• 11.11.92

    Zur Deklination: In der Physik werden Nominativ und Akkusativ (Subjekt und Objekt), in der Ökonomie Genitiv und Dativ (Herrschaft und Gnade, Erwerb und Geschenk) ununterscheidbar. Ist die Ökonomie (Welt als zweite Natur) feminin und die Physik (nicht als Inbegriff der Natur, sondern des Wissens) neutrum?
    Warum wird beim Genitiv und Dativ femininum im Deutschen der bestimmte Artikel des Nomintativ masculinum verwendet (im Lateinischen die Nominativ-Endung des Plural); und warum ist (im Deutschen) die Deklination der Artikel des Singular femininum identisch mit der des Plural?
    Im Englischen unterscheiden sich Genitiv und Dativ geschlechtsunabhängig durch die Präpositionen of und to (das gleiche to charakterisiert den Infinitiv). Hier ist die Differenz weder am Artikel noch an der Endung des Substantivs zu erkennen. Gibt es einen Zusammenhang mit der anderen Wurzel und Bedeutung des „Seins“, des (anders verdinglichenden) to be? Ist Heideggers Fundamentalontologie ins Englische übersetzbar?
    Sind Nominativ und Akkusativ vorn und hinten, Genitiv und Dativ rechts und links, und aktiv und passiv oben und unten? In welcher Beziehung stehen die Deklinationen zur Bildung des Futur II? Das Sein löst das „Aktiv“ in lauter Schicksal auf; darin gründet seine „verandernde“ Kraft. Die Ontologie ist der Staub, von dem im Fluch über die Schlange und über Adam die Rede ist.
    Die normative Kraft des Faktischen, oder der Indikativ als Imperativ.
    Die Fundamentalontologie ist in der Tat in ihrem Kern faschistisch, sie liefert zugleich das Feigenblatt mit. In seiner ernstesten Gestalt ist der Faschismus nicht an dem Grobraster von Symptomen zu erkennen, auf den er heute reduziert wird (wie z.B. Rassismus).
    Das Inertialsystem als Todesgrenze trennt auch die bewußt ablaufenden Prozesse von den automatisch sich selbst regulierenden Prozessen (die physiologischen Abläufe im Körper, die Bewegungen der Sternenwelt und die politisch-ökonomischen Prozesse). Es trennt das Bewußtsein vom Unbewußten; insbesondere versteinert es – als Reflex der Selbsterhaltung – das Herz. Der Geist hat in der Tat etwas mit dem pneuma, dem Atem, zu tun: An der Neutralisierung des Heiligen Geistes erstickt die Kirche, erstickt der Glaube, ersticken die Christen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt“: das ist die Luft, die die Menschen zum Atmen brauchen.
    Die christliche Sexualmoral ist der genaue (nur unaufgeklärte) Ausdruck des grammatischen Schicksals des femininum: die Nichtunterscheidbarkeit von Genitiv und Dativ im femininum macht jede Sexualität zur Vergewaltigung oder zur Prostitution. Hier gründet der prophetische Begriff der Unzucht, der Hurerei (das Objekt ist das Objekt der Begierde).
    Wenn das Neutrum der Staub ist, aus dem Adam ist und zu dem er wird, und den die Schlange frißt, ist dann die säkularisierte Welt (die durch den Weltbegriff verhexte Schöpfung) die Wüste (die Wüste beim vierzigjährigen Exodus, die Wüste vor der Versuchung Jesu, die Wüste der Eremiten, die der Welt entsagen)?
    Beziehung der casus zur Zeit: Alle stehen unter dem Primat der Vergangenheit:
    – der Genitiv unter dem der abgeschlossenen,
    – der Dativ unter dem der nicht abgeschlossenen,
    – der Akkusativ unter dem der zukünftigen Vergangenheit (Futur II als Grundlage des Objektbegriffs).
    Nur der Nominativ, das mit Namen benannte Subjekt des Urteils (an dessen Stelle in der transzendentalen Logik das Objekt tritt), ist präsentisch.
    Gegen die kantische Auflösung der Antinomie der reinen Vernunft, die – so Hegel – durch diese Auflösung (die Verlegung des Widerspruchs ins Subjekt) die Welt (in der Vorstellung der Dinge an sich) unangetastet läßt, sagt Hegel: „Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen, ihn dagegen in den Geist, in die Vernunft zu verlegen und darin unaufgelöst bestehen zu lassen.“ (Hegels Logik, Bd. I, S. 236) Aber dieses Argument ist ambivalent, es läßt den kantischen Hinweis auf den transzendentalen Charakter der Begriffe Welt und Natur (die beide Kant zufolge nur auf das Gesamt der Erscheinungen, nicht auf die Dinge an sich sich beziehen) unbeachtet, und es kehrt sich aufgrund des Festhaltens am vorkritischen Weltbegriff am Ende (im Begriff des Weltgerichts) gegen Hegel selber. Wie nahe Hegel dem gekommen ist, darauf verweist der übernächste Satz: „Die sogenannte Welt aber … entbehrt darum des Widerspruchs nicht und nirgends, vermag ihn aber nicht zu ertragen und ist darum dem Entstehen und Vergehen preisgegeben.“ (Ebd.) Gilt das nur für die Dinge in ihr, oder auch für die Welt selber?
    Ist das E = m.c2 der verkehrte Ausdruck jener Macht, die den Himmel aufspannt? Und ist es nicht die Physik, die den Himmel wie eine Buchrolle aufrollt?
    Die Schnittfläche des Knotens, die Begriff und Objekt trennt, ist die heute alles durchdringende Gewalt des Weltbegriffs. Und spüren wir nicht den Schmerz nur deshalb nicht, weil wir völlig desensibiliert sind? Und ist die Aufhebung dieser Desensibilisierung jenes Feuer, das in der christlich-theologischen Tradition Fegfeuer und Hölle heißt, in der biblischen Tradition mit dem apokalyptischen Weltenbrand gemeint ist? Sind nicht Einsteins Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Plancksche Strahlungsgesetz ein erster Vorbegriff dieses (in die Struktur der Formen der Anschauung selber eingreifenden) Feuers? Und ist es dieses Feuer (das Autodafe des Objekts), das den Begriff von der benennenden Kraft der Sprache trennt?

  • 10.11.92

    Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Preis, das Opfer und die Strafe.
    Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Das Inertialsystem wird nicht siegen. Und ist hiernach die Rücknahme der Verurteilung Galileis, und zwar der Form, nicht der Sache nach, ein Teil der Selbstverfluchung?
    – Sollte der Papst wirklich gesagt haben: Galilei, ich verzeihe dir, so klingt das, als wenn auch die Deutschen eines sich bereit erklären würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen.
    – Und wenn der Papst die Männer der Inquisition mit dem Hinweis auf den „guten Glauben“, in dem sie gehandelt hätten, verteidigt, so wird man daran erinnern müssen, daß mit dem gleichen Argument („fehlendes Unrechtbewußtsein“) die ganze Nazijustiz freigesprochen wurde, ja daß mit diesem Argument die Täter selber (in Auschwitz und den anderen KZs), die auch glaubten, für eine gute Sache zu handeln, nicht hätten schuldig gesprochen werden dürfen. Auch der Fremdenhaß und der Antisemitismus sind bona fide geschehen.
    Das „Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann und darf niemand auf sich selbst anwenden (dieser Aspekt, der eine seiner Wurzeln in der paulinischen Gesetzeslehre hat, gehört zu den Gründen der Theologie).
    Das bona fide gehört zu den Wurzeln der Perfidie, die die Kirche seit je an den anderen (insbesondere an den Juden) verfolgt hat.
    Zur Anzeige der Frankfurter Sparkasse in der FR von heute: Dies ist der unverhohlene Aufruf dazu, Frankfurt endlich mieterfrei zu machen. Der Hinweis darauf, welche Gewinne z.Z. aus den Mietsteigerungen gezogen werden können, ist selber eine der Hauptursachen der Mietsteigerungen. Hier (an der Grenze, an der Politik, Ökonomie und Reklame in einander fließen) läßt sich verdeutlichen, wie Anschauungen, die vorgeben, ideologiefrei zu sein, fast naturgesetzlich und zwangsläufig Zustände begründen, die Haß auf die Fremden dann als Blitzableiter brauchen, d.h. zum Ideologie-Generator werden. Diese Reklame verschweigt nicht mehr nur den Tod, sondern sie gehört zu den Schreibtisch-Ursachen des Mords. Heute glaubt die Politik insgesamt, durch Perhorreszierung des Denkens ideologiefrei leben zu können.
    Der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit unter dem Titel Rassismus ist ohnmächtig und hilflos, weil nach dem Modernisierungsschub, den der Faschismus geleistet hat, die Brutalität die Rechtfertigung durch den Rassismus nicht mehr braucht, sondern schlicht und einfach nur noch auf Fremdheit reagiert. Und die, die heute als Nazis sich gerieren, haben das entweder noch nicht gemerkt (und sind noch dümmer, als die Nazis es schon waren), oder sie verkleiden sich bloß aus Reklamegründen, nutzen das Nazibild als Wirkungsverstärker.
    War die Gnosis nicht ein Stück offener Projektion, steckte der Demiurg nicht in der logischen Fluchtlinie jener Gestalt der Theologie, die durch Zuhilfenahme der Philosophie von ihrem jüdischen Ursprung glaubte sich emanzipieren zu müssen? Der christliche Gott trägt seit den Anfängen der hellenisierten Theologie demiurgische Züge; so war der Zwang, sie auf den eigenen Ursprung zu projizieren, fast unwiderstehlich. In der Gnosis hat die Kirche erstmals ein Stück ihrer selbst verdammt, ohne sich real davon befreien zu können. Und hat die Kirche nicht seitdem in ihren Feindbildern das Unerlöste in sich selber gehütet und gepflegt?
    Seid arglos wie die Tauben: Steckt nicht in jedem Wohnen ein Stück „Argwohn“?
    Rankes Satz, es sei Aufgabe des Historikers zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, unterschlägt das Was. Er vernebelt damit, daß für den Historiker dieses Was vorgegeben ist durch sein (damals vor allem nationales) Interesse. Nur wer das nicht mehr zu reflektieren bereit ist, für den bleibt nur das Erkenntnisziel, wie es den eigentlich gewesen sei. Das Was erscheint als Objekt der freien Wahl.
    Randbemerkung hierzu: Spielt hier nicht auch die merkwürdige Beziehung der Fragewörter zu den bestimmten Artikeln mit herein, die Beziehung von wer wie was zu der die das?
    – Hier steht das Wie in einer noch unaufgeklärten Beziehung zum femininen Artikel. Hängt das Wie mit der Instrumentalisierung des Weiblichen zusammen, die die patriarchalische Sprache insgesamt charakterisiert? Und
    – hängt es nicht auch damit zusammen, daß in den indogermanischen Sprachen im Weiblichen Genitiv und Dativ (und im Weiblichen und im Neutrum Nominativ und Akkusativ) nicht zu unterscheiden sind. Das aber heißt, daß das Weibliche wie das Neutrum im strengen Sinne subjektlos sind (keinen Nominativ haben), nur als (aus dem Akkusativ abgeleitetes) Objekt vorkommen, und daß im Weiblichen darüber hinaus durch die Nichtunterscheidung von Genitiv und Dativ das Herrschafts- und Besitzverhältnis des Genitiv von der Geschenk- und Gnadenbeziehung des Dativ nicht sich trennen läßt: die Differenz von Hingabe und Vergewaltigung (ähnlich wie die Gemeinheit überhaupt) in der Sprachstruktur nicht bestimmbar ist.
    – Die Trennung von Masculinum und Neutrum, von Person und Sache, ist im Femininum gegenstandslos; das Neutrum ist ein abgespaltener Teil des Masculinum: deshalb gelten Frauen als unsachlich, als der Logik nicht fähig.
    – Frage: Wie hängt das zusammen mit der Bildung des Futur II (dessen Ursprung sich herleiten läßt aus dem Ursprung des Privateigentums, der neuen Bedeutung der Vaterschaft und seiner Beziehung zur Funktion der Erbschaft): liegt hier nicht der Grund der Trennung von Person und Sache, von der das Weibliche ausgenommen ist?
    – Wie hängt diese Sprachstruktur mit dem Ursprung des Objektbegriffs, mit dem Begriff des Schicksals und der Geschichte seiner Verinnerlichung in der Gestalt des bürgerlichen Subjekts und im Ursprung der Philosophie zusammen?
    – Ist dieser Zusammenhang des Masculinum, Femininum und Neutrum nicht im Sündenfall, im Verhältnis von Adam, Eva und der Schlange vorgebildet; verweist nicht insbesondere die Geschichte mit dem Staub (zu dem Adam wird, und von dem die Schlange sich nährt) auf den besonderen Charakter des Verhältnisses von Männlichem und Sachlichen? Das Neutrum ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt.
    Unter der Herrschaft des Weltbegriffs wurde das Antlitz der Erde entstellt und die ganze Schöpfung in der Naturhölle eingesperrt.
    Die andere Bedeutung des Futur II: Es wird (wohl so) gewesen sein, ist zu ergänzen durch das „Wenn du es sagst“. Hier wird die Autorität von der Sache in die Person zurückgenommen und zugleich relativiert. Hier reflektiert sich die Unterscheidung von Person und Sache, die im Männlichen gründet. Das Logozentrische des Indogermanischen ist der Widerpart des Logos.
    Hängt die Logik jener „Tiefenzeit“ bei Stephen Jay Gould nicht mit jener Logik zusammen, die die Reklame heute zu einem Mordinstrument macht, und mit der gleichen Logik, die die Politik von den realen Erfahrungen der Menschen auf eine fast nicht mehr nachvollziehbare Weise entfernt? Das aber heißt, ist sie nicht ein Teil jener Logik, die heute die Welt insgesamt in sodomitische Zustände hineintreibt

  • 09.11.92

    Die Theologie steht heute vor der Aufgabe, aus einem Schutt- und Trümmerhaufen das zerstörte Haus zu rekonstruieren. Dabei wird man das Augenmerk vor allem auf zwei Dingen richten müssen:
    – auf das System der zerstörenden Kräfte: ihre Angriffspunkte, ihre Richtung, ihre Gewalt und
    – auf die Bruchstellen der Trümmer: welche ineinander passen.
    Aber dieses Haus, das aus den Trümmern zu rekonstruieren wäre, hat es als ganzes in der Geschichte nicht gegeben. Erst mit ihrer Zertrümmerung sind die Trümmer zu Trümmern des Hauses geworden, das aus ihnen jetzt zu (re-)konstruieren ist. Man kann es auch in diesem Bilde sehen: Hier entsteht das Chaos, aus dem die Welt erschaffen wird.
    Frage: Wäre die Gnosis ohne das Urschisma (ohne die antisemitische Wendung, die sie da genommen hat, oder: wenn sie den Staat als Demiurgen begriffen hätte) wahr gewesen?
    Kritik und Reflexion sind zwei getrennte und doch zusammengehörende Verfahrensweisen, sie dürfen auf keinen Fall verwechselt und auch nicht falsch verknüpft werden. Kritik ist Herrschaftskritik, Reflexion löst den Bann, die Verblendung; und das eine geht nicht ohne das andere. Theologie im Angesicht Gottes geht nur durch den Abstieg zur Hölle hindurch (Befreiung des Feuers durch Reflexion der Wasser). Schuld-, Herrschafts- und Verblendungszusammenhang: Erkenntnis ist heute nur noch durch Schuldreflexion und Herrschaftskritik hindurch möglich. Aber genau das hat das verdinglichte Dogma im Verein mit der Sexualmoral verhindert.
    Die Konstitution des Naturbegriffs als eines Totalitätsbegriffs war erst unter christlichen Prämissen möglich, die des Weltbegriffs unter den Prämissen der Idolatrie. So sind beide Begriffe Epochenbegriffe.
    Das Konstruktionsprinzip des Sterns der Erlösung wird verfehlt, wenn man sich in das Eingangsproblem nur einfühlt (die Rosenzweigsche „Todesangst“ auf seine private, anstatt auf die allgemeine: politische und philosophische Weltkriegserfahrung bezieht).

  • 08.11.92

    Sind die Gestalten des Atheismus heute nicht Metastasen des steinernen Herzens der Welt, zu dem die Kirche geworden ist; und wird sie darüber nicht einmal Rechenschaft ablegen müssen?
    Kann man die Zivilisationen aufteilen nach ihrer Stellung zur Erbschaft (zum Privateigentum), ob in ihnen die Kinder von den Vätern oder die Väter von den Kindern leben?
    Das Blasphemie-Verbot hat einen ähnlichen Stellenwert wie die Sexualmoral: Beide sind Instrumente zur Verhinderung von Herrschaftskritik. Und wirksam sind beide nur über die Mechanismen von Empörung und Entrüstung. Grund beider ist das sakralisierte Privateigentum, dessen Verletzung noch vor dem Mord rangiert.
    Die Kirche seit der Konstantinischen Wende hat die Erinnerung an die Märtyrer durch Heiligsprechung nicht nur gerettet, sondern zugleich verraten.
    Wenn das Wort stimmt: Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren, dann hat die Kirche mit dem Unsterblichkeitsglauben ein Spielchen eröffnet, in dem der Gläubige nur verlieren kann.
    Die Kopernikanische Wende war einmal ein Instrument der Befreiung, die Mittel dieser Befreiung aber sind dann zu einem Netz der Verstrickung geworden, in dem das Bewußtsein langsam aber sicher erstickt. Letzter (und tödlicher) Beweis für die Wahrheit des Satzes „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“.
    Karl Popper ist der liberale Wissenschaftstheoretiker, der entscheidend dazu beigetragen hat, den Ideologiebegriff so zu instrumentalisieren, daß die Wahrheit dahinter verschwindet.
    Nach dem Sündenfall: Adam beruft sich auf Eva, Eva auf die Schlange, und dann spricht Gott den Fluch über die Schlange, Eva und Adam: Stufen der Vergegenständlichung? Gibt es hierzu eine Beziehung in der Geschichte der drei Versuchungen Jesu?

  • 07.11.92

    Gegen die Frankfurter Schule: Das Privileg des Opfers ist nicht übertragbar. Übertragbar ist (insbesondere in der Philosophie) nur die Schuld der Väter. Die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördern heißt auch: alles tun, daß man die eigene Schuld nicht auf die Nachfahren abwälzt: daß man ausbricht aus dem Kontinuum der Schuld der Väter.
    Väter wollen den Erben, Mütter den Messias, den Erlöser. Väter wollen, daß die Hoffnung nicht untergeht, Mütter, daß sie sich erfüllt. Alles andere ist Ausdruck der objektiven Verzweiflung, deren Verkörperung die Welt ist.
    Aus der Schuld der Väter heraustreten heißt, aus dem Schuldzusammenhang des Erbens heraustreten. Nicht der letzte Erbe, sondern der Erstgeborene (der erst als letzter kommt) ist Prototyp des Messias.
    Jakob hat zwar das Erstgeburtsrecht und mit ihm den Segen seines Vaters Isaak bekommen, aber nicht das Erbe (das Linsengericht war nur der Preis für das Erstgeburtsrecht).
    Das Erbe perpetuiert mit der Eigentumsordnung die Welt. Diese Eigentumsordnung (und in ihr das Erbe) ist das Modell der Natur, die die Menschen „überlebt“ (des sinnlosen Kreisens der Planeten).
    Der Sohn ist der Erbe: daher die Namen des Gottes- und Menschensohnes? Vgl. auch das Gleichnis vom Besitzer des Weinbergs (Mt 1138, Mk 127, Luk 2014, auch 1213), sowie
    – Röm 413 (der Welt Erbe),
    – Gal 47 (wenn aber Sohn, so auch Erbe),
    – Hebr 12 (der Sohn als Erbe aller Dinge) und 117 (durch ihn verurteilte er die Welt und wurde Erbe der Gerechtigkeit).
    Vaterland und Muttersprache unterscheiden sich wie Erbschaft und Erlösung.
    Der Spruch „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ ist in der Tat ein Nazispruch.
    Hängt das Wort Erben etymologisch mit der Personalpronomen der dritten Person sing. masc. zusammen: dem Er? Wird man nicht durchs Erbe zu einem Er, zu einem Stammhalter (Aufhebung des dialogischen Prinzips)?
    Gibt es auch etymologische Beziehungen, die die These begründen könnten, daß das lateinische esse sich im deutschen Essen fortsetzt, das griechische einai, on, im deutschen ein (engl. a bzw. one, lat. unum)? Verweist der Zusammenhang von esse und Essen auf die ontologische Bedeutung der Eucharistie? Gibt es eine Beziehung zwischen dem englischen to be und dem deutschen Präfix be- (vgl. auch become = werden)? Das würde bedeuten, daß im Präfix be-, insbesondere im Wort Bekenntnis, die Reflexion auf das Sein als Angelpunkt der Urteilsform enthalten ist (das Schuldbekenntnis als Antizipation des Urteils; im Bekenntnis macht sich das bekennende Subjekt zum Objekt des Urteilsspruchs: im Glaubensbekenntnis in der Erwartung des Freispruchs, der Rechtfertigung).
    Verweist die Differenz zwischen dem englischen to be und dem deutschen Sein nicht auf die fundamentalontologische Differenz von Vorhandenem und Zuhandenem (Grund der Differenz von Natur und Welt)? Müßte man nicht zwischen einem (deutschen) Weltbegriff, einem (französischen) Wissensbegriff und einem (englischen) Naturbegriff der Ontologie unterscheiden? Diese Unterscheidung hängt zusammen mit der zwischen dem besitzergreifenden Prädikat und dem besessenen Objekt. Die Natur ist die von der Welt besessene Schöpfung.
    Ist das Bekenntnis (in dem sich das Subjekt zum Objekt seines verdinglichten Glaubens macht) eine Gestalt der Besessenheit, und ist es nicht das Signum des einen unreinen Geistes, der in die Wüste geht? Die Ontologie ist der unreine Geist in der Wüste, im Begriff, mit den sieben unreinen Geistern zurückzukehren.
    Steckt im Präfix er- (Erkennen, Erleben) auch das Personalpronomen der dritten Person sing. masc.? Aber bedeutet das nicht auch, daß die patriarchalische Struktur der Sprache bis in ihren Grund zurückreicht? Das Präfix er- hat auch die Bedeutung des „durch und durch“, Ausdruck der Affizierung des Subjekts (im Urteil) durch das Verb vom Grunde her bis ins Innerste hinein. (Hängen esse und Essen mit der dritten Person sing. neutr. zusammen? Gibt es nicht überhaupt eine merkwürdige innere Beziehung des Masculinum und Neutrum, ähnlich der Beziehung der zwei Seiten eines Blattes?)
    Der Begriff ist Ausdruck der Besessenheit des Objekts durchs Prädikat. Die Theologie wird erst dann wahr, wenn sie auf die verdinglichende Gewalt der Objektbeziehung verzichtet: in der Auflösung jener Gestalt des Wissens, zu der auch der Begriff des Objekts gehört, d.h. wenn sie reines Wort wird. So tief reicht der Satz aus der Apokalypse, daß das Vergangene (als Inbegriff aller Gegenstände des Wissens) nicht mehr sein wird. Die Theologie wird erst wahr mit der Auferstehung der Toten. Im Objektbegriff (in dem von der Welt besessenen Naturbegriff) verkörpern sich die „Sünden der Welt“, und der Objektbegriff und das System, in dem er gründet, sind der Deckel auf den Gräbern. Natur selber ist der Inbegriff der Besessenheit.
    Im Kontext des Weltbegriffs ist die Lehre von der Auferstehung der Toten nicht zu halten; beide verhalten sich wie Feuer und Wasser: Es ist Zeit, daß der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt.
    Der Weltbegriff ist vorbedeutet im Bilde der Sintflut; deshalb beginnt die Philosophie mit dem Satz: Alles ist Wasser. Und deshalb war es der Wunsch der unreinen Geister, in die Schweineherde zu fahren, die dann sich ins Meer stürzte.
    Der Jordan ist der Fluß, der vom Meer zum Meer fließt: vom Galiläischen Meer zum Toten Meer. Am Jordan hat Johannes getauft (und mit der Aufforderung zur Buße: zur Umkehr, vor dem Schicksal Sodoms gewarnt); das Wirken Jesu fand im Bereich des Galiläischen Meeres und auf ihm statt. Kommt auch das Tote Meer im NT vor (oder nur im AT im Zusammenhang mit der Geschichte von Sodom)?
    Das Tote Meer ist das Salzmeer: vos estis sal terrae. Wozu braucht die Erde das Salz? Und was bedeutet der Hinweis „Wenn aber das Salz schal wird“?
    Mt 1624: Das Auf-sich-Nehmen des Kreuzes im Nachfolgegebot wird durch das gleiche Verb bezeichnet wie das Auf-sich-nehmen der Sünden der Welt in Joh 129. Und Mt 1626: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele“; die ganze Welt ist to kosmos holon, die Sünden der Welt sind täs hamartias tou kosmou.
    Das Auf-sich-Nehmen der Sünden der Welt begründet beides: das Sündenvergeben und die Austreibung der Dämonen (der unreinen Geister).

  • 06.11.92

    Für Sodom und gegen die Engel Jahwes: Sind es nicht die gleichen (nur jetzt zwei anstatt vorher drei) „Männer“, die von Abraham mit großer Gastfreundschaft aufgenommen wurden, den Bund mit ihm schlossen und ihm den Erben und die zahlreiche Nachkommenschaft ankündigten?
    Jericho und Sodom haben mit dem Stammbaum Jesu zu tun, und zwar beide über Frauen, über Rahab und Ruth (die als Moabiterin an die Lot-Geschichte erinnert). Aus Gibea stammt der erste König Israels, Saul; sein Namens-Nachfahre, Saulus/ Paulus, war ein Benjaminiter.
    Sind der neue Himmel und die neue Erde die alten nach ihrer Befreiung von der Welt?
    Die Fremdenfeindschaft, die Xenophobie, ist der Preis für die Zivilisation, und jede Fremdenfeindschaft ist im Kern antisemitisch (inverse Identität von Hebräern und Barbaren).
    Der systematische Quellpunkt des Stern der Erlösung hat etwas mit dem systematischen Kern der Kritik der reinen Vernunft zu tun: er entspringt dem Problem der Ableitung der Dreidimensionalität des Raumes, das bei Kant im Zusammenhang mit der Benennung der drei Strukturelemente der Zeit: Dauer, Folge und Zugleichsein, anklingt. Das transzendentallogische Kausalitätsprinzip, die Verknüpfung von Ursache und Wirkung, erinnert nicht zufällig an das theologische Verhältnis von Sünde und Schuld.
    Der christlogische Naturbegriff, die Vergöttlichung des Opfers, ist das zentrale Element der Nachfolgevermeidungsstrategie, die er durch die Nutzung des Privilegs der Opfer, durch die theologische Honorierung des Selbstmitleids (Grund der christlichen Seelenvorstellung), fast unaufhebbar in das Bewußtsein der Zivilisierten eingesenkt hat. Diese Beziehung zum Opfer macht den durch den Weltbegriff abgesicherten Objektbegriff, Grund des verdinglichten Bewußtseins, fast unangreifbar.
    Daß das neutestamentliche Lösen sich auf einen Knoten bezieht, der nicht nur geknüpft, sondern zusätzlich auch noch durchschlagen wurde (Alexander und der gordische Knoten), macht die Sache so ungeheuer schwierig. Das Schwert, mit dem dieser Knoten durchschlagen wurde, war das Schwert des Urteils, des Begriffs, abgeschirmt durch die zugleich entspringende Gewalt des Weltbegriffs, begründet in dem bis heute unaufgeklärten Konnex von Kosmologie und Herrschaft (Alexander war Aristoteles-Schüler); und was hier durchschlagen wird, ist die benennende Kraft der Sprache, die Gewalt des Namens: ihre Neutralisierung durch die Trennung von Begriff und Objekt. Erst der durchschlagene Knoten hat das Herrendenken von seinen vorweltlichen („asiatischen“) Verstrickungen befreit, um den Preis der Verinnerlichung des Schicksals, Erbe der griechischen Philosophie seitdem. Hegels Philosophie ist die gewaltige Rekonstruktion dieses Knotens, allerdings nicht seine Lösung. Denkmal der Durchschlagung des Knotens ist neben dem Geld die Geometrie (seit der griechischen „Entdeckung“ des Winkels), in der Moderne erweitert durch das systembegründende Inertialsystem und die Infinitesimalrechnung, und durch das Prinzip der Lohnarbeit (die Inertialisierung des Tauschkontinuums: gesellschaftlicher Grund des naturwissenschaftlichen Materiebegriffs).
    Indem Kant alle Erkenntnis an die subjektiven Formen der Anschauung, insbesondere an die der äußeren Anschauung, bindet, verhindert er selber die Erkenntnis der Dinge an sich, zugleich aber benennt er damit auch das Hindernis, das der Erkenntnis der Dinge an sich seitdem im Wege steht. Von diesem „Hindernis“ macht das moderne Bewußtsein einen ebenso unverschämten wie selbstmörderischen Gebrauch (Zusammenhang mit der Funktion des Weltbegriffs).
    Bezieht sich das Orakel über den gordischen Knoten auf die Herrschaft über Asien? Was bedeutet dann hier der Name Asien (ist er gleichbedeutend mit dem Namen Orient)? Was immer Kaiser Wilhelm, Max Horkheimer und Erich Nolte sonst unterscheiden mag, eines war ihnen gemeinsam: die Angst vor der „asiatischen Gefahr“. Wie hängt das zusammen mit den asiatischen Gestalten des Mythos und der Offenbarung bei Rosenzweig: mit Indien, China und dem Islam? Und wie hängt das auf der anderen Seite zusammen mit der ungelösten Frage der „indogermanischen Sprachen“ (deren innergrammatische Herrschaftsstruktur Indien und Europa in eine gemeinsame Beziehung gegen die „altorientalische“ Geschichte und Kultur rückt)?

  • 05.11.92

    Hinkelammert: Die ideologischen Waffen des Todes, S.232: Ableitung des Ursprungs der Physik aus der „Nachfolge Christi“. Steht die subjektive Form der äußeren Anschauung in der Tradition des Kreuzestodes, ist sie nicht selbst das Kreuz, an das das Subjekt geschlagen wird? Mit der „Vergewaltigung der Natur“ (Thomas a Kempis) vergewaltigt und erhöht das Subjekt sich selber. Der „christologische“ Naturbegriff hängt mit diesem „christologischen“ Selbstverständnis des Subjekts zusammen. Darin gründet der Bann, der auf der Natur und dem Subjekt zugleich liegt. Vgl. hierzu auch die Bemerkungen über das Opfer in den „Elementen des Antisemitismus“ in der „Dialektik der Aufklärung“. Die Vergesellschaftung von Herrschaft hat den Punkt erreicht, an dem der cäsarische Wahn das vergesellschaftete Subjekt ergreift. Hier gründen Xenophobie und Antisemitismus, die als Ausdruck des Wahns ihn zugleich stabilisieren und verstärken.
    Das Wort „Hostie“ kommt von hostia, Opfertier. Gibt es eine Beziehung zu „hostis“, Feind?
    Der Fremdenhaß in den neuen Bundesländern ist eine Form der Überanpassung; er verweist darauf, wie die „Wiedervereinigung“ erfahren worden ist.
    Umkehrung des Christentums: christologischer Naturbegriff als Produkt der Dynamik von Empörung und Fall. Xenophobie Produkt einer double-bind-Situation: Verstanden wird die unterschwellige Botschaft, weil man die manifeste, die mit einem Augurenlächeln ergeht, als Heuchelei nach außen (als Feigenblatt) erfährt. Die Verführung durch Moral ist die subtilste und die gefährlichste. Deshalb findet man die Antisemiten vor allem unter den Christdemokraten, die die vom Westen, aus den alten Ländern der Bundesrepublik, erteilten Lehren begriffen haben.
    Steckt in dem Konzept der raf nicht auch ein Stück Ausagieren des Ödipuskomplexes? Enthält es nicht ein Stück magisches Ritual, das durch Wiederholung der Sünde, die die Kultur begründet hat, durch Wiederholung des Vatermords, die Kultur zu entsühnen hofft? Ähnlich wiederholt das verdinglichte Bewußtsein als Isolationshaft am anderen, was es als verdinglichtes Bewußtsein in seinem Verhältnis zur Außenwelt selber erleidet.
    Ist die Kreuzestheologie der gottverlassene Jubel über die Gottverlassenheit, Erlösung als Befreiung von der Moral durch Rechtfertigung? So ist sie der Kern der Selbstverfluchung, die mit der dritten Leugnung einhergeht.
    Geht es nicht heute um die Koinzidenz der Armen und der Fremden, und ist es nicht gerade diese Koinzidenz, die die Irritation, den Haß und die Mordlust wachruft?
    Drückt nicht in dem Wort „Wirtschaftsflüchtling“ das Bewußtsein sich aus, daß es die Armen sind, die – als Fremde verkleidet -jetzt zu uns kommen und so Asylmißbrauch treiben? Das wird als Rechtfertigung verstanden, sie totzuschlagen, und mit dem Vorschlag der CSU, den „Mißbrauch“ des Asylrechts unter Strafe zu stellen, nachträglich legalisiert.
    Der Staat ist als Schöpfer und Erhalter des Geldes, das die Welt regiert, Schöpfer und Erhalter der Welt. Darin gründet die Logik der Lehre von der Schöpfung der Welt aus Nichts. Dieses Nichts ist der Quellpunkt des Atheismus in der Theologie.
    Erst wenn die Kirche die Täufertheologie, die Theologie des Rufers in der Wüste, zu der die Kirche die Religion gemacht hat, in sich aufnimmt, wird sich das steinerne Herz der Welt in ein fleischernes umwandeln.
    Wie heißt der Hahn auf Griechisch und Hebräisch; gibt es diese Beziehung des Hahnes zum Wasserhahn auch in den andern Sprachen?
    Über den Tiefsinn der Bauernregeln: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, wirds Wetter anders oder es bleibt wies ist. Aber das ist eine Bauernregel, und in den Städten gibt es außer am Grill und an den Wasserleitungen keine Hähne mehr. Und die Rätselfrage: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei, ist bis heute ungelöst.
    Weshalb heißen die Hühner-KZs Lege-Batterien; und was haben diese mit den gleichnamigen Artillerie-Einheiten und Elektrizitäts-Speichern zu tun? – B.: Zusammenschaltung mehrerer gleichartiger technischer Geräte, Industrieeinrichtungen u.a. (Meyers großes Taschenlexikon).
    Was hat es mit den Namen der Bäume auf sich: Eiche, Buche, Erle, Esche, Eibe, Fichte, Tanne, Kiefer, Lärche, Ahorn, Pappel, Espe, Birke, Apfel-, Birn-, Kirsch-, Pflaumen-, Aprikosen-, Pfirsichbaum, Zeder, Zypresse, Palme, Feigenbaum, Ölbaum. Gibt es außer der Grobeinteilung Laub- und Nadelbäume noch andere Verwandtschaften: Obstbäume (Stein- und Kernobst)?
    „Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen. Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Burschen.“ (Hld 22f) Was hat es mit den Bäumen auf sich in der Bibel: Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis; Adam und seine Frau verstecken sich, nachdem sie von dem Baum gegessen haben, vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. In der Jotan-Fabel stehen Bäume anstelle der Könige: Nur der Dornbusch (zu dem der Baum der Erkenntnis nach dem Fall geworden ist?) ist bereit, König zu werden. Der Feigenbaum (von den Feigenblättern über Nathanael zum unfruchtbaren Feigenbaum).
    Die brennenden Kronen der Buchen im Herbst: Hat der Name der Buche etwas mit Buchstaben und Buch zu tun?
    Das Wort vom Lösen bezieht sich auf einen Knoten, der nicht nur geknüpft, sondern auch durchschlagen ist, durchschlagen mit dem Schwert, das vielleicht auch an das kreisende Flammenschwert erinnert, dessen astronomische Konnotationen jedenfalls mitgehört werden sollten.
    War die Fundamentalontologie der letzte Versuch, die Welt über die Philosophie zu retten: der letzte Versuch der Legitimierung des Herrendenkens? Auch die Fundamentalontologie steht in der Tradition des Feindbildes der Barbaren. Hier liegen die Gründe ihrer Beziehungen zum Nationalsozialismus, und hier ist ihr antisemitischer Grundton fundiert.

  • 04.11.92

    Die „Schuld der Väter“ ist das Vaterland; die „Sünden der Mutter“ sind die Formen der „Hurerei“ mit fremden Göttern: im Schuldzusammenhang nationenübergreifender und weltbegründender Ökonomie: die „Sünden der Welt“ (zu Ps 109.14).
    Das Subjekt der Ökonomie ist der Privateigentümer und der Staat (als Gründer des Geldes), das der Physik das vergesellschaftete Subjekt und die Astronomie (als Grund des Inertialsystems).
    Wie hängen Patriarchat und „Hurerei“ zusammen mit dem Venus-Kult (Ischtar, Astarte), dem Sternendienst, der Ursprungsgestalt der Astronomie? Ist die Ischtar, Astarte (Esther) und schließlich die Himmelskönigin Maria die an den Himmel versetzte, und d.h. patriarchalisch instrumentalisierte Gaja, die Mutter Erde (Athene entspringt aus dem Kopf des Zeus)?
    Was haben die „Sünden der Mutter“ mit der Materie (materia, von mater abgeleitet) zu tun? Und in welchen kosmologischen Zusammenhängen entspringt der Begriff der Materie? Sind hier die Venus-Religionen ein notwendiges Bindeglied?
    Findet das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ am sechsten Tag sein Echo in dem „als Mann und Weib schuf er sie“?
    Ist der vergangene „real existierende Sozialismus“ das externalisierte Sühneopfer des Kapitalismus, durch das er sich sich zu exkulpieren sucht; das Opfer, das ihn von seiner Schuld befreit (letzte blasphemische Konsequenz aus der Marktreligion)? Hier wird ein Sündenbock dem Asasel in die Wüste gebracht und in den Abgrund gestürzt (vgl. auch Hebr 1311ff).
    Ist es ein Zufall, daß unter diesen Prämissen Sodom, Jericho und Gibea wiederkehren? Dieser neue Faschismus ist ein magisches Ritual, das Menschenopfer fordert, das aber nicht zu vermeiden ist, solange die Sozialismus-Diskussion dieser Sündenbock-Strategie folgt, anstatt das Schuldverschubsysten zu thematisieren, in es wiederum sich verstrickt.
    Da steht tagtäglich der Mob von Jericho, Sodom und Gibea vor den Türen der Häuser von Rahab, Lot und des alten Mannes, der als Fremder in Gibea lebte, und fordert die Boten Josues, die Engel Jahwes und den Levit aus dem entlegensten Teil des Gebirges Efraim heraus, um an ihnen ihre Mordlust zu befriedigen. Nur der Vorsitzende des Zentralverbands der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, hat darauf mit einer Genauigkeit und Geistesgegenwart reagiert, zu denen kein christlicher Theologe fähig zu sein scheint.
    Erschlägt der Antisemit mit dem Juden nicht den Zeugen der Tat, aufgrund deren er selber sich verdammt fühlt?
    Nur wer die Schuldreflexion in die Erkenntnis mit aufnimmt, ist vorm Wiederholungszwang gefeit. Die transzendentale Logik ist die projektive Selbstreflexion des Schuldzusammenhangs, des Schuldverschubsystems (deshalb verwechseln katholische Autoren so leicht transzendental mit transzendent).
    Wo liegt der Quellpunkt jener Erkenntnis, deren Preis die Materialisierung der Objekte ist?
    Der ungeheuerliche Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ hat auch einen astronomisch-kosmologischen Aspekt.
    Die Kausalverbindung, die Recht und verdinglichte Moral herstellen zwischen Sünde und Schuld, ist der Knotenpunkt des Schuldzusammenhangs, der nicht mit einem Schlage zu lösen ist.
    Nicht die Synagoge – das war eine Projektion -, sondern die Kirche hat seit dem Urschisma die Binde vor den Augen. Indem die Kirche das Zukünftige mit der vollendeten Tat, die Hoffnung mit einem Sein, verwechselte, hat sie die Zukunft in jenes Futur II, in die Gestalt einer zukünftigen Vergangenheit, verwandelt, die der Grund des Herrendenkens (sei dem Ursprung der indogermanischen Sprachen bis hin zum Inertialsystem) war – und bis heute die einzige reale Gestalt der Transsubstantiation. Hier liegt der Zusammenhang der Verweltlichung der Welt mit ihren christlichen Ursprüngen. Diese reale Transsubstantiation ist das Werk des Begriffs und das Erbe der Philosophie, die so die Prophetie erschlägt (Luther hat das geahnt, und deshalb mit der Transsubstantiation die Philosophie verworfen; den Bann hat er so nicht lösen können).
    Zur Definition der Blasphemie: Wer den Armen verspottet, verflucht seinen Schöpfer (Spr 175). Das verweist auf die Selbstverfluchung Petri bei der dritten Leugnung: Der Kapitalismus ist diese institutionalisierte Verspottung der Armen.
    Keiner kommt zum Vater, außer über den Sohn: das aber heißt: nur durch die Schuldreflexion hindurch.
    Die ganze Natur steht unter einem Bann, und wir mit ihr. Die Lösung ist nur als Lösung dieses gemeinsamen Banns möglich. Ps 10430: Emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae. Nur diese renovatio faciei terrae vermag das (unter dem Titel Natur nicht einlösbare) Versprechen der Naturphilosophie zu erfüllen.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Steckt darin nicht der Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung (da gingen ihnen die Augen auf) mit der Sexualmoral (sie erkannten, daß sie nackt waren) und der Notwendigkeit der Schuldreflexion (Erkenntnis der Nacktheit als Bewußtsein von Schuld: und sie schämten sich). Aber diese Schuldreflexion wird durch ihre sexualmoralische Verdinglichung, die das Christentum festgeschrieben hat, unterdrückt und verdrängt, während es gerade darauf ankäme, diese Schuldreflexion aufzunehmen: sie bezeichnet den einzigen Weg ins Freie. Hier liegt der Grund der Täufertheologie. Zusätzlicher Hinweis: Zur Geschichte der Nacktheit, der Beziehung von Schuld und Scham, gehören sowohl der Ursprung der Sexualmoral, als auch der der Privatsphäre und der des Geheimbereichs in Politik, Geschäft und Religion (auch die Macht hat ihre Privatsphäre und unterliegt somit der Sexualmoral).
    Zu diesem Nacktsein gibt die Geschichte mit Noah und Ham einen Hinweis: Das Aufdecken der Blöße (auf das heute die Medien sich spezialisiert haben) ist Voraussetzung und Teil der Einübung des Knechtseins, zu dem Ham dann verurteilt wurde. Kommt nicht Nimrod aus dem Geschlecht Hams (aber Nimrod war ein großer Jäger vor dem Herrn)?
    Im Begriff der Masse, in der das Individuelle gleichsam von dem Allgemeinen, Kollektiven überschwemmt wird, das zu Recht Gemeinheit heißt, und darin untergeht, reflektiert sich sowohl die Vorstellung der homogenen Zeit als auch die Beziehung zum Possessivpronomen, der Charakter des potentiellen Gebrauchwerts, des potentiellen Eigentums. Sie ist aufzulösen nur im Kontext dessen, was Adorno das mikrologische Verfahren genannt hat, und das schließt die konkrete Schuldreflexion mit ein.
    Den Schlüssel zum Begriff der Masse liefert der Satz aus der Hegelschen Logik: Das Eine ist das Andere des Anderen. Franz Rosenzweig hat einmal den Begriff einer „verandernden Kraft des Seins“ geprägt, und damit die Funktion jeglicher Ontologie auf den Begriff gebracht: Die Abschirmung der Welt gegen die konkrete Schuldreflexion (oder auch die Abschirmung der Theologie gegen ihren Ursprung in der Täufertheologie, gegen das „Tut Buße“ und gegen das „Ecce agnus dei“).
    Die Kirche ist zum steinernen Herzen der Welt geworden dadurch, daß sie nur noch Techniken anbietet, die die Menschen von den Schuldgefühlen befreien, in die sie notwendig sich verstricken, wenn sie in dieser Welt leben, nicht mehr die „Schuldgefühle“ aufklären sollen: das nämlich würde die kritische Reflexion des kirchlichen Autoritätsbegriffs, der Orthodoxie und des Dogmas voraussetzen. Die Techniken, die die Kirche heute anbietet, sind nur noch Techniken der Desensibilisierung, die helfen sollen, heile Privatwelten in einer bösen Welt zu errichten, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Aber das können Propaganda, Reklame und Fernsehen besser: So machen sich die Religionen selber überflüssig.
    Physik und Ökonomie begründen und verstärken das Bewußtsein, daß die Sprache über ihre technische Funktion hinaus keine Realität mehr hat. Mit der benennenden Kraft verliert die Sprache auch ihre eingreifende, praktische Potenz. Nur durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion, die durch die Übermacht der Rechtfertigungs- und Exkulpierungstechniken zu verkümmern, zu verschwinden droht, läßt der Bann sich sprengen, der sich heute in der Xenophobie, in sodomitischen Zuständen entlädt. Grund ist das, was die Antichrist-Tradition das Antlitz des Hundes nennt: Die Unfähigkeit, dem Anblick des andern standzuhalten, ohne aggressiv zu werden.
    Das Angesicht und der Blick haben eher sprachliche als optische Qualität und Beschaffenheit. Wer auf Bildern von Schulklassen aus der Zeit der Jahrhundertwende den hündischen: nämlich den zugleich aggressiven und unfreien, verängstigten, mißtrauischen Blick der Kinder sieht (den gleichen Blick, dem Heideggers Fundamentalontologie philosophischen Ausdruck verliehen hat), weiß, woher die Katastrophen dieses Jahrhunderts gekommen sind. – Es gibt Bilder der Schulklassen, zu denen Hitler und Stalin gehörten: In beiden Klassen stehen die Protagonisten der größten politschen Katastrophen des Jahrhunderts in der obersten (letzten) Reihe in der Mitte, beide haben eine Position über dem Lehrer inne, beide (und nur sie als einzige auf dem ganzen Bild) mit der gleichen herausfordernden Haltung: den Kopf in den Nacken geworfen, eine Demonstration des provokativen Herabschauens auf alle anderen. Nur durch eins unterscheiden sich beide: Während Hitler der größte in seiner Reihe ist, ist Stalin der kleinste.
    Aber dringen nicht heute die Herrschaftsstrukturen sehr viel früher, sehr viel tiefer und sehr viel verletzender ins Bewußtsein der Kinder ein?
    Der Raum, die Zerstörung des Angesichts und der benennenden Kraft der Sprache. Der Raum macht das Ungleichnamige gleichnamig durch seine universalisierende Kraft, durch die Gewalt der Selbstausbreitung aus der Kraft seiner eigenen mathematischen Struktur, durch die Neutralisierung der Gegenwart durch das Prinzip der Gleichzeitigkeit (Leugnung der Erinnerung).

  • 03.11.92

    Konstruktionsfehler der Welt, oder die Welt als Inbegriff der Selbstzerstörung:
    – Die Ökonomie kann die Armut,
    – das Recht die Gemeinheit und die Gewalttat,
    – die Theologie den Atheismus,
    – die Medien können die Lüge,
    – die Naturwissenschaften den Tod der Sinnlichkeit (Physik) und die Zerstörung des Lebens (Chemie)
    nicht nur nicht mehr ausschließen: sie produzieren sie. Die Welt ist die Institutionaliserung des Hinter dem Rücken und der Inbegriff der Leugnung des Antlitzes, die Sünde wider den Heiligen Geist. Gibt es überhaupt noch eine Alternative zur Übernahme der Sünden der Welt?
    Die Welt: das ist die Trennung des Sehens vom Gesehenwerden, und damit die Zerstörung des Angesichts. Die nur noch der mathematischen Logik gehorchende Vorstellung des Raumes ist das Zentrum und das Einheitsprinzip der zerstörenden Gewalt der Welt (Ersetzung der Gegenwart durchs Gesetz der Gleichzeitigkeit). Aber hier wird dann die Frage interessant: Welche Richtung gehört zur Lichtgeschwindigkeit? Ich vermute, es ist die, die vom Objekt des Sehens ausgeht: die Provokation des Täters durch das Opfer (der „Lichtreiz“ im Auge des Sehenden, auch wenn sich daraus das Sehen überhaupt nicht mehr herleiten läßt). Oder: die Lichtgeschwindigkeit gehört zu einem System, in dem das Opfer (das Objekt) schuldig ist, und nicht der Schuldige bestraft wird, sondern die Strafe den Schuldigen provoziert.
    Im Recht ist die Sünde vor der Schuld, theologisch die Schuld vor der Sünde (vgl. die paulinische Theologie, die hier immer antisemitisch mißverstanden wurde, und das „Antlitz des Hundes“: Was schaust du mich so an: Du kriegst gleich einen in die Fresse).
    Der Begriff der Persönlichkeit drückt die individuelle (der der Person die allgemeine) Anerkennung durch die Welt aus, der Begriff des Antlitzes die Anerkennung durch Gott.
    Der Begriff der Natur faßt die Schöpfung an ihrer schwächsten Stelle.
    Wenn die Kirche zum steinernen Herzen der Welt wird, dann wird es Zeit, auf das Schreien der Steine zu hören.
    Zu Benjamins Wort über die Opfer der Vergangenheit in den geschichtsphilosophischen Thesen: Erst wenn wir aufhören, die Auferstehung nur für uns zu erhoffen und verdrängen, daß sie alle Opfer der Vergangenheit betrifft; erst wenn wir diese Verdrängung aufheben, wird die Vergangenheit für uns durchsichtig und mit ihr der Schuldzusammenhang, der das Böse dem Wiederholungszwang unterwirft. Erst wenn wir das Entsetzen, die Qualen und die Schmerzen der vergangenen Opfer in unsere Gebete mit aufnehmen.
    Wenn die Kirche Maria Magdalena die Büßerin nennt und bei der Befreiung von den sieben unreinen Geistern mit fasziniertem Entsetzen nur daran denkt, wie schlimm sie es wohl getrieben haben muß, so sagt das mehr über die Kirche als über Maria Magdalena.
    Die Übersetzung des ho airon mit „Hinwegnehmen“ kann nur auf die Zukunft sich beziehen; für die Vergangenheit kann es nur als „Auf-sich-Nehmen“ verstanden werden, und dieses Auf-sich-Nehmen fällt unters Nachfolgegebot. Dazu gibt es keine Alternative mehr. Das ho airon im Sinne von Hinwegnehmen als eine vollendete Tat auffassen: das ist die Sünde wider den Heiligen Geist.
    Ist die Trinitätslehre vielleicht auch ein Versuch, die Genealogien vom Wiederholungszwang zu befreien?
    Nach den ersten Anschlägen der raf (z.B. nach dem Kaufhaus-Brand in Frankfurt) sahen die Politiker keinen Anlaß, über die Probleme des Vietnam-Krieges und das Verhältnis der Industrie-Nationen zur Dritten Welt zu diskutieren, während nach den Pogromen der letzten Monate alle Welt nur noch über das Asylantenproblem spricht. Das unterscheidet das Verhältnis der Politik zum rechten von dem zum linken Extremismus: Diesmal sitzen die Sympathisanten und die Mescaleros in der Regierung. Wenn die Taten der Rechten von der Linken kämen, wir hätten längst wieder Krisensitzungen der Regierung und Sympathisantenhetze in den Medien.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Ist nicht das Nacktsein ein anderer Ausdruck fürs Schuldigsein? Nur das begründet die Scham. Heißt das aber nicht, daß sie schon vorher schuldig waren, und die Sünde diese Schuld nur aufgedeckt, sie bewußt gemacht hat? Diese Umkehrung der Beziehung von Sünde und Schuld wird durch das felix culpa ein wenig verstellt, das hiernach in der Tat felix peccatum heißen müßte. Die das Recht und die Urteilsmoral (Sexualmoral) begründende Kausalverknüpfung von Sünde und Schuld ist ein Ingrediens der Exkulpierungsstrategien und des Schuldverschubsystems, die durch den Weltbegriff sich konstituieren und stabilisieren. Es ist nicht ohne Bedeutung, wenn im Psalm 109 zuerst die Schuld der Väter und dann die Sünden der Mütter genannt werden. Vgl. hierzu den Gesamtzusammenhang, von Morgenstern, Venus, Jesus und Luzifer.
    Franz von Baader hat einmal – in den Fermenta cognitionis – die Hegelsche Philosophie „das Auto da Fe der bisherigen Philosophie“ genannt (Schriften Franz von Baaders, ausgewählt und herausgegeben von Max Pulver, Leipzig 1921, S. 84). Hat Hegel nicht in der Tat das Feuer vom Himmel geholt, aber es brennt noch nicht. Die Erfahrung dieses Brennens, für die das Bild vom brennenden Dornbusch steht (vgl. hierzu das von Gerschom Scholem zitierte Wort des Eleasar von Worms), ist der Kern der theologischen Erfahrung. Kritik der Welt als Fähigkeit zur Schuldreflexion ist der Anfang der Erfahrung dieses Brennens. Und die zur Zeit in Deutschland grassierende Xenophobie, dieses entsetzliche faschistische Potential, das hier hochkommt: man sollte es einmal vor dem Hintergrund von Sodom, Jericho und Gibea sehen.
    Lot: involutus, colligatus (ins Dunkel gehüllt; zusammengelesen, aufgesammelt),
    Moab (Sohn der älteren Tochter Lots): de patre (vom Vater),
    Ben-Ammi/Ammon (Sohn der jüngeren Tochter Lots): Sohn meines Verwandten/populus ejus (sein Volk).
    Lots Weib und Lots Töchter sind namenlos.
    In der Hexenverfolgung rächen sich die Väter für die ebenso unerträglich wie undurchsichtig gewordene eigenen Schuld an den Sünden der Mutter. Lassen sich nicht in den Projektionen der Verfolger die verdrängten Probleme in der Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften erkennen? Die Schreie der Opfer müssen als Schrei der Steine endlich ins Ohr dringen. Nur so läßt sich das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen.

  • 02.11.92

    „Denn unser Kampf geht nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den Himmelshöhen.“ (Eph 612) Kann es sein, daß Paulus mit den Archonten das meint, was Hegel den Begriff nennt: den Naturgrund der Herrschaft, das was als Institution die Menschen beherrscht und sie überlebt, die Natur, die in jeder Herrschaft und Autorität als deren dämonischer Grund mit präsent ist? Vgl. hierzu Franz J. Hinkelammert: Die ideologischen Waffen des Todes, S. 183ff.
    Konstruktion der Masse (Licht, Trägheit und Schwere): Totalität des Andersseins, Empörung und Fall, Luzifer (Venus, Babylon), Ursprung und Konstituierung des Staates und des Weltbegriffs (Beziehung des Staates zur Astronomie); „Massenversammlung“, die Schlange, Adam und der Staub. Das Selbstmitleid der Herrschenden.
    Die Materie ist die Neutralisierung des Fremden, die Reflexion des Andersseins im Anderen, das Andere für Andere, die Negation des Einen, das so zum absolut Fremden wird. Sie ist zugleich der Reflex der Vorstellung der homogenen Zeit: Produkt der Subsumtion der der Zukunft unter die Vergangenheit. Im Stoß erweist sich jedes Objekt als Objekt, als Anderes für Andere, deren jedes sich im Andern reflektiert, Grund des Weltbegriffs.

  • 01.11.92

    Die Vorstellung, daß die Natur die Menschen überlebt, hängt auf engste mit der Realität der Arbeitslosigkeit in der ersten und der Armut und Naturzerstörung in der dritten Welt zusammen.
    Zur Geschichte des Zuschauers: Seit dem Ursprung der Naturwissenschaften (und verschärft seit dem Ursprung des Fernsehens) gehen ihm weit über das bisherige Maß die Augen auf, aber er erkennt nicht mehr, daß er nackt ist, und er schämt sich nicht mehr. Er projiziert die Nacktheit in den Weltbegriff und die Scham in den Naturbegriff. Darin verkörpern sich die Schuld der Väter und die Sünden der Mutter.
    Die Person hat das Antlitz durch die Maske ersetzt. Und darin reflektiert sich der Ursprung und die Konstituierung des Weltbegriffs. In den Begriff der Person geht die Stummheit des Helden, die zur Ursprungsgeschichte der Welt gehört, irreversibel mit ein.
    Die Sprache als die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung (Rosenzweig): Dieser Morgen gehört zur vergangenen Zukunft (nicht zur zukünftigen Vergangenheit des Herrendenkens). Und sie hat etwas mit dem Morgenstern zu tun, dem Morgenstern, der (als Luzifer) so tief gefallen ist. Die Bahn dieses Falles wird beschrieben durch die Geschichte Babylons; und die Welt ist in dieser Geschichte zu allem, was der Fall ist, geworden.
    Nochmal zum Gordischen Knoten: Wer war Gordion, wozu brauchte er seinen Ochsenkarren, was wird über ihn berichtet, und welche Bewandtnis hat es mit Deichsel und Joch: gehören sie in die Ursprungsgeschichte der Geometrie (und gehört der Gordische Knoten in die Vorgeschichte des Relativitäsprinzips)? Hat das Schwert (mit dem Alexander den Knoten durchschlagen hat) etwas mit der Astronomie zu tun (wie der Bogen mit dem Regenbogen, der Pfeil mit den Sonnenstrahlen)? Hängt daran die Bedeutung des Wortes „Schwerter zu Pflugscharen“ (vgl. den sonstigen Gebrauch des Wortes Schwert in der Schrift)?

  • 31.10.92

    Ähnlich wie die mathematische Naturwissenschaft zum Sternendienst und der Weltbegriff zur Idolatrie verhält sich das Opfer zur kapitalismusbegründenden Institution der Lohnarbeit, der Subsumtion der Arbeitskraft unters Tauschprinzip. Hier liegt der Grund für Benjamins Wort vom Kapitalismus als Opfer ohne Dogma. Der Begriff der Verweltlichung der Welt bezieht sich auf die fortschreitende Durchsetzung der Systemprinzipien: des Trägheits- und des Tauschprinzips, die aufs genaueste das fundamentum in re des Hegelschen Postulats bezeichnen, daß „das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken“ sei (Phänomenologie des Geistes, stw, S. 23).
    Im Begriff der Welt konstituiert sich das Anderssein als Substanz, überlebt der Tod das Leben.
    Es wäre wichtig, Affirmation und Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers in der Konstruktion des Hegelschen Systems aufzuzeigen.
    Die gegenwärtige Weltphase ist eine Phase der Beschleunigung des Vergessens.
    Physik und Ökonomie (Inertialsystem und Geld, Trägheitsprinzip und Tauschprinzip): Was ist (beim Gordischen Knoten) Joch und was ist Deichsel? Was am Gordischen Knoten durchschlagen wird, ist erkennbar an seinem Produkt: die endgültige Definition der Grenze der Zivilisierten zu den Barbaren; hier entspringen der Weltbegriff und der Säkularisationsprozeß, und hier stabilisiert sich ein Bewußtsein, das dann ohne den Materiebegriff nicht mehr auskommt. Die Grenze zu den Barbaren, zum Begriff der Materie oder des Objekts, bezeichnet präzise die Schnittstelle, an der der Knoten durchschlagen wurde.
    Von den drei Totalitätsbegriffen der transzendentalen Logik: Wissen, Natur und Welt, die dann in der Abfolge der Systeme des deutschen Idealismus abgearbeitet wurden, erscheinen zwei im Stern der Erlösung unter anderem Namen, nämlich das Wissen als Mensch und die Natur als Gott. Nach der Umkehr, in der sie wechselseitig aufeinander sich beziehen, werden aus den drei Totalitätsbegriffen die theologischen Begriffe Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Aber gleichzeitig erscheinen Wissen, Natur und Welt auch in systematischer Funktion: als Nichtwissen, aus dem die Naturen von Mensch Welt Gott hervorgehen, die dann unterm Bann des Weltbegriffs zunächst jedes in isolierter Verschlossenheit, ohne Reflexion im anderen, in Erscheinung treten.
    Zu Gog und Magog: Die Gargarenser (Gogarener), die nach Ranke-Graves mit dem Volk Gog bei Ezechiel identisch sind, sind der den Amazonen zugeordnete Männerstamm: Sind das nicht die freien Männerhorden, die nach Heinsohn die Privateigentumsgesellschaft: den Staat, begründen?
    Wenn Haman ein Agagiter (Amalekiter) ist und gleichzeitig der erste Antisemit und der Erfinder der Endlösung, welche Bedeutung haben dann Ahasveros, Esther und Mordechai?
    Mit der Implantierung des Unschuldstriebs (hervorgegangen aus der falschen Übersetzung des Joh 129) ist das Christentum vollends böse geworden. Der Unschuldstrieb ist nämlich nur zu halten über die Dynamik von Exkulpation, Rechtfertigung und Projektion: den Fremdenhaß (Sodom vor der Zerstörung). Das Schuldverschubsystem kommt ohne Sündenböcke nicht aus.
    Zur Geschichte und Kritik des Nominalismus: Es gibt keinen Begriff der Wahrheit ohne die Fähigkeit zur Schuldreflexion. Wer das leugnet, verfällt zwangsläufig der Eigendynamik des Schuldverschubsystems, die in Xenophobie und Antisemitismus endet.
    Der Weltbegriff definiert und stabilisiert die dem jeweiligen Stand der Entwicklung angemessene Gestalt des Schuldverschubsystems und macht sie zugleich unsichtbar.
    Zur Korrektur der Metzschen politischen Theologie: Das Votum für die Armen bezeichnet nur eine Seite der Prophetie; dazu gehört die andere: das Votum für die Fremden, das anhand der für das gegenwärtige Weltverständnis zentralen Geschichten Jerichos und Sodoms zu bestimmen wäre.
    Daß die unreinen Geister in Jesus den Sohn Gottes erkennen, findet sein spätes Echo in den Grab- und Friedhofsschändungen der Rechten: Sie sind die letzten, die an die Auferstehung der Toten glauben und daran (gegen diesen Glauben) ihren Mut beweisen wollen.
    Im Angesicht Gottes und nicht hinter seinem Rücken, das heißt auch: Sich unter das Wort stellen, und nicht sich darüber erheben: d.h. die Prophetie bloß zu apologetischen Zwecken, als Steinbruch fürs Dogma, benutzen.
    Die Moral als Maßstab des Urteils fällt unter das Gesetz des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen, es gehört zur Geschichte des Sündenfalls, der Verweltlichung der Moral. Zu explizieren an der Sexualmoral, deren politische (prophetische) Bedeutung neutralisiert wird durch die Urteilsbeziehung im Kontext einer kasuistischen Moral. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ verweist auf den Bereich, in dem Moral allein sich begründen läßt: nämlich als Richtschnur des (eigenen) Handelns, während das Urteilen (das Richten) Gott vorbehalten ist. Politisch aber wird die Sexualmoral in seiner Beziehung zu der anderen Seite des Sündenfalls, zum „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“, in seiner Beziehung zu dieser Scham, die den gleichen geschichtlichen Index hat wie die Politik. Verletzt wird diese Scham durchs Obszöne, dessen Begriff eher auf Kriege, auf Knäste, auf die Existenz der Armut, auf Fremdenfeindschaft und Antisemitismus (bezeichnend, daß das sodomitische Modell der Fremdenfeindschaft in der Geschichte Sexualmoral auf den Verkehr mit Tieren bezogen worden ist: war das „Sexualobjekt“ der Leviathan?), aber auch auf staatliche Institutionen wie den Staatsanwalt und die Polizei sich beziehen läßt, als auf den unmittelbaren sexuellen Bereich.
    Bezieht sich das Jesuswort: „ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, auf das „kreisende Flammenschwert“, dessen Erkenntnis in der Geschichte der Astronomie, zuletzt im kopernikanischen System, sich vorbereitet? Und hängt das, was im zweiten Schöpfungsbericht als „kreisendes Flammenschwert“ benannt wird, mit dem, was dem Produkt des zweiten Tages im ersten Schöpfungsbericht: der Feste zwischen den Wassern, die Gott dann Himmel, schamajim, nennt, zusammen?
    Von der Nachkommenschaft Abrahams heißt es, sie werde zahlreich sein wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer. Hängen diese Sterne und dieser Sand zusammen wie der Himmel und das Meer? Sind nicht die Sterne und der Sand (der „Staub“ des Fluches über die Schlange und über Adam nach dem Sündenfall, aber auch die „Wüste“) die ersten Objekte des historischen Objektivationsprozesses (kopernikanisches System und Relativitätsprinzip, Inertialsystem und die newtonsche dynamische Begründung des kopernikanischen Systems, Ursprung des Materiebegriffs)? Und sind diese Sterne und dieser Sand nicht auch ein anderer Name für die „Enden der Welt“: die Grenzen des „Missions-“ und Taufauftrags? Aber am Ende wird das Meer nicht mehr sein, und der Himmel wird sich aufrollen wie eine Buchrolle.
    In Hegels Philosophie kommt wohl der Begriff des Anderen, nicht aber der des Fremden vor.
    Hängt auch das mit dem Verhältnis von Sünde und Schuld (Ps 10914) zusammen, daß die Propheten vom Mutterleibe an berufen sind, Jesus aber vom Vater gezeugt ist, er zugleich die „Sünden der Welt auf sich nimmt“ und den Willen des Vaters tut?

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