Definition der Prophetie (für Jürgen Ebach): So tief in einen Sachverhalt eindringen, daß die Zukunft in ihm ablesbar wird. Diese Zukunft ist katastrophisch: Prophetie ist per definitionem „Unheilsprophetie“, unter den Bedingungen des Weltbegriffs ist sie apokalyptisch.
Die Logik der Schrift wird erst durchsichtig, wenn in ihr die Logik des Weltbegriffs, das objektivitätskonstituierende Element in der Logik der Schrift, erkennbar wird. (Anmerkung: Hubertus Janssen berichtet, daß H.-E. Richter die Erklärung zum Hogefeld-Prozeß nicht unterschrieben hat mit der Begründung, er kenne die Fakten nicht und könne nicht zu Dingen Stellung nehmen, die er nur vom Hörensagen kennt. Der Hogefeld-Prozeß gewinnt demnach erst Realität, zu ihm kann man erst Stellung nehmen, wenn öffentlich über ihn berichtet wird: Die Existenz einer Sache ist ein logischer Sachverhalt, der konstituiert wird durch Öffentlichkeit: durch die Schrift, die selber wiederum zu den Konstituentien der Öffentlichkeit gehört (beide, Schrift und Öffentlichkeit, begründen den Weltbegriff). Das begründet hinreichend das ambivalente Verhältnis des 5. Senats des Frankfurter OLG zur Öffentlichkeit, wenn er diese aufteilt in Sympathisanten, eine Art nichtöffentlicher Öffentlichkeit, und eine „seriöse“ Berichterstattung, die sich an die Vorgaben der amtlichen Pressestellen hält.)
Medien und Banken: Nicht nur die Schrift, auch das Geld ist existenz- und weltbegründend (ähnlich wie das Inertialsystem nur im Zusammenhang seiner objekt- und naturbegründenden Funktion sich bestimmen läßt). Ist hier nicht der Vermittlungspunkt, an dem sich zeigen läßt, daß und weshalb Geschichte durch Geschichtsschreibung sich konstituiert und Realität gewinnt?
Kelch des göttlichen Zorns: Die Vorstellung des Zeitkontinuums ist vermittelt (bedingt) durch die des dreidimensionalen Raumes; die Unendlichkeit der Zeit ist ein Reflex der Unendlichkeit des Raumes: Der Raum ist der Betondeckel auf der Vergangenheit, die Leugnung der Idee der Auferstehung. Diese Leugnung gehört zu den Konstituentien des Herrendenkens.
Simulieren nicht die Fernsehnachrichten (die Berichterstattung im Fernsehen allgemein, die inzwischen zur Norm auch der übrigen Medien geworden ist, und das in einem durchaus geometrisch begründbaren Sinne) den privaten Blick auf die Dinge: den Blick aus dem Wohnzimmer? Machen sie sich nicht schon präventiv mit den Zuschauern gemein, die durch die Information in ihrer Privatruhe nicht gestört sein wollen und selber wiederum einer genau darauf abgestimmten Organisation der Information bedürfen, um diese Ruhe abzusichern (Drachenfutter)? Wie wäre es anders zu erklären, wenn heute „nationale“ Sportereignisse politischen und wirtschaftlichen Informationen in der Berichterstattung den Rang streitig machen können? Die Information rückt die Welt aus dem Bereich des Handelns in den des Urteils. Die transzendentale Logik der Medien wäre noch zu schreiben (Voraussetzung wäre die Bestimmung der zugrundeliegenden transzendentalen Ästhetik der Medien, ihrer „subjektiven Formen der Anschauung“, die auf den Schuldzusammenhang, der ein Urteilszusammenhang ist, zurückweisen).
Nicht nur der Schuldzusammenhang, auch der Herrschafts- und Verblendungszusammenhang ist ein Urteilszusammenhang, die Urteilsform ist ihr Kristallisationskern.
Nachrichten: Einübung in die Entsolidarisierung der Kritik. Sie fordern anstatt zum Handeln zum Urteilen heraus (Schuldverschubsystem, Esel und Rind). Entsolidarisierung schafft den Boden, auf dem die Sensationen wachsen und gedeihen (Beispiel: die Scharping-Kampagne, die von einem bestimmten Zeitpunkt an zum Selbstläufer geworden ist, der keines der Medien sich mehr zu entziehen vermochte).
Der wechselseitigen Konstituierung von Privatsphäre und Information korrespondiert die „Amtlichkeit“ der Nachrichten, ihr gleichsam hoheitlicher Charakter: Moderatoren und Sprecher werden präsentiert, als stünden sie hinterm Schalter oder säßen an einem Schreibtisch (und Schalter oder Schreibtisch werden dann via Fernsehen ins Wohnzimmer transportiert). Ist der Nachrichtensprecher ein später Nachfahre des „Engels Elohims“ (der Abraham aufforderte, seinen Sohn zu opfern)?
Die Medien verarbeiten die Informationen imd Interesse des „beschränkten Untertanenverstandes“.
Jürgen Ebachs Bemerkung: „wir haben nur unsere Ohren“ (Junge Kirche), wäre im Hinblick auf den Gebrauch des Possessivpronomens zu überprüfen. Verstopft nicht dieses Possessivpronomen die Ohren? Die Norm des Hörens, die im „Heute“ begründet ist (Heute, wenn ihr seine Stimme hört), wird durchs Possessivpronomen gleichsam inertialisiert, von der Erinnerungsarbeit getrennt, die der Tatsache Rechnung zu tragen versucht, daß dieses Heute durchaus ein vergangenes sein kann (das der Prophetie, der Schrift, die „vergangene Hoffnung“ der Dialektik der Aufklärung). Nicht das Unser, sondern das Heute ist das Kriterium des Hörens, das der zukünftigen Welt den Weg freimacht.
Die Zeugenschaft gründet im Sehen (das Ezechiel aufs Antlitz fallen läßt); deshalb ist die authentische Form der Zeugenschaft das Blutzeugnis. Die Auferstehung hingegen gründet im Hören (das Ezechiel wieder aufrichtet).
In ihrer Ursprungsphase war die raf selber ein Teil des öffentlichen Diskurses. Sie stand in der Tradition der „symbolischen Aktionen“ (so der Kaufhausbrand in Frankfurt, aber auch der Anschlag auf das Heidelberger Hauptquartier der US-Army, mit dem der Anschlag auf den US-Airport in Frankfurt sich nicht mehr vergleichen läßt), diese zielten in erster Linie auf die kritische Öffentlichkeit. Terroristisch wurde die raf, als sie fundamentalistisch wurde, ihre Aktionen aus dem symbolischen Diskurs in den dogmatisch-politischen Indikativ übersetzte: als sie aus dem Bereich der Öffentlichkeit und der Sprache in den der Macht sich abdrängen ließ. Der zweiten und dritten Generation der raf fehlte das Sensorium für den kritisch-symbolischen Diskurs, sie ist aus der Öffentlichkeit (freilich nicht ohne Mitwirkung der Institutionen der Öffentlichkeit selber, die tatkräftig mitgeholfen haben, diesen Diskurs durch Diskriminierung zu neutralisieren) nur noch herausgefallen, wie die Szene dann nur noch stumm geblieben ist. Diese Generation ist zur Erinnerungsspur des Verdrängten geworden; sie wird nicht mehr wahrgenommen, sondern löst – wie alles Verdrängte – nur noch Ängste und Aggressionen aus.
Merkwürdig das Stichwort „Generationenkonflikt“, das sehr früh ins Spiel gebracht, aber nie wirklich begriffen worden ist. Hat dieses Stichwort nicht einen ganz anderen Sachverhalt verdeckt: Dies war die erste Generation, für die der Faschismus Geschichte, Vergangenheit, nur noch Gegenstand des Urteils, nicht mehr der eigenen lebendigen Erfahrung war. Sie war die erste Generation, die ohne es durchschauen zu können, allein durch ihre Geburt in einen Schuldzusammenhang verstrickt war, an dem sie sich (zu Recht) unschuldig fühlte. Sie stand unter einem Rechtfertigungsdruck, dessen Ursprung für sie selbst im Dunkel lag. Die Gnade der späten Geburt erwies sich als deren genaues Gegenteil: als ein objektives, schicksalshaftes Urteil, dem sie nur durch die Verurteilung der Generation glaubte entrinnen zu können, die für sie diese Vergangenheit verkörperte und die sie durch ihre Beteiligung an dieser Geschichte in diese Lage gebracht hatte. Dieser Ausweg aber war keiner. Der Konflikt ist im Felde des Urteils nicht aufzulösen. Das Stichwort „Generationenkonflikt“ hat den Konflikt nur scheinbar verständlich gemacht; sein Preis war der Abbruch der Kommunkation. Dieser Konflikt war kein Generationenkonflikt, sondern Symptom einer herrschaftsgeschichtlichen Katastrophe, ein verzweifeltes Echo der „Endlösung“. Das Stichwort Generationenkonflikt entlastet nur, löst aber nichts auf. Im Gegenteil: Indem es entlastet, vermehrt es die Last.
Beitrag zur Kritik der Phänomenologie: Symptomatisch, daß die Vermummung der Polizei gleichzeitig erfolgte wie das gesetzliche „Vermummungsverbot“, in dem die „Erscheinung“ des Jugendprotests als Handeln erkannt und diskriminiert wurde. Was ist da wirklich passiert? (Hinweis: Der Personbegriff verweist ebenso wie auf die Sphäre des Rechts auf die des Schauspiels. Persona war die Maske des Schauspielers, durch die hindurch seine Stimme tönte.)
Hegels Hinweis, daß die Natur den Begriff nicht zu halten vermag, wird von ihm selbst begründet mit dem Hinweis auf die Differenzierung der Gattungen und Arten der Tierwelt; er ließe sich ebenso demonstrieren an der Differenzierung der „Gattungen und Arten“ der indoeuropäischen Sprachen, die den gleichen Sachverhalt widerspiegelt. Die indoeuropäischen Sprachen haben das Perfekt vom Handeln ins Urteilen verschoben, indem sie es in die Vergangenheit zurückgestaut haben.
Betroffenheit: Das Wörterbuch des Unmenschen, das heute implodiert und die Sprache insgesamt in sich aufsaugt und verschlingt, entstammt der theologischen Tradition.
Das Hegelsche Absolute ist die Seele des sterblichen Gottes, als dessen Namen Hobbes den Leviathan erkannte. Ist nicht das Absolute die in den Begriff erhobene Natur, das Tier, das nicht mehr in der Endlichkeit der Gattungen und Arten gefangen ist?
Brauchten die Christen nicht einen „persönlichen Gott“, um dem Konstrukt der Sündenvergebung die erforderliche Grundlage zu geben? Erst, wenn ich mich zum Objekt der Sündenvergebung mache, wenn ich sie als Mittel der Vernichtung meiner Schuldgefühle mißbrauche, benötige ich als magischen Helfer einen „persönlichen Gott“ (das absolute Kuscheltier).
Mit der Einführung des Priestertums ist die sadduzäische Tradition (das Bündnis mit der Macht) ins Christentum mit aufgenommen worden. (Wer ist die Magd und wer sind die Knechte des Hohenpriesters in der Geschichte von den drei Leugnungen?) Symptom dieser sadduzäische Tradition ist die Stellung zur Lehre von der Auferstehung: Das Christentum hat diese Lehre neutralisiert, als sie sie zum Gegenstand der Bekenntnislogik machte. Würde auch nur ein Theologe wirklich an die Auferstehung glauben, die Theologie würde anders aussehen.
Die Idee des Heiligen läßt sich durch ihre Beziehung zum Possessivpronomen definieren. Das Heilige ist dem Anwendungsbereich des Possessivpronomens (den der Weltbegriff umschreibt und definiert) enthoben. Theologie im Angesicht Gottes ist die Erfüllung des Gebots der Heiligung des Gottesnamens, und die Kritik des Weltbegriffs ist die Kritik der universalen Anwendbarkeit des Possessivpronomens (das am Andern seine Grenze findet: das Antlitz des Andern ist die Sichtbarkeit dieser Grenze; deshalb ist das Gesicht die Verkörperung des Gebots „du sollst nicht töten“).
Die „vollständige Säkularisation aller theologischen Gehalte“ ist eine contradictio in adjecto: Der Begriff der vollendeten Säkularisation postuliert den universalen Geltungsanspruch des Possessivpronomens; dagegen ist die Theologie der letzte Einspruch. Das Gesicht ist das Wunder in der Erscheinungswelt.
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6.12.95
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5.12.95
Die Sünde gehört der Ordnung des Handelns an, die Schuld der des Urteils. Jedes Urteil aber kommt post festum. Ist nicht der Begriff eines Urteils apriori eine contradicition in adjecto, nur zu begründen in einer Ordnung, in der auch die Zukunft als vergangene angesehen werden kann: in einer Sprache, in der es das Futur II gibt, und im Inertialsystem, dem die gegenständliche Welt durchdringenden Formgesetz des Futur II. Zu vermeiden ist die Sünde, nicht die Schuld, die den Täter, wenn er sie nicht zu reflektieren vermag, schicksalhaft trifft. Ziel ist eine Ordnung der Gerechtigkeit, nicht die Rechtfertigung der Sünder. Die Unfähigkeit, sich in einen andern hineinzuversetzen, gründet in der Logik der Instrumentalisierung, zu der es auf der Grundlage der „subjektiven Formen der Anschauung“ keine Alternative gibt. Die Fassung des kategorischen Imperativs, derzufolge Menschen niemals nur als Mittel, sondern immer zugleich auch als Zweck zu behandeln sind, hat die Antinomien der reinen Vernunft zur Voraussetzung. Hat Hegel in seiner Kritik der Antinomien nicht dem Weltgericht das letzte Wort gegeben und der Barmherzigkeit den letzten Zugang verstellt? Die Kritik des Weltbegriffs ist das theoretische Äquivalent der Heiligung des Gottesnamens.
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4.12.95
Ursprung und Geschichte der modernen Wissenschaft setzen, von der Theologie bis zu den Naturwissenschaften, von der Kirche bis zum Nationalismus, vom Kloster bis zu den Burschenschaften, den Zwang zur kollektiven Absicherung des Wissens voraus.
Der deutsche Idealismus ist der Verführung durch den Begriff des Wissens erlegen.
Jedes Recht hat Anteil am Weltgericht; und für jedes Rechtsurteil gibt es die begründete Hoffnung auf Revision durchs Jüngste Gericht.
In der Verurteilung des Verbrechers sind sich alle einig. Gründet nicht die Bekenntnislogik im Geiste des Rechts? Der Ursprung des Rechts aber war die Vergesellschaftung der Blutrache durch den Staat; diese Blutrache kehrt im Kontext der Bekenntnislogik als Opfertheologie wieder. Nur so erklärt sich die starke affektive Besetzung des Kruzifix, das nicht zufällig insbesondere in Gerichtsälen und in Schulräumen, im privaten Bereich aber vor allem in den ehelichen Schlafzimmern, seinen Platz gefunden hat.
Die Tiere der Apokalypse sind Teile einer außerordentlich dramatischen Entwicklung und Konstellation: Nachdem der Drache vom Himmel auf die Erde geworfen wurde, kommen das Tier aus dem Meere (mit zehn Hörnern und sieben Köpfen, während der Drache sieben Hörner und zehn Köpfe hatte: dieses Tier hat vom Drachen seine Macht) und das Tier vom Lande, der Lügenprophet (der zwei Hörner hat wie ein Widder und redet wie der Drache).
Ist die Venus-Katastrophe ein Bild jener gesellschaftlichen Naturkatastrophe, in der die Sexualmoral entsprungen ist?
Liegt nicht das Problem der mikrophysikalische wie auch der astronomischen Theorien heute in einer redundanten Beweisführung, gleichsam in einer verhedderten Logik? Im Urknall wird das gleiche Inertialsystem, das mit ihm entstehen soll, schon vorausgesetzt: Sonst würde es die physikalischen Gesetze, die die dramatischen Prozesse beherrschen, nicht geben. Das Kaninchen war schon in dem Hut, aus dem die Erfinder des Urknalls es herauszaubern zu können glauben. Wird beim Urknall von den Ursachen abstrahiert, so bei den Schwarzen Löchern von den Wirkungen: Was in den Schwarzen Löchern passiert, bleibt unreflektiert.
Der Name des Geheimnisses bezeichnet heute nur noch das Tabu, mit dessen Hilfe die Aufdeckung einer Untat verhindert werden soll. Gründet nicht auch das Christentum in einem Verbrechen, als es als Kirche – mit der Rationalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie – auf die Seite der Täter sich gestellt hat?
Gleicht nicht die Beziehung des Dogmas zur Wahrheit der der Bekehrung zur Umkehr? Gibt es nicht heute soviel Religion, weil alle für alle anderen die Religion für nützlich halten? Die Bekehrung war immer schon die Umkehr für andere.
Ist nicht der Begriff die Kreuzigung des Namens? So fundiert die Opfertheologie den wissenschaftlichen Erkenntnisbegriff als einen vergesellschafteten Erkenntnisbegriff. Die kantischen subjektiven Formen der Anschauung sind der Statthalter der Gesellschaft im Subjekt.
Ist nicht das tohuwabohu der früheste Hinweis auf die Urteilslogik, auf Ursprung und die Trennung der Begriffe Natur und Welt? Und beschreibt das tohuwabohu nicht den Ursprung der „Finsternis über dem Abgrund“? -
3.12.95
Zum Begriff des Objekts:
– Der Begriff des Objekts ist ein Weltbegriff: es ist die Welt, die der Natur den Objektbegriff zugrundelegt, so den Naturbegriff begründet.
– Die Natur dynamisiert den Objektbegriff, der nur im Kontext des Weltbegriffs als statischer, ein für allemal gegebener Begriff erscheint (darin reflektiert sich das Erhaltungsgesetz der kapitalistischen Produktion, die nur als ständig sich erweiternde sich erhält: mit dem marktwirtschaftlichen Konzept der „Währungsstabilität“, das nur über eine „ausgeglichene Außenhandelsbilanz“ sicherzustellen ist, ist die Ausbeutung der Dritten Welt mitgesetzt). Ohne fortschreitende Naturerkenntnis, und d.h. ohne den Prozeß, den sie gegen die Objekte in sie hineintreibt, würde es den Objektbegriff nicht geben.
– Der Satz aus der Dialektik der Aufklärung, daß die Distanz zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, verweist darauf, daß in der Strukturgeschichte des Objekts (in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Erkenntnis) die Herrschaftsgeschichte sich widerspiegelt, die jedoch dem Herrendenken selber, das unter dem Primat des Welt-, nicht des Naturbegriffs steht (oder das sich selbst im blinden Fleck steht), verborgen bleibt: das „Innere der Natur“, das der Erkenntnis sich entzieht, ist die Herrschaftsgeschichte, die sich selbst nicht durchschaut (außer in der „Heiligung des Gottesnamens“).
In dem Satz: Das Innere der Natur ist die Herrschaftsgeschichte, steckt die Beziehung von Hegel zu Schelling.
Hat die Beziehung der Begriffe Natur und Welt etwas mit der Beziehung der Planeten zum Tierkreis, hat sie etwas mit der Beziehung der Plejaden zum Orion zu tun? Und bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen auf den Weltbegriff, den Inbegriff des Bindens, zu dem es bis heute ein Lösen (das dann auch auf den Himmel sich erstrecken würde) noch nicht gibt?
Ist nicht die „Währungsstabilität“ das politisch-ökonomische Äquivalent der „subjektiven Formen der Anschauung“: die eine garantiert die Stabilität des Marktes im Innern der Nationen (auf Kosten der „Dritten Welt“), sie garantiert die Einheit der Nationalökonomie, die andere die Stabilität des Wissenschaftsbegriffs (der Identität der wissenschaftsfundierenden Totalitätsbegriffe Natur und Welt), und damit die Einheit des erkennenden Subjekts.
Der Kampf gegen den Baal war der prophetische Kampf gegen die Anfänge des Herrendenkens, während die Apokalypse die Ursprungsgeschichte einer Situation reflektiert, in der (mit der Ursprungsgeschichte des Staates, im Namen Babylons, und in der logischen Konstruktion des Weltbegriffs) das Herrendenken objektivitätskonstituierende Bedeutung gewinnt. Dieser Prozeß wird in der Prophetie im Bilde des Kelchs reflektiert (Taumelkelch, Kelch des göttlichen Zorns: der Kelch, den die Herrschenden trinken, bis hin zum Unzuchtsbecher in der Johannes-Offenbarung; vgl. auch Hegels Satz: das Wahre ist der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist).
Bezieht sich nicht das Wort am Kreuz: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, auf alle Gestalten des Bewußtseins, die unterm Bann des Weltbegriffs stehen, auch auf die Theologie seit den Kirchenvätern (auf die Theologie hinter dem Rücken Gottes, eine Theologie, die bis heute nur gebunden, nicht gelöst hat)?
Wer an Gott glaubt, muß an die Aufertehung der Toten glauben. Gott ist der Erwecker der Toten. Alles andere ist Rechtfertigung, Ideologie.
Unschuldssyndrom: Wer nur unschuldig sein will, hat der Gerechtigkeit bereits entsagt. Es gibt keine Unschuld in dieser Welt, nur die Gottesfurcht; und die ist in der Tat der Anfang der Weisheit. Die Bekenntnislogik, zu der die Rechtfertigungslehren gehören, verdankt sich dem Unschuldssyndrom.
Der Satz: „Mein ist die Rache, spricht der Herr“, sprengt den Objektbegriff, der selber ein Depositum des Rachebedürfnisses ist (das Rachebedürfnis begründet und konstituiert das Präsens und den Indikativ).
Die theologische Qualität der deutschen Sprache läßt sich an Wörtern wie Zorn und Wut (an der Unterscheidung der beiden Begriffe), an der Äquivokation des Seins (Infinitiv und maskulines Possessivpronomen) oder des Zeugen und der Zeugung, die keine bloßen Äquivokationen sind, an der Deklination der bestimmten Artikel und nicht zuletzt am Begriff des Substantivs erkennen.
Im Kontext seiner Funktion als Possessivpronomen ist das Sein das Fundament des Rechts und des Staats.
Der Substantiv ist der apokalyptische Drache, der das Weib, das den Knaben geboren hat, verfolgt. -
2.12.95
Wer andere nicht verraten will, muß bereit sein, deren Sünde mit auf sich zu nehmen. Ist das der Sinn von Joh 129: Nimmt das Lamm Gottes die Sünde der Welt auf sich, weil es die Menschen nicht verraten will?
Entspricht nicht der Idee des Jüngsten Gerichts, wenn sie als Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht zu verstehen ist, ähnlich wie auch dem Hegelschen Weltgericht ein Erkenntnisbegriff?
Der Aktualitätspunkt, auf den die Prophetie sich bezieht, ihr Wahrheits- und Zeitkern, ist das „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“: der „Tag des Herrn“, die dies dominica, den die Christen zum Sonntag neutralisiert haben.
Zoologischer Garten: Der Sündenfall hat nicht die Menschen aus dem Garten der Tiere befreit, sondern er hat das Paradies zum Garten der Tiere gemacht.
Wie hängen Kanaan (die Händler), Kana in Galiläa (die Hochzeit und das erste Wunder sowie die Folgegeschichte in Kapharnaum), die kanaanäische Frau, Simon der Kananäer (der Zelot) und Nathanael, „der aus Kana in Galiläa kam“ mit einander zusammen?
In der vollständig instrumentalisierten Welt verlieren die Sakramente, die auch ein Stück ritualisierter Technik sind, ihre raison d’etre.
Die logische Asymmetrie, die die Ethik zur prima philosophia macht, die es verwehrt, aus Grundsätzen des Handelns Maßstäbe des Urteils zu machen, gründet in der Differenz zwischen der Wahrheit eines Satzes und seiner Instrumentalisierung.
Es gibt eine geheime Kommunikation zwischen dem Fortschritt der Ökonomie und dem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis.
Das Anschauen (von dem die subjektiven Formen der Anschauung abstrahiert sind) ist der mitleidslose Blick, der der Logik des „Richtet nicht, …“ unterliegt. Im Weltbegriff wird dieser mitleidslose Blick zur Grundlage eines Totalitätsbegriffs. Die Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs fällt mit der des Staates zusammen.
Begreifen und Denken: Ist der Begriff (vgl. auch die Heideggersche Unterscheidung des Vorhandenen vom Zuhandenen) das apokalyptische Zeichen an Hand und Stirn?
Rechtfertigung zielt auf Unschuld, nicht auf Gerechtigkeit; aber nur Gerechtigkeit ist ein theologischer Begriff, Unschuld dagegen ein Weltbegriff. Die Idee der Gerechtigkeit konstituiert sich im Angesicht Gottes, der Begriff der Unschuld im Anblick der Anderen (im Kontext der Scham). Nur das Recht, nicht Gott, spricht jemanden schuldig oder unschuldig.
Teilhard de Chardin hat einmal auf den instrumentellen Charakter des Organischen hingewiesen, der soweit geht, daß z.B. „der Maulwurf … ein Grabwerkzeug und das Pferd ein Laufwerkzeug, der Tümmler ein Schwimmwerkzeug und der Vogel ein Fliegwerkzeug“ ist. „In diesen verschiedenen Fällen gibt es eine werkzeugliche Besonderheit für jede Gattung, jede Familie oder zoologische Ordnung. Anderswo, z.B. bei den sozialen Insekten, sind ausgewählte Individuen allein mehr oder weniger vollständig zu Kriegs- oder Fortpflanzungswerkzeugen umgebildet.“ (Auswahl aus dem Werk, Freiburg i.Br. 1964, S. 57) Läßt nicht das Leben der Tiere insgesamt (der Begriff des Instinkts verweist darauf) als ein Leben im Bann einer Selbstinstrumentalisierung sich begreifen, den das einzelne Tier durch Reflexion nicht aufzulösen vermag, in den es verstrickt ist, dem es nicht entrinnen kann. -
1.12.95
Brief an Ton Veerkamp:
Zum apokalyptischen Symbol des Tieres (das im moralischen Gebrauch dieses Symbols, in seiner Anwendung auf den Trieb, die Sexualität, gleichsam halbiert wird) ist darauf hinzuweisen, daß es nicht im Gegensatz zur selbsterhaltenden Vernunft, sondern als die apokalyptische Gestalt ihrer kollektiven Verkörperungen zu begreifen wäre: als Verkörperung einer Gestalt der Vernunft, die durch Einschränkung aufs Selbsterhaltungsprinzip sich selbst ihrer erkennenden Kraft beraubt. Der Repräsentant der Selbsterhaltung im Erkenntnisprozeß ist die intentio recta: der Positivismus (Zusammenhang mit dem Weltbegriff; Wittgenstein; Hegels Logik; Kants Definition von Natur und Welt; die Urteilslogik und die subjektiven Formen der Anschauung, das Geld und die Bekenntnislogik; Sprachphilosophie und Theologie des Falls). -
30.11.95
Ist nicht das Märchen vom Swinegel un sin Fru eine Parabel fürs Inertialsystem? Der Hase ist die Zeit, der Swinegel un sin Fru sind der Raum; oder der Hase ist ein Bild der Zukunft, der Swinegel un sin Fru das gespaltene Bild der Vergangenheit: Immer wenn der Hase eintrifft, sagt der Swinegel oder seine von ihm nicht unterscheidbare Frau: Ick bün all do. Die Geschichte des Fortschritts der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist die Geschichte, in der der Swinegel un sin Fru immer weitere Bereiche besetzen und absichern, während der Hase immer nur den kürzeren zieht. Wird am Ende der tote Hase zum Swinegel?
Der Objektbegriff ist eine Kreuzung aus Hase und Swinegel; oder biblisch: der Objektbegriff spannt Rind und Esel gemeinsam vor den Pflug. Nichts anderes bedeutet der Satz von der Identität der trägen und schweren Masse. Beide unterscheiden sich wie Rind und Esel durch ihre Beziehung zum Opfer.
Der Kreuzestod war das letzte Opfer, das keines mehr war. Die Opfertheologie gründet in der Blindheit des Hasen, der den Swinegel un sin Fru nicht unterscheiden kann.
Das Dogma ist das Korrelat der Verblendung des Hasen über den Swinegel und sin Fru, in deren Verstrickung er selbst mit einbezogen wird (vgl. das Hasenfenster im Paderborner Dom, in dem unterm Bann der Homousia auch der Swinegel un sin Fru zu Hasen geworden sind).
Läßt das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen im Raum sich nicht durch den Hinweis widerlegen, daß die Erdbewegung irreversibel ist (könnte es sein, daß in der Umkehr dieser Bewegung der Himmel „wie eine Buchrolle“, in der die Taten und Leiden der menschen aufgezeichnet sind, sich aufrollt?).
Ist nicht Trägheit die Spur des Widerstands gegen die Vertauschung von Vorn und Hinten, das Gravitationsgesetz die des Widerstands gegen die Vertauschung von Oben und Unten und die Elektrodynamik und die gesamte Mikrophysik die des Widerstands gegen die Vertauschung von Rechts und Links? (Wird nicht bei der Vertauschung von Rechts und Links im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der tote Hase sichtbar?)
Sind die Archonten des Paulus die sieben unreinen Geister, von denen nur Maria Magdalena befreit war? Oder auch die sieben Siegel, die nur das Lamm, das die Erstgeburt des Esels auslöst, zu lösen vermag?
Hat die Differenz zwischen Mt 1619 und 1818 (die Vertauschung von Singular und Plural: Petrus: en tois ouranois, in den Himmeln gebunden/gelöst – Kirche: en ourano, im Himmel gebunden/gelöst) etwas mit der Unterscheidung des Tieres aus dem Meer (als Verkörperung des Plurals) vom Tier vom Lande (als Verkörperung des principium individuationis) zu tun? Ist das Binden und Lösen der ekklesia ein anderes (hat es ein anderes telos) als das des Petrus? Und verweist diese Differenz nicht auf den Ablauf des Geschehens im Buch Jona, in dem zuerst das Volk Buße tut, danach erst, nachdem die Nachricht davon zu ihm durchgedrungen ist, der König, der dann die allgemeine Buße für das Volk und die Tiere ausruft? -
29.11.95
Die BILD-Zeitung erzeugt selber die Sucht, die sie befriedigt. Ist sie nicht auch ein Organ der Linguistik: Instrument der Reduzierung der Sprache auf Sätze (ohne Komma und Semikolon)?
In der FR heute ein Hinweis auf einen Bericht der BILD-Zeitung, wonach die deutschen Männer immer dicker werden. BILD empfiehlt fettarmes Essen. Ist das nicht ein exemplarischer Fall von Schuldverschiebung? Müßte der Rat nicht lauten: Aufhören, BILD zu lesen?
Die 68er Bewegung war nicht das Erwachen aus einem Alptraum, sie war der Traum dieses Erwachens im Alptraum. Das erinnert mich an die Mitschüler in der Nazizeit, die damals HJ-Führer waren, die nach dem Krieg (nach einem Gesinnungswechsel, der sie der Last der Erinnerung enthob) ihren Führungstraum in ihren beruflichen Karrieren ungebrochen haben fortsetzen können. Die 68er nannten diesen Führungstraum ihren „Marsch durch die Institutionen“ (in dem allerdings nicht sie, sondern die Institutionen den Sieg davon getragen haben).
In dem Maße, in dem wir die Vergangenheit verdrängen, sie für überwunden halten, gewinnt sie Macht über uns. Das ist eine der Bedeutungen des Satzes „Richtet nicht …“.
Was ist der Unterschied zwischen pragma, res und Ding? Läßt nicht anhand dieser Begriffe die herrschaftsgeschichtliche Verstrickung der griechischen, lateinischen und deutschen Fassung der christlichen Tradition sich demonstrieren?
Wer Gemeinheit glaubt mit Empörung beantworten zu können, ist schon in der Gemeinheitsfalle gefangen. Aus dieser Falle gibt es keinen Ausweg.
Der Nominalismus hat, indem er das Ungleichnamige gleichnamig gemacht hat, die Sprache in ihrem Grund und ihrer Wurzel vergiftet. Er hat die Gemeinheit absolut und das Absolute gemein gemacht.
Erst das indogermanische Perfekt hat die Vergangenheit aus einem Geschehen in einen Zustand verwandelt (durch ihre Objektivation die Natur zur Natur und die Geschichte zur Geschichte gemacht).
Der Faschismus war die erste Form der Privatisierung des Staates (der Barock als die Epoche der Privatisierung der Herrschaft war sein Vorläufer).
Ist nicht die Theorie der Schwarzen Löcher eine Weiterbildung, Radikalisierung und Widerlegung der Kant-Laplaceschen Theorie?
In welcher Beziehung stehen die Schwarzen Löcher zum Urknall? Verhalten sie sich nicht invers zueinander? Sie unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Zeit: Während der Urknall in einer kurzen, explosiven Bewegung abläuft, bezeichnet das Schwarze Loch einen Dauerprozeß. Die Frage, was vor dem Urknall war, ist ebenso sinnlos wie die, was im Innern des Schwarzen Lochs sich abspielt. Wie verhalten sich Urknall und Schwarzes Loch zur Entropie?
Schöpfung und Weltuntergang: Sind nicht die Banken für die Wirtschaft (als Kreditgeber) der Urknall, für die Länder der Dritten Welt (als Gläubiger) das Schwarze Loch?
Der Urknall ist kein Anfang, er setzt das, was er hervorbringt, schon voraus, während das Schwarze Loch nur soweit besteht, wie es seine eigenen Voraussetzungen aufzehrt. -
28.11.95
Confessor und virgo sind als Verkörperungen der reflektierten und der natürlichen Unschuld Spiegelungen der Begriffe Welt und Natur im Medium des Heiligen: Sie rücken das Bekenntnis und die weibliche Unschuld in den Bereich des Unberührbaren. Hängt die Zweideutigkeit des Zeugungsbegriffs in der Trinitätslehre nicht hiermit zusammen: die Idee einer von der Berührung (und Befleckung) mit dem Weiblichen gereinigten Zeugung, die die natürliche männliche Zeugung in den Kern des „Schuldzusammenhangs des Lebendigen“ rückt, sie zum Quellpunkt der Schicksalsidee und ihrer subjektiven Reflexionform, des Begriffs (christlich gesprochen: der Erbsünde), macht?
In jedem Feindbild steckt ein symbiotisches Element. Das gilt für den faschistischen Antisemitismus wie auch für den Bosnienkonflikt. Jede Empörung rechtfertigt mit den Untaten der anderen, über die sie sich empört, die eigenen.
Hat die Trinitätslehre in der Vater-Sohn-Beziehung dieses symbiotische Element theologisiert, und ist die homousia, zusammen mit der Opfertheologie, dem Kern der Bekenntnislogik, der Ausdruck dieser Symbiose?
Der Begriff des horror vacui war auch einmal eine Warnung davor, Erkenntnis auf der Vorstellung des leeren Raumes zu gründen (auf der Grundlage und im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung). Für den Schreibenden erzeugt schon das leere Blatt (die tabula rasa) den horror vacui: in diesem horror gründet die Geometrie. Der Historismus, zu dessen Konstituentien die subjektive Form der inneren Anschauung, das vergegenständlichte Zeitkontinuum gehört (der Seitenblick auf die Zeit, der die Ewigkeit unsichtbar macht, indem er es durch das Überzeitliche ersetzt), ist ein Produkt der Nekrophilie des Herrendenkens: der Betondeckel über dem Abgrund der Vergangenheit. Das Herrendenken weiß, daß für es die Hoffnung auf Auferstehung nicht gilt. Deshalb soll sie auch für seine Opfer nicht gelten. Die Ewigkeit, an die das Herrendenken glaubt, die es (u.a. in der philosophischen Unsterblichkeitslehre) sich erhofft, ist die Ewigkeit des Schweigens der Opfer: die Ewigkeit des Todes derer, in denen es seine Richter erkennt („Mächtige stürzt er vom Thron und erhebt die Niedrigen“). -
27.11.95
Die Natur ist das Produkt, die Welt das Instrument der Historisierung der Gegenwart, der Erweckung der Kräfte der Vergangenheit in der Gegenwart.
„Ihr seid das Licht der Welt“: Das Christentum hat die Schöpfung, das Sechstagewerk, revoziert und zugleich das Werk des ersten Tages erneuert. Die Aufhebung des Sabbat und seine Verschiebung auf die dies dominica, den „Tag des Herrn“, hängt damit zusammen. War diese Verschiebung nicht zunächst eine Umkehrung, und zwar in dem gleichen Sinne, in dem die Bekehrung eine Umkehrung der Umkehr ist?
Die Apokalypse ist nichts weniger als das Buch mit sieben Siegeln, sie ist vielmehr der Text, der das Verfahren ihrer Lösung in sich birgt. Das siebenfach versiegelte Buch ist die Welt.
Hat die Höhe der angedrohten Bußgelder (100 000 DM) im neu eingerichteten Naturschutzgebiet Rüsselsheim/Mörfelden etwas mit dem Umfang der Schäden zu tun, die die Startbahn West in diesem Gebiet inzwischen angerichtet hat? Und in welcher Beziehung steht das in der Naturschutzverordnung enthaltene Verbot, in diesem Gebiet Bild- oder Tonaufnahmen zu machen, zur derzeitigen politischen Absicht, den großen Lauschangriff einzuführen?
Kriege sind explodierende Schuldverschubsysteme.
Der letzte Krieg konnte nicht mehr durch einen Friedensschluß beendet werden; zugleich hat die Nachkriegsentwicklung die politischen Verlierer zu ökonomischen Gewinnern gemacht. Japan und Deutschland sind mit den USA an die Spitze der mächtigsten Nationen gerückt. Zusammen mit der weltweiten Durchsetzung der Marktgesetze (mit der Herstellung der Einheit der Welt) haben die Quellen der Macht immer offener in die Ökonomie sich verlagert, die dazu ihre eigenen politikunabhängigen Institutionen und Verwaltungsapparate sich geschaffen hat. Die Politik ist zu einem Handlanger der Wirtschaft geworden, die Regierungen der Nationen zu einem Satellitensystem, das das Schwerezentrum der Ökonomie umkreist. Es gibt keine souveränen Staaten mehr, die zu ihrem eigenen Selbstverständnis (und zur Begründung ihrer Souveränität) noch eines Friedensschlusses bedürften (oder dazu überhaupt noch fähig wären). Dem politischen Prozeß (der Regression von Politik in Verwaltung) entspricht ein logischer: Ausdruck dieses Vorgangs ist ein Positivismus, der zur Reflexion seiner eigenen Voraussetzungen nicht mehr fähig ist.
Der Terrorismus spiegelt eine Zustand der Vernunft wider, die unfähig geworden ist, in einer Welt, die von anderen Kräften beherrscht und bewegt wird, etwas anderes als das reine Eigeninteresse noch zu reflektieren. War der Staat einmal die Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern, so verweist der Terrorismus auf eine Entwicklungsstufe des Staates (und des Privateigentums), in deren Kontext es zur Selbsterhaltung keine Alternative mehr gibt. -
26.11.95
Gegen Derrida: Der Benjaminsche Text bietet keinen realen Anlaß, im Begriff der „göttlichen Gewalt“ die Endlösung, den Holocaust, Auschwitz wiederzuerkennen. Diese Assoziation wird im Gegenteil durch eine genaue Lektüre des Textes definitiv ausgeschlossen. Was die Beziehung herstellt, ist ein Verfahren, zu dessen Kritik Levinas das durchschlagende Stichwort gegeben hat, als er bemerkte, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen. Die Kontamination der göttlichen mit der mythischen Gewalt, die der Derridaschen Assoziation die Basis liefert, ist das Werk Derridas, nicht Benjamins (in dessen Text er sein Verfahren dann hineinprojiziert), wenn er explizit theologische Texte Benjamins, die der Levinasschen Forderung genügen, zurückübersetzt in den Indikativ (das gleiche Verfahren gehört übrigens zur christlichen Begründung und Ausgestaltung des Dogmas, der Orthodoxie, und markiert deren Differenz zur Wahrheit).
Hilfreich zum Verständnis ist die Benjaminsche Unterscheidung von Ausdruck und Mitteilung. Wenn man sie auf die Derridasche Interpretation des Benjaminschen Textes anwendet, wird man schnell gewahr, daß mit der Übersetzung in den Indikativ das, was bei Benjamin sich ausdrückt, in eine Mitteilung umgeformt wird. Diese Umformung ist eine der Instrumentalisierung, die Rückübersetzung der Offenbarung in den Mythos (eine Übersetzung, die der Weltbegriff gleichsam automatisch leistet: der Weltbegriff ist der Inbegriff der transzendentalen Logik der Instrumentalisierung der Wahrheit und selber das Instrument der Zerstörung des Namens).
Wenn Derrida dem Benjaminschen Text hätte gerecht werden wollen, hätte er zumindest auf die zentrale Rolle des Satzes „Du sollst nicht töten“ in diesem Text eingehen müssen sowie darauf, daß die Idee der göttlichen Gewalt deren Instrumentalisierung schon im Ansatz ausschließt. „Mein ist die Rache, spricht der Herr“, und die einzig legitime Konsequenz aus der Idee der göttlichen Gewalt wäre es gewesen, sie auf die Täter des Holocausts, in keinem Falle aber auf ihre Tat zu beziehen. Zu den letzten Manifestationen des katholischen Volksglaubens in Deutschland, bevor er endgültig ins Blasphemische sich aufgelöst hat, gehörte unmittelbar nach dem Krieg die Angst: Das wird sich einmal rächen.
Wenn Auschwitz eine theologische Bedeutung hat, dann die, daß es der Instrumentalisierung des Kreuzestodes Jesu, und damit der Opfertheologie, der Bekenntnislogik, dem Dogma und der verdinglichten Orthodoxie (der Konfundierung der Theologie mit dem Weltbegriff), endgültig den Boden entzogen hat.
Die Benjaminsche Unterscheidung von rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt rührt an den Grund der Unterscheidung von Natur und Welt, die als Totalitätsbegriffe im Erkenntnisprozeß genau diese Funktionen: die Bindung der Erkenntnis ans Urteil, abdecken. (Die Geschichte der Naturerkenntnis ist die ins Innere transformierte Fortsetzung der heroischen Gründungsgeschichte des Staates und der Zivilisation, und der Naturbegriff selber das Korrelat und die Stütze des Gewaltmonopols des Staates.)
Die Polizei ist das Paradigma des Hoheitlichen (der Repräsentation der staatlichen Gewalt). Sie gehört zur staatlichen Verwaltung wie das Militär zur Nationalökonomie. Stammt nicht der Name der Polizei aus den Anfängen der Verwaltungswissenschaft?
Rührt nicht Walter Benjamins These vom mythischen Charakter des Rechts an den Grund des Prinzips, demzufolge Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist? Die Aufnahme der Gemeinheit in den Kanon strafrechtlicher Tatbestande hätte die Selbstauflösung des Rechts zur Folge. Genau hier wird deutlich, weshalb der Benjaminsche Begriff der göttlichen Gewalt niemals auf die Endlösung Anwendung finden kann. Auschwitz hat das Recht durch Reduktion auf ihren Gemeinheitskern (auf den Kern der rechtsbegründenden und -erhaltenden mythischen Gewalt) zerstört, der Begriff der göttlichen Gewalt hingegen zielt auf die Auflösung des Rechts durch Zerstörung seines Gemeinheitskerns. (Das Jüngste Gericht ist der Widerpart des Hegelschen Weltgerichts: das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht.)
Aus dem gleichen Grunde wäre abzuleiten, daß der Antisemitismus niemals als Anwendungsfall des Rassismus oder des Vorurteils sich begreifen läßt, sondern nur als deren Wurzel.
Das Obszöne an den raf-Prozessen ist der offene Gebrauch, den Gericht und Bundesanwaltschaft vom Gewaltmonopol des Staates machen. In der Konsequenz dieses Verfahrens liegt es, daß die Angeklagte nur noch als Feind wahrgenommen wird. (Die Verteidung wird im Lichte des Grundsatzes wahrgenommen: Wer sich verteidigt, klagt sich an.) Hier gibts nicht nur keine „Waffengleichheit“ mehr, sondern hier geht die Vorverurteilung soweit, daß Verteidung und Besucher apriori zur Sympathisanten-Szene gezählt werden.
Gehören nicht die drei Formen des gewaltsamen Todes im Neuen Testament zusammen: die Enthauptung des Täufers, die Kreuzigung Jesu und die Steinigung des Stephanus?
Sind der Orion und die Plejaden die Repräsentanten des Tierkreises und der Planeten am Fixsternhimmel? Und auf wen bezieht sich das Binden, und auf wen das Lösen (vgl. Hiob 3831 und 99)?
Kinder haften für ihre Eltern: Der biblische Satz „Wenn dein Sohn dich fragt …“ bezieht sich auf die Weitergabe der Lehre vom Vater auf den Sohn, der 68er Satz „Wenn meine Kinder mich einmal fragen …“ dagegen auf den Rechtfertigungszwang, unter dem das Bewußtsein in Deutschland seit dem Ende des Faschismus steht. Dieser Satz gehört zu dem Schwarzen Loch, das der Faschismus erzeugt hat, das die Lehre nur noch in sich hereinsaugt und ihre Vernichtung befördert, aber nicht mehr ausstrahlt.
Holgers Waschsalon: Sind heute nicht alle religiösen Positionen besetzt von Gruppen, die die Religion als Exkulpationsmaschine (als Hilfe, ihre Schuldgefühle loszuwerden, als synthetische Kuschelecke) brauchen? Dem hat die Theologie schon seit der Zeit der Kirchenväter vorgearbeitet. Aber konvergiert nicht dieser Exkulpationstrieb auf eine ebenso erschreckende wie verhängnisvolle Weise mit der Tendenz, die Religion zugleich in eine Religion für andere umzuformen: in ein Instrument der Vergesellschaftung von Herrschaft?
Creatio mundi ex nihilo: Produkt einer projektiven Erkenntnislogik, die eigentlich auf ein Stück Urgeschichte des Kapitalismus sich bezieht, auf die Vorgeschichte der Kreditschöpfung der Banken? Die Risiken der Banken sind die Risiken der Sparer, die Risiken der Unternehmer sind die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplatz auf dem Spiel steht, und die Risiken des Krieges sind die der Bevölkerungen, deren Anteil an den Opfern der Kriege den des Militärs inzwischen weit übersteigen. Die Risiken der Entscheidungen haben heute nicht mehr die zu tragen, die sie treffen, sondern die, für die sie getroffen werden (Anmerkung zu den Begriffen Verantwortung und Repräsentation).
„Soll aber der Mensch noch einmal in die Nähe des Seins finden, dann muß er zuvor lernen, im Namenlosen zu existieren“ (Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik, S. 150, zitiert nach Derrida, Die Schrift und die Differenz, S. 208). Die Begründung ist einfach: Weil das Sein den Namen löscht, alles gleichnamig macht. Wenn Derrida in diesem Zusammenhang auf die Kabbala verweist (auf die „unaussprechbare Möglichkeit des Namens“), so weiß er nicht, wovon er redet. Das Ziel der Kabbala war die Heiligung des Gottesnamens, während die Ontologie seit je darauf abzielte, den Gottesnamen zu tilgen.
War die Ontologie (das „Sein“: die Installierung des Urteils) das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat? -
25.11.95
Ist nicht die „Endlösung“, auf die Derrida den Benjaminschen Begriff der „göttlichen Gewalt“ glaubt beziehen zu können, ein Produkt der mythischen Gewalt, der Benjamin die göttlichen Gewalt entgegensetzt, und die er (mit durchschlagenden Gründen) im Recht erkennt? Und zeigt diese mythische Gewalt sich nicht insbesondere daran, daß der Holocaust die Nachgeborenen „nur verschuldeter als vordem“ hinterläßt (Zur Kritik der Gewalt, S. 56).
Daß es nach dem faschistischen Krieg zu einem Friedensschluß nicht gekommen ist, hängt nicht nur mit der Zweideutigkeit der politischen Konstellationen zusammen (damit, daß der Sieg über den Faschismus den Keim des Kalten Krieges gegen den Sozialismus schon in sich enthielt: der Atombomben-Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki hat sowohl den faschistischen Krieg beendet als auch den Kalten Krieg eröffnet). Was mit dem Faschismus in die Welt (und über die Welt) gekommen ist, war mit einem Friedensschluß, der eine neue Rechtsordnung hätte begründen können, nicht mehr ins Reine zu bringen. Im Faschismus hat das jeder staatlichen Rechtsordnung zugrunde liegende Gewaltpotential die Ordnung, die es begründen sollte, nur noch gesprengt, eine neue Rechtsordnung hätte sie nicht mehr begründen können. Ausdruck davon (und nicht einer göttlichen Gewalt, die nicht die Rechtsordnung, sondern das ihr zugrunde liegende Gewaltpotential vernichtet hätte) war der Holocaust. Und wenn Derrida darauf hinweist, daß rechtssetzende und rechtserhaltende Gewalt nicht mehr sich unterscheiden lassen (mit der Absicht, damit der Benjaminschen Argumentation den Boden zu entziehen), so übersieht er, daß genau diese Ununterscheidbarkeit der Grund ist, aus dem der faschistische Gewaltbegriff hervorgeht: Der Holocaust ist die Manifestation einer Gewalt, die ihren eigenen Ursprung, an den sie gefesselt bleibt, zugleich zerstört. Daraus wäre die nachfolgende Erosion des Rechts (von der Unfähigkeit, mit der eigenen faschistischen Vergangenheit ins Reine zu kommen, bis hin zu den „Staatsschutzprozessen“, in denen der Angeklagte zum Feind und der Prozeß zum Verfahren der Herstellung synthetischer Urteile apriori geworden ist, zwanglos abzuleiten.
Auch der Kalte Krieg war schon früh überlagert von einem Konflikt, dem Nord-Süd-Konflikt, in dem die Geschichte dieses Jahrhunderts als die Exposition und Eskalation einer Katastrophe sich enthüllt (Stichworte: Schuldenkrise, Ausbeutung der Dritten Welt, Entstehung der Militärdiktaturen, Politik als Mittel der Herrschaftssicherung der Besitzenden, gleichzeitige Explosion des Bankengeschäfts und der Militärtechnik und der Rüstungsausgaben, Etablierung transnationaler Finanz-, Wirtschafts- und Verwaltungsinstitute, neoliberale „Privatisierungs“-Politik, Freisetzung der Marktkräfte: in denen die Besitzstrukturen als reine Herrschaftsstrukturen sich erweisen).
Standort Deutschland: Alle Machtpolitik steht unter dem Primat der Außenpolitik (und das seit dem Ursprung des Handels im Fernhandel, der eigentlich ein organisierter Raub von Gütern, Sklaven und Frauen war). Sie erfüllt sich in einer Außenpolitik, die nur noch Organ und Instrument der Außen-Wirtschafts-Politik (der Sicherung der Rohstoff- und Absatz-Märkte) ist.
Paradigma: Stimmt es, daß Kinkel schon als BND-Chef Initiativen zur Destabilisierung Jugoslawiens (eines der Sprecher der Gruppe der Blockfreien) und damit einen Prozeß eingeleitet hat, der dann nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen war und mit der Bosnien-Katastrophe endete?
Wie hängt der Hinweis, daß das Recht in seinem Ursprung ein Vorrecht der Herrschenden (der Könige, der Besitzenden) war, daß es erst als geschriebenes Recht „allgemeines“ Recht geworden ist, mit dem andern zusammen, daß die Distanz zum Objekt, Voraussetzung jeder Abstraktion, vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt? Auch die Rechtsgeschichte ist ein Teil der Geschichte der Konstituierung des Objektbegriffs (vermittelt durch den Eigentumsbegriff, dem Statthalter der Herrschaft im Recht).
Ist der Bogen in den Wolken das prophetische Gegenstück zur philosophiekonstituierenden Winkelgeometrie?
Der „mystische Grund der Autorität“ (Untertitel zu Derrida: Gesetzeskraft): Hier verwechselt Derrida Mystik und Mythos, und diese Verwechslung ist, wie es scheint, konstitutiv für seinen Begriff der Dekonstruktion.
Einer der Gründe, aus denen Derrida seine argumentative Kraft zieht, ist seine These, daß rechtssetzende und rechtserhaltende Gewalt sich nicht voneinander trennen lassen. Hängt diese Trennung zusammen mit der Trennung von Natur und Welt, mit dem Durchschlagen des gordischen Knotens (der Joch und Deichsel mit einander verband)?
Beachte die logische Inkonsistenz, wenn Derrida aufgrund einer Bemerkung Benjamins über die Polizei (und gleichsam als Retourkutsche) den benjaminschen Text (den er als dekonstruktiven Text versteht) gespenstische Züge attestiert (Gesetzeskraft, S. 90f).
Mit dem, was der Verbrecher anderen antut, greift er ein in das Vorrecht des Staates (zu töten, in die Eigentumsrechte seiner Bürger einzugreifen); deshalb wird er vom Staat (im Rahmen des Rechts) verfolgt. Nicht zufällig bleibt im Rechtsverfahren, das allein auf die Verletzung des Gesetzes, des Staatswesens, abhebt, das Opfer ebenso wie der Anspruch des Täters auf eine Bereinigung seiner Tat im Anblick des Opfers unberücksichtigt. Für den Mord wie für jedes andere „Verbrechen“ gilt, daß allein erheblich ist, was die Tat dem Opfer und was sie Gott und dem Täter selbst antut, (Benjamin, Zur Kritik der Gewalt, S. 62). Völlig unerheblich aber ist, was sie dem Staat antut.
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