Zur Struktur des „Falls“ (des/der casus): Die Physik ist nicht einfach die Wahrheit, sondern ein Aggregatzustand der Erkenntnis, der dem der Theologie genau entgegengesetzt ist: Sie kennt von den Deklinationen (den casus) nur noch den Akkusativ (und erst die dazugehörige Erkenntnistheorie den Genitiv, der hier im übrigen indifferent ist gegenüber der Unterscheidung von genitivus subjectivus und objectivus: Grund der Differenz von Genesis und Geltung und der Reflexionsbegriffe; vgl. auch den gen. criminis: Der Genitiv ist Ausdruck einer Schuld- oder Herrschaftsbeziehung, die dann im Akkusativ sowohl vergegenständlicht, verdinglicht, als auch verdrängt wird; der Dativ ist Ausdruck einer Zuwendung, der Gnade: Restitution des Subjekts). Hierauf bezieht sich das „emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“.
Grammatisch verwandelt das Sein – darin liegt seine „verandernde Kraft“ – jedes Handeln in ein Geschehen, verleiht ihm den Schein der Subjekt- und Schuldlosigkeit, begründet aber eben so den Schuldzusammenhang (begründet die insbesondere in der Verwaltung so beliebten -träger wie z.B. Verantwortungsträger; Grundlage des Personbegriffs: Namensträger; ähnlich ist die Materie „Träger“ ihrer Eigenschaften (Substanz und Akzidenz): Folge der Beziehungen der Dimensionen im Raum, der Beziehung von Orthogonalität und Reversibilität). Das Sein ist der Grund der Verwandlung des Prädikats in den Begriff und der Tod des Verbums (et verbum caro factum est).
Der wirkliche Name, ist nicht der Name, den man hat, sondern der, der – wie in der Kafkaschen Erzählung – sich erst bildet. Vergeblich, wenn nicht verhängnisvoll, ist der Versuch „sich einen Namen zu machen“ (wie Nimrod; er war ein großer Jäger vor dem Herrn und Begründer der großen Stadt).
Die Physik ist nicht die Sünde wider den Heiligen Geist, aber die bis heute stärkste Absicherung der Verführung dazu.
Hat das Fronleichnamsfest nicht etwas von einem barbarischen Triumphzug?
Zum Begriff der Gottesfurcht: Wir alle haben die ganze Gesellschaft als verinnerlichte Kontroll- und Zensurinstanz im Kopf. Daran müssen wir uns abarbeiten, um an den Punkt herzukommen, an dem wir in der Gottesfurcht, im Angesicht Gottes, uns wiederfinden. Das ist der einzige Punkt, von dem aus wir diese verinnerlichte Kontrollinstanz zu kritisieren und zu durchschauen in der Lage sind. Auf dieser Basis läßt sich die Adornosche Philosophie als der bis heute genaueste Ausdruck der Gottesfurcht begreifen.
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14.06.91
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13.06.91
Wie hängen die subjektiven Formen der Anschauung, das Geld und das Bekenntnis zusammen? Wie verhalten sie sich zum Gesamtkonstrukt des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (des Feinddenkens, des Sexismus und der paranoiden Verräterfurcht)? Lassen sich aus der historischen Analyse und Kritik der Geldwirtschaft und des entfremdeten und instrumentalisierten Christentums Hinweise für die Entschlüsselung des Banns gewinnen, unter dem die Natur steht? Bezeichnet der dem Bekenntnisbegriff zugrundeliegende Begriff der Orthodoxie mehr als nur ein zufällig und willkürlich zusammengestelltes Dogmenkonstrukt, ohne daß allerdings die darin verborgene natur- und herrschaftsgeschichtliche Logik zu ihrer Erklärung des Rückgriffs auf das Wirken des Heiligen Geistes oder auf eine göttliche Vorsehung bedürfte.
Wie es scheint, nutzt die katholische Kirche die Abtreibungsdebatte
. einerseits als Mittel, endlich wieder einen archimedischen Punkt zur moralischen Weltbeurteilung zu gewinnen, als Medium der Urteilslust, der sie rettungslos verfallen ist, weil an sie im Verblendungszusammenhang die Erhaltung des Selbstgefühls gebunden zu sein scheint,
. zum andern aber als Alibi, um ihre Schuld und ihr vollständiges Versagen angesichts des realen apokalyptischen Weltzustands zu verbergen (das Alibi ist aber nur noch ein Alibi vor sich selbst; alle anderen sehen es zwar nicht, sind aber als Häretiker abgeschrieben).
Dahinter steht die paranoide Theologie, die die Katastrophen aus der Sittenverderbnis der Völker herleitet anstatt aus den Tendenzen ihrer realen Lebensbedingungen. Wenn darüber hinaus die These stimmt, daß in jedem Feindbild ein Stück Projektion steckt, müßte die Abtreibungsdebatte eigentlich
. Aufschluß über den Zustand der Kirche geben: So wütend reagiert nur, wer sich selbst getroffen fühlt. -
12.06.91
„Der Kläger (gegen die Existenz von Gaskammern in Auschwitz, H.H.) dürfte nicht behaupten, daß sie nicht existiert, sondern daß die Gegenpartei den Beweis ihrer Existenz nicht erbringen kann.“ (Lyotard: Der Widerstreit, S. 20) Die kantischen Antinomien der reinen Vernunft (KdrV, S. 325ff) benennen den beweislogischen Grund dafür, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand sein kann (der Gewinner in diesem Spiel lacht: wer zuletzt lacht, lacht am besten).
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10.06.91
Wertsetzung und Sinngebung setzen voraus, daß die Sache an sich wert- und sinnlos ist. Insoweit sind auch die positiven Werte Ausdruck von Verzweiflung.
Die Häresie wurde als Verrat empfunden, weil sie das Geheimnis der Orthodoxie ausplauderte. Durch die Mobilisierung der apologetischen Kräfte ist die Orthodoxie dann immer tiefer in die Verstrickung hineingeraten (Zusammenhang von Orthodoxie, Vergegenständlichung, Apologetik/Theodizee und Opfertheologie; Grund und Kontext der Häresienbildung).
Im Faschismus erfüllt sich die Geschichte der Häresien, aber so, daß gegen ihn Apologie nicht mehr greift, nicht mehr möglich ist, sondern nur noch das Bekenntnis, die Erfüllung des Nachfolgegebots: die Übernahme der Schuld der Welt, an deren Grund der Faschismus (durch den bedenkenlosen Gebrauch der Gemeinheitsautomatik) rührt.
Geschichte und Opfer: Die Nachgeborenen glauben, Herr der Vergangenheit zu sein, über die sie als Wissende und Urteilende (wenn sie das Erbe der Vergangenheit antreten, ohne die darin kapitalisierte Schuld zu reflektieren) sich erheben; sie können aber über die Vergangenheit nur deshalb sich erheben (und die Früchte der geopferten Vergangenheit ohne das Bewußtsein von Schuld genießen), weil sie mit der Vergegenständlichung des Vergangenen zugleich sich von der vergangenen Schuld glauben exkulpieren zu können, ihr damit aber gerade rettungslos verfallen. – Der Antisemitismus wollte mit den Juden die Vergangenheit, für die sie einstehen, loswerden. Und nicht zufällig ist jeder Historismus chauvinistisch: der Staat repräsentiert diese Herrschaft über die Vergangenheit; deshalb muß er seine Bürger, von denen er die Verdrängungsleistung fordert, generell unter Anklage setzen und braucht einen Staatsanwalt. Wehe denen, die sich erinnern.
Kontrafaktische Urteile in der Geschichte haben genau diese Exkulpationsfunktion. Als Urteilender distanziert man sich von der vergangenen Schuld, anstatt sie aufzuarbeiten. Kontrafaktische Urteile sind insoweit falsch, wie sie der gleichen Faktizitätslogik gehorchen wie die Tatsachenurteile. Auch der kontrafaktisch Urteilende steht als der moralisch Überlegene auf diesem Riesenleichenberg. Oder auf der Vergangenheitskolonie, der Vergangenheits-Dritte-Welt, dem Vergangenheits-Proletariat (das durch den Tod enteignet ist und dessen Arbeitsfrüchte wir genießen: dem ganzen Heer der toten Erniedrigten, Ausgebeuteten und Vergessenen).
Die Vergegenständlichung vollzieht am Objekt die Taufe der Vergangenheit. Genau das leistet die kantische Vorstellung der Zeit als subjektive Form der Anschauung.
Confessor und virgo: Der Mann nimmt die Schuld auf sich und kann sich davon nur befreien durchs Bekenntnis, er kann heilig werden nur als Bekenner; die Frau ist davon dispensiert, sie wird nur schuldig, wenn sie ihre Unschuld verliert: ist die Unschuld bei der Frau eine biologische, keine moralische Qualität?
Im Anfang war das Wort, aber was ist der Anfang anderes als der erste Ursprung der Vergangenheit? Genau in diesem Punkt entspringt die Sprache. So hat die Sprache eine ursprüngliche Beziehung zu den Toten – als Ausdruck der Trauer über das Vergehen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung von den Toten.
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Aber woher kam die Urflut, die dann übrigens noch geschieden wird in die Wasser diesseits und jenseits des Firmaments?
Theologisch begründete Herrschaftskritik kann sich nicht einschränken auf den gesellschaftlichen Aspekt von Herrschaft, sie muß auch den naturalen Aspekt mit einbeziehen. Die gesellschaftliche Herrschaft enthält über ihr Verhältnis zur Naturbeherrschung auch ein naturales Moment, das im Rahmen einer theologischen Herrschaftskritik offengelegt werden muß (das ist der letzte Sinn einer Naturphilosophie). Es gibt einen Naturgrund von Herrschaft, den wir besetzt halten, der aber mit den Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft über die Natur nicht identisch ist, sondern zugleich davon getrennt untersucht und dargestellt werden muß. -
08.06.91
Welt und Natur sind Totalitätsbegriffe, die den Bruch verdecken, den sie selbst produzieren.
Der Begriff der Natur verdankt sich der gleichen Logik, der die Christologie, die Vergöttlichung Jesu, sich verdankt (beide stützen sich gegenseitig). Dieser Naturbegriff, der in die Nähe des Schöpfungsbegriffs gerückt wurde, ist Produkt der Vergöttlichung des Opfers: der vergebliche Versuch wiedergutzumachen, was Naturbeherrschung der Natur antut. Benjamins Kritik des Begriffs des Schöpferischen bezieht sich auf diese Logik.
Die Welt ist alles, was der Fall ist. Zum Verständnis dieses Begriffs des Falles muß man neben der naturwissenschaftlichen auch die moralische und die juristische Bedeutung des Begriffs mit heranziehen, um zu begreifen, was der Begriff der Welt hier ausdrückt (Zusammenhang mit dem Ursprung der Sexualmoral, mit der Opfertheologie, dem Unschulds- und Reinheitsbegriff sowie damit, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist).
Der theologische Gebrauch des Personbegriff, seine Anwendung auf Gott in Trinitätslehre und Christologie, ist der Systemgrund für die Notwendigkeit der Theodizee, begründet den (paranoiden) Zwang zur Rechtfertigung Gottes.
Immer zentralere Bedeutung gewinnt der Opferbegriff: Er ist der Grund für die entsetzliche Verwirrung im Katholizismus und für die Drogenwirkung der kirchlichen Bindung.
Kann es sein, daß das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit einerseits an den Schöpfungspunkt (den Anfang) rührt, andererseits aber auch etwas mit dem Vergleich Israels mit dem Augenstern Gottes (Sach 212) zu tun hat?
Wer den Antisemitismus zu einer Gesinnung macht, verharmlost ihn genauso wie die Frauenfeindschaft verharmlost, wer sie zu einem männlichen Apriori macht; beide sind tief in der geschichtlichen Struktur der Welt, der mit dem Weltbegriff systemlogisch verknüpften Gemeinheitsautomatik, verankert. Das gleiche gilt für die (tendentiell paranoide) Kategorie des Verrats.
Bekenntnislogik und negative Trinitätslehre: Das „Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“ ist wörtlich zu nehmen, insbesondere auch im Hinblick auf das Antlitz (facies ist übrigens im Lateinischen ein femininum).
Wenn Augustus mit augur (augurale = Feldherrnzelt im Lager) zusammenhängt: dann hat das Wort des Augustus das (prognostische, imperative) Gewicht der auguratio, die Gewalt, das Handeln der ihm Unterworfenen in die bloße Ausführung eines schicksalhaft determinierten Geschehens umzuwandeln.
Prophetie sagt nicht die Zukunft voraus; ihr Erkenntnisgrund ist nicht die Divination des Schicksals (vgl. das Buch Jona). -
07.06.91
Bezeichnet die „Urflut“ im Schöpfungsbericht das flüssige, frei verschiebbare Element der Schuld, in dem dann die Meeresungeheuer sich bilden?
Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit, weil sie der Riegel vor der projektiven Schuldverarbeitung ist, weil sie die Leugnung der Schuld durch Exkulpation, durch Verdrängung und Abwehr verbietet.
Ich habe Kant nie als Rechtfertigung, sondern immer als Kritik des naturwissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs verstanden. Ich stand sozusagen auf der Seite Schopenhauers, nicht auf der Seite Fichte, Schelling, Hegel.
Der Grund für den Konkretismus bei Heinsohn und seinen Mitarbeitern liegt in der Unfähigkeit, die Dialektik von Geltung und Genesis zu durchschauen. Gunnar Heinsohn hebt zu Recht das subjektive Moment in der Geschichte des Ursprungs der Geldwirtschaft (der „Schuldknechtschaft“, der Beziehung zur Schuld überhaupt) hervor. Das schließt aber nicht mit ein, daß darin heranwachsende Moment der Herrschaft des Tauschprinzips bloß falsch ist. Nur, weil er das Tauschprinzip tendentiell verdrängt, kommt er in den zwangshaften Empirismus herein, der dann in der konkretistischen Naturkatastrophen-Theorie zutage tritt. Er muß dazu seine Zuflucht nehmen, weil er anders den gesellschaftlichen Bruch, der damals eingetreten ist, nicht erklären kann: eine der Folgen ist dann die Vulgärpsychologie, mit der er das „Ereignis“ dann ausmalt, um den Ursprung des Opfers zu erklären; Totem und Tabu ist vollständig vergessen.
Übersieht er nicht in seinem Konzept des Ursprungs des Privateigentums durch die Landaufteilung unter den aus dem Matriarchat exilierten Männern die nomadische Vorform des Privateigentums (die Tierherde, das erste Geld: pecunia); vgl. hierzu die Patriarchengeschichten der Bibel (Ismael und Isaak, Jakob und Esau, Jakob und Laban, Lea und Rahel). Werden diese deutlichen Hinweise nicht schlicht unterschlagen? Oder ist Abraham schon der zweite, nicht erbberechtigte, rechtlose Sohn, der deshalb mit seinem Neffen Lot aus dem chaldäischen Ur emigriert, zum kleinviehzüchtenden Nomaden wird, aber auch in den Königen und Priestern seinesgleichen (aus gleichem Ursprung herkommend) erkennt? Welche Bedeutung haben dann die Geschichten mit Sara, Rebekka und Rahel?
In der Abraham-Geschichte ist das erste Privateigentum, der als Begräbnisstätte gekaufte Acker.
Unaufgeklärt bleibt bei Heinsohn immer noch der Ursprung und die Funktion des Tempels und des Opfers in der Geschichte der Geldentstehung und auf der anderen Seite der Grund für die Verstaatlichung der Münze (wann und durch wen?). Die Tempelbank hat wohl nur binnenwirtschaftliche Bedeutung, während die Verstaatlichung der Münze außenwirtschaftliche Bedeutung hat, mit dem Ursprung des Weltbegriffs, mit der Kolonisation, mit dem Eroberungstrieb zusammenhängt.
Welche Bedeutung haben überhaupt die Eroberungen durch Assur, durch Babylon, durch die Makedonier, durch Rom (die vier Reiche des Daniel), in welcher Beziehung stehen sie zu dieser ökonomischen Entwicklung? Ist Sumer das ökonomische Babylon? Läßt sich das prophetische und das apokalyptische Babylon in diesem Zusammenhang genauer bestimmen (wenn Sumer das ökonomische B. ist)?
Welche Bedeutung hat es für die neuere Geschichte, daß die Missionierung von der Peripherie, von Irland und Schottland, ausgeht, und die ökonomische Moderne von den Wikingern, den Normannen?
Wie sieht es mit der ökonomischen Struktur, den ökonomischen Grundlagen des Islam aus, mit der Nähe zum Nomadentum und zum Handel, bei gleichzeitigem Zinsverbot (Verhinderung der „Schuld-knechtschaft“)? Ist das Privateigentum, der beginnende Kapitalismus mit der Ausplünderung der Majorität durch die restlichen, verbleibenden Privateigentümer, hier ohne Grundlage geblieben? Gibt es im Islam Sklaverei, Lohnarbeit? Welchen ökonomischen Hintergrund hat die Scharia, das islamische Recht?
Wenn Gunnar Heinsohn seine ökonomischen Analysen nur auf die Beziehungen von agrarischen und städtischen Verhältnissen anwendet, den nomadischen Bereich (und mit ihm die Geschichte des Opfers) aber ausklammert, vernachlässigt, wird damit nicht der ganze Problembereich der Domestikation und Zucht der Tiere, des Fleischessens, ausgeklammert? Welche Bedeutung hat dann die Beschneidung und das Verbot, Schweinefleisch zu essen?
Zu Heinsohns „Schuldknechtschaft“: Schuld (das fehlende Privateigentum, die Armut) ist die gesellschaftliche Energiequelle der Geldwirtschaft, des Kapitalismus.
Während in der gesamten Vorgeschichte das Opfer irrationale Notwehr war (Entlastungsfunktion), hat erst das Christentum das Opfer verinnerlicht, instrumentalisiert und zum Herrschaftsmittel gemacht. -
04.06.91
„Es wäre ein, alle mühselige Untersuchungen, die es voraussetzt und erfordert, belohnendes Unternehmen, …“ (Zitat aus Niebuhrs Kopenhagener Manuskripten 1804/5, vgl. Wilfried Nippel: Griechen, Barbaren und „Wilde“, S. 84) Heute (so hat Nippel die Wendung dann auch „korrigiert“) würde es heißen „alle mühseligen Unternehmungen“. Die heute als veraltet empfundene Wendung drückt ein Sprachverständnis aus, das noch Widerstand gegen die Vergegenständlichung setzt. Die „mühselige Untersuchungen“ sind gleichsam noch die eigenen, nicht die, die ich anderen auferlege. In dem ergänzenden „n“ drückt sich die vergegenständlichende Kraft des Spätkapitalismus aus. Hier sind es Untersuchungen, die für andere mühselig sind, deren Mühsal mich nicht mehr affiziert, ebenso wenig wie die Arbeit, die in den Waren steckt, die ich billig einkaufe. Ohne „n“ sind die Untersuchungen ein den, der sie anstellt, „belohnendes Unternehmen“, mit „n“ streicht den Lohn der Professor ein, der die Arbeit seinen Assistenten überläßt (der sie dann als Bevorzugung, als „Gnade“ erfährt; s.u.).
Lassen sich Unsicherheiten beim Gebrauch des Dativ/Genitiv aus ähnlichen Ursachen herleiten: bei trotz und wegen, oder bei dem „einer Sache Herr werden“ (die Verwendung des Dativ verwandelt Herrschaft in ein Geschenk, macht die Vergewaltigung zur Gnade); hängt es auch damit zusammen, wenn im Femininum (im Deutschen wie im Lateinischen) Dativ und Genitiv (Hingabe und Herrschaft, aber auch Nominativ und Akkusativ: die Subsumtion des Nominativ unter die Anklage wie beim Neutrum) sich nicht unterscheiden lassen? Zusammenhang mit der Teilidentität der dritten Person Singular femininum mit der dritten Person Plural (sie): das Femininum nicht voll individualisiert?
Im Lateinischen ist der Akkusativ masculinum gleich dem Nominativ neutrum. -
02.06.91
Die kirchliche Sexualmoral verletzt genau das, was sie schützen will: die Scham. Grund ist der Säkularisations- und Objektivationsprozeß, der die Grenzen der Scham verrückt, die Intimsphäre gleichsam von innen aufgezehrt hat. Das „Wer von euch ohne Schuld ist“ ist erst von Adornos „Der Ankläger hat immer unrecht“ wieder eingeholt worden. Wie verhält sich die Scham, die das „Im Angesicht“ schützt, zu der Scham, mit der sich das „Hinter dem Rücken“ absichert?
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01.06.91
Gibt es einen Zusammenhang zwischen
– Gen 218ff: Benennung der Tiere durch Adam (es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, aber nachdem er sie benannt hatte, fand er keine Hilfe für sich; danach Erschaffung von Eva),
– Dan 430: Nebukadnezzar wird zum Tier, „aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen“,
– Koh 316ff: Der Mensch ist eigentlich nur ein Tier,
– Sach 114f: Hüte die Schafe, die geschlachtet werden sollen. Ihre Käufer töten sie, ohne es zu büßen. ihre Verkäufer sagen: Gepriesen sei der Herr; denn ich bin reich geworden. Ihre Hirten haben kein Mitleid mit ihnen. (Kanaanäer=Händler, Philister=Liebhaber der Ischtar (Astarte), Menschenopfer: Zusammenhang von Opfer, Matriarchat und Tauschprinzip?),
– Zef 111: Jammert ihr Bewohner der Senke! Denn das ganze Krämervolk verstummt, alle Geldwechsler sind ausgerottet (vgl. Mt 2112ff: Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel),
– Off 1317f: Kaufen oder verkaufen kann nur, wer das Zeichen des Tieres trägt, den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens: Hier braucht es Weisheit und Verstand?
Babel: vom Turmbau über die Propheten, Petrusbrief bis zur Apokalypse. -
30.05.91
Gegen die rabbinische Lehre vom bösen Trieb steht im NT das Gebot der Nachfolge, der Übernahme der Schuld der Welt; weiterhin: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“; ebenso das Gebot der Feindesliebe; aber das ganze zusammen mit dem Verbot, das Unkraut vor der Zeit auszureißen.
Grund dieser Differenz ist der Umkehrpunkt, der in der Zeitenwende erreicht ist: das römische Imperium, die hierdurch im Ansatz realisierte Einheit der Welt, die zur Folge hat, daß es diese unmittelbare Beziehung nicht mehr gibt, daß alles vermittelt ist, daß in die Begriffe des Individuums, der Person, dann des Subjekts und des Objekts, die Geschichte der ganzen Welt mit eingeht. Die Beziehung zum Anderen, zum Objekt ist durch die ganze Weltgeschichte, durch die Struktur der Gesellschaft vermittelt (und diese Vermittlung heißt in der Schrift „Babel“?). Hier liegt der Grund für die leichte Veschiebung vom Konzept des bösen Triebs zu den utopischen, scheinbar unrealisierbaren moralischen Forderungen des Christentums, aber das mit der Folge, daß diese utopischen moralischen Forderungen dann wirklich zur Utopie verkommen sind, während in der Praxis und im Dogma die Rückkehr erfolgte zu jener Pseudo-Unmittelbarkeit, die den Inhalt vernichtet hat und durch den Schein einer Erlösung ohne Umkehr absolut böse geworden ist.
Horkheimers Bemerkung, daß es keine menschenfreundlichere Religion gibt, als das Christentum, aber auch keine, in deren Namen so schlimme Untaten begangen worden sind, hat genau hier ihren Grund.
Aber was ist dann im Islam passiert?
Der Begriff der Umkehr hat einen moralischen und einen zeitlichen Sinn. Umkehr leitet ihre Notwendigkeit daraus ab, daß im historischen Prozeß die vergangene Zukunft und die zukünftige Vergangenheit korrelativ immer weiter anwachsen. Wenn die Vergangenheit die Zukunft endgültig überformt: das wäre die Hölle. Die Gemeinheit ist genau die prophylaktische und präzise Anpassung an diese Hölle (deshalb ist sie leichter begründbar als das Gutsein): das Herrendenken.
Zum Zeitsinn der Umkehr: Das verinnerlichte Opfer ist das Opfer der Erinnerung. Und das ist der Preis für das Bewußtsein, wie weit wir es doch gebracht haben, der Preis für die installierte und kaum noch wegzuarbeitende generelle Empörung, die die westliche Zivilisation insgesamt mittlerweile kennzeichnet.
Der Objektbegriff ist der Korken auf der Flasche, in die wir den Geist eingesperrt haben.
Ist Hiob ein Araber; wer sind dann die drei Freunde des Hiob?
Die gesamte Physik ist eine Veranstaltung zur Erhaltung des Inertialsystems.
Ungeklärt ist eigentlich immer noch das Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit zur Gravitation.
Den ruhenden Raum, der die Dinge nicht affiziert, in dem sie unberührt sich aufhalten, gibt es nicht. Genau das ist die Gewalt die den Dingen angetan wird, wenn wir sie „hinter ihrem Rücken“, im Verhältnis der „reinen Äußerlichkeit“, unter „Laborbedingungen“ erforschen.
Zur speziellen Relativitätstheorie Einsteins: die Zeitdilatation und die mit ihr systematisch verbundene Längenkontraktion sind richtungsbezogen, nicht objektbezogen.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit macht das Moment der Gewalt kenntlich, das im Inertialsystem steckt. Dagegen hat Einstein Zeit seines Lebens aufbegehrt, während die, die aus der Quantenphysik glaubten, philosphischen Honig schlecken zu können, in Wirklichkeit nur die Ideologie zur Anpassung an die Gewalt geliefert haben (und zum Teil aus diesem Grund fromm geworden sind: religiös, ohne die Last der Umkehr auf sich nehmen zu müssen).
Strukturalismus und Dekonstruktivismus haben ihr Vorbild in der protestantischen Bibelkritik und Exegese. Das, was diese mit biblischen Texten anstellt, haben die Franzosen dann generell auf Literaturkritik, Schriftkritik, Sprachkritik ausgedehnt.
Wichtiger als die Suchen nach Autor, Quellenschriften, Sinn scheint mir die Untersuchung des Sprachgestus, z.B. der Wendung „Spruch des Herrn“ oder dessen, was die Exegeten den poetischen Teil im Jeremias nennen: eine Sprachgestalt, in der der Autor sich gleichsam kleinmacht, in der er fast nicht mehr vorkommt, während in den Prosatexten bereits moderne Subjektivität sich ankündigt, der Autor sozusagen als transzendentales Subjekt zu diesem Text dazugehört.
Die heutige Neigung, Prophetie als „gefährlichen Text“ zu begreifen, müßte um ein geringes korrigiert werden, um der Wahrheit näher zu kommen. Gefährlich ist nicht die Prophetie, sondern ihre Nichtwahrnehmung, die dann zu Folgen wie Auschwitz führt.
Bileams Esel: Welche Bewandnis hat es überhaupt mit dem Esel in der Schrift, z.B. damit, daß der Messias auf einem Esel nach Jerusalem hereinreitet?
Die historisch-kritische Untersuchung der Bibel ist als deren Neutralisierung tendentiell antisemitisch. Der Gegenstand der Bibelkritik, das was durch Bibelkritik freigelegt werden soll, sollte nicht das Unvermögen, sondern die Kraft des biblischen Autors sein.
Das Gebot der Feindesliebe wird durch zugrundegelegtes Harmoniebedürfnis nicht erfüllt, sondern unterwandert. Die Aufhebung der Feindschaft gibt es nicht, wer sie anstrebt, intendiert die Vernichtung des Feindes.
Welche Aggressionen in der Exkulpierungssucht schlummern, läßt sich an manchen neudeutschen Bewegungen studieren.
Am Beispiel des Kruzifixes ließe sich leicht die Bedeutung des Bilderverbots (und die Folgen seiner Übertretung) nachweisen.
Die christliche Tradition dringt noch durch in der Politik unserer Bekenntnis-Parteien, die die Bekenntnislogik (z.B. das Personalisierungssyndrom) nutzen, um dahinter ihre dann nicht mehr kritisierbare Politik zu treiben.
Der transzendentale Idealismus ist die babylonische Gefangenschaft der Theologie (und die negative Dialektik ist ein Äquivalent des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit; sie verhält sich zur Hegelschen Dialektik wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindkeit zum begrifflichen Kontinuum der Physik).
Die Sonne beherrscht den Tag, der Mond die Nacht, aber die Erde bewegt sich (mit den Planeten) um die Sonne, der Mond um die Erde. Stellenwert von Wachen, Schlaf und Traum?
Der Logos und die Vergöttlichung des Opfers (oder das Opfer und die Sprache): Die benennde Kraft der Sprache ist allein wiederzugewinnen im Rahmen der Nachfolge; jeder Versuch, das im Rahmen einer Opfertheologie zu instrumentalisieren, führt in die Dialektik des Richten und Gerichtet-Werdens. Das instrumentalisierte Opfer verhext die Sprache, das reflektierte Opfer erneuert sie: Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ war der Systemgrund der Prophetie.
Was ist der Unterschied zwischen den Pluralformen Elohim, Haschamajim und Sefirot, Sabaot?
Die sogenannten Anthropomorphismen in der Schrift, die im Übrigen dazu ja erst vor dem Hintergrund des „naturwissenschaftlichen Weltbildes“ geworden sind, sind die eigentliche Erfahrungsquelle der Theologie. Wer diese Erfahrungsquelle verschüttet, läßt die Theologie verdorren, schickt sie in die Wüste, zu der die Welt geworden ist.
Hat Velikovskys Venus-Katastrophen-Theorie einen ähnlichen Stellenwert und eine ähnliche Bedeutung wie Freuds psychoanalytischer Mythos von der Brüderhorde und der Tötung des Urvaters?
Das Problem der Gemeinheit in der Justiz ist aus beweislogischen Gründen nicht aufhebbar.
Stammheim und Velikovskys Venus-Katastrophen-Theorie: Die Selbstmorde in Stammheim waren vielleicht tatsächlich Selbstmorde; aber gleichwohl waren sie auch Morde: induziert (und auch zu verantworten) durch das Verhalten des Staates, durch die Art, wie die Verfolgung, die Ermittlungen und die Verfahren durchgeführt worden sind. Die Katastrophen-Theorie erinnert an die Mord-Theorie insofern, als beide nicht nur Tatsachen-Fragen, sondern auch Schuldfragen beantworten sollen; beide dienen auch der Entlastung, der Exkulpation (und es gibt kein beweglicheres Element als die Schuld).
Kommt nicht bei Velikovsky und bei Heinsohn (in Abhängigkeit von der Geschichte der Ökonomie) die Rechtsgeschichte zu kurz? Hängt das zusammen mit der Unfähigkeit, das Katastrophische, die Einbrüche in der Gesellschaftsgeschichte zu begreifen. Kriege und andere Katastrophen sind oft nur Folgen von gesellschaftlichen Gewichts- und Gesteinsverschiebungen, von Umschichtungen, Verspannungen, die in normalen, „friedlichen“ Zeiten eingetreten sind, aber mit den damals zur Verfügung stehenden rationalen Methoden nicht zu bewältigen waren.
Gilt das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ auch für die gesamte nachfolgende Täter-Gemeinde: die Kirche?
Zu den grammatischen Strukturen der alten Sprachen: Gab es im Griechischen auch einen Vokativ? Und im Hebräischen?
Der „Aufsatz“, diese Einübung in Heuchelei, ist etwas für Pfarrer, Richter und Lehrer. Themen wie „Der Wald im Spätherbst“ oder „Mein schönstes Ferienerlebnis“ waren Aufgaben, in denen der Schüler zeigen sollte, ob er gelernt hatte „sich auszudrücken“. Er mußte fähig sein, sich selbst ohne reale Objektvorgabe auszuquetschen. Und es waren die gleichen Lehrer, die dann am Ende mit der Frage „Was wollte der Dichter damit sagen“ jede Beziehung zur Literatur im Ansatz zerstörten. Richter, die die Anwendung der Gemeinheit narrensicher machen, Pfarrer, die den Atheismus unter dem Vorwand der Religion lehren, und Lehrer, die die Bildung so substituieren, daß sie danach nicht mehr vorkommt: das sind wohl im Augenblick die perversesten Berufe.
Ulrich Sonnemanns „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, das die Sachverhalte sehr präzise beschrieben hat, ist möglicherweise deshalb bei den Lesern nicht angekommen, weil der Systempunkt, daß nämlich Gemeinheit kein strafrechtlicher, sondern nur ein theologischer Tatbestand ist, nicht deutlich genug angesprochen wurde.
Sonnemanns Aufforderung, mit den Ohren zu denken, wäre dahin zu ergänzen: und mit den Augen zu hören (in den Dingen zu lesen). Das würde etwas wie ein mimetisches Sehen voraussetzen und mit einschließen, etwas, das bisher nur einmal in der Geschichte aufgetreten ist, in der Frühphase der Entwicklung der Schrift. Wie verhält sich die Geschichte der Schrift zu den kulturellen und politischen Entwicklungen der Völker: Welcher Phase gehört die arabische Schrift an; was drückt sich in der chinesischen, in der indischen, in der ägyptischen Schrift aus; wie verhalten sich Keilschrift und Buchstabenschrift, welche Schrift hatten die Babylonier? Gibt es Objektschriften (China, Ägypten: Vorrang der Substantive), Prädikatschriften (Indien, Arabien: Vorrang der Verben)? Hängt die Entwicklung der Buchstabenschrift mit dem Bilderverbot zusammen, welche Auswirkung hatte die Einführung der Majuskel in der deutschen Schrift?
Wenn die Bibel das Wort Gottes ist, dann kann sie nicht nur auf Vergangenheit sich beziehen, dann muß sie eine Gegenwartsbedeutung haben. Konsequenz: das typologische Schriftverständnis?
Drückt in der Unterscheidung zwischen starker und schwacher Deklination sich der Unterschied zwischen dem Subjekt und seiner Vergegenständlichung, und im Verfall der schwachen Deklination (in Verbindung mit dem Verfall des Konjunktivs) eine Auswirkung des Objektivationsprozesses aus, ein Verfall des Humanen, eine Folge des „Hinter-dem-Rücken-Redens“, des Geschwätzes?
Was ist an Spenglers Hinweis, daß die Wikinger, die Normannen das Rechnungswesen und die Buchhaltung eingeführt haben? (etwa S. 1010/20?) -
23.05.91
Zu Siegfried Herrmann, Jeremias, Darmstadt 1990: Schwer erträglich der Objektivitätsanspruch, der soweit geht, das der Autor sich selbst in der dritten Person zitiert. Damit scheint es zusammenzuhängen, daß
– die „Quellen“-Suche einfach nach dem Eindruck aussortiert (und der deuteronomi(sti)schen Redaktion zuordnet), was dem eigenen Prophetieverständnis nicht entspricht;
– das Prophetie-Verständnis selber sich (positivistisch) an den Klischees „Heils-“ und „Unheilsprophetie“ orientiert, hierbei tendentiell die „Heilsprophetie“ den „falschen Propheten“ zuweist, ohne die zentrale Bedeutung der Umkehr zu sehen, die wörtlich zu verstehen ist: durch Umkehr wird Unheilsprophetie zu Heilsprophetie, beide sind zwei Seiten der gleichen Sache; und falsche Propheten sind jene, die „Heil“ ohne Umkehr versprechen.
– Deutlicher als „Heil“ und „Unheil“, die christlichem (und dann faschistischem) Sprach- und Denkgebrauch entsprechen, wären ohnehin die biblischen Begriffe Gericht und Barmherzigkeit: Das Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die unbarmherzige Welt (über das Weltgericht).
– Unerträglich auch die unvermittelte (an preußisch-deutsche Traditionen der Geschichtsschreibung erinnernde) Zuordnung des Prophetenworts zu frühgeschichtlichen Kriegsereignissen mit der Tendenz, Unheil mit Niederlage und Heil mit Sieg gleichzusetzen: so als hätte das Hören aufs Prophetenwort die Niederlage, Unterwerfung und Vertreibung, das Exil, verhindern können. Prophetie ist Herrschaftskritik, nicht Kritik der Herrschaft des Feindes. (Die hämische Reaktion dessen, der den Besiegten nachträglich an seine – vom Propheten vorhergesagten – Fehler erinnert, entstammt der Tradition dieses Prophetieverständnisses).
– Geschichtsschreibung als Einfühlung in die, die seit je gesiegt haben, verfehlt die historische Wasserscheide der Prophetie von vornherein.
Unterirdisch scheint hiermit auch Bubers Schrift- und Prophetieverständnis zusammenzuhängen, wie es u.a. in seiner archaisierenden Sprache sich zeigt. Verwaltungssprache wird nicht dadurch „echter“, daß sie auf frühfeudale Verhältnisse rekurriert, gleichsam durch heroische Patina sich zu legitimieren sucht, Geistesgegenwart durch hierarchisches, entmündigendes Realitätsverständnis (Künden, Weisen, Walten), zu dem dann das existentialistische „Geschehen“ paßt: durch den Rückgriff auf vorzivilisatorische Verhältnisse ersetzt (durch die man glaubt, dem antisemitischen Gesetzesverständnis sich entziehen zu können, während man zugleich gesetzlose Zustände, die dem Antisemitismus zugute kommen, befördert).
Zu Jeremia „der Nacken und nicht das Gesicht“ (vgl. S. Herrmann, S. 95): Präzisierung des „hinter dem Rücken“; der Nacken beugt sich vor den Herren; er trägt die Last, das Joch (beugt sich unter der Last der Schuld). Vgl. u.a. Jer 1719ff: die Sabbatheiligung, 271ff: Zeichenhandlung vom Joch u.ö.
Kann es sein, daß man die – aus Deuterojesaias Gottesknecht-Liedern stammende – Vorstellung vom Sühneleiden des Gerechten (Jes 53) auf ihren Realgehalt zurückführen, daß man die christliche Form ihrer Adaptation gleichsam umkehren muß, um ihre Wahrheit zu begreifen; man darf sie nicht aus der Sicht des Volkes, sondern aus der des Gottesknechts: nicht teleologisch, sondern kausal interpretieren: als erstes Zeugnis jenes Mechanismus, der dazu führt, daß in der Tat der Gerechte das erste Opfer der Gemeinheit ist, die im realen historischen Prozeß sich durchsetzt, wenn die Gottesfurcht verschwindet und die Lehre keinen Platz mehr findet. Falsch (dem Nachfolgegebot widersprechend) ist auf jeden Fall ihre Umformung zur Opfertheologie, die durch Instrumentalisierung das progressive Verschwinden der Gottesfurcht und der Lehre verursacht und am Ende beschleunigt hat. (Vgl. aber dagegen Hebr 1010 u.a.)
Die Bemerkung aus der DdA, wonach die Distanz zum Objekt vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, sowie die Konsequenz, die sich aus der mittelalterlichen Interpretation der biblischen Dornen und Disteln durch die Wormser Chassidim ergibt, ist ohne eine kritische Naturphilosophie nicht zu halten. -
21.05.91
Zur Systemlogik des Bekenntnisses gehört die Heuchelei: daß die, die das Bekenntnis fordern, selber nicht bereit sind, sich daran zu halten. Bekenntnisse sind Bekenntnisse für andere. Der Bekenntniszwang nimmt zu mit der Ohnmacht: deshalb ist er innerhalb der Linken stärker als bei den Rechten. Die CDU ist eine Bekenntnis-Partei, weil sie eigentlich kein Bekenntnis mehr braucht. Die Verflechtung von politischer und wirtschaftlicher Macht enthebt jene, die diese Macht in Händen halten, von jeder Verpflichtung (vgl. die Papstgeschichte des frühen Mittelalters). Der Bekenntniszwang wird nur in Gefahrensituationen aktuell (in Situationen, in denen der instrumentelle Gebrauch geboten ist): hier wird das Bekenntnis wieder zur Waffe, zum Mittel der Diskriminierung, der taktischen oder strategischen Nutzung des Feindbildes.
Gott gründete die Erde und spannte den Himmel auf: hat er den Himmel mit den Sternen am Firmament befestigt? Und Paulus war ein Zeltmacher. – Gegründet werden Städte, Staaten, Unternehmungen, Firmen, Institutionen; Grund sind teleologische Vorstellungen, Zwecke, Ziele, Ideen als Ursachen. Gründen ist eine technische Organisation von Mitteln zu bestimmten, vorgegebenen Zwecken: Zusammenhang mit der Selbsterhaltung, dem Realitätsprinzip.
Prophetisches Bilder-Lexikon: die Erde gründen, den Himmel aufspannen, Dornen und Disteln, den Geist ausgießen, Tiere, Völker, Bäume etc.
Bezieht sich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf den ganzen Raum oder (als Maß einer Bewegung im Raum) jeweils nur auf eine bestimmte Richtung des Raumes: sind die Längenkontraktion und die Zeitdilatation richtungsabhängig (auf den Bewegungssinn bezogen)? Bedeutet das, daß die Beziehung der Zeit zum Raum nicht mehr diesen Totalitätscharakter hat, sondern gleichsam individualisierend vorgestellt werden muß? Was ist hiernach noch gleichzeitig? Ist nur noch der „Lichtstrahl von innen“ das Moment der Gegenwart im Raum, und die Gleichzeitigkeit (als subjektiver, mit dem Inertialsystem als objektiv gesetzter Schein) hiervon zu unterscheiden? Die Lichtgeschwindigkeit gehört zu einem Vorstellungssystem, in dem der Lichtstrahl gleichsam von außen gesehen, vergegenständlicht wird, und erst in diesem Zusammenhang als eine zeitlich bestimmte Bewegung erscheint. (Falsche Interpretation der Zeitdilatation: sie kann nie auf ein ganzes Objekt bezogen werden. Man altert nicht langsamer, wenn man mit einer Geschwindigkeit nahe der Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall fliegt.)
Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht das Maß einer Objektbewegung im Raum, sondern das einer Raumbewegung im Objekt.
Verletzen die „Schwarzen Löcher“ nicht das Gesetz der Energie-Erhaltung?
Schlaf: das Untertauchen ins Gegenständliche, Subjektlose; deshalb: Wachet und betet. Die Physik ist der Traum des Verstandes, die Theologie das Aufwachen.
Paulus heißt auch Saul; kam nicht David nach Saul?
Heinsohn weist auf den astronomischen Ursprung des Pentagramm hin: auf den Zusammenhang mit der Planetenbahn der Venus, die in genau acht Jahren fünfmal die Sonne umkreist, bezogen auf die Erde demnach ein Pentagramm beschreibt. Das Pentagramm ist der Drudenfuß: gibt es dazu eine keltische Erklärung?
Gemeinheit ist kein psychologischer, sondern ein objektiver Begriff; oder genauer: ein Begriff für einen objektivitätsbegründenden Sachverhalt. Die Erfahrung der Gemeinheit läßt drei Reaktionen zu:
– man wird selber gemein;
– man wird depressiv;
– man weigert sich, auch gemein zu werden.
In der dritten Verleugnung wird die Kirche selber zur Schule der Gemeinheit. Es ist die Phase der Selbstverfluchung.
Aufklärung beruht auf der Verinnerlichung des Opfers und der Vergeistigung der Idololatrie.
Abraham (seine Nachkommenschaft ist so groß wie die Zahl der Sterne am Firmament), Isaak und Jakob und die zwölf Stämme Israels: der „Schrecken Isaaks“ („Er lacht“), das Lachen Abrahams und Saras, Jakob: „Gott schützt“ und „Er betrügt“.
Zu Jakobs Kampf mit dem Engel: Gibt es eine andere Stelle, an der die Hüfte vorkommt? Hat die Hüfte etwas mit der Lende oder mit der Rippe zu tun?
In welcher Beziehung stehen die zwölf Apostel zu den zwölf Stämmen Israels, den zwölf Söhnen Jakobs (den zwölf Tierkreiszeichen)? An welcher Stelle stehen respektive Petrus, Johannes, Judas?
Die Sonne herrscht über den Tag, der Mond über die Nacht.
Zu den frühgeschichtlichen „Naturkatastrophen“ vgl. die Geschichte von den Urkönigen (Könige von Edom) in der Kabbalah?
Zu den Königen von Edom: Hatte jeder eine Stadt gegründet? Wieviel Städte waren es?
Woher stammen die Galiläer; gibt es einen Zusammenhang mit dem Stamme Dan?
Steiner, S. 262; Kunst als Gegenschöpfung, S. 265; S. 268
Das objektbezogene Lachen ist anders als das befreiende Lachen (ebenso das feindbildbezogene Zwangs-Bekenntnis anders als das befreiende Bekenntnis).
Zwischen dem An-sich und dem Für-uns ist ein Bruch, der sich dialektisch nicht auflösen läßt. Das An-sich wird in Dialektik hereingezogen durch das entfremdete Subjekt-Objekt: als ein Für-uns.
Durch das „es gibt“ wird die Frage „Gibt es Gott“ blasphemisch. Für dieses Es gibt es keinen Gott. Dieses Es ist Statthalter der Totalitätsbegriff Welt und Natur, die sich dem historischen Prozeß verdanken, die Subjektivität zum Ursprung haben, deshalb atheistisch sind.
Zur Genesis des Objektbegriffs: Die Billardkugel, die Erde, die Sterne, die Sonne, das Opfer, das Objekt des Lachens, das Schicksal, das Urteil, das Richten, der Begriff/das Urteil/der Schluß, der Säkularisationsprozeß, die Profangeschichte: Herrschaftsgeschichte und Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, Subjekt und Empörung, Objekt und Instrumentalisierung, Mittel und Zweck, Grund und Begründetes.
Es ist der zugleich festgehaltene und geopferte Objektbegriff, der die Hegelsche Logik begründet. Die Verinnerlichung des Opfers hat ihr gegenständliches Korrelat im Opfer des Objekts: im Antisemitismus und in der Frauenfeindschaft. Geopfert wird die Klage (Rahel weint um ihre Kinder) und die Barmherzigkeit.
Jeder Mensch ist Ursprung eines Inertialsystems: Zusammmenhang mit den Fixsternen?
Spr 1519: Der Weg der Faulen (der Trägen?) ist wie ein Dornengestrüpp, …: Kritik des Inertialsystems.
Zur Mechanik, zur Realitätserfahrung am Widerstand des Objekts: der Boden ist der Widerstand gegen den Fall (Blut und Boden).
Zur Dialektik der Scham: Wer selber vor Scham sich verstecken (in den Boden versinken) möchte, respektiert nicht mehr die Scham der anderen (nimmt sie nicht mehr wahr?). Zusammenhang mit der Dialektik der Schuld.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie