• 23.8.1995

    Wenn der Bann (gegen Amalek oder die Kanaaniter) gegen die ökonomische Motivation, gegen das Beutemachen, sich richtet, dann schließt er auch den Erwerb von Sklaven durch Kriege aus: dann ist er gegen den Ursprung des Handels gerichtet (gegen „Kanaan“ auch in diesem Sinne). Ausgeschlossen sind somit alle Formen der Razzia (Überfälle, die zum Zweck des Beutemachens geführt werden).
    Das Barock hat das System Achaschwerosch (den demonstrativen Pomp als Quelle des Sexismus und des Antisemitismus) auf der Stufe des Feudalsystems vergesellschaft. Heute hat diese Vergesellschaftung alle erreicht: als Faschismus.
    Wann taucht der Name des Volkes (der als Plural sich konstituiert) erstmals in der Schrift auf? Und erscheint er nicht jedesmal in der Konstellation „Völker, Stämme, Nationen, Sprachen“, insbesondere bei Daniel (bzw. in der Apokalypse, zuvor aber schon vollständig in Gen 10/11, dann in Ansätzen bei Esth, Jes, Ez)?
    Ist nicht der Name des „auserwählten Volkes“ ein Name, der den nationalen (= indikativischen) Mißbrauch grundsätzlich (schon aus sprachlogischen Gründen, die mit der Beziehung des Gottesnamens zur Sprache, zu ihrer Namenskraft, zusammenhängt) ausschließen sollte? Hinweis: Das Subjekt der Psalmen ist keine Privatperson, sondern (das etwa in Davids Königtum sich verkörpernde) Israel.
    Geschichtsphilosophie des Volkes: Stämme sind Lebensgemeinschaften, Völker Schicksalsgemeinschaften, Reflex des Ursprungs und der Geschichte des Weltbegriffs. Der Name des Volks entspringt gemeinsam mit der Institution des Königtums. Der Name des Volkes gründet in herrschaftsgeschichtlichem Kontext.
    Hängen nicht Struktur und Funktion des Islam damit zusammen, daß hier der „Übergang“ in die Welt vermieden, die „Sünde der Welt“: der Prozeß der Individuation, nicht vollzogen wurde. So konnte der Bann der Stammesgesellschaft nicht gebrochen werden. Der Islam ist der (mißlungene) Versuch, in einem „vorweltlichen“ Unschuldszustand zu verharren. Deshalb ist der Übergang in den Säkularisationsprozeß so schwierig (und deshalb hat der Islam diese Anziehungskraft für Völker, die dem Eintritt in die säkularisierte Welt sich widersetzen).
    Gibt es im Islam die Institution des Königs? Und ist nicht die Prophetie – als deren Widerpart – an diese Institution gebunden? Ohne die Institution des Königs verändert sich auch die Prophetie, und zwar sowohl im Islam (mit Muhammed, der nur noch der Sekretär eines Gottes ist, der seinen Koran selber schreibt) wie auch im Christentum. Auch Jesus war ein Prophet, aber einer, der nicht mehr den König, sondern den Caesar als Objekt hat, und deshalb mit den Insignien eines zur Schande, zum Spott gewordenen Königs (Dornenkrone, „Jesus Nazarenus, Rex Judaeorum“) ans Kreuz geschlagen wurde.
    Die Reflexion der Grammatik hat die Spuren der Herrschaftsgeschichte in der Sprache zum Gegenstand.
    Kruzifix-Urteil: Als Instrument der Rechtfertigung ist das Bekenntnis zynisch: die Verharmlosung einer tödlichen Waffe (und die Verdrängung des Bewußtseins seiner Außenwirkung).
    Der „Mut zur Bürgerlichkeit“ (Odo Marquard in der FR vom 22.8.95) erinnert nicht zufällig an den „Mut zur Erziehung“; zu fordern wäre, diesen Mutbegriff endlich einmal zu reflektieren. Dieser Mut ist Ausdruck der Feigheit, die dem, was ohnehin alle denken, nicht mehr entgegen zu treten wagt. Dieser Mut erinnert an die faschistoiden Mutproben von peer-groups, an die gemeinschaftsstiftende Kraft z.B. von Grabschändungen (die auf einen ähnlichen gruppendynamischen Hintergrund zurückweisen), oder an einen soldatischen Mut, der nur zu feige ist, den mörderischen Handlungen, an denen er teilzunehmen sich gezwungen sieht, sich zu widersetzen (und sein Gewissen, den „inneren Schweinehund“, durch die Vorstellung der Ehre übertäubt). Es sollte eigentlich eine Warnung sein, daß der faschistische Mut, der aus dieser Konstellation erwachsen ist, seit je an den Schwächsten (an Juden, Frauen, Ausländern, Behinderten) sich abreagierte (und heute wieder abreagiert). Der Mut gehört zur Bekenntnislogik, diese aber ist ein Produkt des Herrendenkens, das von seinem theologischen Ursprung sich emanzipiert hat. Und der „Bürger“, auch wenn er heute kein „Untertan“ mehr ist, ist längst zur Parodie der hegelschen Dialektik von Herr und Knecht geworden: die reinste Verkörperung einer Knechtsgesinnung, die ihren eigenen Herrn noch überlebt und darin den Grund seines Herrendenkens findet.
    Läßt sich bei Jeremias (oder überhaupt bei den „großen“ Propheten) nicht die Konstellation, der der Übergang vom Namen der Hebräer zu dem Juden sich verdankt, rekonstruieren? Ich denke an die Beziehung des Satzes „Bete nicht mehr für dieses Volk“ zu dem anderen „Bete für das Wohl der Stadt“ (zusammen mit einigen anderen Motiven, die genau zur Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs und deren Zusammenhang mit der „babylonischen Gefangenschaft“ paßt)? – Dazu gehören das „Grauen um und um“, der Gottesknecht des Deuterojesaia, die Visionen des Ezechiel.
    Differenz im Begriff des Daseins: Bei Heidegger bezeichnet er das reine deiktische Moment des Draußen (der Geworfenheit), während er im Gottesnamen in der buber-Rosenzweigschen Bibel-Übersetzung das Bei-uns-Sein Gottes bezeichnet, Seine Barmherzigkeit. Der Name der Barmherzigkeit ist nichts, ist wesenlos und gegenstandslos ohne die Idee der Heiligung des Gottesnamens. Heiligung des Gottesnamens, das heißt: das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen.
    Wird nicht der Glaube im Angesicht Gottes aus seiner Beziehung zum Wissen (die ihn verhext) herausgelöst und zum Vertrauen?
    Macht die Rechtfertigungslehre seit Luther nicht einen unzulässigen Gebrauch von dem Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (und gilt dieser Satz nicht im Kern schon fürs Dogma, insbesondere für die Trinitätslehre)?
    Handelt es sich bei dem Himmel, der am Ende wie eine Buchrolle sich aufrollt, um das Werk des zweiten Tags: das Gewölbe, die Feste des Himmels? Und erscheint darin nicht das Jüngste Gericht (in dem jeder sich selbst wiedererkennt), das aufgedeckte Angesicht, der geheiligte Name Gottes, das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht?
    Zum Unterschied zwischen Himmel- und Gottesreich: Gebunden und gelöst wird (so wie zuvor auf Erden) im Himmel, nicht „in Gott“.
    Darin, daß das Licht vor den Leuchten erschaffen wurde, liegt die biblische Begründung der Kritik der Verdinglichung.

