• 08.01.90

    Der Faschismus als nachchristlich-christliche Sekte: Hier verselbständigt sich der blinde Fleck: Glaube als Unterwerfungsritual, das unaufgelöste Heidentum, das System der christlichen Herrschaftsmechanismen; das Erschrecken vor dem Spiegelbild ist ausgeblieben, weil, was es dort sieht, zu vertraut ist. (Vgl. den Ursprung der SS in der Geschichte, der Struktur und der Ideologie der Ritterorden.)

    Der deutsche Ostmythos: Unterwerfung, Christianisierung und Ausbeutung des Ostens durch den Deutschen Ritterorden. Konkurrenz zur Italienschwärmerei (Ablösung des Imperialismus von der Katholizität, von Rom). Tannenberg: Jagiello und Hindenburg, der die „Schmach von Tannenberg“ auslöschte und dann Reichspräsident wurde. Kriegsziele des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

    Weltverbesserung ist kein Ziel der Philosophie: vielmehr die kritische Auflösung der Welt (zusammen mit der Selbstauflösung der Philosophie); indem sie die Welt anerkennt und begreift, bringt sie sie zum Verschwinden (die Auflösung und das Verschwinden des Begriffs liegen in seiner eigenen Konsequenz).

  • 06.01.90

    Der Faschismus hat sich aus dem Zentrum der Macht in die Peripherie, in die Individuen und in die abhängigen Länder der Dritten Welt, verlagert. Grund ist nicht zuletzt die Entwicklung der Rüstung, deren abschreckende Wirkung den unmittelbaren Terror überflüssig macht. Politik wird zureichend erst begriffen, wenn dieser verinnerlichte (und zugleich externalisierte) Faschismus begriffen wird: die Gemeinheit, das pathologische gute Gewissen und die Techniken der Exkulpation, das Selbstmitleid, die projektive zweite Schuld (insgesamt das Äquivalent des übermächtigen Gewalt- und Zerstörungspotentials in den Seelen der Menschen), insgesamt das System der Selbstausbeutung.

  • 05.01.90

    Modell der Herrschaft das Planetensystem? (Eine Sonne, ein Gott, ein König?): Hierarchische Ordnung fortgesetzt in Verwaltung; sub- und translunearer Bereich entspricht Klassentrennung; Galileis Entdeckung, daß astronomische Erscheinungen der gleichen Vergänglichkeit unterliegen wie die irdischen; Konstruktion der planetarischen Kreisläufe aus irdischen Kräfteverhältnissen; Universalisierung der Gravitation.

    Das Tauschprinzip und das Trägheitsgesetz ebnen Widersprüche ein, subsumieren Unvereinbares unter einheitliche Begriffe (Lohnarbeit, Arbeit als Ware; Geld als Einheit von Herrschaft und Unterdrückung, Materie als Substrat von Arbeit), sind aktive Agentien der Verblendung, des Banns. Es gibt keinen Weltbegriff ohne den Begriff der Materie; es gibt umgekehrt keinen Schöpfungsbegriff, der den Materiebegriff mit einschließt (die Vorstellung, daß die Menschen Waren herstellen, Gott die dazu notwendige Materie liefert, ist absurd: die Menschen verwandeln im Prozeß ihrer Auseinandersetzung mit der „Natur“ diese in Materie; die Schöpfung bezeichnet einen Bereich, der „vor“ diesem Prozeß liegt).

  • 04.01.90

    Irritation durch die – nach meinem Gefühl inquisitorische – Frage: „Bist Du neurotisch?“ – Hinweis auf den Unterschied zwischen den traumatischen Erfahrungen, die ich versuche durch meine Philosophie abzuarbeiten, und der Fixierung aufs Neurotisch-Sein. Vergleich mit dem Unterschied zwischen „einen Mord begangen haben“ und dem Mörder-Sein. Das fixierende, verdinglichende Sein, die indikativische Aussage, indem sie ein Tun oder Leiden in eine Eigenschaft verwandelt, ist selber sowohl neurotisch wie mörderisch. Das muß Franz Rosenzweig gemeint haben, als er die „verandernde Kraft des Seins“ bemerkte; liegt in dieser Konstellation die Lösung der Kantischen Antinomien?

  • 03.01.90

    Ursprung und Modell der Reflexionsbegriffe beschreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes anhand der deiktischen Begriffe „hier“ und „jetzt“. „Das Eine ist das Andere des Anderen“: Dieser Satz ist nach dem Modell gebildet: „Das Übermorgen von gestern ist das Morgen von Heute“; entfaltet wird dieser Zusammenhang in der Mathematik; seine Grundlage hat er im futurum perfectum, in der zukünftigen Vergangenheit.

    Das Klima in deutschen Straßenbahnen, das von Unansprechbarkeit bis Aggressivität reicht, mit einer signifikanten Tendenz zu faschistischen Sprüchen, rührt her von der Verfassung der Menschen in den Straßenbahnen, von ihrer Zukunftslosigkeit und – als subjektiver Reflex davon – von ihren Sorgen (Verhältnis zum Selbstmitleid?). Hier kommen subjektive und objektive Gründe zusammen: Straßenbahnfahrer nutzen ein Verkehrsmittel, auf dessen Ziel und Geschwindigkeit sie keinen Einfluß haben; sie haben kein Gaspedal, das ihnen das Gefühl der Eigentätigkeit und Selbstbestimmung vermittelt. Die Straßenbahn verhält sich zum Auto wie die Mietwohnung zum Eigenheim. Straßenbahnfahrer sind Berufstätige, Frauen und Kinder, d.h. im allgemeinen Abhängige, Fremdbestimmte. Für sie ist die Zukunft eine Zukunft für andere, nicht für sie; was sie vor Augen sehen, allem voran die Reklame, ist der Lobpreis einer Welt, von der sie ausgeschlossen sind; ihr „In-der-Welt-Sein“ ist reines Objektsein, entbehrt jeglicher Spontaneität, die sie sich nicht leisten können. Heideggers Fundamentalontologie sperrt die Menschen in diesen Zustand ein und betrügt sie zugleich um das Recht des Bewußtseins davon.

  • 01.01.90

    Die Welt unterliegt den Formen der Anschauung und den Kategorien. Eine Theorie der Schöpfung müßte deren Ursprung (insbesondere den Ursprung von Raum und Zeit) mit erklären. Die Schöpfung geschah nicht „in“ Raum und Zeit, so als hätten diese vorher schon bestanden; sie hat kein Vorher und kein Außerhalb. Himmel und Erde (die Gegenstände der Schöpfung) sind nicht in Raum und Zeit, und sie unterscheiden sich insofern von der „Welt“; Raum und Zeit sind Akzidenzien, keine Substanzen: Adornos „Vorrang des Objekts“ bezieht sich auf dieses Verhältnis. Substantiell werden Raum und Zeit erst im Kontext des Trägheitsgesetzes (und des Tauschprinzips), im futurum perfectum (der zukünftigen Vergangenheit) des naturwissenschaftlichen Objektbegriffs oder des zugrunde liegenden Weltbegriffs.

  • 31.12.88

    Wenn der öffentliche Ankläger in der BRD „Staatsanwalt“, d.h. Anwalt des Staates, ist, so ist der Staat das Prinzip der Anklage; darin gründet das mythische, schicksalhafte Wesen des Staates und des Rechts. Der Heilige Geist – als Paraklet – ist die staatszersetzende und -auflösende Gewalt, und die Beschneidung der Rechte der Angeklagten und der Verteidigung die Sünde wider den Heiligen Geist.

    Vgl. Ingo Müller „Furchtbare Juristen“, S. 15: „… eine Institution …, von der sich die Liberalen zunächst sogar eine unabhängigere Rechtsprechung erhofft hatten, weil mit ihr der absolutistische Inquisitionsprozeß abgelöst wurde: die 1849 nach französischem Vorbild eingeführte Staatsanwaltschaft. Sie erwies sich jedoch schon bald als ‚eine der schneidigsten Waffen der bürokratischen Reaktion‘ (H. Hefter: Die deutsche Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert, 1950).“

  • 31.12.89

    Das futurum perfectum, die zukünftige Vergangenheit, ist die Zeitform der Naturwissenschaften. „If the future will be like the past“: Diese Frage beantworten die Naturwissenschaften für ihren definitorisch abgegrenzten Bereich mit einem schlichten Ja. Unerforscht (trotz Kant) ist aber die Konstitutionsfrage: Unter welchen Prämissen, aus welchen Ursprüngen funktioniert diese Zeitform? Welchen komplizierten Weg mußte die menschliche Vernunft (von der politisch-ökonomischen Vorausplanung im Rahmen der staatlich-gesellschaftlichen Daseinsvorsorge bis zu den erkenntnistheoretischen Konstitutionsfragen) gehen, um tragfähige Begriffe zu gewinnen, die den „Abgrund der Gegenwart“ zu überbrücken in der Lage sind und Vergangenheit und Zukunft in der Weise mit einander verbinden, daß aus vergangenen Erfahrungen (Erinnerungen) Schlüsse auf zukünftige Abläufe und Ereignisse gezogen werden können. Das prädestinierte Material und Medium dieser „Brücke“ war seit je die Mathematik, deren erkenntnistheoretische Bedeutung genau in ihrer Eignung für diesen Zweck liegt; zugleich aber liegt hier auch ihre erkenntnissystematische Grenze, eine Grenze, die näher sich bestimmen läßt anhand ihrer Beziehung zur Sprache: Eine Sprachphilosophie, die nicht auch eine genetische Theorie der Mathematik mit enthält (zusammen mit einem differenzierten Zeitbegriff), verfehlt ihren Gegenstand. Unterscheidung des „Immergeltenden“ vom Begriff des „Ewigen“ (der eher dem der Gegenwart als dem des Überzeitlichen gleicht, und Zeit, soweit sie auch die Vergangenheit mit umfaßt, von sich ausschließt; das Vergangene ist im Lichte des Ewigen nur noch Objekt der Befreiung, Erlösung).

    Die Genesis des futurum perfectum fällt in die Herrschaftsgeschichte (Nomadentum/Astronomie, Staatenbildung/Organisation der Arbeit, Kapitalismus/Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip). Abspiegelung der Schöpfungsgeschichte?

  • 30.12.89

    Hinweis für Gottsucher: Ist Auschwitz der brennende Dornbusch (der brennt, aber nicht verbrennt)?

    Mit dem Staunen verschwindet das Denken, wird die Welt zum Traum, in dem es eine Realitätsprüfung nicht mehr gibt, der Indikativ nur noch als Imperativ erfahren wird.

  • 29.12.89

    Die „deutsche Frage“ gleicht auch darin der „Seinsfrage“, daß sie als Teil des Mechanismus zur Produktion des pathologisch guten Gewissens sich verwenden läßt. In der „Lösung“ der „deutschen Frage“ (die bezeichnenderweise keine Antwort, sondern – wie die Judenfrage – nur eine Lösung kennt; Verwechslung von Frage und Problem: die Lösung eines Problems beantwortet nicht die Frage – vgl. hierzu Wittgensteins Bemerkungen, daß die Formulierung eines Problems die Kenntnis der Lösung voraussetzt) ist das exkulpatorische Element, die Befreiung von der Last der historischen Schuld, offensichtlich die Hauptsache. Aber diese (scheinhafte) Befreiung ist das genaue Gegenteil: die endgültige, nicht mehr auflösbare Verstrickung in den Schuldzusammenhang (das Schicksal belohnt die Guten, bestraft die Bösen; d.h. – im Umkehrschluß – die Belohnten, die Sieger, sind die Guten, die Bestraften, die Verlierer, die Bösen).

    Verwechslung von Frage und Problem: Zu Problemen gibt es Lösungen, zu Fragen Antworten (Antworten sind keine Urteile?). In der Physik (Mathematik) gibt es keine Antworten, nur Lösungen. Lösungen sind Lösungen von Gleichungen oder „praktische“ Lösungen (wenn es sein muß, Endlösungen), jedenfalls das Gegenteil von Antworten. Gibt es eine „Lösung“ der „Seinsfrage“ (außer dem Frageverbot, da keine konkrete Frage dem Rang der Seinsfrage angemessen ist – Zusammenhang mit dem Antisemitismus)?

  • 28.12.89

    Ist es so zufällig, daß die Springer-Zeitungen schon vom Namen her antitheologisch festgelegt sind? „Bild“ und „Welt“ verweisen zwingend sowohl aufs Bilderverbot als auch auf den biblischen Gegenbegriff zum Heiligen Geist; beide Zeitungsnamen sind ihrer objektiven Intention nach ebenso blasphemisch wie die heute so beliebten pseudotheologischen Gottes- und Menschenbilder und Weltanschauungen.

    Jeder Bekenntniszwang verweist auf ein Schuldverschubsystem, verbindet Verdrängungsmechanismen mit Exkulpationszwängen und – gleichzeitig nach außen und innen gewendeten – Aggressionen. Er gehorcht einem Formgesetz, das zugleich seinen Inhalt determiniert (Ableitung des Dogmas? – vgl. die weiterführenden Hinweise bei Sonnemanns: Das Unheilige am Bekenner …).

  • 27.12.89

    Wenn Psychosen von Neurosen durch ihre Genese sich unterscheiden (Ursprung vor/nach der Oedipus-Phase), ist es vielleicht nicht ganz unnütz, diesen genetischen Zusammenhang in gesamtgesellschaftlichem Kontext zu untersuchen: Kann es sein, daß Verschiebungen im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (die anderwärts den Staats-Terrorismus als Stabilisierungsfaktor notwendig machen) hier die Grenze zur Psychose überschreiten (mit der Folge, daß Normalität heute – nach dem „Weltuntergang“ – anfängt, psychotische Züge anzunehmen)? – Deuten nicht die heute unter Jugendlichen verbreiteten Verstärkerbegriffe wie „irre“, „unheimlich“, „wahnsinnig“ in diese Richtung, oder auch das Bedürfnis nach Authentizität, Identität, Echtheit und Eigentlichkeit?

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