• 06.09.90

    Das Volk ist der Inbegriff der kollektiven Selbstverachtung (ein reiner Objekt-, kein Subjektbegriff; ohne die Kraft der Selbstbezeichnung): Urteile werden nicht selten deshalb „im Namen des Volkes“ gesprochen, weil damit die Verantwortung für das Urteil zum Verschwinden gebracht wird (Verantwortungslosigkeit als conditio sine qua non des Richtens).

    Das Volk ist eine Schicksalsgemeinschaft, deren Exponent ist der Held. Das Volk ist eine Masse von Helden.

    Das Volk ist die konkrete Erscheinungsform der Masse, da es das im Begriff der Masse enthaltene und zugleich verdrängte Konstitutionselement mit benennt: das Moment der Erhebung (Empörung) über die Masse, durch das sie zur Masse erst wird; das Volk ist Masse mit dem Bewußtsein der „Eigentlichkeit“, ohne das es Masse nicht gibt (die Eigentlichkeit ist eine Kategorie des verdinglichten Daseins, und die Philosophie der Eigentlichkeit ist aus inneren Gründen „völkisch“).

    Die Unterscheidung von laos und ethne, populus und gens gibt es im Deutschen nicht: Im Deutschen ist das Volk ein reiner Allgemeinbegriff, der eine davon unterschiedene Selbstbenennung nicht kennt, der sich selbst gleichsam immer schon von außen, als fremdes Volk begreift; deshalb ist im Deutschen die Wendung „Wir Deutschen“ nicht unüblich.

  • 05.09.90

    Die Differenz zwischen Benjamin und Adorno läßt sich anhand ihrer Beziehung zur Kunst aufzeigen: Benjamin sucht Philosophie und auch Theologie durch Kritik der Kunst zu konstituieren, während Adorno die ästhetische Erfahrung, die Sensibilität des produzierenden Künstlers in die Philosophie mit hereinnehmen, durch Reflexion zur Philosophie erheben möchte. Die Grenze wird bestimmt durch das Verhältnis zum Mythos: Benjamin will die Philosophie aus der Kritik des Mythos, zu dem er auch die Kunst zählt, gewinnen, während Adorno die Kunst selber als antimythisch begreift, sozusagen als auf dem Wege zur Erkenntnis, und er diesen Weg in der Philosophie nachvollziehen will.

    Bedeutung der Philosophie des Islam für die Neubegründung der Philosophie in Europa: Eine Reihe von Themen und Motiven, die in der europäischen Scholastik unmotiviert und wie aus heiterem Himmel erscheinen, sind in der islamischen Philosophie noch sehr deutlich im Zusammenhang und in ihrem historischen Ursprung zu erkennen. Eine Arbeit, die noch zu leisten wäre. Insbesondere die Engel- und Dämonenlehre, die im Islam noch direkte Beziehungen zum Mythos und zur Naturphilosophie (speziell zur Astrologie) aufweisen, wären zu untersuchen. Hinzu kommt: der Islam läßt sich wahrscheinlich als die konsequente Remythisiserung der Offenbarungsreligion beschreiben. Eine ganze Reihe von Kompromißbildungen, die hierbei notwendig waren, sind in die Scholastik bei gleichzeitiger Verdrängung ihres historischen Ursprungs mit übernommen, hierbei aber nicht wirklich aufgearbeitet worden. Ist das Problem des Islam vielleicht überhaupt erst dann lösbar – und ist insofern auch die Summa contra gentiles neu zu schreiben -, wenn die christliche Theologie durch das Purgatorium der Mythoskritik hindurchgegangen ist.

    Die merkwürdige Stellung der Rechtsgelehrten im Islam, die ja doch wohl eine gleichrangige Bedeutung neben den Theologen haben: Ist die hierdurch bestimmte Form der Objektivität der theologischen Wahrheit, die dann von der Scholastik rezipiert wurde, das verhängnisvollste islamische Erbe des Christentums (Produkt der islamischen Aufarbeitung der griechischen Philosophie)? Der Islam ist sozusagen vor der Verinnerlichung und Vergegenständlichung des Daimon und des Schicksals zurückgeschreckt und hat sie wieder nach außen versetzt. Das ist in die Konstruktion der islamischen Naturphilosophie, die insoweit mythisches Erbe übernimmt und den Schritt in die gesellschaftliche Naturbeherrschung durch Instrumentalisierung nicht mitvollzieht. Diese merkwürdige Vorstellung: Allah ist nur der Höchste der Götter; die Engel sind gottähnliche Wesen, Repräsentanten der alten mythischen (Sternen-)Götter; die sublunarischen Dämonen sind offensichtlich Repräsentanten der alten Stammesgötter, von denen nach islamischer Auffassung einige sich zum Islam bekehrt haben.

    Zur Konstruktion des göttlichen Zorns: Hat er kein Objekt mehr oder hat er noch kein Objekt?

    Der Staat, wenn er selbst sich getroffen fühlt, wie im Falle der Terroristen-Verfahren, vergißt alle rechtlichen Selbstbeschränkungen und fällt in die finsterste Vergangenheit der Blutrache zurück.

    Nicht Zwangsbekenntnis, sondern: Säkularisation des Bekenntnisses, Unterwerfung des Bekenntnisses unter Weltbedingungen, die zwangsläufig zur Umkehrung und Vernichtung seiner ursprünglichen Intention führt.

    Die nationale Besoffenheit soll den Heiligenschein liefern für den Reibach, den die BRD-Wirtschaft in der DDR machen will (wie schon einmal die deutsche Wirtschaft in den Arisierungs-Verfahren vor einem halben Jahrhundert: auch damals gab es eine Treuhandstelle).

    Rüstungsindustrie, Entwicklungshilfe, Agrar-Marktordnungen, Energie-Forschung, überhaupt die Großprojekte der naturwissenschaftlichen Forschung (Grundlagen-Forschung), nicht zu vergessen: der Gesundheitsbereich und die Chemische Industrie: Schwerpunkte der westlichen Ökonomie sind längst zu mehr oder weniger verdeckten Subventionsbereichen geworden, wobei die Namensgebung und die nach draußen vertretenen Ziele mittlerweile fast durchgehend Orwellschen Sprechregelungen unterliegen (Beispiel; Kriegs-/ Verteidigungsminister). Die Umkehrung der Beweislast für den, der versucht, die Dinge beim Namen zu nennen, ruht auf öffentlichen (gesamtgesellschaftlich induzierten) Verdrängungsleistungen, die nur an den dafür notwendigen paranoiden Projektionen zu erkennen ist – Modell der Kohlschen Sprachstrategie.

    Der Logos, der an die Stelle des ursprünglich Messianischen trat, als die Naherwartung enttäuscht wurde, war das Indiz für die Veränderungen, die dann im religiösen (und später politischen) Bekenntnisbegriff sich entfaltet haben. Das spekulative Verhältnis Gottes zur Schöpfung, für das der Logos seit Philo und dem Evangelisten Johannes einsteht, hat sein gesellschaftlich-politisches Pendant in der Verwaltung. Nicht zufällig waren die Logos-Spekulationen verbunden mit den Spekulationen über die Engel-Hierarchien, die die Organisation des Kosmos repräsentierten; nach ursprünglicher Auffassung war der Logos selber ein Engel (vgl. Werner: EdChD).

  • 03.09.90

    Auswirkung des Bekenntnissyndroms auf die Sprache; Zusammenhang mit der subjektiven Etablierung des Staats, seiner Verankerung im Subjekt, und dem Ursprung des Tausch- und des Trägheitsprinzips (mit der Geschichte der Naturbeherrschung).

    Der Islam, die Lichtmetaphysik, die Erfindung der 0, die Lokalisierung der aktiven Vernunft in der Mondsphäre und die Furcht vor der Emanzipation (Furcht vor der Aufklärung – Bedeutung der Entdeckung des Infinitesimalprinzips: Ursprung des Ursprungsbegriffs).

    Konstruktion des Staates; Aufbau auf dem Gewaltmonopol, dem Verbot der Selbstjustiz; Auswirkung auf die Struktur des Subjekts, Zwang zur Verarbeitung der Ohnmachts- und Angsterfahrung; Zusammenhang mit dem Bekenntnissyndrom.

  • 02.09.90

    Die Abschaffung der Todesstrafe rührt an die Grundlagen des traditionellen Christentums: Die Opfertheologie als Instrumentalisierung des Kreuzestodes, die notwendig war zur Begründung und Rechtfertigung des Staates (mit dem Erfolg, oder auch um den Preis, daß sie die Gläubigen von der Nachfolge-, Märtyrer- und Opferseite auf die „Glaubens-„, „Bekenner-“ oder Täterseite transportierte), war seit je verbunden mit der Rechtfertigung der Todesstrafe, die nicht zufällig besonders exzessiv in der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung angewandt wurde. – Aber heute gibt es bereits schlimmere Strafen als die Todesstrafe, mit der Tendenz der Verlagerung der Strafe vom Ende (vom Urteil) an den Anfang des Rechtsverfahrens (in den Ermittlungsbereich): Anwendung von Folter, Isolationshaft, Einschränkung der Verteidigung. – Theologische Konsequenzen daraus? Kafkas Grunderfahrung des „Angeklagten“ verschärft sich zur Erfahrung, nicht mehr nur angeklagt, sondern schon vor jeder Ermittlung verurteilt zu sein (Präzisierung des Begriff des Vorurteils). Was die Nazis an den Juden erprobt haben, wird heute fast in aller Welt an den „Staatsfeinden“ mit der gleichen paranoiden Rationalität exekutiert.

  • 01.09.90

    Einbruch der Welt in den zentralen Bereich der Theologie: Das säkularisierte Bekenntnis fordert nur, wer selbst verdrängen muß; und das geforderte Bekenntnis soll gerade (durch Projektion) mithelfen, die Verdrängung zu stabilisieren. Der empörten Selbsterhöhung des Fordernden entspricht die Unterwerfungsforderung, die an den Adressaten des Bekenntniszwangs ergeht. Deshalb die Wut, die eine Weigerung, dem geforderten Bekenntnis zuzustimmen, regelmäßig auslöst. Die Psychodynamik des säkularisierten Bekenntnisses (des Bekenntniszwangs) weist auf dessen Ursprung zurück: die Etablierung des Staats, die Anerkennung des (göttlichen) Herrschers, im Subjekt die Organisation des (männlichen) Ödipuskomplexes, die Verinnerlichung des Zwangs und des Opfers, mit einem Wort: den römischen Kaiserkult. Etwas von der Drohung, die Verweigerung eines geforderten Bekenntnisses werde als Majestätsbeleidigung geahndet, steckt in jedem Bekenntniszwang.

    Titelvorschlag: (Theologie und) Herrendenken.

    Projektion

    oder

    Modell unserer Beziehung zur dritten Welt?

    „Ja wol, sie halten uns Christen in unserem eigenen Land gefangen, Sie lassen uns erbeiten im nasen schweis, gelt und gut gewinnen, Sitzen sie die weil hinter dem Ofen, faulentzen, pompen und braten birn, fressen, sauffen, leben sanfft und wol von unserem ererbeiteten gut, Haben uns und unser güter gefangen durch jren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir erbeiten und sie faule juncker lassen sein, von dem unsern und in dem unserm, Sind also unsere HErrn, wir jre Knechte mit unserm eigen gut, schweis und erbeit, fluchen danach unserm HErrn uns zu lohn und zu danck. Solt der Teufel hie nicht lachen und tantzen …“ Luther: Von den Juden und ihren Lügen. Zit. nach R. Hilberg, S. 23.

    Modell der Terrorismus-Gesetzgebung:

    „Wenn ein Jude einen Christen angreift oder tötet, steht ihm keine Gegenrede zu, sondern er muß stillschweigend Recht über sich ergehen lassen, da er als Verfolger Gottes und Mörder am Christentum keinen Anspruch auf christliches Entgegenkommen hat.“ Salzwedeler Stadtrecht im 15. Jhdt., zit. ebd.

  • 31.08.90

    Das transzendentale (idealistische) Subjekt ist

    – die Einheit von Herr und Knecht (die gerichtete richtende Instanz, „Teufel und arme Seele zugleich“),

    – Produkt und Substrat der Empörung (im theologischen Sinne),

    – Grund der Dialektik in Philosophie und Geschichte,

    – der blinde Fleck der Theologie (der etablierte Atheismus),

    – die Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird,

    – Schlüssel des Totenreichs („Vorlaufen in den Tod“ als Entschlossenheit und Grund der Eigentlichkeit – Heideggers Fundamentalontologie als Versuch, die ausweglose Erfahrung der verdinglichten Welt von innen zu beschreiben),

    – Subjekt der „Sorge“ (Sorge als vom Herrendenken nicht abzulösende Quelle des Selbstmitleids; ursprüngliche Akkumulation des Herrendenkens und des Objektivationsprozesses gründet im Selbstmitleid: no pity for the poor).

    Die Physik macht aus einem Akzidenz eine Substanz: Sie unterwirft die Dinge der Herrschaft der Zeit (der Vergangenheit).

    Alle denunziatorischen Begriffe in „Sein und Zeit“ sind projektiver Natur: sie treffen die eigene Intention und den Inhalt des Werkes.

  • 30.08.90

    Öffentlichkeit und Schuld: Das säkularisierte Bekenntnis, die Logik der Öffentlichkeit (Schuld = Erwischtwerden, abhängig von der Beweisbarkeit, vom rechtlichen Nachweis) und der Ursprung der Wissenschaft (des Objektivationsprozesses): das säkularisierte Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) will dem Glauben die Form der Gegenständlichkeit und des Wissens aufzwingen (Klima, das ein wirkliches Bekenntnis: nämlich sowohl das Schuld- als auch das Liebesbekenntnis ausschließt; Bekenntnis nur möglich, wenn man geliebt wird): Projektion ins Vergangene; Zwangsbekenntnis schafft double-bind-Situation, macht verrückt; „Realität“ heute psychotisch; Verhältnis zur Schuld: Blasphemie.

  • 27.08.90

    Der Rechtfertigungszwang (Bekenntniszwang) verändert auch das Gerechtfertigte (den Inhalt des Bekenntnisses): den Glauben, den man verteidigt (bekennt). Das wird deutlich an den Äußerungen jenes Anhängers Lefebvres, der die Wiedereinführung der Inquisition forderte und im Zusammenhang damit auch die Todesstrafe rechtfertigte. Zum apologetische Grundzug der Orthodoxie heute gehört offensichtlich auch die Erfahrung, daß eine Verteidigung der Lehre ohne die Hilfe äußerster Rechtsmittel wie Inquisition und Todesstrafe nicht mehr möglich ist. Zugrunde liegt eine Ohnmachtserfahrunmg, die sich anders nicht mehr zu helfen weiß. – Aber ist diese Ohnmachtserfahrung nicht doch real begründet? Und sind nicht die Anpassungstendenzen der modernen Theologie weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Flucht vor dieser Ohnmacht?

    Das „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ ist die schärfste Kritik am Bekenntnis-Christentum. Das christliche Bekenntnis bedurfte seit je des Pharisäers als Verdrängungshilfe und Projektionsfigur, um die damit verbundenen Schuldgefühle loszuwerden.

    Wie hängen die Begriffe Bekenntnis und Symbolum zusammen? War das Bekenntnis der Vollzug einer Identifikation mit dem Aggressor, und der Formel-Inhalt das Zeichen (Symbol) dieser Identifikation?

    Der theologisch-soziale Doppelsinn des Opfer-Begriffs ist ein Hinweis darauf, daß das eigentliche Opfer das soziale und nicht das kultische ist. Das kultische ist nur die zugleich verdrängte Deckerinnerung ans soziale Opfer. Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will Ich, nicht Opfer“ drückt genau das aus.

    Sind die Christen (die Katholiken) Gottesfresser? – Durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie steigern wir die Last anstatt sie mitzutragen (Umkehr des Nachfolgegebots). Die Projektion auf die Juden im christlichen Antisemitismus (in der christlichen Judenfeindschaft) ist die genaue Folge davon, ist die projektive Verarbeitung, die nicht zufällig in Auschwitz endet.

    Gläubige Theologie wäre Theologie im Antlitz Gottes, hieße Theologie so betreiben, als wäre ER anwesend. Gläubige Theologie wäre Theologie als Gebet, Theologie, die Gott als Adressaten hat und jeden Satz vor IHM verantworten muß.

    Die Theologie spricht über Gott hinter seinem Rücken, d.h. sie glaubt nicht an seine Anwesenheit und muß sich deshalb ihrer Wahrheit durch kollektive Zustimmung versichern. (Zusammenhang mit dem Bekenntnis-Begriff!)

    Rosenzweigs Satz: „Von der Welt wissen wir nichts, und dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von der Welt“ ist so abzuändern, zu ergänzen und zu verschärfen: „Die Welt ist der Grund unseres Nichtwissens“; es sind die (weltlichen) Bedingungen unseres Wissens, die unser Nichtwissen von Gott und Mensch zur Folge haben. – Das jedoch ändert Struktur und Zusammenhang des Rosenzweigschen Systemkonzepts. – Wäre diese Änderung in einem dann allerdings sehr weitreichenden Sinne christlich zu begründen?

    Liegt das Problem in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ in der Ambivalenz seines Weltbegriffs? Anstelle Gott/Mensch/Welt: Gott/Himmel und Mensch/Erde? Müßte nicht die Summa contra gentiles neu geschrieben werden?

    Adornos Philosophie – vor allem seine Hegel-Kritik – ist der Versuch, den brennenden Dornbusch von innen zu beschreiben (vgl. Franz von Baaders Vergleich der Hegelschen Philosophie mit einem Autodafe).

    Titel-Vorschlag: Verwaltete Theologie oder Bemerkungen zum Begriff der Konfession.

    Ist der Taumelkelch, von dem die Propheten gelegentlich reden, die Philosophie (an der nach Hegel „kein Glied nicht trunken ist“).

    Ist jedes Bekenntnis die Antwort auf eine Anklage (und insoweit Schuldbekenntnis, jedoch ohne wirkliches Schuldbekenntnis): das Zwangsbekenntnis unterstellt, daß jeder (selbst der noch ungetaufte Säugling) zunächst einmal ein Ketzer ist?

    Die autoritäre Forderung des Bekenntnisses ist der Mißbrauch des Bekenntnisses. Sie unterstellt, daß der, dem das Bekenntnis abgefordert wird, grundsätzlich schuldig ist und davon durch das Bekenntnis sich freisprechen kann (vgl. hierzu auch Kant!). Ihr Ziel ist die Identifikation mit dem Aggressor, die absolute Heuchelei.

    Zwei Dinge, die die Neubegründung der Theologie notwendig machen:

    – Ihr Verhältnis zu den modernen Naturwissenschaften (Ausgangspunkt: die spezielle Relativitätstheorie Einsteins), und

    – ihr Verhältnis zu Auschwitz: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. – Der Knecht Gottes ist Israel, aber wir können es nicht wieder instrumentalisieren wie beim Kreuzestod Jesu.

    Theologie war in ihrer ganzen christlichen Geschichte der Versuch, hinter dem Rücken des lieben Gottes über ihn zu reden. Die Folgen liegen heute offen zutage. Theologie ist heute die offene Wunde, und nur wer das realisiert, ist befugt, Theologie zu betreiben. So wie Einstein die offene Wunde der Physik ist, während die gesamte pseudometaphysische Mikrophysik und Quantentheorie einschließlich der pseudomystischen Konsequenzen, die einige glaubten, daraus ziehen zu können, nichts anderes ist als die Instrumentalisierung dieser Wunde (Salz für die Wunde). Insofern ist allerdings die Quantenphysik in der Tat die Erbin und Nachfolgerin der europäischen Theologie.

    Den Begriff der Umkehr auf die Dogmatik anwenden. Hilfe wäre das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, das parakletische Denken; Frage, ob die gesamte Dogmatik zu retten ist.

    Die Aufspaltung der Eschatologie, die Trennung des Himmels oben von der zukünftigen Welt, ist historisch erledigt; ihr ist die Grundlage entzogen seit Kopernikus, seit Newton, seit dem Fall Galilei.

    Bekennen darf man nur, wo man geliebt wird; das Zwangsbekenntnis ist in einem letztlich auch kosmologischen Sinne der Grund des Übels.

    Verteidigendes Denken: Heute sind wir schon soweit, daß die Verteidigung eingeschränkt, teilweise ganz ausgeschlossen wird (u.a. bereits durch das Rechtsdogma von der Verteidigung als einem „Organ der Rechtspflege“, d.h. der Staatsräson, die es auch erforderlich machen kann, einem Vorurteil Rechtskraft zu verschaffen).

    Adornos Idee des Nichtidentischen, die Grundlage der Negativen Dialektik, steht in der prophetischen Tradition des Eintretens für den Armen und den Fremden. Diese Tradition wird übrigens unmittelbar aufgenommen und zitiert in der Analyse des autoritären Charakters, unter dem Titel „no pity for the poor“.

    Das Phänomen der aggresiven Sanftheit (Drewermann) wäre doch etwas genauer zu beschreiben: Grund ist das verdrängte, nicht aufgearbeitete Selbstmitleid.

    Die letzte moralische Barriere ist die Sprache; wenn die zerbricht, brechen alle Schranken; wie es scheint, ist es kein Zufall, daß die, die sich deutsch fühlen, des Deutschen in der Regel nicht mächtig sind (vgl. das in KuS zitierte antisemitische Flugblatt aus der Zeit des Vormärz).

    Gibt es eine Geschichte der Aufführungsform, der musikalischen Bearbeitung und Darbietung des Deutschland-Liedes. Kann es sein, daß die Form, in der es heute öffentlich dargeboten wird, die von den Nazis zusammen mit dem unsäglichen „Horst-Wessel-Lied“ für die öffentliche Darbietung eingerichtet wurde? Daß es sich sozusagen um die vom Horst-Wessel-Lied infizierte und vergiftete Version handelt?

    Läßt sich das historische Bekenntnis-Problem auch in der Musikgeschichte nachweisen (Entsinnlichung, Vergeistigung der Musik unter christlichem Einfluß, vgl. Kurt Blaukopf oder Wiora)?

    Die Übertragung der Schlüsselgewalt an Petrus (Mt 16,19, worauf übrigens die „strenge Weisung“ folgt: „niemand zu sagen, daß er der Messias sei“) begründet keinen Rechtstitel, sondern eine bis heute nicht wahrgenommene Pflicht.

    Wurden Marcion und die Gnosis nur deshalb so wütend abgewehrt, weil sie den Christen das Bild ihres verdrängten Selbstverständnisses vorhielten?

    Zum Problem des Islam: Gibt es im Islam die Idee eines moralischen Subjekts, des Gewissens? Hat der Islam das (aristotelische) Erbe der objektiven Vernunft angetreten und zugleich seine Widersprüche rein herausgearbeitet? Ist der erfolgs-, nicht moral-orientierte Politik-Begriff des Islam systembedingt? Ist der Islam im genauesten Sinne die Weltreligion?

    Zur Dornen und Distel-Tradition: Sündenfall, brennender Dornbusch, Jotam-Fabel, Gleichnis vom Weizen unter Dornen (Unkraut), Dornenkrone.

    – Der brennende Dornbusch: die brennende Innenerfahrung der Profangeschichte (Auschwitz); die genaue Beschreibung der Grundlage der Gotteserfahrung;

    – Dornenkrone: dieser König der Juden ist der König eines Reichs, das unter der und gegen die profangeschichtliche Herrschaft der Welt heranwächst;

    – Dornen und Disteln als Inbegriff der Welt (des katastrophischen Aspekts der Geschichte).

    Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ als der Anfang der utopischen Kraft des Heiligen Geistes, des parakletischen Denkens.

    Hat Kant das Geheimnis der Trinitätslehre durch seine Entdeckung der Form der äußeren Anschauung prinzipiell bereits gelöst? Und hat dazu Einstein die notwendige Ergänzung und Korrektur geliefert? Ist die spezielle Relativitätstheorie eine Teilaspekt der objektiven Bedeutung des brennenden Dornbuschs?

    Der vielleicht entscheidende Satz zu Auschwitz stammt von Thomas von Aquin: „Parvus error in principio magnus est in fine“ (De ente et essentia).

    Der Haß auf das Alte Testament ist begründet im (projektiven) Herrenneid. (Grundlage ist – gegen den Sinn des Textes – ein autoritärer Gottesbegriff: Gott als der Herr der Geschichte, der man selber sein möchte). Das AT verträgt sich nicht mit einem kolonialistischen Geschichtsverständnis (wie klug sind wir doch heute, und wie dumm waren die vergangenen Geschlechter).

    Die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Naherwartung der Parusie. Die Orthodoxie stand seit je unter dem Zwang, überlebensfähig zu bleiben in der Welt; sie stand damit immer in der Gefahr der Verweltlichung, der Identifikation mit dem Aggressor. Das Unkraut dessen Vernichtung Jesus dem Jüngsten Gericht vorbehalten hat, sind die Dornen und Disteln aus der Geschichte der Sündenfalls (es sind diese Dornen, unter die nach dem Gleichnis die Weizenkörner gefallen sind, die dann ersticken).

  • 26.08.90

    Der merkwürdige Haß auf das Alte Testament (seinen „orientalischen“ Charakter und Ursprung, ähnlich dem „asiatischen“ Ursprung, auf den im Historikerstreit – in einer zweiten projektiven Verschiebung – noch Herr Nolte die faschistischen Untaten zurückführte) rührt her vom Neid der Volkstümler auf das zugleich bewußt und gezielt mißverstandene „auserwählte Volk“; übriggeblieben ist der Haß auf das Alte Testament, aus dem man nur noch die eigenen verdrängten Untaten herausliest. – Erstes Modell dieses Konstrukts war das antijudaistische Selbstverständnis des frühen Christentums als „neues Israel“.

    Hieraus läßt sich das Kohlsche Erfolgsrezept herleiten, der immer, wenn er eine Niedertracht verkündet, zur Rechtfertigung (Herstellung des guten Gewissens) gleich den Sündenbock mitliefert, auf den das moralische Urteil projektiv abgeleitet wird. (Die Unmoral der anderen zugleich anprangern und als Rechtfertigung der eigenen Unmoral nutzen. Selbstmitleid als Umkehr der Empathie (und als Grund des moralischen Rigorismus). Trick der Empörung. Zu ändern nur durch „Umkehr“ im wörtlichen Sinne.)

  • 25.08.90

    Zu Lots Weib (J.Ebach): An die theologische Bedeutung des Anblicks des Schreckens erinnert auch der brennende Dornbusch, wenn man die Auslegung, die die deutschen Chassidim des 12. Jahrhunderts dem Dornbusch gegeben haben, hinzu nimmt: die Schreckenserfahrung (der Dornbusch von innen: die brennende Erfahrung derer, die unter dem Gesetz der Profangeschichte leiden) als Grund der Gottesoffenbarung.

    Zum Swinegel: das Tier, das war, nicht ist und wieder sein wird? Begriff der falschen Identität!

    Nicht das Interesse an der Faktizität des Wunders, wohl aber der Drang, der Wille, die Schale der Faktizität zu sprengen und das was war beim Namen zu nennen. Warnung vor dem Zeitlosen, Überzeitlichen; Erinnerung als Organ des Ewigen in der unabgegoltenen Vergangenheit. Die Macht der Vergangenheit über die Zukunft (If the future will be like the past) läßt sich nur brechen durch Erinnerung und Kritik ihrer Ursprünge, durch Einlösung der vergangenen Hoffnung.

  • 24.08.90

    Zusammenhang zwischen dem unsteten (wurzellosen) Leben Kains, dem „wurzellossen Dornstrauch“ (der zum König der Bäume gewählt wird) in der Jotam-Fabel und der nt Dornenkrone (Ebach, UuZ, S. 59, Anm. 193)?

    „Wo aber das Produkt sich gegenüber dem Produzenten verselbständigt, wo es ihn beherrscht, da wird nach alttestamentlicher Auffassung Arbeit nichtig, da machen Menschen Götzen.“ (ebd., S.99) Nur muß dazu darauf hingewiesen werden, daß Arbeit nicht nur das einzelne Produkt, sondern hinterm Rücken der Arbeitenden auch die zugehörigen gesellschaftlichen Institutionen: den Staat, das Recht, das Geld, die Polarisierung von Armut und Reichtum (die Gewalt der Vergangenheit) produziert. Die Absicherung dieser Instutionen war Aufgabe der Götzen (die an den Opfern der Menschen sich erfreuten), unterm Vorzeichen des Christentums das Bekenntnis (das Malzeichen des Tieres).

    Aufklärung als Kolonialisierung der Natur und der Vergangenheit. Wenn die Distanz zum Objekt durch Herrschaft vermittelt ist (die Distanz ist, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt), dann müßte das auch für die historische Erkenntnis gelten (für die Konstituierung der Geschichte als Herrschafts-, Erfolgs-, Siegesgeschichte). Hier ist der Zusammenhang zwischen der Vorstellung, daß auch die Toten (die Besiegten) einen Anspruch an uns haben, und der Kritik der Naturwissenschaften (als Kritik der Todesgrenze) negativ begründet. Die Gnade der späten Geburt ist die „Gnade“ der Erhebung über die Vergangenheit, der Verführung zur unkenntlich gemachten „Empörung“.

  • 24.08.90

    Wenn nach Augustinus im paradiesischen Zustand die Zeugungsglieder ohne Wollust und nur dem Zweck gehorchend fungierten (vgl. Ebach, UuZ, S. 119), so verweist das direkt und zentral auf das Moment der Instrumentalisierung in der Augustinischen Theologie; vgl. hierzu seine „Beweise“ für die Trinität, die dann zum Modell der Hegelschen Dialektik (der metaphysischen Absicherung der Instrumentalisierungslogik) geworden sind, sowie das augustinische Konzept der Konstellation von Lust, Zweck und Scham: Nach Augustinus folgt die Scham der Lust, nicht ihrer Instrumentalisierung: dem Obszönen (parvus error in principio: Ursprung des Faschismus?). Vor diesem Hintergrund wird die augustinische Bemerkung über die Erhöhung der himmlischen Freuden durch den Anblick des Leidens der Verdammten in der Hölle verständlich (Realgrund der Glücks-Scham, die Augustinus dann auf die sexuelle Lust nur abgeleitet hat – vgl. J.Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib, s.u.).

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