• 15.02.93

    (15. – 22.02.93 JCM-Konferenz in Bendorf)

  • 14.02.93

    Es gibt eine Steigerung, die verharmlost. Dazu gehört das Dogma von der Göttlichkeit Jesu.
    Falsch ist im Anblick von Auschwitz die Identifikation mit den Opfern; wichtig ist sie allein im Kontext der Selbstreflexion der Täter. Gilt das nicht auch für den Kreuzestod Jesu?
    Ist nicht die Dogmatik ein falsches (verdinglichtes) Metaphern-Konstrukt?
    Die Entdeckung der sogenannten Tiefenzeit, die Verlängerung der Chronologien, zerstört den Gegenstand der Erinnerung: falsche Zärtlichkeit für die Welt.
    Wer unfähig ist zur Schuldreflexion, muß alles, was von außen an Schuld erinnert, als Angriff, als Beleidigung erfahren. Deshalb sucht er es zu beseitigen, bis hin zu Vernichtung. Das hat insbesondere den Charakter des Wiederaufbau der deutschen Städte, in denen nichts mehr an die Vergangenheit erinnern durfte, bestimmt, es erscheint aber auch in den Gräberschändungen der Rechten nach Auschwitz.
    Die Kirche bekennt mit den Lippen, Jesus sitze zur Rechten des Vaters. Sie handelt so, als säße er zur Linken: sie hält den umgestülpten Handschuh für den richtigen.
    Das Buch Jona bezieht sich auf den Anfang der Kirche: Ninive wird nicht zerstört (angesichts der 120000, die rechts und links nicht unterscheiden können, und so viel Vieh). Aber daneben steht (im katholischen Kanon) das Buch Tobit, und da wird der Fisch erlegt, Sara vom Dämonen Asmodai befreit, das Symbolum eingelöst, Tobit von der Blindheit geheilt und am Ende Ninive doch zerstört. Wird hier nicht das Ende der Kirche beschrieben?
    Der Weltbegriff stammt aus der Geschichte der Idolatrie, das Inertialsystem aus der der Inquisition.
    Was die Philosophie mit dem Mythos gemacht hat, hat die christliche Theologie (und zwar schon die Vätertheologie, mit Hilfe des Dogmas und der Orthodoxie) mit der Prophetie gemacht. Die Theologie hat die Philosophie gerettet, aber die Prophetie verraten. Die Orthodoxie war ein Mittel, gegen den Einspruch der Prophetie den Objekt- und Realitätsbezug der Philosophie zu retten. Aber er wurde nicht nur gerettet: Durch ihre Beziehung zur Prophetie hat sich mit der Theologie (im Kontext der Verinnerlichung des Opfers) der Objektbegriff so geändert, daß erst danach der Ursprung des Kapitalismus und des Inertialsystems möglich war.
    Ist nicht Sebastian ein griechischer Augustinus?

  • 13.02.93

    Der Weltbegriff bewirkt, daß wir uns selbst im blinden Fleck stehen; diesen blinden Fleck projizieren wir zugleich nach draußen: als Natur. Um diesen blinden Fleck zu erhalten, bedarf es der Opfertheologie; und zwar der Opfertheologie als Nachfolge-und Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategie, die das Schuldverschubsystem begründet, dessen diverse Auskristallisationen wir Welt nennen.
    Sind nicht die Gräberschändungen symbolische Handlungen: hilflose Abwehrreaktionen gegen die als reale Gefahr erfahrene Wiederkehr des Verdrängten? Haben diese Gräberschändungen, durch die rechte Aktionen sich von linken unterscheiden, nicht erst nach dem Kriege, genauer: nach Auschwitz, und hier als Zeichen nicht geleisteter Erinnerungsarbeit eingesetzt? Ist hier nicht eine neue Qualität in der Geschichte des Antisemitismus, und rührt diese neue Qualität nicht auch an die Grenze theologischer Sachverhalte? In den Evangelien waren es (neben Petrus) die Dämonen, die das Messiasbekenntnis abgelegt haben.
    Das Reich der Erscheinungen schließt das Was der Erscheinungen von sich aus, bleibt äußerlich dagegen, macht es unkenntlich. Diese Äußerlichkeit drückt sich in den Totalitätsbegriffen Natur und Welt aus. Die Welt ist das Subjekt des Subjektlosen; sie konstituiert sich als Inbegriff des gleichen, durch die Institution des Opfers begründeten Vakuum, in das zuvor die Idolatrie die Götter hineinprojiziert hatte.
    Ist nicht die Übernahme der Sünden der Welt die Restituierung der Gottesfurcht unter den Bedingungen des neuen Äons? Und haben wir nicht mit der Vergöttlichung Jesu ihn mit dieser Gottesfurcht allein gelassen? Und in welcher Beziehung steht die Gottverlassenheit des Gekreuzigten zu der Verlassenheit, in die wir ihn gestürzt haben?
    Die bloße Verwerfung der Dogmen, der Orthodoxie, der Sakramente, des Priestertums und der Hierarchie gehört in den Zusammenhang des erinnerungslosen Abschieds: sie wiederholt zwangshaft das Ursprungsgesetz der Dogmen, der Orthodoxie und der anderen dazugehörenden Dinge. Es gibt eine Art des Umgangs mit der Vergangenheit – und fast unsere ganze Geschichtsschreibung gehört hierher -, die darauf hinausläuft, die in der Befassung mit dem Vergangenen aufbrechenden Erinnerungen unschädlich zu machen, das Verstörende gleichsam zu domestizieren. Die Schrift nicht nach Belieben (nach den Gesetzen unserer Verdrängungsmechanismen) auswerten, sondern als Rätselschrift lesen lernen, das ist die Voraussetzung dafür, daß sein Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt.
    Die höhnische (oder ironische) Verdoppelung im Namen der Barbaren, ist das nicht auch ein Hinweis auf den Grund der Reversibilität aller Richtungen im Raum und der Irreversibilität der Vorstellung einer homogenen Zeit (der Verknüpfungsbegriffe von Welt und Natur): des Ausschlusses der nur in Identifikation mit dem Fremden sich begreifenden Idee der Gegenwart? Ist das nicht m.a.W. ein Hinweis auf das projektive Moment in aller Objekterkenntnis? Und ist dann nicht die Geschichte der Naturwissenschaften die Geschichte der Barbarisierung der Welt?
    Gibt es eigentlich einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem melech und dem maleach, dem König und dem Boten, dem Engel, und ist es nicht eine Verharmlosung des Boten, des Engels, wenn man glaubt, seinen Namen fein säuberlich von dem des Gottessohns trennen zu können? Ist nicht auch der Sohn ein Bote?
    Der Horkheimer-Satz „Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum, aber es gibt auch keine Religion, in deren Namen solche Untaten begangen worden sind“ bezieht sich nicht auf die beiden Seiten eines Blattes, sondern auf die beiden Seiten eines Handschuhs. Beim Umstülpen ist die Mahnung aus dem Märchen zu beachten: Vergiß das Beste nicht!
    Woher kommt das Wort Mal; gibt es einen Zusammenhang zwischen Denkmal, Wundmal, einmal, nochmal, malnehmen, Maler (der Anstreicher wie der Künstler)?
    Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug sei, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, bewahrheitet sich heute global aufs ungeheuerlichste. Hegel hat nur den zusätzlichen Hinweis vergessen, daß die bürgerliche Gesellschaft zugleich den blinden Fleck erzeugt, der die Wahrnehmung dieses Sachverhalts fast unmöglich macht.
    Ist nicht das Lamm in Joh 129 identisch mit dem Lamm der Apokalypse, das allein berufen ist, die sieben Siegel zu lösen?
    Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht: Deshalb fällt der Kreuzestod nicht unter die Blutschuld (Ex 22). Aber hat dieser Dieb etwas mit Hermes/Merkur zu tun?

