Hängt die Unterscheidung von Wut und Zorn, die so nur im Deutschen möglich ist, sprachlogisch mit der Bildung der Begriffe Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Seligkeit, Dreistigkeit u.ä. zusammen? Keine Sprache steht so im Bann der Herrschaft wie die deutsche, in der es möglich war, aus der Verurteilung des Faschismus den Schleier zu weben, hinter dem der neue, recycelte Faschismus sich bildet. Aber heißt das nicht auch, daß die Entschlüsselung der Logik der Herrschaft über die Reflexion der Ursprungsgeschichte und der Logik der deutschen Sprache möglich sein müßte?
Gilt das Wort vom imperativen Charakter der Attribute Gottes auch vom göttlichen Zorn und Grimm? Ist der Grimm nicht ein nach innen gewendeter Zorn? Der Zorn treibt die Röte ins Gesicht, während der Grimm das Antlitz entstellt (das Gesicht des Ergrimmten verfällt).
Ist das Inertialsystem (als Kelch des göttlichen Grimms) das entstellte Angesicht Gottes?
Theologie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Wenn Gott den Himmel aufspannt, dann ist das Inertialsystem ein Produkt der Hybris, die dem Wahn verfallen ist, dieses Aufspannen ließe sich als Akt der Subjektivität reproduzieren.
Die Utopie der Öffentlichkeit entspricht einer Welt, in der der Geist die Erde erfüllt, wie die Wasser den Meeresboden bedecken.
Adornos Satz, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, scheint heute aus der Sphäre des Öffentlichen und Politischen in die Sphäre des Privaten einzudringen und auf die Strukturen der unmittelbaren persönlichen Beziehungen sich auszubreiten. Hier aber wird die Paranoia an sich selbst unerkennbar, weil alle unter ihrem Bann stehen: Bewußtsein selber wird zum blinden Fleck (ein schwarzes Loch, das durch Unterhaltungsindustrie, durch „virtual reality“, zu füllen ist). Diese Paranoia ist nur noch an ihren Folgen erfahrbar.
Beginnt nicht der Satz „Leistung muß sich wieder lohnen“ in der letztmals gewendeten F.D.P. in Figuren wie Gerhard, Solms, Rexrodt und Kinkel sich mit entlarvender Deutlichkeit zu enthüllen, nackt sich zu manifestieren? Das Wort appelliert an den Selbsterhaltungsinstinkt in einer paranoisierten Welt. Was sie unter Leistung versteht, hat die Partei selber in einem Augenblick der Wahrheit, als sich selbst als „Partei der Besserverdienenden“ definierte, aufs deutlichste zum Ausdruck gebracht.
Der Zusammenhang der Quantenmechanik und der Mikrophysik mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit läßt sich an der zeitlichen Struktur, die durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in die räumliche Ausdehnung hineingebracht wird, demonstrieren: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat das räumliche Nebeneinander mit einem zeitlichen Nacheinander verschmolzen. Resultiert die Mikrostruktur der Materie aus der Anwendung der mathematischen Strukturen des Inertialsystems auf Objekte, denen diese Strukturen in einem noch aufzuschlüsselnden Sinne „äußerlich“ sind?
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25.5.96
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24.5.96
Hatte Thales, als er den Satz formulierte „Alles ist Wasser“, etwa schon Heidegger gelesen? (Ist Wasser das Element, aus dem die Frage <die Seinsfrage, die Judenfrage> auftaucht?)
Haben Aufspannen und Gründen, die Tätigkeiten Gottes, aus denen die Himmel und die Erde hervorgehen, etwas mit der Trennung von Zukunft und Vergangenheit (mit der Konstituierung der Zeit) zu tun?
„Das Vergangene ist nicht mehr“: Ist nicht die Aufhebung der Vergangenheit des Vergangenen das Jüngste Gericht (während das irdische Gericht in der Magie des Urteils gründet: es verurteilt zur Vergangenheit, sperrt den Verurteilten in seine eigene Vergangenheit ein)? Im Jüngsten Gericht sind die Opfer die Ankläger, ist Gott der Richter (Mein ist die Rache, spricht der Herr). Freigesprochen wird nur, wer vorher schon Verteidiger (Paraklet) war.
Das Gewaltmonopol des Staates ist der Quell der Dummheit, die die Polizei den Bürgern einbläut.
Die Sünde der Welt auf sich nehmen: Ist das Ich die Sünde der Welt?
Verweist der Anfang des Schöpfungsberichts (wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund, der Geist brütend über den Wassern) auf die messianischen Wehen, und bezeichnet er nicht den Mutterschoß (den Ort der Barmherzigkeit), aus dem Gott seine Propheten beruft? Erblickt der Prophet (wie das Kind) nicht auch im wörtlichen Sinne des Schöpfungsberichts das „Licht der Welt“? Und hängen nicht die Verhärtungen des Herzens Pharaos (im Kontext der zehn „ägyptischen Plagen“), wie auch ihre Vorgeschichte in den zehn Königen von Edom (Gen 36) real mit den zehn Worten der Schöpfung und der Offenbarung zusammen?
Der deutsche Name der Barmherzigkeit wurde analog zu den Begriffen Gerechtigkeit und Seligkeit gebildet. Gibt es noch andere Begriffe, die auf „-igkeit“ enden, und was ist das Gemeinsame, das in dieser Bildung sich ausdrückt? (Das -ig ist Ausdruck der Adjektivierung, das -keit der der Bildung eines Abstraktums. Wodurch unterscheiden sich -lich und -ig oder -heit und -keit?)
Als Martin Buber die Bibel übersetzte, hat er diese Abstrakta vermeiden wollen, damit aber den sprachgeschichtlichen Prozeß, in den die theologische Sprache im Deutschen verstrickt ist, bloß verdrängt, während es darauf ankäme, ihn zu reflektieren. Nur: Weshalb hat er auch die Namen des Armen und des Fremden beschwiegen (vgl. die Bemerkungen Walter Benjamins zu dem zugrunde liegenden Sprachproblem in der Einleitung zum Ursprung des deutschen Trauerspiels)?
Zum Begriff des Rassismus: Gehört nicht die Sprache der gleichen logischen Sphäre an, zu der auch die Gattung (die Instinktbindung der Tiere) gehört (und ist nicht die Verwaltung das logische und gesellschaftliche Äquivalent der Gattung)? Sind die Menschen nur deshalb „frei“, weil sie sprechen, und d.h. ihre „Instinktbindungen“ reflektieren können? Was bedeutete es, wenn Adam im Paradies die Tiere benannte? Fällt der Rassismus nicht in dieses benannte Tierwesen (in die Entlastung von Schuld, die in der „natürlichen“ Instinktbindung der Tiere vorgestellt wird) zurück? Hängt nicht der Wunsch nach „religiösen Bindungen“ ebenso wie die astrologische Mode mit dem schrecklichen Wunsch zusammen, als Tier benannt und von der Last der Freiheit befreit zu werden? -
23.5.96
Theologie im Angesicht Gottes ist die Lösung des Problems der Verbindung von Theologie und Gebet: der Versuch, die Welt so zu begreifen, wie sie im Licht Seines Angesichts erscheint. Das Licht in dem Satz „Ihr seid das Licht der Welt“ hat seine Quelle im Leuchten Seines Angesichts. Die Kritik des Anthropomorphismus ist der Weg der falschen Befreiung vom Mythos (der „Weg des Irrtums“). Hilfsmittel dieser falschen Befreiung (und Quellpunkte des Irrtums) sind die Totalitätsbegriffe (Wissen, Welt und Natur), mit denen das Subjekt gegen die Gotteserkenntnis sich abschirmt. Erinnerungsarbeit geht davon aus, daß die vorwissenschaftlichen „Weltbilder“, der Mythos wie auch die Astrologie, keine Lösungen sind, wohl aber Erinnerungen an ein Problem, das wir verdrängt haben, und dessen Verdrängung unser Bewußtsein verhext. Wenn heute keiner mehr an die Auferstehung glaubt, dann hängt das mit Auschwitz zusammen. Sehen Verwaltungen ihre Klientel nicht als ein Stück anorganischer Materie, als ein lästiges Anhängsel der Gesetze und Verordnungen, die die „Lebenswelt“ der Verwaltungen definieren? Der real existierende Sozialismus ist nicht zuletzt daran gescheitert, daß er glaubte, Gerechtigkeit mit Hilfe der Verwaltung durchsetzen zu können (diesem Aberglauben sind alle verfallen, die glauben, daß die Dinge besser werden, wenn nur die „richtigen Leute“ an die Macht kommen: an die Macht, das heißt über das Instrument der Verwaltung verfügen zu können, während in Wahrheit die alte Scheiße mit den Verwaltungen sich reproduziert). Zur Aufklärung und Sensibilisierung, denen die Startbahn-Katastrophe gemeinsam mit allen mit Polizeigewalt durchgesetzten Großprojekten den Boden unter den Füßen weggezogen hat, gibt es keine Alternative. Der Verwaltungsblick ist begrenzt durch die verwaltungsinternen „subjektiven Formen der Anschauung“: die Logik der selbstgesetzten Regelungen und Zwänge des Verwaltungshandelns. Der Sozialhilfeempfänger ist dann nur ein Anwendungsfall der Sozialgesetze. (Die Wittgensteinsche „Welt“ gleicht der Welt der Verwaltung: sie „ist alles, was der Fall ist“.) Hängt nicht das Problem der Beziehung von Kapitalismus und Faschismus mit dem der Funktion der Verwaltung im Kapitalismus zusammen? Horkheimers Wort, daß, wer vom Faschismus redet, vom Kapitalismus nicht schweigen darf, wird heute wahr, wenn man es umdreht: Wer vom Kapitalismus redet, darf vom Faschismus nicht schweigen. Der Faschismus (das Tier aus dem Meere) war eine naturwüchsige und zugleich hybride Form des Verwaltungsdenkens (von hierarchisch organisierter Verantwortungslosigkeit, blindem Gehorsam, Intrige, Zynismus, Empfindlichkeit und Gemeinheit). Er hat die Voraussetzungen geschaffen für eine Welt, in der die von ökonomischen Zwängen determinierte Verwaltung am Ende die Politik abschafft und ersetzt und die Staaten zu Kolonien der alles beherrschenden Ökonomie (des Tieres vom Lande) werden. Ist nicht das Bild der sieben unreinen Geister das biblische Symbol der Verwaltung (und war nicht die Astrologie, die ihr Zentrum im „chaldäischen“ Babylon hatte, eine idolatrische Vorform des Verwaltungsdenkens)? Sind nicht die imperialen Strukturen der Verwaltung über kirchliche Institutionen tradiert worden, insbesondere über das Amt des episkopus (des „Aufsehers“)? Die Verwaltung ist das politische Pendant der subjektiven Formen der Anschauung (der Abstraktion vom Blick des andern): Die kirchliche Verwaltungsorganisation war der gesellschaftliche Grund der Theologie hinter dem Rücken Gottes. Mit der Polizei wurde die vorher nur nach außen gewandte Gewalt des Militärs (die Gewalt der Eroberung und Beherrschung fremder Völker, der Unterwerfung anderer Staaten) nach innen gekehrt. Sind nicht Polizei, Steuerpflicht und Finanzwesen gemeinsamen Ursprungs, und sind sie nicht im kirchlichen Bereich ausgebildet worden (vgl. insbesondere die religions- und herrschaftsgeschichtliche Bedeutung der Inquisition)? Die Kolonisierung des Staates durch die Globalisierung der Ökonomie verändert auch die innere Struktur der privaten Welt: Sie ist das Modell (und das Pendant) der „Kolonisierung der Lebenswelt“, des privaten Bereichs, zu deren Ursprungsgeschichte die Geschichte der Privatisierung der Sexualmoral gehört. Die Medienwelt heute ist die institutionalisierte Leugnung des Namens, eine Einrichtung zur Fütterung des Drachens: Die Einübung des Auf-dem-Bauche-Kriechens und des Staubfressens. Erscheint der Name der Kirche, der ekklesia, nur in der Apokalypse im Plural (in den sieben „ekklesiai“ in Asien)? Zur Verhärtung des Herzens Pharaos: – Bei welchen Plagen treten die Zauberer und Wahrsager Ägyptens auf, wann werden sie in die Plagen mit hereingezogen, wann verschwinden sie? – Wann weist Moses den Pharao darauf hin, daß am dritten Tag in der Wüste das „Scheusal Ägyptens“ geopfert werden soll, und wann ist es wirklich geopfert worden? – Bei welchen Verstockungen ist Gott (JHWH) der Urheber, bei welchen der Pharao, und bei welchen Plagen „bleibt“ das Herz des Pharao verstockt (wie lauten die entsprechenden Übersetzungen von Buber oder Zunz)? Die Prophetie hat einen Aktualitätskern. Im Ernst (zumal im Anblick der fortschreitenden Vergesellschaftung von Herrschaft) gibt es eigentlich nur zwei Haltungen zur Prophetie: Entweder man ist selber Prophet, oder man ist Objekt der Prophetie. Die Historisierung der Prophetie, ihre Neutralisierung durch Objektivierung ist eigentlich unerlaubt, aber ist sie nicht gleichwohl unvermeidbar und notwendig? Und das ist das Modell der Gegenwart, des Aktualitätskerns heute, Grund des Adorno-Worts: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Das Leben, in das wir heute verstrickt sind, ist eigentlich unerlaubt; und die Tatsache, daß es dazu keine Alternative gibt, rechtfertigt es nicht. Notwendig ist seine Reflexion, auch wenn sich keine „praktischen Konsequenzen“ daraus ableiten lassen: Liegt hier nicht der Wahrheitskern dessen, was einmal Gottesfurcht hieß?
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22.5.96
Die Verwüstung, die der Faschismus im Bekenntnisbereich angerichtet hat, vollendet die Ökonomie heute in der Realität.
Der Faschismus hat die Feste zerstört, allen voran Weihnachten: Er hat aus dem Fest des Schenkens das Fest der unerfüllten Wünsche und Erwartungen gemacht, und in diese Lücke konnte dann machtvoll und unverschämt über das zur Reklame verkommene Fest das Weihnachtsgeschäft eindringen (konnte die Ökonomie ihr Werk der Verwüstung vollbringen).
Mauerbau und „Asylkompromiß“, Beispiel einer asymmetrischen Reflexion: Eine realsozialistische Planwirtschaft und ein freier Warenmarkt sind nur möglich, wenn der freie Personenverkehr unterbunden wird.
Mit Hilfe der „terms of trade“ und der Schuldendienste rauben wir die Dritte Welt aus und sperren die Beraubten in die zum KZ der Metropolen umfunktionierten „Entwicklungsländer“ ein.
„Wenn die Götter schweigen“: Sind nicht stumme Kommandos (Kommandos, die über die instrumentalisierte Selbsterhaltung sich die Gewalt des Eigeninteresses geben) wirksamer und unwiderstehlicher als verbalisierte, denen man noch widersprechen kann (Aufgabe der Folter ist es, politische Kommandos durch Bindung ans Selbsterhaltungsprinzip von der Last der Sprache und des Widerspruchs zu befreien; Reklame ist das marktwirtschaftliche Äquivalent der Folter; ihre Opfer sind die Arbeitslosen, die Sozialhilfeempfänger, die Armen)? Was heute stumm und mit eingebauter Exkulpationsautomatik abläuft, wäre anhand seiner Folgen am Faschismus zu studieren.
Existenzdenken: Für das am Prinzip der Selbsterhaltung geschulte Bewußtsein sind die Armen (die Verlierer) apriori schuldig und nur die Reichen (die Sieger) gerechtfertigt. (Dazu Jak 51: „Nun zu euch, ihr Reichen: Heult, schreit über das Elend, das auf euch zukommt.“) -
21.5.96
Wenn die Zeit mit erschaffen ist, dann muß die Zeit die Spur der Schöpfung in sich enthalten, dann ist das Ewige der Zeit nicht äußerlich. Die Subsumtion der Schöpfung unter die Zeit (die den Anfang der Welt zu einem Anfang in der Zeit macht) konstituiert die Welt, indem sie den Widerspruch in ihrem Begriff verdrängt, auf den Staat verschiebt, den sie so zum Schöpfer der Welt macht (zugleich wird die Natur zum Schöpfer ihrer selbst, an welchem Schöpfertum das die Natur konstituierende Subjekt dann Anteil gewinnt: seitdem sind die Menschen beleidigungsfähig).
Hegel hat die kantischen Antinomien, die in der transzendentalen Ästhetik gründen, nur verdrängt, als er glaubte, sie im Begriff aufgehoben zu haben. Die Hybris der Idee des Absoluten war das Deckbild der islamischen Kapitulation (der „Ergebung“) vor der Fatalität des Begriffs. In der kantischen Antinomie der reinen Vernunft steckt die ganze Apokalypse.
Die Welt ist ein Produkt des Inertialsystems, der Weltbegriff besiegelt seine (ihn selbst legitimierende) Hypostasierung.
Rom hat Zeus säkularisiert und durch den Caesar ersetzt (und die Zeugung durch die Adoption). Die Quellen der caesarischen Macht waren die Siege draußen (und die Niederlagen im Innern: Brutus hat die Institution des Caesars durch den Mord an Caesar geschaffen). Das Imperium ist zugrunde gegangen an der Institution, die es hervorgebracht und getragen hat: am Militär.
Ecclesia triumphans: War nicht das Christentum, das unter Konstantin zur Staatsreligion geworden ist, eine Form der Rationalisierung des Pantheons, des instrumentalisierten Mythos? Und mußten nicht die Mysterienreligionen, die Militärreligionen waren, unterliegen, nachdem sie im Christentum ihre politisch wirksamere Form gefunden hatten?
Ist mein Theorieverständnis nicht das des Kaninchens vor der Schlange? Und bleibt nicht die Frage: Wie wird das Kaninchen zum Hahn?
Der Form des Rosenzweigschen B = B (eigentlich seinen „mathematischen“ Formeln insgesamt, auch dem A = A Gottes und dem B = A der Welt) liegen die subjektiven Formen der Anschauung zugrunde: Die beiden Elemente verhalten sich wie die beiden Vakuen, die des „leeren Raumes“ und der „leeren Zeit“, die an das Reale nur angrenzen, es nicht „in sich“ enthalten, in die „wir“ es vielmehr hineintun müssen (das leisten die kantischen synthetischen Urteile apriori). In diesen Formeln steckt die wichtigste Rosenzweigsche „Entdeckung“: die Kritik des Historismus (und, allerdings noch unentfaltet: der Naturwissenschaften). Sofern die „Formen der Anschauung“ auf einen Inhalt sich beziehen, haben sie die Funktion dessen, was die Propheten Kelch genannt haben.
Natur und Geschichte (das „Reich der Erscheinungen“) spiegeln die Wirklichkeit gleichsam unter Vakuumbedingungen, unter die sie mit Hilfe der subjektiven Formen der Anschauung versetzt werden, wider (der „Inhalt“ der subjektiven Formen der Anschauung ist vakuumverpackt; das Resultat der Entziehung der Luft, in der sie allein zu leben fähig wären: Produkt der Abstraktion vom Geist). Die letzte Erinnerung an ihre eigene theologische Vergangenheit ist in den Naturwissenschaften mit der Verdrängung des horror vacui verdrängt worden.
Abstrahiert wird in der subjektiven Form der äußeren Anschauung vom Blick des Andern, in der der inneren Anschauung von einer Zukunft, die nicht wie die Vergangenheit ist.
Ist nicht die Angst ein Sprachproblem, und bezeichnet nicht der selige Sprachgeist der paradiesischen Sprache den utopischen Punkt der Freiheit von Angst in der Sprache selbst?
Hängt die auffällige Beziehung der Juden in der Philosophie zu Kant nicht damit zusammen, daß die Kritik der reinen Vernunft die erste säkulare Selbstreflexion des Sternendienstes ist (der „kopernikanischen Wende“)?
Die Lahmen und Blinden: das sind die durchs Trägheitsprinzip Verhexten.
Nach kabbalistischer Tradition bezeichnet der Buchstabe Jod (das neutestamentliche Jota) die Beschneidung. Hat nicht Paulus das Jesus-Wort Mt 518 verletzt, und heißt er deshalb „Paulus“ (vgl. 519)? -
20.5.96
Hat nicht das Christentum durch seinen Schöpfungsbegriff den Historismus legitimiert und zugleich sich selbst das Verständnis der Apokalypse verstellt? Wenn die Zeit etwas in der Schöpfung Entsprungenes, nicht unabhängig von ihr Bestehendes ist, kann die Schöpfung nicht selber unter die Zeit subsumiert, und d.h. als etwas nur Vergangenes angesehen werden: dann steckt im Namen der Schöpfung etwas Unabgegoltenes, das in jede Gegenwart hereinreicht. Diesem Gedanken kommt die jüdische Tradition, der zufolge Gott die Schöpfung jeden Tag erneuert, am nächsten. Zwischen der jüdischen und der christlichen Tradition liegt ein Konstrukt, das aus der christlichen theologischen Tradition hervorgegangen ist, und deren mit dem Dogma und mit der Form des Bekenntnisses ausgebildete Logik mit ihrer Abtrennung und Verselbständigung sich gegen sie gekehrt hat: Raum und Zeit als „subjektiven Formen der Anschauung“ (das Inertialsystem). Das Inertialsystem ist nicht nur das Referenzsystem aller naturwissenschaftlichen Begriffe, Erscheinungen und Gesetze, es ist zugleich das Sklavenhaus der Natur. Und der naturwissenschaftliche Erkenntnisbegriff ist ein pharaonischer Erkenntnisbegriff, zu dessen Vorgeschichte die Geschichte der Verhärtung des Herzens Pharaos gehört (Adornos Kritik der Verdinglichung war ein Kampf gegen die Verhärtung des Herzens). Waren Kain und Abel, wie später Esau und Jakob, Zwillinge; und welche anderen Zwillinge gibt es außerdem in der Schrift? Wenn Kain und Abel Zwillinge waren, dann waren die ersten Zwillinge ein Mörder und sein Opfer; Jakob (der „Listige“) hat seinem Bruder das Erstgeburtsrecht abgekauft (und Gott hat „Jakob … geliebt, Esau aber gehaßt“ – Mal 12f). Hängt das mit der Exodus-Geschichte und der jüdischen Opfertradition verknüpfte Problem der Erstgeburt hiermit zusammen? Und in welcher Beziehung steht die „List“ Jakobs zu der der Schlange, die das „listigste“ aller Tiere war? – Die Söhne Judas von der Thamar waren Zwillinge; waren auch die Söhne des Eber, Peleg und Joktan, Zwillinge? Ist nicht Kain (der Gründer der ersten Stadt, die er nach seinem Sohn benannte) die erste Erstgeburt überhaupt? Das Gute ist ein Objekt des Sehens („und Gott sah, es war gut“). Ist Elohim der Gott, der sieht (der Richtende), JHWH hingegen der, der hört (der Barmherzige), und liegt darin der Grund, daß der Name JHWHs nicht ausgesprochen werden darf? Und ist nicht Elohim der Gott, der mißbraucht werden kann, in der Idolatrie, im Götzen-, Opfer- und Sternendienst? Als den Menschen die Augen aufgingen, erkannten sie, daß sie nackt waren.
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19.5.96
An der pharaonischen Verhärtung des Herzens läßt sich demonstrieren, daß die Personalisierung das Instrument eines Schuldverschubsystems ist, das heute den Geschichtsbegriff vollständig durchherrscht.
Licht und Finsternis sind keine physikalischen, sondern sinnlich-sprachliche Qualitäten.
Wer sich wundert, daß im biblischen Schöpfungsbericht das Licht vor den Leuchten erschaffen wurde, der glaubt nicht an Gott, sondern ans Elektrizitätswerk.
Physis und natura: Mit der Geburt sind die Schmerzen der Wehen, die, als Schmerzen der Frau, dem männlichen Bewußtsein ohnehin nur von außen zugänglich sind, vergessen und verdrängt, während im Begriff der Zeugung die Lust des Zeugens mit erinnert wird (hat die christliche Theologie mit der Einführung der Zeugung in die Trinitätslehre nicht die Idee des seligen Lebens mit dieser Lust verwechselt?).
Das Gewaltmonopol des Staates ist in dem Augenblick ins Zentrum des politischen Bewußtseins gerückt, als es durch die Ökonomie gebrochen und (dadurch, daß es in den Dienst der Ökonomie gestellt worden ist) instrumentalisiert wurde. Waren Idolatrie und Götzendienst nicht eine Vorstufe dieses Vorgangs, der moderne Nationalismus ihr immanentes telos?
Die kopernikanische Wende und der Ursprung der Philosophie: Hat die kopernikanische Wende die Verinnerlichung der Schicksalsidee nicht auf neuer Stufe (als Verinnerlichung der Astrologie) reproduziert?
Ursprung des Nominalismus: Was mit der kopernikanischen Wende verdrängt wurde, läßt an der Subjektivierungsgeschichte sich ablesen: Nach der Subjektivierung der sinnlichen Qualitäten die Leugnung der objektiven Kraft der Kritik und schließlich die Verwerfung der Objektivität der Schuld (die fortschreitende Destruktion der benennenden Kraft der Sprache).
Die kopernikanische Wende hat das Schuldverschubsystem (auf der Grundlage von Personalisierung und Konkretismus) instrumentalisiert. Hier ist der Punkt erreicht, an dem es keinen Ausweg mehr gibt außer dem einzigen (dem Nadelöhr der Theologie), Joh 129 ins Nachfolgegebot mit aufzunehmen.
Drei Stufen der Hoffnung:
– Kafka: Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.
– Benjamin: Hoffnung ist uns nur um der Hoffnungslosen willen gegeben.
– Jakobus: Wer einen Sünder (einen Hoffnungslosen) von seinem Irrweg bekehrt (von seiner Hoffnungslosigkeit befreit), der wird seine Seele vom Tode retten und eine Menge Sünden zudecken. (Jak 520)
Hat dieser „Irrweg“ (ho planäs hodos, der Weg des Irrtums) etwas mit dem Sternendienst, mit Astrologie und Astronomie (und diese mit der Geschichte der Bearbeitung der Schicksalsidee) zu tun?
Wiederholt nicht die Astronomie den gleichen Prozeß, den zuvor die Philosophie gegen den Mythos angestrengt hat, indem sie den Eindruck erweckt, daß wir, durch die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit der Sternenbewegungen, Anteil gewinnen an der Gesetzgebung, Herrschaft erringen über den Himmel? Ist nicht die Astronomie die zweite Stufe der Verinnerlichung des Schicksals, das der Astrologie zufolge in den Bewegungen und Konstellationen der Sterne sich verkörperte und ablesbar schien? Sind nicht Raum und Zeit, die subjektiven Formen der Anschauung, Radikalisierungen der objektivierenden Gewalt des Begriffs?
Nach der Lehre des Islam erschafft Gott die Welt in jedem Augenblick neu (die Schöpfung ist eine reine Demonstration der göttlichen Schöpfermacht), nach jüdischer Tradition erneuert Gott mit jedem neuen Tag die Schöpfung, während nach christlichem Verständnis Gott der Erhalter der Welt ist (die – auch im zeitlichen Sinne – „im Anfang“ erschaffen wurde). -
18.5.96
Der Positivismus ist der logische Kern des Verwaltungswissens, wobei in den Naturwissenschaften das Verwaltungsprinzip in den subjektiven Formen der Anschauung mit enthalten ist (der Positivismus ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und den Staub frißt, den Adam produziert).
„Da gingen ihnen die Augen auf …“: In dem Augenblick, in dem die Menschen lernen, sich in den Augen der andern zu sehen, erkennen sie, daß sie nackt sind.
Das Inertialsystem ist die Rückseite des Buches, in dem die Taten der Menschen verzeichnet sind, des Buches, dessen Siegel am Ende gelöst werden.
Patriarchen und Erzengel gibt es im Bereich der Orthodoxie, Erzengel und Erzbischöfe (archiepiskopoi) gab es in der lateinischen Kirche, bis die Aufklärung der Angelologie den Boden entzogen hat. Seitdem gibt es nur noch Erzbischöfe (und anstelle der Patriarchen Kardinäle). Welche sprachlogische Bewandnis hat es und was drückt sich darin aus, daß das „arch“, das aus dem griechischen archä (Anfang, Prinzip, Herrschaft) sich herleitet, in dieser historischen und geographischen Konstellation sowohl als Suffix als auch (im Bereich der Orthodoxie) als Präfix erscheint?
Sind die „Erzengel“ (deren Vorstellung mit der Siebenzahl sich verbindet) nicht astrologischen Ursprungs, hängen sie nicht zusammen mit der angelologischen Verarbeitung der astrologischen Tradition (gibt es Stellen in der Schrift, in der die Heiden Sternendiener heißen; sind die „Völker“ Sternendiener? – vgl. Eveline Goodman-Thau, Zeitbruch, S. 160, Anm. 378)?
Urbild der Patriarchen sind Abraham, Isaak und Jakob, die „Väter“ der zwölf Stämme Israels.
Patriarchen sind Ursprungsgestalten, Erzbischöfe Teil einer hierarchischen Organisation, einer Verwaltungsordnung (deren logisches und historisches Modell die astrologische Ordnung war).
Sind nicht Marx, Freud und Einstein wirklich die Patriarchen der Selbstkritik der Aufklärung?
Hängt die Differenz im Gebrauch der archä mit der sprachlogischen Beziehung der lateinischen zur griechischen Sprache zusammen. Einer Beziehung, die möglicherweise in der Bildung der Totalitätsbegriffe Natur und Welt vorgebildet ist: der Name der physis leitet von der Zeugung sich ab, der der Natur von der Geburt; und die Zeugung geht der Geburt voraus. Ist nicht die griechische Sprache vordogmatisch (gehört sie nicht zum Bildungsprozeß des Dogmas), während die lateinische Sprache als postdogmatisch sich begreifen läßt (sie setzt das Dogma als gegeben voraus)? Ist die Grenzscheide, die sprachlogische Schwelle, die die Patriarchen von den Erzbischöfen trennt, nicht die gleiche, die auch die physis von der natura trennt (und den kosmos vom mundus: ist nicht die lateinische Variante des Christentums eine „Reinigungs-„, eine Schuldbefreiungsreligion)?
Ist diese Geschichte nicht ein Teil der Ursprungsgeschichte des modernen Naturbegriffs?
Hat die Grenze zwischen der prä- und postdogmatischen Sprachlogik etwas mit zwischen der Herrlichkeits- und der Namensmystik (zwischen kabod und schem, Merkaba-Mystik und Kabbala) zu tun, und ist nicht in den zehn Sefirot beides enthalten: die Dreizahl der Patriarchen und die Siebenzahl der „Planeten“ (Kether <Krone>, Chochma <Weiheit>, Bina <Verstand> und Chessed/Gedulla <Liebe/Größe>, Gebura/Din <Macht/Strenge>, Rachamim/Tifereth <Barmherzigkeit/Herrlichkeit>, Nezach <beständige Dauer>, Hod <Schönheit>, Jessod <der Grund>, Malchut <das Reich>)?
Hängt die Beziehung der „archä“ zu den kirchlichen Verwaltungsorganisationen mit der der Orthogonalität (und Dreidimensionalität) des Raumes zu seiner (durch die Orthogonalität erzeugten) unendlichen Ausdehnung (zur Unendlichkeit der sechs Richtungen im Raum und ihrer gemeinsamen Beziehung zur Vergangenheit) zusammen?
In welcher logischen Beziehung steht die Form des Raumes zum logischen Begriff der Gattung? Ging Hegel, als er bemerkte, daß „die Natur den Begriff nicht halten kann“, und das mit der Diversifizierung der tierischen Gattungen begründete, nicht von der Objektivität des Raumes aus, hatte er hier nicht vergessen oder verdrängt, daß Kant die Subjektivität des Raumes (und damit seine die Erkenntnis organisierende und zugleich von der Wahrheit abspaltende Gewalt) begründet und nachgewiesen hatte? Gehört nicht die „Gattung“ (ein logischer und biologischer Begriff zugleich) der gleichen Ordnung an, in der auch der Raum sich konstituiert? Begründet nicht die Verabsolutierung des Raumes aus dem gleichen Grunde, aus dem sie mit dem Symbol des Tieres zusammenhängt, den logischen Zwang, der unweigerlich in den Rassismus führt? Ist nicht der Rassismus (der heute dazu führt, daß der Geist auf eine bisher unbekannte Weise geleugnet wird) eine notwendige Folge der Logik des Weltbegriffs, die mit der Form des Raumes mitgesetzt ist? Der Raum ist das Instrument der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, der Grund der falschen Einheit von Vergangenheit und Zukunft, die den „Zeitkern“, die Gegenwart, ausschließt (Kern des Schuldverschubsystems: der Pflug, vor den Rind und Esel zugleich gespannt sind). Die Rosenzweigsche Todesfurcht (die Fähigkeit, Angst nicht zu verdrängen, sondern als Erkenntnisorgan zu nutzen) ist das Wahrnehmungsorgan für diesen Zeitkern. -
17.5.96
Die Beziehung von Richten und Gerichtet-Werden drückt in der Logik der Reversibilität aller Richtungen im Raum sich aus, sie drückt in einem Bewußtsein sich aus, das „Rechts und Links nicht unterscheiden“ kann.
Dadurch unterscheidet sich die Sprache von der mathematischen Form des Raumes (von der subjektiven Form der äußeren Anschauung), daß in ihr vorn und hinten, rechts und links und oben und unten sehr deutlich unterschieden sind: Das Im Angesicht und hinter dem Rücken sind zwei verschiedene Sprachen, ebenso das richtende und das verteidigende Wort; und der, der „über“ jemanden redet, redet anders als der, der zuhört oder mit jemandem spricht. Der Begriff ist generell „über“ der Sache, das Objekt ist unten und stumm. In die Sprache selbst dringt der Raum über die Prä- und Suffixe ein, wobei die Präfixe ein System räumlicher (und zeitlicher) Beziehungen zu den Dingen, die Suffixe die Wirkungen des Raumes (und der Zeit) in den Dingen dokumentieren. Eine besondere sprachgeschichtliche Bedeutung und sprachlogische Funktion scheint hier den Sprachen zuzukommen, in denen auch der bestimmte Artikel in die Deklination mit hereingenommen wird. Erkennen läßt sich dieser Prozeß (dessen Radikalität erst in den modernen Sprachen sich manifestiert) an der Transformation des Nomen in das Substantiv, die die Transformation der erkennenden Sprache (die in der Sache sich bewegt, sie zur Sprache bringt, indem sie die Kraft des Namens in den Dingen weckt) in die nur noch mitteilende Sprache (die die Kraft des Namens leugnet und nur von außen auf die Sache sich bezieht) besiegelt.
Die Beantwortung der Frage, ob und wie im Strafrecht synthetische Urteile apriori möglich sind, hängt davon ab, ob ein apriorisches Objekt sich konstruieren läßt: eine Gestalt des Angeklagten, die nur noch Objekt des Verfahrens und ebenso so stumm wie das Objekt ist: ein Angeklagter, der nicht mehr als Angeklagter, sondern als Feind fungiert. Dem kommt die strafrechtliche Definition des Mörders nahe (Mord ist das einzige Delikt im traditionellen Strafrecht, das ein Täterdelikt, kein Tatdelikt ist). Reale Bedeutung gewinnt die Konstruktion des Feindes allerdings erst im Staatsschutzverfahren, in dem dann auch Richter und Staatsanwalt nicht mehr sich unterscheiden lassen, in dem die Verteidiger zu Unterstützern des Feindes und die Besucher zu Sympathisanten werden. Das Staatsschutzverfahren ist kein Problem des Rechts, sondern eines der Logik.
Kritik der Naturwissenschaften: Zu den synthetischen Urteilen apriori des Kapitalismus gehört die Subsumtion der Arbeit unter die anorganische Materie (Kostenfaktor).
Das Dogma, die Orthodoxie, ist ein System synthetischer Urteile apriori der Bekenntnislogik: Die Opfertheologie steht an der Stelle, an der in der Transzendentalphilosophie Kants die subjektiven Formen der Anschauung stehen.
Apokalyptisches Tier: Ausbildung (einschl. Studium) produziert heute dressierte Hunde. -
15.5.96
Die Bekenntnislogik trennt das Erbauliche von der Wahrheit. Das Erbauliche ist das (leere, gereinigte und dann) geschmückte Haus, das offensteht für die Rückkehr der Dämonen. Erkennbar ist das Erbauliche an der Psychologisierung objektiver Vorgänge (an der Vorstellung, die Psalmen ließen sich unreflektiert auf private Erfahrungen und Konstellationen anwenden), an der Neigung zu kontrafaktischen Urteilen, an einem Textverständnis, daß von der Intention des Autors ausgeht („was will uns der Autor damit sagen“) anstatt von der Objektivität sprachlicher Gebilde: von einem Sprachverständnis, das vom Begriff der Information und von der Mitteilungsfunktion der Sprache ausgeht.
Das Subjekt der Psalmen (und das Objekt der Prophetie) ist nicht eine individuelle Privatperson, sondern Israel (die private „Einfühlung“ in biblische Texte ist erbaulich). Die Austreibung Israels aus der Sprache und aus den Texten kehrt als subjektives Bedürfnis nach der „Gemeinde“ wieder.
Die Jonas-Texte bei Miskotte sind ein Opfer dieser Erbaulichkeit. Erschreckend, mit welcher Verachtung Miskotte von Jonas spricht; trägt sie nicht allzudeutlich projektive Züge? Ist nicht seine Theologie eine Theologie im Bauch des Fisches, eine Theologie, die vor dem Handgemenge, in das sie sich hätte bei Erfüllung des prophetischen Auftrags einlassen müssen, zurückschrickt und nach Tarschisch flieht? Ist es nicht diese Theologie, der die „Gemeinde“ zur Zuflucht, und d.h. zum Bauch des Fisches, geworden ist? Ist nicht die „Verstockung“ des Jonas ein prophetisches Wort an die Kirche (die Gemeinde)?
Weshalb erinnert mich das Wort Gemeinde an Behörde?
Ist nicht das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ein Jonas-Wort? Sind nicht die, die Rechts und Links nicht unterscheiden können, auch die, die nicht wissen, was sie tun? Und führt dieses Wort nicht ins „Handgemenge“ mit der Welt?
Zur Geschichte der Verstockung des Herzens: Wenn der Infinitiv Sein mit dem (im Deutschen gleichlautenden) Possessivpronomen der 3. Pers. sing. m. zu tun hat, dann ist die Ontologie die philosophische Grunddisziplin des Patriarchats, aber zugleich auch eine, die nicht mehr weiß, daß sie es ist. Ist nicht Heideggers „Sein zum Tode“ und das „Vorlaufen in den Tod“ die Erfüllung des Worts „Laßt die Toten ihre Toten begraben“, das an einen erging, der, bevor er nachfolgte, erst seinen Vater begraben wollte?
Das Sein, die Kopula des Urteils, an der schon Franz Rosenzweig die „verandernde Kraft“ erkannt hat, ist ein Instrument des Patriarchats: Das Urteil ist nicht zu retten.
Die Selbsterhaltung bedarf nicht der Rechtfertigung, wohl aber der Reflexion: Die unreflektierte Selbsterhaltung betreibt das Geschäft des Feindes.
Das Prinzip, daß man alles darf, sich nur nicht erwischen lassen, läßt sich aus dem Stand der Aufklärung ableiten. Dem entspricht es, wenn das Recht nicht mehr die Tat, sondern das Erwischtwerden diskriminiert, wenn alle Straftatbestände aus Prinzipien der Beweislogik sich ableiten lassen. Ist diese Logik nicht im Prinzip des Strafens begründet? Die Strafe aber setzt an die Stelle der Versöhnung die Sühne, mit der der Staat sich an die Stelle des Opfers setzt: Nicht das Opfer ist das Objekt des Verbrechens, sondern der Staat, und dessen Recht wird nicht durch die Tat, sondern dadurch, daß sie öffentlich wird, verletzt. -
14.5.96
Das Gebot der Feindesliebe schließt die Kritik des Urteils mit ein (die gegenständliche, das Objekt aufsprengende Kraft der Erinnerung). Ist nicht – die Kritik der reinen Vernunft eine säkularisierte Schöpfungslehre, – die Kritik der Urteilskraft eine säkularisierte Offenbarungslehre und – die Kritik der praktischen Vernunft eine säkularisierte Lehre von der Erlösung, und sind nicht die nachfolgenden idealistischen Systeme allesamt in der ersten Stufe, in der der Schöpfungslehre, steckengeblieben? – Fichtes Wissenschaftslehre verstand sich ohnehin nur als Entfaltung der Transzendentalphilosophie; – Schellings Naturphilosophie knüpft zwar an die Kritik der Urteilskraft an, übersieht aber, daß das angestrebte Ziel unter dem Apriori des Naturbegriffs unerreichbar war; – Hegel muß, um die Logik des Weltbegriffs entfalten zu können, den Kern der Kritik der praktischen Vernunft, den Pflichtbegriff und das Sollen, dekonstruieren. Ist der Staat der unreine Geist, der in die Wüste geht (und zugleich der eine Sünder, über dessen Bekehrung mehr Freude im Himmel sein wird als über 99 Gerechte)? Die Wahrheit der Opfertheologie: Wenn der Glaube an die magische Kraft des Urteils (der Quellcode der autoritären Persönlichkeit) wächst und nicht mehr reflexionsfähig ist, wird er wieder seine Opfer fordern. Die Deutschen wollen sein wie die andern Völker und begreifen nicht, daß sie es nicht mehr können. Haben Auschwitz und das Nachkriegsdeutschland mit der Geschichte von dem einen unreinen Geist, der in die Wüste geht und mit sieben anderen unreinen Geistern zurückkehrt, zu tun: Die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger sein als die ersten? Die Zivilisationsschwelle, die als Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs sich bestimmen läßt, ist die gleiche Schwelle, die die Geschichte von der Vorgeschichte trennt. Ägypten, Assyrien, Babylon, Israel, die Hethiter, die Philister, Kanaan: die ganze altorientalische Welt verhält sich zur Geschichte wie die Sozialhilfeempfänger, die Asylanten, die Arbeitslosen zur zivilisierten Welt. Auf sie man ungestraft seine projektiven Bedürfnisse ableiten darf. Die Unfähigkeit, die Ursprungsgeschichte der Zivilisation zu reflektieren, findet hier ihr vorbezeichnetes Objekt. Bezeichnet nicht Israel die eigentliche Verlegenheit der altorientalischen Geschichte? Die pharaonische Verhärtung des Herzens hat ihre objekiven Gründe im Kontext der Herrschaftsgeschichte, und ihre Rekonstruktion ist ein Mittel zur Erkenntnis der Objektivität, die in der Herrschaftsgeschichte sich bildet. Die Vergangenheit ist nicht vergangen: Das Sklavenhaus besteht weiter, nur als ein Sklavenhaus mit Gummizellen, und d.h. als Irrenhaus. Ist nicht der Habermassche Verfassungspatriotismus ein Glaube an die höhere Einsicht der Irrenärzte? Was hat es mit den Philistern auf sich, und was unterscheidet sie (und ihre Stellung in der Geschichte Israels) von Ägypten, Kanaan und Babylon? Die jüdische Tradition ist aus der Reflexion und der bestimmten Negation der Idolatrie entstanden. Verhält sich der gegenwärtige Stand der altorientalischen Geschichte zum Antisemitismus wie die Kopenhagener Schule zur Deutschen Physik? Oder auf der anderen Seite: Gleicht nicht der Historikerstreit dem der Kopenhagener Schule mit der Deutschen Physik?
Ohne das Gewaltmonopol des Staates gibt es keinen Rechtsstaat. Das aber heißt, daß nur die Reflexion des staatlichen Gewaltmonopols den Rechtsstaat daran hindert, zum Instrument der Selbstzerstörung des Staates zu werden.
Im Eucharistiestreit ging es um die Frage, ob das Brot der Leib Christi ist, oder ob es den Leib Christi nur bedeutet. Es ging um die Differenz von Sein und Bedeutung. In dieser Frage war der Ursprung der Phänomenologie, von Hegels Phänomenologie des Geistes bis zur Fundamentalontologie Heideggers, vorgebildet. In der „Frage nach dem Sinn von Sein“ hat Heidegger das Problem zur Unlösbarkeit kontrahiert. Seitdem gibt es die Seinsfrage, die Judenfrage und die Ausländerfrage. – Hat diese Geschichte etwas mit der sprachlogischen Geschichte des Ursprungs der grammatischen Geschlechter zu tun (im Hebräischen gibt beim Nomen kein Neutrum, nur die Geschlechterdifferenz, während das Fragepronomen Person und Sache unterscheidet; hat das Hethitische diese Differenz dann ins Substantiv – von der Prädikatsseite zur Seite des Urteilssubjekts – verschoben, und hat mit dieser Verschiebung die Urteilsform überhaupt erst sich gebildet? Welche Rolle spielt das deiktische Moment, auf das das Deuten im Bedeuten verweist, und das beim Nomen durch den bestimmten Artikel repräsentiert wird? Steht nicht Heideggers Begriff des Daseins unter dem Gesetz der Logik der Trennung von Sein und Sinn: „Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts“? Im Hebräischen wird der bestimmte Artikel durch den gleichen Laut ausgedrückt, der auch das Lachen bezeichnet <„ha“>. Nur im Griechischen und im Deutschen wird der bestimmte Artikel zusammen mit dem Nomen dekliniert – wird das Lachen sprachlogisch – als ein die ganze Sprache durchdringedes Gesetz – organisiert. Entspringt der Begriff des Substantivs in der deutschen, dieser durch die Deklination des bestimmten Artikels definierten Sprachlogik? – Das Substantiv ist das ausgelachte Nomen, das „Dasein“ der ausgelachte Mensch <und die Fundamentalontologie dessen entfaltete Selbstreflexion>.) Wirft das Zusammenzwingen von Sein und Bedeutung (in der Frage nach dem „Sinn von Sein“ und im Begriff des „Daseins“) nicht rückwärts ein Licht auf den Ursprung des Neutrums? Mit der Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ hat sich die Philosophie mit dem Strick erdrosselt, den sie seit den vorsokratischen Anfängen der Philosophie geflochten hat (beschreibt die Geschichte der Verhärtung des Herzens Pharaos dieses Flechten des Stricks?). Das Objekt (das Ding) ist der Grund und der Reflex der Idee des Absoluten.
Auch die Spekulationsgewinne müssen „erwirtschaftet“ werden, wenn auch nicht von denen, die die Gewinne machen. Das „Risiko“ (nach Dirk Baecker die Ware der Banken) ist ein Kalkulationsfaktor jeder Produktion heute. (Das Risiko des Unternehmers war noch sein eigenes Risiko; heute, in der Ära der Bankenfinanzierung und des Managements, ist das Risiko vergesellschaft, und treffen tut’s eh den Falschen; real schlägt es nur bei denen durch, die es nicht zu veantworten und keinen Einfluß drauf haben, aber ihre Existenz verlieren. – Liegt hier nicht die Wurzel einer Moral, die nicht mehr an der Tat, sondern allein am Erwischtwerden sich mißt, und längst Vorsorge getroffen hat, daß das Erwischtwerden an andere fällt?) Panik bricht heute zuerst in den Chefetagen aus; die andern trifft’s unvorbereitet. -
13.5.96
Ist Ezechiel nicht der Kritiker des Erbens (sh. Ez 182ff,20)?
Hat China den Tierkreis und Indien das Planetensystem als Sprach- und Gesellschaftsmodell genommen?
Der Ursprung des Inertialsystems ist in der Geschichte vom Sündenfall aufs genaueste beschrieben: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren (die Statuen der Griechen waren nackt, und Jesus am Kreuz war nackt).
Sind nicht die Werke der Barmherzigkeit allesamt auch Werke an der Sprache: die Hungernden speisen, die Nackten kleiden, die Kranken besuchen, die Trauernden trösten, die Gefangenen befreien …? Und sind die „Geringsten seiner Brüder“ nicht auch Brüder des Wortes?
Warum sagt Martin Buber, der jeden anderen Namen in seiner hebräischen Fassung wiedergibt, Ägypten und nicht Mizrajim? Ist nicht gerade der Name Mizrajim ein sprechender Name? Aber gilt das nicht auch für die Namen der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit, der Armen und der Fremden, die durch ihre theologische Geschichte zu sprechenden Namen der deutschen Sprache geworden sind?
Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, das steht also schon bei Franz Rosenzweig: „Ohne diese Vorwegnahme (ohne das Antizipieren des Reichs, H.H.) und den inneren Zwang dazu, ohne das ‚Herbeiführen des Messias vor seiner Zeit‘ und die Versuchung, das ‚Himmelreich zu vergewaltigen‘, ist die Zukunft keine Zukunft, sondern nur eine in unendliche Länge hingezogene, nach vorwärts projizierte Vergangenheit“ (Stern der Erlösung 19543, Teil II, S. 180).
Ist nicht der Unsterblichkeitsglaube ein ägyptisches, genauer ein pharaonisches Erbe, und steht es nicht im Kontext der pharaonischen Verstockung des Herzens?
Wer den Naturschutz zu einer Verwaltungssache macht, stellt die Verwaltung unter Naturschutz.
Sind tohuwabohu Natur und Welt, und ist die Finsternis über dem Abgrund das Inertialsystem (das durch den Abgrund seiner Unendlichkeit, durch die es verdunkelt wird, zugleich verdeckt)?
Die politische Theologie hat die Schöpfungstheologie in den blinden Fleck gerückt, aus dem sie nur die Reflexion der Beziehung von Ökonomie und Naturwissenschaft herausgeholt wird (im Kontext des Begriffs der Verwüstung).
Auch der Feminismus ist mit der 68er Erbsünde behaftet: Er bleibt ans Urteil gefesselt, an die Mechanismen des Schuldverschubsystems, und verwirft die gegenständliche, das Objekt aufsprengende Kraft der Erinnerung.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie