• 23.08.90

    Der Sturm, der Walter Benjamin zufolge den Engel der Geschichte unaufhaltsam der Zukunft zutreibt, kommt „vom Paradiese her“, d.h. er kommt selbst aus der Zukunft; und die Zukunft, in die er treibt, ist eigentlich die anwachsende Vergangenheit: der Trümmerberg, der sich vor dem Engel anhäuft. Die Bewegung dieses Sturms ist die des Sündenfalls; die Trümmer sind der Inbegriff dessen, „was der Fall ist“, der Welt (lt. Wittgenstein).

  • 22.08.90

    Offb. 12: Wenn die Frau nicht Maria, sondern Israel meint (KuS, S. 116), dann wäre die „Wüste“ das Exil (aber könnte nicht auch die Kirche gemeint sein?); und der „Sturz“ des „großen Drachen“ auf die Erde könnte Vorgänge beschreiben, die sich kirchen- und gesellschaftsgeschichtlich beschreiben ließen (Einbeziehung der Kirche in den Herrschaftsprozeß, Instrumentalisierung der Religion; Konstituierung des Subjekts in Philosophie, Gesellschaft und Politik durch Verinnerlichung des Schicksals und des dämonischen Orakels; Ursprung von Glaube und Bekenntnis; Zusammenhang von Geldwirtschaft/Tauschprinzip, Objektivationsprozeß, Politik und Religion, Geschichte der Aufklärung). Telos des Drachensturzes wäre die Verwirrung und Zerstörung der Bedingungen seiner Sichtbarkeit: die universale Verblendung, die in den Naturwissenschaften zu sich selber kommt. – Geschichte des Antisemitismus (alle Vorurteile, auch die des kirchlichen Antijudaismus, sind Projektionen) nutzen als Anleitung zur geschichtlichen Selbstreflektion der Kirche. Der Antisemitismus hat nichts mit der „Judenfrage“, aber umso mehr mit der Geschichte der mythischen Selbstverblendung des Christentums zu tun.

    Nicht Gott/Welt/Mensch, sondern Juden/Ketzer/Frauen als drei Gestalten des „Nichts“, des Andersseins. Wäre es möglich, mit diesen Ausgangspunkten den „Stern“ neu zu schreiben (Unser Nichtwissen von den Juden, Ketzern und Frauen ist der Grund unseres Gespensterwissens, unserer Vorurteile über Juden, Ketzer und Frauen)? Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Armut, Gehorsam und Keuschheit)?

    Beziehung unseres Gespensterwissens zum „Bekenntnis“:

    – die Juden sind verstockt,

    – die Ketzer sind heterodox, sie haben das falsche Bekenntnis,

    – Frauen sind bekenntnisunfähig (und verstehen nichts von den Naturwissenschaften).

    Das Bekenntnis ist eigentlich das (männliche) Bekenntnis zur eigenen Potenz (deshalb Symbolum?), daher die Notwendigkeit der Projektionen, die begründet sind in

    – der eigenen Unbelehrbarkeit,

    – der Diskriminierung des Gottsuchens und

    – der Unfähigkeit zur Empathie.

  • 20.08.90

    „In seiner Rechten hielt er sieben Sterne. Aus seinem Munde ging ein scharfes zweischneidiges Schwert hervor. … Ich habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.“ (Offb 1,16.19) – Zusammenhang mit den Engeln mit dem kreisenden Feuerschwert?

    „Die Wasser, die du gesehen hast, wo die Buhlerin trohnt, sind Völker, Scharen, Nationen und Sprachen. … Das Weib, das du gesehen hast, ist die große Stadt, die die Herrschaft über die Könige der Erde hat.“ (17,15.18)

  • 19.08.90

    Der christliche Missionstrieb rührt u.a. daher, daß die eigene mangelnde Glaubensfähigkeit der Absicherung und Unterstützung durch die Unterwerfung aller anderen unter den nichtgeglaubten Glauben notwendig machte. Die Zweifel (im Anblick der Ungläubigen draußen) waren allein nicht zu ertragen. Oder: erst wenn alle glauben, ist die Wahrheit des Glaubens gesichert. Das letzte Hemmnis waren die starrsinnigen, verstockten Juden, deshalb die irrationale Wut.

    Oder: Der Kampf gegen die Häresien hat im Dogmatisierungsprozeß den Glauben so bestimmt, daß er gegen jeden Einwand gesichert erschien, aber eigentlich nicht mehr geglaubt werden konnte (der Glaube wurde so definiert, daß er, ohne geglaubt werden zu müssen, als kirchliches Bekenntnis vorgeschrieben werden konnte). Darauf beziehen sich Cohens „wer hat denn jemals dran geglaubt“ und Adornos „heute ist schon jeder Katholik so schlau wie früher nur ein Kardinal“. Den gottsuchenden Glauben haben die Häresien verbraucht; so wurde er von den Kirchen verworfen.

    Wenn die Welt das Weltgericht ist (das Urteil über die Vergangenheit), dann ist das Jüngste Gericht das Gericht über das Gericht (seine Umkehr): der Sieg des Erbarmens, die Rettung der besiegten Vergangenheit; und dessen Vorläufer: das parakletische Denken. Der Historismus identifiziert sich mit dem Weltgericht: er verkündet das „Urteil der Geschichte“.

  • 17.08.90

    Ist das Zeichen des Tieres (Geh. Off. 13, 18) das Bekenntnis? (666 ist die Summe aller Zahlen von 1 bis 36 <= (1*2*3)2>)

    Merkwürdig, daß aus dem Begriff der Apokalypse (der wörtlich nur die endgültige Offenbarung der Wahrheit bezeichnet: diese Offenbarung als endgeschichtliches Ereignis oder die reale Geschichte als Teil der Erkenntnistheorie) heute nur noch das katastrophische Moment herausgehört wird, daß er nur noch als Bezeichnung des Weltuntergangs verstanden wird (grundsätzliches Mißverständnis der Johannes-Offenbarung, bedingt durch den veränderten Gegenstandsbezug der Theologie seit dem Beginn des Dogmatisierungsprozesses, dem Einbruch des Herrendenkens in die „altkirchliche Theologie“, dem Ursprung des Konfessionalismus).

    Physik/Naturwissenschaften: das Tier vom Land (aus der Erde); politische Ökonomie: das Tier aus dem Meer (aus den Völkern)?

    (Behemoth, Ijob 40,15ff/ Leviathan, Ijob 3,8 u. 40,25ff, Ps 74,14 u. 104,26/ Rahab, Jos 2 u. 6,22ff, Ijob 9,13, Ps 87,4 u. 89,11/ Meer, Ijob 26,12, Ps 74,13; 77,17 u. 89,19, Offb 21,1/ Drache, <Schlange> 2Mos 7,9.12, <Krokodil> Ez 29,3, <mächtiges, gefräßiges Tier> Jer 51,34, <großes Seetier, Walfisch> 1Mos 1,21, Ps 148,7, <mythisches Wesen> Ps 74,13, Jes 51,9, Ijob 7,12, <Widersacher Gottes> Jes 27,1, <Teufel> Offb 12 u. 20,2)

  • 16.08.90

    Das Zwangsbekenntnis lockt seinen Adressaten in eine Erkenntnisfalle, in der falsch ist, was er auch immer sagt, aus der er, wenn er (wie z.B. die deutschen Reformatoren) die Voraussetzungen akzeptiert, nicht mehr herauskommt. Unterstellt wird, daß die Wahrheit den transzendentalen Gegenständlichkeitsbedingungen unterworfen ist: Das sollte eigentlich seit Kant widerlegt sein. Hierzu galt aber immer schon das Jesus-Wort „Richtet nicht, …“ (Mit diesem kurzen Satz läßt sich der gesamte Inhalt der kantischen Philosophie und des nachfolgenden deutschen Idealismus erklären und auflösen.) Im Sinne dieses Wortes ist der gerichtet, der das Bekenntnis fordert (der Anklagende, der gegen die Religion die Welt, das Weltgericht über die Religion vertritt), nicht der, an den die Forderung ergeht. Herrendenken ist fürs theologische Erkennen ungeeignet.

  • 15.08.90

    Ganzseitige Anzeige von Klaus Vack in der FR zu Michael D. Döllmann: So gnadenlos kann nur eine Justiz sein, die die ganze Kraft ihres Erbarmens in der Begründung und Erhaltung ihres eigenen pathologisch guten Gewissens (Selbstbegnadigung) verbraucht hat. So gerät sie in den Bann des Wiederholungszwangs (der politischen Justiz); sie wird unfrei und verliert den letzten Rest von Souveränität.

    Dazu:

    – Kann der Beleidigte (das Amtsgericht in Simmern) selbst das Strafmaß für eine „Beleidigung“ festsetzen? Angriff auf die Idee des Rechtsstaats durch Legalisierung der Rache.

    – Zusammenhang dieser gnadenlosen Rechtspraxis mit dem Antisemitismus.

    – „Im Namen des Volkes“ – kann ich aus theologischen Gründen nicht akzeptieren, möchte in diese moralische Kollektivschuld nicht hereingezogen werden.

  • 14.08.90

    Die Instrumentalisierung des „Opfertodes“, die die Erlösten, die durch die im Sühneleiden erzeugte Gnade Befreiten, zugleich zu Tätern macht (das ist der Grund der Trübsal, die Luther zur christlichen Kardinaltugend gemacht hat; jedoch der Preis war hoch: sie bedarf der projektiven Entlastung durch den Antisemitismus, sie funktioniert nur durch Verschiebung der Schuld an dem „Gottesmord“ auf die Juden), diese Instrumentalisierung ist das Modell für die Instrumentalisierung der Arbeit, ihrer Subsumtion unters Tauschprinzip (und zugleich der theologische Reflex dieses Kristallisationskerns des Kapitalismus). Sie ist zugleich Kern und Grund der transzendentalen Logik: Grundlage des Objektivationsprozesses (der Geschichte der Verdinglichung); Nachvollzug der Gewalt des Herrendenkens: des gnadenlosen Gerichts über die Dinge (eines Gerichts unter Ausschluß der Verteidigung).

    Anmerkungen:

    – Die Instrumentalisierung des Kreuzestodes zum Opfertod macht die, die es als Religion verwenden, zu Tätern; es macht die Religion zur Blasphemie; sie selbst sind die Gottesmörder, als welche sie die Juden umbringen (das Opfer, an das sie nicht glauben können, erzeugt selbst den Wiederholungszwang).

    – Die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt (DdA).

    – die Opfertheologie ist der Kern der absoluten, unentrinnbaren und – nach dem Ende der Eschatologie – nicht mehr auflösbaren Schuld; es bleibt allein die Rechtfertigungslehre: die dann den Säkularisationsprozeß sanktioniert.

  • 13.08.90

    Islam als Schicksalsreligion: Mischung von Nomaden- und Händlerreligion (kein Ackerbau, keine Industrie): Erfahrungsgrundlage Natur und Handelsmarkt als Schicksalsmächte. Was fehlt, ist insbesondere die Instrumentalisierung der Arbeit: ihre Subsumtion unters Tauschprinzip, das Grundelement des Kapitalismus (die arabische Mathematik scheint das auszudrücken: es geht bis zur Äquivalenz negativer und positiver Zahlen, bleibt aber vor der Infinitesimalrechnung stehen – vgl. hierzu Spengler). Das Problem der neuen politischen Blüte durch Erdöl (Reichtum ohne Arbeit, ohne kapitalistische Organisation von Arbeit) bietet als Lösungen nur die Privatakkumulation des Reichtums und seine konsumtive Verwertung durch die Scheichs oder den demagogischen Pseudo-Sozialismus (die konsumtive Vergesellschaftung des Reichtums, nicht die produktive der Arbeit; der illusionäre Wechsel auf die Zukunft, nicht die Einlösung der vergangene Hoffnung). Der Heilige Krieg ersetzt die innere wirtschaftliche Entwicklung. (Vorödipale Strukturen; andere Schamgrenze: Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre; Verhältnis von Produktion, Distribution und Konsum. – Islam Produkt einer vorödipalen Offenbarungsreligion?)

  • 12.08.90

    Geheucheltes (entmündigendes) Mitleid nutzt die Angstbereitschaft des Leidenden (instrumentalisiert das Leiden, schirmt es ab gegen reales Mitleid), ist autoritär, potentielle Schuldzuweisung; Alibi gegen Selbstvorwurf: no pity for the poor; Begründung des guten Gewissens auf Kosten des Opfers.

    Glauben kann man nur an Ideen, die man nicht versteht (Hitler): Auch der Irrationalismus gehorcht einem rationalen Gesetz; auch hier (wenn nicht vor allem hier) schreibt die Form den Inhalt vor. Der Antisemitismus ist insoweit nicht nur irrational; an ihm läßt sich das „mysterium iniquitatis“ studieren, das im übrigen vorgebildet war (und ist) in der Geschichte des christlichen Dogmas, dieses Dogma verfügbar machte für Machtinteressen, zugleich einen Erlösungsbegriff begründete, der ein gutes Gewissen (Befreiung von der Schuldqual) lieferte, ohne die Praxis anzutasten. Dieses Instrumentarium (die Konstellation von Glaube, kollektivem Bekenntnis und irrealem Erlösungsbewußtsein) ist das mysterium iniquitatis, der Grund der europäischen Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung ebenso wie der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung.

    Welchen Sinn hat es, wenn das Christentum seit der Ausbildung des Dogmas insbesondere das Bekenntnis zum Messias als Gottessohn und zur Trinität forderte. War es nur die Unterwerfung, die Absicherung der eigenen Anschauung durchs kollektive Bekenntnis; oder waren es praktische (moralische) Konsequenzen, die durch das theoretische Konzept begründet waren? – Die praktischen Konsequenzen, die tatsächlich gezogen wurden, waren jedenfalls teils magischer, teils projektiver Natur: sie lagen in der Vorstellung, daß von einem im übrigen folgenlosen Bekenntnis das göttliche Wohlgefallen abhinge (die Erlösung), während zugleich Objekte freigegeben wurden zur Projektion dessen, was man selber verdrängen mußte, um dieses irrationale Konstrukt zu akzeptieren (gleichsam ein psychodynamischer Selbstläufer, der dann als Bindemittel für Kirche und Staat nutzbar war); darin konstituierte sich der Schuld- und Verblendungszusammenhang, der am Ende in Auschwitz, im Antisemitismus, in der nackten Barbarei rein und unverstellt sich manifestierte. Den Projektionsschutz, den das Gebot der Feindesliebe hätte bieten können, hatte das Herrendenken außer Kraft gesetzt.

    Haben die Begriffe „Gottesmutter“ und „Gottesmörder“ vielleicht einen gemeinsamen dogmatischen Ursprung? (KuS, S. 163ff)

    Die Theologie steckt heute in einer double-bind-Falle: Seit sie nach dem Sieg des Dogmas die Kritik des Herrendenkens nicht mehr sich zutraut, hat sie sich selbst die Möglichkeit der Kritik der Naturwissenschaften verbaut und zugleich der eigenen vernünftigen Selbstbegründung den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Idee des seligen Lebens ist nicht zu halten, wenn sie nicht ihre weltkritische Kraft (im ökonomischen wie im naturwissenschaftlichen Bereich) zurückgewinnt. (genauer)

  • 11.08.90

    Die Konstituierung des bürgerlichen Subjekts (Paradigma: Ödipuskomplex; Trinitätslehre antiödipal?) hat eine Gestalt des Bewußtseins zur Voraussetzung, in der die Trennung von den Eltern und vom Familien-/Stammeskollektiv noch nicht vollzogen ist (die Ablösung ist monarchisch, durch die Institution des Königtums, das in Europa in der Regel mit der Einführung des Christentums verbunden war, vermittelt – der Messias, der „Gesalbte“, ist der König oder symbolisiert ihn; Versuch im Vorfaschismus, diese mythische „Geborgenheit“ durch „Gemeinschaft“ wieder heraufzubeschwören). Diese Vorgeschichte ist bloß verdrängt, nicht aufgearbeitet.

    Ist zum Verständnis der messianischen Tradition des Judentums nicht auch der prophetische Vorbehalt gegen das Königtum mit zu berücksichtigen? Ist die Messiasidee nur positiv? (Vergleichbar: Ist der christliche Vatergott nicht eine Einschränkung des Jahwe?)

    Leo d.Gr.: Denunziation als „Werk der Treue“ – Zusammenhang von Bekenntnis und Denunziation! (KuS, S. 99)

    Ambrosius/Augustinus: Antisemitismus („Antijudaismus“) als Instrument der Anpassung (Augustinus zählt den Anblick der Qualen in der Hölle zu den Freuden des Himmels!).

  • 10.08.90

    „Zwar meint die Schrift (die Syrische Didaskalie, H.H.), die Juden hätten sich ihrer Bezeichnung als Juden im Grunde begeben, weil dieses Wort Bekenntnis bedeute, …“ (KuS, S. 70)?

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