• 12.05.89

    Über Gott kann man nicht sprechen; der Gottesname „Ich bin“ ist an die erste Person gebunden, er ist nicht in die dritte Person übersetzbar. Damit hängt es zusammen, daß es von ihm (vom Gottesnamen) eine männliche oder weibliche Fassung nicht geben kann. Das Ich ist weder männlich noch weiblich, es ist nur Ich. Gott ist nicht objektivierbar, er ist für uns nur fassbar im Ich des Anderen; genau das ist die Idee des Heiligen Geistes, der Tröster und Verteidiger ist, d.h. der in der Lage ist, das Ich im Anderen zu erwecken, zu stärken, anstatt zu demütigen, zu verwirren, schließlich zu zerstören.

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: deshalb darf es eigentlich eine theologische Kasuistik nicht geben. Die Übersetzung der Idee in Fälle ist genau die Form der Säkularisierung der Theologie, die ins Verderben führt, die diese abscheulichen Folgen hat, deren letztes Resultat der Faschismus ist. Der Faschismus ist das letzte Produkt der Objektivation, der falschen Säkularisation der Theologie, ihrer Selbstentfremdung. Er ist insoweit die christliche Häresie. Kasuistik, Sexualangst und Sexualfeindschaft gehören zusammen; nicht zufällig ist die kasuistische Moral in erster Linie Sexualmoral, die Sexualität ihr erster, bevorzugter Anwendungsbereich. Aber nicht als Objekt, sondern als Grund der Kasuistik ist die Sexualität in der Tat ein zentrales theologisches Thema. (Erster Gebrauch des Diktiergeräts)

  • 11.05.89

    Was mir Angst macht:

    – Ich habe den Krieg erlebt; und ich bin Zeitgenosse der schlimmsten Barbarei, des maschinellen Judenmords, der auch in meinem Namen begangen wurde. Spuren, mehr noch, die direkte Erbschaft dieser Barbarei sind zweifellos heute präsent. Den Schwur „das darf nie wieder sein“ habe ich wörtlich geleistet, als die Bundesrepublik sich der „westlichen Verteidigungsgemeinschaft“ anschloß: als die verfluchten Waffen und das zugehörige geistige und organisatorische Instrumentarium wieder rehabilitiert wurden. – Ich habe Angst, daß das, was heute als Revolution auftritt, die Voraussetzungen und die Folgen der Barbarei nicht begriffen hat, und deshalb ungewollt, aus Unkenntnis selber zum Wiedererstehen der Barbarei beiträgt; und die ist alles andere als harmlos.

    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Dieser Satz wird bestätigt durch das, was Horkheimer und Adorno die „Dialektik der Aufklärung“ nannten (und in diesem Werk präzisieren, thematisch durchführen). Die Geschichte der Naturerkenntnis (und ihr Resultat, das Bild der Welt, zu dem wir keine Alternative haben), ist die Geschichte eines Prozesses (auch im juristischen Sinne) gegen die Natur. Der naturwissenschaftliche Erkenntnisbegriff gleicht nicht zufällig dem staatsanwaltlichen und juristischen: er versetzt die Natur in den Anklagezustand und läßt sie als gerichtete zurück. Nur daß in diesen Prozeß die Geschichte der Gesellschaft verflochten ist: Die Geschichte der fortschreitenden Naturbeherrschung ist ein Teil der Geschichte der fortschreitenden Etablierung von Herrschaftsmechanismen und -institutionen in der Gesellschaft, die dann wiederum zu ihrer Absicherung der Eskalierung der Gewalt und der Institutionen, die sie repräsentieren (Militär, Polizei, Justiz), bedürfen. Das Gericht über die Natur schlägt auf die Menschheit zurück. – Ich habe Angst, daß unreflektierte Gewalt gegen Repräsentanten des Systems nur die Gewalt des Systems stärkt, aber nichts ändert.

    – Die Fixierung auf ein Feindbild (und ihre Folge: die Identifikation mit dem Aggressor).

  • 10.05.89

    Die „Welt“ wird definiert durch Physik und Ökonomie (Trägheits- und Tauschprinzip). Das Leben (nicht nur das Dasein) ist „in der Welt“, aber nur bedingt Teil der Welt. Verweltlichung = Säkularisierung = Objektivierung; Grundlage: Anklage-/Beweis-Verfahren; Ausschluß des Nicht-Beweisfähigen: vgl. Lyotard; Zusammenhang mit Ausschluß der Sinnlichkeit in der Physik (der primären Sinnesqualitäten). (Stichwort: Weltgericht.)

  • 07.05.89 (Forts.)

    Spiritus sanctus promittitur.

    Is. 44,3: Ich gieße Wasser auf ein durstig Land und Wasserbäche auf ein ausgedorrtes. Ich gieße meinen Geist auf deinen Stamm und meinen Segen über deine Sprößlinge.

    Ez. 11,19: Ich gebe ihnen ja ein anderes Herz und in ihr Inneres einen neuen Geist. Ich nehme weg das steinerne Herz aus ihrem Leib und schenke ihnen ein fleischern Herz.

    Ez. 36,26: wie 11, 19.

    Ez. 39,29: Mein Antlitz berge ich nicht mehr vor ihnen; ich gieße meinen Geist auf Israels Haus.

    Joel 3,1-2: Hernach geschieht’s, daß meinen Geist ich über alles Fleisch ausgieße, daß eure Söhne, eure Töchter prophezeien und eure Greise Träume haben und eure Jünglinge Gesichte schauen.

    Selbst über Sklaven und Sklavinnen werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen.

    Mt. 3,11: Ich taufe euch mit Wasser zur Bekehrung; er aber, der nach mir kommt, ist mächtiger als ich; ich bin nicht wert, ihm auch nur die Schuhe zu tragen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

    Joh. 7,37-39: Am letzten Tag, dem „großen“ Festtag, stand Jesus da und rief: „Wer dürstet, komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, aus dessen Innern werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“

    Er meinte damit den Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glauben; denn es gab noch keinen Geist, weil Jesus noch nicht in seine Herrlichkeit eingegangen war.

    Joh. 14,16,26: Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand verleihen, damit er in Ewigkeit bei euch bleibe: der Geist der Wahrheit. …

    Jedoch der Heilige Geist, der Beistand, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

    Joh. 15,26: Wenn dann der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird er Zeugnis über mich ablegen.

    Joh. 16,7: Jedoch, ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, wenn ich jetzt hingehe; denn wenn ich nicht hingehe, wird auch der Beistand nicht zu euch kommen. Doch ich gehe hin, so werde ich ihn senden.

    Act. 2,1: (Pfingsten)

    Spiritus Dei edocet mentes. (Exod. 4,12; Ps. 31,8; Is. 54,13; Mt. 10,20; Mk. 13,11; Lk. 12,11; 21,14; Joh. 6,45; 14,16,26; 15,26; 16,13; Röm. 8,16,26; 2 Kor. 1,22; 5,5; Eph. 1,13; 4,20,21; 1 Joh. 2,27)

  • 07.05.89

    Die Postmoderne (in der Architektur wie in der Philosophie?) ist der Versuch, die Konsequenzen aus dem neuen Stand des Nominalismus zu ziehen. Ansatzpunkte: Adornos Begriff des Nichtidentischen („Das Ganze ist das Unwahre“); Kants Vernunftkritik (Stellung der „reinen Formen der Anschauung“ zu den Begriffen; transzendentale Logik und Kategorienlehre; Antinomien der reinen Vernunft etc.); Wittgenstein; generell: Hegelkritik (der Tod als Konstituens des Begriffs; Widersinn des „absoluten Begriffs“); Rosenzweigs Neubegründung der Theologie (der Begriff des Begriffs als proton pseudos der Philosophie von Jonien bis Jena), Heidegger (der Geburtsfehler der Philosophie; das Sein und die Selbstzerstörung des Subjekts durch Eigentlichkeit).

    Die nur noch diskriminierenden Angriffe auf die Postmoderne in der Bundesrepublik (Christa Bürger, Burkhard Schmidt, Habermas?) verweisen auf einen blinden Fleck, auf eine Erkenntnis- und Wahrnehmungsunfähigkeit, die nur durch Verdrängung zu erklären sind. Vgl. Lyotards Bemerkungen zu „Kläger und Opfer“ im „Widerstreit“, S. 25ff, oder zur „Abschaffung der Todesstrafe aus Nihilismus“, S. 26.

    Frage: Gibt es den „herrschaftsfreien Diskurs“; gibt es eine Sprache jenseits der Herrschafts-, der Subjekt-Objekt-Beziehung; reicht die Herrschaftsstruktur nicht ebenso wie in das Sein der Dinge in jedes Urteil, in den apodiktischen Satz mit herein? – Ist die Vorstellung eines „herrschaftsfreien Diskurses“ etwa eine Ersatzbildung für die fehlende (theologische) Idee des Heiligen Geistes? (Der „herrschaftsfreie Diskurs“ schließt nur aus, daß zweie, die sich streiten, sich auch noch die Köpfe einschlagen, er hat aber den Streit zur Voraussetzung – Empathie fällt nicht in den Bereich des „herrschaftsfreien Diskurses“; er hat zur Grundlage das Rechtsinstitut des staatlichen Gewaltmonopols; er scheitert an der fehlenden Kritik des Rechts: Recht bekommen – auch mit legitimen Mitteln – ist nicht identisch mit der Gerechtigkeit des Ergebnisses; er scheitert m.a.W. an der Illusion über die Realität von Gewalt, die heute – zusammen mit der Krise des Nominalismus – zum eigentlichen Gegenstand der Philosophie zu werden scheint.)

  • 30.04.89

    Politische Reden geben das (negative) Maß dafür ab, was noch gesagt werden kann und was nicht. Sie sind im wörtlichen Sinne unsäglich. Die eingeschliffene „Logik“, die nur noch die eigenen Anhänger überzeugt, ist imgrunde terroristisch; sie braucht Sündenböcke; sie gehört zu den Ritualen der kollektiven Exkulpierung; sie erzeugt den kollektiven blinden Fleck, indem sie von Reflexion apriori dispensiert; sie gibt zu erkennen, daß sie zuschlagen wird, wenn einer nicht zustimmt. Philosophie ist der Versuch der Wiederaneignung der durch die Politik geraubten Sprache.

    Das einfachste Mittel der Abwehr ist seit jeher die Personalisierung in Verbindung mit der Kriminalisierung einer Wahrheit (X ist ein Irrer, Terrorist, Mörder; er ist unbelehrbar, nicht ansprechbar, mit ihm kann man nicht reden; wer mit ihm redet, ihn zu begreifen versucht, ist selbst ein Terrorist, zumindest ein Sympathisant …). Wenn es dann noch notwendig wird, diesen Abwehrmechanismus mit strafrechtlichen Mitteln abzusichern, so ist das fast schon der Wahrheitsbeweis für das Abgewehrte. – Der Terrorismus verweist im übrigen seit je auf den sehr viel härteren gleichen Sachverhalt auf der Seite dessen, der die Macht hat, das Verdikt des Terrorismus gegen seinen Gegner durchzusetzen.

    In der bisherigen Geschichte der Naturbeherrschung war Konkurrenz ein Merkmal gleichzeitiger (gleichsam räumlicher) Beziehungen (und insoweit auch ein Motor der Aufklärung); läßt die „Postmoderne“, der Bruch mit der Aufklärung, der im übrigen schon im Begriff der „Nichtidentität“ bei Adorno anklingt, sich dadurch definieren und begreifen, daß dieses Konkurrenzprinzip auch auf die zeitlichen Beziehungen übergreift: Nicht mehr nur Aufklärung als Sieg über die Vergangenheit (ein Sieg, der ohnehin schon problematisch genug war, und zu dem Walter Benjamin in den „Geschichtsphilosophischen Thesen“ erstmals das Nötige gesagt hat), sondern eine Aufklärung, die in Konkurrenz zur Zukunft tritt, Naturbeherrschung selbstzerstörerisch auf die Zukunft auszudehnen versucht, damit ihr eigenes Lebensprinzip angreift. Hier tritt – entgegen der letzten Hoffnung Walter Benjamins – erstmals auch eine Art Neid auf die Nachkommen auf.

    (01.05.89) Aber kann es sein, daß diese Absperrung, Ausblendung der Zukunft die Voraussetzung dafür ist, daß sie, „ins Angesicht geleugnet“, ihr Antlitz zeigt? („Deus fortior me“.)

  • 28.04.89

    Die Geschichte der Naturbeherrschung ist der Beweis für die Wahrheit des Satzes: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Die Menschheit wird ereilt von dem Gericht, dem sie die Welt (die Natur) unterworfen hat. (Wie heißt die Stelle: …, der ist schon gerichtet? – Hier wird deutlich, was mit der Sünde wider den Heiligen Geist gemeint ist: der Zustand der Welt heute ist diese Sünde.)

  • 27.04.89

    „Die Welt ist alles, was der Fall ist“: Heideggers Geworfenheit unterstellt dem Wittgensteinschen „Fall“ ein „werfendes“ Subjekt. Was ist „der Fall“, welche Funktion, welche Bedeutung hat dieser Begriff? (Repräsentant des Weltgerichts? Ursprung des richtenden Urteils – das ebenfalls „gefällt“ wird? Ist das geworfene Dasein eigentlich das verworfene?)

    Verteidigen kann man eine gute Handlung nur bei anderen, niemals die eigenen. Jede eigene Verteidigung ist Rechtfertigung und damit Ideologie. Es genügt das Bewußtsein, daß Schuld (die potentiell schon durch den Zustand der Welt gegeben ist) sich aktualisiert durchs „Beschuldigen“ (durch Projektion), während Entlastung allein aus dem Vergeben folgt.

  • 23.04.89

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Vorstellung des „schwarzen Lochs“ und der der Hohlraumstrahlung (Plancksche Strahlungsformel)?

    Nachmittags Spaziergang mit Gespräch über Gott, Paradies, Sündenfall; Erkennen was gut und böse ist, dagegen: „Richtet nicht …“; Fortschritt als unaufhaltsamer Sündenfall; Wissen. Empörung, Luzifer. Keine Errettung, die nicht auch in die Vergangenheit eingreift („ist angesichts der Leichenberge, auf denen wir stehen, anders eine Errettung denkbar“); Schlüsselgewalt Petri, der Kirche: Was Du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein: sie hat bis heute keinen Gebrauch davon gemacht; Voraussetzung wäre die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit (Antisemitismus, Konstantin, Bekehrung Europas und der Welt durch Gewalt, Ketzer- und Hexenverfolgung); Ohnmacht Gottes, leidender Gott.

  • 22.04.89

    Unsterblichkeit, Philosophie (Ontologie) und Nationalismus: In der Heldenverehrung „verehrt“ (d.h. verachtet) das Volk sich selbst (das Objekt, für das der Held auf dem Felde der Ehre sein Leben hingegeben hat). Vermittelt wird dieser Begründungszusammenhang durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, letztlich durch den parmenideischen Satz: Das Denken und das Sein sind dasselbe. (Vgl. Lyotard, S. 44ff)

    Hegels Weltgericht ist nicht das Jüngste Gericht, sondern das Gericht der Welt über die Geschichte, reflektierter Ausdruck der heute allgemeinen Überzeugung, daß am Ende die „Welt“, die menschenleere Natur sich durchsetzt; das ist die Grundlage für Heideggers Welt-Begriff, für den Begriff des In-der-Welt-Seins. Nur in diesem Zusammenhang ist das Heideggersche „Dasein“ zu begreifen. Die Welt (als gerichtete) ist das richtende Urteil über die Menschen, die selber die Urteilenden sind, ein Urteil, das jeden Anklang an Barmherzigkeit, jede Vorstellung einer Errettung ausschließt; daher die zentrale Bedeutung der (objektlosen) Angst; hier wird auch der Zusammenhang der Analyse des Man und des Geredes (Objekt/Subjekt des Weltgerichts) verständlich. Die Eigentlichkeit ist nur ein dezisionistischer (intentionaler) Akt, sachlich von der Uneigentlichkeit nicht zu unterscheiden; beide Begriffe bezeichnen nur zwei Seiten eines identischen Sachverhalts. Heideggers Philosophie ist das präziseste Selbstverständnis von Geschwätz.

    Kritik des „intentionalen Aktes“: die Gegenständlichkeit, die er voraussetzt, ist die durch Herrschaft vermittelte. Aber auf diesen „Akt“ ist Herrschaft für den, der keinen realen Anteil mehr an ihr hat, reduziert.

    Philosophie ist nur ein (vergebliches?) Ankämpfen gegen das Grauen (das mich seit Ende des Krieges nicht mehr verlassen hat; – daher die Last des nicht mehr aufzuhebenden Schweigens, die Angst, daß andere das, was ich sagen müßte, nicht ertragen könnten).

  • 19.04.89

    Das „Wachstum“ der Wirtschaft ist eigentlich der zwanghafte und nicht immer gelingende Versuch, mit dem Wachstum des „Schwarzen Lochs“ der Bedürfnisse Schritt zu halten; es ist zugleich Ursache der Beschleunigung des Anwachsens des Schwarzen Lochs, der Beschleunigung der Vergängnis. Im schlechten Sinne utopisch ist (jedenfalls bis heute) die Vorstellung einer Organisation des Produktionsprozesses, der Bedürfnisbefriedigung der Menschheit, die einhergeht mit einer Befriedung der Welt (Menschheit und Natur).

    „Umgekehrt bestünde das ‚perfekte Verbrechen‘ nicht in der Beseitigung des Opfers oder der Zeugen (das hieße weitere Verbrechen hinzufügen und die Schwierigkeit erhöhen, alle Spuren zu tilgen), sondern darin, die Zeugen zum Schweigen zu bringen, die Richter taub zu machen und die Zeugenaussage für unhaltbar (unsinnig) erklären zu lassen.“ (Lyotard: Der Widerstreit, S. 25) Lyotard beschreibt hier genau den Punkt, an dem die positivistische Rechtsauffassung umschlägt in postmoderne Justiz. Wie überhaupt der (kritische) Begriff der Postmoderne erst angesichts der Verfahren gegen Naziverbrecher (im Vergleich z.B. mit sogenannten Terroristenverfahren) durchsichtig und deutlich wird. – Ist in diesem Zusammenhang, der aufs engste mit der Unfähigkeit, sich ernsthaft in Deutschland mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das vollständige Unverständnis der Habermas und anderer (vgl. Christa Bürger) gegenüber Lyotard begründet? – Wurde die Todesstrafe (Lyotard, S. 26) etwa abgeschafft, als sie (für den Staat) nutzlos, ja hinderlich wurde, als sie den Zwecken der Selbsterhaltung des Staates nicht mehr entsprach?

    „(Der Arbeiter) befindet sich in der Lage eines Beschuldigten mit der Beweislast hinsichtlich eines Nicht-Seienden oder wenigstens eines Nicht-Attributs.“ (S. 28)

  • 15.04.89

    Frau Berghofer-Weichner im Spiegel: „Der Dümmere gibt nach“. Zugleich äußert sie Ängste, daß der Staat seine „Glaubwürdigkeit“ verliere, wenn er in der Frage der RAF-Gefangenen nachgebe. Der Staat dürfe nicht erpreßbar werden.

    1. Was bedeutet es für den Begriff des „Glaubens“, wenn er in dieser Form an das Identitätsprinzip gebunden wird?

    2. Wer erpreßt hier wen?

    3. Sind das nicht ausgesprochen durch die katholische Tradition geprägte Reaktionen, durch den deutschen Katholizismus vorgegebene Denk- und Verhaltenszwänge?

    Insbesondere: Wäre es nicht an der Zeit, endlich einen gleichsam experimentellen Glaubensbegriff zu erproben? Einen Glaubensbegriff, der die Möglichkeit einschließt, als Anwalt der Kleinen, Bedrängten, Verfolgten, Ausgebeuteten und Armen gleichsam tastend sein Objektgebiet zu erkunden und zu erforschen; einen Glaubensbegriff, der an der Idee des Gottsuchens sich orientiert.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie