Apg 231 (ähnlich 2416): „Bis zum heutigen Tage lebe ich vor Gott mit völlig reinem Gewissen.“ Wie kann Paulus das sagen nach seiner Beteiligung an der Steinigung des Stephanus und seiner Rolle bei der Verfolgung der jungen Gemeinde? Siehe hierzu die Anmerkung in der Jerusalemer Bibel: „Das gute Gewissen bildet einen wichtigen Begriff der paulinischen Ethik: 1 Kor 44, 2 Kor 112, 1 Tim 15.19, 39, 2 Tim 13, vgl. Hebr 1318.“
Nur in seiner (hebräischen) Rede an das Volk in Jerusalem nach seiner Festnahme im Tempel (Apg 21f) hat sich Paulus zu seiner Beteiligung an der Ermordung des Stephanus bekannt, nur hier hat er den Namen des Stephanus erwähnt, aber in keinem seiner Briefe (vgl. aber 1 Kor 159: „Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe“). Stephanus (die „Krone“) sah vor seiner Steinigung „den Himmel offen, und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“, während Paulus „bis in den dritten Himmel entrückt“ (2 Kor 122), „in das Paradies entrückt wurde“ (ebd. 124). Was ist hier unter dem „dritten Himmel“ zu verstehen?
Haben Name und Schicksal des Stephanus etwas mit der Dornenkrone zu tun, und der Name des Paulus mit 1 Kor 159 und Eph 38 („der Geringste von den Aposteln / unter allen Heiligen“)?
Paulus-Themen:
– Rechtfertigung durch den Glauben;
– wie steht er zur Opfertheologie?
– Bekenntnis, Christologie und Herrschaft (Autorität, Verhältnis zu den Frauen),
– die projektive Reflexion des Verhältnisses von Gesetz und Gnade,
– aber auch seine Erlösungskosmologie (Alle Kreatur seufzt und liegt in Wehen; seine Lehre von den Elementarmächten, den Archonten).
Zentral scheint
– seine ambivalente Beziehung zu den Juden zu sein (von der Verfolgung der Gemeinde bis zu seinen Auftritten in den Synagogen und seiner Beziehung zu Petrus, Jakobus und Johannes und zur Jerusalemer Gemeinde) und
– sein zweideutiges Verhältnis zu den Römern (Sergius Paulus; seit wann ist er Römischer Bürger; seit wann heißt er Paulus?).
Das „Gewissen“ bei Paulus scheint eher die praktische Vernunft zu bezeichnen als das Bewußtsein vergangener Schuld. Das paulinische „gute Gewissen“ ist das Gegenteil eines sanften Ruhekissens.
Die paulinische Gnadenlehre wird erst dann verständlich, wenn der Begriff Gnade durch den der Barmherzigkeit ersetzt wird (und Glaube durch Treue sowie Rechtfertigung durch Gerechtmachung).
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10.06.93
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09.06.93
Lk 86: „Ein anderer Teil fiel auf Felsen (epi tän petran), und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte.“ Und 813: „Auf den Felsen (epi täs petras) ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeitlang glauben sie, aber in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig.“ – Ist das nicht eine Erläuterung zur dritten Leugnung Petri (vgl. auch die anderen Fels/petra-Stellen, insbesondere die petra skandalou in Röm 933 und 1 Petr 28)?
Hängt das Simon Barjona (Mt 1617, jedoch nach Joh 142 „Sohn des Johannes“) mit dem „Zeichen des Jona“ (Mt 1239) zusammen (und ist nicht das Buch Jona ein postapokalyptisches Buch)?
Der „Taumelbecher“ der Propheten bezeichnet einen sprachlichen Sachverhalt: Die Trunkenheit der Sprache, gegen die die Wissenschaften sich durch das Verfahren der Definition der Begriffe abzusichern suchen, das sie dann in diesen „Taumel“ hineinreißt; sie ist eine Folge der Instrumentalisierung der Sprache. Die Geschichte des Nominalismus („Name ist Schall und Rauch“) ist die Geschichte des wachsenden Bewußtseins dieser Instrumentalisierung; ihre Wurzeln liegen im historischen Objektivationsprozeß und in dessen Apriori: der transzendentalen Logik, der Subsumtion der Wahrheit unter die Urteilsform (Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand).
Instrumentalisierung der Sprache in Religion und Politik (Bekenntnis und Dogma; katholischer Positivismus; Sprachregelung, Ernennungsvollmacht). Das „Bekenntnis des Namens“ real nur ein anderer Ausdruck für die „Heiligung des Namens“ (für die Nachfolge), anders bleibt es bloß ein Feigenblatt (Sündenfall, Nathanael unterm Feigenbaum, Gleichnis vom Feigenbaum). -
08.06.93
Die Heußsche Erfindung der Kollektivscham war ein genialer Trick, sich selbst und allen anderen die Erinnerungsarbeit: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, zu ersparen; sie gehört zu den Wurzeln des Ausländerhasses heute. Seit der Erfindung der Kollektivscham nehmen die Deutschen sich selbst nur noch im Blick, der sie von außen trifft, wahr, im Blick der Anderen: der Nachbarn, des Auslands, der Welt; seitdem gehört die paranoide Frage, wie das Ausland (die Welt) sie sieht, zu den gleichsam existentiellen Grundfragen der Deutschen. Zur unbewußten (aber stringenten und handlungswirksamen) Logik des Ausländerhasses gehört es, daß man mit der Beseitigung der „Ausländer“ (wie früher mit der „Endlösung der Judenfrage“, mit der Juden-Vernichtung) glaubt, sich von dieser lästigen Instanz befreien zu können. Zur Logik dieses Syndroms gehört das Bild von der „Asylantenflut“, die das Deutschtum – wie die Scham das Selbst – überschwemmt. (Gehört zur Keuschheit nicht vor allem die Fähigkeit zur Reflexion der Scham: die Fähigkeit, auf dem Meer zu wandeln: schamfrei zu werden, nicht schamlos und nicht unverschämt?)
Zum „Deutschtum im Ausland“ gehörten einmal die „Volksdeutschen“, die, sofern sie sich „zum Deutschtum bekennen“, heute als Rücksiedler (damit am Ende auch alle schön beisammen sind) die Chance erhalten, endlich „heimzukehren ins Reich“.
Die Kollektivscham: der blinde Fleck, der die Stelle markiert, an der sich einmal das Selbst befand, drückt sich am deutlichsten aus in der grammatischen (Un-)Logik des „Wir Deutschen“; sie bringt das Deutschtum und seine Beziehung zum Volks-, Eigen-und Heiligtum auf den Begriff.
Zur Genesis des Behemot: Im Paradies waren die Menschen nackt, „aber sie schämten sich nicht“. Jedoch nach dem Sündenfall heißt es nur: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Sie bedeckten ihre Blöße, aber die Scham wird nicht mehr erwähnt. Wurden die Tiere, die der Scham nicht entrinnen konnten, damals paranoid (Fell, Flucht und Aggression, Hörner, Zähne, Klauen)? Gott aber gab den Menschen ein Fell von Tieren: die Möglichkeit, die Scham zu reflektieren (Ursprung der Mode).
Die „Volksdemokratien“ kannten das „Volkseigentum“: Durch die Einbindung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel in die Schicksalsgemeinschaft des Volkes anstatt ins Prinzip der freien kollektiven Selbstbestimmung ist sie zum Kern der Selbstzerstörung der vergesellschafteten Produktionsmittel geworden. Der Appell ans Volk war seit je der Appell an die anderen: an die Verantwortungslosigkeit aller. Und die Verführung, die vom Namen des Volkes ausgeht (und im Begriff des Volkstums kulminiert), liegt in seiner exkulpierenden Kraft: Deshalb werden Urteile „Im Namen des Volkes“ gefällt. Entsprechen nicht den realsozialistischen „Volksdemokratien“ in den Marktwirtschafts-Systemen die „Volksparteien“ (Verkörperungen der Politik-Verdrossenheits-Automatik)?
Der Weltbegriff ist nur solange zu halten, wie die Vergangenheit nur als vergangen (oder die Natur nur als Natur) verstanden wird. War der Knoten, den Alexander nur durchschlagen, nicht gelöst hat, der der Bindung der Gegenwart ans Vergangene (Grund des Naturbegriffs)? Und hat nicht das Lösen (Mt 1619 und 1818) etwas mit der (von der Kirche bis heute verweigerten) Erinnerungsarbeit zu tun? -
07.06.93
Kleingärtner: der tägliche Kampf gegen das Unkraut.
Ist das Ungetüm der Allgemeinbegriff zu den -tümern? Haben die beiden Präfixe im Ungetüm mit den beiden Rosenzweigschen Negationen des Nichts in den Anfangs-Konstruktionen des Sterns der Erlösung zu tun? M.e.W.: Ist das Ungetüm die Rosenzweigsche Vorwelt (oder: die Rosenzweigsche Vorwelt der Realrepräsentant des Ungetüms), ist es das letzte Realsymbol des Mythos?
Zum Ungetüm gibt’s kein Positivum. Es gibt wohl ein Gedröhn, ein Gedöns und ein Getue, aber kein Getüm.
Steckt nicht im -tum (-tüm) neben dem domus auch das Taumeln? Sind die -tümer insgesamt der Inbegriff des Taumelkelch?
Unter einem Ungetüm stellt man sich so etwas wie einen Saurier vor: ein Wesen, das vor Kraftprotzerei verteidungsunfähig geworden ist. Ist es nicht das Modell Babylon? Und steht nicht Babylon als Warnfigur vor den -tümern (vor den Volks-, Brauch-, Juden-, Christen-, Heiden-, Deutsch-, Eigen- und Heiligtümern)? Kehrt nicht in den -tümern die Vorgeschichte als Schein der Erfüllung der Geschichte wider?
Das Ungetüm erinnert auch an Goliat.
Der Rechtsradikalismus heute, der sich an der Ausländerfeindschaft festmacht, holt das „Deutschtum im Ausland“ ins Inland zurück. In der „volkstümlichen Musik“ mag man das Bild dieses „Inlands“ erkennen.
Wie hängen Gehorsam, gehören und gehorchen zusammen, wenn nicht über den Begriff des Eigentums? Und macht nicht die Kirche in der Abtreibungsfrage so etwas wie ihre Eigentumsrechte geltend?
Erinnerungsarbeit: Sich wie ein Maulwurf in der Sprache bewegen (vgl. Kafka: Der Bau).
Ist nicht die Gewinnermentalität bei Kindern („ich bin der Erste“, „ich der Zweite“ … „das sind die Letzten“) Ausdruck von Ängsten, die wir nicht mehr wahrnehmen, weil wir in die Kindheit (wie auch in die Natur) nur noch die Freiheit von unseren Ängsten (die Freiheit von den gesellschaftlichen Pflichten) hineinprojizieren? Aber dies ist die Freiheit, die dann am Ende den Ruheständler zum Vollidioten macht.
Sind in der Stelle „Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht“ das „es werde“ und das „es ward“ auch im Hebräischen unterschieden (vgl. den Sohar, in dem beide Stellen mit „es werde“ wiedergegeben werden)? Wenn nein, könnte es dann nicht auch heißen „Und Gott sprach: Es ward Licht, und es werde Licht“? Und würde das nicht auch den späteren Satz „Und Gott nannte das Licht Tag“ genauer bestimmen?
Ist das Licht nicht die aufgehobene Vergangenheit, und ist das „Es ward Licht und es werde Licht“ nicht ein prophetischer Hinweis auf den im brennenden Dornbusch offenbarten Gottesnamen?
Hat das Lösen etwas mit der Heiligung des Gottesnamens zu tun?
Walter Benjamin hat einmal die messianische Zeit durch die Sekunde ausgedrückt. Im Alten Testament war die messianische Zeit durch den Tag (Tag JHWH’s) bestimmt, im Neuen Testament durch den Tag und die Stunde (Niemand kennt den Tag und die Stunde …). Das ist bei Walter Benjamin auf die Sekunde zusammengeschrumpft.
Hat die Selbstverfluchung in der Geschichte von den drei Leugnungen etwas mit dem Greuel am heiligen Ort zu tun? Ist nicht der neue Katechismus die dritte Leugnung, festzumachen
– an der Bedeutung der Trinitätslehre im Katechismus,
– an der Stellungnahme zur „Übernahme der Sünden der Welt“ und
– an der Erläuterung der Bitte um Heiligung des Namens?
Hat der Saulus unter den Propheten etwas mit dem Paulus unter den Aposteln zu tun?
– Kommt Paulus außer in der Apostelgeschichte und in seinen eigenen Briefen sonst noch vor (z.B. in einem der anderen Apostelbriefe, oder in der Apokalypse)?
– Wie stehen Paulus und der Hebräerbrief zueinander?
– Was hat es mit der Frage der „Echtheit“ der Paulusbriefe auf sich, wo liegt die Grenze zwischen den echten und den anderen? Nach Reclams Bibellexikon (S. 388) sind
. 7 Briefe echt (1 Thess, Gal, 1 und 2 Kor, Röm, Philem, Phil),
. 2 unklar (2 Thess und Kol),
. 4 von P.-Schülern (Eph, 1 und 2 Tim und Tit).
. Hebr wurde zwar von der Alten Kirche Paulus zugeschrieben, „doch widersprechen dem stilistische und inhaltliche Gründe eindeutig“ (ebd. S. 203). Als Verfasser wurden vermutet z.B. Lukas, Apollos, Barnabas.
– Welche Apostel (außer Petrus und den „Säulen“) werden bei Paulus genannt?
– Woher kommt der Name Paulus: Ist es generell sein römischer Name, ist es seine Selbstbezeichnung als Christ, wie nennen ihn die Andern? Was bedeutet der Name: ist es nur ein üblicher römischer Name, oder meint er so etwas wie den „Geringsten unter den Aposteln“?
Nach Reclams Bibellexikon (S. 389) trug Paulus „neben seinem Geburtsnamen Schaul zum Zeichen des seiner Familie eigenen röm. Bürgerrechts den lat. Beinamen (cognomen) Paulus“ (Hervorhebung H.H.); nach dem Kleinen Pauly (Lexikon der Antike, Bd. 5, Sp. 137) „nahm Paulus unter dem Eindruck der Begegnung (mit dem römischen Prokonsul in Zypern L. Sergius Paulus, H.H.) das Cognomen des Proconsul an“. Vgl. hierzu Apg. 137ff, insbesondere 139, wo erstmals von „Saulus, der auch Paulus (heißt)“ die Rede ist; voher heißt er nur Saulus, danach nur Paulus. Kann es sein, daß Saulus erst hier (mit dem Namen Paulus) auch die römische Staatsbürgerschaft angenommen hat (vgl. dagegen Apg 2227f: … als Römer geboren)? Was ist sonst von L. Sergius Paulus bekannt? -
06.06.93
Ursprung der Flexionen in der sumerischen Sprache: Sind nicht die Prä- und Suffixe insgesamt Determinaten? Hängt nicht die Bildung der Flexionen, die ja auch Kombinationen von Prä- und Suffixen sind, mit diesem Ursprung in den sumerischen Determinanten zusammen?
Drogen und Alkoholismus: Kann es sein, daß der Drogenkonsum im Sinne der Bikameralitätstheorie die linke Hemisphäre des Gehirns außer Funktion setzt, der Alkohol (als reine Zivilisationsdroge) die rechte? Der Drogenkonsum führt hinter die Zivilisationsschwelle zurück, der Alkoholkonsum macht sie erträglich und stabilisiert sie (Taumelbecher). Aber wie steht es dann mit dem Rauchen: Leugnet es die Gebete der Heiligen?
Nur dort, wo die Sprache nicht mehr hinreicht, bedarf es der Gewalt; aber was mit Gewalt (mit Hilfe des Rechts) durchzusetzen ist, ist nicht die Moral, sondern ihr Schein.
Die Bekehrung ersetzt nicht die Umkehr.
Der Raum als subjektive Form der Anschauung ist die höhnische Kälte, mit der wir heute die Welt ansehen; und die kantische Philosophie (die Kritik der reinen Vernunft) war der Anfang des Bewußtseins, und damit der Heilung davon.
Taub, blind und besessen: Hat das etwas mit leer, gereinigt und geschmückt, und haben beide mit den drei evangelischen Räten, Armut, Gehorsam und Keuschheit zu tun? Heilt nicht der Gehorsam die Taubheit, die Armut die Blindheit, und befreit die Keuschheit von der Besessenheit (und diese Besessenheit ist eine siebenfache)?
Zu den Grundproblemen der Europäischen Gemeinschaft gehört das Währungsproblem. Aber um dieses Problem zu begreifen, wäre es notwendig zu ermitteln:
– Welche Sparten der Wirtschaft profitieren von der Währungsstabilität und welche werden benachteiligt und müssen den Preis zahlen;
– oder umgekehrt: welche Sparten profitieren von einer inflationären Geldpolitik und welche werden davon benachteiligt. Hieran ließe sich das Problem des Ex- und Imports der Armut demonstrieren, oder die Wahrheit des Hegelschen Satzes, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern. Jede Geldpolitik ist eine Marktorganisationspolitik und wie diese interessengebunden.
Der Gedanke, daß mit der Wissenschaftsorganisation und mit dem Kanon der Wissenschaften auch ein gesamtgesellschaftlicher Verdrängungsapparat produziert und tradiert wird.
Jesus und der Tempel:
– Nach seiner Geburt wurde er im Tempel „dargebracht“,
– der zwölfjährige Jesus „lehrt“ im Tempel,
– und der erwachsene Jesus „reinigt“ den Tempel von Händlern und Geldwechslern, und bei seinem Tod reißt der Vorhang vorm Allerheiligsten entzwei.
„Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten, daß sie Objekt für andere waren, und darauf reagiert die Scham, sie ist eine Objektreaktion.
– In der Rosenzweigschen Konstruktion des Sterns der Erlösung vertritt der Mensch die Stelle des Objekts (die Welt die Stelle des Begriffs und Gott die der Indifferenz beider).
– Scham, Materie, Feigenblatt und Tierfell: So, nämlich über den Begriff der Scham und über die Geschichte seiner naturgeschichtlichen und politischen Konnotationen, hängen der „Materialismus“ und das Keuschheitsgebot zusammen.
Nochmal zur Scham: Sind die seit Heuß begeistert sich schämenden Deutschen der Nährboden für den heute ausbrechenden Fremdenhaß? Wurde nicht mit der „Kollektivscham“ die Selbstwahrnehmung im Blick der Anderen (aus dem die Rechtsradikalen heute ausbrechen möchten) kanonisiert. Der Schambegriff hat die produktive Verarbeitung der Schuld unmöglich gemacht. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn kein Mitglied der Regierung Kohl bis heute den Mord zur Kenntnis genommen hat, sondern nur die Schande für den deutschen Namen und das Urteil des Auslands. -
05.06.93
Ist nicht der Selbsthaß der Rechten der Abgrund, gegen dessen Sog diese Gesellschaft keine Abwehr- und Widerstandskräfte mehr zu mobilisieren vermag? Diesen Abgrund hat die Politik eröffnet.
Das Adjektiv „christlich“ ist das Letzte, das an den Ursprung und die Intention des Christentums noch erinnert.
Wer sagt, daß das Christentum es in 2000 Jahren nicht geschafft habe, die Menschheit zu verbessern, und daß man es deshalb mit einmal mit etwas anderem versuchen sollte, sieht nicht, daß er mit diesem Argument auf eine Logik hereinfällt, die genau in der christlichen Tradition wurzelt, gegen die sich wendet.
Merkwürdiges Suffix „-tum“:
– Christentum, Judentum, Heidentum, aber nicht anwendbar auf die einzelnen Konfessionen, oder auf Islam, Buddhismus, Hinduismus und andere Religionen;
– Mönchtum, Sektierertum;
– Deutschtum (Volkstum, Brauchtum!), aber nicht anwendbar auf Engländer, Franzosen, Italiener und andere Nationen;
– Heiligtum, Eigentum, Heldentum und die merkwürdigste Bildung: Reichtum (dagegen Armut, dessen Suffix nicht nachgewiesen werden kann);
– Königtum, aber Königreich; Herzogtum, Fürstentum, aber Grafschaft; Papsttum;
– Altertum (aber Mittelalter, Neuzeit);
gibt es einen Zusammenhang mit „Ungetüm“ (wie ist dieses Wort konstruiert: Verknüpfung von un- und ge- wie in Ungeheuer, mit dem es sinnverwandt ist; Zusammenhang auch mit Unwesen)? Hängt dieses Suffix mit der Verinnerlichung des Schicksals, dem Ursprung des Weltbegriffs, mit der sprachlichen Wasserscheide, die die Zivilisation von der Vorgeschichte trennt, zusammen?
Dieses Suffix
– könnte aus der Vereinigung der Suffixe -heit und -keit entstanden gedacht werden; und es
– ist (deshalb?) nicht bedeutungsneutral, es scheint an eine bestimmte Bedeutung des Stammnomens anzuknüpfen, nur auf bestimmte Bedeutungsstrukturen anwendbar zu sein;
– wie verhält es sich zum -wesen (dem verwaltungsspezifischen Suffix: Bauwesen, Zoll-, Vermessungs-, Planungswesen, das nicht zufällig ans Unwesen erinnert)?
Vergleich mit dem englischen -dom (kingdom): Zusammenhang mit domus (Haus); Denkmal der pharaonischen Tradition in der Sprache?
Das Problem, die dogmatische Tradition des Christentums wieder zum Sprechen zu bringen, ist deshalb so schwierig zu lösen, weil das Bewußtsein, hier auf ein finsteres Geheimnis zu stoßen, zu nahe gerückt ist.
Die Übernahme der Sünden der Welt schließt heute die Reflexion auf die kirchliche Identifikation mit dem Aggressor mit ein. Durch die Sünden der Welt ist die Kreatur dazu verurteilt, Natur zu sein.
Denkmäler sind Mäler des Nichtdenkens, Verkörperungen von Denkverboten: Sie sollen nur noch, wie die mittelalterlichen Fassaden und das kleindeutsche Fachwerkunwesen, die Stadt schmücken.
Das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“ steht in der Nähe des anderen Satzes „Ich will nicht, daß mein Wort leer zu mir zurückkommt“. Der Deuteronomist beantwortet das „Heute …“ mit dem Schema Jisrael.
Das „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ gehört zum Zeichen des Jonas: Wer Rechts und Links nicht unterscheiden kann (sc. die Kirche), weiß nicht, was er tut. Jesus sitzt zur Rechten des Vaters, aber der Papst, sein Stellvertreter, und die Kirche, sein Leib, tun so, als säße er zur Linken. -
02.06.93
Merkwürdig, daß zur Erklärung der Zivilisationsschwelle konkretistische Ansätze (Velikovsky/Heinsohn: Venus-Katastrophe, Julian Jaynes: Bikamerale Psyche) gelegentlich weiterhelfen können.
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01.06.93
Heute in der Frankfurter Rundschau ein Überblick über neue Beiträge in psychoanalytischen Zeitschriften, u.a. über einen Aufsatz von S. Hirschauer („Konstruktivismus und Essentialismus“ in der Zeitschrift für Sexualforschung 4), zu dem es heißt: Im Sinne des Konstruktivismus spricht Hirschauer dem Geschlechstunterschied die Naturseite ab und erklärt die Geschlechter zu rein gesellschaftlichen Konstrukten, …“ – Der Naturbegriff ist selber ein gesellschaftliches Konstrukt, zusammen mit dem Weltbegriff entsprungen und mit ihm gemeinsam in den historischen Prozeß verstrickt. Deshalb ist die Geschichte der Sexualität ein Seismograph der historischen Auseinandersetzung mit der Natur (der Geschichte als Herrschaftsgeschichte: der Geschichte von Welt und Natur). Die Entschlüsselung dieser Geschichte löst den Bann, dem das Christentum mit dem Paradigma der Sexualmoral verfallen ist. Voraussetzung ist die Kritik des Weltbegriffs und – in der Konsequenz des Nachfolgegebots – der Verzicht auf den theologischen Gebrauch des Naturbegriffs (der Müllhalde des projektiven Denkens).
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31.05.93
Die Sprache gründet im Namen; sie wird durch den Weltbegriff zerstört.
Das Bekenntnis verhält sich zur Welt wie der Name zu den Dingen: Beide sind im historischen Objektivationsprozeß und durch die Gewalt des Weltbegriffs zu Schall und Rauch geworden. Und beide haben ihre Wahrheit nur als Platzhalter und im Kontext der Umkehr.
Der Weltbegriff instrumentalisiert auch das Vergangene, macht es zu Totem, das keinen Schaden mehr anrichten und für die Zwecke der Herrschaft nutzbar gemacht werden kann. (Der Historismus treibt die Dämonen der Vergangenheit aus, ist ein Exorzismus gegens Vergangene.)
Nur Vergangenes wird gewußt; das aber heißt, daß das Wissen nur durch Kritik (durch Umkehr) in Erkenntnis sich umwandeln läßt. Wissenschaft, das sie beherrschende Identitätsprinzip, ist der Feind der Erkenntnis. Und mit dem Prinzip „verum et unum convertuntur“ wurde die Erkenntnis aus der Universität ausgetrieben. -
30.05.93
Ist nicht die Kabbala die Explikation des Prophetenworts, wonach Israel der Augapfel Gottes ist?
Die Vorstellung des unendlichen Raumes (nach Kant die subjektive Form der äußeren Anschauung) ist die Finsternis über dem Abgrund, versiegelt durch den Objektbegriff.
(Ist die Trinitätslehre der „Greuel am heiligen Ort“?) -
29.05.93
Geht nicht die christliche Opfertheologie von der Bestechlichkeit Gottes aus?
Natur ist die gefallene Kreatur, und in der Idee einer Natur Gottes drückt sich nur eine Denknotwendigkeit der gefallenen Vernunft aus, aber nicht Gott.
Hat die Trinitätslehre etwas mit dem „leer, gereinigt und geschmückt“ in dem Gleichnis von den sieben unreinen Geistern zu tun?
Die ganze Kreatur harrt, seufzt und liegt in Wehen: Hängt das zusammen mit dem leer, gereinigt und geschmückt?
Die Person ist der Träger des Namens und der Träger der Schuld. Die Person muß Rechenschaft ablegen für ihre Taten; sie ist verantwortlich für ihr Tun und muß es sich zurechnen lassen.
Ahnden = rächen, strafen, tadeln; hängt nach Kluge zusammen mit animus und gr. onomai, ich tadle. Zusammenhang mit onoma, Name?
Sind der griechische und der hebräische Begriff des Namens (onoma und schem), sind ihre innersprachlichen Konnotationen vergleichbar? -
28.05.93
Ist das Futur II der Turm, der bis zum Himmel reicht (Gen 114), die Trinitätslehre die Spitze des Turms und das Inertialsystem seine vollendete Gestalt? „Auf, formen wir uns Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr vom Himmel herab …“
– Lehmziegel: Bildung des Neutrum, Ursprung des Materiebegriffs (der Mensch aus Lehm erschaffen; Adam: aus Staub geworden, wird wieder zu Staub, den dann die Schlange frißt; Herstellung von Lehmziegel Symbol der Sklavenarbeit; vgl. Ex 114, 2 Sam 1231)?
– Erdpech: Organisation der Sprache und des Raumes, Ursprung der Flexionen (aus Prä- und Suffixen), Zusammenhang mit der Orthogonalität (Bau der Arche; Untergang der Könige von Sodom und Gomorra; Bau des „Kästchens aus Schilf“, in dem Moses gerettet wurde)?
– Stadt: Vergesellschaftung der Sprache; Zusammenhang von Begriff, Gesetz und Erscheinung (Kain erbaute die erste Stadt und benannte sie nach seinem ersten Sohn Henoch, während in der Set-Folge „Henoch … seinen Weg mit Gott gegangen (war), dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen“)?
– Machen wir uns einen Namen: Ursprung des Nominalismus (Zer-störung der benennenden Kraft der Sprache durch nationalistische Selbstbenennung als Volk, als „Schicksalsgemeinschaft“)?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie