• 05.02.92

    Entspringt die Mathematik der Gleichsetzung des Perfekt mit dem Futur II, dem „es ist gewesen“ mit dem „es wird gewesen sein“, m.e.W. dem „Wesen“? Das in den neueren Ontologien so beliebte „Geschehen“ und „Sich Ereignen“ gehört in diesen Bereich. Die Funktion dieser Gleichsetzung ist die der Exkulpation: durch Übersetzung in ein apersonales, gegenständliches „Geschehen“ und „Sich Ereignen“, Begriffe, die zunächst für natürliche Prozesse. dann aber, insbesondere nach dem Ausgang der Kollektivschuld-Debatte, sich auch für Auschwitz zu eignen scheinen, wird ein ganzes Volk entschuldigt, das sich ohnehin je nach Bedarf nur als Schicksalsgemeinschaft oder als Gemeinschaft passiver und ohnmächtiger Zuschauer (Rundfunkhörer, Fernseher) versteht. Liefern hierzu die verwalteten Religionen den Gewissenskomfort?
    Anders als Radio und Fernsehen, die ein ganzes Volk zu ohnmächtig-passiven Hörern autoritativer Verlautbarungen (eine neue Evangelienübersetzung heißt „die gute Nachricht“) und zu Zuschauern von Herrschafts- und Machtritualen sowie von schicksalhaften Katastrophen macht, ist das Telefon ein Instrument der Intrige. Der neue Faschismus appelliert nicht mehr an die Hörigkeit, sondern an den Bilderwunsch. Deshalb wimmelt es nur so von Welt-, Menschen- und Gottesbildern.
    Die gute Nachricht: Ein Botschaft richtet sich an den Adressaten und erwartet seine Antwort, eine Nachricht liefert nur eine Information über ein objektives, meinem Eingriff entzogenes Geschehen, macht den Adressaten zum passiv-ohnmächtigen Zuschauer. Aber dahin tendiert das Religionsverständnis in den verwalteten Betreuungs-Religionen ohnehin (verweltlichtes Christentum als Dynamisierung der Idolatrie).
    Raum ist ein Verwaltungsbegriff; er präpariert sowohl das Subjekt wie die Objekte der Verwaltung (auch die Vorstandsetage liegt auf einer Verwaltungsebene; kein Zufall, daß Hochhäuser bevorzugte Objekte sowohl für Verwaltungen als auch für Wohnungen von Beamten und Angestellten sind).
    Jede Intention (jedes Ziel, jeder Zweck) hat einen Richtungssinn. Was der Raum – und mit ihm jedes der Orthogonalität nachgebildete System – leistet, ist die Wiedereinbindung jeder Intention in ein Vergangenheitssystem.
    Enthält die double-bind-Theorie eine Theorie des Raumes (Zusammenhang mit der Struktur der Lohnarbeit)?
    Wie bestimmt sich das Trägheitsmoment eines Kreisels, der Widerstand gegen eine Änderung der Rotationsgeschwindigkeit?
    „Ausländer raus“, „Nazis raus“: Belege dafür, daß die Relation Innen/Außen keine humane ist. Wenn die Grenze zwischen Innen und Außen zur Grenze der Humanität wird, hat die Humanität keine Chancen mehr.
    Dybas Hooligan-Argument: „Welcher Verein kann es sich leisten, einen Spieler, der ständig aufs eigene Tor schießt, weiter zu ertragen?“ – Ist das Bekenntnis-Problem nicht doch ein sehr deutsches Problem, ähnlich wie die Staatsmetaphysik und der Staatsanwalt.
    Erinnert Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft (und ihr Zusammenhang mit der Lehre vom Willen zur Macht) nicht an die Notwendigkeit, die politische Bedeutung der Sternenkunde neu zu bestimmen?
    Hinter der Maske ist das Gesicht: und nicht die Person, sondern das Antlitz ist Gegenstand der Theologie.

  • 04.02.92

    Haben die „Wolken des Himmels“, auf denen der Menschensohn wiederkommen wird, etwas mit den Wassern oberhalb des Firmaments zu tun?
    Sind die biblischen Nahrungsgebote nicht vielmehr Nahrungsfreigaben; und hat die Freigabe der tierischen Nahrung etwas mit Sintflut und Arche (und mit der vorausgegangenen Bedeckung der Nacktheit des Menschen mit Tierfellen und dem (Tier-)Opfer Abels) zu tun? Gibt es einen vergleichbaren Grund für den christlichen symbolischen Kannibalismus (für das finstere Geheimnis der christlichen Sakramentenlehre)? Ist diese ganze Geschichte ein Teil der historischen „Auseinandersetzung mit der Natur“?
    Die Moralität des Handelns, auch des politischen Handelns, bemißt sich nicht an den Zielen, sondern an den Mitteln. Dem widerspricht die Vorstellung, die Technik (und die ihr zugrundeliegende instrumentalisierte Struktur der Natur) sei „wertneutral“, nur scheinbar; sie verweist vielmehr auf den realen gesellschaftlichen Schuldzusammenhang, in den Natur und Technik heute verstrickt sind, und der nur durch „Übernahme der Sünde der Welt“ zwar nicht sich lösen, wohl aber sich durchsichtig machen läßt.
    Die Naturwissenschaften betrachten alle Dinge von allen Seiten hinter dem Rücken (Schrecken um und um): Was bedeutet hier „Umkehr“?

  • 03.02.92

    „Die Dimension des Dativs oder Vokativs, die die ursprüngliche Richtung der Sprache eröffnet, läßt sich nicht gewaltlos in der Dimension des Akkusativs oder den Attributen des Objekts begreifen und modifizieren.“ (Derrida: Die Schrift …, S. 145) Der Dativ wird immer mehr vom Genitiv (die Gnade von Herrschaft und Besitz) verdrängt, und der Vokativ (die Anrufung des Anderen, die zunächst in den Höflichkeitsformen noch überlebte) ist durch den Akkusativ vergiftet worden und mit der Ausbreitung der Telekommunikation ganz verschwunden (der Anruf erfolgt über die Telefonnummer, nicht im Namen): Hat er sich rein in die Idee Gottes, dessen Name in der kommunikativen Sprache gegenstandslos geworden ist, zurückgezogen? Ist sein Schicksal an dem der Berufung und des Berufs (an der Geschichte der Professionalisierung und des Fachidiotentums: bis hinein in die Theologie) abzulesen?
    Das „Hallo“ ist an die Stelle des Namens getreten und ersetzt den gegenstandslos gewordenen Vokativ. Ist der deutsche Name „Gott“ (nach einem Hinweis F. Ebners) nicht die Hypostase des Anrufs, Personifikation des Vokativs, der heute durch das neutralisierte Hallo, aus dem mit dem Namen der Schmerz des Akkusativs (die Erinnerung an die Familienbande, ans Erwischtwerden: an den Namensruf der Eltern) entfernt wurde, ersetzt wird. Wenige, die nicht versuchen, ihrem Namen zu entrinnen.

  • 02.02.93

    Bezeichnet nicht das Kreuz (das im NT schon vor der Passion und dem Kreuzestod als ein Inbegriff der Nachfolge erscheint) den Ursprung und das Medium der Objektivierung: des Zum-Objekt-Machens?
    Kreuz und Kelch: Das Kreuz als Orthogonalitätssymbol (Ursprung der Verdinglichung) ist ein Reflexionssymbol des Kelches (Symbol der Herrschaftsverblendung). Kreuz und Kelch verhalten sich wie Welt und Natur.
    Die Kirche: Ist das nicht der Abstieg zur Hölle, und das einzige, was ihr verheißen ist, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (Mt 1618), bedeutet dann nur: daß sich die Pforten der Hölle sich hinter ihr nicht schließen werden. Mehr noch: Ich werde die die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein. (1619)
    Hat nicht die Kirche seit je alle Symbole ins Positive (ins Erbauliche) umgelogen?
    Seit dem Zusammenbruch des Faschismus, mit dem der autoritäre Kern des kirchlichen Glaubens- und Bekenntnisbegriffs zerstört wurde, ist die Kirche insgesamt von der Furie des Verschwindens ergriffen. Johannes XXIII war der erste, der versucht hat, den autoritären Kern durch Erinnerung aufzusprengen, aber spätestens Johannes Paul II hat in paranoider Panik das Alte zu retten versucht und damit das Verschwinden nur beschleunigt. Heute verschwindet eine Position nach der anderen.
    War nicht das Marxsche Konzept der Versuch einer Wiedergewinnung der Prophetie; aber daraus hervorgegangene politische Sozialismus (insbesondere der „real existierende Sozialismus“), war er nicht die erste Gestalt des modernen Fundamentalismus? Der Marxismus hat gleichsam (ähnlich wie in der Frühzeit der Islam) in Kurzfassung die Kirchengeschichte wiederholt. In beiden Fällen war die Dogmatisierung (Bildung einer ideologisierten Orthodoxie) eine Folge der enttäuschten Parusieerwartung und der Anpassung an die Welt.
    Gott will nicht, daß das Wort leer zu ihm zurückkehrt. Das leere Wort ist der Begriff, der sich nur äußerlich auf ein Objekt bezieht, seine benennende Kraft verloren hat.
    Die Erkenntnis unterscheidet sich vom Wissen dadurch, daß sie sich nicht restlos vergegenständlichen läßt: daß sich das prophetische Moment darin nicht gänzlich tilgen läßt. Der Bendorfer Satz, daß nur zwei Positionen zur Prophetie zulässig seien:
    Entweder man ist selber Prophet, oder man ist Objekt der Prophetie; unzulässig ist die Position der neutralen Zuschauers, dieser Satz ist dahin zu verschärfen, daß man danach eigentlich nur noch Prophet sein darf. Jede andere Position ist verworfen.
    Am Ende des „Ursprungs des deutschen Trauerspiels“ hat Walter Benjamin die dämonischen Konnotationen des Begriffs des Wissens benannt (zusammen mit einem bedeutenden Hinweis auf den Zusammenhang von Wissen und Lachen, „Gelächter“). Nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis bezeichnet den Gegenpol zum Wissen. Reines Wissen ist dämonisch, reine Erkenntnis wäre Prophetie. Und Jesus hat zwar nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben.

  • 02.02.92

    Rechtfertigung ist Reklame: Wunsch nach Anerkennung, Verteidigung gegen potentielle Ankläger. Der Begriff stammt aus der apologetischen Tradition der christlichen Theologie, und er bezeichnet einen Knotenpunkt in der Geschichte der Dogmenentwicklung (den Punkt, an dem die Kraft der Häresienbildung verbraucht war), und darüber hinaus in der Geschichte des Objektivationsprozesses. Jenen Knotenpunkt, an dem der Weltbegriff als Inbegriff aller Prädikate auch das Objekt ergreift, die Welt sich zum System zusammenschließt, das Urteil die apriorische Beziehung aufs „Objekt“ in sich aufnimmt.
    Steckt im Begriff der Rechtfertigung nicht auch die Orthogonalität und das Fertigmachen (das Prinzip der Verweltlichung)? Hängen Recht (rechtwinklig, rechtgläubig), Richtung, richtig mit der richtenden Gewalt zusammen (Orthogonalität und Verdinglichung)?
    Die Geschichte der Häresien hängt insoweit mit der Geschichte der drei Verleugnungen zusammen, als in den Häresien die eigene Leugnung projektiv verurteilt und so stabilisiert wurde. In der Geschichte der Auseinandersetzung mit den Häresien, in der Geschichte der Ausbildung des Dogmas, ist der Inhalt des Dogmas in zunehmendem Maße derealisiert worden. Über die Mechanismen von Verschiebung und Projektion ist das verdeckt worden, worauf die Häresien in der Kirche, gegen die sie gerichtet waren, hinwiesen, wurde das dem Wahrheitsbegriff immanente Moment der Versöhnung zum Bekenntnis-Konsens kommunikationstheoretisch umgefälscht, ist die Religion zu einem Traum geworden, aber nicht zu einem prophetischen, sondern zu einem Alptraum.
    Bei der Trennung von Sein und Wert wurde vergessen, daß dieser Seinsbegriff durch den Wertbegriff vermittelt ist. Die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert steht selber noch unter dem Systemzwang des Tauschprinzips. Und wenn Marx den Gebrauchswert zu etwas unreflektiert Positivem macht, das von der negativen und entfremdenden Gewalt des Tauschprinzips sich abhebt, so verkennt und vergißt er die gesamte barbarische Vorgeschichte dieser Trennung: die Vorgeschichte der Trennung und wechselseitigen Vermittlung von Objektivation und Instrumentalisierung. Auch die Arbeiter haben für die Unternehmer einen Gebrauchswert.
    Die Unfähigkeit, unsere Eltern zu ehren, die Desiderate unserer Auseinandersetzungen mit ihnen, drücken sich in den Dunkelheiten unserer physis, unseres Körpers aus.
    „Die Dichtung ist im Verhältnis zur Prophetie, was das Götzenbild im Verhältnis zur Wahrheit ist.“ (Derrida, Edmond Jabes und die Frage nach dem Buch, in: Die Schrift …, S. 105)
    „Der Bruch der Tafeln bezeichnet zunächst den Bruch in Gott als dem Bruch in der Geschichte.“ (S. 106)
    „Die Traditionalität ist aber nicht die Orthodoxie.“ (S. 115)
    „… für Jabes ist das Buch nicht in der Welt, sondern die Welt ist im Buch.“ (S. 117) Heute geht die Genealogie nicht mehr durchs Geschlecht, sondern durchs Buch (Bedeutung der Trinitätslehre).
    Zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Die Minkowskische „Raum-Zeit“ bestimmt u.a. die Beziehung des Raumes zur Zeit (und zur Materie) neu. Nicht mehr der Raum ist die Form der Gleichzeitigkeit, sondern der durch das -(ct)2 in eine veränderte Beziehung zur Zeit gerückte Raum. Das Zentrum oder der Ursprungspunkt dieses Systems ist nicht mehr der räumliche Punkt, sondern dessen imaginäre Beziehung zu dem von ihm ausgehenden „Lichtkegel“. Die „Geometrie“ dieses Mediums der Gleichzeitigkeit wäre noch zu entwickeln (genauer: sie liegt vor, wäre nur als „Geometrie“, als Struktur eines orthogonalen Systems, neu zu bestimmen). Damit hängt es jedenfalls zusammen, daß es innerhalb präzise bestimmbarer Grenzen einen präzise bestimmbaren raumzeitlichen Punkt (die gleichzeitige Bestimmung von Ort und Impuls) nicht mehr gibt (die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation gehört zu den Orthogonalitätsbedingungen dieses Systems). Hinweise:
    – Inertialsystem = System von Äquivalenzbeziehungen;
    – Problem der selbstreferenziellen Beziehung der Lichtgeschwindigkeit zum Inertialsystem;
    – Mikrophysik = Reflexion der Unschärfen der Randbedingungen des Systems im System;
    – Beziehung von kinetischer Wärmetheorie und Elektrodynamik: Interpretation des Planckschen Strahlungsgesetzes;
    – Orthogonalität und selbstreferentieller Bezug.

  • 01.02.92

    Die Verletzung des achten Gebots ist ein Strukturelement der verweltlichten Welt. Und die Übernahme der Sünde der Welt steht in der Tradition dieses achten Gebots „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“. Die christliche Umformung dieses Gebots in „Du sollst nicht lügen“ ist direkt ableitbar aus dem Verzicht auf Weltkritik. Ebenso ist der Begriff der „Weltschöpfung“ ein Teil der Rechtfertigung der Gemeinheit und des Geschwätzes (Bedeutung des gnostischen Demiurgen; paranoider Ursprung dieses Konzepts und Zusammenhang mit der Geschichte der Ketzerbewegung).
    Gibt es einen Zusammenhang des Wortsstammes -acht- in: Achtung, achten auf, „in Acht und Bann“, beachten, Verachtung u.ä. mit der Zahl acht? (David der achte Sohn des Isai, Sonntag = Herrentag = der achte Tag: Wiederholung des ersten Tags?).

  • 30.01.92

    Vor dem Hintergrund der Vorstellung einer unschuldigen Natur wird der Eingriff in die Natur, vergleichbar dem Mord, zur primären Schuld. Aber ist der Mord mit dem gesellschaftlichen Eingriff in die Natur vergleichbar? Und verwechselt nicht auch die ökologische Bewegung Schöpfung und Natur? (Noch zu ungenau: Wo ist die Grenze zwischen einem Eingriff in die Natur und dem Mord? Ist die Naturbeherrschung ein Mord an der Natur (Zerstörung des Antlitzes der Erde)? Aber die Natur sich selbst überlassen: heißt das nicht, Mord und Totschlag zulassen? Ist die Natur nicht selber die Zerstörung des Antlitzes, Inbegriff des Subjektlosen, Hypostasierung der Rückseite der Dinge? Ist nicht die Vorstellung der Ökologie, daß alles Schlimme von Eingriffen in die Natur herrühre, selber schon davon geleitet, daß sie selbstverständlich sich nur auf jene Eingriffe bezieht, die per Rückkoppelung auf das Leben der Menschen zurückschlagen, während das Antlitz längst vergessen wurde?)
    Zur Kritik der Ontologie: Es gibt kein apodiktisches Urteil ohne das subjektive affirmative, bejahende Moment: ohne daß ich mich auch dazu bekenne und durch mein Bekenntnis die Reflexion des Urteils unterdrücke. Es gibt keine Ontologie ohne Bekenntnis. Der kommunikationstheoretische Konsens bezeichnet das gemeinsame Ja (Objektivität als Intersubjektivität), das kollektive Bekenntnis, nicht die Wahrheit. Und der Gedanke der Objektivität drückt dabei nur den Wunsch nach Entlastung von der Verantwortung für das Ja aus, den insbesondere die Mathematik dann allzu leicht erfüllt. So ist die Mathematik die Parodie, das entstellte Deckbild der Versöhnung. Und ihre politische, gemeinschaftsbildende Kraft war seit je (seit ihrem Ursprung im Sternendienst) ein Teil der Idolatrie und ohne Opfer nicht zu begründen (gemeinsamer Ursprung der Religion, des Königtums und der Geldwirtschaft).
    Das Sein, die Logik der Hypostasierung (Heidegger: das metaphysische Denken) und die Bildung futurischer Formen gehören zusammen. Die Ontologie ist eine Weltwissenschaft; sie gründet in der Totalität der Urteile anderer.
    Titel: Ursprung und Untergang der Welt.
    Die antiken Kosmogonien sind Sprach- und Gesellschaftsphilosophien, keine Naturphilosophien.
    Theorie und Affirmation: Die kritische Theorie ist keine. Das affirmative Moment kommt durch den Theoriebegriff, durch die Anschauung, die dieses affirmative Moment in sich enthält, in die Philosophie herein. Die Dekonstruktion Derridas geht aufs falsche Objekt: Zu dekonstruieren wäre die Ontologie, und nicht mit Hilfe der Ontologie die theologische Tradition und ihre Erben.
    Zusammenhang von Objektivität, Sein für andere, Exkulpation und Anonymisierung: Die Spur dieses Zusammenhangs ist der Personbegriff.
    Die „beruhigte und gesicherte Burg der denkenden Subjektivität“ (Derrida: Die Schrift und die Differenz“, S. 85) wird gesichert durch „die letzte Schutzvorrichtung der Sprache“, den „Sinn des Seins“ (ebd. S. 87). Ist aber die ungeheuerliche Ambivalenz dessen, was seit Heidegger „Sinn des Seins“ heißt, überhaupt in der Lage, anders als durch logische Gewalt und durch das taktische und strategische Geschick dessen, der sich dieses „Sinns“ bedient, die „Burg der denkenden Subjektivität“ (die Personalität) zu sichern (fiat jus pereat mundus: die Rettung der Person durch Zerstörung der Welt)? Ist nicht Derridas Verfahren der Dekonstruktion Produkt genau dieser taktisch-strategischen Instrumentalisierung der Ontologie, für die es in der Tat keine andere Anwendung gibt? Ist die Ontologie (und der damit verbundene Subjektbegriff) ohne die Dekonstruktion des Anderen und des Andersseins zu retten?
    Heideggers „Eigentlichkeit“ unterscheidet sich von der „Uneigentlichkeit“ nur durch die „Entschlossenheit“, in der Welt Subjekt, und nicht Objekt, sein zu wollen. Der Tod ist für Heidegger immer schon der Tod der Anderen, und dessen Rechtfertigung dient dann das „entschlossene“ „Vorlaufen in den je eigenen Tod“.
    Die kantische Unterscheidung zwischen dem An sich und der Erscheinung drückt genau den Unterschied aus zwischen dem. was eine Sache an sich und was sie für andere ist; die Grenze ist die der Scham, deren Ursprung mit dem dieser Grenze zusammenfällt („und sie erkannten, daß sie nackt waren“). Die Unterscheidung hängt mit der zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zusammen (ist aber nicht damit identisch). Von der Nichtanerkennung (und Verwischung) dieser Grenze lebt ein nicht unerheblicher Teil der Medien.
    Die Naturwissenschaften setzen die Schamgrenze absolut, leugnen, daß es ein Diesseits dieser Schamgrenze gibt (Daddys striptease sind der Krieg und das Opfer, nicht die biologische Nacktheit).
    Am Anfang der naturwissenschaftlichen Aufklärung steht die Austreibung der Sinnlichkeit, am Ende die des Gewissens, der Moral.
    Der Gottesfürchtige ist das Gegenteil dessen, der sich klein machen will (gegen die Naturwissenschaften).
    Die Geschichten mit Lot, insbesondere die Erzählungen im Zusammenhang mit dem Untergang Sodoms: sind das Hebräer-Geschichten? Hebräer waren die Israeliten für die anderen Völker, Juden sind sie für die Welt. „In jenen Tagen werden werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“ (Sach 823)
    Die Abwehr der Musik Schönbergs hängt damit zusammen, daß es schwerfällt (genauer: schwerzufallen scheint; weshalb?), jenen Schritt mitzuvollziehen, der die Musik in die Nähe der Sprache führt. Ähnliches gilt für Einstein und die Naturwissenschaften.
    Das Stasi-Problem bleibt unerledigt, solange es per Personalisierung bearbeitet wird, während der Gemeinheits- und Systemzwang, der darin sich manifestiert, und der auf die Verhältnisse hier (im Westen) zurückweist, verdrängt wird.

  • 29.01.92

    Die Vorstellung einer natürlichen Unschuld, einer stummen, vorsprachlichen Unschuld, auch die Bindung der Unschuld an den Bereich der Sexualität, honoriert das Vergessen. So hängt die Übernahme der Sünde der Welt mit dem Logos zusammen (gegen Rousseau und Derrida: gegen den christologischen Naturbegriff). Was bedeutet eigentlich die christliche Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie (die Lehre vom Sühneleiden Jesu) für das Verständnis der Sprache und der Erinnerung (Erinnerung und Raum: nicht getrennt vom Raum als Form der äußeren Anschauung, sondern Arbeit der Umkehr als Bedingung der Rekonstruktion der Sprache – Adams Benennung der Tiere)?
    Der Zusammenhang des Logos mit der Übernahme der Sünde der Welt, wird noch deutlicher, wenn man mit hereinnimmt, daß der Weltbegriff die Hypostase des anklagenden Prinzips ist und die Sprache erst in ihrer parakletischen Funktion sich konstituiert und entfaltet.
    Lukas hat ein Evangelium und die Apostelgeschichte (die Geschichte des Paulus und der beginnenden „Heidenmission“), Johannes ebenfalls ein Evangelium, dazu aber die Apokalypse. Werden die Evangelien des Lukas und des Johannes nicht durch die zweiten Schriften mit bestimmt? Steht im Johannes-Evangelium die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern?
    Steht nicht der „Jünger, den der Herr lieb hatte“ für diesen Zusammenhang von Logos und Übernahme der Sünde der Welt und von Weltkritik und Name des Parakleten (vgl. auch die Geschichte vom Wettlauf zwischen Petrus und diesem Jünger zum Grab).
    Die Beziehung des Raumes zur Sprache wird durch ihre drei Dimensionen definiert: durch das Verhältnis von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“, von Rechts und Links und von Oben und Unten. Die trigonometrischen Funktionen sind Vergegenständlichungen der verdinglichten Umkehr. Wie hängen diese Dinge zusammen mit der Konstellation von Idolatrie, Sternendienst und Opfer? (Der Historismus: die Verdoppelung des Hinter dem Rücken. Die Last der Vergangenheit durch Vergegenständlichung sich zueignen anstatt sie zu übernehmen.)
    Die Erinnerungsarbeit wird symbolisiert durch den descensus ad inferos.
    Die Hilflosigkeit Drewermanns hängt damit zusammen, daß er an einem Begriff der Unschuld festhält, der auf Natur (den Mythos) und nicht auf die versöhnende Kraft der Sprache (den Logos, die Übernahme der Sünde der Welt und die Gottesfurcht) verweist. Das ist es, was ihn auf so merkwürdige Weise nicht nur hilflos, sondern zugleich stumm und aggressiv macht (was wiederum die Erfahrung einer ganzen Schicht von Gläubigen zu treffen scheint). In seinem Konflikt mit der Kirche prallen zwei Formen der Stummheit aufeinander, und deshalb ist eine Konfliktlösung fast unmöglich.
    Goethes „zu den Müttern“ ist ein Echo des rousseauschen inzestuösen Naturbegriffs.
    Es gibt keine Häresie, die nicht auf ein ungelöstes Problem in der theologischen Tradition hinweist. Nur mit der Verurteilung der Häresie wird das Problem bloß verdrängt, nicht gelöst, verurteilt die Kirche sich selber. Das gilt zuletzt auch für ihr Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Aufklärung.
    Im Gegensatz zur griechischen (und zu den dann folgenden europäischen Sprachen insgesamt) hat die hebräische Sprache kein Futur: Sie ist eine Sprache der Erinnerung, des Eingedenkens. Die Vergangenheit ist ihr apriorischer Gegenstand. Die Bildung des Futur (insbesondere des Futur II) zieht ihre Kraft aus der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Vergangenheit. Sie macht die Zukunft wie die Vergangenheit: In diesem Kontext (von Mythos, Schicksal und Philosophie) entspringt der Begriff. Das Christentum hat durch das Bekenntnissyndrom, durchs trinitarische Dogma und die Opfertheologie, diese Instrumentalisierung der Vergangenheit verinnerlicht und damit fast unangreifbar gemacht. Es hat damit das Vergessen gefördert, dem Eingedenken, der Erinnerung die Grundlage entzogen. Die Christologie ist an die Stelle der Auseinandersetzung mit der Vorvergangenheit getreten; seitdem werden in der christlichen Geschichte Vergangenheiten nur noch überwunden (bis in die Geschichte der Aufklärung hinein, die insoweit ins christliche Erbe eingetreten ist). Mit der Verdrängung aber wächst die Last der Vergangenheit.
    Welche Bewandnis hat es eigentlich damit, daß Maria Magdalena und die anderen Frauen am Ostermorgen zum Grab hinausgehen mit „Spezereien“, offensichtlich um den Toten zu salben („einzubalsamieren“)? Wie hängt diese Salbung mit der messianischen Salbung zusammen, mit dem Namen des Messias? Und wie hängt sie mit der Königstradition zusammen? Gibt es eine Beziehung zur Präparierung der Toten in Ägypten?

  • 28.01.92

    Hängt die Unterscheidung von Rechts und Links nicht auch mit der von Plus und Minus (Erfindung der Null als Voraussetzung des Inertialsystems) und mit dem Schuldenproblem in der Geldwirtschaft zusammen (Schuldknechtschaft, doppelte Buchführung)? Erst mit der Vorstellung des unendlichen (homogenen und isotropen) Raumes setzt sich die Herrschaft des Tauschprinzips endgültig durch, wird der letzte Widerstand beseitigt. Im Inertialsystem werden die Dinge von allen Seiten von hinten betrachtet, und mit dem Gravitationsgesetz ist in jeder Richtung unten, gibt es kein Oben mehr, das die Gegenbewegung zum Fall anzeigen würde. Seitdem sind die Gottesfurcht und die Gnade (die Barmherzigkeit) grundlos geworden, und ist die Welt alles, was der Fall ist.
    Die Reversibilität der Richtungen im Raum ist die Grundlage der mathematischen Gleichung. Und die Gleichheit ist eigentlich die von Vergangenheit und Zukunft, die vermittelt ist durch die Vorstellung des unendlichen, homogenen und isotropen Raumes. Hierbei bedeutet die „Unendlichkeit“ des Raumes letztlich, daß die Endlichkeit der Dinge kein Ende hat, und daß alles, was ist, endlich ist.
    Muß nicht die Interpretation der Mikrophysik im Sinne der Kopenhagener Schule (oder zumindest ihrer deutschen Varianten) metaphysiziert, theologisiert werden, um den Widerspruch zu verdecken, der eigentlich einer des (physikalischen und gesellschaftlichen) Systems ist.
    Sind nicht die aristotelischen Topoi (seine Lehre vom natürlichen Ort der Dinge) notwendige Elemente seiner Metaphysik, d.h. einer Metaphysik, die den Begriffsrealismus zur Grundlage hat. Auch der Unbewegte Beweger ist ein topologischer Begriff, die Vergeistigung des Falles, Produkt jenes Kurzschlusses, der das Denken des Denkens vergöttlicht, indem er es zum Gegenstand der Theoria, des Schauens, macht (Ursprung der christologischen Logik).
    Was wir aufgrund einer schlechten Übersetzung die Schriftgelehrten nennen, sind in Wahrheit die Schreiber gewesen, die allerdings zugleich auch Schriftgelehrte waren. Die Trennung beider Funktionen, der Kopisten von den Scholaren, ist mittelalterlichen Ursprungs und setzt die Kanonisierung der Schrift (und der anderen Autoritäten) voraus. War nicht Esra ein „Schriftgelehrter“?
    Die Elemente der Selbstinstrumentalisierung im Tierreich: Der Mensch hat diese Mittel der Selbstinstrumentalisierung (die Hörner, Klauen, Zähne, aber auch die Fisch- oder Vogelgestalt) in seinem Verstand verinnerlicht und in der Hand universalisiert. Sind nicht die Fische und Vögel auf eine sehr viel mathematischere Weise lateral-symmetrisch als beispielsweise die Säugetiere und erst recht die Menschen?
    Bei den Pflanzen ist vorne, rechts und oben identisch: sie kennen eigentlich nur oben und unten (Blüte und Wurzel; sie wurzeln im Grunde und „streben zum Licht“). Bei den Tieren wird die Unterscheidung von vorne und hinten bzw. rechts und links erkauft durch die Unfreiheit noch oben, während für den Menschen oben, rechts und vorne getrennte Dimensionen sind.
    Die Subjektivierung der sekundären Sinnesqualitäten ist nur ein Aspekt der Sache: Die Subjektivierung der räumlichen Dimensionen ist der verdrängte Grund des gesamten Subjektivierungsprozesses. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Diese Scham ist der erste Ursprungsreflex des unendlichen Raumes; er hat zur Voraussetzung die Erkenntnis des Guten und Bösen, die Vorform der instrumentalisierenden, vergegenständlichenden Erkenntnis.
    Für die Fische ist das Wasser das Medium der vollendeten Öffentlichkeit: die Fische kennen keine Scham und keine Privatsphäre; die Vögel dagegen haben ihre Nester und ihr Federkleid. (In welcher Beziehung stand die Vogelschau zur Unterscheidung von Rechts und Links?)
    Die Fische und die Vögel bewegen sich in einem dreidimensionalen Medium: im Wasser und in der Luft.
    Weshalb werden bei der Sintflut die Tiere gerettet und dann zu Nahrung freigegeben?
    Im Angesicht, das ist etwas anderes als von Angesicht zu Angesicht. Der Satz „Laß dein Angesicht leuchten über uns“ drückt eher aus, was mit dem „Im Angesicht“ gemeint ist.
    Wer eine Sache hinter ihrem Rücken untersucht (wer „über“ eine Sache forscht), muß mit der Verdachts- und Beweislogik arbeiten und dann auch „hinter“ der Sache nach dem Grund suchen. Alle Hypostasierungskonzepte (imgrunde die ganze Philosophie, die Suche nach den archä) verdanken sich dieser Logik und treiben sie in die Dialektik hinein. Diese Hypostasierungslogik ist ein Motor der naturwissenschaftlichen Aufklärung, sie wirkt nach bis hinein in die Kopenhagener Schule: Die Hypostasierung der „Rätsel“ der Mikrophysik dient nur der Stabilisierung dieser Logik, die ihre letzte Stütze in der Vorstellung des unendlichen Raumes hat. Und diese Logik ist die Herrschaftslogik.
    Wer „eine Frage in den Raum stellt“, sucht keine Antwort, sondern eine „Lösung“: Grundlage des Verwaltungsdenkens (Zusammenhang mit dem Personbegriff).
    Was hat der Caesar, der wie der König (der Gesalbte) in der Heros- und Opfertradition steht, mit der Durchsetzung des Raumes und des Weltbegriffs zu tun, mit der Gewalt, die beide repräsentieren? Wo liegt der Unterschied zwischen der königlichen und der kaiserlichen Gewalt (Zusammenhang mit dem Fernhandel, der Stabilisierung des internationalen Marktes, mit dem Pantheon und der neuen Gestalt und Funktion der Religionen)?

  • 27.01.92

    Die kopernikanische Wendung hat das, was Adam Smith in der Ökonomie die „invisible hand“ genannt hat, in der Natur als eine Instanz etabliert, die sich dann bei Kant als das transzendentale Subjekt enthüllt.
    Die auftrumpfende Bescheidenheit des deutschen Idealismus.
    Ist ein „Kronzeuge“, der in den Händen eines vom Verfassungsschutz beauftragten Therapeuten war, überhaupt noch in der Lage, die Aufgabe eines Kronzeugen wahrzunehmen?
    Das Verhältnis von Idee und Begriff hat Teil an dem Verhältnis von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“. Nur durch seine Beziehung zu den Ideen gewinnt der Begriff seine benennende Kraft.
    Das „liberum arbitrium“ ist Indiz für eine Gesellschaft, die rechts und links nicht mehr unterscheiden kann. Die Wahlfreiheit setzt Verhältnisse voraus, in denen ich frei wählen kann, ob ich ein Auto, einen Fernseher oder eine Waschmaschine kaufe; und er setzt ein Weltverständnis voraus, in dem ich mich im Raum frei nach allen Seiten wenden (und bewegen) kann, in dem die Freiheitsgrade des Raumes für mich (unter den Prämissen der Geldwirtschaft, und sei es der Schuldknechtschaft) real geworden sind. Das „liberum arbitrium“ hat sowohl die Geldwirtschaft als auch das Inertialsystem zur Voraussetzung.
    Die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele ist insoweit falsch, als sie die Vorstellung mit enthält, daß man für sich allein selig werden könne. Sie genetisch von der Hades-Vorstellung nicht zu trennen.
    Mit jeder Häresie hat die Kirche auch ein Stück ihrer selbst verurteilt. Und jede Häresie war ein Hinweis auf ein Unaufgelöstes in der Kirche selbst, das sich dann mit der Verurteilung der Häresie auch verhärtet hat, unkenntlich gemacht wurde. Sofern es doch wahrgenommen wurde, blieb diese Wahrnehmung punktuell, folgenlos.
    Gibt es außer im Buch Jona noch andere Schiffskatastrophen in der Schrift (außer bei Paulus auf dem Wege nach Rom).
    Ist die Gottesknecht-Vorstellung nicht auch ein Hinweis auf den Charakter und die Bedeutung der „hebräischen“ Schrift?
    „Das Heil kommt von den Juden“: das sagt Jesus zur Samariterin.
    Hängt die „Erschaffung“ der Seetiere damit zusammen. daß nur der Vater den Tag und die Stunde kennt?
    Die Mathematik und die Naturwissenschaften verhärten sich, bevor die Stimme das Ohr erreicht.
    Der Begriff der Materie enthält die Erinnerung an die Geschichte des Mordes und der Opfer.
    Nietzsches Lehre von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ ist die moderne (verinnerlichte) Variante des antiken Sternendienstes: Die Anbetung des sinnlosen Kreisens der Planeten. Es ist das Herrendenken, das zwangsläufig in den Götzen- und Sternendienst hineinführt, und in dessen Bannkreis kein Weg herausführt. Insofern gehören der Wille zur Macht und die Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen zusammen.
    Es ist der ungeheure Anspruch des Christentums, daß durch das Leben und den Tod Jesu die Sünde der Welt hinweggenommen ist. Und es ist dieses Exkulpationsversprechen, dieses Versprechen, schuldfrei leben zu können, das die Menschen immer noch ans Christentum bindet. Aber der Grund und die Bedeutung dieses Versprechens wird durch die Theologie nicht mehr eingelöst. Es hat keinen rationalen Hintergrund mehr. Und das ist die Situation, in der die Drewermänner ihr Geschäft machen können.
    Drewermanns Kirchenkritik ist nicht prophetisch, sondern wird durch die Struktur des Schuldverschubsystems bestimmt, das ohne Projektion nicht funktioniert.
    Die Kirche hat ihr Herrschaftssystem u.a. dadurch begründet und etabliert, daß sie das Mitleid von den real Armen und Bedrängten auf sich selbst umgeleitet hat. Das war nur möglich im Rahmen und auf der Grundlage des Schuldverschubsystems. Sie hat damit in sich selber und in den Gläubigen den Keim des Selbstmitleids eingepflanzt. Ein Opfer dieses Selbstmitleids ist Drewermann, der diese Mechanismen phantastisch beherrscht und das für Psychotherapie hält. Ist nicht Drewermann Ausdruck einer Gefahr, die ihre Wurzeln nicht in ihm, sondern in der Kirche hat, und deren erstes Opfer selber ist?
    Drewermann versucht die vermeintlich exkulpatorische Kraft des Bekenntnisses (die es erst durch die Annahme des Bekenntnisses seitens des Opfers wird) durch Privatisierung zu retten. Er hat etwas von einem Theologen der freien Marktwirtschaft (ein Ludwig Erhard der Kirche: auch sein Konzept war nur eine Währungsreform).
    Gibt nicht Kohl der raf im Nachhinein recht, wenn er den ermordeten Rohwedder in die Tradition der Göringschen Treuhand-Gesellschaft stellt (übrigens der gleiche Kohl, der selber von jenem Herrn Ries gesponsert worden ist, der selbst ein Nutznießer der ersten Treuhand-Gesellschaft war).
    Es kommt darauf an, die erkenntniskritische Tradition, die von Berkeley über Locke und Hume bis Kant und Ernst Mach die Naturwissenschaft kritisch begleitet hat, endlich auf den Punkt zu bringen, an dem sie greift.
    Gibt es ein Konsens-Ideal ohne Feindbild? Ist der Konsens ein erstrebenswertes Ziel (sofern nicht die eigene wissenschaftliche Karriere davon abhängt)? Würde es nicht auch mit dazugehören, daß man begreift, daß es Fragen gibt, zu denen es keine konsensfähige Antwort gibt? Kant hat das reflektiert in seinen Antinomien der reinen Vernunft. Das Problem, das Kant hier angesprochen hat, ist eigentlich nie wirklich aufgearbeitet worden, auch von Hegel durch Harmonisierung eher verdrängt als gelöst worden. Die Hegelsche Verarbeitung war an den affirmativen Gebrauch der List gebunden („das Eine ist das Andere des Anderen“); genau damit hat Hegel das verbleibende kritische Moment neutralisiert.
    Darin liegt die große Bedeutung des Begriffs der Gottesfurcht, daß er in die Lage versetzt und den Grund dafür liefert, daß auch Schuld Gegenstand der Reflexion ist, und daß auch Diskonsens auszuhalten und zu ertragen ist. Die Fragen, die die Kantischen Antinomien der reinen Vernunft aufwerfen, sind dann (z.B. hinsichtlich des Raumes zugunsten der Verstellung seiner unendlichen Ausdehnung) nach dem Prinzip Bequemlichkeit gelöst worden, nicht nach dem Anspruch der Vernunft.

  • 26.01.92

    Die Sprache gründet in der Asymmetrie der Ich-Du-Beziehung; zu ihren Konstituentien gehören die Idee der Wahrheit und deren Beziehung zur Schuld und zur Idee der Versöhnung (des Glücks). Die Linguistik hat vor der Instrumentalisierung der Sprache kapituliert, ihr erkennendes Wesen neutralisiert und verdrängt.

  • 24.01.92

    Ist nicht die Zerstörung des Tempels (Beginn des rabbinischen Judentums) in der Tat die Parallele zum Kreuzestod (die Erde bebte, und der Vorhang zum Allerheiligsten riß entzwei): die epochale Erschütterung, die die Welt konstituierte (Bedeutung des Hebräerbriefs)?
    Das Zeichen des Jona: hängen die drei Verleugnungen des Petrus (die drei Tage im Bauch des Fisches) mit den drei Tagen in der Unterwelt (vor der Auferstehung) zusammen? Und ist der Tempel sein Leib (vgl. Hebräerbrief)?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie