• 12.04.89

    Destruktive Aggressionen, das Vernichtungspotential, das jeglicher Folterpraxis zugrundeliegt, sind die Folge massiver Verletzungen des Selbstwertgefühls. Sie sind eigentlich nach außen gewendete Selbstverachtungsgefühle: Diese Projektion funktioniert nur bei pathologisch „gutem Gewissen“, bei der Unfähigkeit, das Schuldmoment hieran überhaupt wahrzunehmen. Der Schmerz, den der Folterer anderen antut, ist für ihn selbst (stellvertretende) Strafe und Sühne zugleich (Christentum und Folter); die absolute Schuld ist zugleich die absolute Entsühnung (von einer anderen, irrationalen Schuld, für die der Folterer sich verachtet). Die Folter „reinigt“ den, der sie ausübt; allerdings nur in der Erwartung, als Vorlust gleichsam, die dann zwangsläufig süchtig macht, dem Wiederholungszwang unterliegt; das „omne animal post coitum triste“ bezieht sich genau auf diesen Sachverhalt. Der Wiederholungszwang rührt her von der zwangsläufig enttäuschten Erwartung.

    Selbst das Opfer der Folter ist durch diesen Mechanismus vorgegeben; geeignet ist nur, wer das repräsentiert, wofür der Folterer sich selbst verachtet: Opfer kann nur werden, wer das repräsentiert, was die Nazis den „inneren Schweinehund“ nannten: das Gewissen, die Regung der Humanität, die Empathie.

  • 09.04.89

    Der Konflikt Habermas/Lyotard scheint mit den unterschiedlichen Beziehungen zur „Studentenbewegung“ zusammenzuhängen (Paris: Mai 68 / „Deutscher Herbst 77“), insbesondere mit der Unfähigkeit in Deutschland, bis heute den „Terrorismus“-Komplex aufzuarbeiten und aufzulösen. Diese Auflösung müßte politisch, nicht nur theoretisch sein. Und dazu greift halt die Idee eines „herrschaftsfreien Diskurses“ zu kurz.

    Ist das Verhältnis der Ästhetik zur Ethik (der Kritik der Urteilskraft zu der der praktischen Vernunft) dem des Mythos zur Offenbarung vergleichbar?

    Das „postmoderne Babel“ (J.-F. Lyotard: Der Enthusiasmus, S.113): Die Sprache beginnt, ihre benennende Kraft zu verlieren. Aus der materiellen Struktur der (natürlichen/gesellschaftlichen) Welt, die eigentlich ein System von durch Abgründe getrennten Welten (Objekte als Monaden) ist; Welten, die sich gegenseitig sowohl durchdringen als auch vertreten; aus dieser Struktur der Realität rühren die objektiven Widerstände gegen ihre Erkenntnis her. Die Welt ist gleichsam selbst nur noch Objekt von double-bind-Strukturen, die, wie man sie auch benennt, immer falsch sind. Diesen Zustand versucht der Begriff „Postmoderne“ beschreiben. Hier gibt es „Verteidigungs“-Einrichtungen, bei denen man nicht weiß, wer oder was wen oder was gegen wen oder was denn noch verteidigt (die Staaten ein Prinzip gegen die Welt?). Daß jegliche Verteidigung auf einen kollektiven Selbstmord der Menschheit hinausläuft.

  • 08.04.89

    Die Kriege dieses Jahrhunderts stellen sich in Europa in den Erfahrungen der anderen Nationen (Franzosen, Belgier, Polen, eigentlich aller anderen Völker) anders dar als in der der Deutschen. Trotz der Umkehrung am Ende haben die späteren Sieger den Krieg als Opfer (und ihren militärischen und anderen Widerstand als notwendig, sinnvoll und begründet) erfahren, während die Deutschen – als am Ende bestrafte Täter – entweder uneinsichtig verstockt oder reuig abschwörend ein durchaus verworfenes Kriegsbild in sich tragen, das eine Relativierung nicht mehr zuläßt. Dieses Kriegsbild aber wird zugleich „verharmlost“ (durch Verdrängung seiner Ursachen), weil anders der Schrecken unerträglich wäre. Daß die Existenzgrundlagen der Menschen in Europa, die Anhäufung des Reichtums hier, zu ihrer Erhaltung des Gewaltpotentials, das heute die Welt verdüstert, bedarf, daß andererseits eine Änderung, die die Notwendigkeit der Gewaltdrohung aufhebt, nicht mehr erkennbar ist, diese widersinnige Konstellation macht ihre Erkenntnis fast unmöglich (da sie mit einer unerträglichen und absolut lähmenden Ohnmachtserfahrung verbunden ist). Es aber ebenso unmöglich, diesen Zustand unbegriffen und verdrängt zu halten, da anders die Gefahr unabwendbar erscheint, daß in den Menschen, in der Gesellschaft ein explosives Potential (aus Verdrängung und Projektion) heranwächst, dessen Folgen Auschwitz und Vietnam zu Generalproben herabsetzen werden.

    „Gott offenbart sich nicht in der Welt“ (Wittgenstein „Tractatus“, zit. nach Jean-Francois Lyotard „Grabmal des Intellektuellen“, S. 71). Heideggers Philosophie ist atheistisch durch den Begriff des „In-der-Welt-Seins“ und seinen Stellenwert in der Fundamentalontologie: Der Begriff der Welt, obgleich er ein Unendliches bezeichnet, ist endlich gegen das, was „außerhalb“ ist, wobei dieses „außerhalb“ durch die logische Struktur des Kontinuums, das der Weltbegriff bezeichnet, vorgegeben ist (durch die bestimmte Form der Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, insbesondere durch die Vorherrschaft des Allgemeinen = Vorherrschaft des Vergangenen); in jedem Falle ist aber Gott „außerhalb“ (da in keinem Sinne „vergangen“). Die Idee vom „Tod Gottes“ ist ein paradoxer Versuch der Rettung der Gottesidee.

    Empörung, Verwaltung, Herrendenken, Verblendung und Paranoia.

    Kirche und Entkonfessionalisierung der Religion. Konfession (als „Bekenntnis“ wie als Gemeinschaftsbegriff) ist das Gegenteil, die Negation von Kirche. Entkonfessionalisierung stellt den Objekt- und Wahrheitsbezug der Theologie, der Religion wieder her.

    Das Wissen konstituiert sich im Verhältnis zur Gesellschaft; Erkenntnisse haben immer auch politische/gesellschaftliche Bedeutung. Die Gründung der Universitäten im Mittelalter hatte nicht nur praktische sondern vor allem Legitimationsgründe. Und der Zerfall der Universitäten heute ist eine Folge des gesellschaftlich-politischen Paradigmenwechsels, der Verlagerung der Zentren der Macht.

    Die deutsche Reichstradition hat das Christentum in Deutschland entscheidend geprägt. Während in den übrigen europäischen Ländern (vgl. vor allem England oder Ungarn) das Christentum mit der Institution des Königtums (Erhaltung und Stabilisierung der bürgerlichen Institutionen und Verteidigung der Armen) verknüpft war, hat es diese Tradition in Deutschland nicht gegeben. Die Kaiser- und Reichsideologie hat den Imperialismus ins Christentum eingeführt (Unterschied der David- und Caesar-Tradition).

  • 02.04.89

    Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hängt mit der Objektlosigkeit der Angst zusammen. Es ist präzise die Identifikation mit dem letzten Aggressor, deren Grundlage und Resultat die ontologisierte Angst ist. Umgekehrt ist diese Objektlosigkeit notwendiges Moment der „aufgeklärten“ (= entfremdeten) Welt. Die physikalische Welt ist philosophisch objektlos (nur instrumental, nur System von Mitteln, kein An sich) und insoweit Quelle von Angst (und Paranoia).

  • 01.04.89

    Zur Angst gehört der Schein der Objektlosigkeit; dieser Schein begründet überhaupt erst die Angst und verstärkt sie. Eine Angst, die ihr Objekt kennt, ist keine mehr. Das heißt aber nicht, daß Angst nicht erklärbar, durchschaubar zu machen wäre, nur daß diese Erklärbarkeit an die Verarbeitung der Verdrängungen gebunden ist, d.h. die Überwindung von selber wiederum Angst auslösenden Widerständen zur Voraussetzung hat. Das Angst- und Zweifelverbot, die ebenso katholische wie aufklärerische Gewißheitsforderung (Zusammenhang des cartesischen Zweifels mit dem katholischen Glaubensbegriff) begründen jenen Angstbegriff, der im Zentrum der Heideggerschen Fundamentalontologie steht. Die Objektlosigkeit der Angst begründet zugleich die Objektlosigkeit der Heideggerschen Philosophie.

    Angst ist die affektive (theologische) Form des Nichtwissens, das affektive Pendant des Atheismus und zugleich die Quelle paranoider Ersatzobjekte. Eine Theologie, die Angst macht, ist atheistisch. Angst ist der Ausgangspunkt, nicht ein Ziel der Theologie (R’s Nichts repräsentiert diese Angst als Ausgangspunkt.)

  • 31.03.89

    Auschwitz: Nicht wir urteilen über die Vergangenheit (Museum, Historismus, Wertphilosophie), sondern die Vergangenheit ist das Urteil über uns („Umwertung der Werte“). Das aber ist die bis heute unbegriffene Wahrheit des Christus, der sich diesem Urteil unterwirft (abgestiegen zur Hölle, hat alle Schuld auf sich genommen, „richtet nicht …“). – Modell der „Umkehr“.

    Heidegger war – gerade als Atheist – katholisch: sein Nachkriegserfolg insbesondere im deutschen Katholizismus war darin begründet, daß er das Modell für ein Überleben der Kirche als Institution geschaffen hat, allerdings um den Preis des Selbstmords der katholischen Theologie, die es seitdem nicht mehr gibt.

    Bewußtsein ist – wie das Wissen – abhängig von seinem Gegenstand: etwas strukturell Vergangenem; als Vergangenes ist es etwas sich selbst Entfremdetes, Produkt eines Zerfalls-, Dissoziationsprozesses. Bewußtsein ist selbst der blinde Fleck.

    Glauben im Sinne von „etwas für wahr halten“ zerstört seinen Gegenstand, indem er ihn in einen Bereich hereinzieht, in dem dieser Gegenstand sich zwangsläufig auflöst: durch Assimilation an die Gesetze des Wissens, durch Subsumtion unters Vergangene (Theophysik statt Theologie).

    Gegen Heidegger: Angst ist nicht objektlos, sondern selber Medium von Erkenntnis, allerdings einer Erkenntnis, die nicht den Gesetzen des Wissens, der Subjektivität sich unterwirft (der im übrigen zynische Satz „Not lehrt beten“ rührt an diesen Sachverhalt und ist insoweit fast wahr). Keine sicherere Abwehr der Erkenntnis, kein besseres Mittel der Selbstverblendung, der Verdrängung als die Tabuisierung der Angst. Diese Funktion der Angst rührt her von ihrer Beziehung zur Schuld. – Die These von einer objektlosen Angst ist das Tabu über Erkenntnis.

    Die objektlose Angst und die Reduzierung der Philosophie aufs „Seinsdenken“ gehören zusammen; die Angst, deren Reflexion Heidegger wie der Teufel das Weihwasser meidet, ist es, die die Bewegung des Gedankens, sein Zusammenschrumpfen auf das bloße Sein, vorschreibt und zugleich von jeglichem Schuldbewußtsein befreit (damit allerdings den paranoiden Zwang, genauer: den paranoiden Sog der „Eigentlichkeit“, weiter verstärkt). Übrig bleibt – nach der Abspaltung vom Objekt – nur das Objekt als Korrelat des Denkens, eigentlich nur das leere Denken selber. Und dessen Name ist Sein.

  • 21.03.89

    Intersubjektivität ist nicht Objektivität, sondern nur das Gemeinsame der subjektiven, instrumentalen Vernunft. Diese hat sich – über die Naturwissenschaften, die die Natur diesem Instrumentalisierungs-(Herrschafts-)prozeß unterworfen hat – so tief in der Objektivität selber verankert, daß die Differenz fast unbestimmbar geworden ist. Es gibt keinen anderen Begriff der Vernunft mehr, seit es keinen anderen Begriff der Natur mehr gibt. Der entscheidende Schritt war die kopernikanische Wende.

    Der Katholizismus war einmal eine mehr oder weniger glückliche – jedenfalls funktionierende – Symbiose von Herrschaft und Religion. Diese Symbiose ist heute nicht mehr haltbar; sie ist – infolge des historischen Prozesses (in Wissenschaft und Gesellschaft) – Spannungen ausgesetzt, die das System zu sprengen drohen. Helfen kann allein eine historische Selbstverständigung, die durch Erinnerung die selbstzerstörerischen Kräfte, die heute freigesetzt werden, benennt und auflöst: Notwendig ist Erinnerung als therapeutischer Prozeß, der sicherlich schmerzhaft ist, aber allein noch aus der Krise herausführt. Gegenstand der therapeutischen Aufarbeitung sind Dogma, Ritus und Frömmigkeit als Einheit von kollektivem und individuellem Traum, Ziel ist das Aufwachen.

    Der Auferstehung geht nach alter katholischer Tradition (die auf die Petrusbriefe zurückgeht) der Abstieg zur Hölle voraus: die heute notwendige Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit, die die ganze Geschichte des Antisemitismus, der Ketzer- und Hexenverfolgung mit einschließt, die Christianisierung der Welt, die keine Bekehrung – eher das Gegenteil – war, diese Erinnerungsarbeit hat ihren theologischen Vorbegriff im apostolischen Glaubensbekenntnis: abgestiegen zur Hölle. Nur daß diese Hölle keine vorgegebene, sondern eine von der Christenheit selbst angerichtete war (und weiterhin sein wird, wenn der anders unabweisbare Wiederholungszwang nicht durch Erinnerung aufgelöst wird).

    Diese Erinnerungsarbeit ist sowohl eine zwingende Konsequenz aus der Theologie (die Verweigerung ist Atheismus) als auch selber nur in theologischem Kontext möglich. Habermas‘ Abgrenzung von den theologischen, überschießenden naturphilosophisch-messianischen Motiven bei Benjamin wie bei den Frankfurtern ist seine Abgrenzung von der Realität.

    Sofern es noch eine Revolution gibt, wird sie in jedem Falle diese Erinnerungsarbeit in sich enthalten müssen. Das Subjekt der Revolution ist nicht mehr so dingfest zu machen, wie Marx es anhand seiner Kapitalismuskritik logisch stringent getan hat, nämlich am Proletariat; die Revolution, wenn sie ihre vergangenen Fehler vermeiden will, wird die Erinnerung an die Unterdrückten, Geschändeten, Ausgebeuteten und Ermordeten der Vergangenheit, die Erinnerung an die Toten mit einschließen müssen; nur so ist es vielleicht möglich, Herrschaft an ihren Wurzeln (an ihrem Naturgrund) zu entschärfen.

    Heideggers Vergewaltigung der Sprache (sein Antichristentum) ist auch eine Strategie des Vergessens, der Entlastung von den Beschwernissen der Vergangenheit. Der Begriff „Seinsvergessenheit“, den er allen entgegenschleudert, die nicht vergessen wollen oder können, drückt das genau aus.

  • 20.03.89

    „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ – Heideggers Denunziationen (der alltäglichen Verfallenheit an das „Man“, des „Geredes“, der „Uneigentlichkeit“) sind eigentlich Projektionen, sie treffen ihn selber. Sachlich und logisch sind alle einschlägigen Heideggerschen Kategorien Reflexionsbestimmungen, d.h. austauschbar: Ausdruck ihres eigenen Gegenteils. Und es ist nur dem Heiggerschen taktischen Geschick zu danken, wenn es ihm gelingt, das zu verbergen, unkenntlich zu machen. Der Preis allerdings ist hoch: das Versinken der Philosophie im Mythos, im Schicksals- und Schuldzusammenhang, den H. dann selbst sich noch als besonderes Privileg zurechnen kann.

    Grund ist der unmögliche Versuch, den Gegenstand der Metaphysik zum Gegenstand des Urteils (des Wissens) zu machen, der nicht zufällig in der Hypostasierung der (antwortlosen und deshalb „wesentlichen“) Frage endet: Mit diesem Hammer erschlägt er alle. In der letzten Konsequenz des mythischen Schuldzusammenhangs kann nur einer der Herr sein: der, dem es gelingt, im Schuldverschubsystem „oben“ zu bleiben; das ist der Trick, den H. in vollständiger Selbstverblendung dann auch auf den beginnenden Faschismus anzuwenden versucht hat. Darauf bezog sich der Satz: Nur wer groß denkt, kann groß irren.

    Es ist das Verdienst Heideggers, daß er error in principio der Philosophie endgültig kenntlich gemacht hat.

  • 11.02.89

    Trauer, Zorn, Verzweiflung: Umkehr = Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Legitimation zu strafen ist durch die zweite Schuld, durch die Exkulpation der Urheber des absoluten Grauens, zerstört; Strafe ist wieder zur Rache, zur Rechtfertigung des geregelten Auslebens von Gemeinheit geworden, und das Recht selbst zu einem Instrument der Rebarbarisierung. Vor allem in D., wo das Recht die Empathie untersagt, wo gegen „Sympathisanten“ ermittelt wird, wo die Forderung nach humanen Haftbedingungen Ermittlungen nach § 129a nach sich ziehen, wird Recht zu einem Mittel der Zersetzung von Humanität. Hintergrund, Ursache scheint – wie vor allem die Gewaltdiskussion nahelegt – der Stand der gesellschaftlichen Naturbeherrschung zu sein, die Gewalt, die hier institutionalisiert ist und durchs Recht abgesichert werden soll: Das Recht begründet das Äquivalent des naturwissenschaftlichen Trägheitsgesetzes in der Gesellschaft, ist der eigentliche Ursprung dessen, was in gesellschaftlichem Kontext der Natur „Masse“ heißt.

    „Allein den Betern kann es noch gelingen, …“ – Der Weg zum Handeln ist heute versperrt durch die Struktur der verwalteten Welt, die Praxis nur als instrumentalisierte Praxis innerhalb des Systems zuläßt; diese Praxis ändert nichts mehr.

  • 07.02.89

    Sorge ist Ausdruck der Anbetung des Seins, der „Entsprechung“, der „Hörigkeit“, schließlich der „Gelassenheit“ (gegenüber dem Sein, nicht gegenüber der Freiheit). Die Sorge sorgt sich um das Sein (Hirte des Seins – nicht zufällig der Anklang an das katholische Hirtenamt, das Heidegger für sich wohl im Hinblick auf den deutschen Faschismus angestrebt hatte), nicht um die Opfer des „Seins“; sie ist die ins System eingebaute Verhinderung jeglicher Empathie, in letzter Instanz die Selbstzerstörung des moralischen Subjekts, des Gewissens (sie ist der systemimmanente Repräsentant des Antisemitismus).

  • 06.02.89

    Schlüssel zur Fundamentalontologie: Sorge als paranoische Entmündigung ihres Objekts, bewußtloses Herrschaftsinstrument; Erniedrigung mit gutem Gewissen. Der sich Sorgende genießt das moralische Prestige der Angst, die er um den anderen hat. Sorge, Erhebung, Empörung. Die Sorge hat den, um den sie sich sorgt, nur insoweit vor Augen, als sie um den Eindruck, den er auf andere macht, sich sorgt. Schlüssel zur Fundamentalontologie: Das Sein sind „die Anderen“: als paranoide Projektion der Selbstverleugnung, als Inbegriff des nach außen projizierten Aggressors, der man selbst ist, für den die Verantwortung zu übernehmen man sich weigert. Das Sein eröffnet den Weg des pathologisch guten Gewissens.

  • 04.02.89

    Konkretismus heute: Vermischung von symbolischem Denken und Realismus; in die reale Umwelt-/Friedensbedrohung mischt sich trübe die undurchschaute gesellschaftlich-politische Bedrohung; undurchschaut, weil die Reflexion eine über den Stand des Fortlebens der unaufgearbeiteten faschistischen Vergangenheit wäre, die verhindert wird durch die Mechanismen der „zweiten Schuld“; das Schuldverschubsystem funktioniert hier so, daß die Selbstentlastung als Hysterie, als panikerzeugende Bedrohung durchs Objekt, die freilich nicht bloß irreal ist, wiederkehrt.

    Erkennbar wird dieses System daran, daß es wirksamen Widerstand gegen die zentralen Gefahren (z.B. der allgemeinen Demoralisierung, des folgenlosen Protests, des schnellen Vergessens) nicht gibt. Die BRD bleibt ein „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, die Situation hat sich – trotz wachsenden Unbehagens an der Situation, das allerdings mehr an die Symptome als an die Ursachen sich anschließt – eher verschärft und zugespitzt.

    Die Vergangenheit ist in die Grundlagen unserer Existenz, in das Ich eines jeden verflochten und nicht mehr daraus zu entfernen. D.h. aber: Selbstverständigung ist – auch für die Nachgeborenen – ohne Erinnerung nicht möglich, wobei in dieser Erinnerung auch die Verdrängungen unserer Eltern und Großeltern mit aufzuarbeiten sind. Anders kann niemand mit sich selbst ins Reine kommen. Nicht Kollektivschuld, wohl aber – im genauesten Sinne – Erbschuld, die ohne Umkehr weiterwirkt, demoralisiert, den Zynismus und die Verblendung bewirkt, die heute auch noch die Aufgeklärtesten nicht mehr abschütteln können.

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