gefunden hat. Mit dem Weltbegriff hat diese Gedankenflucht dann Eingang in die Theologie gefunden. Im Kern der Naturwissenschaften: im Inertialsystem, ist die Gedankenflucht, deren Geschichte die der Philosophie ist, auf ihren Ursprung gestoßen: auf den neutralisierten Inbegriff des Schreckens, der seitdem die ganze Welt überzieht (ist nicht die Vorstellung des leeren Raumes und die einer unendlichen Zeit das unmittelbare Resultat dieser Gedankenflucht?). Sind nicht alle Gedanken Produkt von Gedankenflucht, deren Ursache erst behoben sein wird, wenn „die Schrift erfüllt ist“: wenn Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie das Wasser den Meeresboden. Nur die Umkehr begründet die Geistesgegenwart: nur sie vermag der Gedankenflucht, die wir Denken nennen, Einhalt zu gebieten, aber diese Umkehr wäre eine siebenfache.

  • 14.08.93

    Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Zu S: 33: Ist der Einzelne, dessen Klagelied (Ps 5) er dort zitiert, wirklich nur eine Privatperson (Ähnliches gilt für die „Bekenntnisse“ des Jeremias), oder ist diese Interpretation nicht doch eine ebenso moderne wie verworfene Projektion? Wer ist das Ich dieses Psalms (oder auch: auf wen bezieht sich der Titel des Gottesknechts bei Deuterojesaias)? Von der Beantwortung dieser Frage, so scheint mir, hängt auch das Verständnis der sogenannten „Rachepsalmen“ ab:
    Das Ich in den Psalmen, aber auch das Subjekt in der Prophetie (z.B. in den „Bekenntnissen“ des Jeremias) ist Israel als Verkörperung der Idee einer richtigen Gesellschaft in einer versöhnten Welt. Genau dieser Punkt wird in der nationalistischen (und deshalb antijudaistischen) Interpretation des Alten Testaments verdrängt.
    Die Privatisierung der Psalmen und die Nationalisierung der Prophetie gehören zusammen: Sie sind Instrumente ihrer Neutralisierung.
    Wer das Subjekt der Psalmen als Privatsubjekt versteht, für den ist die Welt schon nationalistisch verhext.
    Ist nicht der Satz des Jesaia, daß am Ende die Erde von Gotteserkenntnis bedeckt sein wird wie der Meeresboden von Wassern (119), auch auf die Philosophie zu beziehen, die die Welt überflutet wie die Sintflut?
    Zu Begriff des Begriffs: Sich an etwas vergreifen heißt zu etwas zugreifen, was einem nicht gehört: Verwandelt nicht der Begriff alles Begriffene in potentielles Eigentum: liegt darin nicht der Schlüssel zum Objektbegriff?
    Zu S. 42: Der Hinweis (zu Amos 87), daß „die ständische Gesellschaftsordnung (sc. in Israel, H.H.) so selbstverständlich (war), daß der Besitzlose zugleich der Rechtlose war“ , geht insofern exakt an der Sache vorbei, als nicht wahrgenommen wird, daß jedes Recht Eigentumsrecht ist, der Besitzlose also kraft des Strukturgesetzes und aufgrund der eigenen Logik des Rechts rechtlos ist. Ebenso problematisch die vorhergehende Unterscheidung zwischen den Armen und den Elenden: Hier scheinen die Elenden zu den Armen zu werden, und die Armen zu einer Art Franziskaner, die ihre Armut Gott weihen? Ist es nicht umgekehrt so, daß in der Bibel Gott selbst sich als einen versteht, der sich in den Armen verkörpert. (Verkörpert sich nicht Gott in den Armen und Israel in den Fremden?)
    Klaus Koch zählt zu den „Elenden“ auch die verschuldeten kleinen Landwirte: Belege?
    Zu S. 43: Will Jahwä wirklich „freie Menschen auf freier Scholle“? (Woher wissen unsere Theologen eigentlich immer, was „Jahwä will“?)
    Im Gegensatz zu Heidegger geht es mir darum, beantwortbare, nicht unbeantwortbare Fragen zu finden. Es geht nicht um die Verdammung (hat das Christentum nicht u.a. die Verdammungsvollmacht vergesellschaftet?), sondern um die Erweckung der Neugier.
    Es gibt ganze Verwaltungszweige (Baubehörden, Ausländerbehörden, Ermittlungsbehörden), in denen die Karriere heute von Anpassung, d.h. von der Adaption der richtigen Vorurteile abhängt.
    Die Verwaltung ist die Privatsphäre (und das Unterbewußtsein) des Staates, die immer mehr alle seine Handlungen beherrscht und sie zugleich jeder wirksamen Kontrolle entzieht (die Forderung nach Einführung des gesetzlichen Lauschangriffs hatte nie die Überwachung der Verwaltung als Ziel).
    Wenn die Liberalen für den Schutz der Privatsphäre sich einsetzen, hängt das nicht auch damit zusammen, daß sie die Geheimsphäre der Privatwirtschaft gegen jeden (auch staatlichen) Zugriff verteidigen? Sind Kanter (CDU) und Hirsch (FDP) nicht doch nur zwei Fraktionen einer gemeinsamen Interessenlage?
    Der Mann, der im Tunnel zudringlich wird: Ist das nicht auch ein Realsymbol des Tratsches, der Medien, auch des Staates, der unter dem Deckmantel der Kriminalitätsbekämpfung immer wirksamere Zugriffsmöglichkeiten in die Privatsphäre anstrebt?
    Die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist ein Teil der Geschichte der Konstituierung und der Verdrängung der Privatsphäre. Der Liberalismus gehört zur Seite der Konstituierung, die Law and Order-Fraktion zur Seite der Verdrängung.
    Wenn die Sintflut ein Realsymbol der Etablierung objektiver Verdrängungsmechanismen ist, die seitdem dem Weltbegriff zugrundeliegen, was bedeuten dann die Folgegeschichten:
    – der Bogen als Zeichen,
    – der Ursprung des Weinanbaus und die Trunkenheit Noas,
    – die Blöße Noas und die Knechtschaft des Ham,
    – der noachidische Bund und das neue Nahrungsgebot.
    Ich glaube, man wird davon ausgehen müssen, daß der Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Kriege ein work in progress auf Dauer war in dem Sinne, daß jede Gestalt des Wiederaufbaus schon den Keim des Veraltens in sich trug. Es ist nicht die Frage, ob sondern wann der nächste Modernisierungsschub unsere Städte und unsere Wohnungen ergreift. Realsymbol Beton: Wie geht man mit Ewigkeitswerten auf Abriß um? Alle Gebrauchswerte, auch die architektonischen, tragen heute das Verfallsdatum auf der Stirn (an der Hand und auf der Stirn).
    Die Naturwissenschaften haben schon vor 300 Jahren das Blaue vom Himmel herunter gelogen. Sind nicht die Naturwissenschaften eine Verköperung der konstitutionellen Verletzung des achten Gebots?
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen
    – den sieben Völkern Kanaans,
    – den sieben unreinen Geistern im NT (und verbinden die beiden Fassungen: von dem unreinen Geist, die in die Wüste geht, und von der Austreibung bei Maria Magdalena, nicht die Landnahme Kanaans mit der Apokalypse?),
    – die sieben Sakramenten in der Kirche und
    – den sieben Siegeln in der Apokalypse?
    Gibt es nicht eine Beziehung des Jordan zum kreisenden Flammenschwert (der sieben Völker Kanaans zu den sieben Planeten)? Bezeichnen nicht beide die Todesgrenze (vgl. hierzu Getsemane)?
    Drückt sich die Trennung von Natur und Welt nicht schon in der Beziehung der Ilias zur Odyssee aus, und gibt es hierzu nicht eine Bemerkung Hegels?
    Wird nicht heute das bellum omnium contra omnes u.a. ausgefochten in der Gestaltung der längst zu einem Instrument der privaten Öffentlichkeitsarbeit gewordenen Privatsphäre? Dieser Krieg erweist sich für die Sieger als eine Fogle von Pyrrhus-Siegen.
    Die Lämmer sind die ersten Opfer des Prinzips homo homini lupus.
    Heute ziehen es alle vor, mit den Wölfen zu heulen; das Zentralorgan der Partei der Mit den Wölfen Heulenden ist BILD.
    Das Mit den Wölfen Heulen gründet in der Angst (der Heideggerschen objektlosen Angst), daß es zum Wolfsein keine Alternative mehr gibt.
    Aber nur das Lamm hat die Vollmacht, die sieben Siegel zu lösen.

  • 11.08.93

    Ist nicht die Bühne ein Inertialsystem, und das Schauspiel, die Oper ein ästhetisches Korrelat der Physik?
    Opfer, Tragödie, Schauspiel: Ist das nicht ein Teil der Geschichte der Ausbildung der Raumvorstellung?
    Hat die Salbung des Königs etwas mit der Einbalsamierung der Toten, insbesondere des Opfers, zu tun? Ist der König nicht das gerettete (das wieder auferstandene) Opfer, der Kaiser hingegen die Verkörperung des philosophischen Monotheismus (der Einheit der Welt)? Was bedeutet dann die Krone, hatten die israelischen Könige eine Krone (David: 1 Sam 1230, 1 Chr 202; Joasch: 2 Kön 1112, 2 Chr 2311)? Ist die Krone der Kranz des Siegers oder der Kranz des Siegers ein Abbild der Krone? Hat nicht (nach der Legende) Karl der Große sich selbst die Krone aufs Haupt gesetzt?
    Natur und Welt werden durch den Einbruch der Subjektivität (genauer: der Intersubjektivität) getrennt.
    Es fehlt eine Kritik der indogermanischen Sprachen.
    Reicht nicht Rosenzweigs Bemerkung, daß das Äquivalent der modernen Technik in der alten Welt die Rhetorik gewesen sei, tiefer, als er selbst es gewußt hat: Sind nicht die sogenannten klassischen Sprachen des Altertums Ingenieursprodukte?
    Was verändert sich in der Sprache mit und nach der Entdeckung der Schrift? Welche innersprachlichen Voraussetzungen müssen für die Entwicklung der Schrift gegeben sein, und welche Rückwirkungen hat die Schrift auf die Sprache (Zusammenhang mit der Tempelreligion, dem Tempelbau, der Tempelwirtschaft: War die Schrift der Turm von Babel)?
    Ist das Christentum nicht ein Produkt der griechischen und lateinischen Tradition, bei gleichzeitiger Instrumentalisierung der jüdischen (wodurch unterscheiden sich die griechischen von den lateinischen Kirchenvätern)?
    Welche ökonomische Entwicklung liegt der Entdeckung des Winkels und welche der des Inertialsystems zugrunde?
    Auf das Futur II und die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit antwortet der Logos mit einer Art Zeitumkehr: mit der Übernahme der Sünde der Welt und der Hereinnahme der schöpferischen Kraft des Wortes in die Schöpfungsidee. Wird hier nicht verständlicher, was mit dem homologein gemeint ist? Und gewinnt nicht erst hier das von den Kirchen entsetzlich verharmloste Wort vom Binden und Lösen seinen ungeheuren Sinn?
    Sind nicht die drei evangelischen Räte Ansätze oder Teile des Versuchs, den Wiederholungszwang endlich zu durchbrechen, der Katastrophe, die darin besteht, daß es immer so weitergeht, Einhalt zu gebieten?
    War nicht der Untergang des Zweiten und Dritten Reiches (die Ergebnisse der beiden Weltkriege) ein zweistufiger Weltuntergang? Oder waren sie nicht die Nachwehen (und ein spätes schreckliches Echo) jenes Weltuntergangs, dessen Zeuge Hegel war? Ist nicht das Erste Reich untergegangen, als Hegel seine Phänomenologie des Geistes schrieb?
    Der 68er Marxismus war von einer erschreckenden Banalität, eigentlich doch nur ein Rechtfertigungskonstrukt privater Probleme der 68er Generation: der Generation der verlorenen Söhne. Sie lebten von dem Gefühl, neu und unbelastet in die Welt gekommen zu sein und haben die Last der Vergangenheit (auch in ihnen selber) offenkundig falsch eingeschätzt.
    Zum Weltbegriff: Wird hier nicht seit seinem Ursprung eine entstehende Atombombe mit einem Rettungsboot verwechselt? Die Geschichte der Welt ist das Maß für das Anwachsen der kritischen Masse der Selbstzerstörung.
    Kritik des Weltbegriffs als Weissagung des Jüngsten Gerichts: Das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über das Weltgericht.
    Das Zeichen des Jona: Jona, der vor dem Prophetenamt nach Tarschisch flieht, wird ins Meer geworfen, vom großen Fisch verschlungen, betet im Bauch des Fischs, wird wieder ausgespien und geht dann nach Ninve, um zu verkünden: In vierzig Tagen wird Ninive zerstört. Und welche Folgen hatte das?
    War die BALM der große Fisch?
    Wo und in welchem Kontext kommt die Auferstehung im AT vor (Jes 2619, Ez 37, Dan 122f, Hos 1314, 2 Makk 79, 1244f)? Alle im Zusammenhang mit der Unterwerfung Israels unter die Weltreiche (Assur, Babylon, Griechen)?
    Privatexistenz heute: das Ersticken im Komfort; das Fernsehen: der Schnuller im Mund; die Medien als Drachenfutter? Aufgabe der Medien heute: den Leuten die Welt, von der sie leben, vom Leibe halten?
    Wäre nicht Habermas‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit endlich fortzuschreiben? Ist nicht Habermas der Mentor einer Wiederbelebung einer Theologie, die längst an den Naturwissenschaften erstickt ist? Gemeinsam mit Bloch, dessen große mystische Inspiration nach seiner marxistischen Bekehrung zur Rhetorik verdampft ist. Und wäre es nicht fortzuschreiben unter dem Aspekt:
    – Distanz zu den Frankfurtern (Verwerfung der Idee einer Rettung der Natur) und
    – im Hinblick auf die gegenwärtige Engführung des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ selber (die Hilflosigkeit und die Ohnmacht der Öffentlichkeit gegen dem, was jetzt sich zuträgt: Zusammenbruch des Ostblocks und Nichtgelingen der „Wiedervereinigung“, Ausbruch der Nationalismen, Verschärfung der ökonomischen Weltsituation; Fremdenhaß, Haß auf das Sichtbarwerden von Armut, Situation der Frauen)
    Hat nicht Habermas mit dem Ausklammern der „Naturfrage“ der Erinnerungsarbeit die Wurzeln abgeschnitten, dem einzigen Hilfsmittel gegen eine immer mehr in der eigenen Logik sich verstrickenden Öffentlichkeit? Ist der Verzicht auf die Kritik an den Naturwissenschaften nicht der Grund für den affirmativen Öffentlichkeits- (und Welt-) Begriff, an dem Habermas festhält, und der seinem Diskurs-Konzept zugrundeliegt (und ihn so harmlos macht)? Ist nicht die Abwehr der Postmoderne (ein Gemeingut der Habermas-Schule) die Abwehr dessen, der sich ertappt fühlt? Ist nicht die Verwechslung des Fremden mit dem Andern das, was die Habermas-Schule mit der Postmoderne verbindet, nur daß Derrida daraus die logischen Konsequenzen zieht, während Habermas die Früchte der Frankfurter Schule weiterhin ernten möchte, aber den Baum längst abgehauen hat? Weiter hilft nur die Einsicht, daß der Begriff des Anderen systemimmanent bleibt (und das Anwachsen der kritischen Masse mit befördert), während nur der des Fremden das System sprengt (bzw. die Sprengkraft des Systems auflöst). Zum Adorno/Benjaminschen Konzept der Säkularisierung aller theologischen Gehalte: Diese Säkularisierung setzt die Erinnerungsarbeit voraus, die Rekapitulierung der theologischen Gehalte. Denn: Auch die Naturwisenschaften sind eine Gestalt der restlosen Säkularisation der theologischen Gehalte, aber eine bewußtlose und die automatische und universale Verdrängungsarbeit fördende. Opfertheologie und Christologie sind Gestalten einer Logik, deren blindes und bewußtloses Fortwirken in den Zivilisationsprozeß selber eingewandert ist und, um des Begreifens dieses Prozesses willen, durch Erinnerungsarbeit der Bewußtlosigkeit zu entreißen ist.
    Die Physik ist der Stein vorm Grab der Vergangenheit: Wer wird ihn fortwälzen?
    Die ersten sechs Siegel (Off 6): die vier apokalyptischen Reiter, die Seelen der Märtyrer und Sonne, Mond und Sterne (die vom Himmel fallen wie ein Feigenbaum seine Blätter abwirft).
    Muß nicht, wer die Lehre von der Auferstehung ernst nimmt, die Unsterblichkeitslehre, die die Welt verrät, indem sie sie affirmativ rezipiert, verwerfen?
    Zur prophetischen Tradition: Neben dem Votum für die Fremden steht das für die Witwen und Waisen, wobei das für die letzten beiden gemeinhin zusammengefaßt wird als Votum für die Armen. Aber gehören die Frauen (die Witwen) nicht konstitutiv zu den Armen: Wer sind die Witwen? Sind es nicht die, die wie die Fremden und die Armen nur noch herausfallen aus den Strukturen des Patriarchats? Die Töchter leben unter dem Schutz des Vaters, die Frauen unter dem ihres Mannes, aber die Witwen fallen nur noch heraus. Müßte es heute nicht heißen: das Votum für die Fremden, die Armen und die Frauen?
    Wo wurde das Konzept der „narrativen Theologie“ entwickelt? Verdacht der Ambivalenz: Ist es nicht auch ein Kozept der Remythisierung, der Neutralisierung des kritischen Gedankens? (Gefahr, daß mit dem Urteil, dem Begriff, auch das Gebot, die Lehre, verworfen wird.)

  • 10.08.93

    Vielleicht lohnt es sich doch, den verbleibenden Irritationen bei Erich Zenger noch einmal genauer nachzugehen (teilweise erinnern sie mich an FW Marquardt).
    Ist der reiche Mann in dem Gleichnis vom armen Lazarus, den Lazarus auf Moses und die Propheten verweist, nicht die Kirche? Und wer sind Martha und Maria (wer ist insbesondere Maria, die „den besseren Teil erwählte“)?
    Hat Thales mit dem Satz, mit dem die Philosophie beginnt: Alles ist Wasser, nicht das Feuer verdrängt?
    Urknall und Schwarzes Loch: Sind nicht die Naturwissenschaften selber das Schwarze Loch, das die ganze Schöpfung in sich hereinsaugt und keine Strahlung mehr herausläßt, und wird der Urknall nicht am Ende sein (wie alle Erscheinungen, die mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zusammenhängen, Zeitumkehr-Erscheinungen sind: Die Kausalität ist eine verdinglichte Finalität)? Steckt darin nicht der Ansatz zur Lösung des Rätsels der Beziehung von Gravitation und Licht (das Rätsel Newtons und Einsteins)? Paradigma Newton: Seine Optik war eine zwangsläufige Konsequenz aus seiner Gravitationstheorie.
    Die Seitenansicht der Dinge, die über Kopernikus und Newton sich durchgesetzt hat, hat die sinnliche Welt von innen zerstört (das Bewußtsein desensibiliert).
    Der Begriff der Umkehr basiert auf einer Raummetaphorik; dazu gehört
    – im Angesicht und hinter dem Rücken,
    – rechts und links (Gericht und Gnade), und
    – oben und unten (die Herrschaftsmetaphorik).
    Aber diese Metaphorik hat ihre Eindeutigkeit verloren, seitdem jede Richtung im Raum mit jeder anderen austauschbar geworden ist. Der Raum selbst hat die in ihm gründende Metaphorik vernichtet. Nur über die Kritik des Weltbegriffs (über die Rekonstruktion der Metaphorik, die keine bloße Metaphorik ist, gegen die sie vernichtende mathematische Raumvorstellung): durch die Kritik des durch die intentio recta definierten Erkenntnisbegriffs hindurch, der dann in die mathematische Konstruktion der Raumvorstellung sich verstrickt, läßt sich der Begriff der Wahrheit rekonstruieren. Deshalb gehören heute die Logik der Umkehr, die Logik des Namens und die Logik des Angesichts zusammen. Zusammengefaßt sind diese drei Elemente in dem Wort Johannes des Täufers über Jesus in Joh 129.
    Durch den Gehorsam haben die Christen das Hören verlernt, durch die Enthaltsamkeit die Keuschheit und durch das Selbstmitleid die Armut.
    Hängt das hebräische Wort für Schiff: anijah, mit dem Ich (ergänzt durch das theophore Element) zusammen, oder ist es die feminine Fassung des Wortes für Ich (Hebr. Grammatik, S. 80.87)?

  • 09.08.93

    Ich bin im Begriff, etwas zu tun: Was bedeutet der Begriff in dieser Redewendung?
    Prinzip der Aufklärung: Alles sehen, aber selbst nicht gesehen werden (das Erkenntnissubjekt und der Fernsehzuschauer): sich raushalten (Scham- und Schuldvermeidung). Die Wissenschaft und das Fernsehen sind ihrer eigenen Logik zufolge voyeuristisch und pornographisch zugleich.
    Funktion des blendenden, den Ermittler unsichtbar machenden Lichts (eine Erfindung der Gestapo?): Liegt hier nicht die Wurzel des Scheins in Philosophie und Kunst (der Grund der Ästhetik)? Durch ihre Beziehung zu den transzendentalen Formen der Anschauung (zur transzendentalen Ästhetik) werden die Objekte der Erkenntnis zur Erscheinung: zu einer Totalität des Scheins (Schauspiel, Theater, Film, Fernsehen), die dann von den logischen Gesetzen des Welt- und Naturbegriffs beherrscht wird.
    Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung der Grund jeder Ästhetik (und ihres gegenständlichen Korrelats: des Mythos)?
    Das Nichtgesehen-Werden-Wollen ist der Ursprung der Privatsphäre und aller Geheimnisbereiche seitdem.
    Adornos Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“ hängt mit dem Rosenzweigschen, daß man sich von der Last nur dann befreit, wenn man sie auf sich nimmt, zusammen. Ungeliebt fühlt sich nur der Schuldige. Die Leugnung der Schuld, die mir von andern nicht vorgeworfen werden kann, weil sie rechtlich nicht zurechenbar ist, wird als „Haß der Welt“ erfahren und führt zwangsläufig in die Paranoia. Bezeichnet nicht das Täuferwort in Joh 129 genau den Grund der Befreiung, der Erlösung?
    Hebr. berit, griech. diatheke, Bund oder Testament: War nicht das Urschisma: die Feindschaft zwischen dem Mitinhaber und dem Erben der Firma, unvermeidbar (und war dies nicht der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehn), und ist nicht an dem Namen des „Alten Testaments“, der eine relationale, nicht eine historische Beziehung bezeichnet, doch festzuhalten? Sind nicht die Juden in der Tat in der Rolle des Bundes, wir dagegen in der des Erben, durch eine Todesgrenze, die den Erbschaftsfall hat eintreten lassen, vom Bund getrennt? Ist eigentlich das „Neue Testament“ schon der „Neue Bund“?
    Das Bekenntnis ist ein Produkt der Anpassung der Umkehr ans Herrendenken, das es ohne Feindbild (die Juden), ohne Verräter (die Ketzer) und ohne Sexismus (den Genuß der Unterwerfung der Frauen und der Heiden) nicht gibt (das Bekenntnis hat die Theologie besoffen gemacht: aber die Betrunkenen merkens nicht mehr).
    Kohl will den nächsten Wahlkampf mit dem Thema „Wirtschaftsstandort Deutschland“ führen. Das Thema wird also sein: der Überlebenskampf der Nation im internationalen Wettbewerb, oder wie es in dem vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz mit unterzeichneten Aufruf für die Genforschung in der Bundesrepublik hieß: Deutschland muß die Nummer 1 bleiben. Die Schamlosigkeit, mit der weiterhin eine Wirtschaftspolitik gegen eine Welt von Konkurrenten draußen und gegen den „Leistungsmißbrauch“ der Armen im eigenen Land betrieben wird, eine Wirtschaftspolitik, die im wörtlichen Sinne über Leichen geht und draußen die Verhältnisse schafft, gegen deren Rückwirkungen auf das eigene Land die (in der „Verteidigungspolitik“ und im Asylrecht) nötigen Vorkehrungen zu treffen sind, eine Wirtschaftspolitik, deren Botschaft an die Wähler ist: Nur wer stark ist, wer bereit ist, die Ellenbogen einzusetzen, hat Chancen, sich selbst durchzusetzen; eine Wirtschaftspolitik, deren oberster Grundsatz der nationale Egoismus ist (der gleiche, der in diesem Jahrhundert schon zweimal die Welt mit Krieg überzogen hat, nur heute anderer, „ziviler“ (aber vielleicht schon bald nicht mehr nur ziviler) Mittel sich bedient; wer unter die Räder kommt, hat’s auch nicht anders verdient, denn wir leben in einer Welt, in der jeder, sofern er den Gesetzen der Leistungsgesellschaft sich anpaßt, die Möglichkeit hat, sein Glück zu machen. Ist dies nicht das Drachenfutter für jene, für die wir uns dann alle wieder begeistert schämen dürfen? Wird hier nicht das Motto gepredigt: Augen zu und durch?
    (außerdem:
    – Kein Reichtum ohne Produktion von Armut, die wir nach draußen exportieren; aber ist nicht die Aufnahmefähigkeit draußen erschöpft? Gibt es noch eine Alternative zum Reimport der Armut (Kürzung der Sozialleistungen, Hilflosigkeit gegen die wachsende Arbeitslosigkeit, Ansteigen der Obdachlosenzahlen im Innern und der Flüchtlingszahlen draußen), und wie geht’s weiter, wenn auch hier die Aufnahmefähigkeit erschöpft ist?
    – Der Zwang zur Absicherung der für unseren Reichtum notwendigen Ressourcen (des Rohstoffbedarfs und der für die Belieferung notwendigen Verkehrswege) definiert die Rolle der Bundeswehr neu (Testfall: Somalia)?
    – Wird nicht erstmals – und das in dem Augenblick, in dem die „freie Marktwirtschaft“ (die sich einmal eine Soziale M. nannte) über den Sozialismus gesiegt hat: damit die Mittel, die eigenen Probleme zu begreifen, beseitigt hat – die Politik auf ihren realökonomischen Grund zurückgeführt, und das in voller, nach innen wie nach außen explodierender Brutalität?
    – Ist dieser Nationalismus nicht das genaue Pendant des überall explodierenden Nationalismus (nach dem Zerfall des Ostblocks, der die „Kräfte des Merktes“ endgültig freigesetzt hat, die mit dem Instrumentarium des moralischen Urteils nicht mehr zu beherrschen und vor allem nicht mehr zu begreifen sind), und die EG nur dessen Erfüllungsorgan (wird nicht die EG von Ministerialbürokratien beherrscht, die selber nur noch die Lobby der Wirtschaft sind – das Ende der Politik und ihre Neukonstituierung als Verwaltung als Grund der Entpolitisierung: jetzt kommt es nur darauf an, die Leute zu unterhalten, sie abzulenken, damit sie nicht merken was läuft)? Nicht bewußt und mit Absicht, sondern unter dem Zwang dessen, was die Verwaltung so gerne Sachzwänge nennt, ist sie zum bloßen Vollzugsorgan der Wirtschaft geworden.
    War der moralische Impuls, den der Vietnam-Krieg ausgelöst hat (und mit ihm die 68er Bewegung bis hin zur raf), nicht doch im Kern ein ästhetischer, unpolitischer Impuls (politisch aus der Sicht der Zuschauer); wird es nicht jetzt zum erstenmal ernst: im Angesicht der Tatsache und des Gewichts der wirtschaftlichen Verflechtungen, die heute das Ganze zu einer explosiven Masse zusammenfügt. Die Frage ist: Wann wird die kritische Masse erreicht, die die Explosion auslösen wird, wie lange werden wir die selbstzerstörerischen Kräfte noch eindämmen können?
    Kann es nicht sein, daß der gegenwärtige Weltzustand nur noch auf der Grundlage der Lehre von der Auferstehung zu begreifen ist? Und ist es nicht umgekehrt denkbar, daß die Angst vor dieser Einsicht in den gegenwärtigen Weltzustand der „Religion“, die in diesen Weltzustand bis ins Innerste verstrickt ist, den Boden entzieht?
    Der Grund dafür, daß der Vietnam-Krieg noch aus ästhetischer Distanz kritisiert werden konnte (was der „Betroffenheit“ nicht nur nicht widerspricht, sondern durch sie geradezu bestätigt wird), lag darin, daß die Kritik der Naturwissenschaft (und damit die Kritik des „Naturgrunds von Herrschaft“) noch nicht als Teil der Gesellschaftskritik begriffen war (vgl. hierzu die Absetzbewegung Habermas‘ von der Frankfurter Schule).
    Ästhetische Distanz: das ist das Werk der subjektiven Formen der Anschauung.
    Wer heute mit dem Argument „Ich komme darin nicht mehr vor“ aus der Kirche herausgeht, sollte vielleicht einmal kurz darüber nachdenken, ob er damit nicht einen der letzten Widerstände gegen einen Weltzustand abbaut, in dem dann im allerwörtlichsten Sinne niemand mehr vorkommt (ob nicht die Rache, wie immer, den Falschen trifft).
    DdA: Heute kein Land, in dem man nicht wegen einer falschen/ab-weichenden Meinung um sein Leben fürchten muß (heute überholt: man darf alles sagen, weil es keine Wahrheit mehr gibt).

  • 08.08.93

    Das Werk von Charlotte Klein wäre noch wirksamer, wenn es das mit Händen zu greifende projektive Moment im kirchlichen Antijudaismus mit herausgearbeitet hätte. Aber das wäre nur möglich gewesen, wenn der Antijudaismus nicht nur als subjektive Gesinnung, sondern als ein objektiv in Geschichte und Selbstverständnis der Kirche verankertes Strukturelement begriffen worden wäre: Der Antijudaismus wirft den Juden genau das vor, was man selber tut, aber, da mit dem eigenen Selbstbild nicht vereinbar, vor sich selber verbergen, verdrängen muß (die Kirche war die erste jüdische Häresie, die diesen Makel dann in der Geschichte der Häresien, die ihre eigene war, unter einem selbstverschuldeten Wiederholungszwang abarbeiten mußte); für die Verdrängungsarbeit benötigte sie die Juden, die Ketzer und die Frauen als Projektionsfolie.
    Siegel und Etikett (Name und Markenzeichen): Wenn ich auch einen Baum mit lauter Feigenblättern behänge, so wird doch kein Feigenbaum daraus.
    Die Sexualmoral ist zur Sexualmoral erst geworden, als sie um ihre politische, herrschaftskritische Dimension verkürzt wurde. Das war nur möglich durch die Rezeption des Weltbegriffs, aber dann auch zwangsläufig (Beschneidung des Erkenntnisbegriffs durch Einbau redundanter Projektionsmechanismen).
    Der Begriff macht das wiederkehrende Tun eines Subjekts zu einer dauernden Eigenschaft eines Objekts. Diese Differenz begründet den Unterschied zwischen Natur- und Weltbegriff (Natur bezeichnet das empirische, Welt das logische Apriori des Objektbegriffs). Aber diese beiden Momente: Tun und Eigenschaft, stehen gleichsam orthogonal zueinander (die Griechen haben den Winkel entdeckt); und erst vor dem Hintergrund eines vollständig orthogonalen Systems (der apriorischen Raumvorstellung) werden Natur und Logik zu in sich geschlossenen Systemen (Zusammenhang mit dem biblischen Kelchsymbol und der Trunkenheit, die auf den Grund der Trennung von Natur und Welt verweist: nur die nach allen Seiten offene Natur garantiert die Geschlossenheit der Welt, begründet den objektiven Schein ihrer Beherrschbarkeit; erst im Horizont einer unendlichen Zeit kann ich alle Vorgänge in ihr als abgeschlossen, als einmal der Vergangenheit angehörig ansehen: indem ich jeden Gedanken an eine Auferstehung ausschließe).
    Der Gewaltakt, mit dem die Vorsokratiker die Philosophie begründet haben, war der der Trennung von Natur und Welt, sprachlogisch begründet im Futur II.
    Mit der Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wurde die Idee der Wahrheit gesprengt.
    Käme es nicht darauf an, den Staat und die raf aus dem Clinch zu lösen?
    Hat nicht die Linke recht: das, was ist, ist die Katastrophe; aber hat nicht auch die Rechte recht: dazu gibt es keine Alternative?
    Die subjektiven Formen der Anschauung, die auch systemlogisch zusammengehören, sind das Grundinstrument der Vergesellschaftung des Bewußtseins, seiner Beherrschbarkeit und seiner Selbstausblendung zugleich. Durch die intentio recta schließt sich das Denken, ohne es zu merken, selbst von der Wahrheit aus.
    Sind nicht die Wasser das Realsymbol der Einheit von Mythos und Aufklärung?
    Die Trennung der primären und sekundären Sinnesqualitäten, die den Anfang der erkenntniskritischen Reflexion der modernen Naturwissenschaften bezeichnen, steht unter dem Bann des Gesetzes der Intentionalität und entstellt den zugrundeliegenden Sachverhalt insoweit, als sie seine wichtigsten Folgen zugleich ausblendet und unkenntlich macht. So verschwindet vor allem die Erinnerung an die alten Elemente völlig. Die Elemente, und hier vor allem das Wasser (das Flüssige) und das Feuer (das brennt und erleuchtet), lassen sich (wie insbesondere auch das Licht) nicht auf punktuelle Empfindungen reduzieren, sondern sind bestimmbar nur als innigste Vereinigung sinnlicher und sprachlicher Elemente: man darf vermuten, daß sie an das Zentrum der benennenden Kraft der Sprache rühren; mit ihnen wird Sensibilität (die etwas anderes ist als Empfindlichkeit, und ohne Sprache, ohne Mimesis, ohne objektive Phantasie nicht zu denken ist) an der Wurzel abgeschnitten. Gewinnt nicht das Desiderat einer Theorie des Feuers eine immer brennendere Aktualität? Dazu gehört:
    – Ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon; aber auch
    – die Stelle aus dem Petrusbrief, wonach diese Welt in Feuer vergehen wird.
    Das Feuer, der Name und das Angesicht: die drei Zentren einer Logik der Umkehr.
    Ist nicht
    – der Raum der Ursprung des Begriffs und die Leugnung des Namens,
    – das Geld der Ursprung des Wassers und die Leugnung des Feuers und
    – das Bekenntnis der Ursprung der Sexualmoral und die Leugnung des Angesichts;
    wie stehen diese drei Zusammenhänge
    – zur Trinitätslehre und
    – zu den drei evangelischen Räten?
    Haben wir nicht das Feuer vom Himmel geholt, und brennt es nicht schon? Aber das Wasser ist geblieben, das Flüssige im Oberen, in dem sich nichts mehr dingfest machen läßt (sind Feuer und Wasser die zwei Seiten des Himmels: das Feuer sein Angesicht, das Wasser seine Rückseite, und hat in der Sintflut die Rückseite des Himmels die Erde überflutet?).
    Gilt das Wort: Laßt die Toten ihre Toten begraben, für die Physik, die Ökonomie und das Bekenntnis?
    Die Würde und das Sein: Problem der Hilfszeitworte (gründet nicht auch der Wertbegriff in einem Hilfszeitwort?). – Treten nicht im Lateinischen erstmals Hilfszeitworte auf (bei den Perfektbildungen: im Prozeß der Vergegenständlichung des Vergangenen), und welche Bedeutung hat das für die sprachlogische Struktur dieser Sprache?
    Hegels Satz, er sei von Gott dazu verdammt, ein Philosoph zu sein, wäre, um der Wahrheit willen, ein wenig zu korrigieren: nicht von Gott, sondern vom Absoluten war er verdammt.
    Ist nicht das Scheiden eine Tätigkeit des Richtens? So schied Gott das Licht von der Finsternis, und so schuf Gott eine Feste, die die oberen von den unteren Wassern schied (an die er demnach erstmals das Richten delegierte), und er nannte diese Feste Himmel. Und schließlich schied er das Wasser unter dem Himmel vom Trockenen (er ließ es sich an einem Orte sammeln, damit das Trockene sichtbar wurde).
    Der Weltbegriff macht das, was eine Sache für andere ist, zu ihrem Wesen.
    Was bedeutet das Wort
    – „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ (Mt 822)? So beantwortet Jesus die Bitte eines Jüngers, der, bevor er ihm folgen will, heimgehen und seinen Vater begraben möchte;
    – zuvor beantwortete er die Bitte eines Schriftgelehrten, der ihm nachfolgen will, mit dem Hinweis: „Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (819f);
    – bei Lukas kommt noch ein dritter, der vorher von seiner Familie Abschied nehmen möchte; ihm antwortete er: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ (Lk 957ff).

  • 07.08.93

    Im Selbstmitleid ergreift die Sintflut ihren Verursacher. Sind nicht die fremdenfeindlichen Überflutungsängste projektive Abarbeitungen des Selbstmitleids?
    Heute wäre ein Gottesbeweis nur noch über die Logik des Namens zu führen.
    Wir exportieren die Armut in die „Dritte Welt“ und brauchen die Rüstung, um unsere Beute zu sichern. Ein projektiv verarbeitetes Christentum hilft hier, schon die Wahrnehmung der Tatsachen auszublenden (was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß). Das Problem liegt nicht mehr in der Frage nach der richtigen Gesinnung, oder ob man auf der richtigen Seite steht, sondern in der Frage nach dem Zustand der Welt.
    Ich weiß nicht, welche Wirkungen eine Theologie hinter dem Rücken Gottes auf Gott hat, aber ich weiß, was sie bei denen anrichtet, die sie betreiben.
    Was drückt sich eigentlich in der Konsonanten-Kombination -pfl-aus: Pflicht, Pflanze, pflücken, Pflaume, Pflaster, Pflock?
    Die erkenntniskritische Reflexion der modernen naturwissenschaftlichen Aufklärung hat mit der Unterscheidung der primären und sekundären Sinnesqualitäten begonnen. Aber die Einschränkung der primären Sinnesqualitäten auf „Empfindungen“ hat das Problem verkürzt, indem sie es subjektivierte. Mit getroffen wurde der gesamte sprachliche Bereich des Namens, zuletzt erkennbar an der „vorwissenschaftlichen“ Elementenlehre. Wasser, Feuer, Luft und Erde, auch Licht und Finsternis (aus deren benennender Kraft die „Aufklärung“ ihren Namen herleitet), und die mit diesen Namen verbundenen sinnlich-sprachlichen Konnotationen sind seitdem gegenstandslos geworden. Gründete nicht die Entsinnlichung der Welt in dem theologischen Konzept der Entsühnung der Welt und der damit verknüpften Sexualmoral? Stand nicht diese Aufklärung insgesamt in der christlichen Tradition der Desensibilisierung?
    Ist nicht Sinnlichkeit, soweit sie als Sensibilität sich begreift, eine sprachliche Bestimmung (das Medium des verlorenen Namens)? Theologie im Angesicht Gottes ist eine sensibilierte Theologie (die Rekonstruktion des Bekenntnisses des Namens), Theologie hinter seinem Rücken hingegen ein Instrument der Desensibilierung und der Zerstörung des Namens.
    Müßten nicht in einer Theologie, die dann sich selbst durchsichtig wird, Marx, Freud und Einstein, sowie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Georg Lukacs, Ernst Bloch, Walter Benjamin, Max Horkheimer und Theopdor W. Adorno ihre Stelle finden?
    Findet nicht die mittelalterliche Eucharistie-Frömmigkeit ihre projektive Entsprechung in den antijüdischen Hostienfrevel- und Ritualmord-Legenden?
    Kirche, Heiden und Ketzer: Überzeugen ist unfruchtbar (Walter Benjamin), die Widerlegung stabilisiert und verinnerlicht das Widerlegte. Was bedeutet es und welche Folgen ergeben sich aus der These, wonach die Kirche mit der Reformation ihre häresienbildende Kraft verloren hat und es seitdem nur noch Sekten gibt?
    Steckt nicht in der Vorstellung, daß Basisgemeinden in der Metropole eigentlich Penner-, Knast- und Hurengemeinden sein müßten, ein trinitarisches Moment?
    – Wer heute aus einem Ur in Chaldäa emigriert, hat keine Chance mehr, ein gelobtes Land zu finden;
    – wer heute in die Fänge des Rechtsstaats gerät, hat keine Chance, vergöttlicht zu werden;
    – und wer der lebenslänglichen Unterwerfung der Ehe unters Tauschprinzip sich entzieht, verfällt ihm als Hure.
    Zusammenhang von Urschisma und Gnosis: Ist nicht das NT das erste Dokument der nach dem Urschisma (und in Reaktion darauf) sich herausbildenden Orthodoxie; aber ist es nicht zugleich auch ein Dokument, das in sich, und zwar in seinem Kernbestand, selbst die Warnungen gegen die Orthodoxisierung des Christentum enthält:
    – Joh 129 und die Abschiedsreden („wenn die Welt euch haßt …“),
    – „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“,
    – die Feindesliebe,
    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“,
    – Maria von Magdala und die sieben unreinen Geister,
    – die drei Leugnungen Petri,
    – das Wort vom Binden und Lösen,
    – die Auferstehungs- und Auferweckungsgeschichten,
    – die Sündenvergebung und die Austreibung der Dämonen,
    – das Wort, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden,
    – Getsemane und der Kelch,
    – die drei evangelischen Räte (Marx, Freud und Einstein),
    – die Apokalypse, die Lösung der sieben Siegel (und die Reihe von Cohen bis Adorno) und die Offenbarung des Namens (der „Weltuntergang“).
    (Wäre eine Zuordnung der 10 Namen von Marx bis Einstein und Cohen bis Adorno zu den 10 Sefirot denkbar?)
    Hat nicht die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Psalmen als privates Gebetbuch zu lesen (und mißzuverstehen)? Und hat nicht durch die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft (und den Ursprung und die Geschichte des Weltbegriffs hindurch) die Offenbarungsgeschichte insgesamt sich so verändert, daß die Beziehung des Alten und Neuen Testamentes nur vor diesem Hintergrund durchsichtig wird (im Kontext des Symbols der „Dornen und Disteln“, vom Sündenfall, über die die Jotamfabel und die Institution des Königtums, über David und die messianische Geschichte: die Geschichte der Verinnerlichung der Dornen und Disteln).
    Der Rechtsstaat ist nicht nur kein Mittel gegen den Faschismus, er ist eine Verkörperung des unreinen Geistes, der ihn erzeugt.
    Alles ist Wasser (Thales): Der Mythos in all seinen Gestalten war das Medium der Reflexion des Ursprungs des Staates vor seiner Konsolidierung. Der Weltbegriff, der die Konsolidierung des Staates besiegelte, hat den Mythos überflüssig gemacht, seine Quellen trockengelegt. Aber ist nicht die Sintflut ein Realsymbol für den Untergang der mythischen Welt, für seine Überflutung mit den Wassern des Begriffs (und die Arche ein Symbol der Erinnerung)? Und gehört zu dieser Geschichte nicht auch die vom Weinanbau, von der Trunkenheit und der aufgedeckten Blöße?

  • 06.08.93

    Die Reversibilität aller Richtungen im Raum ist der Grund der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit und die absolute Verhinderung der Umkehr. Das Tote ist das Produkt der Verweigerung der Umkehr.
    Ist nicht die Philosophie eine Seitenansicht des Mythos, in der die Formelemente erhalten bleiben, aber die Inhalte sich gleichsam in Luft auflösen. Ein zweiter Schritt des Herrendenkens; den dritten hat dann das Christentum getan (mit der dogmenbegründenden Ausbeutung der Ambivalenz des Oben/Unten-Paradigmas).
    Was bedeutet eigentlich der Satz: Musik erfüllt den Raum? Edgar Morin hat einmal darauf hingewiesen, daß im Kino Musik die Funktion erfüllt, den flachen Bildern des Films Tiefe und Plastizität zu verleihen. Ist die Musik nicht (im Rosenzweigschen Sinne) eine Weissagung der Einheit von Licht und Sprache? Und ist es nicht auch von daher begründet und sinnvoll, in der Philosophie der Neuen Musik den Teil über Schönberg auch auf Einstein zu beziehen?
    Zu den Konnotationen des Wassers: Schicksal, Sintflut, Rotes Meer, Taufe, der Geist Gottes über den Wassern und die Trennung der unteren von den oberen Wassern. Sind die Wolken des Himmels, auf denen der Menschensohn am Ende wiederkehren wird, Projektionen der unteren Wasser in die obere Welt (Produkt der Subsumtion der oberen Wasser unter die Vergangenheit, die Entstellung und Vertreibung des Segens)?
    Wir sind die Sintflut, die über die Welt gekommen ist.
    Zum Wunder von Kana: Waren es nicht Reinigungskrüge, und war es nicht im Kontext einer Hochzeit, und fällt hier nicht das Wort: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Seine Jünger waren mit dabei, jedoch merkwürdig stumm. Man hat das Gefühl, sie sitzen nur dabei, sperren Nase, Mund und Ohren auf, und verstehen nicht, was hier vorgeht.
    Ist nicht die Geschichte von David, dem Hetiter Urijas und seiner Frau Batseba (der Mutter des Salomo) typologisch (der messianische David, Batseba, die Frau des „indogermanisch“-hetitischen Urijas, und Salomo, der Sohn der Batseba)?
    Zur Geschichte von den drei Leugnungen: Ist nicht
    – die Magd des Hohepriesters die Theologie, und sind nicht
    – die Umstehenden die Welt?
    Und lassen sich nicht die drei Leugnungen ohne Mühe auf die Anfragen
    – der Juden (und den kirchlichen Antijudaismus und die Kirchenväter),
    – des Islam (und die Scholastik) und
    – der modernen Aufklärung (und die Unfähigkeit der Kirche, darauf noch rational und – aufgrund der Selbstreferenz, der Rückbeziehung auf die erste Leugnung – unterm selbstverschuldeten Rechtfertigungszwang ohne Selbstverfluchung zu reagieren), sich beziehen?
    Die Welt ist nicht nur, wie bei Heidegger, das Vorhandene und das Zuhandene; die Einschränkung des Weltbegriffs auf diese beiden Attribute schließt das Moment der Selbstverfluchung mit ein (das Vorlaufen in den Tod, die Entschlossenheit).
    Der Heideggersche Begriff der Frage, die heroische Leugnung der Beantwortbarkeit der „eigentlichen“ Fragen, ist die letzte Konsequenz des Nominalismus: die Leugnung des Namens, die letzte Leugnung der Erwartung, daß das Wort sich erfüllt (Heidegger: das letzte Objekt der Sintflut – vgl. das In-der-Welt-Sein, die Entschlossenheit, das Vorlaufen in den Tod, die selbstverschuldete Verstrickung in den alternativlosen Gegensatz des Vorhandenen und Zuhandenen, Folge der Verführung durch die indikativische Logik der Fundamentalontologie, oder: die Selbstneutralisierung durch Eigentlichkeit). Die Fundamentalontologie identifiziert den Infinitiv Sein (aufgewertet zum Seyn) mit dem Possessivpronomen der dritten Person sing. masculinum und neutrum (und findet sein biblisches Gegenstück im Staubfressen der Schlange).
    Der Existentialismus, und zwar schon der Kierkegaardsche, dispensiert von der Logik; daher kommt es, daß es zur Struktur des Sterns des Erlösung bis heute, abgesehen von den Ansätzen bei Stephane Moses, keine wirklich zureichenden Analysen gibt. Erst eine produktive und konstruktive Analyse des Sterns, dieses kunstvoll verschlungenen Systems, befreit die Rosenzweig-Rezeption vom Stammeln.
    Vater und Mutter ehren heißt auch, ihre Dummheiten begreifen.
    Heißt parakletisches Denken nicht, in der von den Vergangenheiten beherrschten Welt die Gegenwart wieder zu entdecken?
    Die Instrumentalisierung des Marxismus in diesem Jahrhundert und der Theologie vor 1600 Jahren zum Herrschaftswissen waren nur möglich, solange sie das herrschaftskritische Moment, das beide enthielten, projektiv nach außen wenden konnten, anstatt es reflexiv in den Erkenntnisbegriff mit hereinzunehmen (wie Benjamin, Horkheimer und Adorno es im Anschluß an Georg Lukacs getan haben). Aber ist das heute nicht erst dann möglich, wenn das projektive Moment in den Fundamenten unserer Zivilisation, in dem ihre zugrundeliegenden Erkenntnisbegriffs selber (auch in der Kerndisziplin der Aufklärung: den Naturwissenschaften), begriffen wird?
    Ist nicht der Hegelsche Begriff der Aufhebung eine subtile Entstellung des Auf-sich-Nehmens der Sünde der Welt, und so, zusammen mit der List der Vernunft (die eine Selbstüberlistung ist: sie leugnet den Tod und ersetzt die Hoffnung auf Auferstehung durch die leere Unsterblichkeitslehre), der reallogische Grund des Absoluten? – Vgl. hierzu Zenger, S. 135f, das Kehl-Zitat. Ist nicht die Grundlage der Hegelschen Aufhebung (der Konstitution des Hegelschen Begriffs) die Ersetzung des Auf-sich-Nehmens durch das Hinwegnehmen? So hängt die Hegelsche Logik in der Tat mit der christlichen Trinitätslehre zusammen. Franz von Baaders Bemerkung über die Hegelsche Philosophie wäre zu ergänzen: Sie ist nicht nur das Auto da Fe der bisherigen Philosophie, sondern auch das der bisherigen Theologie.
    Nur im Kontext der Auferstehungslehre ist der Satz im Stern zu begründen: Der Name ist nicht Schall und Rauch.
    Ist nicht Simson, der, nachdem ihm die sieben Locken abgeschnitten waren, im Keller der Philister die Mühle drehen mußte, ein Typos der Theologie? Aber als ihm die Locken wiedergewachsen waren, hat er die Säulen eingedrückt und das Haus der Philister zum Einsturz gebracht. Waren es nicht Philister – wie vorher die Ägypter -, die die Israeliten Hebräer nannten?
    Ist die griechische Sprache der Kelch, den seine Jünger trinken mußten?
    Entspricht der systembegründenden Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip im Ursprung des Kapitalismus am Ende die aus Gründen der Systemerhaltung notwendige Rückkoppelung von Massen-Produktion und Massen-Konsum durch die Werbung (die Adorno zufolge den Tod verschweigt)? (Gibt es einen systemlogischen Zusammenhang mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, der speziellen Relativitätstheorie und seiner ungeklärten Beziehung zur Quantenphysik?)
    Im Sozialismus gab es keine Reklame, nur Propagande und die Hypertrophie der Geheimdienste.
    Dienstleistungsgewerbe: Ist nicht auch das Militär ein Dienstleistungsgewerbe, und muß heute nicht (aus Gründen der Systemerhaltung) ein immer größerer Teil der Produktion für den Dienstleistungsbereich verwandt werden (vgl. auch das Anwachsen der Kosten der Dienstleistungen im Bereich der privaten Selbsterhaltung)? Und erniedrigt sich nicht der Staat zum Dienstleistungsunternehmen für die Erhaltung des Apparats, in den sich das ganze Gewicht der vergesellschafteten Selbsterhaltung verlagert?
    Getsemane: Steckt nicht in jeder Todesangst etwas davon, daß das Entscheidende, das man hätte tun können, um die Welt aus ihrer Verstrickung zu befreien, nicht getan worden ist? Steckt nicht in der Todesangst die unaufgehellte Beziehung zur Welt?
    Zu Mantel und Rock (Mt 540, Lk 629) vgl. im Stern der Erlösung, S. 361ff: Der Mantel ist der Gebetsmantel, und zum vollständigen Sterbekleid (das der Bräutigam unterm Trauhimmel auch als Hochzeitskleid trägt) gehört außer dem Gebetsmantel auch noch der Rock (Chiton und Tunica). Steht dieser Rock in der Tradition des Rocks aus Fellen und der Rock, der keine Naht hatte (über den unterm Kreuz das Los geworfen wurde)?
    „Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum, aber es gibt auch keine Religion, in deren Namen solche Untaten begangen wurden.“ (Horkheimer) Sind das nicht zwei Seiten eines Blattes: wenn ich die eine durchreiße, vernichte ich auch die andere? Das Gleichnis Jesu vom Weizen und Unkraut würde dazu passen. Hat nicht dieses Blatt solange zwei Seiten, wie die Welt besteht? Aber dann müßte zur „Rückseite“ des Blattes als konstitutives Moment jene Subjektivität mit dazugehören, die den Weltbegriff konstituiert (der die Sicht „Hinter dem Rücken“ zum Ganzen macht: der das Angesicht leugnet). – Es gibt keine Theologie im Angesicht Gottes ohne Kritik des Weltbegriffs. Die Rückseite des Blattes besteht solange wie die Zukunft wie die Vergangenheit sein wird (wie ein hoffnungsloser Begriff von Erfahrung seine Geltung behält). – „Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe.“
    Ist nicht die Leugnung des Sohnes die Leugnung der Auferstehung? Und ist nicht die Geschichte der Beziehung der Kirche zu den Häresien ein Indiz und Gradmesser dieser Leugnung? Welche Bedeutung hat das für die beiden anderen Leugnungen (des Vaters: den Antijudaismus, und des Geistes: den Sexismus)? Verweist nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist darauf, daß der Beginn der Umkehr hier, bei der dritten Leugnung, die „weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird“, liegt? Aber wird die Umkehr nicht gekrönt durch die Rücknahme der Leugnung des Vaters?
    Das trinitarische Dogma: Produkt der Selbstreflexion der Subjektivität im Unendlichen (an der Todesgrenze).
    Ist nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist in der Geschichte des Christentums zu leicht genommen worden; und gehört hierzu nicht auch das Prophetenwort, daß am Ende die Erkenntnis Gottes die Erde bedecken wird, wie die Wasser den Meeresboden bedecken?
    Haben die Sündenvergebung und die Austreibung der Dämonen (Maria Magdalena) etwas mit der Aufhebung der Reinheitsgebote zu tun? Ist nicht der Weltbegriff dämonisch (Inbegriff der sieben unreinen Geister)?
    Symbolisiert die Dornenkrone nicht beides: das Auf-sich-Nehmen der Sünde der Welt und den Haß der Welt (zielt die Aufschlüsselung der Dornen und Disteln durch den Eleasar von Worms nicht schon auf den Weltbegriff)?
    Die Welt als Gemeinheitsgenerator und Exkulpierungsmaschine.
    Zum Kelch und zur Trunkenheit: Jemandem reinen Wein einschenken.
    Physik und Schuld: Nur in der Physik addieren sich die Lasten, während in theologischem Zusammenhang ich mich von den Lasten befreie, die ich auf mich nehme.
    – Elementenlehre hebräisch: ät haschamajim we’ät ha’arez und ruach.
    – Theologische Elementenlehre: Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße; und der Geist brütend über den Wassern.
    Destruktion beider durchs Inertialsystem: Grauen um und um.
    Zur Theorie des Namens gehört:
    – eine Theorie des Lachens und des Weinens;
    – das Lachen und der Schrecken;
    – die Logik des Angesichts (das Antlitz des Hundes);
    – Prophetie (Erfüllung des Worts) und Apokalypse (Aufdeckung des Namens).
    Wird außer Abram, Sarai und Jaakob in der Schrift noch jemand neu benannt?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie