Farbe bekennen: „denn die Fahne ist mehr als der Tod“, Reklame und Bekenntnis („die Reklame verschweigt den Tod“).
Die Person ist vergangenheits- und erinnerungslos: Ihre Existenz beginnt mit dem Namen, der von Anfang an abtrennbar war, deshalb dem Träger bloß äußerlich ist, dem herrschenden Bewußtsein zufolge „Schall und Rauch“ (bloße Konvention). So ist die Person das prädestinierte Objekt der Verwaltung. Wer einen Menschen als Person bezeichnet (vgl. Buber) nimmt ihm seinen Namen, auch wenn er ihn dann beim Namen nennt: hierbei wird der Name imgrunde akkusativisch gebraucht, Inbegriff der Anklage; nicht zufällig liegt das Namensrecht beim Staat, der die Menschen als Teil des Volkes schuldig macht und sie der Würde des Namens beraubt. -Ist die Trinitätslehre nicht verstaatlichte Theologie (erkennbar am Gebrauch des Personbegriffs, der den Namen Jesu neutralisiert (und Christus zum Familiennamen macht), ihn für den „Bekenntnis“-Gebrauch unbrauchbar macht)? – Wie tief reicht die Staatsmetaphysik in unser Bewußtsein?
Was drückt das Adjektiv „persönlich“ außer dem tode ti, der vergegenständlichten deiktischen Funktion, aus? Genau dieses tode ti ist der Bezugspunkt des begrifflichen Denkens, des abstraktiven Verfahrens, dem die Menschen (und in der Theologie Gott) durch den Personbegriff unterworfen werden. Der Personbegriff macht Gott und Menschen subsumtionsfähig: zu Objekten. Das tode ti (das dieses hier) macht das Resultat, Produkt der Verdinglichung, zum Anfang, zur „voraussetzungslose“ Grundlage. Es ist der Vorläufer des Inertialsystems, in dem es sich dann als durch die ganze Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur vermittelt erweist.
Die Frage: Gibt es einen persönlichen Gott? ist ebenso blasphemisch wie im wörtlichen Sinne gegenstandslos: Gott zum Gegenstand machen ist der Grund jeglicher Blasphemie.
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11.02.91
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10.02.91
Der christliche Begriff der Bekehrung leugnet die Umkehr: Bekehrung bezeichnet die Ersetzung der einen Religion (oder der Nichtreligion) durch eine andere, des einen Bekenntnisses durch ein anderes. Die frühere Gestalt des Bewußtseins wird hierbei nur verdrängt, nicht aufgearbeitet: sie gilt nicht mehr, und dem Bekehrten wird untersagt, im Vergangenen die Ursprünge seines Selbstbewußtseins zu erkennen, von der Vergangenheit durch Erinnerungsarbeit sich real und wirksam zu befreien. Wenn heute in der gesamten Dritten Welt die Neigung zu Terror und Unterdrückung fast nicht mehr einzudämmen ist, dann hängt das mit dieser Erfahrung des Christentums, der christlichen Mission, der Bekehrung durch Unterwerfung zum Zwecke der Ausbeutung, die dann nicht mehr beim Namen genannt darf, wesentlich zusammen. Die Christen glauben nicht mehr an die Hölle, seit sie sie draußen mit Erfolg und – wie es scheint – unumkehrbar angerichtet haben, und der Kampf gegen die Todesstrafe begann, als das Risiko für die „Zivilisierten“ nach dem Einbruch des Faschismus zu hoch wurde. Was heute Zivilisation heißt (und sich besser dünkt als die Welt außerhalb) ist selbst die Hölle, die sie nach draußen verschiebt und zugleich verdrängt. Deshalb ist diese Zivilisation angewiesen auf die ständige Verbesserung und Erweiterung der Rüstung und die Stabilisierung des Rechtfertigungs- und Verdrängungsapparates durch wirksame Feindbilder; beide Ziele absorbieren mittlerweile fast vollständig die intellektuellen Innovationskräfte, während der reale Reproduktionsbereich sich von den Abfällen der Waffenforschung, der Vernichtungsproduktion, nährt.
Es ist angerichtet, Stufen des Gerichts:
– der gedeckte Tisch – das vegetarische Paradies;
– Not, Arbeit, Gewalt und hierarchisch organisierte Herrschaft -Totem und Tabu, Tiernahrung und Tieropfer;
– Sieg über die Natur und die überwundene Vergangenheit: Klassengesellschaft, Kolonialismus und Dritte Welt, Museen, Zoologische Gärten – Kasernen, Gefängnisse, Kliniken, Irrenhäuser und Schlachthäuser. -
09.02.91
Mit der Internalisierung des Schicksals wird das Subjekt zum Schicksal für die Dinge: Konstituierung des Weltbegriffs, Begründung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Zentrale Funktion des Bekenntnisses: als subjektives Moment der Versöhnung wird es im Prozeß der Konstituierung der Welt und der Anpassung an die Welt (mit den entsprechenden innertheologischen Konsequenzen) zugleich verraten, begründet es die „Person“, den Agenten des Ödipussyndroms, durch das das Subjekt zum Subjekt-Objekt (d.h. auch zum Objekt) des vergesellschafteten Schicksals wird. Wiederkehr des Verdrängten: Verinnerlichung des nicht aufgearbeiteten, sondern durch Negierung bloß verdrängten Heidentums (durch die politischen Formen der Bekehrung wurde das Christentum zur herrschenden Religion, das „überwundene“ Heidentum zur verdrängten Vergangenheit; seitdem begreift sich jeder Fortschritt als „Überwindung“, wird jede überwundene zur tabuisierten Vergangenheit, an die niemand mehr rühren darf: aufgrund seines Verhältnisses zur Bekenntnislogik läßt sich am Ende auch das Gesetz der Mode, die das Jüngstvergangene jeweils zur entferntesten Gestalt der Vergangenheit macht, als eine säkularisierte Gestalt der christlichen Praxis und des christlichen Begriffs der Bekehrung begreifen). Erinnerungsarbeit, Aufarbeitung des verinnerlichten Schicksals, der brennende Dornbusch (Dornen und Disteln). – Zusammenhang von Schicksal, Schuld- und Verblendungszusammenhang, Konstituierung der Welt (Volk als Schicksalsgemeinschaft), Herrendenken, Instrumentalisierung, Bekenntnis und Bekehrung (Überwindung, Verinnerlichung und Verdrängung).
Der Islam fällt gleichsam hinter die griechische Philosophie dadurch zurück, daß er als Religion (als Islam: Ergebung) sich der Verinnerlichung des Schicksals widersetzt, das Schicksal als den Willen Allahs oder Allah als die personifizierte Schicksalsmacht begreift und akzeptiert: Damit hängt es zusammen, daß der Islam keine Opfer (und keine vergesellschaftete Form der Naturbeherrschung) kennt, zugleich auf einer gleichsam vorzivilisatorischen Stufe der Moral (mit entsprechenden Folgen im Hinblick auf die Struktur des Subjekts und das Selbstbewußtsein) steckenbleibt, weil es sich in den Schuldzusammenhang, in den jedes unbekehrte Christentum zwangsläufig sich verstrickt, um keinen Preis hineinziehen lassen will.
Der Hegelsche Begriff der „Aufhebung“ hängt mit dem der Überwindung zusammen; er leistet nicht ganz, was er verspricht: Gegen die Überwindung hilft nur die benennende Kraft der Erinnerung, das ist das Gegenteil der Aufhebung, die das Überwundene beerben möchte: so aber gezwungen ist, die Opfer zu vergessen (aufgehoben ist im Kapital die vergangene Arbeit – vgl. hierzu auch Jürgen Ebachs Interpretation der biblischen Geschichte von Lots Weib).
Wenn wir das Jüngstvergangene begreifen, begreifen wir die Schöpfung: nämlich durch die Erinnerungs-(Sisyphus-)arbeit, die notwendig ist, um das Jüngstvergangene überhaupt angemessen ins Bewußtsein zu heben. In der Distanz zum Objekt steckt heute die ganze Geschichte der Menschheit. Das gilt auch fürs Verständnis des (vergegenständlichten, verdinglichten) Dogmas. -
08.02.91
Natur und Welt sind die die Begriffe des Objekts und des Begriffs konstituierenden Totalitätsbegriffe: Natur ist Teil der Welt als Gegensatz zur Welt: als der Feind, der Widerstand. die Materie, an der sie sich „abarbeitet“. Dem Naturbegriff ist die unaufhebbare Spaltung in Erscheinung und An sich wesentlich. Hierbei ist das An sich zunächst nur das dem Wissen Jenseitige, eine Leerstelle, gleichsam das schwarze Loch, aus dem nichts mehr nach außen kommt, das umgekehrt alles in sich hereinsaugt: Inbegriff des heutigen Standes der Verdrängung. Natur ist in der Welt das Andere der Welt; das, was nicht im Säkularisationsprozeß aufgeht. Konkreter: Natur ist das Andere im Prozeß der historischen Auseinandersetzung mit der Natur; das, was im Unterwerfungsprozeß unterdrückt, verdrängt, ausgeschieden wird. Dazu gehört in erster Linie die Erinnerung an die Opfer dieses Prozesses, an die, die die Last zu tragen hatten und vergessen sind.
Das Bekenntnis des Namens ist im Ursprung die Anrufung des Namens: das Maranatha. Die Vergeblichkeit: die enttäuschte „Parusieerwartung“, hat daraus das Dogma, mit der Vergöttlichung Jesu im Kern, werden lassen. Diese (unverarbeitete) Enttäuschung ist der Grund der christlichen Ranküne.
(Säkularisation des „Anrufs“ durch die modernen „Kommunikationsmittel“: durchs Telefon, das auch – zumindest räumliche – Distanzen überbrückt. „Heute, wenn ihr meine Stimme hört.“)
Auschwitz: die Täter (und ihre Erben) erwarten offensichtlich immer noch die Exkulpierung, die Opfer können sie nicht mehr geben und deren Erben sind bei den Toten in der Pflicht. Zwischen beiden steht die ganze Geschichte der Welt.
Adam benennt (vor dem Sündenfall) die Tiere und (vor und nach dem Sündenfall) die Frau, Eva ihre Söhne, Kain benannte die erste Stadt nach Henoch (der in der Genealogie des Set in den Himmel entrückt wurde)? Töchter werden nur genannt bei Lamech (in der Kain-Nachkommenschaft; in der Set-Folge ist er der Vater des Noach; der eine wird 7 x 77 mal gerächt, der andere lebte 777 Jahre).
Zur Kritik der Naturphilosophie: das Ganze ist das Unwahre. Bei Hegel „entläßt“ die Idee die Natur aus sich (wie in der Verwaltung der Vorgesetzte einen Beamten), aber die Natur kann ihren Begriff nicht halten: Hier geht die Dialektik zu Protest. Innerhalb der Dialektik scheint das Subsumtionsverhältnis „aufgehoben“, ist das Denken „in der Sache“, nicht außerhalb und nicht über der Sache; das aber um den Preis, das es die Natur außer sich hat. Hier kehrt das Subsumtionsverhältnis als Verhältnis der Idee zur Natur, des Absoluten zur vergangenen Geschichte, die es ausgezehrt, als Schädelstätte des Geistes, hinter sich zurückläßt, wieder.
Der positive Begriff der Natur („Rückkehr zur Natur“, Natur als „schöpferische“ Kraft) ist die bloß ideologische Wiedergutmachung, die die Opfer endgültig verrät: der sentimentale Deckel auf der verdrängten Erinnerung, deshalb doppelt gefährlich. Die „zweite Schuld“ Giordanos ist die erste der Dialektik der Aufklärung: die verdrängte Vergangenheit manifestiert sich im projektiven Materiebegriff.
Meine Vermutung, daß bei Schelling Verdrängungs- und Erinnerungsarbeit sich nicht trennen lassen, solange man am Konzept Naturphilosophie festhält. Man kann nicht beides haben: die Exkulpierung durchs Natursubjekt und die Versöhnung. Die Idee der Versöhnung ist nur zu halten, wenn auf die Anwendung des Identitätsprinzips auf Natur verzichtet wird, wenn das „Eingedenken der Natur im Subjekt“ mit der Kritik des gegenständlichen Naturbegriffs (mit der Kritik des physikalischen Fundamentalismus) verbunden wird.
Physikalischer Fundamentalismus und das Bekenntnis zur FDGO in der Physik (zum Inertialsystem, zur daraus abgeleiteten verdinglichten Logik; Projektion der Logik ins Inertialsystem; Instrumentalisierung der Logik und Auslöschung des Subjekts; Seminar der Philosophen mit den Vertretern der mathematischen Logik in Münster).
Was mußte alles verdrängt werden, um den Naturbegriff als Totalitätsbegriff zu begründen? – Heute wird die Schuld kassiert: von allen Unterdrückten, Gedemütigten und Opfern: von den Armen und den Fremden, von den Juden, den Frauen, vom Islam, von der Dritten Welt. Wenn die Distanz zum Objekt durch die Distanz vermittelt wird, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, dann stecken alle Beherrschten im Objektbegriff mit drin, aber so, daß sie nicht mehr zu erkennen sind. Übriggeblieben ist nur die Isolierung, Verblendung und der Verfolgungswahn des „Herrn“, auf den das, was er den Objekten antut (oder was ihnen in der Geschichte angetan wurde), zurückschlägt (s. die dramatischen Figuren Becketts). -
07.02.91
Säkularisierung (Staat, Rüstung, Recht): Schöpfung – Offenbarung – Erlösung: Natur – Wissen (Geschichte der Aufklärung, Stand der Erkenntnis) – Welt. Der Totalitätsbegriff der Natur begründet den Subjektbegriff (das Selbstbewußtsein), der dann über alles Vergangene sich erhebt und diesen Status absichert durch sein In-der-Welt-Sein, durch einen Weltbegriff, der dem staatlichen Gewaltmonopol sich verdankt. Funktion des Bekenntnisses im Säkularisierungsprozeß, der ohne dessen exkulpierende Gewalt nicht gelaufen wäre.
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06.02.91
„… abgestiegen zur Hölle“: Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Höllenvorstellung, in genauem Zusammenhang mit der Kirchengeschichte, Teil der notwendigen Erinnerungsarbeit; u.a. Zusammenhang mit Antijudaismus/Antisemitismus (der faschistische Antisemitismus erliegt dem Reiz der Höllenvorstellung, deshalb verschwindet sie hier aus der Theologie: Verinnerlichung des Heidnischen); der Teufel Nachfahre der mythischen Götter (bocks-beiniger Satyr); der Teufel und die Juden; Augustinus (zum Glück der Seligen im Himmel gehört der Anblick des Leidens der Verdammten in der Hölle); Systematisierungen: Fegfeuer und Hölle; Höllenvorstellung und Magie, Ursprung der Sexualmoral (in der Lust brennt das Höllenfeuer); Schöpfungslehre: Himmel (Himmel, Fegfeuer und Hölle) und Erde; Lehre vom Sündenfall begründet die Höllenvorstellung; Ketzer, Inquisition, Hexen, naturwissenschaftliche Aufklärung (Alchemie, Chemie und Hölle); innere Mission und Teufelspredigt; Faust und der Teufelspakt (Hölle, Mythos und Kunst); Märchen: der Teufel und seine Großmutter (Matriarchat und Höllenvorstellung), List ist stärker als der Teufel; Hölle und Materialismus: Der Teufel als Personalisierung der Materie („seid klug wie die Schlangen …“).
– Zusammenhang der Höllenvorstellung mit dem Bekenntnis: Entlastung durch Projektion?
– Gilt das Gebot der Feindesliebe auch im Hinblick auf den Teufel?
– Kein Bekenntnis ohne Verdrängung; der Wahrheitspunkt (Errettung durchs Bekenntnis des Namens; Umkehr und Rückwandlung ins Symbolum; Bekenntnis als Nachfolge) aber wird erst durch Erinnerungsarbeit (Aufarbeitung des Verdrängten) erreicht: durch den Abstieg in die Hölle (in dem gleichen Prozeß, in dem der Himmel sich aus der räumlichen in die zeitliche Dimension verlagert: vom Oben in die Zukunft, hat die Hölle sich vom Unten in die die Gegenwart beherrschenden Mächte der Vergangenheit verwandelt; oder die obere Welt ist verschwunden, nachdem die untere Welt Macht über die bestehende Welt gewonnen hat).
Der Unterschied zwischen dem europäischen Faschismus und dem arabischen Nationalismus (in Verbindung mit dem islamischen Fundamentalismus) gründet in der unterschiedlichen Stellung beider zum Staat; der Faschismus schließt jene Staatsmetaphysik mit ein, die aus der christlichen Tradition (einschließlich der Trinitätslehre) und ihrer genetischen Beziehung zum modernen Kapitalismus stammt; diese Tradition kennt der Islam nicht. Das christliche Konfessionsproblem ist kein Problem für den Islam.
„… und arglos wie die Tauben“: Meidet die Personalisierung des Bösen.
„Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.“ (Gen. 219f)
. „aus dem Ackerboden“: wie Adam, jedoch ohne den „Lebensatem“ (27)
. „Tiere des Feldes und Vögel des Himmels“: Fische etc?
. „um zu sehen, …“: Gott als Zuschauer (Tiere nicht durchs Wort erschaffen, sondern aus „Ackererde geformt“, dann von Menschen benannt – Konsequenz für Schöpfungslehre und Erkenntnistheorie)
. „aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht“: gilt Namengebung auch hinsichtlich des „Tieres“ aus der Apokalypse (hier braucht es Verstand … – Offb. 1318)? Wird auch die Schlange, der Chaos-Drache vom Menschen benannt, sind auch diese keine „Hilfe, die dem Menschen entsprach“?
. Was ist hier (und bei der Erschaffung des Menschen – Gen. 27) mit dem „Ackerboden“ gemeint? Vgl. 124f: „Dann sprach Gott: das Land bringe alle Arten von lebenden Wesen hervor …“
Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, die dazu dienen, das Prinzip der Selbsterhaltung abzusichern, gegen Reflexion abzuschirmen. -
05.02.91
Die Selbsterhaltung, die das Subjekt in Natur überführt, geht über Leichen: die Natur selbst ist der Leichenberg.
Der Denunziant führt nur die alltäglichen Folgen der Selbsterhaltung in der vom Tauschprinzip beherrschten Gesellschaft, die keiner mehr sieht, aufs deutlichste vor Augen; er ist eine systemimmanente Figur, ohne die unser Rechtssystem nicht funktioniert: der „Kronzeuge“ ist nur eine Konsequenz aus der üblichen Rechtspraxis; ein Zeuge im Startbahnprozeß: Ich bin kein Moral-Apostel, der anderen ins Gewissen redet, aber ich halte es für meine Pflicht, Beobachtungen, die dem Recht zum Zuge verhelfen, an die Ermittlungsbehörden weiterzugeben; sein Gegentyp ist der Sympathisant. In dieses System paßt der „Staatsanwalt“: mit dem Staat als dem Prinzip der Anklage. Der Angestellte ist kein Sympathisant; die Denunziation gehört zu seinen Pflichten, ist ein Teil seines Berufes: er hat Mitleid nicht mit seinem Nächsten, sondern mit der Institution, dem Betrieb, dem Staat, für den er arbeitet: die Identifikation mit dem Aggressor ist das Prinzip seines Selbstverständnisses und seines Handelns. – Ableitung der hierarchischen Struktur der Verwaltung (Modell: Kirche und Heer; Grund der inneren Verwandtschaft beider). -
04.02.91
Mt. 2112ff: … trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und sagte: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein und keine Räuberhöhle.
Sh. Mk. 1115ff (ebenso, nur „Haus des Gebets für alle Völker), Lk. 1945ff (Kurzfassung), Joh. 214ff (Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler … macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle)
Jes. 567: … denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.
Jer, 71ff: …wenn ihr die Fremden, die Waisen und Witwen nicht unterdrückt, unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt … Stehlen, morden, die Ehe brechen, falsch schwören, dem Baal opfern und anderen Göttern nachlaufen, die ihr nicht kennt … Ist denn in euren Augen dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, eine Räuberhöhle geworden? Gut, dann betrachte auch ich es so – Spruch des Herrn.
Sach. 1421: Und kein Händler wird an jenem Tag mehr im Haus des Herrn der Heere sein.
Ps. 6910: Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt; die Schmähungen derer, die dich schmähen, haben mich getroffen. -
03.02.91
Dieser Tage eine Meldung in den Nachrichten: Das israelische Fernsehen bringt jede Nacht live das Bild der Skyline von Tel Aviv; so können die Menschen dort bei einem Raketenalarm in ihren Schutzbunkern direkt den Anflug und evtl. den Einschlag der irakischen Raketen beobachten. Erfüllung der ebenso wahnsinnigen wie makabren Vorstellung (letztlich der Idee des Fernsehens überhaupt): Zuschauer bei der eigenen Vernichtung, zuletzt auch beim Weltuntergang zu sein. – Konsequenzen für eine Kritik der Metaphysik (als Inbegriff der Theoria, der kontemplativen Erkenntnis – auch der Idee der seligen Anschauung Gottes?) und der Transzendentalphilosophie (der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung für den Erkenntnisprozeß).
Selbstzerstörung der Theologie durch die Metaphysik, durch ihren Gegenstands- und Wahrheitsbegriff.
„Das Bekenntnis (zu den USA im Golfkrieg) begründet unsere Glaubwürdigkeit“: Mittlerweile sind Fragen, die durch Vernunft zu entscheiden wären, schon Bekenntnisfragen geworden; steckt darin die deutsche Krankheit, sich gleichsam nur noch von außen: im Spiegel der Öffentlichkeit zu sehen und so jede Äußerung als Bekenntnis vor der Öffentlichkeit (der Weltmeinung, der Geschichte: dem Weltgericht, als das wir in gut hegelscher Tradition das Ende des letzten Weltkrieges erfahren haben) zu bewerten? Geht es hier nur darum, daß andere „uns glauben“ (und so unser Selbstbewußtsein begründen), und nicht darum, daß wir die Souveränität einer Selbstgewißheit gewinnen, die aus der Kraft der Begründung unseres Handelns erwächst?
Die Abdankung des Subjekts vor der Natur (durchs Bekenntnis, durchs Tauschprinzip und durchs Trägheitsgesetz) ist der Grund der Aggression und des Fanatismus: der Mordlust des Existentiellen.
Identität und Gegensatz (Feindschaft) von Welt und Natur, Tauschprinzip und Trägheitsgesetz (Genesis und Geltung). Natur ist der Inbegriff des Anderen der Welt, des Nichtidentischen, des Nicht-Säkularisierbaren; aber dieses Andere, Nichtidentische, Nicht-Säkularisierbare ist durch die Konstituierung und die Geschichte der Welt vermittelt, ist Produkt der Säkularisation. Der Sieg der Welt über die Natur ist ein Pyrrhus-Sieg: der Besiegte ist nicht die Natur, sondern die Welt selber. Der Feminismus vertritt die Natur gegen die Welt.
Läßt sich die Geschichte von Kain und Abel (und dann Set) auf das Verhältnis von Welt und Natur beziehen? Abel (der Hirt) ist der Jüngere, Kain (der Ackerbauer) der Ältere (und nach dem Brudermord der Gezeichnete und ein Städtegründer, der die Stadt nach seinem Sohn Henoch benannte; und in der letzten Generation die Begründer von Technik und Kultur). Die Welt als urgeschichtlicher „Brudermörder“, der Brudermord die Grundlage des Fortschritts. – In der Nachfolge Sets „begann man den Namen des Herrn anzurufen“, sie endet mit Noach (Adam benannte die Tiere, Abel brachte das erste Tieropfer dar, Noach rettet die Tierwelt vor der großen Flut).
Ist der Zeugungsbegriff in der Trinitätslehre ein Indiz ihrer Unwahrheit? Er unterstellt, daß der Sieg der Welt über die Natur erreichbar, ja schon erreicht sei. Der Begriff der Zeugung ist ein Weltbegriff, kein Naturbegriff (oder vielmehr: ein von der Welt usurpierter Naturbegriff)? – Filius meus es tu, hodie genui te? Wie hängt die Zeugung mit dem Zeugen und dem Zeugnis zusammen (das patrimonium mit dem testimonium)? -
02.02.91
Bekenntnis, Welt, Komplizenschaft, Existenz (auch Schicksalsgemeinschaft, Volk): Das Bekenntnis der anderen fordert nur, wer sich seiner eigenen Haltung nicht sicher ist: wer ein schlechtes Gewissen hat, das er mit Hilfe der Zustimmung der anderen verdrängen, aber um keinen Preis aufarbeiten möchte (da er glaubt, die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten, nicht ertragen zu können). Mit anderen Worten: er sucht Mittäter und Komplizen; und wer das Bekenntnis ablegt, erklärt sich dazu bereit. Gründe für eine Erpressbarkeit gibt es viele: bei den Oberen der zu erwartende Gewinn eines Geschäfts, unten die Verantwortung für Frau und Kinder (Beruf, Familie), in jedem Falle sind es Gründe, die man „existentielle Gründe“ wird nennen dürfen, oder auch Gründe der Welterhaltung (im privaten und im politischen Sinne: das Existentielle ist der Existenzfaktor der Welt, dessen Subjekt der Einzelne, ein Staat oder eine andere Gemeinschaftsbindung ist; Ursprung des Begriffs der „Eigentlichkeit“). Der philosophische Existenzbegriff hängt mit dem der transzendentalen Logik zusammen: Glaubensbekenntnis und Schöpfungsbegriff (Konsequenz des Bekenntnissyndroms: von des Erschaffung des Himmels und der Erde zur Erschaffung der Welt; Ursprung der Geschichte der Häresien und des Dogmas).
Wenn nicht mehr Gerechtigkeit die Welt trägt, dann wird das Bekenntnis zu ihrem Einheitsprinzip und zum Grund ihres Bestehens: Der Zerfall des Bekenntnisses löst Erdbeben und Überflutungsängste aus (vgl. Mt 2751).
Wenn Frauen (als Repräsentanten nicht der Welt, sondern der Natur) nicht bekenntnisfähig sind (und nur als Jungfrauen, kraft ihrer Unschuld, heilig werden konnten), so hängt das damit zusammen, daß sie aufgrund ihrer Stellung im System nicht erpressbar sind (was dann merkwürdigerweise von den Männern als Mangel angesehen wurde – vgl. Hegels Wort von der Schuld als der Ehre des großen Charakters!). – An der Formulierung des Dogmas waren keine Frauen mehr beteiligt; aber welche Funktion hatte die Frauen (Mütter?) im Umfeld der Kirchenväter? (Helena, Monika u.a.)
Sind die Frauen das seit Bloch vergeblich gesuchte „Subjekt der Natur“ (und die Männer das der Welt)?
War die Existenzphilosophie die letzte männliche (Bekenntnis-oder Welt-) Philosophie? – Reduziert auf den heroischen männlichen Charakter, die Stummheit und die Komplizenschaft: die Haltung.
Die Konfessionen sind die Endstationen des säkularisierten Christentums: deshalb war hier die Kraft der Häresienbildung verbraucht, erschöpft (Entkonfessionalisierung statt Ökumene). -
01.02.91
Das Existentielle ist die wütende Spitze der Betroffenheit, Verdrängung der Reflexion, zivilisiertes Schamanentum.
Erst wenn die Theologie selbst sich aus ihren double-bind-Fallen befreit, wird ihre Neubegründung möglich sein.
Philosophie als Internalisierung des Schicksals und Instrumentalisierung des Absoluten: das hat der Islam versucht, in Religion zurückzuübersetzen. Der Gott des Islam ist der Schicksalsgott: Versuch, den verinnerlichten Schicksalsbegriff wieder ins Objektive zu wenden, aber das in einer Phase, in der es eigentlich nicht mehr möglich war. Der Islam ist eine kosmologische Religion; er hat die naturwissenschaftliche Aufklärung, die die alte Kosmologie (und deren gesellschaftliches Äquivalent) auf den Kopf stellt, nicht mitvollzogen. Das Christentum hat dann – nach der Rezeption der islamischen Aufklärung – am islamischen Theologie- und Gesellschaftsbegriff festgehalten; es hat die naturwissenschaftliche Aufklärung und die gleichzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen nur hilflos und ohnmächtig aus sich entlassen müssen, ohne sie durch Reflexion aufarbeiten zu können: diese Entwicklung lag im blinden Fleck des nachkonstantinischen und nachislamischen Christentums.
In der griechischen Philosophie macht sich das Subjekt selbst zum imaginären Herrn des Schicksals; es verfällt aber eben damit der Gewalt der Reflexionsbegriffe.
Gottvertrauen kann allein das Vertrauen in die göttlichen Verheißungen sein, aber ist das heute noch möglich?
Der Satz, daß Gott niemanden über seine Kraft vesucht, wird heute, da die Geschichte der Versuchung in einen Engpaß treibt und erstmals die ganze Menschheit umgreift, auf die Probe gestellt.
Die Verarbeitung des Kreuzestodes in der Opfertheologie und deren Realisierung in der Volksfrömmigkeit hat (durch die subjektiv gewendete Leidensmystik, durch den Kult des Selbstmitleids) mehr zur Verdrängung des Ereignisses als zu seiner wirklichen Erinnerung beigetragen. Sie hat uns auf die Täterseite transportiert.
Allein in dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ wurde der Mechanismus durchbrochen, der uns hinsichtlich des Kreuzestodes Jesu auf die Täterseite stellt.
Ist Hephaistos das Objekt des homerischen Gelächters?
Die spezielle Relativitätstheorie hat das Inertialsystem erstmals der Reflexion zugänglich gemacht, es als Grundlage der Reflexionsbegriffe und ihrer Wirksamkeit, insbesondere der Macht der Derealisierung, erwiesen (vgl. den Zusammenhang mit dem Objektbegriff); in diesem Zusammenhang ist die Quantenmechanik, die das kritische Moment des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit neutralisiert, es erneut instrumentalisiert, tatsächlich ein ferner Verwandter, ein später Nachkömmling der Hegelschen Dialektik.
Die Zensur bei der Berichterstattung über den Golfkrieg ist aus militärischer Sicht schon deshalb notwendig, weil dieser Krieg nicht mehr zu führen wäre, wenn wahrheitsgemäß mit der heute möglichen Aktualität über ihn berichtet würde.
Die ganze Adornosche Philosophie ist eine Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.
Der Islam ist die Anpassung der jüdischen Religion an die Bedingungen des Heidentums, unter Fortfall der Opfertheologie. Allah ist der Gott des Erbarmens, er verzichtet jedoch auf die Forderung der Umkehr, an dessen Stelle der Islam, die Unterwerfung tritt. -
31.01.91
Gilt der von Walter Burkert nachgewiesene Zusammenhang von Ritual und Mythos (Wilder Ursrprung, S. 60ff) auch für die Aufklärung und ihren Rückfall in den Mythos? Trägt die neue Barbarei Züge des blutigen Rituals? War die christliche Opfertheologie Produkt einer mißlungenen Kritik der „heidnischen“? Und ist die Kritik dieser christlichen Opfertheologie die notwendige Grundlage der christlichen Selbstbekehrung, der bis heute mißlungenen Umkehr? Ist der Kapitalismus das säkularisierte mythische Ritual (die freie Marktwirtschaft, der Liberalismus, der Mythos zum Ritual der Ausbeutung, der säkularisierten Gestalt des Opfers)?
Ein Mythos, ein Glaube, begründet und begleitet ein Ritual; im Bekenntnis wird der Glaube selbst zum Ritual (Opfer der Vernunft, das reale Opfer nach sich zieht und zugleich verdrängt: unversöhnt exkulpiert). Zusammenhang von Geld (Münzen) und Opfer: der im Opfer vergöttlichte Heros wird auf der Münze verewigt („gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – Münze und Idol, „Götzenbild“, Ursprung der Geldwirtschaft – antike jüdische Münzen? – Begründung des Bilderverbots?).
Das Opfer begründet die Weltordnung (Gewalt, Schuld, Versöhnung; Ambivalenz des Opfers: Entsühnung und Rechtfertigung der Gewalt).
Die Maske verbirgt das Gesicht: leugnet das Antlitz und verwandelt jeden Blick in eine Sicht von hinten (vgl. die Funktion des Personbegriffs in der christlichen Theologie). Porträt als Maske?
„Der Schrecken der Maske soll den Schrecken des Totenreichs, des Dämonensturms bannen.“ (Reinhold Schneider: Winter in Wien, S. 171: „… Die Toten sind böse. Alles ist böse, das nicht die Angst des Lebens teilt. Aber auch die Toten haben Angst. …“)
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“; gehört dazu nicht der andere Satz: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“. D.h. der erste Satz ist kein Kompromiß, sondern von äußerster Radikalität.
Das industrielle Endprodukt heute: Vernichtungspotential und Abfall (Müll). Alles andere, einschließlich des menschlichen Konsums, sind Zwischenstufen. Aber das Vernichtungspotential und der Abfall sind menschliches Vernichtungspotential und menschlicher Abfall. Das Ganze hat sich seit langem angekündigt in der naturwissenschaftlichen Aufklärung (dem sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbild, in dem der Mensch – außer als abstraktes Prinzip der Herrschaft, das durch die Formen der Anschauung dieses Weltbild zusammenhält – nicht mehr vorkommt, und in der davon nicht zu trennenden Kritik des Anthropozentrismus; diese Kritik des Anthropozentrismus dient dabei als Rechtfertigung des allem zugrundeliegenden menschlichen Herrendenkens; und ihre eigentliche Funktion ist die Unterdrückung der wahnsinnigen Idee, daß es vielleicht doch eine Beziehung geben könnte zwischen dem Glück und dem Grund der Dinge: daß es etwas geben könnte, was der Idee des seligen Lebens objektiv entspricht).
Die Idee des seligen Lebens widerspricht jedem autoritären Religionsbegriff, macht die Vorstellung von einer jenseitigen Belohnung für hiesiges Wohlverhalten zu einer contradictio in adjecto, schließt a limine das Opfer der Vernunft aus.
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