• 21.9.1995

    Die griechische verhält sich zur hebräischen Sprache wie die Logik der Schrift zum Wort (oder wie das Überzeitliche zum Ewigen: wie der Begriff zum Namen).
    Banken und Kredite (das Medium des spekulativen Geldgeschäfts) sind das ökonomische Korrelat des Relativitätsprinzips. Die Mechanik ist eine durch den Kapitalismus (durchs Wertgesetz) vermittelte Gestalt der Naturerkenntnis.
    Ist die elektromagnetische Masse kreditierte Masse?
    Das Bewußtsein der Konsumenten (der von der aktiven Teilnahme an der Produktion Ausgeschlossenen) verharrt auf dem Stand der Mechanik. Durch den Kauf beweist sich der Konsument seine Bewegungsfreiheit in dem durchs Tauschprinzip definierten Raum (die Bewegungsfreiheit des Autos im Straßenverkehr).
    Öffentlichkeit ist ein Reflex des Außen im Innern des Staates; deshalb hätte der Staat gern eine domestizierte Presse. (Wenn der Staat das Tier aus dem Meere ist, dann ist die „Öffentlichkeit“ das Tier vom Lande: der falsche Prophet. Verweist nicht das Genitiv/Dativ-Problem auf den Ursprung dieses Tieres? Und sind nicht Philosophie und Wissenschaften Teil der Vor- und Ursprungsgeschichte der Öffentlichkeit, des Tieres vom Lande? Und ist nicht die Kritik der reinen Vernunft eine der ersten Gestalten der Selbstreflektion dieses Tieres?)
    Ist nicht das Wort Jesu gegen das Schwören (Mt 534ff) auch gegen die Kirche gerichtet? Der Zusatz „… vielmehr sei eure Rede: Ja, ja – nein, nein, und was darüber ist, ist vom Bösen“ wäre genauer zu prüfen. Nicht gemeint sein kann das positivistische Verständnis des Satzes, seine Anwendung in den Fangfragen, mit denen die Differenzierung abgewehrt und diskriminiert werden soll. Beachte, daß es nicht heißt: Eure Rede sei Ja oder Nein; die Verdoppelung (Ja, ja – nein, nein) und das fehlende „oder“ sind ein Hinweis.
    Die Orthogonalität ist das Resultat des Durchschlagens des gordischen Knotens; aber genau dieser Knoten wäre zu lösen.
    Zum Problem des Ursprungs des Objektbegriffs gehört der Hinweis, daß der Handel (und mit ihm der Begriff der Ware, der zu den Modellen des Objektbegriffs gehört) seinen Ursprung im (zunächst auch räuberischen) Außenhandel hat. Und zur Ursprungsgeschichte des Handels gehört mit einer ersten Waren, dem Sklaven, auch der Krieg, die Beute, der Tribut und, als deren Reflex im Innern, die Schuldknechtschaft und das Geld (das nicht im Tausch entspringt, sondern ihn begründet). Hängen nicht auch das Inzestverbot und die Exogamie mit dieser Ursprungsgeschichte des Objektbegriffs zusammen?
    Die Bekenntnislogik gründet in dem Schein, man könne durch die Verurteilung einer Sache (einer Häresie wie auch einer unmoralischen Handlung) sich selbst freisprechen.
    Ist nicht das Licht der Erlösung, von dem Adorno am Ende der Minima Moralia spricht, das Licht der Welt, das man nicht unter den Scheffel stellen soll? Der Scheffel über dem Licht aber hat den Vorteil, daß er erlaubt, ihn als Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Licht und Finsternis, zu nutzen (das Licht zu instrumentalisieren). Dann ist alles, was drinnen ist, Licht, und alles, was draußen ist, Finsternis. Ist nicht die Kirche („extra ecclesiam nulla salus“) durch die Bekenntnislogik zum Scheffel über dem Licht geworden?

  • 20.9.1995

    Das Staatsschutzrecht versucht völkerrechtliche Probleme mit strafrechtlichen Mitteln zu lösen. Der Staat, der das Eigentum seiner Bürger begründet und schützt, ist selber der Eigentümer seiner Bürger. Fremde sind recht- und herrenloses Gut, und wer sich gegen den Staat stellt, macht sich selbst zum Fremden.
    Die Apokalypse ist das Korrelat der Prophetie unter den Bedingungen des Weltbegriffs. Die Sexualmoral, selber Nachfolger und Erbe des Astarte/Ischtar/Venus-Kults, ist das Produkt der Privatisierung des mit dem Weltbegriff entsprungenen Problems (Zusammenhang mit der „Venus-Katastrophe“, der Astrologie insgesamt?). Sie ist ein Symptom, keine Lösung des Weltproblems.
    BI-Plakat: „Alle reden vom Klima, wir machen es. Pro Platz in einem Flugzeug ruinieren sie die Atmosphäre bei einem Langstreckenflug wie durch 14 Jahre Autofahren.“
    Die Geschichte der drei Leugnungen steht genau an der Grenze (zwischen Synhedrium und Pilatus), an der das Christentum, indem es glaubte, den Staat für seine Zwecke instrumentalisieren zu können, selber zu einem Instrument des Staates geworden ist.
    Die Geschichte der Theologie steht unter einem Bann, der allein mit Hilfe der Geschichte von den drei Leugnungen zu lösen wäre. Die „drei Leugnungen“ sind nicht ganz sinnlos: sie gehören zur Klugheit der Schlange, die nur durch die Arglosigkeit der Tauben sich heilen läßt.
    Zum Begriff (und zur Grenze) des Beweises (oder zu den Antinomien der reinen Vernunft): Die Unmöglichkeit, einen Verdacht zu widerlegen, ist kein Beweis. Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung die sich auf sich selbst beziehende Form des Verdachts, und ist nicht das Objekt Produkt der Unwiderlegbarkeit dieses Verdachts? Der apagogische Beweis ist keiner.
    Im Wort „Beweis“ steckt ein demonstratives Moment, das Weisen, das durch das Präfix be- die Reflexion auf den Andern in sich aufgenommen hat, in die Urteilslogik (und in die Logik des Weltbegriffs) integriert worden ist. Beweisen ist ein Weisen von außen, durch oder für einen Andern. Der wichtigste Beweis ist der Zeugenbeweis (die Berufung auf die Wahrnehmung eines andern), der durch die Formen der Anschauung (als Formen der Vergesellschaftung der Wahrnehmung, durch die meine Wahrnehmung mit der Wahrnehmung aller andern identifiziert wird) verinnerlicht und vergesellschaftet wird. Intersubjektivität (auch die des Urteilens) ist durch die Formen der Anschauung vermittelt, in den Formen der Anschauung sind Ankläger und Richter, Angeklagter und Zeugen systemisch vereinigt.
    Was bedeutet und worauf bezieht sich der juristische Begriff „Augenschein“? Im Zuge einer Ermittlung wird nicht gesehen, sondern „in Augenschein genommen“: das Sehen vergesellschaftet. Das Präsens, die Gegenwart, ist das Korrelat des Augenscheins, nicht des Sehens, der Augenschein ein Produkt des Indikativs, durch den das Sehen juristisch verwertbar wird, durch Subsumtion unter die Beweislogik. Der Indikativ ist eine Sprachform, die im Bannkreis des Wertgesetzes und der Beweislogik sich gebildet hat.
    Die ungeheure Bedeutung der kantischen Antinomien der reinen Vernunft liegt darin, daß aus ihnen die Prävalenz der Vergangenheit in der Beweislogik sich ablesen läßt. Durch die Subsumtion unter die Vergangenheit wird die Sache ästhetisiert, den subjektiven Formen der Anschauung und damit einer Logik unterworfen, in der auch das kontrafaktische Urteil gründet: Hier kann alles auch anders sein. Die Antinomien sind die Rache des kontrafaktischen Urteils an seinen Konstituentien. Kontrafaktische Urteile sind ein Hinweis darauf, daß es keinen absoluten Indikativ gibt.
    Der Verdacht ist der Grund der synthetischen Urteile apriori, sein gegenständliches Korrelat das Reich der Erscheinungen. Gegen ihn steht das verteidigende, parakletische Denken.
    Die Logik der Schrift und die Erfüllung des Wortes: „Nur Gott sieht ins Herz der Menschen.“ Auch dieser Indikativ ist eigentlich ein Imperativ, theologischer Grund des parakletischen, verteidigenden Denkens. Als Indikativ ist der Satz das Signum des steinernen Herzens, als Imperativ der Beginn der Umwandlung des steinernen in ein fleischernes Herz, der Beginn der Transformation des Opfers in Barmherzigkeit.

  • 19.9.1995

    Das gesellschaftliche Korrelat des Objektbegriffs ist das Feindbild. Deshalb ist die Kritik der Verdinglichung (die Kritik der transzendentalen Ästhetik) die genaueste Konsequenz aus dem Gebot der Feindesliebe. Der Indikativ aber ist die Objektsprache, er steht unter dem Bann der transzendentalen Ästhetik.
    Opfertheologie, Verdinglichung und Verdrängung: Die Opfertheologie instrumentalisiert das Leiden, sie entbindet von der Pflicht zu helfen, indem sie dem Leiden einen Sinn gibt, sie begründet den Glauben (an die magische Kraft des Opfers und an eine jenseitige Vergeltung) und immunisiert die Gläubigen gegen die Wahrnehmung des Leidens der anderen, sie verstopft die Ohren gegen den Schrei der Opfer. Die Empfindung, deren Gegenstand das eigene Leiden ist, wird von der Sensibilität für das Leiden anderer getrennt; die Spur dieser Empfindung ist das Ich, die Subjektivität, das Bewußtsein: die Person. Empfindung und Sensibilität werden zulasten der verdrängten Sensibilität durch den hier entspringenden Weltbegriff (als Bewußtsein und Unbewußtes, Ich und Es) getrennt. Die Opfertheologie ist das Instrument des strengen Gerichts, für sie gilt der Satz: Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit.
    Die doppelte Bedeutung des Wortes Gericht beruht nicht bloß auf einer Äquivokation, die getrennten Bedeutungen verweisen vielmehr auf einen gemeinsamen, mit dem Ursprung des Weltbegriffs zusammenhängenden Ursprung (Zusammenhang mit Sein, Sinn, Zeugung).
    Frohe Botschaft und Gute Nachricht: Botschaft und Nachricht unterscheiden sich wie Gebot und Gericht. Zum Gebot gehört der Bote (der Engel), die Nachricht bezieht sich auf den Empfänger wie das richtende Urteil auf den Angeklagten. Sind heute nicht alle Zuschauer, die tagtäglich dem Schauprozeß beiwohnen, in dem sie Angeklagte sind und gerichtet werden, nur daß sie’s nicht merken? Die „Gute Nachricht“ ist die milde Lüge, die sie über das wahre Urteil (das synthetische Urteil apriori, das, indem es über andere gefällt wird, über den Richtenden selber ergeht) hinwegtäuscht (Beitrag zur Genesis und Logik des Erbaulichen).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die synthetischen Urteile apriori, die, indem sie über andere gefällt werden, über die Urteilenden selber ergehen. Deshalb sind sie die apriorischen Objekte der Antinomien der reinen Vernunft: Verkörperungen der Grenzen der Beweislogik. Die subjektiven Formen der Anschauung begründen und neutralisieren die Asymmetrie zwischen mir und dem Anderen.

  • 18.9.1995

    Die theologische Übersetzung der Schrift in den Indikativ läßt sich insbesondere am Begriff des Wunders, der in der christlichen Tradition an der Abweichung vom Naturgesetz, in der jüdischen an seiner Beziehung zur Prophetie – als deren Erfüllung – gemessen wird, nachweisen: daran, daß die Theologie hinter dem Rücken Gottes keinen Spaß mehr versteht (der durch das theologische Apriori ausgeschlossen wird). Die Folgen sind dann selber komisch, wenn z.B. ein von Grund auf ironischer Text wie das Buch der Richter (vgl. die Untersuchung von Lillian Klein) blindwütig als historischer Text verstanden wird (in den gleichen Kontext gehört das nationalistische Verständnis der Erwählung Israels, der Prophetie, des jüdischen Messianismus: auch der Nationalismus versteht – ähnlich wie ein Alkoholiker – keinen Spaß). Wie hängt die Unfähigkeit, Spaß zu verstehen, mit der Neutralisierung und Verdrängung der Idee des seligen Lebens, mit der Privatisierung der Religion, zusammen: mit dem Ausschluß der durch das Motiv der Reflexion von Herrschaft vermittelten politischen Relevanz dieser Idee?
    Die Quellentheorie ist die logische Konsequenz der Übersetzung der Schrift in den Indikativ (ihre Validität gleicht der der rassistischen Lösung des Problems des Ursprungs der indoeuropäischen Sprachen, selber ein Produkt der Anwendung des indoeuropäischen Indikativs auf das Problem des Ursprungs der Sprache, in der dieses Problem allein als Problem sich konstituiert).
    Der Rassismus ist das Produkt der Selbstanwendung des Indikativs. So hängt er mit den kantischen Antinomien der reinen Vernunft (mit der Selbstanwendung der subjektiven Formen der Anschauung) zusammen. Der Rassismus ist das absolute synthetische Urteil apriori.
    Wer keinen Spaß versteht, säuft und macht Witze. Deshalb gilt im deutschen Recht Trunkenheit als Strafmilderungsgrund.
    Nur Gott sieht ins Herz der Menschen: Wenn auch dieser Satz im Imperativ, und nicht im Indikativ steht, ist er dann nicht identisch mit der Idee des Heiligen Geistes: dem verteidigenden Denken?
    Der Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, findet seine Begründung in den Grenzen der Beweislogik: Gemeinheit ist mit den Regeln der juristischen Beweislogik nicht nachweisbar. Es gibt keine juristisch faßbaren „Fälle“ von Gemeinheit. Wer die Realität mit ihrer Beweisbarkeit gleichsetzt, schließt damit die Erkennbarkeit der Gemeinheit aus. Darauf bezieht sich der Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht. Und darin gründet der Horkheimersche Satz, daß außerhalb des theologischen Zusammenhangs Moral sich nicht begründen läßt. Hängen nicht die kantischen Antinomien der reinen Vernunft, die alle auf den Bereich der transzendentalen Ästhetik sich beziehen, auf die subjektiven Formen der Anschauung, auf Raum und Zeit, zusammen mit der Abstraktion von der Unterscheidung (der qualitativen Differenz) zwischen Vorn und Hinten, Rechts und Links sowie Oben und Unten, die im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung ebenso wie die sekundären Sinnesqualitäten subjektiviert werden? Ist nicht die Gemeinheit der blinde Fleck des mathematischen wie auch der begrifflichen Erkenntnis (wie auch der Grund der Trennung beider)?

  • 14.9.1995

    Lichtgeschwindigkeit, Plancksches Wirkungsquantum und elektrische Elementarladung verhalten sich wie Raum, Zeit und Materie (oder wie Mechanik, Elektrodynamik und Gravitation), sie stehen in der gleichen logischen Beziehung. Auflösung anhand der Logik des Raumes: der wechselseitigen Begründung von Linearität (intentio recta), Orthogonalität (Asymmetrie) und Reversibilität (Spiegelung)?
    „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“: Die Lehre von der Auferstehung der Toten ist die Antwort auf die Transformation des Perfekts ins Vergangene.
    Wenn Mord nicht nur ein Tat-, sondern als Täterdelikt zugleich ein Gesinnungsdelikt ist (zu den Tatbestandsmerkmalen gehören „niedrige Beweggründe“), und wenn kein Verbrechen in vergleichbarem Maß den Rachetrieb (und in ihm die Logik der Personalisierung) weckt (vgl. den vorstaatlichen [und vorweltlichen] Zusammenhang der Blutrache mit der Ursprungsgeschichte des Opfers), so läßt sich daran der Schuldzusammenhang ablesen, der der Konstruktion des Staates zugrunde liegt, dessen Instrumentalisierung der Staat ist (im Kern des Weltbegriffs, der ersten „Schöpfung“ des Staates, steckt ein verdrängter Mord: Deshalb gehört die Geschichte der Kosmogonien und Kosmologien zur Ursprungsgeschichte des Staates).
    Rechtfertigung als Selbstzerstörung: Der Objektivationsprozeß als Instrument der Selbstrechtfertigung des Bestehenden, oder der Urknall, die Hohlraumstrahlung (der schwarze Körper), das schwarze Loch.
    Heinsohns Ableitung des Holocaust ist noch zu harmlos: Der Antisemitismus als genereller (apriorischer) Freispuch des Tötens brauchte von Hitler nicht erfunden werden, er gehört zu den Grundlagen des Staates, und das jüdische Tötungsverbot ist ein Angriff auf den Staat.

  • 13.9.1995

    Der Objektivationsprozeß spielt sich nicht allein „draußen“ (außerhalb des Bewußtseins) ab, er begreift vielmehr das objektivierende Subjekt selber mit ein. Die subjektiven Formen der Anschauung (das Instrument der Objektivierung) trennen nicht nur Subjekt und Welt, sondern verweltlichen auch das Subjekt. Die transzendentale Ästhetik affiziert Welt und Subjekt zugleich. Die Gewalt der subjektiven Formen der Anschauung gründet in dem Schein, daß das Bewußtsein, wenn es sich auf objektive Sachverhalte bezieht, von der Selbstreflexion (und d.h. von der Schuldreflexion) glaubt absehen zu können.
    Die subjektiven Formen der Anschauung: ein Instrument der Angstverstärkung durch Angstvermeidung und umgekehrt.
    – Erinnerung an einen Traum, den ich vor vierzig Jahren hatte, in dem ich die Lösung des Problems der Beziehung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Mikrophysik (zu den Naturkonstanten der Mikrophysik und zum Korpuskel-Welle-Dualismus) gefunden, dann aber beim Erwachen wieder vergessen hatte.
    Im Hogefeld-Prozeß ist ein gerechtes Urteil schon deshalb nicht zu erwarten, weil das ganze Verfahren unter dem Bann des Feindbildes steht. Aber hat dieses Feindbild-Konstrukt nicht seine Wurzeln im Strafrecht: im Falle des Mordes wird nicht die Tat sondern der Täter bestraft. Mord ist nicht nur ein Tat-, sondern (als Täter-) zugleich ein Gesinnungsdelikt (zu den Tatbestandsmerkmalen gehören „niedrige Beweggründe“).

  • 12.9.1995

    Sehen und Hören: Der Kelch symbolisiert das ins Sehen übersetzte Hören (die „subjektiven Formen der Anschauung“), im Hinblick auf einen Text die Logik der Schrift, politisch-ökonomisch wie auch zivilisations- und wissenschaftsgeschichtlich das Herrendenken (Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften als Teil der Herrschaftsgeschichte: „die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, Dialektik der Aufklärung); mit dem Kelch-Symbol hängt es zusammen, wenn die Idee der Erfüllung der Schrift auf die Passion und den Kreuzestod Jesu sich bezieht (vgl. Getsemane und Emmaus), die der Erfüllung des Wortes hingegen auf die Parusie. Das Christentum hat nach Eingliederung in die Herrschaftsgeschichte mit der Opfertheologie und dem darin gründenen Erlösungsbegriff die Passion mit der Parusie gleichgesetzt: Ursprung der Bekenntnislogik und des Dogmas (Petrus und die Geschichte von den drei Leugnungen; Bekenntnislogik als Äquivalent der subjektiven Formen der Anschauung in der Theologie, Kirche als Kelch). Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Erweiterung des Kelch-Symbols – des Taumelkelchs und des Kelch des göttlichen Zorns – zum Unzuchtsbecher in der Johannes-Apokalypse?
    Genitiv und Dativ unterscheiden sich wie Indikativ und Imperativ bei Levinas. Auch der dem Genitiv korrespondierende Indikativ ist ein Imperativ, aber einer, der nicht mehr durch die Sprache, durchs Hören, vermittelt ist, sondern zum puren Vollzug des Gehorsams (zum mechanischen Kadaver-Gehorsam) regrediert: er ist ein instrumentalisierter Imperativ. Der auf Präsens und Zukunft (auf nicht Vergangenes) bezogene Indikativ ist ein Vollstreckungsurteil, er verwandelt das Handeln in ein subjektloses, naturhaftes Geschehen. Die Ontologie hypostasiert diesen Indikativ (und entlastet das Subjekt – ähnlich wie das Gesetz die Verwaltung – von der Last der Verantwortung und des Handelns).
    Wie hängt das symbiotische „wir“ (das ärztliche „wie geht es uns denn heute“, „haben wir gut geschlafen“) hiermit zusammen, in welcher Beziehung steht es zum „naturwissenschaftlichen“ Apriori der Medizin, zur Symptom-Medizin, zur konstitutiven Funktion des Fall-Begriffs in der Medizin?
    Gehört nicht auch dieses symbiotische „wir“ zu den Metastasen (oder auch zu den Ursprungsformen) der Bekenntnislogik, deren „gemeinschafts“-konstituierende Kraft in einer symbiotischen Konstellation gründet (die Bekenntnislogik instrumentalisiert – wie das Plancksche Wirkungsquantum? – den symbiotischen Grund, aus dem sie hervorgeht). Gemeinschaftsbegründend aber wird diese Beziehung von Bekenntnislogik und Symbiose nur in der Gestalt hierarchischer Strukturen (Hegels Philosophie kennt keine hierarchischen Strukturen, weil sie den Begriff hypostasiert; deshalb kann die Natur den Begriff nicht halten: Hat nicht die kopernikanische Wende mit dem astrologischen Verständnis der planetarischen Welt auch den kosmologischen Grund und die kosmologische Legitimation der Hierarchie: die frühmittelalterliche Engellehre, zerstört?).
    Doppelt asymmetrische Reflexion: Wie verhält sich das objektivierende Beobachten zum Begriff des Angesichts? Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang zwischen dem geschichtlichen Ursprung des Beobachtens und ihrer Vorgeschichte im Namen und Amt des episkopos?
    Drückt nicht in dem Psalm-Wort „Dixit Dominus ad Dominum meum: hodie genui te“ auch eine Kritik des Zeugungsbegriffs sich aus? Die beiden Herren sind weder gleichnamig noch gleichen Wesens. Im hebräischen Text stehen an dieser Stelle zwei Namen: JHWH und Adonai, die nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die homousia, die in der Gleichsetzung beider Namen gründet, ist ein Produkt der LXX, des griechischen (und dann des lateinischen, deutschen, englischen etc.) Bibeltextes. Das homousios und die Vergöttlichung Jesu haben den Vater zum Objekt gemacht (und das ist in die Gesamtstruktur des christlichen Dogmas und in die kirchliche Erlösunglehre als eine ihrer verschwiegenen Voraussetzungen mit eingegangen).
    In der Geschichte von den drei Leugnungen Petri fällt das Krähen des Hahns mit der Überlieferung Jesu an den weltlichen Richter zusammen (die Verspottung durch die „Diener“ und das Verhör durch den „Hohen Rat“ liegt nur bei Lukas zwischen den Leugnungen und der Überlieferung an Pilatus, bei Johannes zwischen der ersten und zweiten Leugnung).

  • 10.9.1995

    Was hat die Spinne mit dem Inertialsystem zu tun, und wen repräsentiert das Inertialsystem?
    Wenn die Spinne etwas mit der Sexualität zu tun hat, dann als Instrument und Produkt ihrer Verdrängung (merkwürdige symbiotische Beziehung der Insekten zur Sexualität: Spinnenweibchen, die nach der Begattung die Männchen töten, Symbiose von Blumen und Insekten <Beziehung zum Licht, zur „Fortpflanzung“>, staatsähnliche Organisation der <materiellen und sexuellen> Reproduktion bei Ameisen, Bienen u.ä.).
    Verdrängung ist nicht nur ein psychologischer Sachverhalt, sondern ein Moment im Begriff der Objektivität selber. Mit dem Konstrukt der „sekundären Sinnesqualitäten“, mit der Subjektivierung der Empfindungen, ist der Sensibilität der Boden entzogen, die Wahrnehmung des Leidens, des Schmerzes verdrängt worden.
    Ist nicht die Mikrophysik der vollendetste Ausdruck von Verdrängung, und läßt sich nicht der Punkt, an dem diese Verdrängung sich vollendet, ihre objektivitätsbegründende Kraft beweist, benennen: im Planckschen Wirkungsquantum, der Verkörperung der Redundanz (die nicht zufällig zum Schlüssel der ganzen Mirkophysik geworden ist)?
    Spinnen: Während Fische, Vögel und Säugetiere als Verkörperungen von Instrumenten sich begreifen lassen, als Objekte im Inertialsystem, verkörpern Insekten das symbiotische Prinzip der Instrumentalisierung, das Inertialsystem.
    Wer ist Beelzebul (Baal Sebub, „Herr der Fliegen“, der Gott von Ekron, 2 Kön 12,3,6,16)? Nach den Evangelien war er der „Oberste der Dämonen“ (Mt 1025, 1224ff, Mk 322, Lk 1115ff)?
    Während die Zürcher Bibel Baal Sebub (den „Fliegengott“) für das Original hält und den Beelzebul (mit der unmöglichen Begründung: „weil man sich scheute, den Namen dieses heidnischen Gottes auszusprechen“!) als eine veränderte Fassung ansieht, ist nach Reclams Bibellexikon (S. 67, ähnlich Ton Veerkamp, Die Vernichtung des Baal, S. 144ff) der Baal Sebub (der Fliegenmeister) eine ironisierende Entstellung des Baal Zebul („Baal, der Erhabene“, des Gottes von Ekron), der so korrekt in den Evangelien zitiert wird (als „Oberster der Dämonen“). Liegt nicht die größte Gefahr der christlichen Theologie darin, den Indikativ für die grammatische Grundform der Theologie zu halten; so ist sie unfähig geworden, ironische Stellen in der Schrift überhaupt noch wahrzunehmen (vgl. auch das Buch der Richter und die Arbeit von Lillian Klein dazu: The Triumph of Irony in the Book of Judges).
    Wenn der Baal Sebul eigentlich der Baal Zebub ist, wer ist dann Sebul (der Statthalter Abimelechs in Sichem, Ri 928ff)?
    Bei Mt (1231) und Mk (329) schließen sich die Stellen über die Sünde wider den Heiligen Geist an, bei Lk (1124ff) die Stelle über die sieben unreinen Geister (vgl. auch Mt 1243 und 2 Pt 220).
    Der Herr der Fliegen und der Oberste der Dämonen: Ist nicht die Spinne der Herr der Fliegen? Was haben die Dämonen mit dem Inertialsystem zu tun (die Elektrodynamik ist die Physik des Inertialsystems, die Mechanik die der Objekte im Inertialsystem)?
    Sind Säugetiere mechanische, Insekten hingegen elektrodynamische Tiere (sind nicht Insekten resistent gegen radioaktive und atomare Strahlung)? Hängt die Fähigkeit der Insekten zur Staatenbildung, zur „organischen“ Funktionsverteilung in einer durchorganisierten Gemeinschaft, ihre gleichsam planetarische Gemeinschaftstruktur, damit zusammen? Gibt es einen Zusammenhang des Baal Sebub mit der Astrologie? War nicht die Baals-Religion, der Prototyp des „Götzendiensts“, als Herren-Religion eine Sternen-Religion?
    Genitiv (und der zugehörige Akkusativ) ist die dem Indikativ zugehörige Deklinationsform, der Dativ (und der Nominativ) korrespondiert dem Konjunktiv und dem Imperativ. Das Inertialsystem vollendet das Neutrum (es bringt Dativ und Nominativ als Repräsentanten des Adressaten in der Sprache zum Verschwinden). Der Indikativ verabsolutiert die Herrschafts- und Eigentumsordnung, in der Philosophie die Ontologie (und begründet so die dämonische Ordnung und ihr Korrelat: die Besessenheit), er destruiert die Idee des Heiligen (die Idee eines der Herrschafts- und Eigentumsordnung, der Objektwelt und dem Gesetz der Instrumentalisierung enthobenen Bereichs).
    Wird der Genitiv (der Sprachgrund der Herrschaft und des Eigentums) nicht vom Rachetrieb beherrscht?

  • 9.9.1995

    Ist das Licht ein Tunnel-Effekt und die endliche Lichtgeschwindigkeit eine Folge der Beziehung der Fortpflanzungsrichtung zu den orthogonal zugehörigen („raumzeitlichen“) Richtungen im Inertialsystem? Wird man nicht davon ausgehen müssen, daß der Blick von außen, seine verandernde Kraft, die Struktur der elektrodynamischen Gleichungen überhaupt erst konstituiert, daß diese nicht unabhängig davon bestehen (wobei dieses „von außen“ selber durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit vermittelt ist)? Oder anders formuliert: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erweist sich in diesem Kontext als konstitutiv für die Objektivität und die Realität der Elektrodynamik (und der dadurch vermittelten Mikrophysik) insgesamt: Übernimmt es im Hinblick auf diesen Objektbereich nicht die Funktion der subjektiven Formen der Anschauung, des Mediums, in dem auch das Inertialsystem sich noch gegen das Anschauen vergegenständlicht, verdinglicht, zu einem Objekt der Anschauung wird? Ist nicht mit der Lichtgeschwindigkeit (und den Konstanten der Mikrophysik: dem Planckschen Wirkungsquantum und der elektrischen Elementarladung) das Feuer zu einer Form der Anschauung geworden, zum objektivierenden Prinzip, aber zu einem, in dem die Beziehung zur Sprache verbrennt (die Sprache erlischt)?
    Enthält nicht die spezielle Relativitätstheorie den Beweis des Satzes, daß Rind und Esel nicht gemeinsam vor den Pflug gespannt werden dürfen? Hier (und nicht in der Mikrophysik) stößt die Physik erstmals auf einen Sachverhalt, der auch einer moralischen Anwendung fähig ist.
    Gründet der Korpuskel-Welle-Dualismus darin, daß es zu jeder Richtung im Raum zwei orthogonale Richtungen, und d.h. daß es zum „Licht“ einen doppelten Seiten-Anblick gibt? Hat nicht unter diesem Aspekt die Mikrophysik in der Tat etwas mit der Trinitätslehre (mit dem „doppelten Seitenblick“ als Bedingung der Vergegenständlichung Gottes) zu tun? Diese Beziehung aber ist für apologetische Zwecke nicht mehr verwendbar.
    Hat der Begriff der Zeugung in der Trinitätslehre etwas mit dem der Fortpflanzung des Lichts im Raum zu tun? Ist nicht der Sohn „Licht vom Licht“, zu dem das ungeheure Wort gehört: Das Licht kam in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erkannt (Joh 15, vgl. auch 19f)?
    Die Physik bildet die Welt vor dem ersten Schöpfungstag ab: sie ist wüst und leer, und Finsternis liegt über dem Abgrund. So ist sie ein Beleg für den Satz: Ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis. Aber ist nicht der erste Schöpfungsbericht die Umkehrung des zweiten: Was im ersten der Anfang ist: das Chaos und die Finsternis, ist im zweiten das Resultat: die gefallene Natur, die im historischen Objektivationsprozeß bewußtlos sich selbst begreift. Und sind nicht die beiden Elemente des Himmels (das Feuer und das Wasser) Reflexe dieser Beziehung von Anfang und Resultat, von Katastrophe und Rettung? Hat der Kerub mit dem Flammenschwert etwas hiermit zu tun?
    Die Beziehung der Begriffe Natur und Welt hängt mit der Trennung von Geschichte und Natur zusammen. Die objektivierte Natur ist der Boden, auf dem der Begriff der Geschichte sich entfaltet, sie ist zugleich der Riesen-Leichenberg, zu dem die Frage gehört, ob in seinem Anblick die richtige Gesellschaft überhaupt noch denkbar ist? Walter Benjamins Engel der Geschichte ist das Bild dieser Frage und das Gegenbild des Kerubs mit dem Flammenschwert.
    Kommunikationstheorie und Unzuchtsbecher: Heute vergewaltigt die Realität die Sprache.

  • 8.9.1995

    Anblick und Angesicht: Die subjektiven Formen der Anschauung trennen den Anblick vom Angesicht (das Sehen vom Hören), fundieren und fixieren die intentio recta, verdrängen jede Erinnerung an eine Alternative dazu. Das Angesicht (Verkörperung des Gegenblicks und Widerpart des Anblicks) bezeichnet einen sprachlichen Sachverhalt. Es wird repräsentiert sowohl vom Angesicht Gottes als auch vom Angesicht der Kinder. „Wissende“ Kinder (Kinder ohne Angesicht) sind Kinder, deren Vertrauen in die Welt enttäuscht wurde (Schule in der verwalteten Welt drohen zu Produktionsstätten „wissender“ Kinder zu werden; im Angesicht der Kinder leben heißt, die Welt so hell machen, daß Kinder in ihr nicht mehr endgültig enttäuscht werden können. Kinder weinen, bevor sie sprechen (Kindern das Weinen verbieten heißt, sie am Sprechenlernen hindern; Jungen dürfen nicht weinen: mit der Erinnerung ans Weinen wird der Sprachgrund, die erkennende Kraft des Namens, gelöscht, hier entspringt das Lachen, Produkt der verdrängten Erinnerung an das Angesicht im Lächeln des Kindes); Erwachsene lachen, wenn sie aufhören zu sprechen: durchs Lachen (durchs schallende Gelächter) schaffen sie eine Gemeinschaft von Stummen, die eine Bekenntnisgemeinschaft ist; Lachen ist die Ursprungsgestalt der Bekenntnislogik, ihr genauester Ausdruck (mit Feindbild, Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft). Jedes Bekenntnis (und das drückt in dem durch seine Beziehung zum Bekenntnis definierten Begriff des Glaubens sich aus) ist ein Auslachen dessen, was es als seinen Inhalt ausgibt (sh. den Streit um das Kruzifixurteil, in dem alle Heuchler sich zusammenfinden). In der Konsequenz seiner eigenen Logik ist der Glaube blasphemisch.
    Die indoeuropäischen Sprachen haben das Lachen (und damit die Bekenntnislogik) zum Grund ihrer sprachlogischen Organisation gemacht (das Substantiv ist das ausgelachte Nomen – der bestimmte Artikel im Hebräischen mit dem sprchlichen Ausdruck des Lachens identisch -, die letzte Konsequenz aus dem Neutrum, an dessen Ursprung und Geschichte die der indoeuropäischen Sprachen sich erkennen läßt; das symbolische Korrelat des Neutrum in der Schrift ist die Schlange). So sind die indoeuropäischen Sprachen zu Herren-, zu Männer- und zu Weltsprachen geworden. – Was heißt im Anblick dieser Sprachlogik „Heiligung des Gottesnamens“?
    Die Bildung des Neutrum gründet in der Vergegenständlichung der Vergangenheit (in der Bildung der grammatischen Vergangenheitsform, die dann die Bildung der Futur- und Präsensformen nach sich zieht: in der Vorstellung des Zeitkontinuums). Hier – durch die reflexive Gewalt des Gerichts über die Vergangenheit, die die Richtenden unter das Gericht der Vergangenheit stellt – entspringt zusammen mit dem Begriff des Wissens der Objektbegriff (und in seiner Folge das Substantiv, als Form der Vergewaltigung des ausgelachten Namens).
    Hören und Sehen: Die Beziehung von Wasser und Feuer im Namen des Himmels gründet in der sprachlogischen Beziehung des Namens zur Vergangenheit. Durch die Subsumtion der Dinge unter die Vergangenheit, durch die sie zu Objekten des Wissens werden, wird die erkennende Kraft des Namens (das „Feuer des Himmels“) gelöscht. Wer den Himmel offen sieht, sieht in einen Raum, der erst mit der Sprengung der Formen der Anschauung sich öffnet: in einen Raum, dessen Form in der Kraft des Namens sich bildet und öffnet.
    Hören (nicht Gehorsam), Armut und Keuschheit: Die erkennende Kraft des Namens wird durch die subjektiven Formen der Anschauung, durch die Eigentumslogik (die als dessen innerstes Prinzip den Staat begründet und beherrscht) und durch die Bekenntnislogik (die die Idolatrie, die Religionen, begründet) gelöscht.
    Der Satz aus der Dialektik der Aufklärung, daß „die Distanz zum Objekt … vermittelt (ist) durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, wäre dahin zu ergänzen, daß diese Distanz seit ihrem Ursprung in bestimmbaren Institutionen sich verkörpert, selber dingliche Form annimt: im Tempel, im Geld und in der Schrift. Alle drei Institutionen haben einen gemeinsamen Ursprung und erzeugen selber ihren gemeinsamen Grund: den Staat.
    – Der Tempel, die Konzentration des Göttlichen an einem Ort, war auch ein Mittel des Kampfes gegen die Magie, ein Instrument der Entzauberung der Welt (die in dieser Entzauberung als gegenständliche Welt sich konstituiert);
    – das Geld, das im Kontext der Schuldknechtschaft und nicht im Tausch entspringt (wie auch das Inertialsystem zwar in der Analyse der Stoßprozesse sich bewährt, aber ohne die Ordnung des heliozentrischen Systems, das im Gravitationsgesetz seine Begründung findet, nicht sich herausgebildet hätte) war das erste Instrument, das Herrschaftsbeziehungen in sachliche, gegenständliche, selber wieder beherrschbare Beziehungen von Dingen („Waren“) transformiert;
    – und die Schrift, die die Sprache über das Hören, über ihren affektiven und dialogischen Ursprung hinaustreibt, ihre objektivierende Gewalt (und die dieser Gewalt fundierende, sie unterstützende sprachlogische Struktur: die durchgebildete Grammatik) begründet, hervorbringt und stabilisiert, eröffnet damit den herrschaftsgeschichtlichen Prozeß.

  • 7.9.1995

    Während der projektive Grundzug der Strafen in der Schrift als Mittel der Verarbeitung des Rachetriebs sich begreifen läßt („Mein ist die Rache, spricht der Herr“), erweist sich die projektive Struktur der Erkenntnis in Geschichte und Natur, die „Konstituierung der Erscheinungen“ durch Erkenntnis, als ein Instrument der Stabilisierung des Rachetriebs (die Form dieser Erkenntnis ist die Rache der Vergangenheit, die sich nicht anders wehren kann, für den Verzicht auf Gotteserkenntnis, die sie sich versagen muß)? Sind beide Formen der Projektion nicht durch Inversion (durch Spiegelung an der Grenze von Hören und Sehen) auf einander bezogen?
    Gotteserkenntnis ist das Gegenteil aller Erkenntnis, die man getrost schwarz auf weiß nach Hause tragen kann.
    Zum Begriff der Aufhebung: Ist der Schmerz des von seinem Vater geprügelten Knaben im Mitleidsschmerz des Vaters „aufgehoben“ (Anwendung auf die Kirche, den Staat)? Gründet der Begriff der Aufhebung nicht in einer Substitution, verletzt er nicht das Bilderverbot? Der Begriff der Aufhebung stammt aus der Logik der Opfertheologie; gegen ihn richtet sich der Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Der Begriff des Einen ist ambivalent. Das läßt sich an dem platonisch-hegelschen Satz demonstrieren: „Das Eine ist das Andere des Anderen“. Hier bezeichnet das Eine
    – sowohl das in seinem Sein für Andere (in seiner Veranderung) Verdrängte, das, was nicht mehr wahrgenommen, wovon abstrahiert wird,
    – als auch die abstrakte Einheit, die in dem doppelten Abstraktionsprozeß, im Durchgang durch die doppelte Negation, überhaupt erst sich konstituiert: die Einheit der Mathematik.
    Es ist ein Unterschied, ob ich mich in jemanden hineinversetze oder ihn als Person ansehe. In der gleichen doppelten Abstraktion entspringt der Objektbegriff. Diese Ambivalenz macht den Begriff des Monotheismus so problematisch, seine gleichzeitige Anwendung auf die jüdische und die griechische Tradition, die durch diese doppelte Abstraktion getrennt sind (und invers auf einander sich beziehen), unmöglich.
    Die Heiligung des Gottesnamens ist kein ritueller Akt, sie gründet nicht im Opfer, sondern in der Barmherzigkeit.
    Der Personalismus gründet in der dämonischen Seite der Liebe, dem Trieb, geliebt zu werden, der unerfüllbar bleibt, wenn er nicht zur tätigen Liebe sich befreit (der Trieb, geliebt zu werden, in dem das Personbewußtsein gründet, gründet selber in der Unfähigkeit zu lieben). Wer es sich verbieten muß, die real existierende Not, die wirkliche Armut und den Schuldzusammenhang, der Reichtum und Armut aneinander bindet (jeder Reichtum „verzehrt die Häuser der Armen“), auch nur wahrzunehmen, verstrickt sich zwangsläufig in Rechtfertigungszwänge, zerstört die Sensibilität und wird „empfindlich“: Person.
    Der Grund jeder Empfindlichkeit, die Unfähigkeit zu lieben und der unerfüllbare Trieb, geliebt zu werden, waren es, die in kirchlichen Zeiten im Bild des Höllenfeuers sich spiegelten.
    Mit dem Namen JHWH hat Gott sich erstmals dem Moses offenbart (Ex 63). Wenn der Name schon vorher (z.B. in der Paradies- und Sündenfall-Geschichte, bei der Zerstörung Sodoms oder bei der Opferung Isaaks) erscheint, dann kann das doch nur heißen, daß diese Geschichten im Nachhinein im Licht der Moses-Offenbarung sich darbieten (die Offenbarung erhellt auch das Dunkel der Geschichte).
    Das Christentum hat seit seinem paulinischen Ursprung diese Moses-Offenbarung, die die entscheidende war, durch eine andere ersetzt: durch das Konstrukt der Offenbarung der Trinitätslehre in der historischen Erscheinung Jesu.
    Wenn die drei Männer, die zu Abraham kommen (Gen 18), schon die Trinitätslehre symbolisieren, muß man dann nicht auch die Geschichte der Zerstörung Sodoms und die Lot-Geschichte (mit den Geschichten von Lots Weib und den Töchtern Lots) in dieses Symbol mit hereinnehmen?
    Paul Celan zitiert in der Todesfuge (im 3. Band der Gesammelten Werke, S. 63) mit dem Namen Sulamith das Hohelied der Liebe. In welcher Beziehung stehen die Sätze „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und „Stark wie der Tod ist die Liebe“?
    Ist nicht das Angehörigen-Info ein letzter Beleg dafür, daß die Verräter-Diskussion (die aus Tradition des Häresie-Begriffs stammt und zu den Folgen der Bekenntnislogik gehört) auf den Hintergrund des Rechts (der gerichtlichen Verfolgung) zurückweist, durch den Blick der Ermittlungsbehörden determiniert ist? Und verweist sie nicht auf eine im ganzen passive Beziehung zum Recht, auf die Unfähigkeit, mit dem Instrumentarium des Rechts politisch umzugehen: Ist nicht das Recht im mythischen Sinne zum Schicksal der raf geworden, und sind nicht die Taten der raf weithin daraus zu begreifen, daß auch sie im Angesicht des Rechts zur Opferrolle keine Alternative kennen?

  • 6.9.1995

    „Verurteilen“: Ist das Verurteilen nicht das Werk der subjektiven Formen der Anschauung, steht es nicht unter dem Bann der Anschauung? Das Verurteilte ist das reine, von allen inhaltlichen Bestimmungen abgelöste Objekt, und der Objektivierungsprozeß ist ein unendlicher Verurteilungsprozeß: das Gericht der Welt über die Dinge (ihre Vertreibung aus dem Licht der Sprache). Das Objekt ist das gegenständliche Korrelat der Subjektivität, des Gemeinheitskerns im Subjekt (und die Idee des Absoluten Produkt der Selbstreflexion des Subjekts im Unendlichen oder der Vergegenständlichung Gottes, Objekt einer Theologie hinter dem Rücken Gottes).
    Gibt es eine Untersuchung über den Ursprung und die Geschichte des Neutrum? Kann es sein, daß die Stelle bei Ezechiel (das Zerbrechen des Stabs des Brotes in Jerusalem und das Backen des Brots auf Menschen-/Rinderkot) auf die Bildung des Neutrum sich bezieht: Ist nicht das Neutrum auf Scheiße gebackenes Brot („Steine statt Brot“)?
    Gibt es zu den Strafregelungen der Thora dort oder in anderen Büchern der Schrift „Fälle“, an denen sie exemplifiziert werden? Läßt der Eindruck sich verifizieren, daß alle Strafregelungen symbolisch, und d.h. sprachlogisch zu verstehen sind, als Projektionen eines Strafbedürfnisses, das in Israel keine Chance hatte, sich durch das Mittel der strafrechtlichen Verschiebung zu befriedigen, weil es die dazu notwendige Form des Staates nicht gab? Gefängnisse gab es im pharaonischen Ägypten und in Babylon.
    Wenn man die Bücher der Chronik parallel mit den Genealogien und den Büchern Samuel und Könige liest, wodurch unterscheiden sie sich?
    Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns (Kafka): Heißt das nicht auch, daß es nur noch vergangene Hoffnungen gibt, und alles von der Möglichkeit abhängt, sie zu retten?
    Sich in den andern hineinversetzen heißt, seine Lebensbedingungen reflektieren: Damit aber bin ich schon in der gesellschaftlichen Reflexion und nicht mehr auf der Suche nach dem Schuldigen (außerhalb des Bereichs kontrafaktischer Urteile). Dieses Verfahren ist nicht brauchbar zur Selbstentschuldigung (die „Gesellschaft“ ist nicht schuldfähig, auf die Gesellschaft kann ich mich nicht herausreden).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind ein komfortables Werkzeug, weil sie die Möglichkeit des Urteilens eröffnen: durch die Konstruktion und Bereitstellung des Objektbegriffs. Objektiv und feststehend ist nur die Vergangenheit, deren Formgesetz durch die Formen der Anschauung (durchs Inertialsystem) auf die Zeit insgesamt, auch auf die Gegenwart, übertragen wird. Der Begriff des Wissens und die Objektwelt (das kantische Reich der Erscheinungen) konstituieren sich durch den Ausschluß dessen, was nicht unter die Vergangenheit sich subsumieren läßt; so wird das Reich der Erscheinungen zur Totenwelt, zum Schattenreich, zum Staub, aus dem Adam geworden ist und zu dem er wieder werden wird, den die Schlange frißt. Hieraus wäre abzuleiten, weshalb und wie die kirchliche Höllenvorstellung (als Erbe des Hades, des Totenreichs) als Vorstufe zur Konstituierung des Inertialsystems, des Referenzsystems aller naturwissenschaftlichen Erscheinungen und Erkenntnis, dazugehört (das Inertialsystem ist der Schlüssel zum Abgrund).
    Wenn Hegel darauf verweist, daß im Deutschen der Begriff der Geschichte sowohl die Darstellung als auch den Gegenstand der Geschichte bezeichnet, so ist das in der logischen Konstruktion des Objektbegriffs, des Begriffs der Erscheinung, begründet. Die gleiche Konstruktion beherrscht die Beziehung der naturwissenschaftlichen Erscheinungen zu ihrer Erkenntnis.

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