• 23.06.93

    Das (moderne) Substantiv unterscheidet sich vom (alten) Nomen durch seine Beziehung zum bestimmten Artikel, zu dem darin enthaltenen deiktischen Moment. Hier ist in die Sprache ein selbstreferentielles Moment, eine automatische Objektbindung, hereingekommen. In welchen anderen Sprachen gibt es eine Entsprechung zum deutschen Substantiv?
    Der englische Artikel (the), in dem jede Erinnerung an das genus oder an die Deklination getilgt ist, ist auf die reine deiktische Funktion eingeschränkt, und damit hängt die sprachliche Gestalt des englischen Infinitivs von Sein, das „to be“, aber auch der englische Empirismus zusammen. Aber ist das Deiktische nicht generell ein Moment im Präfix „be-„? Hängen die Prä- und Suffixe nicht überhaupt mit dem deiktischen Element in der Sprache (mit ihrem „sumerischen“ Ursprung) zusammen, und zwar die Präfixe mit der deiktischen Intention der Sprache (mit dem Nominalismus), die Suffixe mit der gegenläufigen „deiktischen Intention“ des Objekts (mit dem Verstummen des Objekts, mit seiner Verräumlichung: sind die Sprachen des Altertums, insbesondere die griechische, nicht reine Objektsprachen – Ausnahme: die hebräische Sprache, die eine Sprache „im Angesicht“ ist)? Besiegelt der Begriff des Substantivs (der gleichsam das schwarze Loch der Sprache bezeichnet) die Zerstörung der Kraft des Namens, die Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache?
    Läßt sich der deutsche Idealismus aus der grammatischen Funktion des bestimmten Artikels herleiten (der deutsche Idealismus hat selbst „das Ich“ noch zu einem Substantiv gemacht).
    Bei Kluge wird das Substantiv unter dem Stichwort Substanz als „Wort mit Inhalt“ erläutert (warum unter Substanz, und was heißt „Wort mit Inhalt“: daß in das Nomen als Substantiv die Objektbindung mit hereingenommen wird; gründet darin die Großschreibung des Substantivs im Deutschen?). Der Begriff Substantiv ist wie der der Persönlichkeit ein Weltbegriff.
    Zur Bildung des Wortes Substantiv: Was ist der Unterschied zwischen dem Gerundium und dem Gerundivum? Kann es sein, daß im Begriff Substantiv der Objektbezug als Konsequenz einer Tat des Subjekts begriffen wird. Die Substanz ist noch eine Eigenschaft des Objekts, aber das Substantiv ist Produkt einer projektiven Substantialisierung des Objekts durchs Subjekt (das Substantiv ist eigentlich eine adjektivische Bildung: die Hypostasierung eines Adjektivs). Wie Welt und Natur ist das Substantiv ein die Sprache und ihr Gesetz bestimmender transzendentallogischer Begriff.
    Das Hegelsche System-Programm: die Substanz als Subjekt zu begreifen, wird im Begriff des Substantivs falsch erfüllt. Deshalb wird es großgeschrieben.
    Es spricht einiges für die Vermutung, daß der Begriff Substantiv aus Wilhelminischen Zeiten stammt; das würde bedeuten, daß er im Grimmschen Wörterbuch noch nicht enthalten wäre.
    Zu den Prämissen des Begriffs Substantiv gehört die Unterscheidung von Sache und Ding (auch von Wut und Zorn; im Lateinischen wurden weder Sache und Ding (res) noch Wut und Zorn (ira) unterschieden), sowie der Begriff der Tatsache. (Sind das englische matter und thing wirklich Entsprechungen der deutschen Begriffe Sache und Ding?) Die emphatische Bedeutung der kantischen „Dinge an sich“ (einer contradictio in adjecto) hängt hiermit zusammen.
    Zur jahwistischen Urgeschichte, insbesondere zu der Geschichte vom Turmbau zu Babel, wäre anzumerken, daß hier vor allem gilt: Nichts Vergangenes ist wirklich vergangen. Muß man nicht in die Geschichte vom Turmbau zu Babel die Vorgeschichte mit hereinnehmen: die Geschichte der Sintflut (die genaueste Beschreibung des Ursprungs des Weltbegriffs)?
    Ist nicht die kantische Philosophie, insbesondere die Kritik der reinen Vernunft, der Beginn eines Versuchs, den Turmbau von Babel von innen zu beschreiben? Und gehören nicht die Petrus/Fels-Geschichten in diesen Kontext mit herein, das „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ und das Gleichnis von der Standfestigkeit des auf den Felsen (statt auf Sand) gebauten Hauses, aber auch das Gleichnis vom Weizen, der auf felsigen Grund fiel?
    Die Opfertheologie ist die auf den Kopf gestellte Wahrheit der Erlösung. An die Wahrheit dessen, was die Texte von sich aus meinen, kommen wir nicht mehr heran; im Wege steht uns der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs, die Verfälschung der Erlösung durch den Begriff der Entsühnung der Welt (die nichts ändert, aber alle um den Preis der Katastrophe entlastet).
    Goethes Lied vom „Röslein auf der Heiden“ ist ein Vergewaltigungslied. Aber ist nicht diese Vergewaltigung in der Struktur der Welt vorgebildet, und ist nicht Goethe auch in diesem Sinne ein „Weltbürger“? Bezieht sich nicht hierauf das den Sachverhalt allein auflösende Wort von der Übernahme der Sünden der Welt? Mit der Anpassung an die Welt ist das affirmative Verhältnis zur Vergewaltigung mitgesetzt. Vgl. hierzu das Paulus-Wort von der ganzen Kreatur, die seufzt und in Wehen liegt.
    Gibt es eine Geschichte der Prophetinnen, von Mirjam über Hulda (auch Debora und Judith) bis hin zu den vier Töchtern des Philippus, und unter Einbeziehung des Prophetenworts, daß am Ende auch die Töchter und Mägde teilhaben an der Prophetie? Welche Bewandnis hat es mit der Salbung Jesu im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien durch die namenlose Frau, von der es heißt, daß man „überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, … sich an sie erinnern und erzählen (wird), was sie getan hat“? (Mk 143-9, Mt 266-13; Johannes – 121-9 – verlegt die Geschichte nach „Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte“; und hier ist es Maria, die ihn salbt; bei Lukas – 737ff – ereignet sich der Vorfall im Haus eines Pharisäers, den Jesus dann mit Simon anspricht, und bei der Frau handelt es sich um eine „große Sünderin“.)
    Zur Geschichte der Könige:
    – welche Könige tun nicht, „was Gott mißfällt“?
    – wo werden die Könige begraben (die judäischen in Jerusalem, aber welche im Hause oder Garten des Uzza(?)?
    – welche Arten des Götzendienstes werden genannt?
    – welcher König hat Jericho wieder aufgebaut (und dafür den Erstgeborenen und den Jüngsten geopfert)?
    – die Rolle der Propheten?
    Mathematik: die selbstreferentielle Gedankenlosigkeit.
    Sind nicht die Trinitätslehre und das christliche Verständnis des Keuschheitsbegriffs Versuche, die Gegenwart zu retten, der Zeit ein Ende zu machen, den Prozeß zum Stillstand zu bringen? Aber dieser Versuch wurde mit der Rezeption des Weltbegriffs zu teuer bezahlt. Hier liegt der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs der Dogmententwicklung mit der Enttäuschung der Parusie-Erwartung.
    Gründet nicht die kirchliche Sexualmoral im Neutrum, im ne-utrum?
    Das Wort vom Binden und Lösen hat sein konkretes Objekt im Weltbegriff, in der darin wurzelnden Logik des Begriffs.
    Sintflut und Fels: Aber am Ende wird der Stein ins Meer geworfen (und das Schiff scheitert vor Malta).
    Mein Schreiben ist von meiner Biographie nicht zu trennen. Was kommt heraus: Bekenntnisse oder ein neuer Gottesstaat (auf der Grundlage einer negativen Trinitätslehre)?
    Ist nicht Adorno die Antwort auf die Frage, ob Künstler selig werden können?
    Hebr 131: Muß es hier nicht „Fremdenfreundschaft“ (philoxenias) heißen statt „Gastfreundschaft“?

  • 22.06.93

    „Zorn ist ein Verlangen nach Rache.“ (Katechismus, Nr. 2302) Diese Definition, die auch durch das nachfolgende Thomas-Zitat nicht besser wird, rührt an den Kern der theologischen Unkenntnis und der Dummheit dieses Katechismus. Wenn sie stimmen würde, dürfte es keinen göttlichen Zorn geben, es sei denn, man unterstellte auch Gott ein Rachebedürfnis (das dann die projektive Abfuhr durch den Antisemitismus nach sich zieht: z.B. durch die Unterscheidung des christlichen Liebesgottes vom jüdischen Rachegott). Die deutsche Sprache unterscheidet Wut und Zorn; und die Katechismus-Definition trifft die Wut, nicht den Zorn. Aber ist nicht die Unfähigkeit, beide zu unterscheiden, beide unterschiedslos auf das „Verlangen nach Rache“ zu beziehen, eine zwangsläufige Folge eines theologischen Konzepts, in dem Gottesfurcht und Herrenfurcht, Umkehr und Umdenken sowie Nachfolge und Unterwerfung unter jegliche Autorität nicht mehr sich unterscheiden lassen, in dem m.a.W. der Gegenstandsbereich, auf den der Begriff des Zorns sich bezieht: die Verletzung der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, längst aus dem Blickfeld geraten ist? Hier gibt es keine Möglichkeit mehr, den göttlichen Zorn und die teuflische Wut (einen teuflischen Zorn gibt es nicht) zu unterscheiden. Zu prüfen wäre insbesondere der Begriff des Rachebedürfnisses selber (der eigentliche Existenzgrund des Rechts, der Strafe und der gesellschaftlichen Einrichtungen des Strafvollzugs): Bezeichnet er nicht das subjektive Korrelat des Schuldverschubsystems, steckt nicht in jedem Rachebedürfnis ein projektives Element, die lustvolle Verschiebung eigener Schuld auf andere? Ist nicht in jedem Objekt eines Rachebedürfnisses auch etwas vom Sündenbock? Dann aber wäre nach der Katechismus-Definition der Begriff des Zorns auf Gott nicht anwendbar, dann wäre der Begriff des gerechten Zorns gegenstandslos. Aber ist nicht die kirchliche Theologie heute dabei, mit dem theologischen Begriff des Zorns die Theologie selbst gegenstandslos zu machen?
    Auschwitz hat in Deutschland (und in der Kirche?) stärkere Rachebedürfnisse ausgelöst als bei den Juden (ist nicht die kirchliche Position in der heutigen Abtreibungsdiskussion, die nicht selten bei den kirchlichen Hardlinern mit Auschwitz-Assoziationen sich verbindet, eine Form der projektiven Abfuhr dieses Rachebedürfnisses: der ihr zugrunde liegenden Mordlust, die man dann in die Frauen hineinprojiziert?).
    Wenn der Zorn ein Verlangen nach Rache ist, dann ist die Welt ein Geschöpf des göttlichen Zorns und der Kreuzestod der bis heute mißlungene Versuch, diesen Zorn zu besänftigen (die Welt zu „entsühnen“). Aber diesen Anschein erweckt ja nun in der Tat die christliche Theologie (aus diesem finsteren Konstrukt hat die Gnosis einmal versucht, die Konsequenzen zu ziehen). Gehört nicht in diesen Zusammenhang nicht auch der Satz: Extra ecclesiam nulla salus, der die Konsequenz mit einschließt, daß es nur um die Rettung der einzelnen aus der bösen Welt, nicht aber um die Rettung der Welt selber geht, und daß, wenn es Heil nur in der Kirche gibt, alles, was draußen ist, verworfen ist.
    Der Gott, der den Tod seines eigenen Sohns als Sühne fordert: nimmt der nicht seine eigene Selbstoffenbarung im brennenden Dornbusch zurück, ist das nicht die Rücknahme des JHWH (in der Geschichte der Bindung Isaaks war es der Engel der Elohim, der das Opfer forderte, und der Engel JHWH’s, der die Forderung zurücknahm)?
    Merkwürdige Stelle bei Kant (Kr.d.r.V., S.403f), wo er in der Verlängerung einer geraden Linie ins Unendliche die gleiche Logik erkennt wie bei dem Elternpaar, von dem man „in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende fortgehen“ könne. Liegt hier, in der Beziehung der endlos sich fortzeugenden Geraden zu den endlos sich fortzeugenden Gattungen in der Natur, nicht ein Hinweis auf den Ursprung des christlichen Sexualtabus und auf sein anderes, verdrängtes Objekt: in der Verdrängung des Zeugungselements bei der Mathematisierung der Raumes (in der Abstraktion vom Licht, das beides, das Sehen und das Gesehenwerden, in sich enthält, und darin den Ursprung sowohl des Lebens wie des Angesichts; vgl. den biblischen Zusammenhang des Gesehenwerdens mit der Scham: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“).
    Auch eine Bemerkung zur feministischen Theologie: Die Vorstellung einer unendliche Ausdehnung des Raumes steht unter dem Zwang der Verdrängung des Gesehenwerdens, der Scham, die dann im Begriff der trägen Masse (und im Realsymbol des Blutes?) wiederkehrt: Ist die mathematische Raumvorstellung nicht (wie in anderer Hinsicht das Geld und das Bekenntnis) ein Realsymbol der Vergewaltigung (und der Onanie)? Liegt der Anfang hierzu in der geschlechtsspezifischen Trennung der Heiligen nach der Märtyrerzeit in Confessores und Virgines? Und liegt hier nicht ein Hinweis auf den Zusammenhang der Hexenverfolgung (einschließlich der damit verbundenen Mythen – vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat) mit dem Ursprung der naturwissenschaftlichen Aufklärung?
    Meistveraltet ist die jeweils jüngst vergangene Mode. Ist nicht auch das ein Teil des Schuldverschubsystems, seiner Mikrologik: Indem das gerade Vergangene nur durch den Zeitablauf reflexionsfähig wird, erzeugt es nur den Zwang zur Verdrängung; dieser das Ich bedrängenden Scham- und Schuldflut ist unser Reflexionsvermögen nicht gewachsen. Zu verarbeiten ist sie nur über die projektive Schuldverschiebung. – Anwendung auf die Beziehung zur Vergangenheit in Deutschland.
    Liegt hier nicht auch der Schlüssel zum kritischen Verständnis der Habermasschen Verarbeitung der Kritischen Theorie? War nicht der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ schon eine affirmative, neutralisierende Umformung des Begriffs der Kulturindustrie? Unter diesem Neutralisierungsdruck ist die Kommunikations- und Diskurstheorie entstanden (die letzte Fluchtburg vor der andringenden Notwendigkeit der Restituierung der benennenden Kraft der Sprache). Ist nicht das Reale in der Habermasschen Intersubjektivität verdampft (unter dem Hitzedruck der rekursiven und selbstreferentiellen Logik der Intersubjektivität)?
    Der Geist Gottes brütend über den Wassern ist bei Heidegger zur Mordlust ausbrütenden Daseins-Philosophie verkommen (Rückfall in die gleiche Finsternis über dem Abgrund, die Habermas jetzt als Neue Unübersichtlichkeit überfällt).
    Der Weltbegriff bedarf der quasitheologischen Idee der Entsühnung (er bedarf der Opfertheologie), und das deshalb, weil nur auf diesem Wege die projektive Verarbeitung der Erfahrung (der historische Objektivationsprozeß), die der Weltbegriff absichert, möglich gewesen ist. Die projektive Verarbeitung selber lief unter dem Titel Naturerkenntnis.
    Wie verhalten sich eigentlich die bestimmten Artikel im Deutschen, in die die Deklinationsformen sich verlagert haben, zu den Nomen selber (den deutschen „Substantiven“), an denen die Deklinationen nur noch fragmentarisch an Endungsresten erkennbar sind? Die ehemaligen Suffixe sind zusammengeschrumpft und nur noch ein verhallendes Echo der die Deklination repräsentierenden bestimmten Artikel. Welcher Unterschied liegt zwischen der Deklination des Nomens Deutscher (der D’e, des D’en, dem D’en, den D’en) und der des Nomens Wald (der W, des W’es, dem W’e, den W)? In dem einen Fall drücken sich alle Beugungen durch das -en aus, in dem anderen stehen neben der Einheit des Nominativ und Akkusativ die getrennten Formen des Genitiv und Dativ. Sind in den femininen Nomen die Deklinationen insgesamt endungslos (die Frau, der F, der F, die F)? Aber sind hier die Deklinationen nicht ohnehin nur Varianten der fem./masc. Artikelbildungen? Und sie die Wald-Endungen nicht versteckte Neutrums-Endungen (vgl. das Haus, des H’es, dem H’e, das H)? Kann es sein, daß im Deutschen die Flexionen (die Deklinationen) durch genus-spezifische Elemente überlagert werden, gleichsam eine zweite Reflexionsstufe zum Ausdruck bringen? Wenn ja, welche Sprachlogik verbirgt sich dahinter? Auffällig ist eine merkwürdige Reflexions-Beziehung des Femininum zum Maskulinen (der maskuline Artikel erscheint als Genitiv- und Dativ-Artikel im Femininum, und die feminine Deklination des Artikels ist zugleich das Modell der allgemeinen Deklination im Plural) wie des Maskulinum zum Neutrum. Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang mit der Ersetzung der Suffixbildung durch Bildung mit Hilfe von Hilfszeitverben bei den Konjugationen (und der Ersetzung der hierarchischen Begriffs- durch hierarchische Satzkonstruktionen) und schließlich mit dem exzessiven Gebrauch von Prä- und Suffixen im Deutschen?
    Wie verhält sich eigentlich das Wort vom Weizenkorn, das sterben muß, um hundertfältige Frucht zu bringen, zu dem Gleichnis vom Weizen, der unter die Dornen, auf felsigen und auf fruchtbaren Grund fällt? Sind die Dornen und der Felsen nicht Symbole der Hypostasierung des Todes (die in die Theologie durch den affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs hergekommen sind, und in denen sich die entscheidenden Aspekte dieses Weltbegriffs, seine Subjekt- und Objektfunktion, ausdrücken)? Grund ist die Weigerung, das Nachfolge-Gebot in die Grundlagen der Theologie (der Gotteserkenntnis) mit hereinzunehmen. Aber Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt.
    Ist nicht die Versteinerung (der Fels) Grund und Folge der nicht übernommenen Arglosigkeit (der Unfähigkeit, die Klugheit der Schlange ohne projektive Entstellung, ohne der Paranoia zu verfallen, zu übernehmen)? Ist sie nicht eine Folge der bis heute unaufgelösten Paranoia im Kern der Welt?
    Zum Brief an Metz: Das „Zeit ist’s“ verweist auf den Aktualitätskern der theologischen Erkenntnis, auf das, was die Mystiker das „nunc stans“ (und Ernst Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“) nannten. Dieser Aktualitätskern ist die bis heute ungehobene Wahrheit des Sterns der Erlösung.
    Ist nicht die Kirchengeschichte der paulinischen Theologie die Geschichte des kirchlichen Kleinglaubens, und hat nicht die lutherische Rechtsfertigungslehre diesen Kleinglauben auf den Begriff gebracht? Aber Jesus ist der, der dem Sturm und den Wellen des Meeres gebietet, und ist uns nicht ein Teil dieser Kraft in seinem Namen mitgegeben?

  • 21.06.93

    Gründet
    – der Raum in der Beziehung von Rechts und Links (Gericht und Barmherzigkeit),
    – das Bekenntnis in der von Vorn und Hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken, berith und Schwur) und
    – das Geld in der von Oben und Unten (Gewalt und Herrschaft und Knechtschaft, diatheke und Tod)?
    Und alle drei hängen mit Trägheit, Licht und Schwere (auch mit den drei Aspekten des Bösen: dem Satan, dem Teufel und dem Dämon) zusammen?
    Haben Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge etwas mit den drei Abmessungen des Raumes, mit Raum, Geld und Bekenntnis (Bekenntnis des „Namens“!), und mit den drei evangelischen Räten zu tun (entspricht das „Bekenntnis des Namens“ der Keuschheit, das verdinglichte hingegen der Unzucht? – „Lehrzuchtverfahren“).
    Die Bekenntnislogik ist wie die des Geldes ein Aspekt der Logik des Inertialsystems.
    Die vergangene Zukunft ist die durchs Dogma neutralisierte Parusie-Erwartung.
    Das Blutsymbol ist durch die Bekenntnislogik und durch das verdinglichte Dogma nicht nur unkenntlich gemacht worden: es ist in sein Gegenteil verkehrt worden. Es wird durchsichtig, wenn die verdinglichende Gewalt im Dogma getilgt wird, wenn in ihm die Gottesfurcht, die Umkehr und die Nachfolge wiedererkannt werden. Insofern ist die Opfertheologie in der Tat das zentrale Objekt der Weltkritik. Das Dogma ist der Greuel am heiligen Ort.
    Die Hegelsche List der Vernunft heißt bei Kant noch schlicht und einfach Betrug (Kr.d.r.V., S. 395).
    Im Futur II, im „Es wird gewesen sein“, klingt das „was wird schon gewesen sein“: die enttäuschte Erwartung, nach. Hier wird die Wurzel des Herrendenkens sichtbar: es gründet in der Verzweiflung (die die Wurzel des Neutrums ist, des Objektbegriffs: des Staubs, aus dem Adam ward, und zu dem er wieder werden wird, und von dem die Schlange sich nährt).
    Der Vertrag bedarf des Schwures und der damit verbundenen Einrichtungen: des Tempels, der Religion, des Opfers und des Priestertums, während das Testament an den Tod anknüpft.
    Trotz des Satzes „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ war der Kreuzestod kein Heldentod. Obwohl der Heldentod, der die Greuel des Krieges, die den Heldentod begründen, hinter sich verbirgt, sie unsichtbar macht, in der Tradition der christlichen Kreuzestheologie begründet ist (was ein bezeichnendes Licht auf die zentrale Bedeutung des Kreuzestodes in der deutschen Nachkriegstheologie wirft). Hier liegt zweifellos einer der Gründe, weshalb innerkirchlich die Aufarbeitung der Vergangenheit so schwer fällt: die Lösung liegt zu nah. Voraussetzung einer solchen Aufarbeitung wäre in der Tat der Bruch des Tabus, das über dem Heldentod liegt, seine Lösung vom Kreuzesparadigma: die Kritik seiner christlichen Prämissen. Ist nicht der Kreuzestod Jesu die offene Wunde der Geschichte, und die Opfertheologie – als Versuch, die offene Wunde durch Verdinglichung und Instrumentalisierung zu schließen – der blasphemische Kern der christlichen Tradition, nicht mehr nur Produkt der enttäuschten Parusieerwartung, sondern deren Hintertreibung?
    Weltkrieg (dessen Name die transzendentallogische Einheit von Welt und Krieg aufs genaueste bezeichnet), Heldentod und Auschwitz bezeichnen den Kulminationspunkt einer bis heute nicht aufgearbeiteten Theologie.
    Volk als Schicksalsgemeinschaft ist die Gemeinschaft einer Mordgesinnung, die glaubt, sie könne nicht haftbar gemacht werden. (Dieser Satz löst das Rätsel des Begriffs der „Volkspartei“.) Gilt das gleiche auch für „Bekenntnisgemeinschaften“? Sind nicht Bekenntnisgemeinschaften ebenfalls Schicksalsgemeinschaften? Aber die Differenz zwischen Volks- und Bekenntnisgemeinschaften ist ablesbar an der Differenz zwischen Antisemitismus und Antijudaismus: Das Schicksalhafte des Volks gründet im Biologischen, das des Bekenntnisses in einem Akt, der die Zustimmung per definitionem mit einschließt. Das Volk ist durch Gründung der Gemeinschaft im Blutprinzip antisemitisch; durchs Blutprinzip tritt das Volk in wütende Konkurrenz zum auserwählten Volk.
    Müßte der Satz „Ich bin das A und das O (das Alpha und das Omega), der Erste und der Letzte“ (Apk 18, 216, 2213) wegen seines Ursprungs im Hebräischen nicht auf das Aleph und das Taw bezogen werden? Und hängt das mit dem et (dem Akkusativ-Partikel und dem mit) und dem at (dem femininen Du), in dem beide Buchstaben vereinigt sind (die nach kabbalistischer Auffassung das ganze Alphabet, die ganze Schrift, in sich befassen) zusammen? Haben die Griechen das thet und taw durch das Omikron und das Omega (beiden entspricht das hebräische waw) ersetzt: die beiden Verschlußlaute als Grenzbuchstaben durch zwei Vokale? Hängt das damit zusammen, daß die hebräische Sprache eine Sprache im Angesicht, die griechische eine Objektsprache ist (was die christliche Theologie nicht von der Gottesfurcht, der Umkehr und der Nachfolge suspendiert)?

  • 20.06.93

    Die Vorstellung einer homogenen Zeit unterliegt in der Tat der Form der inneren Anschauung: Sie ist das Produkt der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. In ihre Vorgeschichte gehören die Auguren, die Vogelschau, die Orakel: die Mechanismen der Minimierung des Entscheidungsdrucks und der Schuldvermeidung, die dann in der Form des Inertialsystems sich verselbständigen und die Objektivität insgesamt verhexen (Zusammenhang mit Geld und Bekenntnis). In der Zeit gibt es eigentlich nur Zukunft und Vergangenheit, keine Gegenwart; der Raum, die Form der Gleichzeitigkeit, in dessen Richtungen Zukunft und Vergangenheit als neutralisierte Momente übergangslos aufeinander sich beziehen, ist das erinnerungslose Denkmal der verdrängten, zerstörten Gegenwart. Die Verräumlichung der Zeit (die Vorstellung der homogenen Zeit) verzeitlicht den Raum und verinnerlicht (vergesellschaftet) die Objektwelt. Aber Zukunft und Vergangenheit lassen sich nicht gänzlich neutralisieren: Ein Stück Erinnerung ist aufbewahrt im metaphorischen Gebrauch der räumlichen Beziehungen: in den Beziehungen von vorn und hinten, rechts und links sowie oben und unten. Der Anfang der Neutralisierung liegt in der Beziehung von rechts und links (Gericht und Gnade).
    Kohl und der Empörungsgenuß: Der Exkulpationsbedarf, den der Zustand der Welt heute erzeugt, scheint nur noch mit Hilfe des Instruments der projektiven Empörung befriedigt werden zu können.
    Zum Fall Vücking: Was wäre, wenn
    – hinter Barschel nicht nur Stoltenberg, sondern auch Kohl gestanden hätte, der „Selbstmord“ Barschels demnach auch in Kohls Interesse gewesen wäre;
    – war nicht der Mauss, an den keine polizeiliche oder staatsanwaltliche Ermittlung herankommt, am gleichen Tag in einem Hotel abgestiegen neben dem, in dem Barschel zu Tode gekommen ist;
    – gibt es nicht strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Selbstmorden in Stammheim und dem Barschels?
    Lyotard hat einmal anhand von Auschwitz auf das Problem des vollkommenen Verbrechens hingewiesen: eines Verbrechens, das nicht mehr nachweisbar ist, weil auch die Zeugen beseitigt worden sind. Und ist nicht seit den Nazis das Ungeheuerliche eines Verbrechens ein wirksamer Schutz gegen seine Aufdeckung: Von einer bestimmten Grenze an an kann man eine Untat gefahrlos als Greuelpropaganda, als Produkt einer krankhaft paranoiden Phantasie, leugnen. Taten, die so schlimm sind, daß man jeden Verdacht mit Empörung zurückweisen kann, sind per se unsichtbar: so als wären sie nicht geschehen. Aus welchem Grund ist Kohl fürs politische Kabarett nicht mehr greifbar? Ist es ein Zufall, daß man der Umgebung Kohls (seinem Kabinett, aber auch der Spitze der CDU, und jetzt auch der F.D.P.) mittlerweile „alles zutraut“; und ist das nicht sogar eines ihrer unangreifbaren Qualitätsmerkmale: so sind die Wähler überzeugt, daß sie von Leuten regiert werden, die der Schlechtigkeit der Welt gewachsen sind; sie sind skrupellos, aber sie vermitteln den Regierten zugleich den Eindruck der Unschuld (wer sich erwischen läßt, macht denen, die er vertritt, unerträgliche Schuldgefühle und muß als Sündenbock geopfert werden).
    Zur SPD: War nicht Brand ein Beispiel für das politische Spiel der CDU, ihre Skurpellosigkeit, die dann von seinen innerparteilichen Konkurrenten nur zu gern mit genutzt worden ist: Kontinuität der Selbstkorrumpierung der SPD seit Ebert, Noske, Scheidemann. Passen nicht Engholm und Scharping (diese Verkörperungen der Unschuld, die, in die Pflicht genommen, dann auch bereit sind, die Dreckarbeit derer zu machen, die sie genau dafür verachten) aufs genaueste in diese Tradtion?
    Ist nicht schlimmer noch als die Opferfalle die Unschuldsfalle? Gehört nicht die dogmatisch-sakramentale Verdinglichung des Christentums zu den Konstituentien der Unschuldsfalle? – War nicht der christliche Himmel die Verkörperung der vergangenen Zukunft; einer Zukunft, die nicht restlos vergangen war, sondern eines Tages, zusammen mit der Auferstehung aller Toten, triumphal sich enthüllen würde?
    Ist nicht der Objektbegriff selber diese Unschuldsfalle, und ist nicht Kohl das reine Objekt (ein Genie nur in der Handhabung des Schuldverschubsystems)?
    Kohl: das schwarze Loch, das diese Republik einmal erinnerungslos aufsaugen wird (die Rache für Auschwitz).
    Zur Funktion des Verfassungsgerichts heute: Wenn das Bundes-Verfassungsgericht heute selber nicht mehr den nötigen Takt aufbringt, die Grenze zu den anderen Verfassungsorganen aufs genaueste zu beachten, wenn es der Verführung nicht widerstehen kann und bereit ist, Ersatz-Regierung und Ersatz-Legislative zu werden, so trägt dieser Mißbrauch der eigenen Kompetenzen entschieden mit dazu bei, die politischen Institutionen dieses Landes insgesamt unglaubwürdig zu machen. Dieses Gericht ist selber die Verfassungskrise, deren Vermeidung seine erste Aufgabe wäre. Und das Schlimmste ist: gegen diese Krise gibt es kein rechtsstaatliches Mittel mehr.
    Die genaue Bestimmung des Hegelschen Begriffs der List der Vernunft würde nicht nur fürs Verständnis der Hegelschen Philosophie, sondern für das der Aktualität heute eine der wichtigsten Hilfen sein. Insbesondere Hegels Hinweis auf das Moment der List in jeglicher Technik (im Begriff der „Maschine“) könnte Günter Anders‘ Technik-Kritik in eine andere Perspektive rücken: Anders‘ These, daß, was machbar ist, auch die Tendenz in sich trägt, gemacht werden zu müssen, gilt dann nicht nur für den technischen Fortschritt der Naturbeherrschung, sondern auch für den der Herrschaft und der Macht in der Gesellschaft: für den Gesamtbereich der Ökonomie und der Politik, wo diese Tendenzen sehr viel direkter und sehr viel zwanghafter wirksam sind.
    Sind nicht in der deutschen Sprache die Prä- und Suffixe aus dem Kontext der grammatischen Struktur der Sprache, aus dem Kontext der Flexionen, herausgenommen und übertragen worden in den Bereich der Anpassung der Sprache an räumlich-technische Funktionen: ans Inertialsystem? In diesem Zusammenhang wird die Ausbildung der bestimmten Artikel (in die die Deklinationen sich verlagert haben) der Großschreibung, zusammen mit der Ausbildung der Hilfszeitverben (in die das System der Konjugationen verlagert wurde) verständlich. Die sehr viel flexiblere Funktion der Nebensätze wäre ohne diese Änderungen nicht möglich gewesen. Was im Griechischen und im Lateinischen noch durch hierarchische Begriffskonstruktionen repräsentiert wird, erscheint im Deutschen in einem hierarchischen System von Nebensätzen. Mit der Anschmiegung ans Inertialsystem hat die deutsche Sprache auch die Mittel hervorgebracht, es zu reflektieren.
    Von den sieben Diakonen in der Apostelgeschichte werden nur Stephanus (der Erzmärtyrer) und Philippus (der den Eunuchen der äthiopischen Königin bekehrt, später als Vater der vier jungfräulichen Töchter, die Prophetinnen waren, genannt) weiterhin erwähnt. Beim Nikolaus ist unklar, ob er mit den Nikolaiten der Apokalypse etwas zu tun hat. Gibt es nicht sowohl für die Apostel als auch für die Diakone eine feminine Wurzel?
    Hängt der Taumelbecher, das Trinken aus dem Kelch des göttlichen Zorns, mit der projektiven Empörung, der Ablenkung des göttlichen Zorns auf andere, zusammen? Er ist ein Teil des Schuldverschubsystems, das in die Philosophie durch den Welt- und Naturbegriff, durch den Begriff der Materie, schließlich durch die Form des begrifflichen Denkens selber, als ein konstitutives Moment mit eingeht. Der Taumelbecher ist ein Symbol des Herrendenkens, weil es dieses ohne das projektive Element (das nur durch Reflexion aufzulösen ist) nicht gibt. Aber was hat es dann mit dem Kelch, den Jesus trinken muß, auf sich?

  • 19.06.93

    Securus adversus deos: Das war der Sinn des Götzendienstes in jeder Gestalt, die Menschen vor dem Angesicht Gottes zu schützen. Aber damit gerieten die Menschen in den Bann des Schicksals, über den sie dann mit dem Begriff und der Idee des Kosmos, der Welt, glaubten sich erheben zu können.
    Götterdämmerung: Ist das ein Spezifikum des germanischen Mythos, oder gibt es Entsprechungen dazu in den Mythologien anderer Völker? Sind nicht überhaupt die Weltuntergangsvorstellungen seit dem Mittelalter mehr durch das germanische Erbe als durch christliche Traditionen bestimmt? Dazu: Kann es sein, daß insbesondere die deutsche Sprache (ihre innere Struktur: Deklination und Konjugation, Funktion der bestimmten Artikel und der Großschreibung, Funktion der Prä- und Suffixe usf.) die Logik der indogermanischen Sprache (Futur II, Neutrum, Komparativ und Superlativ) bis zur Selbstzerstörung des Namens, der benennenden Kraft der Sprache (Sprache Kohls) weitergetrieben hat? Und was bedeutet der Name Gott (Vater und Sohn), wodurch unterscheidet er sich von theos, deus (Zeus, Jupiter), Elohim, JHWH u.a.?
    Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung der ins Subjekt verlagerte, zum Eisberg gewordene Rest der Himmel? Antizipiert die Trennung der inneren und äußeren Form der Anschauung die Trennung von Feuer und Wasser (Zeit und Raum)? Und ist nicht das Inertialsystem in der Tat der Spott und das Gelächter über die Dinge: das Schweigen Gottes.
    Berith und diatheke: Das Testament ist ohne die Lehre von der Auferstehung nicht zu begreifen: Das Erbe ist die Aufhebung der Vergangenheit (der Inbegriff der göttlichen Verheißungen), nicht die Fortexistenz des Vergangenen (die Welt).
    Gibt es eine Zusammenstellung der Zitate aus dem AT im NT (sortiert sowohl nach den Stellen des AT wie nach den Fundstellen im NT)?
    Zur Bekenntnisfrage: Wenn ich frage, was Jesus davon hat, ob ich ihn als Sohn Gottes bekenne (anerkenne), kann die Antwort nur heißen: Nichts. Aber wie müßte die Antwort lauten, wenn ich frage, was ich davon habe? Führt die Beantwortung dieser Frage nicht auf das finstere Geheimnis der kirchlichen Tradition: die Geschichte des Dogmas als Geschichte der Exkulpationsstrategie und deren Verstrickung in die Herrschaftsgeschichte (auf die Frage nach dem Kelch)?
    Theologie im Angesicht Gottes und Aktualität: Ergibt sich der Zusammenhang beider nicht aus der Idee des Ewigen, dem Begriff der Prophetie und dem des parakletischen Denkens (der Gegenwart des Zukünftigen: seiner Befreiung aus dem Bann der Vergangenheit)?

  • 18.06.93

    Kann es sein, daß, wenn auch die Gottesfurcht, die Umkehr und das Nachfolgegebot beim Paulus nicht vorkommen, sie aber dennoch die Grundlage seiner Theologie sind und diese anders nur mißverstanden werden kann? Aber ist dann dieses Mißverständnis nicht die Grundlage der kirchlichen, dogmatischen Bekenntnis-Theologie?
    Hat die augustinische Vorstellung, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick des Leidens der Verdammten dazugehört, etwas mit dem Hegelschen Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, zu tun? Und weist das nicht darauf hin, daß die Rezeption der paulinischen Theologie von Anfang an durchs Tauschprinzip verhext war? Ist nicht das entsetzliche Mißverständnis der paulinischen Theologie noch eine Schicht tiefer anzusetzen, als Hans-Joachim Schoeps es tut, nämlich als die Verfälschung eines völlig unverständlich gewordenen symbolischen Konstrukts durch den Tauschprinzip-Realismus. Das wäre insbesondere anhand der Christologie und der Opfertheologie zu demonstrieren. Es käme vor allem darauf an, endlich die Kelch- und Blut-Symbolik genauer herauszupräparieren, sie aus der „Metzger-Theologie“ herauszulösen, und endlich von den kannibalischen Aspekten der Eucharistie-Lehre loszukommen.
    Zu dem Satz „Ein Fluch Gottes ist der Gepfählte“ gehört auch das Wort vom Zornesbecher und Taumelkelch. Beides hängt mit dem Problem der Scham (der Schande), dem „Hinter dem Rücken“ und der Übernahme der Sünden der Welt zusammen.
    Die wirklich gefährlichen Sätze, wonach Sühne nur durch das Blut geleistet werden kann, und daß Erlösung die Reinwaschung durch das Blut einschließt, daß Erlösung (nur?) auf die Vergebung der Sünden abziele (anstatt auf die Rettung der Welt), begründen die ungeheuerlichen Mißverständnisse, von denen die Kirche und ihre Lehre seitdem nicht mehr losgekommen ist.
    Durch den Tauschprinzip-Realismus ist das Erlösungskonzept, das etwas ganz anderes meinte: nicht die Erlösung von der „entsühnten“ Welt, sondern die Rettung der Menschen mit der Welt, in ein Herrschaftsinstrument umgewandelt worden.
    Der von Schoeps zitierte Satz aus der rabbinischen Tradition, wonach „die Tore der Umkehr … niemals geschlossen“ sein werden (S. 313), ist die jüdische Entsprechung zum dem christlichen „Die Pforten der Hölle werden sie nie überwältigen“.
    Die Mathematik erinnert an die Geschichte von Hase und Igel: Die Mathematik ist der Igel, der, wo der Hase auch hinrennt, rufen kann: Ick bün all do. Und der Hase rennt sich die Seele aus dem Leibe. Aber sollten wir nicht doch endlich die Partei des Hasen und nicht die des Igels ergreifen?
    Nach Wahlen gab es immer die „Elefanten-Runden“, welche Bezeichnung den Sachverhalt sehr genau traf: Sind nicht Elefanten dickfellig, empfindlich und nachtragend? Aber verstärkt sich heute nicht der zusätzliche Eindruck, daß Kohl immer mehr dazu neigt, sich mit Elefanten-Babys zu umgeben? Eine physiognomische Beurteilung des männlichen Teils des Kabinetts Kohl (die FDP-Minister eingeschlossen) wäre zweifellos vernichtend. Man weiß eigentlich nicht mehr, mit welchen Organen diese Politiker hören (genau so, wie es immer unerfindlicher wird, weshalb Bundestagsdebatten in den Medien übertragen werden).
    Der Fehler des Julian Jaynes („Ursprung des Bewußtseins“) liegt darin, daß er das Produkt des entfremdeten Bewußtseins, das Unbewußte, in den Ursprung des Bewußtseins hineinprojiziert, eine Rückkoppelung vornimmt, die so nicht zulässig ist.
    Ist nicht das apokalyptische Tier, sind nicht die verschiedenen Gestalten des apokalyptischen Tieres aus sprachlichen Sachverhalten zu rekonstruieren, und zwar genauer aus den Mechanismen der Vergesellschaftung und Instrumentalisierung der Sprache, mit der Mathematik im Kern? Ihr Platzhalter im Subjekt sind die kantischen subjektiven Formen der Anschauung. Die subjektiven Formen der Anschauung gewinnen diese Funktion erst durch die Trennung des Anschauens vom Licht, nach dem Herauspräparieren des Angeschautwerdens aus dem Anschauen, nach dem Herauspräparieren der Scham und der Schuld und deren gegenständliche Neutralisierung im Begriff der Materie: durch die Zerstörung des Angesichts; bezieht sich hierauf nicht das biblische Symbol des Blutes? Das Verbot des Blutvergießens und das des Genießens von Blut meint eigentlich das Verbot, sich jener Paranoia zu überantworten, aus der der Materiebegriff entspringt (Zusammenhang mit dem Naturbegriff und mit dem Gebrauch des Namens der Barbaren). Wer Blut genießt, trinkt vom Taumelbecher des göttlichen Zorns. Hier liegt die Lösung des Rätsels der Genesis der Mordlust. Was der neue Katechismus „bedauerliche Vorkommnisse“ nennt, sind die Folgen davon, daß die Kirche den Kelch getrunken hat.
    Der Tauschprinzip-Realismus ist transzendentallogisch in den subjektiven Formen der Anschauung begründet, verstärkt durch die These, daß diese der kritischen Reflexion sich entziehen. Er läuft auf die dann ebenfalls nicht mehr reflektierbare Konsequenz hinaus, daß Umkehr nicht möglich sei, und auf die Leugnung des Satzes, daß die Pforten der Hölle sie (die Kirche) nicht überwältigen werden. Unter dem Gesetz dieses Tauschprinzip-Realismus steht schon das augustinische „ad litteram“. Es steht schon unter dem Gesetz des Nominalismus, der Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache.
    Wer vor der Gottesfurcht flieht, kann sich aus der Unschuldsfalle nicht mehr retten. Zu Paulus und zur dogmatischen Tradition der Christologie und Opfertheologie: Zu klären wären ihre Beziehungen zur Gottesfurcht, zur Umkehr und zum Nachfolge-Gebot.

  • 17.06.93

    Zu Schoeps, S. 271: Ist Auschwitz das Werk der Engel Elohims?
    Es sollte auch in der Kirche endlich zur Kenntnis genommen werden, daß die Kirche in den materiellen Lebensprozeß der Gesellschaft verflochten und nicht darüber erhaben ist (Grundlage dieser Kenntnisnahme ist die Kritik des Weltbegriffs).
    Ist die Trinitätslehre, wie sie zuletzt im neuen Katechismus der Kirche wieder vorgestellt wird, nicht eine logische Konsequenz aus der Lehre von der creatio mundi ex nihilo? Die mit der Trinitätslehre verbundene, biblisch jedoch völlig unbegründete Vorstellung eines „innertrinitarischen Prozesses“ als eines „seligen Lebens Gottes in sich selber“ ist Produkt einer zwangsläufigen (vom affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs nicht abzulösenden) Ästhetisierung der Theologie (Instrumentalisierung der Gottesidee zum „Gottesbild“), und trägt die damit verbundene Vorstellung der seligen Anschauung Gottes (als Teilnahme und Einbeziehung in diesen „innertrinitarischen Prozeß“) nicht voyeurhafte Züge? Liegt hier die früheste Antizipation des Fernsehens und des Sports: des gegenständlichen Korrelats einer von Schuld und Verantwortung befreiten, dafür nur noch identitätssüchtigen Gesellschaft von Zuschauern, von Massen-Voyeuren? Davon sind die Instrumentalisierung der Sprache und das Geschwätz, deren Zusammenhang mit dem Voyeurhaften (der Fixierung an das Aufdecken der Blöße und der Verstrickung in die Knechtsgesinnung) offenkundig ist, nicht mehr trennen.
    Die moderne Astronomie hat uns zu Voyeuren des Kosmos gemacht (Modell der Entpolitisierung der Gesellschaft).
    Tauschprinzip und Inertialsystem: Das erste ist tatsächlich ein aktiv an die Dinge herangetragenes Prinzip, das zweite ein System, das sich hinter dem Rücken dieser Tat bildet (und den Täter in seine Verstrickungen mit einbezieht). Beide sind aufeinander bezogen wie das „Richtet nicht“ und das „damit ihr nicht gerichtet werdet“. Das Tauschprinzip war der verborgene Motor der Naturerkenntnis, in deren Rücken sich (mit Beginn der Zivilisation) der Weltbegriff gebildet hat.
    Hat die Form des Raumes die Trinitätsspekulationen abgelöst (und neutralisiert)? berith und diatheke sind beides Rechtsbegriffe; der eine begründet die Partnerschaft, der andere die Erbschaft. Hiermit hängen die Differenzen der jüdischen und der christlichen Theologie (und die zentrale Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung in der christlichen Theologie) zusammen. Ist die Testamentsbeziehung (und in ihrem Konstext die Vater-Sohn-Theologie) nicht im Weltbegriff begründet, der selber auf den Begriff des Erbes zurückweist? Die Trinitätslehre (deren Funktion dann die mathematische Form des Raumes übernimmt, die Kant als subjektive Form der Anschauung der transzendentalen Logik insgesamt zugrunde legt) konstituiert die Identität der Welt. Hinweis: Die Form des Raumes, das Geld und das Bekenntnis begründen die Subjekt-Objekt-Identität, sie neutralisieren das Herr-Knecht-Verhältnis und machen sie zu logischen Zentren des Objektivationsprozesses: der Feind-, Verräter- und Patriarchats-Logik.
    Die Fähigkeit zur Schuldreflexion und ihre Einbeziehung in den Begriff der Erkenntnis begründet den Aktualitätsbezug, der jede wirkliche theologische Erkenntnis definiert (und u.a. Adornos Begriff einer „eingreifenden Erkenntnis“ begründet).
    Auch wenn man das Urteil über die Bedeutung der paulinischen Theologie für den Ursprung und die Geschichte der Kirche offenläßt, bleibt doch festzuhalten, daß die dogmatisch verdinglichte Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die aus Paulus herausgelesen worden ist, die wirkliche Erkenntnis und die ungeheure Bedeutung dessen, was hier sich zugetragen hat, eher versperrt.

  • 16.06.93

    Hat nicht das Inertialsystem den Charakter eines Gesellschaftsvertrages, und sind nicht „Tatsachen“ Tatsachen nur innerhalb des Geltungsbereichs dieses Vertrages?
    Nicht das Inertialsystem allein, sondern das Inertialsystem, das Gravitationsgesetz und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (zusammen mit seinen mikrophysikalischen Metastasen) markieren die Todesgrenze der Erkenntnis und der Vergegenständlichung (Zusammenhang mit der Dreidimensionalität des Raumes und mit dem Verhältnis von Begriff, Erscheinung und Gesetz).
    Vertrag und Testament: Partner und Erbe. Von wem stammt der Begriff des Testaments (diatheke) und die Namen des „Alten“ und „Neuen Testaments“? – Von Paulus, sh. 2 Kor 314 (hä palaia diatheke).
    Verträge bedürfen des Schwurs (der Anrufung Gottes, der „Religion“), Testamente setzen das Recht voraus (den Staat und den Weltbegriff). Das Recht erweist sich in diesem Zusammenhang als Erbe des Mythos. Der Sohn ist Erbe; sitzt er deshalb zur Rechten des Vaters?
    Sind nicht Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge bei Paulus sakramentalisiert und zum Glauben konfessionalisiert worden?
    Zu welchem Bedeutungsumfeld gehört, welche Konnotationen hat der Begriff nomos (Brauch, Sitte, Gesetz, wörtlich: Zugeteiltes); und wie verhält er sich zum lateinischen lex (Gesetzesvorschlag, Gesetz, Verordnung, wörtlich: Wortformel)? Gibt es eine Ähnlichkeit mit der Beziehung von physis und natura (Zeugung und Geburt), kosmos und mundus (Schmuck und Gereinigtes)?
    Hätte Gott nur „alles, was ist“ erschaffen, wozu brauchte es dann den Glauben, die Hoffnung und die Liebe?
    Hat das Prasseln, mit dem Petrus zufolge der Himmel am Ende vergeht (2 Petr 310), etwas mit dem Geräusch, mit dem nach Ezechiel die Gebeine der Toten zusammenrücken, „Bein an Bein“ (Ez 377), zu tun?
    Verhalten sich die Schmetterlinge (die Insekten) zu den Blüten wie der Hund zum Mond? Denkmale der Beziehung „von Angesicht zu Angesicht“?
    Muß man nicht generell, wie in der Geschichte der Bindung Isaaks, zwischen den Boten Elohims und den Boten JHWH’s unterscheiden? Und waren nicht die Fremden in Sodom Boten JHWH’s (die dann im Hebräer-Brief zitiert werden)? Sind die Herrscharen des Gott Sabaoth Engel Elohims oder Engel JHWH’s? Hat die Versuchung Abrahanms etwas mit der Versuchung Hiobs (und der Ankläger im Hofstaat Gottes etwas mit dem Engel Elohims) zu tun, und diese etwas mit der Versuchung Jesu (und der Teufel etwas mit dem Ankläger)? Und in welcher Beziehung stehen dazu die Kerubim und Seraphim (die Schlangenwesen), und die paulinischen Archonten?
    – Abraham heiratet Sara ohne Vermittlung; für Isaak wirbt der Knecht Abrahams um Rebekka; Jakob, der dann den Namen Israel erhält, muß selbst Dienste leisten, um Lea und Rahel zur Frau nehmen zu können.
    – Abraham, der Hebräer, lebt als Fremder in Kanaan, in Ägypten und bei den Philistern; und der Pharao und Abimelech begehren seine Frau. Isaak lebt als Fremder in Kanaan und bei den Philistern, und Abimelech begehrt seine Frau. Jakob lebt als Fremder in Kanaan; sein Sohn Josef wird Vertreter des Pharao und holt ihn und seine Söhne nach Ägypten, wo die Israeliten dann zu Sklaven des Pharao werden.

  • 15.06.93

    Der Aktualitätsbezug, das „Heute, wenn ihr seine Stimme hört“, und mit ihm der Begriff des Ewigen wird durch die Rezeption der Philosophie neutralisiert. Theologie im Angesicht Gottes ist nur im Kontext dieses Aktualitätsbezugs möglich. – War nicht die Vergegenständlichung der Theologie: das Konzept einer Theologie, die nur hinter dem Rücken Gottes möglich war, ein Entlastungsversuch, Grund und Folge eines subjektivierten Erlösungsbegriffs, der dann das Verständnis der Auferstehungslehre apriori ausschloß?
    Man muß lernen, mit den Augen zu hören und mit den Ohren zu sehen.
    Zum Naturbegriff: Kritik der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit durch Wiedergewinnung der vergangenen Zukunft: durch Erinnerungsarbeit.
    Die Sünden der Welt auf sich nehmen, das heißt: Sich selbst als Kern einer Aktualität begreifen, durch die die Erkenntnis prophetische Qualität gewinnt. Die Sünden der Welt sind der Grund des Schuldzusammenhangs der Natur.
    Historische und prophetische Gleichzeitigkeit unterscheiden: Ursprung und Ende der modernen Aufklärung, der modernen Naturwissenschaften und des modernen Kapitalismus sind mit der Hexenverfolgung und mit Auschwitz nicht nur historisch gleichzeitig.
    Der Syrer Naaman sollte siebenmal in den Jordan eintauchen; dann werde er vom Aussatz geheilt. Nach Schoeps wurde Gehazi, der untreue Diener des Elisa, in der jüdischen Tradition als ein Typos des Paulus angesehen!
    Was bedeuten die Namen Elisa, Naaman und Gehazi? – „Gott hat geholfen“, „lieblich“, – ? -.
    Das Rätsel des Felsens lösen.

  • 14.06.93

    Hans-Joachim Schoeps hat „die ganze Theologie“ des Paulus auf die Auferstehung Jesu zurückgeführt; sie sei „zunächst nichts anderes als ein Umdenken aller überkommenen Vorstellungen und Begriffe auf dieses Ereignis hin“ (Paulus, S. 177). Nicht zufällig erinnert das an Metz‘ Bemerkung über die Theologie nach Auschwitz (ein bis heute nicht eingelöster Hinweis). Durch seinen Tod und seine Auferstehung ist „Christus des Gesetzes Ende“ (Röm 104): Denn „das Gesetz ist Herr über den Menschen, solange er lebt“ (Röm 71). Durch die sakramentale Teilnahme an Tod und Auferstehung Jesu, durch Taufe und Eucharistie, sind die Christen dem alten Äon abgestorben und frei vom Gesetz. Die ungeheure Zweideutigkeit der paulinischen Theologie gründet darin, daß das Gesetz mit der Thora identifiziert wird; übersehen wird dabei, daß das Gesetz ein Form- und Strukturelement des Weltbegriffs ist, und die Identifikation der Thora mit dem „Gesetz“ selber schon Folge seiner Verweltlichung (und Instrumentalisierung) ist, daß diese Identifikation mit dem Weltbegriff gemeinsam entspringt und mit ihm fortbesteht, und daß u.a. die rabbinische Theologie ein Versuch war, die Thora aus dieser Verstrickung (des Hellenismus) zu lösen. Als Teil des Rechts ist das Gesetz ein Strukturelement der staatlich organisierten Gesellschaft von Privateigentümern; es ist das gleiche Recht, das im Römischen Reich nur für Römische Bürger gilt, zu denen auch Paulus gehört (der auch Gebrauch davon macht). An die Stelle der Welt, zu deren Konstituentien das Gesetz gehört, hat Paulus die Thora gesetzt (und in diese Falle ist dann die Gnosis hineingetappt). Die Zweideutigkeit der paulinischen Theologie rührt nicht zuletzt daher, daß die Identifikation von Thora und Gesetz wie der Ursprung der Philosophie (des Begriffs) projektive Züge trägt und der Umwandlung des Christentums in eine „Welt-“ (und damit in eine römische Staats-) Religion vorgearbeitet hat. Eher als an der Thora ließe sich heute der Zusammenhang von Tod, Entfremdung (Objektivation und Instrumentalisierung) und Gesetz an den Naturwissenschaften demonstrieren, zu deren historisch-genetischen Voraussetzungen die paulinisch instrumentierte Theologie, insbesondere die Opfertheologie, gehört. Paulus und seine Theologie leben von der damals schon fatalen „Gnade der späten Geburt“: für beide sind das Leben und die Lehre Jesu (die konsequenterweise seitdem im Dogma und im Bekenntnis nicht mehr vorkommen) vergangen, seine Auferstehung hat im Kontext dieser Theologie mit der Bergpredigt, mit Feindesliebe und der Arglosigkeit der Tauben, nichts mehr zu tun. Paulus hat
    – die „Übernahme der Sünden der Welt“ durch die Lehre vom Sühneopfer in eine Hinwegnahme („Entsühnung“ der Welt) und
    – den (objektiven) parakletischen Begriff der Barmherzigkeit durch die (subjektivistische) Gnadenlehre
    verfälscht, damit die Unterscheidung von Rechts und Links (Jon 411) aufgehoben und der Gottesfurcht, der Umkehr und der Nachfolge den Grund entzogen.
    Aber gab es eine Alternative hierzu? Hat Paulus nicht die Möglichkeit des Überwinterns der zum Dogma verdinglichten Lehre in einer sich verfinsternden Welt geschaffen?
    Paulus, der Verzicht auf Herrschaftskritik, die Spiritualisierung des Christentums und das Inertialsystem (was hat es eigentlich mit den Präfixen in den Begriffen Ge-setz, Be-griff, Er-scheinung auf sich?).
    Ist die Opfertheologie als Instrumentalisierung des Kreuzestodes bei Paulus nicht ein Produkt der projektiven Verarbeitung seiner eigenen Vergangenheit (seiner Beteiligung an der Steinigung des Stephanus)? Und hat Paulus nicht sein eigenes Erlösungs- und Rechtfertigungsbedürfnis in das Christentum hineinprojiziert? War nicht sein Christentum in der Tat eines für Heiden, die es dann auch bleiben konnten?
    Weder die Gottesfurcht, noch die Umkehr, noch die Nachfolge kommt bei Paulus vor; zugleich hat er die Weichen so gestellt, daß mit der Verdrängung der Herrschaftskritik zwangsläufig die Sexualmoral ins Zentrum der christlichen Ethik gerückt wurde.
    Ist nicht die Glossolalie, zu der das Pfingstwunder bei Paulus wird (verkommt), eher eine Widerlegung der paulinischen Theologie? Die Glossolalie verhält sich zum Pfingstwunder wie der Begriff der Barbaren zum Namen der Hebräer.
    Ist nicht die Abtreibungsdiskussion eine Folge des ungelösten Paulus-Problems (bezeichnet er sich selbst nicht einmal als eine Fehl-/Mißgeburt und mit welchem griechischen Wort)?

  • 13.06.93

    Hebräer und Barbaren: Ist nicht der Name (der Hebräer) durch höhnische Verdoppelung zum Begriff (der Barbaren) geworden? Und ist nicht das „Christentum“ seit Antiochien in diese „barbarische“ Tradition (des Begriffs) anstatt in die „hebräische“ (des Namens) eingetreten?
    Dornröschen: Sind Christen nicht die, die den Weltuntergang verschlafen, und ist nicht die Theologie der (Alp-)Traum, der ihren Schlaf schützt und der Hahn (in der Geschichte von den drei Leugnungen) der Prinz, der sie aufweckt?

  • 11.06.93

    „Wo Es ist, soll Ich werden.“ Das Unbewußte verhält sich zum Bewußtsein wie das Nicht-Ich zum Ich: Es ist Teil eines transzendentalen Systems; es gibt kein Unbewußtes ohne Bewußtsein, kein Es ohne Ich (kein Objekt ohne Begriff, keine Natur ohne Welt). Was beide trennt, hat einen Namen: das Urteil (biblisch: Baum der Erkenntnis). Freuds Aufforderung zieht seine Kraft aus dem, was einmal Umkehr hieß.
    Die Beweisführung Julian Jaynes‘ zieht ihre Kraft aus der Zweideutigkeit des Begriffs des Bewußtseins: Er setzt das Unbewußte, daß sie doch erst in der Beziehung zum Bewußtsein (in einer bestimmbaren geschichtlichen Periode) konstituiert, als vom Bewußtsein getrennte Natur, das dann zwangsläufig (wie der Rassismus der Nazis) in der Biologie anzusiedeln ist.
    „Wenn die Welt euch haßt“: Der Haß der Welt konstituiert die Natur; so leugnet der Weltbegriff die Schöpfung. Aber der Naturbegriff leugnet die Auferstehung: der Haß der Welt, in dem er sich konstituiert, trifft die Fähigkeit zu hören, auf die die Idee der Auferstehung sich bezieht, tödlich. Der evangelische Rat des Gehorsams, der diese Fähigkeit zu hören (das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“) meinte, ist erst durch die kirchlich-theologische Rezeption des Weltbegriffs (durch den kirchlichen Selbsthaß) zum bloßen Gehorsam, dem christlichen Pendant des Islam, verkommen. Deshalb ist die Idee der Auferstehung grundlos geworden. Aber hier wird erstmals deutlich, worauf sich der Satz von der „Sünde wider den Heiligen Geist“ bezieht: auf die Identifikation mit dem „Haß der Welt“.
    Ihr Natursein ist der Grund, weshalb die Schöpfung seufzt und in Wehen liegt.
    Der theologische Kompromiß der creatio mundi war keiner, sondern hat die Opferfalle (den Naturbegriff) eröffnet, aus der die Theologie sich bis heute nicht hat befreien können. Aber: die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!
    Schelers Wertphilosophie wird aufs genaueste durch die Umkehrung eines Sprichwortes getroffen: Viele Breie verderben den Koch.
    Wer ist in einem Karussel vorn und wer ist hinten?
    Stand das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, in der Tradition des kreisenden Flammenschwerts? Mit der Durchschlagung des Knotens wurde das Retten gegenstandslos.
    Die Kirche, die zu den Urhebern der Verweltlichung der Welt gehört, ist die Kirche der dreifachen Leugnung.
    „Verflucht beim Herrn sei der Mann, der es unternimmt, Jericho wieder aufzubauen. Seinen Erstgeborenen soll es ihn kosten. wenn er sie neu gründet, und seinen Jüngsten, wenn er ihre Tore wieder aufrichtet.“ (Jos 626) „In seinen Tagen baute Hiel aus Bet-el Jericho wieder auf. Um den Preis seines Erstgeborenen Abiram legte er die Fundamente, und um den Preis seines jüngsten Sohnes Segub setzte er die Tore ein, wie es der Herr durch Josua, den Sohn Nuns, vorausgesagt hatte.“ (1 Kön 1634) -Jericho ist die Palmenstadt?
    Zur Abtreibungsdiskussion vgl. Mt 2415ff: Wenn ihr den Greuel am heiligen Ort stehen seht, der durch den Propheten Daniel (927, 1131, 1211, H.H.) vorhergesagt worden ist – der Leser begreife -, dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; … Weh aber den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen. Betet darum, daß ihr nicht im Winter oder an einem Sabbat fliehen müßt. Denn es wird eine so große Not kommen, wie es noch nie eine gegeben hat, seit die Welt besteht, und wie es auch keine mehr geben wird. Und wenn jene Zeit nicht verkürzt würde, dann würde kein Mensch gerettet werden; doch um der Auserwählten willen wird jene Zeit verkürzt werden.
    Urknall-Theorie: Die Physiker projizieren ihre eigene Dummheit in die Dinge. Bei den globalen Theorien werden alle Differenzierungen, ohne die Detailforschung nicht mehr denkbar ist, vergessen; übrig bleiben der leere Raum und die Frage, wie die Materie da hinein gekommen ist. Im Hinterkopf haben sie die „christliche“ Vorstellung der creatio mundi ex nihilo, und zu diesem „nihil absolutum“, wie Kant es genannt hat, fällt ihnen nur der leere Raum, in dem „nichts drin“ ist, ein. Aber physikalische Anfänge gibt es nur innerhalb des Systems, in dem alle physikalischen Begriffe, Erscheinungen und Gesetze überhaupt erst sich konstituieren, und das absolute Anfänge per definitionem ausschließt: im Inertialsystem, während ein realer kosmischer Anfang auch den des Raumes und der Zeit mit enthalten müßte.

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