  • 12.02.93

    Zu Karl Lehmann:
    – Lehmann ist nur noch jovial (eine realmythische Figur).
    – Gehört nicht die Gen-Technologie – ebenso wie die Atomphysik und die Weltraumforschung – zu den Kamikaze-Technologien der Menschheit?
    – Müßte man nicht das Prinzip Verantwortung von dem bloßen Verantwortungsbewußtsein unterscheiden (und die ungeheure Zweideutigkeit des Begriffs Verantwortung mit reflektieren)? In der Verantwortung, von der Lehmann spricht, klingt nur der Slogan von der „Schwere der Verantwortung“ an, ein auf blasphemischste Weise christologisches Wort (wer diese „Verantwortung“ übernimmt, nimmt dem andern die Verantwortung und die Mitschuld ab, die ihn vielleicht zum Handeln, zum Eingreifen veranlassen könnte; er signalisiert: halt du dich da raus). Hier handelt es sich um eine „Verantwortung“, mit der man Hierarchien und die hohen Gehälter der „Verantwortungsträger“ rechtfertigt. Reale Verantwortung aber würde darin bestehen, daß man endlich versucht zu begreifen (und nicht mehr nur zu rechtfertigen), was man tut.
    – Karl Lehmann übt ein Amt aus, in dem es eigentlich unmöglich sein müßte, sich als Privatperson daneben zu stellen, so als wäre das, was in seinen Kreisen gerne Berufung genannt wird, nur ein Job, aus dem man sich aus raushalten kann. Immerhin hat er die Anzeige ja auch als Bischof – mit dem Zeichen des bischöflichen Segens versehen – unterschrieben (er hat also sehr wohl die Autorität seines Amtes mit eingebracht und kann sich eigentlich – aufgrund des Anspruchs, mit dem diese Autorität sonst verknüpft wird – nicht auf eine Privatmeinung zurückziehen; diese Autorität hat er verspielt; und macht er das mit seinem Rechtfertigungsversuch nicht nur noch schlimmer?).
    – Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist. Aber muß sich die Kirche unbedingt in den sich hier eröffnenden Abgrund mit hineinstürzen?
    – Die Kirche steht in der prophetischen Tradition des Votums für die Armen und die Fremden. Und ich hätte es mir gewünscht, daß der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz mit ähnlichem Aufwand und mit ähnlicher Deutlichkeit sich beispielsweise in der Frage der Kürzung der Sozialhilfe (über die Hintergründe könnte er sich allerdings bei keinem Industrieverband, nur bei der eigenen Caritas informieren) und in der Frage der ausländerfeindlichen Pogrome in diesem Land zu Wort gemeldet hätte. Auf keinen Fall aber scheint es mir Aufgabe der Kirche zu sein, Feigenblätter zu produzieren.
    – Hat die Rehabilitierung Galileis (und gleichzeitig der Inquisition) durch den Papst eine Schleuse geöffnet: Wird das Lehramt in Richtung Industrie und Wissenschaft verlagert?
    – Was diese Anzeige demonstriert: Allen Lesern wird Wirtschaftsmacht als Autorität, die sogar der Bischof absegnet, vorgeführt. Wie in anderen Werbungen auch wird an irrationale Ängste appeliert (Krebs und Aids), an nationalistische Emotionen (Deutschland muß erstklassig bleiben), und es wird suggeriert: Laßt uns nur machen, wir wollen nur euer Bestes und arbeiten nur am Fortschritt, der auch euch zugute kommt, aber haltet euch da raus.
    – Karl Lehmann ergreift die Partei der gleichen Welt, von der es heißt, daß sie „euch haßt“; es ist ein Akt der Identifikation mit dem Aggressor (zu dessen Folge u.a. die brutalen und mörderischen Aktionen der Rechten gehören).
    Die theologische Tradition seit den Kirchenvätern und das Dogma bilden das Kreuz, an das die christliche Lehre geschlagen wurde, nachdem die Kirche sich weigerte, es auf sich zu nehmen.
    Wie paßt eigentlich das „sein Kreuz auf sich Nehmen“ des Nachfolgegebots zur Kreuzigung: Gewinnt es nicht erst dann Sinn, wenn es auf die Schuld an der Kreuzigung und nicht auf die Kreuzigung selbst bezogen wird?
    Die Kirche war das Instrument der Vergesellschaftung der Philosophie und des Herrendenkens.
    Die Vergöttlichung Jesu bezieht sich auf die Göttlichkeit, die wir ihm qua Bekenntnis zusprechen, mit dem wahnsinnigen Glauben, daß seine Göttlichkeit davon abhinge (was sie nur tut, wenn sie als Göttlichkeit für andere: als ein Instrument in unserer Hand, verstanden wird). Die andere Seite dieser Vergöttlichung ist der Exkulpationsmechanismus, den sie begründet: die Rechtfertigungslehre.
    Die Theologie hat die Lehre nicht auf den Kopf gestellt, sondern sie hat sie umgestülpt, so wie man einen rechten Handschuh umstülpen kann, und es wird ein linker daraus. Dieser Mechanismus, der in der Theologie (genau: in der Opfertheologie, in der Objektivation und Instrumentalisierung des Kreuzestodes) begonnen wurde, ist im Konstrukt des Inertialsystems zu sich selbst gekommen, in der Vergegenständlichung des Konstrukts der subjektiven Formen der Anschauung. Das Inertialsystem ist der umgestülpte Handschuh. Und hierauf beziehen sich die Bilder von den sieben unreinen Geistern und von den sieben Siegeln der Apokalypse. Hier haben wir uns im System unserer eigenen Projektionen verstrickt. Und beim Umstülpen kommt es darauf an, die Stelle zu finden, an der man in den Handschuh hineinkommt; diese Stelle hat Einstein entdeckt: im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Vor diesem Hintergrund gewinnen die mittelaufwendigsten Forschungsbereiche, wie Atomphysik, Gentechnologie und Weltraumforschung, ihre apokalyptische Dimension. Hier wird man wieder lernen müssen, Rechts und Links zu unterscheiden.
    – Hat das Bild des Handschuhs etwas damit zu tun, daß Jesus zur Rechten des Vaters sitzt (und wurde er – das jedenfalls scheint der kirchlichen Tradition genauer zu entsprechen -durchs „Umstülpen“ nach links versetzt: von der Seite der Barmherzigkeit auf die Seite des Gerichts – so wurde aus dem Jüngsten Gericht das Weltgericht)?
    – Aber die Hand hat nur fünf Finger; woher kommen die sieben unreinen Geister? (Hinweis: In den astrologischen Planetenlehren gehören zu den sieben Planeten auch Sonne und Mond.)
    – Haben die paulinischen Archonten etwas mit diesem „Umstülpen“ zu tun, und auch das Paulus-Wort, wonach die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet? Aber Paulus war nur bis in den dritten Himmel entrückt.
    – Im Krieg Josues mit Amalek hielten Aaron und Hur die Arme des Moses, und solange sie hochgehalten wurden, siegte Josue über Amalek.
    – Nach Ex 22 entsteht keine Blutschuld, wenn ein Dieb beim Einbruch erschlagen wird, ausgenommen: die Sonne ist bereits aufgegangen. Nach 1 Thess 52 kommt der Tag des Herrn „wie ein Dieb in der Nacht“ (vgl. auch Off 33, Mt 2442f, Mk 1333, 2 Pt 310: „Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden nicht mehr gefunden.“).
    – Im Islam gehört es zur Scharia, daß dem Dieb die Hand abgehackt wird.
    Ist nicht die Düsseldorfer Entscheidung in Sachen Dellwo u.a. ein erneuter Beleg dafür, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, und daß objektive und exakte Phantasie: die Kraft sich vorzustellen, welche Folgen die eigenen Entscheidungen haben werden, nicht zu den Karrierevoraussetzungen unserer Richter gehören. Ihre Entscheidungen (und ihre Urteile) gehen auch in dem Sinne im Namen des Volkes, daß sie vor keiner Reflexion standzuhalten brauchen.

  • 11.02.93

    Die Vorstellung des unendlichen Raumes macht das Chronologie-Problem unlösbar und die Schuld unaufhebbar (die Nachfolge im Sinne von Joh 129 unmöglich). Mit seiner Vergöttlichung wurde Jesus erschlagen. Hängt der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs nicht damit zusammen, daß das Kreuz zu einem affirmativen Symbol geworden ist, und ist nicht das Kreuz selbst das Symbol der Welt? Dann aber wäre Joh 129 nur eine andere Fassung des Nachfolgegebots und im wesentlichen nicht davon unterschieden. Das Kreuz auf sich Nehmen und das die Sünden der Welt auf sich Nehmen ist eins.
    Erläutern sich Joh 129 und das „ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe, darum seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ nicht gegenseitig?
    Drückt nicht im Titel Herrenbruder ein Stück Kritik an der Herrschaftsmetaphorik im Dogma von der Göttlichkeit Jesu sich aus? Waren die Verfasser des Jakobus- und des Judasbriefes Brüder des Herrn? Welche Bewandnis hat es überhaupt mit den Herrenbrüdern, die (als Herrenbrüder) erst nach Ostern zu den Jesus-Jüngern kommen?
    Wenn man im Satz Wittgensteins „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ den Fall mit Sündenfall übersetzt, dann kommt man dem nahe, was in Joh 129 mit „Sünden der Welt“ bezeichnet wird.
    In der verhängnisvollen deutschen Staatsmetaphysik steckt finsterstes Hegelsches Erbe: Hier wird der Staat zum Subjekt gemacht und das Subjektlose, der Gemeinheitskern, das durch Umkehr zu humanisierende, verdrängt. Das wird nirgend deutlicher als in der sehr deutschen Institution des Staatsanwalts (auch in der des „Kanzlers“?).
    Ist nicht der Ausländerhaß ein nach außen gewendeter, projektiv instrumentalisierter Selbsthaß, der seine Wurzeln insbesondere in der deutschen Staatsmetaphysik hat?
    Was hat es zu bedeuten, wenn nach dem Aufdecken der Blöße des Vaters durch Ham nicht er selbst, sondern sein Sohn Kanaan zur Knechtschaft verdammt wird?
    Zum Taumelbecher und zur Trunkenheit:
    – Hegel zufolge ist im Absoluten kein Glied nicht trunken;
    – diese „Trunkenheit“ ist ein zwangsläufiges Zivilisationssyndrom, nur durch Verdrängung (unter Mithilfe realer Trunkenheit) zu ertragen;
    – sie erlaubt und erzwingt es, erinnerungslos zu leben; dazu ist der Alkohol als Zivilisationsdroge unentbehrlich;
    – deshalb ist Trunkenheit zugleich gewaltfördernd und schuldmindernd.
    Hängt es hiermit zusammen, wenn im Josephs-Roman der Mundschenk des Pharao wieder in seine Rechte eingesetzt wird (dem Pharao den Becher reicht), der Oberbäcker hingegen gehängt wird (nachdem die Vögel des Himmels das Gebäck im Korb für den Pharao fressen)?
    Drückt nicht in der Anerkennung der Trunkenheit als Strafmilderungsgrund auch ein Stück deutscher Staatsmetaphysik sich aus?
    Ist nicht die Natur das Sklavenhaus, und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Beginn des Exodus? Und liegt nicht der Ursprung des Weltbegriffs im Turmbau zu Babel? Die babylonische Gefangenschaft ist etwas anderes als das Sklavenhaus in Ägypten.
    Ist nicht die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele eigentlich die Vorstellung der Unsterblichkeit der Schuld? Und bezeichnet der Begriff der Seele nicht das Trägheitsmoment im Subjekt, mit dem Gefühl als Schwerkraft?
    Zum Problem der Wand siehe
    – Sauls Attentate auf David (1 Sam 1811, 198 und 2025),
    – Hiskijas Reue (2 Kön 202, Jes 382) und
    – die Schrift an der Wand: das „Mene mene tekel u-parsin“ bei Daniel (55ff).
    Ursprung des Begriffs „Sodomie“: geht es hier um den realen Verkehr mit Tieren oder um den unzüchtigen Verkehr mit dem Behemoth, dem apokalyptischen Tier, und sind in dieser Version nicht die die Nazis und ihre Erben die wirklichen Sodomiten (die, die das Antlitz des Hundes tragen)?
    Ist es nicht das steinerne Herz, das das Antlitz zum Antlitz des Hundes macht, Und fällt nicht der Ursprung des Antlitzes des Hundes in die Geschichte des Weltbegriffs (Babylon stand unterm Symbol des Hundes, Ägypten unter dem der Katze)?
    Was war das Schilfmeer? Nach Reclams Bibellexikon
    – der Golf von Akaba, der Nordostarm des Roten Meeres (1 Kön 926, Jer 4921), andere Versionen in
    – Ex 1019: der Golf von Suez,
    – 1320: bei den Bitterseen, nördlich des heutigen Suez, und
    – 142.9: am Sirbonischen See, nordwestlich von den Bitterseen.
    Der Verblendungszusammenhang, der das Ganze der Erscheinungen und mit ihm die Begriffe Natur und Welt überhaupt erst konstituiert, gründet in den subjektiven Formen der Anschauung. Die transzendentale Logik, wenn man sie affirmativ und nicht als Grundlage der Erkenntniskritik begreift, bezeichnet den Grund und den Inbegriff des Herrendenkens.
    Die Buße ist das Umdenken im Banne des Herrendenkens: die Umkehr als Erscheinung.
    Sakramente waren beim Augustinus noch das Symbolum und das Herrengebet (das Kreuzzeichen, das Salz, die Exorzismen, die Anhauchungen, das Bußgewand, die Kopfneigungen, das Ausziehen der Schuhe und die übrigen Riten des Katechumenats und der Kompetentenzeit, die Osteroktav, die Handauflegung, die Rekonziliation, das große Fasten, die geistlichen Gesänge etc.), aber auch die Taufe, die Buße, „die Feier des Leibes und Blutes des Herrn“ und die „Ölsalbung“ (van der Meer, S. 296): eigentlich die ganze symbolische Selbstdarstellung des Christentums in der unerlösten Welt; erst im Mittelalter kristallisierte sich (zusammen mit den innerkirchlichen Reformen: Zölibat, Einführung der Ohrenbeichte u.a.) die Siebenzahl der Sakramente heraus: Taufe und Firmung, Buße und Eucharistie, Priesterweihe und Ehe und schließlich die Krankenölung. Interessant wäre eine Geschichte der Sakramente (im Kontext einer Geschichte der Liturgie), in der insbesondere ihre Beziehung zur Geschichte der Herrschaft und des Weltbegriffs, zur Geschichte von Staat, Recht und Philosophie, herauszuarbeiten wäre (Basis und Medium der Islamisierung der Kirche und der Theologie, Kern des kirchlichen Erlösungsbegriffs: Nutzung der exkulpierenden Kraft der theologisierten Philosophie, Ursprung der naturwissenschaftlichen Aufklärung). Aber nach Abschluß der Vergesellschaftung und Verinnerlichung von Herrschaft: erweisen sich jetzt nicht die sieben Sa-kramente als die sieben Siegel der Apokalypse (neue Theologie der Sakramente)?
    Nicht die Philosophie als Magd der Theologie, sondern die Theologie als Magd der Philsophie, als Instrument der Absicherung ihrer zivilisationsbegründenden Kraft, war das Organisationsprinzip der Orthodoxie und der Kirchenbildung seit den Ursprüngen des kirchlichen Christentums.

  • 10.02.93

    „Haus des Urteils“ und „letztes Gericht“ (Eisenmann/Wise, S. 241): Bezeichnen diese Begriffe nicht den Raum (als Form und Symbol der Verstockung gegen die Umkehr)?
    Zu Young, Beschreiben des Holocaust: Die Kritik an Peter Weiss (S. 118ff, wo er den marxistischen Ansatz von Peter Weiss kritisiert) und an Tadeusz Borowski (S. 170ff) bezeichnet genau die Grenzen des Youngschen Versuchs. Zu der folgenden Textpassage (von Tadeusz Borowski): „Erst jetzt erkenne ich, welcher Preis für die Errichtung der alten Kulturen bezahlt wurde. Die ägyptischen Pyramiden, die Tempel und die griechischen Statuen -welch ein abscheuliches Verbrechen! … Die Antike, das gewaltige Konzentrationslager, …“ schreibt Young: „So hat sich im Kopf des Schriftstellers nicht allein die Zukunft (!), sondern auch die Vergangenheit, sein kulturelles Erbe, in ein großes KZ verwandelt“. Wäre etwa die Verwandlung der Zukunft in ein großes KZ nicht so schlimm wie der verzweifelte Blick auf die Entstehungsbedingungen des „kulturellen Erbes“? Und spielt sich der beschriebene Sachverhalt nur „im Kopf des Schriftstellers“ ab? Ist der Begriff der Normalität, der dem Werk Youngs zugrundezuliegen scheint, überhaupt noch zu halten? Und trennt nicht Auschwitz in der Tat das „kulturelle Erbe“ von der Wahrheit?
    Der christliche Begriff der Buße konnte sich von dem der Umkehr ablösen und gegen ihn verselbständigen nur dadurch, daß die Welt (in der Konsequenz der Opfertheologie und unter Verletzung des Nachfolgegebots) als entsühnt begriffen und damit die Sünde entpolitisiert, privatisiert wurde. Dem theologischen Begriff der Rechtfertigung (der an die Stelle der Forderung, gerecht zu werden, tritt) setzt die vorhergehende Rechtfertigung der Welt -Grund des Bekenntnisbegriffs und dann jeder Ideologie – voraus. Und dieser Begriff des Bekenntnisses verewigt den ungerechten Zustand der Welt und macht ihn unkenntlich.
    Mit der Vorstellung des unendlichen Raumes schützt sich die Subjektivität gegen die Reflexion des sie begründenden Herrschaftsmoments. Ebenso wie die Vorstellung des Raumes sind auch die Begriffe Natur und Welt, die sich im Medium des mathematisierten Raumes überhaupt erst konstituieren, selbstreferentiell und damit fast unreflektierbar.
    Wäre das Rosenzweigsche Konstrukt nicht doch einmal anhand folgender Thesen zu überprüfen:
    – Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung,
    – der Begriff des Wissens die Offenbarung und
    – Naturbegriff die Erlösung?
    In welcher Beziehung stehen dazu:
    – Adornos Kritik der Verdinglichung,
    – sein Konzept des Eingedenkens der Natur im Subjekt und
    – das auf Benjamin sich berufende Konzept der vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte?
    Zur Jotam-Fabel (Ri 97ff): Der König steht in der Figur des Dornbuschs (und, nach Jürgen Ebach, Kains). Ist darin nicht auch ein Stück Messias-Kritik enthalten, die das kritische Element in den Evangelien (die Unkraut- und Kain-Tradition in ihm) antizipiert? Welche Bewandnis hat es dann mit dem Ölbaum, dem Feigenbaum und dem Weinstock? Ist nicht die Jotam-Fabel mehr als nur eine moralische Fabel: eine prophetische Fabel?
    Sind die Entdeckung des Winkel und die Entfaltung der Geometrie der Fläche bei den Griechen nicht ein Abfallprodukt der Entdeckung der Schrift, die ebenfalls auf die Fläche sich bezieht (Zusammenhang mit der Schrift als verstummte und deshalb tradierbare Sprache)?
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkommt: Die in der Schrift verstummte Sprache will wieder laut werden.
    Ist nicht die christliche Theologie in ihrer dogmatischen Gestalt mehr als Hurerei: die Vergewaltigung der Schrift?

  • 09.02.93

    Ist das „Gericht“ das „Von allen Seiten hinter dem Rücken“ (der Raum)?
    Begründet das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht erstmals in der Geschichte der Naturwissenschaften die Notwendigkeit der Weltkritik?
    Läßt sich das Verhältnis der Mikrophysik zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht aufklären im Rahmen der Überlegungen, die zum Konzept des „schwarzen Lochs“ führten? Und ist nicht die Mikrophysik selbst ein System schwarzer Löcher, präsentiert sie nicht das Inertialsystem gleichsam als Sieb?
    War nicht die Geschichte der Entfaltung des naturwissenschaftlichen Wissens mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit am Ende, aber ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht der Anfang der Erkenntnis?
    Die Naturwissenschaften blenden die Erinnerungsarbeit, die Schuld- und Herrschaftsreflexion aus (machen sie gleichsam gegenstandslos), und sie unterdrücken die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen. Sie reduzieren das Sein der Dinge auf das Sein für andere. Genau das gründet und drückt sich aus in der hypostasierten Form des Raumes und in der Vorstellung einer homogenen Zeit.
    Jeder Fundamentalismus gründet in der Unfähigkeit zur Schuldreflexion: der Unfähigkeit zur Weltkritik.
    Erziehen unsere Schulen heute nicht zum Analphabetismus, und ist das nicht einer der Gründe der Xenophobie? Die Schrift (und nicht nur die hebräische) repräsentiert das Fremde, von dem die Analphabeten ausgeschlossen sind.
    Verstehen wir überhaupt noch, was es heißt, wenn Jesus in den Abschiedsreden davon spricht, daß „die Welt euch haßt“, nachdem wir selber den Weltbegriff und mit ihm den Selbsthaß verinnerlicht haben (Selbstverfluchung).
    Symbolisiert der Baum des Lebens die hebräische, und der Baum der Erkenntnis die griechische Sprache?
    Ist es nicht vom Grundsatz her falsch, und in der Konsequenz rassistisch, wenn man beispielsweise zu den sogenannten indogermanischen Sprachen einen stammesgeschichtlichen Ursprung sucht? Wäre es nicht sinnvoller, die gesellschaftlichen Konnotationen dieses Sprachsystems in der Grammatik dieser Sprache, die übrigens auf die Ursprungsgeschichte des Staates zu verweisen scheint, jedenfalls nicht der Stammesgeschichte angehört, zu eruieren und den Ursprung in einer Konstellation zu suchen, wie sie in der Geschichte vom Turmbau zu Babel beschrieben ist?

  • 08.02.93

    Das Zwangsbekenntnis ist ein projektives Bekenntnis: ein Bekenntnis für andere, aber auch ein projektives Schuldbekenntnis: Kern der Komplizenschaft derer, die die Religion nur noch ausbeuten. Es verhält sich zum wirklichen Bekenntnis wie Beethoven zu Mozart.
    Wird nicht im Zwangsbekenntnis die Lehre von der Göttlichkeit Jesu an Voraussetzungen gebunden, unter denen sie nicht zu halten ist (double bind). Und hängt das nicht mit der Hellenisierung der Theologie zusammen, mit einer Objektbindung der Sprache, die z.B. in der Verbalinspiration, in dem Verständnis der „Wörtlichkeit“ (im augustinischen „de genesi ad literam“) sich ausdrückt, aber auch im Gesamtkonstrukt der dogmatischen Theologie, die eigentlich nur das philosophische Erkenntniskonzept (den Weltbegriff) rettet, aber die Gotteserkenntnis verrät? Hier liegt der Keim der nominalistischen Selbstzerstörung der Theologie, die heute endgültig der Willkür überantwortet zu werden scheint.
    Die Verbindung des Logos mit der Schöpfungslehre untergräbt die christliche Vorstellung vom fleischgewordenen Gott: sie ist wahr nur, wenn sie als Symbol der Erinnerungsarbeit gefaßt wird.
    Die Deutschen haben keinen Witz, weil sie Witze machen: weil sie unfähig sind, sich der Komplizenschaft des obszönen Witzes zu entziehen (Funktion des obszönen Witzes für die Geltungskraft des Realitätsprinzips).
    Der Weltbegriff verdrängt die Erinnerungsfähigkeit, die der benennenden Kraft der Sprache zugrunde liegt.
    Verweist die „Bitte“ im Brief an Martin Buber (und seine Folgen) nicht auf ein mimetisches Verhältnis zur Tradition: Bin ich nicht gleichsam (unter dem Druck des Faschismus) in diese Theologie hineingekrochen? Ich habe sie mir nicht vom Leibe halten können.
    In welchem Zusammenhang stehen in den Qumran-Texten (Eisenmann/ Wise) die Hinweise auf „Fels“, „Turm“, „Wand“ und „Festung“ (Körperliche Raumbegriffe?), auf Jona und auf die Kreuzigung (S. 148/151)?
    Der Naturbegriff bezeichnet die Objektseite, der Weltbegriff die Subjektseite der verräumlichten Dingwelt (des kantischen Reichs der Erscheinungen). Das Wissen gründet in dem Konstruktionsprinzip, das Natur und Welt verbindet und trennt (in System der transzendentalen Logik): es definiert die Gestalt des gegen die Offenbarung (die Prophetie) sich verstockenden Bewußtseins. Sind nicht wir das halsstarrige Volk, als welches wir die Juden ansehen?

  • 06.02.93

    Ist nicht der AcI eine sprachliche, grammatische Konstruktion, die die Dinge in den Herrenblick rückt?
    Was haben die Handbücher der EDV-Hard- und Software mit Auschwitz zu tun?
    Der Weltbegriff ist das Apriori der Instrumentalisierung. Der Weltbegriff und der Naturbegriff stützen sich gegenseitig.
    Leer, gereinigt und geschmückt: Gereinigt und geschmückt erinnern an den lateinischen und griechischen Weltbegriff, an mundus und kosmos. Leer ist das Ergebnis der Geschichte der Naturwissenschaften; Wird dieses Leer nicht von den verzweifelten Rechten als Handlungsanweisung verstanden? Das Vacuum zieht die sieben unreinen Geister an, die sich als Feinde der unreinen Geister maskieren.
    Die Fähigkeit zur Reflexion des Raumes eröffnet den Blick auf die vergangene Zukunft (während der unreflektierte Raum als Form der äußeren Anschauung ihn versperrt).
    Der Stein, der Fels, ist die neutralisierte Umkehr: nur noch schwer (und so das Fundament der Kirche?).
    Ist es nicht merkwürdig, und steckt nicht möglicherweise mehr dahinter, daß die Wahlplakate der etablierten Parteien diesmal alle in der gleichen Grundfarbe erscheinen: in blau (neben F.D.P. diesmal auch CDU, SPD und die Repubklikaner). Rote Schrift haben die CDU und die SPD.
    Das Licht ist der Quellpunkt des Angesichts, das Gegenstück zum Kristallisationskern der Verdinglichung.
    Was haben die Flußpferde, die Nilpferde, mit den Pferden zu tun? Weshalb heißen sie Pferde, und ist dieser Hinweis auf die Pferde auch in anderen, insbesondere in den altorientalischen Namen des Flußpferds enthalten? Wenn Pferde, Adorno zufolge, die Nachfahren der Helden sind, sind dann die Flußpferde Inbegriff und Realsymbole des mythischen Helden, Verkörperungen des tragischen Verstummens?
    Pferde sind das ästhetische Bild des Rassischen. Enthält nicht der Begriff der Rasse Konnotationen, die sich in seiner biologischen Bedeutung nicht erschöpfen, es sei denn, daß man das Biologische selber realsymbolisch begreift, ähnlich wie die Lebensphilosophie versucht hat, den Begriff des Lebens zu erfassen? Sind nicht die Namen Leben, Rasse, Pferd, Held Teil eines Bedeutungsfeldes, zu dem auch die Begriffe des Schicksals und des Tragischen gehören? Dieses Tragische, Schicksalhafte gehört zu den Ursprüngen des Antisemitismus, und das deshalb, weil mit dem Jüdischen das Prophetische als das Antitragische und das Antischicksalhafte schlechthin erahnt wurde. Die Rosenzweigsche Konstruktion des Tragischen, des Schicksals und des Mythos unter dem Begriff der Vorwelt gibt einen Vorbegriff dessen, was mit der Verinnerlichung (und Umwandlung) dieser Kategorien unter dem Begriff der Welt dann eingetreten ist.
    Ist nicht der Islam die Kunstreligion? Und ist nicht Mohammed auf einem Pferd in den Himmel aufgefahren? Hat nicht der Islam die Prophetie als Richten mißverstanden (mit den bekannten Folgen in der durch den Islam vermittelten Gestalt der mittelalterlichen christlichen Theologie)?
    Im Gegensatz zu den jüdischen Gelehrten, die Schriftgelehrte sind, sind die islamischen Rechtsgelehrte: Sind nicht die christlichen Gelehrten Rechtsgelehrte, die sich als Schriftgelehrte mißverstehen, und deshalb dogmatisch? Die Gefahr des theokratischen Mißverständnisses der Religion wird erst dann gebannt sein, wenn das Christentum sich selbst begreift. Die theokratische Version der Religion hat ihr Realsymbol in Petrus/Kephas. Darauf bezieht sich das „Weiche von mir Satan“, die Gethsemane-Geschichte und die Geschichte von den drei Leugnungen.
    Gehören zum Petrus nicht auch die Simon-Geschichten: vom Simon von Cyrene über den Magier Simon bis hin zur Simonie.

  • 05.02.93

    Das reale gegenständliche Korrelat der christlichen Theologie ist nicht der Himmel mit seinen Engeln und Heiligen, sondern -und darauf weist schon die bekannte augustinische Bemerkung hin, wonach zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick der Leiden der Verdammten in der Hölle gehört – Auschwitz. Hierin erfüllt sich die Realitätssucht, von der die katholische Theologie nicht lassen kann. Deshalb gewinnt das Ereignis Auschwitz eine Qualität, die sonst nur der Heiligen Schrift eignet.
    Drei Dinge von Rosenzweig: die Umkehr, der Name und das Angesicht. (Und drei Dinge für Adorno: daß es im Zustand der Befreigung des Ich nicht mehr bedarf, daß die Natur noch unter einem Bann steht, und daß der Ursprung der Philosophie der Verinnerlichung des Schicksals sich verdankt. Nachtrag: Ist das Recht das vergesellschaftete Schicksal, und liegt hier der Grund dafür, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand sein kann?)
    Ist nicht der Dekalog erst im Christentum vergesetzlicht worden? Mit der Folge, daß insbesondere das zweite, das vierte und das achte Gebot (die Heiligung des Gottesnamens, die Ehrung der Eltern und das Verbot des falschen Zeugnisses wider den Nächsten) nie verstanden worden sind (nicht gemeint sind: „du sollst nicht fluchen“, „de mortuis nihil nisi bene“ und „du sollst nicht lügen“).
    De mortuis nihil nisi bene: die Begründung der Raumvorstellung, mit der die Auseinandersetzung mit den Eltern stillgestellt worden ist.
    Wo kommen (außer bei Susanna, im Jesus-Prozeß und bei Stephanus) falsche Zeugen vor?
    Der Weltbegriff verhindert die sich mit dem andern identifizierende Erkenntnis, indem er den Objektivationsprozeß, die Vergegenständlichung sanktioniert und seine Folgen zugleich ausblendet.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit korrigiert das Inertialsystem als Referenzsystem des naturwissenschaftlichen Objektivationsprozesses, indem es zugleich das Wissen von der Erkenntnis trennt, den Schein der Konvergenz beider destruiert.
    Hängt der Name des Pharao nicht mit dem des Sklavenhauses zusammen: Sklaven sind Sklaven des Hauses; in Ägypten aber ist das ganze Land das Haus. Die Josefsgeschichte beschreibt die Ursprungsgeschichte der Einheit und des ökonomisch-politischen Kontextes dieses „Hauses“.
    Die Vergesellschaftung von Herrschaft hat mit der griechischen Philosophie, mit der Überwindung des Mythos durch Verinnerlichung ihres logischen Kerns, des Schicksals, begonnen: Hier haben erstmals alle von dem Kelch getrunken. Bezieht sich nicht darauf das Jesus-Wort in Gethsemane: Wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen.
    Ist es nicht die Orthodoxie, die bewirkt, daß wir Rechts und Links nicht mehr unterscheiden können?

  • 04.02.93

    Erinnert das im zweiten Kapitel des ersten Teils des „Beschreiben …“ angesprochene Problem nicht an das Problem der Autorenschaft insbesondere in der apokalyptischen Literatur (aber auch beim Pseudo-Dionysius und beim Sohar), das sich, wie vielleicht das Fälschungs-Problem im Mittelalter und das Chronologie-Problem insgesamt, nicht mehr unter dem Titel Fälschung erledigen läßt? Die Authentizität eines Werks kann nicht immer daran gemessen werden, ob sich der Autor zu seinem Werk „bekennt“. Umgekehrt: Setzt dieses „Bekenntnis“ nicht eine Identität der Person voraus, die an die der subjektiven Formen der Anschauung (an die Einheit des Ich denke, bei der heute zu fragen ist, ob sie der Idee der Wahrheit noch standhält) gebunden ist und mit dieser steht und fällt.
    Reproduzieren sich nicht angesichts von Auschwitz die theologischen Probleme, in die sich die christliche Theologie nach der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes verstrickt hat?
    Zeitunglesen: das allmorgendliche Drachenfutter, weltlicher Exorzismus gegen die Gewalt der nächtlichen Träume.
    Ist die Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern nicht auch eine Form des Erkanntwerdens in dem Sinne, in dem es heißt, daß Adam sein Weib erkannte?
    Die Auflösung des Banns der Vergangenheit ist die Auflösung des Wissens durch erinnerndes Erkennen. (Hat das Prädix er- etwas mit der dritten Person sing. masc. zu tun?)
    Zum „Laß den Kelch an mir vorübergehen“: heißt das, er möge es mir ersparen, ihn trinken zu müssen? Und wie heißt das Vorübergehen im Griechischen?
    Die affirmative Rezeption des Weltbegriffs war erkauft mit der Versteinerung der Kirche. Und war das nicht vorbezeichnet im Namen des Kephas?
    Motive, die Adornos Interesse geweckt haben, waren wohl:
    – daß die Verwirklichung der Utopie sich daran messen läßt, daß es des Ich nicht mehr bedarf;
    – daß die gesamte Natur noch unter einem Bann steht; und
    – daß der Ursprung der Philosophie der Verinnerlichung des Schicksals sich verdankt.
    Hat sich nicht das gesamte Realitätsverständnis verändert, als physis mit natura und kosmos mit mundus übersetzt wurde?
    Wenn Prophetie Herrschaftskritik ist, dann ist – nach der Vergesellschaftung von Herrschaft – Erkenntniskritik die letzte Gestalt ihrer Verkörperung.
    Welchen Wert hat die Taufe, wenn sie nicht die Erinnerung an den Täufer in sich enthält: an das „Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe“ und das „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“

  • 03.02.93

    Wozu benötigt die Sprache das Futur II? Hat das Futur II (als sprachlicher Kern des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs) etwas mit dem babylonischen Turm, der bis zum Himmel reichen sollte, zu tun? Ist sie der Ursprung des Falls (die Antizipation des Selbstmords)? Das „Es wird gewesen sein“, die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, begründet mit dem Selbsterhaltungsprinzip die wechselseitige Äußerlichkeit der Dinge im Raum, sie konstituiert damit die Raumvorstellung selber: die die Orthogonalität und die Reversibilität der Richtungen im Raum begründenden Logik. Sie begründet das abschlußhafte, die Dinge wie die Vergangenheit abschließende Wissen, seine vergegenständlichende Kraft, die in der Trennung und wechselseitigen Konstituierung von Natur und Welt sich manifestiert.
    Das Futur II neutralisiert den Wunsch und das Gebot; es ist der Grund des Gesetzes, ein Graecum, kein Hebraicum. Es hat mit dem Orakel und mit den Auguren zu tun, nichts hingegen mit der Prophetie. Es ist der sprachliche Grund und Reflex der Subjektivierung des Schicksals (der Philosophie und des Weltbegriffs) und insoweit das reale Korrelat der Geschichte des Turmbaus zu Babel.
    Zielt nicht der katholische Gebrauch des Begriff des Fundamentalismus heute auf die Wahrheit selbst: sich selbst erfüllende Projektion?
    taz, 03.02.93 („Unterm Strich“): Die Redensart „Aus Saulus wird
    Paulus“, aus einem schlechten Mensch wird ein guter Mensch, fußt nach neuesten Bibelforschungen auf falschen Voraussetzungen. Der Apostel habe seinen ursprünglichen Namen niemals abgelegt, sei zeitlebens Jude geblieben und gelte fälschlicherweise als Mitbegründer des Christentums, erklärte der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide in einem AP-Gespräch. Saulus, der später als zweiten, römischen Namen Paulus angenommen habe, habe sich nie zum Christentum bekehrt. „Das Wort Bekehrung kommt in der sogenannten Damaskus-Vision überhaupt nicht vor, sondern es heiße dort Berufung zum Apostolat“, erläutert der in Frankfurt am Main lebende Religionswissenschaftler. Nach der Überlieferung hatte Paulus auf dem Weg von Arabien nach Damaskus die Vision, daß Jesus ihn zum Apostel berufen wolle. Mit dem Menschen Jesus ist Paulus jedoch nie zusammengetroffen. Zu Petrus und Jakobus soll Paulus einmal gesagt haben: „Meine Vision der Auferstehung war wichtiger als eure Begegnung mit dem irdischen Zimmermannssohn.“ Als ein wesentliches Forschungsergebnis bezeichnet es Lapide, daß sich Paulus entgegen der Überlieferung im Galater-Brief niemals in Arabien aufgehalten habe. Vielmehr sei er von Arawah (hebräisch Steppe) nach Qumran gegangen, die beide am Toten Meer liegen. Den Weg habe Paulus zu Fuß oder auf dem Esel in etwa einer halben Stunde bewältigt. Qumran, wo im Jahre 1947 die berühmten Schriftrollen gefunden wurden, habe früher den Beinamen „Damaskus in der Wüste“ getragen, erläutert Lapide. So sei fälschlicherweise überliefert worden, Paulus sei von Arabien nach Damaskus in Syrien gegangen. Gegen die klassische Überlieferung spreche auch, daß es damals etwa von Riad nach Damaskus eine Achttagereise gewesen wäre, erklärte der Neutestamentler. Die berühmten Qumran-Rollen, Handschriften vor allem aus Büchern des Alten Testaments, wurden 1947 in einer Höhle von Beduinen entdeckt, die auf der Suche nach einer entlaufenen Ziege waren. „Die meisten Rollen sind aus Leder, wenige aus Papyrus und nur zwei aus Kupfer“, erläutert der Neutestamentler. Da Wissenschaftler noch heute dabei seien, die Rollen auszuwerten, werde spekuliert, daß mit einer Gesamtveröffentlichung „die Einzigartigkeit von Jesus und seiner Botschaft geschmälert“ werden könnte. (Zusatz taz: Oh weh, oh weh.)
    Die „Beschreibung des Holocaust“ von James E. Young rührt an einen zentralen Punkt: an das Problem des Schreibens heute überhaupt und an das Verständnis der Schrift. Nähe zur „Grammatologie“ von Derrida und zum „Widerstreit“ von Lyotard. Erinnerung an die Selbstmorde von Jean Amery, Primo Levi und Paul Celan (unsere Mitschuld daran, weil wir nicht bereit waren, den Schrei aufzunehmen). Lyotards Reflexionen über das vollkomene Verbrechen rühren an ein Problem der Sprache, für das Auschwitz auch steht: an die Unfähigkeit, den Bann der Gemeinheit zu sprengen und zugleich die rechtlichen Kriterien der Zeugenschaft zu erfüllen. Dazu ist an den Kontext des Logos-Begriffs und das „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, …“ zu erinnern, die das Problem in einen realen theologischen Zusammenhang rückt. Läßt sich über Auschwitz erst im Kontext der Idee der Auferstehung (oder erst nach der Auferstehung der Toten) schreiben? Rückt das die deutsche Abwehr der Postmoderne nicht doch in ein anderes Licht? Und hat es nicht doch verhängnisvolle Folgen, wenn dieser Diskurs in Deutschland fast nur abgewehrt und die Postmoderne wie eine Häresie verfolgt wird?
    In Auschwitz ist der Weltbegriff mit untergegangen, er ist seitdem für die Theologie nicht mehr brauchbar. Auschwitz ist der Maelstrom, dessen Poe’sche Beschreibung Adorno als Motto vor seine Kierkegaard-Arbeit gesetzt hatte: der Wirbel, der die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt. Wir leben in diesem Wirbel und halten ihn immer noch – unter dem Bann der subjektiven Form der äußeren Anschauung, des Raumes – für eine ruhende Welt. Auschwitz ist der Beweis dafür, daß der Logos die Last, die wir ihm aufbürden, indem wir die Nachfolge verweigern (und die Erscheinungen für die Dinge an sich halten), nicht zu tragen vermag. Die Last ist endgültig auf uns übergegangen.
    Erinnerungsarbeit und Vergangenheitskolonialismus: Solange wir glauben, die Richter der Toten sein zu können, richten sie uns.
    Zeugenschaft und Eingedenken: Dieses „Das darf nicht vergessen werden“ ist das zentrale Motiv, nicht die Widerlegung der Leugner.
    Zu Otto F. Best (FR von heute): Die Deutschen haben keinen Witz, weil sie Witze machen. Dadurch unterscheiden sie sich u.a. von den Franzosen. Witz ist die Fähigkeit zur Sprachreflexion, die das Witze-Machen durch seine verdinglichende, vergegenständlichende Gewalt (durch Gelächter) zerstört. Der deutsche Witz ist eine xenophobe und paranoide Notwehraktion (Indiz der verfolgenden Unschuld). Karl Kraus hat einmal darauf hingewiesen, daß die Deutschgesinnten in der Regel des Deutschen nicht mächtig sind. (Vgl. Adenauers Wort: „Je einfacher Denken ist eine guten Gabe Gottes“. Einschlägig scheinen auch die Satzeinschübe Kohls zu sein, wie z.B.: „das werde ich an dieser Stelle sagen dürfen“, mit denen Kohl seine Rede unterbricht, um sein Erstaunen darüber auszudrücken, was er hier wieder einmal sagt, und mit denen er zugleich sich selbst ermächtigt, es zu sagen. Das liegt auf der gleichen Ebene wie seine eigene Unfähigkeit und die anderer Mitglieder seines Kabinetts, zu den xenophoben und antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit überhaupt auch nur einen vernünftigen Satz zu sagen. Zugrunde liegt die allgemeine Erleichterung darüber, daß wir nach der wiedergewonnenen Einheit uns keine Zurückhaltung mehr auferzulegen brauchen und endlich wieder sagen dürfen, was wir denken; die Irritation durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen wird real verdrängt und verschoben auf das bedauernswerte Unverständnis des Auslands für diese deutsche Eigenart, auf die wir leider noch Rücksicht nehmen müssen.)
    Die verandernde Kraft des Seins ist der Grund des Weltbegriffs, sie wird durch durch die Gewalt des Weltbegriffs unumkehrbar. Der Weltbegriff ist die verandernde Kraft des Seins als Totalität.
    Ist nicht der augustinische Satz, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle gehört, eine direkte Konsequenz aus dem Kernkonstrukt der dogmatischen Theologie: der Opfertheologie. Hier liegt der Grund, daß in der kirchlichen Tradition die Buße nur noch als Leiden verstanden wird, und nicht als Tun: die Umkehr ist gegenstandslos geworden. War nicht das Bild der Hölle ohnehin das Produkt einer projektiven Verarbeitung des Bewußtseins, daß die Gläubigen selber für sich und für die anderen die Hölle sind (mit der Exkulpierung von Herrschaft, der Legitimierung des staatlichen Gewaltmonopols, und einem Begriff der Sexualität, in dem die politische Ohnmacht bewußtlos sich reflektierte, als dem Herd des ewigen Feuers)?
    Das Wort von den Pforten der Hölle (Mt 1618): ou katischysousin autäs, sie werden sie nicht überwältigen.
    Die Rehabilitierung Galileis durch Johannes Paul II scheint mir auf den Versuch hinauszulaufen, den Kloß im Hals der Theologie, zu dem die Naturwissenschaften geworden sind, jetzt endlich zu schlucken: aber wird die Kirche nicht daran ersticken?
    Das Dogma war der Preis, den der Staat und die Philosophie für die Rettung des Welt- und des Objektbegriffs zahlen mußten.
    Hegels Satz, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, müßte eigentlich unters kirchliche Abtreibungsverbot fallen (durch den affirmativen Weltbegriff hat die Theologie sich selbst abgetrieben).
    Zur deutschen Staatsmetaphysik gehören neben dem Gewaltmonopol des Staates und dem Staatsanwalt auch das deutsche Staatsexamen.

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