  • 22.8.1995

    Die Bemerkung Wilhelm Salbergs, „das Judentum kenne keine Erbsünde, mithin auch keine individuelle Erlösung (wohl aber eine kosmische)“ („Auschwitz als Herausforderung, Heidelberg 1980, S. 525), verweist auf den gemeinsamen Ursprung des Begriffs der Erbsünde und des Weltbegriffs. Gehört das nicht mit zur Esther-Geschichte, in der der Weltbegriff zusammen mit dem Sexismus und dem ersten manifesten Antisemitismus erscheint. Frauenfeindschaft und Antisemitismus sind Konstituentien des Weltbegriffs, sie gehören mit zu seiner Ursprungsgeschichte, die der Sache nach mit Babylon beginnt. Die babylonische Gefangenschaft und das Exil der Schechina gehören seitdem zu der Vergangenheit, die nicht vergeht.
    Wie verhält sich das Buch Esther zu dem Ereignis, das Heinsohn u.a. die „Venuskatastrophe“ nennen: Ist nicht die astrologische Komponente (Esther = Ischtar, Mardochai = Marduk) ein Hinweis, daß in dieser Konstellation die dann an den Himmel projizierte gesellschaftliche Naturkatastrophe (Ursprung des Staates und des Vorurteils: des Sexismus und des Antisemitismus) zu suchen ist? Gehört das Buch Esther nicht in den Zusammenhang, der Astronomie und Staat an einander bindet? (Haben die drei Weisen aus dem Morgenland, die „seinen Stern gesehen“ haben, etwas mit dieser Geschichte zu tun?)
    Die Lösung des Problems der Apokalypse ist ohne den Hintergrund einer negativen Kosmologie nicht zu gewinnen. (Die Lösung auch der Frage, weshalb diese Texte den Eindruck von Artefakten und Kollagen machen.)
    Messianische Wehen: Liegt nicht das Problem der Apokalypsen darin, daß sie unter dem Bann des gleichen Weltbegriffs stehen, dessen Kritik in ihnen enthalten ist (und heranreift). Steht nicht die Apokalypse (wie auch ihr Säkularisat, die Hysterie, zu der sie in einer durchaus logisch-systematischen Beziehung steht) in der Nachfolge des Mutterschoßes, aus dem Gott zuvor seine Propheten berufen hat (das kostbare Gefäß Seiner Barmherzigkeit)?
    Welche Rolle spielt der Name Israel nach der babylonischen Gefangenschaft? (Die Namen Israel und JHWH kommen in Esther, Kohelet und im Hohenlied nicht vor, im Buch Daniel nur in 13 <Israel> und Kap 9 <Israel und JHWH>. Wird nach der babylonischen Gefangenschaft der Name der Hebräer durch den der Juden ersetzt, und liegt die Differenz im Vorurteil, in der „Judenfeindschaft“?)
    Alle Frauen im Stammbaum Jesu im Matthäus-Evangelium gehören zur Ursprungsgeschichte der „Juden“ (Thamar, Rahab, Ruth und „die Frau des Urias“). Und alle Frauen sind Fremde (Thamar offensichtlich eine Kanaaniterin, Rahab aus Jericho, Ruth eine Moabiterin und Batseba, „die Frau des Urias“, die Frau eines Hethiters).
    Das Problem des Bibel-Verständnisses ist auch auch ein sprachgeschichtliches Problem. Es löst sich auf, wenn es gelingt, den Bann des Indikativ, der auf der Sprache lastet, zu sprengen (Indikativ: „die Form der neutralen, sachlichen Aussage“, vgl. Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 330). Vgl. den Begriff der „Wirklichkeit“ und Hegels Entfaltung dieses Begriffs in der Logik. Wirklichkeit ist ein herrschaftsgeschichtlich vermittelter Begriff.
    Das Referenzsystem der Wirklichkeit (der „Realität“) ist das Inertialsystem (Äquivalent des Selbsterhaltungsprinzips), das über die Vorstellung des Zeitkontinuums auch die Geschichte (und zwar von ihrem Ursprung her als Nationalgeschichte) konstituiert.
    Die Beziehung des zweiten zum ersten Teil des Sterns entfaltet die Differenz zwischen dem Begriff des Überzeitlichen und der Idee des Ewigen.
    Wer die Erlösung an die Trinitätslehre bindet, macht sie zu einem Bewußtseinsakt. Er stellt das Licht unter den Scheffel, und er löscht den Funken.
    Der Name, das Angesicht und das Feuer bilden eine Konstellation. Beziehung zur Trinitätslehre: Ist nicht der Sohn die „Erscheinung“, der Heilige Geist das Leuchten Seines Angesichtes (in dem übrigens allein die „Erscheinung“ sichtbar wird)? Zwischen dem Erscheinen und dem Leuchten liegt die Heiligung des Namens (das die Sprache reinigende Feuer). Sind nicht alle Stellen in der Schrift, in denen vom „Bekenntnis des Namens“ die Rede ist, zu übersetzen mit „Heiligung des Namens“?
    Der Begriff des Blutes erinnert nur noch ans Schlachten, ans Töten. Das hat die Opfertheologie in den blasphemischen Zusammenhang gerückt, dem auch die Trinitätslehre angehört. Sie steht in der Tradition des Blutes Abels, das zum Himmel schreit. Die andere, mit dem Tötungsverbot verknüpfte Tradition ist die, die das Blut auf die Seele bezieht (eine Tradition, die eher das Schächten zu begründen vermag als das „humane“ Schlachten im Schlachthaus). Zwischen beiden Traditionen steht die kopernikanische Wende (gleichzeitig mit dem heliozentrischen System wurden der Blutkreislauf entdeckt, durch die Einführung der Lohnarbeit die Zirkulation – und damit die Selbstkonstituierung – des Geldes begründet sowie die Erlösung als Rechtfertigung an das Bekenntnis der Trinitätslehre gebunden). Erst mit der Öffnung des („unendlichen“) Raumes haben die Dinge sich verschlossen, sind sie zu Dingen geworden. Aber diese Öffnung des Raumes steht unter dem Wort: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
    Die Lastschrift, das Verwaltungshandeln und das Schuldverschubsystem (stand nicht am Ursprung der Schrift die Lastschrift?).
    Gog und Magog (Ez 38/39, Off 208): Hat das Ma- in Magog etwas mit dem Ma- in Majim zu tun (Gog/Agag = tectum, Magog = de tecto)? Der Judenfeind Haman, ein Agagiter, im Buch Esther: ein Amalekiter (Amalek = populus lambens)?
    Die Dialektik ist die Verletzung des Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen, durch seine Instrumentalisierung: Sie subsumiert den Esel unter die Gattung der Rinder. Ist die Trinitätslehre das Exil der Schechina?

  • 21.8.1995

    Kontrafaktische Urteile sind der Schatten des Indikativs. Der Indikativ ist der Widerstand, an dem die Geschichte des Weltbegriffs sich abarbeitet, und zugleich das Formprinzip des Weltbegriffs. Er ist die Quelle der Finsternis, an der sich das „Licht der Welt“, der Auftrag der Kirche, messen läßt.
    Ist die Frage „Welcher Vater gibt seinem Kind anstelle des Brots einen Stein und anstelle eines Fisches eine Natter“ nicht eine an die Kirche gerichtete rhetorische Frage?
    Wenn der Materialismus eine Verkörperung des projektiven Denkens ist, dann ist die bürgerliche Kritik des Materialismus selber eine materialistische Verarbeitung dieser Kritik.
    Die Logik der asymmetrischen Spiegelung, die mit der Trinitätslehre sich entfaltet, ist eine Weiterbildung der projektiven Logik der griechischen Philosophie.
    Das Christentum hätte eigentlich durch die Dämonen in den Evangelien schon gewarnt sein müssen: Ist es nicht durch den projektiven, den konkretistischen, personalisierenden Gebrauch dieser Vorstellung selber dämonisch geworden?
    Hat die Stelle im Buch Ruth „… sie, die mehr wert ist für dich als sieben Söhne“ (415) etwas mit den sieben Schöpfungstagen und mit Maria Magdalena zu tun?
    Die Gemeinsamkeiten zwischen dem Buch Esther und der Josefs-Geschichte werden erst durchsichtig, wenn man die Differenzen hinzunimmt: Ägypten/Persien, Pharao/Achaschwerosch, Hebräer/Juden, Hungersnot/Judenfeindschaft, Ökonomie und Sklaverei/Bekenntnislogik und Herrendenken. Zwischen den beiden Büchern liegt die Wasserscheide des Weltbegriffs. Erscheinen nicht der Name der „Hebräer“ zuletzt bei Saul, vor der Begründung des Hauses Juda durch David?
    Welche Bedeutung haben die Benjaminiten-Geschichten und deren Beziehung zu Bethlehem (mit der Zuspitzung in Gibea, dem Geburtsort Sauls)?
    Hat das Zerbrechen des Stabs des Brotes in Jerusalem etwas mit Bethlehem zu tun?
    Welche Rolle spielt das Buch Judith (die „Jüdin“, die bei Holofernes zur Hebräerin wird), außerdem Jona 19 („ich bin ein H. und verehre JHWH …“), Sir 122 („hebräische Sprache“) sowie 2 Makk?

  • 20.8.1995

    Babylon will einen Turm bauen, dessen Spitze „bis an den Himmel reicht“ (Gen 114), Jakob träumt von einer Leiter, dessen Spitze „bis an den Himmel reicht“ (Gen 2812). Zum Himmel schreit das Blut Abels (Gen 410), an den Himmel reicht die Wut des Königs von Israel (2 Chr 289), die Schuld des Volkes (Esr 96), das Gericht über Babel (Jer 519), der Wipfel des Baums im Traum des Nebukadnezar (Dan 48), die Größe des Königs (ebd. 419).
    Die Sprache unterscheidet sich von der Sache durch das eingeschobene -pr-. Stecken in dieser Einschiebung die Barbaren, die Hebräer, die Hapiru?
    Das Neutrum läßt sich aus dem Maskulinum herleiten, wenn man den Akkusativ als Nominativ nimmt (z.B. bei Kollektivbegriffen wie Gehölz, Gebirge: durch innere Pluralisierung des Individuellen). Das Neutrum gründet in der logischen Nichtunterscheidbarkeit des Einzelnen und Allgemeinen: Deshalb bezeichnen die Begriffe Objekt und Person Hypostasen oder Verkörperungen des Schuldverschubsystems (Konkretismus und Personalisierung). Erst die moderne Aufklärung hat – im Kontext der Entfaltung des Inertialsystems und mit der Ablösung der Sklaverei und der Leibeigenschaft durch das Institut der Lohnarbeit (im Kontext von Naturwissenschaft und Kapitalismus) – das Objekt zum Subjekt synthetischer Urteile apriori gemacht.
    Kritik des Gattungsbegriffs: Der Begriff der Gattung ist der Ursprungsbegriff der Philosophie: Er ist das Realsymbol der Leugnung der Asymmetrie, der Verletzung des Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen. Im Begriff der Gattung (und in seiner Folge in jeglichem Universalismus) werden Zeugung und Tod (Last und Joch) zusammengedacht: Christologie, Opfertheologie und Trinitätslehre, und mit ihnen das Dogma insgesamt, konstituieren und legitimieren den Begriff der Gattung wie sie zugleich im Kontext ihrer Reflexion als Schlüssel sich erweisen, der diesen Begriff und seine geschichtliche Funktion (seine Beziehung zum apokalyptischen Realsymbol des Tieres, das war, nicht ist und wieder sein wird) aufzuschlüsseln vermag. Man könnte sagen: Gegenstand der apokalyptischen Lösung der sieben Siegel ist der Gattungsbegriff. Hiermit hängt es zusammen, wenn der Bekenntnisbegriff (wie er im männlichen Heiligentypos des Confessor sich spiegelt) seit je ein männlicher Begriff gewesen ist: In ihm, in seiner Beziehung zum Gattungsbegriff, spiegelt sich die konstitutive Beziehung des Gattungsbegriffs (und seiner Momente Zeugung und Tod) zum Naturbegriff (und zwar sowohl zur griechischen physis wie zur lateinischen natura, die aus der unterschiedlichen Akzentuierung der Beziehung von Zeugung und Tod im Gattungsbegriff sich herleiten) wie auch zum Begriff und zur Logik des Bekenntnisses. Rosenzweigs Reflexion der Todesangst bezieht sich ebensowenig wie das Kelch-Symbol in der Getsemane-Geschichte in den Evangelien auf die private Todesangst; beide gründen vielmehr in dieser Konstellation; daraus gewinnt der Stern die argumentative Kraft, die mit dem Begriff der Gattung (der dann im zweiten Buch des ersten Teils des Stern, in der „Metalogik“, seinen „logischen Ort“ findet) den Begriff des Alls und mit ihm den Universalismus der Philosophie sprengt: die Verletzung des Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen, aufhebt. Darin gründet das „Neue Denken“, die Reflexion der verandernden Kraft des Indikativs, die Wiedergewinnung einer Theologie, in der Gebet und Erkenntnis eins werden, die Begründung einer Theologie im Angesicht Gottes, in der die Mystik rational wird.

  • 19.8.1995

    Zur Unterscheidung der Idee des Ewigen vom Begriff des Überzeitlichen: Es ist der gleiche Unterschied, der die Prophetie (die Schrift) von der Philosophie, die Lehre vom Dogma trennt. Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; das Ewige läßt sich nicht als vergangen denken. Sie gründet darin, daß eine ursprüngliche Vergangenheit sich nicht denken läßt: Jede Vergangenheit ist die Vergangenheit von etwas, das einmal war. So muß jedes Vergangene einen Anfang haben, dessen Vergangenheit es ist, einen Ursprung. Ohne diese Beziehung des Vergangenen zu seinem Ursprung in einer vergangenen Gegenwart gäbe es keine Erinnerung. Das Gegenbild der Idee des Ewigen ist eine Vorstellung der Zeit, in der jede Zukunft einmal vergangen sein wird: Produkt der Subsumtion der Zeit insgesamt, die Zukunft eingeschlossen, unter die Vergangenheit. Während die Idee des Ewigen durch die Erinnerung der vergangenen Zukunft sich bestimmen läßt, steht der Begriff des Überzeitlichen unter dem Gesetz der Vergangenheit, ihrer Gewalt über alles Zeitliche, auch über die Zukunft. In dieser Konstellation gründet der Begriff des Wissens (und des Sehens), der der Philosophie (und dem historischen Objektivationsprozeß) zugrunde liegt, während die Idee des Ewigen die der Offenbarung (und des Hörens) begründet. Die Trinitätslehre ist das Produkt der Übersetzung der Theologie in eine Logik, die an den Begriff des Überzeitlichen sich anschließt: in die Sprache des Indikativs, die unter der Herrschaft der Vergangenheit steht. Die Trinitätslehre steht am Beginn der Geschichte einer Logik, an deren Ende das Inertialsystem steht (nur deshalb ist es möglich, gleichsam trinitarische Strukturen in der Mikrophysik zu entdecken). Der traditionelle theologische Topos der Unterscheidung des Ewigen vom Überzeitlichen ist die Unterscheidung von Barmherzigkeit und strengem Gericht. Bezieht sich hierauf nicht 1 Kor 1522-28?
    Der Name des Logos ist ambivalent: Nur im Kontext der Vorstellung des Überzeitlichen wird er zum Begriff, im Kontext der Idee des Ewigen erweist er sich als Name (als erkennende Namenskraft der Sprache). Als Begriff führt er über die Trinitätslehre in den Säkularisationsprozeß. Wiederzugewinnen wäre die im Kontext dieser Logik verdrängte und verloren gegangene (zum Bekenntnis neutralisierte) Idee des Namens.
    In der Kabbala gibt es das Motiv, daß die sechs Richtungen des Raumes auf den göttlichen Namen versiegelt sind. Hat nicht die Trinitätslehre eine ähnliche Bedeutung? Und wäre hieraus nicht die Bedeutung des Gebots der Heiligung des Gottesnamens und dessen Beziehung zur Sprache insgesamt zu abzuleiten?

  • 18.8.1995

    Das Licht erhellt die Welt durch die Sprache. Die Dinge, die wir sehen, sehen wir nicht nur durch das Licht, sondern auch durch die Sprache. Dunkel wird das Licht (in der Optik wie in der Sprache) durch Instrumentalisierung: Wir können nicht durch die Augen der Andern sehen.
    Vor dem Gesetz (Franz Kafka): Ist das „Tor zum Gesetz“ nicht die Trinitätslehre? Wer die Trinitätslehre als Wahrheit nimmt, verharrt vor dem Tor, das „nur für dich bestimmt“ ist.
    Die Trinitätslehre ist der Inbegriff der Verführung zu einem angepaßten Autismus und zugleich dessen Legitimation.
    Das Dogma ist die Hölle der Häretiker; die Urteile der Dogmatiker (der Konzilien und der Lehrämter) sind die Feuerwand, die die Häretiker abschrecken und draußen halten soll. Gilt hier nicht das thomistische (oder augustinische) Wort, daß der Anblick der Verdammten in der Hölle zur Seligkeit der Erlösten im Himmel gehört: Hilft hier nicht allein noch die Idee einer apokatastasis panthon?

  • 17.8.1995

    Last und Joch: Eine Differenzierung im Begriff des Begriffs. Wie hängen Last und Joch mit Hören und Sehen zusammen (mit Wort und Schrift)?
    Zur Prophetie gibt es nur zwei Positionen: Man ist entweder selbst Prophet, oder man wird zu ihrem Objekt. Die gegenständliche, historische Beziehung zur Prophetie führt in einen logischen Zwang, durch den man selber zum bewußtlosen (zum blinden und lahmen) Objekt der Prophetie wird.
    Von den biblischen Opfertieren ist das Rind in den Kernbestand der Evangelien nicht mit eingegangen, während Lamm und Taube zu innertrinitarischen Symbolen, zu Symbolen des Sohnes und des Geistes, geworden sind (die Erstgeburt des Menschen wird durchs Opfer des Lammes, nur bei den Armen durch das Opfer der Taube ausgelöst; nach Mt und Mk treibt Jesus die Wechsler und die Taubenverkäufer, nur nach Joh auch die Verkäufer von Ochsen und Schafen aus dem Tempel).
    Ist nicht die Geschichte vom reichen Jüngling eine parakletische Geschichte? Die Aufgabe des Reichtums sollte er nicht nur für den Moment den Armen helfen (Maurer: „die Urgemeinde ist am Kommunismus gescheitert“), sondern die Ursache der Armut, ihren Zusammenhang mit dem Reichtum, reflexionsfähig machen.
    Es ist so leicht, die Worte Jesu durch Übersetzung in den Indikativ unsinnig und die Nachfolge unmöglich erscheinen zu lassen.
    Eine Sprache, die nur Imperfekt und Perfekt kennt, kennt eigentlich keine (abgeschlossene) Vergangenheit, sie kennt insbesondere keine Herrschaftslogik, die den Sprechenden selber in die Vergangenheit versetzt und als Ersatz das Präsens (eine in die Vergangenheit eingetauchte Gegenwart) braucht. Realsymbol dieser Herrschaftslogik in der Schrift ist das Sklavenhaus Ägypten, dann die babylonische Gefangenschaft.
    Die Verlagerung des Perfekt in die Vergangenheit begründet die Ontologie. Zugleich wird die Erinnerung an die Zukunft (und mit ihr der Kern der theologischen Tradition) ausgeschieden.
    Die Trinitätslehre entlastet die Theologie von der Last der Apokalypse, der Parusie-Erwartung.
    Schuldverschubsystem: Heute wird das Wort Goethes noch überboten: Wir lassen nicht mehr nur die Armen, sondern auch die Opfer schuldig werden: So werden sie wirklich zu Vertretern des Gekreuzigten. (Die Vergebungsbereitschaft der Kirche geht heute soweit, daß sie auch den Juden Auschwitz vergeben würde, wenn sie ihre Halsstarrigkeit aufgeben und die immer ausgestreckte Hand der Versöhnung endlich ergreifen würden.)
    Der Versuch, die ganze Mikrophysik aus der speziellen Relativitätstheorie, aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, abzuleiten, hatte bereits als bewußtloses Modell die Vorstellung, daß die Wahrheit der Trinitätslehre erst in ihrer Konfrontation mit der jüdischen Tradition hervortreten wird. War nicht die Physik Einsteins in der Tat, nur anders als es die Vertreter der „Deutschen Physik“ sich vorstellten, eine „jüdische Physik“?
    Die Welt ist (wie auch ihre Emanationen) die Totalität des Feigenblattes.
    Was in der Trinitätslehre mit Gott begonnen hat und über die Welt fortgesetzt wurde, die Gewalt der Vergegenständlichung, ergreift am Ende unser Herz (das Herz der Kirche).

  • 16.8.1995

    Der Protestantismus hat die Erlösung als „Rechtfertigung“ an das Bekenntnis des Trinitätsdogmas gebunden: Produkt der Feigenblatt-Logik.
    Ist die Berufung (die zur Logik der Verwaltungstheologie gehört, zur priesterlichen Verwaltung der Tradition) nicht das Gegenstück zur Bekehrung (zu der sie sich ähnlich verhält wie der Ruf zur Umkehr, das Hören zum Tun)?
    Ist nicht Heidegger ein Produkt der Trinitätslehre (Rückverwandlung des Priestertums ins Schamanentum)?
    Das Substantiv ist der Staub, zu dem das Männliche wird (und den die auf dem Bauche kriechende Schlange frißt).
    Erst im Deutschen ist der Gehorsam endgültig vom Hören getrennt worden.
    Die subjektiven Formen der Anschauung abstrahieren vom Gegenblick, vom Angeblicktwerden. Ist dieser Gegenblick nicht die Sprache, deren Wurzel der Gottesname ist, und ist die Abstraktion, die die Formen der Anschauung verkörpern, nicht diese Abstraktion von der Sprache? Das Leuchten Seines Angesichts ist ein sprachlicher Sachverhalt: die in der Sensibilisierung der Wahrnehmung und Erfahrung sich selbst ganz durchsichtig gewordene Sprache. Daß Gott den Menschen „nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes“ erschaffen hat, verweist auf zwei unterschiedene Aspekte der menschlichen Sprache.
    Indem Kopernikus den Raum ins Unendliche öffnet, verschließt er ihn gegen die Sprache.
    Perfekt: Kontrafaktische Urteile gibt es nicht nur in der Geschichte, sondern ebenso in der Theologie; sie sind in beiden Fällen der Schatten des Indikativs: Liegt hier nicht der Ursprung des Problems der kontrafaktischen Urteile, ist nicht die Vergegenständlichung Gottes die Voraussetzung der Geschichtsschreibung (und die Geschichte, Inbegriff der vollendeten Vergangenheit, das genaue Korrelat sowohl der vergegenständlichten Natur, die wie die Vergangenheit dem Eingriff des Menschen entzogen ist, als auch der Theologie hinter dem Rücken Gottes)?
    Der Folie, vor der kontrafaktische Urteile als solche sich erweisen, sind in der Geschichte die erwiesenen Tatsachen, während es in der Theologie die dieser Wissenschaft eigentümliche Logik ist. Diese Logik hat eine dem Begriff der Tatsache (an dem kontrafaktische Urteile sich müssen messen lassen) vergleichbare Struktur und Gegenständlichkeit.
    Haben nicht die Trinitätslehre, die Christologie und die Opfertheologie, hat nicht eigentlich das Dogma insgesamt die gleiche Funktion innerhalb des Christentums, die der Historismus für das Weltbewußtsein hat (wodurch unterscheidet die moderne Geschichtsschreibung von der antiken)?
    Die Trinitätslehre ist ein erstes Produkt der Säkularisation, sie folgt aus dem logischen Gebrauch des Satzes, aus dem die ganze Hegelsche Philosophie sich herleiten läßt: Das Eine ist das Andere des Anderen. Hegels Philosophie läßt sich als die Auflösung der Logik dieses Satzes zugunsten des Anderen begreifen. Deren Anfang liegt im spekulativen Trinitätsbegriff der patristischen Theologie (in der „asymmetrischen Spiegelung“ der Eigenschaften und Tätigkeiten der „göttlichen Personen“). Was bei Plato noch eine isolierte Bemerkung war, gewinnt mit der Trinitätslehre die systembildende Kraft, die dann bei Hegel sich vollendet. Die Trinitätslehre ist ein Produkt dessen, was Franz Rosenzweig die „verandernde Kraft“ des Denkens genannt hat.
    Die Trinitätslehre steht (wie die Tiere) unterm Bann des Weltbegriffs, dessen Apriori in dem System der sich wechselseitig bedingenden und reflektierenden Instrumentalisierungen sich manifestiert). Sie macht das Christentum zur Religion für andere (und damit im strengen Sinne zur Religion): So ist sie zur Grundlage der Priesterreligion geworden (die Luther durchs allgemeine Priestertum zur allgemeinen Religion: zur alles durchdringenden Logik des Bewußtseins gemacht hat).
    Die Trinitätslehre steht in einer gleichsam magnetischen Beziehung zum Nationalismus: Beide sind wie die ungleichnamigen Pole eines Magenten durch wechselseitige Anziehungskräfte verbunden. Das Magnetfeld wird durch die Bekenntnislogik erzeugt. In ihm ist sie zugleich ein Nationalismus-Generator.
    Die Trinitätslehre ist der Kälteschock, der es der christlichen Tradition ermöglichte, im Gefrierhaus Welt zu überwintern (die Trinitätslehre heult mit den Wölfen). Nur so hat die Tradition zweitausend Jahre Christentum überleben können.

  • 15.8.1995

    Der Indikativ ist der Reflex des Staates in der Sprache, er ist das innersprachliche Indiz des Weltbegriffs.
    Das Opfer der Erstgeburt ist das abgedungene „Sterben“ des Vaters in der Zeugung (in der „Begattung“). Hier liegt der Kern der Beziehung der Trinitätslehre zur Opfertheologie. Tod und Auferstehung sind gleichsam die realsymbolische Umkehr der Zeugung, die in der biblischen Urgeschichte Erkenntnis heißt.
    Gottesfinsternis: Ist nicht die Trinitätslehre die Finsternis über dem Abgrund, die letzte Stufe vor dem über den Wassern brütenden Geist (hängt der deutsche Name der Geburtswehen mit dem „Wehen“ des Geistes, das von den Geburtswehen nur durchs Geschlecht sich unterscheidet, zusammen)?
    Zu den Trinitätsstellen in der Schrift gehört neben dem Missions- und Taufbefehl auch das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist (Mt 1231, Mk 328, Lk 1210): Liegt hier der imperative Gehalt der Trinitätslehre (den Kritik als Kritik des Indikativs freizulegen hätte)?
    Die Trinitätslehre war ein durch theologische Probleme motivierter Durchbruch in der Philosophie, der den Indikativ neu legitimieren sollte (vgl. den Basilius-Text, den spekulativen Begriff – die asymmetrische Spiegelung – und Hegels Logik). So hat die Theologie durch Neutralisierung der christlichen Tradition die Philosophie gerettet.
    Woher kommt und was bedeutet das Wort Verteidigen, Verteidigung (vertagedingen: jemanden vor dem tageding vertreten; tag = Gerichtstermin, ding = Verhandlung)?
    Der trinitarische Gott ist der autistische Gott (Produkt der Theologie „hinter dem Rücken Gottes“).

  • 14.8.1995

    Das Eine ist das Andere des Anderen:
    – Das Eine, das (durch die verandernde Kraft des Denkens) zum Anderen wird, wird zur Erscheinung (zum Sein für andere), einbegriffen in den Weltbegriff;
    – das Andere, das (durch die zweite Veranderung) zum Einen wird, hingegen ist der Ausgangspunkt einer Abstraktion, die in die Mathematik hineinführt, die Mathematik eine Form der Vergesellschaftung des Denkens.
    Hegels List der Vernunft nutzt diese doppelte Veranderung als Erkenntnismotor; die hier entspringenden Reflexionsbeziehungen sind jedoch zur Falle geworden, in der die Vernunft gefangen ist, aus der sie nicht mehr herauskommt. Der Preis dieses Verfahrens erschien als der Schein eines Gewinns: die Neutralisierung des Gottesnamens zur Idee des Absoluten, Produkt der Spiegelung der Subjektivität im Unendlichen. Ausgeschlossen, verdrängt und neutralisiert wurden die Namenskraft der Sprache, die Umkehr, das Angesicht (die Offenbarung: die Prophetie, die messianische und die parakletische Kraft der Sprache).
    Die Kirche hat den Heiligen Geist zur dritten Person (zum Andern der anderen Person in der Trinität) gemacht: die sublimste (und die infamste) Gestalt seiner Leugnung.
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt: Er will, daß sein Name geheiligt wird. Ist das Seine Befreiung aus einer Gefangenschaft, in der wir Ihn halten (aus der Isolationshaft der Trinitätslehre, des Dogmas und der Orthodoxie, der Priestertheologie und der kirchlichen Lehrämter)?

  • 13.8.1995

    Die Trinitätslehre ist eine Konstellation von Imperativen, die als prophetische, messianische und parakletische Imperative sich bestimmen lassen. Diese Imperative wurden durch die Transformation der Trinitätslehre in den Indikativ neutralisiert, und diese Neutralisierung durch das homousia besiegelt. Das homousia steht in der Tradition des Alexander, der den gordischen Knoten durchschlagen, nicht gelöst hat. Die Trinitätslehre in ihrer dogmatischen Fassung ist der durchschlagene Knoten.
    Wie kommt die Zeugung in die Trinitätslehre? Hodie genui te: Ist die Übersetzung mit Zeugen (die dann in die Trinitätslehre mit eingegangen ist) nicht ein patriarchalisches Konstrukt? Aber auch Buber übersetzt Ps 27 mit „Mein Sohn bist du, selber habe ich heut dich gezeugt“ (mit einer Perfektbildung (!) von „zeugen“), Dt 3218 hingegen mit „Den Fels versäumtest du, der dich gebar (statt „zeugte“), vergaßest Gottheit, die mit dir kreißte (statt „gebar“, das Ganze übrigens im Imperfekt)“. (Zu „Gottheit“ vgl. die Beilage zum ersten Band der Buber/Rosenzweigschen Bibelübersetzung: Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, S. 30f.; im hebräischen Text steht demnach wahrscheinlich ‚el.)
    Muß nicht beim theologischen Gebrauch des Begriffs der Zeugung mit deutlichen Konnotationsverschiebungen gerechnet werden, wenn im Griechischen der Begriff der Natur (physis) aus der Zeugung (dem phyein) sich herleitet (das Zeugen demnach in einen deutlichen kosmologischen Zusammenhang gerückt wird), im Lateinischen hingegen aus dem Geborenwerden (natura, nasci – mit einer deutlichen Verschärfung des patriarchalisch-imperialen Zusammenhangs des Begriffs der Zeugung durch Trennung von einer Natur, die, nach Unterwerfung unter das männliche Prinzip, das im Begriff der Zeugung sich ausdrückt, nur gebären darf, was zuvor gezeugt wurde)?
    In welcher Beziehung steht die Zeugung zum Namen (die Trinitätslehre zur Sprache)?
    Wird mit dem Konstrukt der Trinitätslehre nicht die bennennde Kraft der Sprache neutralisiert, verletzt die Trinitätslehre nicht das Gebot der Heiligung des Gottesnamens (und ersetzt sie es nicht durch die Selbstheiligung des Denkens, der Mathesis, der Logik der Schrift), schneidet sie nicht die Sprache von ihrer Wurzel ab?
    Die Trinitätslehre neutralisiert die Asymmetrie der Verantwortung durch Universalisierung: Sie macht die Last zum Joch.
    Der Indikativ fixiert die Rolle des passiven Zuschauers (er gehört zu den Konstituentien der subjektiven Formen der Anschauung), die Abstraktion von der tätigen Teilnahme an den Dingen, Ontologie als Abstraktion von der Ethik, die in Wahrheit die prima philosophia ist. Die Trinitätslehre macht diese Abstraktion zum Kern der Theologie. Deshalb ist die Trinitätslehre (das Dogma) der Greuel am heiligen Ort (vgl. Ez 8): der Wächter vor dem Tor der Lehre, die Verweigerung der Heiligung des Namens Gottes, der veranderte, in sein Anderssein transformierte Gottesname.
    Der entscheidende Einwand gegen das trinitarische Dogma: Es ist ein Produkt der Theologie hinter dem Rücken Gottes und zugleich ihre selbstreferentielle Legitimation.
    Verweist die Zeugung des Sohnes (die das Konstrukt der homousia nach sich zieht) nicht auf die Verstrickung des Vaters in den Gattungsprozeß, der für die Zeugung eines Sohnes, der ihm wesensgleich ist, nach mythischer Logik mit dem eigenen Tod zahlen muß? Deshalb mußte auch der Sohn sterben.

  • 12.8.1995

    Wie der Indikativ die Herrschenden schützt, oder über den Ursprung des Widerstands gegen die Sprachreflexion: Wie kann einer sagen: „Von Vergewaltigungen habe ich in der Nazizeit nichts gehört“, ohne daß es ihm der Gedanke brennend auf die Seele fällt, daß der Faschismus die totalisierte Vergewaltigung ist?
    Der Indikativ ist die Gleitschiene der Schuldverschiebung, die Rutschbahn der Erkenntnis.
    Die Grenze zwischen dem Hebräischen und den indoeuropäischen Sprachen läßt sich am Schicksal des Perfekt demonstrieren: Während es im Hebräischen auf eine vollendete Handlung (in letzter Instanz auf die zukünftige Welt, in der Gerechtigkeit und Friede sich küssen) sich bezieht, wird es im Indoeuropäischen zur abgeschlossenen Vergangenheit: Das Perfekt bezeichnet eine Handlung, ein Geschehen, in die (wie in die Vergangenheit und in die Natur, deren Begriff in dieser Konstellation gründet) nicht mehr eingegriffen werden kann. Damit hängt es zusammen, wenn beim indoeuropäischen Perfekt die Trennung von Sein und Haben (der Ursprung der Hilfsverben) einsetzt, eine Folge der Verschiebung des Perfekts ins Vergangene (auch das auf der Gleitschiene des Indikativs). Diese Verschiebung ins Vergangene (die Beziehung des Perfekts aufs Zeitkontinuum anstatt aufs Handeln) ist die Voraussetzung des Objektbegriffs, dessen grammatischer Repräsentant das Neutrum ist. Nur im Kontext dieser Sprachlogik konnten die Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt sich bilden.
    Die Unterscheidung von Perfekt und Imperfekt war einmal der Grund der Unterscheidung dieser (imperfekten) Welt von der zukünftigen (vollendeten) Welt, der Katastrophe von der Rettung. Mit der Subsumtion des Perfekt unter die Vergangenheitsform (der apokalyptischen Sprach-Katastrophe) hat sich auch die Beziehung dieser (gegenwärtigen, imperfekten) zur zukünftigen Welt, die aufs Handeln der Menschen zurückweist, verändert. Der Weltbegriff ist ein Ausdruck dieser Veränderung: ein Ausdruck der Neutralisierung dieser Beziehung. Die zukünftige Welt wurde als Himmel und Hölle zu einem Teil des Kosmos, der Welt, die von Gott geschaffen, dem Menschen wie die Natur nur vorgegeben, seinem Eingriff entzogen ist. Aufgelöst wurde die Handlungsgemeinschaft mit der zukünftigen Welt, der Grund des göttlichen Gebots: War das nicht die „Sünde wider den Heiligen Geist“, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann (oder der durchschlagene Knoten, der, wenn er auf Erden gelöst wird, auch im Himmel geslöst sein wird)?
    Die Justiz gehört (wie die Philosophie und die Wissenschaften) zu den Indikativ-Erzeugungsmaschinen. Die entscheidende Erfindung war die des Urteils.
    Das Präfix Ge- (gestorben, Gehölz) bezeichnet sowohl das Perfekt als auch das Kollektiv-Abstraktum, die Ursprungsform des Neutrum.
    Eine Kirche, die ihre vergangenen Handlungen nicht gegen sich gelten läßt, wendet die exkulpierende Kraft des Perfekts auf sich selber an.
    Die Apokalypse bezieht sich auf die Endzeit, aber diese Endzeit liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Auch die Apokalypse ist eine ätiologische Literaturgattung, Versuch der Rekonstruktion eines Geschehens post festum: die Ursachen einer Katastrophe werden „aufgedeckt“, nicht drohend auf die Folgen eines Handelns hingewiesen. Die Apokalypse ist ein Mittel der Angstbearbeitung, nicht der Angsterzeugung.
    Der Ursprung des Weltbegriffs, die Sprachkatastrophe, die er bezeichnet, ist die Vergangenheit des Weltuntergangs.
    Der Verführbarkeit der Philosophie zum Nationalismus ist in der Idee des Guten begründet, in der Hypostasierung dieses Begriffs. Der Ursprungsort des modernen Nationalismus lag in dem scholastischen Satz „Unum, verum et bonum convertuntur“. Wer die Einheit und das Gute in den Begriff des Wahren mit hereinnimmt, macht das Wahre zum „bacchantischen Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist“ (Hegel). Beide, die Einheit wie das Gute, sind in dieser Konstellation Repräsentanten und Statthalter der Subjektivität, der Hybris, sie begründen die Einheit der Welt und des Subjekts, ihr Korrelat ist das Absolute, nicht Gott. Nicht die Wahrheit, sondern allein Gott ist Einer, und nur Gott ist gut. Die Einheit und das Gute waren Konstituentien der noesis noeseos, des Gottes der Philosophen, der Selbstreflexion der Identität des Subjekts im Unendlichen, sie waren tendentiell antisemitisch.
    „Ihr laßt die Armen schuldig werden“: Der Kapitalismus hat das Schuldverschubsystem zu einem Sündenverschubsystem gemacht. Diese Welt verstrickt nicht mehr nur in Schuld, sie zwingt zur Sünde, zur tätigen Komplizenschaft.
    In der christlichen Geschichte gibt es zwei monarchische Traditionen, deren eine (die Kaiser-Tradition) auf das Römische Imperium, auf die Caesaren-Tradition zurückweist, während die andere, (die Königs-Tradition) an die messianische Tradition des israelischen Königtums, an die David-Tradition anknüpft. Die caesarische Tradition hat ihre Spuren im Dogma hinterlassen (insbesondere im Begriff der homousia, der den imperativen Kern der Theologie in den Indikativ zurückübersetzt), sie hat zweifellos auch das Verständnis der Theologie, insbesondere der Trinitätslehre, im Innern geprägt. Kann es sein, daß das Dogma in der Königs-Tradition (in England, in Frankreich, auch in Ungarn) im Kontext anderer Symbole und Begriffe verstanden worden ist, eine andere Tradition begründet hat? Unterscheiden sich die caesarische und die davidische Tradition nicht vor allem durch ihre Beziehung zum Opfer: Während der Kaiser Herr des Opfers war, war der König seine Verkörperung? Gründet der Unterschied zwischen der deutschen und den anderen modernen Sprachen in diesem Sachverhalt?

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