• 26.12.89

    Zum Begriff des Richtens: Ein Gericht wird angerichtet (nach Peter von Matt richtet Hitler bei Heinrich Mann sein Gesicht an); Kinder (und Untäter) richten etwas an (was dann die Automatik des Urteils auslöst). Was hast Du denn da angerichtet?

    Der kunstvoll gefügte Bau des Systems kehrt (bei Rosenzweig, „Stern“ Nr. 457) am Ende als Antlitz des Menschen (Gottes?) wieder (und dieses strahlt in die Konstruktion des Systems zurück; ein System von Entsprechungen?). Rechtfertigt das Ergebnis die Verletzung des Bilderverbots? Wenn ja, hängt es dann mit der Anerkennung des Christentums im „Stern“ zusammen?

    Hegels Logik als in sich bewegte Geschichte des Absoluten ist in Wahrheit – im wörtlichsten Sinne – Weltgeschichte, Geschichte der Welt (Einheit von genitivus subjectivus und objectivus: diese fast unauflösbare Zweideutigkeit); in sich bewegt ist die Welt, nicht das Absolute, oder vielmehr die Welt als das Absolute; das Jüngste Gericht wird zum Weltgericht (Gericht der Welt; genitivus subjectivus), in dem Gott, Mensch und Dinge angeklagt und verurteilt zugleich sind (allerdings mit unterschiedlichem Resultat des Urteils: Gott fällt nicht unters Urteil, wird unfaßbar; umgekehrt: richtet nicht das über Gott gefällte Urteil den Urteilenden? – hat das „Vorlaufen in den Tod“ im Kontext des Heideggerschen Atheismus vielleicht doch noch eine weit entsetzlichere Bedeutung, als bisher bewußt war?).

  • 25.12.89

    Problem des menschlichen (göttlichen) Gesichts: Humboldts Hinweis zu Lavater, daß das Problem der Physiognomik ein Sprachproblem sei, führt auf das Begründungsproblem jeglicher Psychologie: Verzerrung ihres Gegenstands durch den Objektivationsprozeß; Sprengung der Charaktermaske; durch physiognomische Erkenntnis hindurch zum Ursprung der Ansprechbarkeit, Physiognomie als Inbegriff der kritischen Erkenntnis und als Durchdringung der Mauer der Nicht-Ansprechbarkeit. – Rosenzweigs Konstruktion des menschlichen (göttlichen?) Antlitzes im „Stern“ (Differenzierung des „Blicks“, Strenge und Empathie; Gericht und Verteidigung; Weltgericht und Paraklet).

    Die Instrumentalisierung der Welt (übrigens ein Pleonasmus: die Welt ist das Produkt ihrer Instrumentalisierung, die sich als Welt in dem Maße ausbildet und auskristallisiert, wie die Menschen in ihr und gegen sie ihre Zwecke verfolgen) hat zur Folge, daß objektive von subjektiven Zwecken sich nicht mehr unterscheiden lassen und jede Begründung (auch der objektiven Zwecke: Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit) das Stigma der Subjektivität (Verwandlung von Begründung in Rechtfertigung) an sich trägt und als Ideologie erfahren wird. Unschuld und Güte lassen sich nicht verteidigen. Ebenso kann man einer Kränkung nicht mehr ansehen, ob sie eine Verletzung der Ideen, für die jemand einsteht, oder nur des Subjekts als Ursache hat („Majestätsbeleidigung“ und deren Pendant: das Selbstmitleid). Das Leiden am Zustand der Welt und die gekränkte Eitelkeit sind fast ununterscheidbar geworden. An dieser Zweideutigkeit, die das Dogma dingfest und am Ende fast unauflösbar gemacht hat, ist die Theologie zugrunde gegangen.

  • 24.12.89

    So verhindert die Kritik der Religion als Kritik des Wunschdenkens zugleich auch das (dringend notwendige) reflektierte Wunschdenken. Erst auf dieser Basis wäre eine produktive Kritik der Postmoderne denkbar.

    Es ist im übrigen ein Unterschied ums Ganze, ob das kritisierte Wunschdenken die eigenen (Luxus-)Bedürfnisse oder die Existenzbedürfnisse der Zukurzgekommenen (den Ausbeutungsbereich in Natur und Gesellschaft) als Grundlage hat. Die Differenz wird verwischt durch den strategischen Gebrauch der Reflexionsbegriffe: durch den Ersatz der Empathie durch Selbstmitleid („no pity for the poor“), m.a.W. durch Schuldverschiebung, Projektion. Hier konstituiert sich ein Bereich (der nicht zufällig dem des mythischen Schicksals sich angleicht), in dem eine neutrale, objektive (im Sinne von reflexionsfreie) Untersuchung zwangsläufig in die Irre führt (in die „große Irre“, die Heidegger zufolge dem „groß Denken“ folgt). Anwendung auf die Heideggersche Philosophie: Die „Eigentlichkeit“ soll den Bannkreis des „man“ sprengen, führt jedoch genau in die Verstrickung hinein (Fundamentalontologie als Schuldverschubsystem). – Zum Vergleich ist auf das in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eingeübte und dann vor allem im sogenannten Terroristenbereich hemmungslos angewandte Verfahren hinzuweisen: die Schuld des Objekts wird als Anlaß genutzt, den eigenen Schuldanteil zu verdrängen; die öffentliche Erörterung reizt zu pogromähnlichen Aggressionen (Nutzung als öffentliche Abwehr- und Tabumechanismen, mit dem Nebeneffekt der Erzeugung des „pathologisch guten Gewissens“; das pathologisch gute Gewissen ist das notwendige Pendant der unreflektierten Anwendung des Weltbegriffs (u.a. des bis heute nicht aufgeklärten Trägheits-/Relatitivitätsprinzips)).

    Zum Begriff der Herrschaft (Herrschaft als Reflexionsbegriff, oder Herrschaft und Subjektivität): Auch Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit sollen herrschen?

    Peter von Matts Interpretation des Kafkaschen Trompetenbläsers („… fertig ist das Angesicht“, Ffm. 1989, S. 25f) scheitert an der Unkenntnis des „Stern“.

  • 21.12.89

    Das eingreifendste Argument gegen die Religion ist der Hinweis darauf, daß aus einem Wunsch, einem Bedürfnis sich nicht die Realität des Gewünschten, des Objekts des Bedürfnisses herleiten läßt (vgl. Kants Kritik des ontologischen Gottesbeweises). Mit dem gleichen Argument hat Habermas alles abgetan und weggewischt, was in der Tradition der Frankfurter Schule an die Möglichkeit einer Änderung der Natur erinnerte. Dieses Argument scheint aber vergessen, wenn es um die Postmoderne geht, die aus den gleichen Prämissen nur die Konsequenzen zieht: hier meldet sich wieder hilflosestes Wunschdenken zu Wort (Zusammenhang von Verdrängung und Wunschdenken).

  • 20.12.89

    Heideggers Fundamentalontologie ist eine Veranstaltung, die das Vergessen einübt und fördert; das nach außen gewendete Verdikt der „Seinsvergessenheit“ hat vor allem Alibifunktion und erinnert an die Methode „Haltet den Dieb“. Das Verschwimmende, Zweideutige, das gerade den zentralen Kategorien der Heideggerschen Philosophie eigentümlich ist (vom „Sein“ bis zur „Eigentlichkeit“, die alle auch ihr Gegenteil bedeuten), rührt her vom strategischen Gebrauch der Reflexionsbegriffe, die insgesamt – was Heidegger mit großem Geschick dezisionistisch abzuwenden, zu verdrängen versucht (Anwendung der Hegelschen „List“?) – der „verandernden Kraft des Seins“ unterliegen. Der Preis hierfür ist die Ausblendung des Bereichs, dessen Aufschlüsselung allein der Philosophie noch einen Inhalt geben kann: des historisch-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs und der Stellung des erkennenden Subjekts in ihm. Dem Vergessen entgegen arbeiten heißt hiernach dem Prinzip Verantwortung gehorchen und jeglicher Apologie, Rechtfertigung, Ideologie, jeder Verführung, ein Selbst durch Exkulpation zu gewinnen, zu widerstehen. Notwendig wäre die Aufklärung des Zusammenhangs von Eigentlichkeit und pathologisch gutem Gewissen (die Auflösung der Verführungskraft der Heideggerschen Philosophie durch den kritischen Begriff).

    Die Welt ist der Inbegriff dessen, was bei Kant Erscheinung heißt; sie ist nicht einfach „gegeben“, sondern wird konstituiert durchs transzendentallogische Apriori: durch Subjektivität (Produkt und Ursprung des „Schuldverschubsystems“); sie ist gleichsam das objektive Pendant der Selbstkonstitution des transzendentalen Subjekts, des Wissens und seiner Objekte, oder anders: Produkt von Vergesellschaftung, in der heute das transzendentale Subjekt (als Intersubjektivität) untergegangen ist. Die Welt ist die „Krankheit zum Tode“ und der Gegenstand der Heideggerschen Philosophie der endlich isolierte (und damit therapierbar gewordene?) Erreger dieser Krankheit. (Auflösung der Kantischen Antinomien durch Reflexion auf das Schuldmoment in ihnen?)

    Die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist der Vorläufer der neueren „Identität“: Mit sich identisch ist erst der Tote; deshalb gehört das „Vorlaufen in den Tod“ zu den Existentialien der Eigentlichkeit. Zugleich aber ist der Tote (das reine Objekt) gerade nicht mehr mit sich identisch, d.h. „uneigentlich“.

    Dieser Identitätsbegriff gleicht fatal jenem Wahrheitsbegriff, der dann Literatur (insbesondere den Roman) generell als Lüge denunziert.

    Ist eine Organisation der Arbeit denkbar, in der auf hierarchische Strukturen, auf Ausbildungs-Einbahnstraßen (und vor allem auf die eindimensionale, rückstandslose Identifizierung mit dem Beruf) verzichtet wird; in der Kompetenzen, gleichgültig wo und wie sie erworben wurden (z.B. in einem aus Interesse gewählten Studium oder bei der Kindererziehung), grundsätzlich als generell übertragbar sich erweisen? Wäre so insbesondere auch die Benachteiligung und Diskriminierung der Frauen vermeidbar?

  • 17.12.89

    Den dramatischen Änderungen in der DDR müssen Änderungen in der BRD folgen, beide müssen parallel erfolgen, wenn nicht beide zugleich verraten werden sollen. Verhängnisvoll wäre es, wenn aus den Änderungen nur ein Sieg der BRD (der „Marktwirtschaft“) und die Widerlegung des „Sozialismus“ (womöglich gar des Antifaschismus) herausgelesen würde. – Aber ist diese Gefahr so von der Hand zu weisen?

    Die Welt ist das Weltgericht und deren Objekt zugleich („alles, was der Fall ist“), und die Erfüllung des „Richtet nicht …“ wäre das Ende der Welt. Das Heideggersche In-der-Welt-Sein drückt genau diesen Bruch („Der Kleinbürger ist Teufel und arme Seele zugleich“) aus. Die Welt ist das Rätsel, dessen Auflösung der Heilige Geist ist (oder: die unreflektierte Identifikation mit der Welt ist die Sünde wider den Heiligen Geist).

  • 13.12.89

    Heute geht ist nicht mehr um die Verantwortung der Macht, sondern um die der Ohnmacht. Nicht das Ändern, sondern das (im Entscheidenden) Nicht-Ändern-Können ist der belastendste Inhalt der Verantwortung, die Schuld, die nicht verdrängt werden darf.

    Zur Verstärkung des Nationalismus gehört heute auch der Zwang zur Identifikation mit dem Beruf, den man ohnehin hat (Herrhausen: „Sagen, was man denkt, tun, was man sagt, sein, was man tut“); dabei käme es gerade darauf an, diese Identifikation zu unterlaufen, das Fachidiotentum (und seine verhängnisvollen subjektiven und objektiven, insbesondere auch politischen Folgen) durch Distanz und Reflexionsfähigkeit zu verhindern.

  • 09.12.89

    Die Diskussion der Ereignisse in der DDR hat etwas Gespenstisches. Unterschlagen werden generell die äußeren Bedingungen (Glasnost und Perestroika, die Entwicklung in Polen und Ungarn, die Verstärkerwirkung der westlichen Medien-Berichterstattung auf die ansteigende Republikflucht in den letzten Wochen, nicht zuletzt die – wenn auch bisher im einzelnen nicht nachweisbare, so doch zu vermutende – direkte Einflußnahme aus der BRD: BND, nationalistisch gestimmte Jugendverbände von JU bis Wikingerjugend, offenkundige Absprachen zwischen Oppositionsgruppen in der DDR und westdeutschen Fernsehteams über Demonstrationen …). Das alles schließt die Anerkennung der Emanzipationsleistung der DDR-Bevölkerung nicht aus, rückt sie nur in eine realistischere Perspektive, macht aber vor allem die propagandistische Verwertung der Ereignisse im Sinne des hier epidemisch sich ausbreitenden Nationalismus schwerer, wenn nicht unmöglich. Die Angst ist nicht unbegründet, daß dieser Nationalismus von der Erwartung lebt, eine „Wiedervereinigung“ könne, indem sie die offene Wunde der Spaltung schließt, den Zwang zu Erinnerung an die unerträgliche Schuld auflösen. Die Gefahr der Auflösung der VVN gewinnt unmittelbaren Symbolwert: daß mit der SED und ihrem Markenzeichen Antifaschismus die Aufarbeitung der Vergangenheit insgesamt diskriminiert wird. Der Untergang des Kommunismus in Osteuropa scheint der Nazi-Invasion in Rußland, dem Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg im Osten nachträglich recht zu geben und so den Faschismus freizusprechen. Das alles könnte das ohnehin wahnhafte Klima der zweiten Schuld in Deutschland stabilisieren und der Angst einen endgültigen Grund geben.

  • 03.12.89

    Entfremdung: Der Gebrauch dieses Wortes widerspricht auffallend seinem Wortsinn. Gemeint ist das (sich selbst und anderen) fremd Werden, ein Abstraktions- und Verdrängungsprozeß und sein Resultat (das entfremdete Dasein), während die Vorsilbe „Ent-“ sonst gerade die Auflösung, Vernichtung des mit dem folgenden Verb Bezeichneten anzeigt: Das Entfremdete müßte demnach etwas sein, dessen Fremdheit aufgehoben, das nicht mehr fremd ist. Sinnvoll wäre der allgemeine Gebrauch nur, wenn der Zustand, dem ich eine Sache entfremde, die Fremdheit dieser Sache wäre, und die Entfremdung sie uns (oder der eigenen Bestimmung) gerade nahebringen würde. Vielleicht ist dies sogar der eigentliche Sinn; nur wäre es dann interessant zu wissen: Was ist hier das Fremde? – Im Allgemeinen wird mit der Entfremdung die Instrumentalisierung bezeichnet, das „Für-uns-Werden“, die Unterordnung unter fremde Zwecke; und das Fremde wäre gerade das An sich, das in der Tat seit Kant das völlig Unbekannte, Unerkennbare und Fremde geworden ist. Aber ist das nicht die Sicht aus dem Blickwinkel der Herrschaft, der die These von der Unerkennbarkeit dessen, was sie ohnehin nicht interessiert, genau ins Konzept paßt? M.a.W., der Gebrauch des Begriffs Entfremdung wäre korrekt, wenn die Instrumentalisierung gleichsam die natürliche Bestimmung der Dinge wäre, und das Ansich nur ein barbarischer Rohzustand (die vorzivilisatorische Welt der Wilden, die erst durch Kolonialisierung zu Menschen werden).
    Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß bei Rosenzweig „der Mensch“ (im Kontext der drei Elemente Mensch, Welt und Gott) gerade nicht ein allgemeiner Gegenstand (wie der Baum oder der Tisch; so wäre er nur Teil der Welt), sondern der einzelne, besondere Mensch (mit Vor- und Zunamen) ist.

  • 29.11.89

    Die Welt ist Produkt der gleichen Abstraktion, der historisch auch die Philosophie sich verdankt. Das R’sche „von Jonien bis Jena“ bezeichnet als die Geschichte des Alls zugleich die der Welt, deren Begriff (und Realität) ebenso vergänglich ist wie die der Philosophie.

    Thales „die Welt ist voller Götter“ dokumentiert die erste Folge der Einheit der Welt: die Vielheit der Götter, die im Christentum dann auf die Trinität reduziert wird, darin jedoch fortlebt. Dagegen bezeichnet der jüdische Monotheismus die offene Wunde der Welt, über die der Mythos hinwegtäuscht, die er verdrängt.

  • 28.11.88

    National gesinnt oder wohl gesonnen?

  • 26.11.89

    Der nachchristliche Zynismus ist eine Folge des christlichen Selbstmitleids (Leidensmystik).

    Wir produzieren heute das Chaos, aus dem die Welt zu erschaffen wäre. – Das zusammendenken mit: Nach dem Weltuntergang ist Rettung nur noch über das „Abgestiegen zur Hölle“ (die heute einzig angemessene Form der Nachfolge) möglich.

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