• 29.01.89

    Zur Bedeutung von Strafe: Wer ist strafwürdig? Wer ist nur therapiefähig? Gestraft wurden nach dem Kriege nur die, die eigentlich zu therapieren gewesen wären, während die anderen, wirklich Strafwürdigen, z.B. die Nazirichter, ausnahmslos der Strafe sich entziehen konnten, formal exkulpiert wurden. Kein Tatbestand bezeichnet genauer die Perversion, Gemeinheit und Heuchelei dessen, was man heute Rechtsstaat nennt; und kein Tatbestand führt näher an den Punkt heran, den – in der jüdisch-christlichen Tradition – der Begriff der Umkehr bezeichnet.

    Die bloße Abschaffung der Strafe allein – und ihre Ersetzung durch Sozialtherapie – wird der Realität des Bösen in der Gesellschaft nicht gerecht; wichtiger ist die „Lokalisierung“ des Bösen, die der Idee und dem Begriff der Strafe allein angemessen ist: Nicht die Sexualität, sondern die Politik (bzw. die obszöne und zugleich mythische Vermischung beider) ist der reale Ort von Schuld und Strafe.

  • 12.12.88

    „Auschwitz war ‚ein fremder Planet‘, dessen Gesetze die Regeln einer normalen menschlichen Gesellschaft ins Gegenteil verkehrten.“ (R.J.Lifton: Ärzte im Dritten Reich, S. 439) Ist in Deutschland (oder überhaupt in der Welt) nach dem Krieg eigentlich eine „normale menschliche Gesellschaft“ wieder entstanden; ist nicht das Bewußtsein, wieder in einer „normalen menschlichen Gesellschaft“ zu leben, paradoxer Weise genau die Voraussetzung dafür, daß Auschwitz in den Fundamenten der Gesellschaft fortexistiert; ist nicht diese Welt insgesamt zu „einem fremden Planeten“ geworden?

    „Wieder ersetzte die Gewissenhaftigkeit das Gewissen, …“ (ebd. S. 462).

    Helmut Wirths über seinen Bruder Eduard: „… if anybody must be killed … a doctor has to be a witness, … guilty or not.“ (ebd. S. 477) Die Verbindung von Heilen und Töten hängt möglicherweise auch damit zusammen, daß nur ein Arzt den Tod feststellt, auch den – im Falle des futurum perfectum im System Auschwitz – bevorstehenden (bei der Selektion).

  • 27.11.88

    Sind die Argumente in den Kantischen Antinomien eigentlich gleichwertig? Ist das Gewicht der Hoffnung nur ein Zusätzliches, von außen Hinzukommendes, oder ist es nicht doch ein Moment in den Argumenten selbst (ein Zeitmoment, das verschwindet, wenn die Argumentation aufs Wissen, d.h. auf die Vorherrschaft des Vergangenen, abstellt)?

  • 13.11.88

    Die gesetzlichen und institutionellen Sicherheitsvorkehrungen des Staates nehmen immer mehr paranoide Züge an: Offensichtlich fühlt sich der Staat (fühlen sich seine Repräsentanten) immer mehr von den Bürgern (vom Volk), die (das) sie vertreten, verfolgt. Vorsorglich wird das Volk zunächst einmal unter einen generellen Verdacht, in einen permanenten Anklagezustand gesetzt, zugleich werden die Verteidigungsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt. Ausweg ist nur noch ein Nationalismus, der sich außer Verdacht dadurch bringt, daß er sich mit dem Aggressor identifiziert. Ausdruck dieser Paranoia ist die Amtsbezeichnung „Staatsanwalt“.

  • 23.10.88

    Es scheint eine von Heidegger-Adepten immer wieder gemachte Erfahrung zu sein, daß man beim Lesen glaubt etwas zu begreifen, das sich dann wieder verflüchtigt, eine Erfahrung, die zweifellos süchtig machen kann. Und Heidegger-Adepten erwecken nicht selten den Eindruck von Süchtigen.

    Das scheint zusammenzuhängen mit (offensichtlich von Heidegger selber) undurchschauten Tricks, zu denen H. gezwungen ist, und in die er seinen ganzen analytischen Scharfsinn legt, die nichts anderes bezwecken, als den Schein aufrechtzuerhalten, Reflexionsbegriffe seien fähig, ein An sich auszudrücken. Ein lernfähiger und lernbereiter Blick in Hegels Logik hätte genügt, diesen Schein aufzulösen.

  • 22.10.88

    Heideggers Philosophie ist ein Modellfall für die Mechanismen von Projektion und Verleugnung: Das Fascinosum, vom Begriff des Seins über Kategorien wie Eigentlichkeit, Entschlossenheit u.ä., ist der Duftstoff, der genau in die Bereiche herein(ver-)führt, die er dann diskriminiert. Die Bindung, die ihre Anhänger fesselt, besteht aus einer ebenso trüben wie wirksamen Mischung aus Selbsterhöhung und Selbstverachtung (verdrängter Schuld); es ist die gleiche Bindung, die den Zusammenhang des Mythos herstellt und definiert. Charakteristisch das Verhältnis zur Schuld: Es gibt keine Unschuld; soweit es Schuld gibt, ist sie infolge des projektiven Denkens nicht zurechenbar. Hier sind die gleichen Mechanismen wirksam, die nach dem Krieg geholfen haben, den Faschismus zu verdrängen.

    Die gleichen Konstellationen durchziehen die gesamte Geschichte der Philosophie: Heidegger macht gleichsam den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt. Es ist der gleiche Zusammenhang, aus dessen Kritik F.R. seine Philosophie gewinnt. Hier liegt die einzige Gemeinsamkeit beider.

  • 19.10.88

    Das Bilderverbot ist der Kern einer opferfreien Religionslehre. Das Opfer selber ist nämlich nur das Bild der Beziehung der Sprache zur Wahrheit: Wenn diese Beziehung rein hergestellt ist, bedarf es des Opfers nicht mehr. Diese Beziehung schließt aber „Barmherzigkeit“, parakletisches Denken, m.a.W. eine Beziehung zum Objekt mit ein, die sowohl die Anklage als auch das richtende Urteil unterläuft, die die Verteidigung des Schwachen, Unterdrückten, Bedrängten, Zu-kurz-Gekommenen zu ihrer eigenen Sache macht: den Heiligen Geist. Das Bilderverbot ist identisch mit dem Verbot der „Sünde wider den Heiligen Geist“. (Bekenntnis und Verinnerlichung des Opfers.)

  • 17.10.88

    Es ist ein Unterschied ums Ganze, ob Zukunftserwartungen aus der Sicht des Zuschauers oder der des moralisch Betroffenen, der Verantwortung erwachsen. Die Sicht des Zuschauers ist die mythische, die des Betroffenen eine unendlich belastete und die befreiende zugleich.

    Mythisch ist der Staat, zu dessen Existentialien das Schicksal, das Recht und das Wissen gehören.

  • 08.09.88

    Empörung verstellt den Blick, wenn es um den Begriff von Vergangenem geht. Sie ist in der Regel ein Hinweis auf Nachwirkungen dessen, worauf Empörung reagiert, auf Widerstand gegen Einblick in Verdrängtes. Hierbei handelt es sich um Verdrängungen, die weniger in individuellen als vielmehr in kollektiven, historischen traumatischen Prozessen begründet sind. Die Neigung, hier empört zu reagieren, verweist auf den naturgeschichtlichen Prozeß, auf Nebenwirkungen der historischen Auseinandersetzung mit der Natur. Als „veraltet“ wird empfunden, was auf vergangene Phasen der Auseinandersetzung mit der Natur verweist; verdrängt wird, daß diese Phasen zu den Voraussetzungen und Bedingungen auch des gegenwärtigen Daseins noch gehören. Verhaltensweisen, die heute nur noch irrational sind, können durchaus einmal (unter anderen Bedingungen) ein angemessener Ausdruck rationalen Verhaltens gewesen sein. Mehr noch: ob sie wirklich irrational sind, könnte unter Umständen vielleicht erst dann entschieden werden, wenn der Bann, unter dem Natur im Zeitalter der vollendeten Naturbeherrschung steht, einmal gelöst ist. (zu Uta Ranke-Heinemanns „Eunuchen für das Himmelreich“)

  • 07.08.88

    Nochmals Vorrang des Objekts: das verweist nicht nur auf die Welt als Objekt (und ihre Geschichte), sondern ebenso – und das ist zusammen zu sehen – auf jene Objektivität, auf die die Idee des Glücks verweist. Glück bezeichnet einen Objektbereich, der in einer höchst differenzierten zeitlichen und begrifflichen Beziehung zur Welt steht. Glück schließt die Menschheit mit ein, es ist eigentlich nur als das Glück aller denkbar, als Aufhebung der Not, des Elends, des Unglücks; insbesondere auch als Aufhebung vergangenen Leids. Glück wäre nicht denkbar ohne jenes fundamentum in re, das die modernen Naturwissenschaften schon in ihrem Ursprung aus dem Kreis ihrer Objekte ausgeschlossen haben: das gegenständliche Korrelat der Sinnlichkeit, die sinnlich erfahrene Welt (Licht, Farbe, Geruch, Wärme, Klang) als sinnlich erfahrene, nicht entfremdete Welt.

  • 22.01.88

    Urteile werden „gefällt“: Das Urteil, und sein Gegenstand nur insoweit, als er Gegenstand des Urteils („der Fall“) ist, ist Zentrum des Sündenfalls in dem gleichen Sinne, in dem jeder Punkt im Raum Zentrum eines Inertialsystems ist.

    Urteile werden (wie Bäume) „gefällt“.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie