• 16.05.91

    Habermas‘ Begriff eines gewaltfreien Diskurses verkennt, daß der gewaltfreie Diskurs gegen Gemeinheit unwirksam ist, daß Gemeinheit sich nicht rational auflösen, widerlegen läßt. Gleichwohl ist der Rückgriff auf Gewalt falsch, vielmehr ist in die Diskussion des Zusammenhangs von Gewalt und Vernunft die Erinnerung an Theologie, auch an die Idee einer Änderung der Natur, mit aufzunehmen. Es gibt einen Naturgrund der Gewalt (auch der gesellschaftlichen Gewalt), der nur im Kontext der Reflexion eines die Natur mit einschließenden Schuldzusammenhangs sich begreifen läßt. Nur so ist Adornos Idee eines Eingedenkens der Natur im Subjekt zu begründen, nur so läßt sie sich in Richtung Wahrheit entfalten.
    Gemeinheit bleibt unangreifbar (gleichsam erkenntnistheoretisch abgesichert), solange die Geltung des naturwissenschaftlichen Erkenntnismodell unreflektiert hingenommen wird, solange es nicht gelingt, die Legitimation des Hinter-dem Rücken-Denkens durch die Naturwissenschaft durch Reflexion aufzulösen: Nur so ist der Bann zu brechen.
    Das Studium der Zeitgeschichte (des Faschismus, aber auch des Stalinismus und seiner sozialistischen Varianten), insbesondere der Auschwitz-Zeugen, des Antisemitismus, der stalinistischen Schauprozesse und des „Archipel Gulag“, aber auch des „Terrorismus“-Problems, ist das Studium der Gemeinheit: des Schattens des vergesellschafteten Herrendenkens.

  • 14.05.91

    „Die Astrophysik ist ihrem Wesen nach eine historische Wissenschaft und scheint doch allen anderen historischen Wissenschaften etwas voraus zu haben: Sie kann Vergangenheit im wörtlichen Sinne sichtbar machen. Denn je weiter das gesehene Objekt am Himmel von der Erde entfernt ist, desto älter ist auch die empfangene Lichtinformation.“ (Christian Blöss: Planeten Götter Katastrophen, Frankfurt 1991, S. 12) Der Satz enthält mehrere Ungereimtheiten:
    – Ich sehe die Sterne ebenso wie die täglichen Dinge „an ihrem Ort“, d.h. in einer (räumlichen) Entfernung vom Auge, die ich dann auf andere Weise mehr oder weniger genau bestimmen kann. Die „Vergangenheit“ des gesehenen Objekts (des Sterns) ist ein physikalischer, kein historischer Sachverhalt. Auch die Sternenwelt ist, wenn ich sie sehe, mir „gegenwärtig“.
    – Die Subjektivierung (und Entrealisierung) dieser „Gegenwart“, die Vorstellung, daß das gegenständliche Sehen (zusammen mit den sinnlichen Qualitäten der Dinge, den „sekundären Sinnesqualitäten“) ein genetisch sowie durch Lernen und Gewöhnung produzierter Schein sei, ist in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung begründet, in der kopernikanischen Wende, im mechanischen Objektbegriff und schließlich im Nachweis der endlichen Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichts.
    – „Objektiv“ ist die „empfangene Lichtinformation“, eine Konstellation und Abfolge physikalischer Prozesse im Auge. Aber diese Prozesse im Auge sind an sich chaotisch: punktuelle, nicht zusammenhängende Einwirkungen auf die Netzhaut, ohne jeden Informationsgehalt über Richtung und Entfernung ihres Ursprungs (die Photonen sind ohne Erinnerung an ihren Ursprung); auch das „Bild“ auf der Netzhaut ist physikalisch keines, sondern setzt eben jenes gegenständliche Sehen (und die daraus abgeleitete Einbildungs- und Vorstellungskraft) bereits voraus, das es erklären soll.
    – Auf der Grundlage der physikalischen Begriffe, und d.h. im Rahmen des Inertialsystems, des Referenzsystems, auf das alle physikalischen Erscheinungen und Begriffe sich beziehen, ist das gegenständliche Sehen (die sinnliche Gegenwart der Dinge im Raume) nicht rekonstruierbar.
    – Stichworte: Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, Änderung des Inertialsystems, Konstituierung des „Lichts“ zusammen mit Kritik des vergegenständlichten Raum-Zeit-Systems, Änderung des Zusammenhangs und des Stellenwerts der Physik, ihrer Beziehung zum Objekt, Freisetzung einer objektiven sinnlichen Welt und Grenze der Instrumentalisierung, „hinter dem Rücken“ (Objektivationsprozeß) Grund der Instrumentalisierung, Zusammenhang von Instrumentalisierung, Herrschafts-, Schuld-und Verblendungszusammenhang: Auflösung des Banns, der auf der Natur lastet: Naturbegriff bezeichnet diesen Bann (Natur- und Weltbegriff).
    – Naturphilosophische Konsequenzen: Kritik des Raumbegriffs (subjektive Form der Anschauung, Gleichwertigkeit der Dimensionen nur im Inertialsystem und als subjektives Apriori), Gravitationsgesetz (macht Ungleichnamiges gleichnamig), Kosmologie.

  • 13.05.91

    Die Logik des Bekenntnisses beherrscht auch den Erkenntnisfortschritt: Das Objekt ist der Feind, das Wissen das Denkmal des Sieges; gewonnen wird das Wissen in der Auseinandersetzung mit den Häresien: den veralteten, überwundenen Anschauungen (in jeder Häresie tritt der wahren Lehre erneut ein noch nicht überwundenes Stück Heidentum entgegen). Der Materialismus repräsentiert die ungetaufte, noch nicht überwundene rohe Natur: das, was unten ist und da auch hingehört. Universität ist ein Zielbegriff und ein Kampfruf, die Wissenschaft die Phalanx, die ruhig, gewaltig und unwiderstehlich fortschreitet. Die widerlegten, überwundenen Gedankenmassen haben ihre Begräbnisstätten in den Bibliotheken gefunden; an die Möglichkeit einer Auferstehung denkt niemand.
    Hat der Satz: „Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag“ auch erkenntniskritische Bedeutung? Und ist nicht der Sinn hierfür durch die Musik geschärft worden: durch die Überlagerung verschiedener Zeitstrukturen? Und ist hier nicht die Klassik ein -wie auch immer ambivalenter – Fortschritt gegenüber der Polyphonie Bachs? Werden hier nicht in die Musik Formstrukturen eingearbeitet, die sich dann in der Musik gegen die Musik (in Richtung Sprache?) abarbeiten? Eine Geschichte der Musik nach Bach (bis Schönberg) müßte diesen Prozeß darstellen. Bach hat gleichsam das Gravitationsgesetz in der Musik entdeckt und ausformuliert, Schönberg das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Das Movens in dieser Geschichte ist mit denm Hegelschen Absoluten verwandt: mit dem Gesetz der Profangeschichte: von der brutalen Form der Selbsterhaltung bis zu den sublimsten Formen des Glücksverlangens.
    Das Gefühl, dessen Begriff das Äquivalent des mechanischen Stoßes, das Tastempfinden, wie auch die sublimsten Erfahrungen umfaßt, ist nicht nur der Gegensatz zur Vernunft, zur Logik, sondern es hat seine eigene Logik, die an der der Vernunft partizipiert. Das Gefühl ist die brennende (aber nicht verbrennende) Innenerfahrung der Profangeschichte; durch die Bindung an die Profangeschichte hat es seinen pathologischen Zug, der aber gleichzeitig der Widerstand ist, an dem es sich abarbeitet. Das Gefühl ist das Äquivalent des materiellen Trägheitsmoments im Subjekt. Und die Physik, vom Gravitationsgesetz über die Thermo- und Elektrodynamik bis zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, zum Planckschen Strahlungsgesetz und zur Quantenmechanik, beschreibt nicht nur die Schicksale des Trägheitsbegriffs, sondern ebensosehr die des Gefühls. Das Gefühl konstituiert sich in der Spannung zwischen Welt und Natur (als subjektiver Reflex der entfremdeten, vergegenständlichten Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur). Sein Ursprung licht (sic, B.H.) die Geschichte der politischen Physik (nicht Ökonomie).
    Der Säkularisationsprozeß hat seine Grenze darin, daß in seinem blinden Fleck die christlichen Ursprünge versteckt sind (blind herrschen und zugleich unerkennbar geworden sind). Diese verdrängten christlichen Ursprünge aber sind nur erkenntnis- und bewußtseinsfähig im Rahmen einer politischen Physik. Sie sind aufklärungsfähig nur dann, wenn der Bann, der von der Physik auf die Politik ausstrahlt und übergreift, gelöst wird. (Titel-Vorschlag: Probleme des Säkularisationsprozesses oder Kritik der politischen Physik. – Kritik der politischen Physik ist Kritik der Ästhetik, Kritik des Weltbegriffs; in der Theologie: Kritik des Bekenntnisbegriffs. Hintergrund ist der Zusammenhang der transzendentalen Ästhetik und der transzendentalen Logik)
    Typos meiner Waldspaziergänge: das Brüten des Geistes über den Wassern (in Verbindung mit dem „abgestiegen zur Hölle“).
    Über den Gegenstandsbegriff hat das Subjekt alle Objekte in den Strudel seines Falls mit hereingezogen.
    Der verdinglichte Begriff des Unbewußten, der Zwang, das Unbewußte im Rahmen einer psychologischen Topographie im Subjekt zu lokalisieren, rührt her vom Telos der Psychoanalyse, von dem Ziel, das Subjekt lebenstüchtig zu machen, es ans herrschende Realitätsprinzip anzupassen, es arbeits- und genußfähig zu machen. Mit der Anerkennung des Realitätsprinzips lädt Freud dem Subjekt die ganze Last der Vergangenheit auf; die Hinnahme der Vergangenheit ist die Grundlage des Realitätsprinzips. Aber mit der Anamnese, mit der Erinnerungsarbeit, stellt Freud auch die Mittel bereit, diese Vergangenheit zu durchschauen; wenn die Anamnese entdomestiziert (nicht selber wieder dem Realitätsprinzip unterworfen) wird, vermag sie vielleicht auch diese Prämisse des Freudschen Konstrukts zu relativieren.
    Das Subjekt-Objekt des Rechts ist die Gemeinheit: deshalb ist die Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts.
    Im Gravitationsgesetz und in der Geschichte der Optik und Elektrodynamik ist es der Physik gelungen, die Distanz zum Objekt ins System zu integrieren, so das System überhaupt erst zu konstituieren. Durch diese Einbindung aber ist das System zugleich gesprengt worden (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit).
    Falsch wäre es, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf das Gravitationsgesetz bloß anwenden zu wollen, wichtig wäre es, die Identität zu begreifen.
    Velikowsky und seine Nachfolger, die Vertreter einer katastrophischen Geschichtstheorie, bleiben in dem gleichen Konkretismus stecken, der auch die gesamte Ökologiebewegung beherrscht. Ein nicht konkretistischer Objektivitätsbegriff würde allerdings auch eine Kritik der Physik (Kritik des Inertialsystems) voraussetzen, die es bis heute noch nicht gibt.
    Steckt in der Masse-Energie-Äquivalenz (E = m.c2) der Schlüssel für die Kritik und Entzifferung der wichtigsten Leistung des Gravitationsgesetzes: der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
    Enthalten die apokalyptischen Schriften Erinnerungen an die historischen Naturkatastrophen, oder enthalten sie Hinweise für eine Entschlüsselung dessen, was hier durch das Konzept der historischen Naturkatastrophen bewiesen werden soll? Die konkretistischen Weltuntergangsvorstellungen scheinen in den gleichen Zusammenhang hereinzugehören.
    Wenn die Juden der Augenstern Gottes sind, wer ist dann der Finger Gottes? Ist es der Finger Gottes, der die Lippen öffnet? (Ein Titel wie „Der Heilige Geist als Person“ ist schlicht blasphemisch, eine Sünde wider den Heiligen Geist.)
    Hat der Hahnenschrei etwas mit dem Morgenstern zu tun?
    Die installierte Heuchelei des kirchlichen Lebens heute, der Existenz in der Kirche, beruht darauf, daß der Block des Bekenntnisses, wie es scheint, nicht aufzulösen ist. Erst die Verbindung von Gottesfurcht und Herrschaftskritik löst den mythischen Bann.
    Das Subjekt in der Natur ist das alte logische Subjekt, das Subjekt im Urteil, das durch die Mathematisierung der Natur sich aufgelöst hat. Geblieben ist die Idee des unbegriffenen Benennbaren. Die Auslöschung des benannten (benennbaren) Subjekts ist der systemlogische Grund des Antisemtismus.
    Heute verfängt sich das Herrendenken in seinem selbstproduzierten System. Der Satz „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ benennt das Prinzip davon.
    Der Begriff des Gerichts hängt mit dem der gerichteten Bewegung, mit der Gewalt des Raumes, zusammen; gerichtet wird außerdem das Haus („aber der Menschensohn, hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen soll“); und das Essen wird angerichtet. Gerichtet wird der Angeklagte, der Verbrecher.
    Wie ist es mit dem Haus, dem Wohnen, im Alten Testament (das Zelt, der Tempel), mit dem Land, wo Milch und Honig fließt?
    Die Erde erscheint von außen als „blauer Planet“. Warum eigentlich? Und warum nur die Erde?
    Hegels List der Vernunft ist heute übergegangen in die Gewalt der Vernunft. Genauer: An die Stelle der List der Vernunft ist heute die nackte und brutale Gewalt getreten, die auch in der Vernunft ihr zerstörerisches Werk vollendet hat.
    Die Differenz zwischen dem stalinistischen und dem faschistischen Antisemitismus läßt sich an dem Verhältnis der stalinistischen Schauprozesse und dem faschistischen Judenmord bestimmen: Die Funktion der Antisemitismen war unterschiedlich. Der stalinistische Schauprozeß ging über die Gehirnwäsche zur Auslöschung des Subjekts durch systemkonforme Selbstdenunziation; den Opfern wurde zugemutet, durch die doppelte Selbstdenunziation (als „Verräter“ der Bekenntnisgemeinschaft und des eigenen Gewissens) das von ihnen selbst vertretene System (ihre eigene Identität, wie es heute bei der raf heißt) zu retten. Die Angeklagten bekannten sich schuldig für Taten, die sie nicht begangen hatten. Um der Gemeinschaft, der sie sich verschrieben hatten (dem Bekenntnis, an das sie glaubten), zu dienen, ließen sie sich als Opfer (als Opfer ihrer eigenen Bekenntnislogik) vorführen. Die Nazis hingegen beteten die Gewalt an; und um diese Gewaltmetaphysik bei den eigenen Anhängern rein durchsetzen zu können, vernichteten sie die Angehörigen des Volkes, das an den einzigen Widerspruch gegen die Gewaltmetaphysik: an den Ursprung des Gewissens erinnerte. Die faschistische Gemeinschaft war die der Komplizenschaft, nicht die eines rationalen Bekenntnisses (der Form, nicht des Inhalts des Bekenntnisses).
    Die Liquidierung ist ein stalinistischer Akt, die Endlösung ein faschistischer.
    Intersubjektivität ist ein Bekenntnisbegriff.
    Die Medien sind die Agenten des beschränkten Lesergeschmacks, den sie selber produzieren.
    In den Problemen der Agrarpolitik und in den Dritte-Welt-Problemen drückt sich die Tendenz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur aus, die darauf hinausläuft, die Natur (den Naturstoff und die Arbeit) zum Verschwinden zu bringen.
    Legen die Hinweise von Gunnar Heinsohn die Erkenntnis nahe, daß die Schlachtopfer matriarchalischen, die Ganzopfer (Holocaust) hingegen patriarchalischen Ursprungs sind?
    Urheber des Krieges ist der Staat, nicht das Volk (Franz Rosenzweig, Kleine Schriften). Das Volk ist Opfer des Krieges, und zwar unabhängig von nationaler Zugehörigkeit und unabhängig von Sieg oder Niederlage: so ist das Volk eine Schicksalsgemeinschaft.
    Der Trick der Hegelschen Philosophie, die List der Hegelschen Vernunft, liegt darin, daß er das begriffslos gewordene Objekt zum Verschwinden bringt und auf diesem Wege den Begriff zum Inbegriff des Ganzen macht. Das Objekt, sofern es Deckbild des Anderen ist, dessen, was nicht in den Begriff aufgeht, ist nur noch Denkmal des vergessenen Namens, hat kein Existenzrecht. Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der Philosophie insgesamt antisemitisch, und das auch schon im frühchristlichen Dogmatisierungsprozeß, in der christlichen Theologie.
    Heideggers Existenzbegriff ist Inbegriff der Gewalt, die dem Objekt angetan wird, während der Existenzbegriff bei Rosenzweig, wenn es denn so etwas überhaupt bei ihm gibt, Inbegriff des Leidens ist, das dem Objekt angetan wird. Philosophie ist der Prozeß der Verdrängung dieses Leidens.
    Doppelte Beziehung zum Anderssein im Objekt: die Aggression, die Wut, ist antisemitisch, die Angst vor dem Chaos, vor der Selbstauflösung, ist frauenfeindlich. (Und die Oszillation von Angst und Wut ist die Elektrodynamik.)
    Das Medium der Naturphilosophie ist die assoziative, auch aleatorische Aufschlüsselung des Bruchs zwischen der Sinnlichkeit und ihrer physikalischen Objektivierung. Die hierbei gewonnene Erkenntnis gleicht der, die Spengler die physiognomische Erkenntnis genannt hat, jedoch nach ihrer Befreiung von der Herrschaft, des Mythos, des Schicksals. Sie gehorcht dem Satz: Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.
    Der Werbeslogan „Die Polizei, den Freund und Helfer“ ist schlicht eine blasphemische Lüge. Die Polizei ist die Priesterschaft des neumythischen Staates, das Opfer, das sie ihrem endlichen Gott darbringt, liegt noch jenseits des Ganzopfers, es ist kein Opfer mehr zur Entsühnung des Volkes, sondern das Opfer des Volkes zur eigenen Entsühnung, zur Entsühnung des Tieres, in dessen Dienst die Polizei steht.

  • 12.05.91

    Zur Genese des Idealismus: Das Verhältnis von Feind und Verräter (Juden und Häretiker) im Bekenntnissyndrom verführt zur Identifikation beider; im Faschismus waren die Juden Feind, im Stalinismus Verräter. Die Differenz gründet in der Beziehung zum Urteil: der Feind ist gleichsam das Subjekt, der Häretiker Prädikat, die Identität beider das transzendentale Subjekt, der absolute Begriff, die Ontologie. Die Identifikation, die Verwischung der Differenz, ist der Grund der synthetischen Urteile apriori bei Kant, der dialektischen Logik Hegels und der Fundamentalontologie Heideggers.

  • 11.05.91

    Der Satz aus der DdA, wonach die Distanz zum Objekt vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, hat heute seine gegenständliche Entsprechung im Geld: Durchs Geld gewinne ich die Herrschaft über die Arbeit anderer, die dann die Gegenständlichkeit der Dinge (und der Vergangenheit) konstituiert (und den Ursprung des Konstitutionsprozesses selber zugleich ausblendet: pecunia non olet).

  • 11.05.91

    Im Deutschen (und im Griechischen) ist das Gesicht ein Neutrum: So abgesperrt, so stumpf, so verzweifelt ist die deutsche Sprache (und die der Philosophie).
    Die Philosophie als eine elliptische Konstruktion nicht mit zwei, sondern mit drei Brennpunkten: Theologie, Geschichtsphilosophie, Naturphilosophie (Bekenntnis, Geld, Inertialsystem).

  • 10.05.91

    Der Objektivierungsprozeß, dessen eingreifende, verändernde Gewalt an der Lichtgeschwindigkeit unmittelbar sich nachweisen läßt, bringt wie das Licht so alle sinnlichen Qualitäten zum Verschwinden. Der „parvus error in principio“ wurde dann im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit präzise bestimmt.

  • 08.05.91

    Yaak Karsunke, „Über Leichen gehen“ (FR 08.05.91): Die Instrumentalisierung der Toten von Stammheim, die Umkehrung der Trauer in Wut und Aggression, hängt nicht nur über die bewußt gehandhabte paranoide Logik der Verschwörungstheorie mit dem Faschismus zusammen, sondern erinnert auch an die antisemitischen Grabschändungen und an Kohls Vergangenheitsbeschwörung in Bitburg („Versöhnung über Gräbern“). Der Tod der Häftlinge in Stammheim war, obwohl vielleicht tatsächlich Selbstmord, in anderer Hinsicht schon Mord: Folge der aggresiven und wütenden Unfähigkeit des Staates und der Justiz, mit dieser Frage noch auf humane Weise umzugehen. (Vgl. auch die stalinistischen Schauprozesse – Notizen vom 12. und 13.05.91)

  • 06.05.91

    Walter Benjamins Bemerkung zur Theologie, daß sie heute bekanntlich klein und häßlich sei und sich nicht dürfe blicken lassen, erinnert an die Geschichte vom Sündenfall: Adam versteckte sich auch unter den Bäumen, weil er sich nicht mehr durfte blicken blicken lassen. Oder genauer: Er hatte vom Baum der Erkenntnis gegessen, erkannte, daß er nackt war, und versteckte sich unter den Bäumen. Auch die Theologie hat vom Baum der Erkenntnis gegessen, aber noch nicht erkannt, daß sie nackt ist.
    Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung sind eine direkte Konsequenz aus dem Relativitätsprinzip: Jedes Subjekt ist ein bewegtes Inertialsystem, schleppt dieses System als apriorische Raum- und Zeitanschauung mit sich herum.
    Exponentialfunktion, Zusammenhang mit den trigonometrischen Funktionen (imaginärer Exponent), Bedeutung für die Statistik (Plancksches Strahlungsgesetz).
    Das feministische „Bekenntnis“ ist ein Produkt der Identifikation mit dem Aggressor (der dann auch aus Gründen der projektiven Selbstentlastung als Feind im Bekenntnis erscheint).
    Der Arglosigkeit entspricht die Trauer, nicht die Empörung; zur Empörung werde ich gereizt, wenn ich die Trauerarbeit vermeiden will.
    Woher stammt das Trinitätssymbol: das Auge im Dreieck?
    Das Ohr ist ein passives Organ, dem als aktives Organ der sprechende Mund entspricht (aber das wirkliche Hören ist ein sehr aktiver Akt).
    Das Auge ist ebenfalls ein passives Organ, es nimmt auf, was von außen ans Auge herankommt; das zugehörige aktive Organ ist Teil der Außenwelt: die Sonne. der Mond, jede Lichtquelle. Aber es gibt gleichwohl den aktiven Blick.
    Geruch und Geschmack sind rein passive (dingbezogene) Sinnesorgane, während das Gefühl auf merkwürdige Weise aktiv und passiv zugleich ist.
    Wie kommt es zu der Doppelbedeutung des Begriffs des Fühlens, des Gefühls: Das Gefühl ist das eigentlich ästhetische Organ (das Grundorgan des Empfindens, mit einer Tendenz ins Pathologische); es ist aber zugleich das Tastorgan, das mechanischste aller Organe.
    Hat es im Paradies Insekten gegeben? Hängen Insekten als in besonderer Weise „weltliche“ Lebewesen (als besonders anpassungs- und überlebensfähige Lebewesen mit der Möglichkeit des Staatenbildung: des Kollektivsubjekts, des subsistierenden Gattungswesens) mit dem Sündenfall (mit der Weltentstehung und der Weltgeschichte als Entstehung und Geschichte der Welt) zusammen? Ähnlich die Farne und alle Pflanzen, die nicht über Blüten (und Insekten) sich fortpflanzen?
    Lag Schellings (und Hegels) Fehler darin, daß er die Entstehung (und die Geltung) von Raum und Zeit sozusagen mit einem Schlage erledigt wissen wollte? Raum und Zeit sind (wie der Logos) „im Anfang“, aber sind sie deshalb auch in der Zeit am Anfang? Wenn die Unendlichkeit des Raumes nicht mehr zu halten ist, dann auch nicht die der Zeit: insoweit hängt die Kosmologie mit der Schöpfungslehre (oder auch mit der Evolutionsvorstellung) zusammen. – Hat insbesondere das newtonsche Gravitationsgesetz das Ungleichnamige gleichnamig gemacht? Ist die Übertragungsmöglichkeit der physikalischen Gesetze auf räumlich und zeitlich entfernte Vorgänge wirklich so gesichert? Ist es generell auszuschließen, daß hier – unter dem Systemzwang des Inertialsystems – projektiv ergänzt wird, was möglicherweise auch ganz anders sein könnte? (Ist es die gleiche Masse Licht, die am Tag den Raum bis zum azurnen Firmament erfüllt und in der Nacht nur punktuell die entfernte Sternenwelt erscheinen läßt?)

  • 04.05.91

    Erst wenn der Staat seine benennende Kraft verliert, wenn Prädikate aufhören, als Substanzbegriffe verwandt zu werden (wer gemordet hat, wird zum Mörder; wer gesalbt wurde, zum König oder Christus; wer backt, ist Bäcker; wer lehrt, Lehrer), löst sich der Schuldzusammenhang.
    Das Recht zu urteilen (Prädikate in Substanzbegriffe zu verwandeln – deren Grundlage ist die Mathematik) ist der Grund des Staates. Dagegen richtet sich das „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“.
    Mathematische Gleichungen sind keine Urteile (und Lösungen keine Antworten: Verwechslung von Fragen und Problemen). Nur der Schein der Substantivierung der Prädikate (des Begriffs) verdeckt den Sachverhalt, daß mathematische Gleichungen umkehrbare (reversible), subjektlose Beziehungen von Prädikaten sind. Dazu gibt es kein Subjekt; das ist untergegangen in der Vorstellung der subjektlosen Materie (des Subjekt-Stellvertreters: des allgemeinen Objekts, des Exemplars: des „Falls“; nicht zufällig ist der logische, dem Urteil zugehörige Subjekt-Begriff dann zum erkenntnistheoretischen Subjektbegriff geworden: Subjektivierung der benennenden Kraft des Begriffs). Das Inertialsystem ist das Gefängnis, in das wir die Natur eingesperrt haben; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der einzige Lichtblick.
    NB: Es gibt keine mathematischen „Begriffe“, sondern diese Begriffe sind idololatrische Namen, sie erzeugen (vertreten?) und bezeichnen zugleich das Objekt (Einheit von Erzeugtem und Bezeichneten, Bild und Begriff: deshalb gibt es kein „Wesen“ der Elektrizität). Telos des Falls ist das Exemplar.
    Mit der Institution des Staatsanwalts wird der Staat zur Institution des kurzen Prozesses: Ankläger und Richter sind institutionell nicht mehr getrennt; und sind nicht mehr zu trennen, seitdem es kein Urteilssubjekt mehr gibt, seitdem der Angeklagte nur noch als Objekt erscheint.
    Der Personbegriff ist der Vorläufer des modernen Subjektbegriffs. Seine Leistung war es, die Person vom Namen zu trennen; die Trennung des Objekts vom Namen war dann der Grund der Subjektivierung des Subjekts.
    Das Subjekt ist das Produkt der Gewalt, die ihm angetan worden ist, und die es seitdem allen Objekten und sich selber antun muß, um Subjekt zu bleiben. („Der nicht geschlagene Mensch ist nicht erzogen.“) Die spartanische Härte ist der Schatten der athenischen Vernunft.
    Auch Lachen ist eine Gestalt der Empörung.
    Während die Begriffe des Ewigen und des Überzeitlichen sich präzise trennen und unterscheiden lassen, gibt es andere Begriffe, die genau an dem Schnittpunkt der beiden Begriffe angesiedelt sind und in beiden Zusammenhängen sinnvoll sich verwenden lassen. Dazu gehören neben dem Begriff des Logos der der Person, der des Bekenntnisses, auch der Geistbegriff sowie die Begriffe des Objekts und des Subjekts. Wenn es gelingt, den Knoten, der hier geschürzt ist, wirklich zu lösen – und das würde bedeuten, das Dogma aus seiner Erstarrung zu lösen, zu befreien, es zum Leben zu erwecken -, wäre der Spuk beendet.
    Die Logik des Begriffs ist die Logik der Substantialisierung des Prädikats (Ausdruck der Gewalt, Grund der Reflexionsbegriffe). Gibt es einen Zusammenhang mit der Bekenntnislogik, der „Erkenntnis des Guten und Bösen“, mit der Namenlehre (auf die sie offensichtlich negativ sich bezieht)? Ist die Logik des Begriffs die Kehrseite der Namenlehre, ergibt sich die benennende Kraft der Sprache aus der Erkenntnis des Bösen (und nicht des Guten, wie die Philosophie seit Plato unterstellt)? Die Dinge beim Namen nennen, heißt das nicht: sie so negativ begreifen, wie sie sind? Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: das Negative begreifen, ohne dem Drang zur Selbstentlastung nachzugeben und es durch Projektion (durch Hypostasierung, Personalisierung) zu mildern. Zusammenhang mit dem Gebot der Feindesliebe.
    Substantialisierung des Prädikats: deshalb ist das Sein der erste Begriff und die Ontologie aus systemlogischen Gründen Staatsphilosophie.
    Der Begriff des Grundes (die Grundlage des argumentativen Denkens) reflektiert genau die Logik der Substantialisierung des Prädikats: das Prädikat als Subjekt. Insoweit hat Gott die Erde „gegründet“ (und den Himmel aufgespannt).
    Wenn die gesamte Physik ein selbstreferentielles prädikatives System ist, und auch die Materie (Trägheit, Schwere) bloß Prädikat, nicht Subjekt, so wird das zu benennde Subjekt in der Physik einzig noch repräsentiert durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und durch die mit ihm systemlogisch verknüpften Naturkonstanten (wie das Plancksche Wirkungsquantum, die Masse und Ladung des Elektrons, die Avogadrosche Zahl u.ä.).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verweist auf einen Sachverhalt, auf den Adornos Wort von der Spiegelschrift des Gegenteils zutrifft.
    So wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit etwas übers Inertialsystem aussagt, nicht übers Licht, so sagt der Antisemitismus etwas über die Antisemiten, aber nicht über die Juden aus. Erst wenn das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit selber als Manifestation der Schwerkraft begriffen ist (und nicht nur von außen darauf bezogen werden muß), ist das Rätsel der Physik gelöst. Die Lichtgeschwindigkeit (die Bewegung der elektromagnetischen Wellen und ihr Maß) hat etwas von der Wiederkehr des Verdrängten: Die Abstraktion von der Gravitation (die Formulierung des Gravitationsgesetzes durch Newton) war der letzte Schritt zur Konstituierung des Inertialsystems, die dann zwangsläufig die Vergegenständlichung der elektromagnetischen Erscheinungen nach sich zog. Das Gravitationsgesetz bestimmt das Verhalten der Dinge im Raum, die Elektrodynamik das des Raumes in den Dingen.
    Das Irritierende am Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit scheint darin zu liegen, daß sich zu diesem Gesetz keine verdinglichte Objektvorstellung hinzudenken läßt. Im Gegenteil: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist geradezu die Widerlegung der verdinglichten Objektvorstellung. Und diese Widerlegung wird in der Atomphysik, in der Quantenmechanik wiederum instrumentalisiert, verdinglicht. Was Ralph Giordano die zweite Schuld genannt hat, hat sein frühes Vorbild in der Quantenphysik. Die Neuformulierung der mechanischen Gesetze mit Hilfe der angepaßten Hamiltonschen Gleichungen leistet genau das.
    Die Geschichte der modernen naturwissenschaftlichen Aufklärung beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz; d.h. sie beginnt mit der Angst vor dem Anderen und endet mit der Aggression, dem Vernichtungstrieb gegen das Andere.
    Vgl. die Jotam-Fabel (Ri 97-21): wir sind der Dornbusch (Subjekt der Profangeschichte), Israel die brennende, aber nicht verbrennende Innenseite dieser Geschichte. (Gibt es überhaupt einen Christen nach Auschwitz, der sich mit Israel ohne Hintergedanken befaßt?)
    Hat das Wort, daß, wer Israel antastet, den Augapfel Gottes antastet (Sa 212, vgl. auch Deut 3210, Ps 178), mehr als nur metaphorische Bedeutung?
    Israel der Augapfel (Augenstern) Gottes; was bedeutet es, wenn es heißt: Gott sieht („Und Gott sah, daß es gut war“). Wenn seit Beginn des Gegenstands-Realismus die Realitätserfahrung aus der Widerstandserfahrung abgeleitet wird („daran habe ich mir den Kopf eingerannt“), wenn der mechanische Stoßprozeß gleichsam zur Grunderfahrung wird, so verschwindet damit, was eigentlich das Sehen bezeichnet.
    Ob Heidegger persönlich Antisemit war oder nicht, ist eigentlich schon fast uninteressant; wichtiger ist, daß die Systemlogik seiner Philosophie und deren objektives Korrelat: das, was diese Philosophie vom Zustand der Welt abbildet, antisemitisch ist.

  • 02.05.91

    Als die Kirche das Schuld- und Moralzentrum aus der Politik in die Sexualität rückte (die Schöpfung anstatt auf Himmel und Erde, auf die Welt bezog), hat sie (den Wölfen sich angepaßt und) der Gottesfurcht den Weg versperrt: dafür den Mechanismus des autoritätshörigen Charakters installiert.
    Zum Ursprung des Dezisionismus: Seit es für Antworten keine Begründungen mehr gibt, gibt es für Fragen (wie für mathematische Gleichungen) nur noch Lösungen (für die deutsche Frage, die Judenfrage, die Seinsfrage u.ä.): zugleich wurden die Fragen, um im Jargon zu bleiben, „unlösbar“, denn Lösungen sind keine Antworten.
    Der Begriff der Schuld ist so zweideutig wie der der Person; beide unterliegen der gleichen Dialektik wie das Gewissen, das als Organ der Wahrnehmung der Schuld, der Fähigkeit, ohne Rechtfertigungszwang die eigene Schuld zu erkennen, zu unterscheiden ist von dem Schuldvorwurf, von der Anklage, die die Person von außen trifft und – wenn sie keinen Verteidiger hat – zwangsläufig Rechtfertigungszwänge auslöst, die Person in den Schuldzusammenhang hereinzieht, in denen die gesellschaftlichen Instanzen, vor denen die Person rechtfertigungspflichtig wird, sich konstituieren. Die Person ist nicht nur der Träger des Namens, sondern zugleich der Verantwortung, der Zurechenbarkeit. Die Person muß für ihre Taten geradestehen, sie muß Rede und Antwort stehen. Der Zusammenhang von Name und Schuld, Name und Anklage (man wird beim Namen gerufen, um Rede und Antwort zu stehen) ist die instrumentalisierende Kehrseite des von der Instrumentalisierung befreienden „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“. Das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die Unbarmherzigkeit des Weltgerichts. Die Persönlichkeit besteht vor dem Weltgericht, weil sie dessen richtende Gewalt sich zueigen gemacht, verinnerlicht hat (und somit tendentiell unbarmherzig geworden ist), besteht sie auch vor dem Jüngsten Gericht? „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“.
    Die griechische Philosophie (kennt und) braucht keine „Vorsehung“; in der Gestalt des schönen, wohlgeformten, durchorganisierten Kosmos ist das Ziel präsent, an dessen Bild die Poleis sich orientieren. Der Kosmos ist das Modell der richtigen Gesellschaft. Dagegen ist der römische Weltbegriff ein reiner Herrschaftsbegriff; seine Grenzen sind nicht die inneren Grenzen (die „Formen“) der kosmischen Körper, sondern die äußeren des Römischen Imperiums, der römischen Macht. In der griechischen Philosophie war das Chaos nach innen, in den Begriff der Materie, verdrängt; im römischen Reich lag es sowohl außerhalb der Grenzen der Pax Romana wie dann auch im Innern der zwar unterworfenen, aber nicht schon endgültig befriedeten Völker. Aber beide Weltbegriffe, der philosophische Begriff des Kosmos als auch der politische des Reichs, lassen sich nicht ohne fatale Konsequenzen theologisieren. Wer den Schöpfungsbegriff auf den Weltbegriff bezieht, macht den Staat zum Schöpfer (den die Gnosis übrigens zu Recht als Demiurgen erkannt hat), begründet die verhängnisvolle Staatsmetaphysik, die seit je die wichtigste Quelle des Antijudaismus und am Ende des Antisemitismus war. An der Systemlogik dieses Weltbegriffs hat sich die christliche Theologie seit der Vätertheologie vergeblich abgearbeitet. In diese Systemlogik gehören die Trinitätslehre, die Christologie und Opfertheologie herein, sowie der seitdem zentrale Bekenntnisbegriff, mit dem die Staatsmetaphysik verinnerlicht wurde. Diese Systemlogik war deshalb nicht mehr kritisierbar, weil sie sich selbst im blinden Fleck steht: sie war Grund sowohl des theologischen Objektivierungsprozesses als auch der hierarchischen Kirchenstruktur. Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, der damit installiert war (und seitdem Grundlage der westlichen „abendländischen“ Zivilisation ist), ist das negative Abbild der Trinitätslehre.
    Zum Johannes-Evangelium (zu der daraus abgeleiteten Christologie): Das „Im Anfang war das Wort“, das anklingt an das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, bezeichnet einen Anfang, zu dessen Bestimmung die damit erst entstandenen zeitlichen Bestimmungen nicht ausreichen. Insbesondere ist fraglich, ob er so einfach in die Vergangenheit projiziert werden kann (der Begriff des Ewigen schließt doch eigentlich eine Vergangenheit von sich aus). Und der Logos hat sicherlich weniger mit der Logik (und sei es die Hegelsche) zu tun, als mit der Sprache und dem Namen.
    Was entspricht dem Personbegriff des Tertullian: prosopon oder soma? Oder ist es die Identifikation beider, der Gewaltakt, der die lateinische Theologie begründet? Ist es der gleiche Gewaltakt, der notwendig war, um den griechischen, kosmischen Personbegriff (soma) dem römischen, politsch-juristischen anzugleichen.
    Welche Bewandnis hat es damit, daß das westliche Christentum nicht von der Metropole, sondern von den Peripherien ausgeht (in der auslaufenden Antike Nordafrika, und dann, im beginnenden Mittelalter, Irland)? – Aus Irland kommen insbesondere: die Ohrenbeichte, das Zölibat, die Mönchskirche, das Fegefeuer, insgesamt die Verdinglichung des Jenseits.
    Die inneren Probleme des Christentums sind zu einem nicht unerheblichen Teil Übersetzungsprobleme. Es wäre sicherlich fürs Verständnis wichtig, wenn man die Schriften des NT ins Hebräische oder Aramäische zurückübersetzen würde. Was wäre, wenn man die Trinitätslehre und die Christologie ins Hebräische übersetzen würde?
    An der Startbahnmauer steht heute noch der theologische Satz: „Ihr Gewissen war rein; sie benutzten es nie.“
    Hierarchie bedeutet: der Anfang, der Grund, die Herrschaft des Heiligen, Hieronymus der heilige Name, Augustinus der Augustiner; was bedeutet Tertullian?
    Besteht eine Beziehung zwischen der postmodernen Diskussion um den Begriff des Erhabenen und dem Caesar Augustus, aus der die kirchliche Legende dann den Kaiser Augustus anstelle des erhabenen Caesar gemacht hat. („Oh, du lieber Augustin …, alles ist hin.“)
    „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …“ Über die Münze ist das Bild in den philosophischen Objektbegriff eingewandert, der somit unters Bilderverbot fällt (Zusammenhang von Opfer, Münze, Säkularisation). Dieses Bild des Kaisers ist zugleich Modell für den philosphischen Subjektbegriff (Folge der Säkularisation des Schicksals, des Dämon, des Kaisers, der Vergesellschaftung von Herrschaft). Das „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ ist der legitime Erbe des Kaisers. Hegels Philosophie ist die Entfaltung dieses Zusammenhangs von Begriff, Schicksal, Herrschaft, Objekt und Subjekt, mit der Auflösung in der zutiefst scheinhaften Idee des Absoluten (des Organismus, in dem „kein Glied nicht trunken ist“, geweissagt im prophetischen „Taumelkelch“?).
    Hängt das prophetische Bild des Taumelkelchs mit der Vorstellung von der „entsühnenden Kraft“ des Blutes zusammen (die heute noch die Tradition des Abendmahls entstellt, verdunkelt)?
    Nach Freud ist der Witz auf drei Personen bezogen: den Urheber, das Objekt und den Adressaten des Witzes (der über den Witz lacht). Das Lachen ist Ausdruck und Teil seiner „Objekt“-Beziehung.
    Rechtfertigung ist die Begründung ex post, die Begründung die Rechtfertigung ante.
    Wie verhalten sich Ursache und Grund zueinander? Im Grund reflektieren sich die Zweckursachen, das teleologische Moment in der Sache. Die Welt unterscheidet sich von der Erde (adama) durch die Entgründung, durch die Herrschaft des Kausalitätsprinzips. Die Welt ist die grundlos (atheistisch) gewordene Erde. (Auch die Quantenmechanik hat – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – das Kausalitätsprinzip nicht durchbrochen.) Erst angesichts der grundlos gewordenen Welt ist die Frage sinnvoll: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Wenn es nur noch subjektive Gründe gibt, ist die Welt grundlos, bedarf es keines Gottes, gibt es keine Alternative zur Macht. In der instrumentalisierten Welt kommt es nicht mehr auf die Qualität der Argumente an, sondern nur noch auf die dezisionistische Entscheidung dessen, der seine Entscheidung auch durchsetzen kann (auf Macht). Das Äquivalent der Begründung in der formalisierten Logik leistet nicht mehr, was es leisten soll; mit dem Grund verschwindet auch das Subjekt aus dem Denken. Durch den Zusammenhang von Grund und Subjekt rührt das Subjekt an den Grund der Welt, an dem es Anteil hat, und darauf antwortet das Nachfolgegebot.
    Wie hängt Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ mit der Instrumentalisierung und dem Verschwinden des Grundes zusammen? – Der Sündenfall eröffnet den Abgrund, in dem der Grund zugrunde geht: das Inertialsystem ist dieser Abgrund. Hierauf scheint das Moment des Rechtfertigungszwanges in der Geschichte vom Sündenfall hinzuweisen, wobei der Rechtfertigungszwang nur soweit reicht wie die Projektions-, die Objektivationsfähigkeit (die Schlange überredet, verführt, wird ohne Möglichkeit der Rechtfertigung verurteilt).
    Flammenschwert: Vertreibung aus dem Paradies; Bileam? – Blitz (Mt 2427, 283, Lk 1018, 1724)? Zusammenhang mit dem Gewitter (Hi 38)? Ps 1814ff: „Da ließ der Herr den Donner im Himmel erdröhnen, der Höchste ließ seine Stimme erschallen. Er schoß seine Pfeile und streute sie, er schleuderte die Blitze und jagte sie dahin. Da wurden sichtbar die Tiefen des Meeres, die Grundfesten der Erde entblößt vor deinem Drohen, Herr, vor dem Schnauben deines zornigen Atems.“
    Die zweite Bitte des Herrengebets ist keine Bitte, sondern eine Selbstverpflichtung.
    Ist die Schwangerschaft nicht ein verinnerlichtes Brüten? Das erinnert an den Geist Gottes, der über den Wassern „brütet“.
    Die Theologie heute erinnert an die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung: Und sie sammelten die übriggebliebenen Stücklein, und siehe, es gab zwölf Körbe voll.
    Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?
    Läßt die doppelte Gottesbezeichnung Jahwe und Elohim sich so verstehen, daß die eine die Selbstbezeichnung des den Menschen ansprechenden Gottes ist, während die andere die Fremdbezeichnung ist, sich auf Gott in der dritten Person bezieht, damit aber zwangsläufig im Plural gefaßt werden muß (gegen das Identitätsprinzip und die Hypostasierung des „Einen“).

  • 30.04.91

    Zum Begriff der Frage (Seinsfrage, Judenfrage, deutsche Frage) vgl. die Abfolge der Situationen in den drei Verleugnungen Petri:
    – die Magd fragt den Petrus (der leugnet),
    – dann spricht sie mit den Umstehenden über Petrus (hinter seinem Rücken; der leugnet wieder),
    – dann dringen die Umstehenden auf ihn ein (er verflucht sich selbst und leugnet nochmals).
    Die erste Frage wird aufgrund der Situation als Anklage erfahren, deshalb (als Rechtfertigung, als Apologie) die Leugnung. In der ersten antwortlosen Frage ist die weitere Entwicklung, die in der Selbstverfluchung endet, bereits enthalten. Das ist präzise die Fragestruktur in der Fundamentalontologie, in der Seinsfrage, in der Judenfrage etc. Die Frage ist objektlos, sie treibt über die gesellschaftliche Gewalt, die sie auslöst, zur Selbstverfluchung des Objekts. Sie ist objektlos, weil sie diese Selbstverfluchung antezipiert und bereits in sich enthält.
    „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.“ (Joh 19f) Er kam in die Welt wie Schafe unter die Wölfe. Die johanneische Welt ist die Wolfswelt (die gefallene Welt), geschaffen, aber nicht die Schöpfung. Vgl. auch Joh 129: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt.“ Für diese Welt gilt: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.

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