Empörung macht gemein (macht den Reflexionsfähigen zum Sympathisanten des Feindes, des Objekts, damit selber zum potentiellen Feind und Objekt) und verstellt den Blick. Dem Empörten verschlägt’s die Sprache. Wut, die innehält und der Selbstreflektion Raum gibt, findet die Sprache wieder, wird zum Zorn. Der Bekenntniszwang raubt die Sprache (substitutiert sie durch Sprachersatz), gibt der Empörung das (pathologisch) gute Gewissen. Endpunkt der babylonischen Sprachverwirrung (Petrus schreibt aus Babylon – 1 Petr.). Das Ich im „Cogito ergo sum“ ist nicht das individuelle des Rene Descartes, sondern das kollektive des Idealismus. Unter Folter sagt der Angeklagte, was der Ankläger/Ermittler hören will (was in sein System paßt). Für die Naturwissenschaften ist das Freund-Feind-Denken ein erkenntnistheoretisches (transzendentallogisches) Apriori; Resultat des Objektivationsprozesses ist die Unterwerfung eines Feindes (und der Erkenntnisprozeß selber trägt paranoide Züge: die Hypostasierung der Natur ist das Ergebnis einer Verschwörungstheorie und der Grund ihrer selbstzerstörerischen Konsequenzen; er wird stabilisiert durch Identifikation mit dem Aggressor: Genese des transzendentalen Subjekts). Gefängnisse als Installationen zur Reproduktion des Klimas der „zweiten Schuld“: Was in den Gefängnissen passiert, wird ebenso wahrgenommen und verdrängt zugleich wie die Kenntnisse von den KZ’s während der Nazizeit (und die der Verhältnisse in der DDR bis vor einem Jahr – jeder weiß, was los ist, und alle blicken weg). Das pathologisch gute Gewissen wächst auf beiden Seiten (seitdem es keine angemessene Beziehung der Strafe zur Tat mehr gibt). Keiner hat die Chance, die doppelte Schuld (die der Tat wie die der Bestrafung) wirklich aufzuarbeiten. – Alle Probleme des Einigungsprozesses werden unlösbar wegen ihres Zusammenhangs mit der zweiten Schuld und der Verblendung.
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18.12.90
Bekenntniszwang, Wut und Selbstmitleid, oder über das Verhältnis des Bekenntnisses zu den Formen der Anschauung (zum Inertialsystem): Das Zwangsbekenntnis befreit, erlöst den Bekennenden ebensowenig wie die Arbeit die unbearbeitete Natur, das rohe Naturobjekt; er erzwingt vielmehr die Anpassung und eine mittlerweile unerträgliche Verdrängungsleistung, die die Grundlage war für die Einbeziehung der Menschen in den Zivilisationsprozeß. Ausdruck und Folge dessen ist die selbstzerstörerische oszillierende Mischung von Wut (nach außen) und Selbstmitleid (nach innen), die die Grundlage bilden für die massenhafte Verbreitung des autoritären, faschistischen Charakters (Reflex des Inertialsystems im Subjekt). Die Wirkungslosigkeit der gesellschaftskritischen Aufklärung ist begründet in der Unfähigkeit, die Natur in diesen Aufklärungs-und Reflexionsprozeß mit einzubeziehen. Die Relativierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die Einsicht in ihre Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Prozeß, vom Prozeß der gesellschaftlichen Naturbeherrschung (in die das naturbeherrschende Subjekt mit verflochten ist), vermag vielleicht den Bann zu lösen.
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17.12.90
Das Bekenntnis war im Anfang das „Bekenntnis des Namens“. In welcher Beziehung steht dieses Bekenntnis zur „Heiligung des Namens“ (z.B. im Herrengebet, aber auch in der jüdischen Tradition, in der die Heiligung des Gottesnamens besiegelt wurde durchs Martyrium). War dieses Bekenntnis von Anfang an ein Formelbekenntnis? Vor wem wurde es abgelegt? Unterschied zwischen dem Bekenntnis vor dem Verfolger und dem vor der kirchlichen Autorität (seit der Abgrenzung von der Häresie; im Rahmen der Dogmenentwicklung: Identifikation mit dem Aggressor)? Seit wann gibt es das Taufbekenntnis? Bei Augustinus war die Aushändigung des Symbolums bei der Taufe noch ein Sakrament; wann trat an die Stelle der Aushändigung an den Täufling das Bekenntnis des Täuflings (an die Stelle der Gnade die Leistung)? Wer war Subjekt des Bekenntnisses: die Kirche oder der einzelne Christ? War das individuelle Bekenntnis (des Märtyrers, des Confessors) nur ein Derivat des Bekenntnisses der Kirche? – Logisches Äquivalent: der Markenname (ein Teil der „theologischen Mucken“ der Warenform? – ist diese logische Beziehung so zufällig?). Zusammenhang von Trägheitsgesetz/materielles Objekt/Naturbeherrschung, Tauschprinzip/Eigentum/Recht und Bekenntnis/Person/Dogma (Kirche als Herr des Bekenntnisses)? Der Konfessionalismus leugnet die Gnade (und die Gottesfurcht). Das Inertialsystem hat eine andere Bedeutung fürs eigene Zentrum, für den Ursprung des I. (Repräsentant des Subjekts), und für das Objekt, auf das es sich bezieht. Das Relativitätsprinzip drückt nur die Äquivalenz von Subjekt und Objekt aus (ähnlich wie das Tauschprinzip die Äquivalenz von Verkäufer und Käufer, von Produzent und Konsument). Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verweist auf die Subjekt-Objekt-Differenz im Inertialsystem. In der malerischen Perspektive hat der Betrachter die Unendlichkeit des Raumes im Rücken; und das Zentrum (der Ursprung) des Raumes liegt im Fluchtpunkt der Perspektive: der Betrachter ist demnach nicht Subjekt, sondern Objekt des Raumes. Hierbei ist der Fluchtpunkt, in dem alle zur Blickrichtung parallellen Linien sich treffen, kein Punkt, sondern die zur Blickrichtung senkrechte Ebene im Unendlichen. Wo trifft eine zur Blickrichtung nicht parallelle und nicht senkrechte Gerade diese Ebene? Was liegt hinter dem Fluchtpunkt? Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Gravitationsgesetz bezeichnen die Grenzen des Inertialsystems (nach innen: im Verhältnis zum Begriff, zum Subjekt, und nach außen: im Verhältnis zu den Naturobjekten). In welcher Wechselbeziehung stehen Licht und Schwerkraft (Licht als Innenseite der Gravitation)? Stehen die resp. Konstanten in einer rationalen Beziehung zueinander? Das Trägheitsprinzip macht Ungleichnamiges gleichnamig: Die physikalischen Unterscheidungsmerkmale (Masse, Konfiguration der Atome und Moleküle) entspringen bei der Verdrängung der realen Differenzen und sind Produkt der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen.
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16.12.90
Der Personbegriff konstituiert sich durch Neutralisierung der „persönlichen Fürwörter“, durch Verdrängung der Differenzen zwischen Ich, Du und Er; das aber heißt: in der Neutralisierung und Verdrängung des besonderen Schuldverhältnisses (der Grundlage dessen, worauf sich das Nachfolgegebot bezieht, und des Verständnisgrundes des parakletischen Denkens) und durch Konstitutierung des allgemeinen Schuldzusammenhangs (abgesichert durch den Weltbegriff). Person ist das Selbst als Objekt: jemand, über den hinter seinem Rücken gedacht und geredet wird. Der Begriff der Person gehört zu der durchs Tauschprinzip definierten Gesellschaft wie der Pass zum Staat (vgl. Brecht: Flüchtlingsgespräche). Person ist das Objekt der Identifikation (durch den Namen, durchs Bild und durch die individuellen Merkmale). Zusammen mit der Einführung des Personbegriffs in die Theologie (in der lateinischen Variante der Dogmenentwicklung) wurde Christus zum Eigennamen (schon im 2. Petrusbrief werden die Begriffe Soter und Christus zusammen verwendet, der des caesarischen Retters, der den hebräischen go’el verdrängt, mit dem des jüdischen Messias, den er dann neutralisiert, überdeckt und verdrängt: Grund der getrennten christlichen Kaiser- und Königstradition). Physei ist thesei: Seit wann gibt es „die Natur“ als Totalitätsbegriff? In der philosophischen und theologischen Tradition wurde Natur als die von Einzeldingen (bis hin zu den zwei Naturen in Jesus) verstanden, in enger Beziehung zum Wesensbegriff. In der griechischen Philosophie (bei Aristoteles) hatten Bedeutung und Funktion dieses Begriffes die Idee einer ungeschaffenen, mit Gott gleich ewigen Welt zur Voraussetzung. Vorausgesetzt war die klare Trennung von physei und thesei: von Natürlichem (als nicht Geschaffenem) und gesellschaftlich Bedingtem. Der logische Zwang dieser Trennung war über den Ursprung des Weltbegriffs politisch vermittelt (in der Geschichte der orientalischen, ägyptischen, hellenistischen und römischen Staatsidee). Der moderne Naturbegriff dagegen hat das entwickelte Bürgertum zur Voraussetzung. (Das biblische Herrschaftsgebot: Macht euch die Erde untertan, bezieht sich nicht auf die Natur – es ist nicht imperialistisch -, sondern auf die Erde: Es schließt den/die Himmel nicht mit ein; erst das kirchliche Christentum hat versucht, auch den Himmel sich untertan zu machen, und damit die Voraussetzungen für den totalitären Naturbegriff und eine grenzenlose Naturbeherrschung geschaffen.)
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15.12.90
„Oder wird das All wieder in sich zusammenstürzen, so daß unsere Nachkommen, gleich einem Astronauten, der in ein schwarzes Loch stürzt, das Firmament buchstäblich auf den Kopf fällt, und ein Feuerball wiederentsteht, wie der, aus dem das Universum hervorgegangen ist.“ (Martin J. Rees: Expandiert das Universum immer weiter? in Lettre International, Heft 11, IV.Vj./90, S. 78) Kann es sein, daß die Theorie des „Schwarzen Lochs“ nur die Tatsache, daß der Himmel in der Nacht dunkel und die Zahl der sichbaren leuchtenden Sterne begrenzt ist (Olberssches Paradoxon), und das Faktum des Firmaments (des tagsüber „blauen Himmels“) erklärt?
Gegen das periodische System der Elemente und die daraus gezogenen kosmologischen Schlüsse (Weizsäckers Konzept der Entstehung der Sonnenenergie; Vorstellung, daß die gesamte Materie aus der „einfachsten“ Atomstruktur, der des Wassestoffs entstanden sein muß): Stimmt eigentlich die konzeptionelle Voraussetzung der Trennung von Raum, Zeit und Materie (Inertialsystem)? Wird unter dem Begriff der Materie (durch ihre Beziehung zum Trägheitsgesetz) nicht Ungleichnamiges gleichnamig gemacht (wie unter der Herrschaft des Tauschprinzips die Waren im Warenkosmos)? Käme es nicht eher darauf an, das Ungleichnamige wiederzuentdecken? -Die spezielle Relativitätstheorie hat hinsichtlich der Tragweite Vorrang vor der allgemeinen: Sie rührt an den begrifflichen Ursprung, ans transzendentale Apriori der Physik.
Zur Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: Hier lassen sich vielleicht Aufschlüsse aus der Interpretation der Planckschen Strahlungsformel (der Grenze der molekularen Wärmetheorie) erwarten.
Das Bekenntnis zu einer Sache war notwendig (und wurde erfunden), als niemand mehr an die Sache glaubte und deshalb die Glaubenden sich der Bestätigung durch andere versichern mußten (das gilt fürs Trinitätsdogma wie für den Sozialismus). Bekenntnisinhalte sind an bestimmte historische Situationen gebunden, dogmatisiert werden sie, wenn sinnwidrig ihre Geltung über den vergangenen historischen Punkt hinaus: wenn ihre überzeitliche Geltung behauptet wird.
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12.12.90
Der Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung und der der polit-ökonomischen Entwicklung sind ein Index für den Stand der „Welt“-geschichte (im Sinne der Geschichte der Welt: der Säkularisation, der Herrschaft). Die Vorstellung, daß die Welt eine statische, in der Zeit sich nicht verändernde Struktur besitze und nur unsere Erkenntnis der Welt sich im Sinne einer immer größeren Annäherung an die Wahrheit sich ändere („fortschreite“), verdrängt den massiven, brutalen Eingriff durch den parvus error in principio, den imgrunde seit je politischen Weltbegriff und die Geschichte der Konzeption des Materie-, schließlich des Trägheitsbegriffs; sie verdrängt das Herrschaftsmoment in der Struktur dieser Welterkenntnis. Und diese Verdrängung ist der Grund für die Blindheit hinsichtlich der Funktion und Bedeutung des Tauschprinzips in diesem Prozeß.
Eric Voegelin verfällt selbst dem, was er die gnostische Revolution nennt: wenn er den Gnosis-Begriff instrumentalisiert, ihn als Waffe gegen revolutionäre Bewegungen verfügbar macht. Dies ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, daß der Kampf gegen einen Feind (die „gnostische Revolution“ als das „absolut Böse“) zwangsläufig in den Netzen der Identifikation mit dem Aggressor sich verfängt (oder auch: projektive Züge annimmt; das Fatale der christlichen Höllen- und Teufels-Vorstellung liegt in den Konsequenzen der Verletzung des Gebots der Feindesliebe).
Hobbes‘ These, daß der Friede mit dem Mitmenschen zu den wichtigsten politischen Grundsätzen gehört (Voegelin, S. 212), rührt an einen in der Tat wichtigen Punkt (an den Grund der Notwendigkeit von Gewaltfreiheit): die Welt und die Menschen in ihr stehen in einer Wechselbeziehung, die grundsätzlich den Gebrauch von Gewalt beim Versuch der Weltveränderung ausschließt. Gewalt gehört zu den Konstituentien der Welt und bestätigt und verhärtet sie. Wer Gewalt gebraucht, macht sich mit der Welt gemein, die er zu bekämpfen glaubt. Der einzige Ausweg ist der der Arbeit an der Auflösung des Schuld- und Verblendungszusammenhangs: der Aufklärung. Die Welt gründet in den Köpfen der Menschen (und zwar aller Menschen: der Menschheit), während die subjektiven Konstituentien der Welt zugleich objektive Realität besitzen, unabhängig sind vom Anschauen und Denken der einzelnen Menschen.
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11.12.90
Natur ist ein Weltbegriff (ein Begriff, der vollständig abhängt von den transzendentalen Konstitutionsbedingungen der Welt) und in theologischem Zusammenhang nicht zu gebrauchen. Natur usurpiert den Schöpfungsbegriff, ist mit der Vorstellung eines zweckmäßig (als Vorsehung) handelnden innerweltlichen Subjekts verbunden. Anders wäre Leben (als Teil der Natur – nicht nur unter Bedingungen der Natur) nicht zu begreifen. Dagegen die Vorstellung Horkheimers (in der DdA), daß die Tiere an ein Unglück in der Vorzeit erinnern. – Es ist in der Tat ein Unterschied, ob das Leben als „von der Natur“ hervorgebracht oder unter Naturbedingungen sich entwickelnd vorgestellt und begriffen wird. Die Anwendung des Naturbegriffs auf theologische Gegenstände und Zusammenhänge ist (nach der epochalen Entdeckung Franz Rosenzweigs) nur im Kontext der Umkehr (im besonderen Verhältnis des Mythos zur Offenbarung) möglich.
Mit dem Radikalenerlaß und mit der späteren Sympathisanten-Hatz begann die mehr oder weniger sanfte faschistische Umkehrung der öffentlichen Meinung in der BRD; seitdem hat dieses moralische Klima (die Kohlsche ingeniöse Konsequenz daraus: das Aussitzen moralischer und politischer Probleme) wirtschaftlich und politisch nur noch Erfolge gebracht und ist dadurch fast unangreifbar geworden. Unangreifbar vor allem auch deshalb, weil es unmittelbar an kirchliche Traditionen (insbesondere der Ketzer-und Hexenverfolgung) anknüpfen konnte.
Tentari non patitur Deus suos supra id quod possunt. 1 Kor. 1013, 2 Petr. 29, Offb. 210.
Was bedeutet im NT das Bekennen (homologein) des Namens Jesu? Hat das Bekennen etwas mit der Nennung des Namens im Sinne des Ansprechens, des Aufrufens zu tun?
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09.12.90
Die Reflexion des Bekenntnisses ist das Zentrum der kritischen Selbstverständigung (und Selbstbegründung) des Christentums; sie ist sowohl Inbegriff des Neuen, Befreienden, als auch Ansatzpunkt für die Selbstinstrumentalisierung: Verwandlung in ein Herrschaftsinstrument; Ursprung der Instrumentalisierung der Natur; Zusammenhang mit dem Weltbegriff. – Gegenstand des Bekenntnisses ist das Bekannte? Säkularisation des Bekenntnisses durch die Formen der Anschauung, durch die Mathematik, die in der historischen Auseinandersetzung mit der Natur diese Natur ähnlich repräsentieren wie das Bekenntnis die Kirche. Oder: Das Zwangsbekenntnis leistet am Subjekt die gleiche Entrealisierung und Entsinnlichung wie die Formen der Anschauung (das Inertialsystem) und die daraus abgeleiteten Strukturen der Mathematik an der Natur. Die Person als Träger des Namens ist das Produkt der Zurichtung zum Objekt des Urteils (vom Tratsch übers Recht bis hin zur Theologie), der Instrumentalisierung, der Verwaltung.
Ebenso wie die Person den individuellen Menschen neutralisiert das Bekenntnis (der vom Wissen getrennte anstatt sein Verhältnis zum Wissen reflektierende Glaube) seinen Gegenstand, seinen Inhalt. Die Person (als Gegenstand hoffnungslosen Wissens) muß sich ihre Taten als feste Eigenschaften zurechnen lassen: wer gestohlen hat, ist ein Dieb, wer gemordet hat, ein Mörder. Nur durch ihr vergangenes Handeln und ihr Leiden kommt die Person zu Eigenschaften, Qualitäten; diese sind Urteile über ihre Vergangenheit. In der Theologie ist es denn auch das Handeln und Leiden, das die Unterscheidung der Personen in der Trinität begründet: der Zeugende und der Schöpfer der Welt ist der Vater, der Gezeugte und in die Welt Ausgesandte (und zur Hölle, zum Ziel des Sündenfalls, Abgestiegene) der Sohn, der von beiden Ausgehende und der das Antlitz der Welt Erneuernde der Hl. Geist (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft; Glaube, Liebe, Hoffnung?). Und am Ende, wenn der Sohn sein Rettungswerk vollendet hat, wird Gott alles in allem sein: werden mit der „Welt“ auch die Personen in Gott untergegangen sein. (Die Trinitätslehre besteht ebenso wie ihr Tradent, das „Welt-„Priestertum und die Hierarchie: die organisierte Kirche, solange, wie die Welt besteht.)
(Die Welt der Kinder ist die private Welt der Familie. Und für die Kinder ist es auch der Vater, der durch seine außerweltliche Tätigkeit diese Privatwelt gleichsam ex nihilo erschafft, jedenfalls ihr absoluter Herr ist. Nur die Mutter ist in der Privatsphäre physisch anwesend, der Vater ist ihr transzendent. – Das orthodoxe Urteil über die Häresie als Abweichung orientiert sich an diesem Modell.)
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08.12.90
Zusammenhang von Essen („Gericht“), Inertialsystem (orthogonales, gerichtetes System: Bedeutung der „Orthodoxie“), Herrschaft des Tauschprinzips: diese Welt (als Produkt) ist das Gericht. Das Gericht ist, bezogen auf die Dingwelt, der Inbegriff der Vergängnis, der Vernichtung. Arbeit als Befreiung (durch Tod und Auferstehung der rohen Natur) und Exkulpation (Befreiung von Schuld, Selbstverteidigung: Folge des Sündenfalls).
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07.12.90
1 Kor. 1126,29,32: „Sooft ihr dieses Brot esset und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.“ – Zusammenhang von Essen und Gericht. – „Wenn wir jedoch vom Herrn gerichtet werden, dann werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verdammt werden“.
ebd. 124-5: Kyrios-Christologie setzt den Geist als Parakleten frei (ein Geist, ein Herr, ein Gott).
ebd. 141ff: Prophetie: für die Gemeinde; Sprachen reden: für Gott und für sich selbst; Sprachen auslegen: für die Gemeinde.
ebd. 1522: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle auch das Leben haben.“
ebd. 1524-28: „…, nachdem er alle Herrschaft, Gewalt und Macht vernichtet hat. … Als letzter Feind wird dann der Tod vernichtet … Dann wird auch der Sohn sich selbst dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, auf das Gott alles in allem sei.“
ebd. 1556: „Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber das Gesetz.“ Nach Elaine Pagels (Versuchung durch Erkenntnis, S. 180f) entstammt das griechische Wort für Sünde (hamartia) dem Umkreis des Bogenschießens und bedeutet wörtlich das „Verfehlen des Kennzeichens“. Die Sünde ist somit nicht ein bewußtes und gewolltes falsches Tun, sondern ein Unvermögen, ein Mißlingen. Nur vor diesem Hintergrund wird deutlich, was Gottesfurcht, was Gnade und was Erlösung bedeutet.
Zum Hebräerbrief nachlesen, welche Aufgaben, Bedeutung und Funktion der „Hohepriester“ hatte?
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05.12.90
Materialismus als Errettung des Vergangenen.
Die Virulenz der Gemeinheit gründet in der ebenso realen wie paranoiden Vorstellung, daß, wer überleben will, mit den Wölfen heulen muß: die projektive Vorstellung, daß die Schlechtigkeit in der Welt überwiegt, wird als Rechtfertigung der eigenen Schlechtigkeit verwandt. Gemeinheit ist ein Selbstläufer: Modell des perpetuum mobile (allerdings mit eigenem Entropiegesetz). Das Bessere zieht die Wut auf sich, weil es die Selbstrechtfertigung (das pathologische gute Gewissen) untergräbt. Nicht zufällig sind die Einrichtungen des staatlichen Gewaltmonopols: der Justiz, der Verbrechens- und Kriminalitätsbekämpfung (einschließlich des Staatsschutzes), der Strafermittlung, des Strafrechts und des Strafvollzugs besonders anfällig für dieses paranoide Syndrom (die paranoide Staatsmetaphysik, die beispielsweise in dem Amtstitel des Staatsanwalts sich ausdrückt); hier ist eine besonders virulente Quelle der Gemeinheit (der verfolgenden Unschuld).
Der Rechtsbegriff in Begriffen wie Menschen- oder Christenrechte verhält sich zu dem des staatlichen und auch des kirchlichen Rechtsinstituts wie der der Offenbarung zu dem des Mythos, wie Befreiung zu entfremdeter Herrschaft. Die Bekehrung des Rechts steht – wie auch die der Christen – noch aus.
Vgl. Elaine Pagels Ausführungen über die Ausbildung autoritärer Strukturen in der Kirche in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Gnosis (Versuchung durch Erkenntnis). Das proton pseudos war, daß dem gnostischen Versuch einer experimentellen Theologie dogmatische und bekenntnishafte Strukturen und Bedeutung (Anspruch auf gegenständliche, gleichsam physikalische Wahrheit) unterstellt wurden. Die Kirche hat seit Beginn an einem Wahrheitsbegriff festgehalten, der automatisch in den Dogmatismus (und in seiner Folge in die naturwissenschaftliche Aufklärung, in den Prozeß der Naturbeherrschung durch Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Natur): m.a.W. ins Herrendenken, in paranoide Zwänge (Kriterien: Antijudaismus, Ausgrenzung und Verfolgung der Häresien, Sexismus) hineinführte.
Gilt das Abendmahl nur für die autoritär und hierarchisch organisierte Männerkirche (für eine Kirche, die mit Antijudaismus, Ketzerverfolgung und Sexismus leben muß)? – Zusammenhang mit dem Nahrungsgebot nach dem Sündenfall?
– Brot und Wein
. Brot, Gen. 319, Joh. 622-66, Lev. 2626, Ps. 10516, Ez. 416, Ex. 121-1316, Joh. 1914, Ps. 7825
. Brotbitte Mt. 61,
. Brotbrechen Lk. 2435, Apg. 242,
. Brotvermehrung, Mt. 1413-21
. Kana
– Dornen und Disteln: Gen. 318, Ex. 31ff
– Abendmahl: Mt. 2617, Mk. 1412, Lk. 227, Joh. 622-66, 657, 131, 151, 1934, Apg. 242, 1 Kor. 1021
– Melchisedech: Gen. 1418, 2 Sam. 59, Hebr. 71-3
– Abraham/Isaak: Gen. 221ff
– Passah/Exodus: Ex. 12
– Propheten
– Tempelopfer.
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03.12.90
Ist es gnostisches Erbe, wenn nach dem Ende der Märtyrerzeit das Bekenntnis und die Jungfräulichkeit zu Symbolen der Erlösung (der männlichen und weiblichen Heiligkeit, der Tilgung der Sünde Adams und Evas) werden? – Gehören das Bekenntnis und der Ursprung der christlichen Sexualmoral zusammen? Lassen sie sich (zusammen mit der Dogmenentwicklung) aus der Enttäuschung der Parusieerwartung ableiten? Sind beide notwendige Momente der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der (seitdem, ohne es zu wissen, imperialistisch instrumentierten) Theologie? Ist der Grund der (in Philosophie und Politik) undurchschaute Zusammenhang von Subjektivität und Konstitution der Welt (Ursprung der instrumentellen Vernunft; Bekenntnis und Sexualmoral als Bedingungen der gesellschaftlichen Naturbeherrschung: Zusammenhang mit Magie-Verbot)? Vorstufe der Verflechtung von Mythos und Aufklärung (Beginn der „Neuzeit“) ist die von Magie und Aufklärung („Mittelalter“; Bedeutung der Hexenverfolgung). Das Sakrament (die Geschichte des Sakraments) als Erbe und Rationalisierung der Magie und mimetische Vorstufe der technischen Naturbeherrschung.
Zur Konstruktion der Gemeinheit: Daß die Erlösung auch die Vergangenheit (und die Natur) befreit, kann heute nicht mehr vernünftig unterstellt werden; aber handeln, ohne gemein zu werden, kann man nur, wenn man so handelt, als ob von unserm Handeln auch das Schicksal des Vergangenen und der Natur abhinge. „Auch die Toten haben Anspruch …“ (Walter Benjamin)
Theologie im Angesicht Gottes („Wahrheit als Gebet“ – „Allein den Betern kann es noch gelingen …“): kann Geschichte der Theologie „hinter SEINEM Rücken“ nicht ungeschehen machen, muß sie mit aufarbeiten (eine der Bedingungen einer Theologie nach Auschwitz).
Adornos Satz „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer Unrecht“ anwenden als Grundsatz einer Erkenntnistheorie; Konsequenz aus Rosenzweigs spekulativem Gebrauch des Begriffs der Umkehr. Besonderer Charakter moralischer Grundsätze: sie sind Grundsätze nur fürs Handeln, nie fürs Urteilen („Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“). Zusammenhang mit den Begriffen Versöhnung und Schuld und deren erkenntniskritischen Konsequenzen. Das rhetorische „Ich würde sagen …“ drückt diesen besonderen Takt aus (die Anerkennung und Berücksichtigung des Zusammenhangs von Urteil, Schuldprojektion und Vergegenständlichung), daß man dem anderen nicht vorschreiben kann, was er sagen (als wahr anerkennen) muß, daß man nur – unter Beachtung des eigenen derzeitigen Erkenntnisstandes – sagen (als wahr anerkennen) würde, wenn man an seiner Stelle wäre.
Wer einem Betroffenen Tratsch zuträgt, löst Streit aus. Anwendung auf eine Theorie des Ursprungs der Gemeinheit (Öffentlichkeit hinter dem Rücken des Betroffenen ist auch Öffentlichkeit für den Betroffenen). Das Hinter-dem-Rücken-Reden ist nie harmlos, wenn es nicht so geschieht, als wäre der Betroffene anwesend.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie