• 22.7.1995

    Gewalt verhält sich zur Schuld wie die Natur zur Welt (wie „Dynamisches“ zu „Mathematischem“ bei Kant). So gründet das Gewaltmonopol des Staates im Schuldzusammenhang des Staates, und genau das ist es, was die Nationalisten an den Staat bindet. Der Staat erweckt den Eindruck, er nähme „die Sünde der Welt“ hinweg.
    Das Lamm nimmt die Sünde der Welt auf sich, nur der Wolf erweckt des Eindruck, er nähme sie hinweg.
    Zu Joh 129: Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt; es ist nicht wieder gut zu machen.
    Die Physik ist die Grammatik des Inertialsystems.
    Das Herrendenken ist die real existierende Blasphemie.
    Die Idee der Auferstehung schließt die Vorstellung mit ein, daß alle Toten als unsere Ankläger auferstehen werden.
    War nicht die wesentliche Botschaft der kopernikanischen Wende (die auch in der Natur Vergangenheit und Zukunft getrennt, damit den gordischen Knoten endgültig durchschlagen hat): Da ist kein Himmel, da ist kein Buch, in dem alles aufgezeichnet ist: Gott sieht nicht mehr, was wir tun; es gibt kein Eingedenken einer vergangenen Zukunft (nur „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen“)?
    Der Roman, die Säkularisation der „Spannung“, ist die ästhetische Konsequenz der kopernikanischen Wende, der Film, und dann das Fernsehen, die Erfüllung dieses Säkularisationsprozesses: Die Figur des Zuschauers, die darin sich vollendet, der Schleudersitz, der das Subjekt aus dem moralischen Zusammenhang mit der Realität herauskatapultiert und die Realität insgesamt ästhetisiert, hat die Religion endgültig zerstört.
    Das Hebräische kennt kein Neutrum, dafür aber eine (durch ihre Grammatik determinierte) Logik, die die gesamte Erfahrung unter das Gericht der Barmherzigkeit stellte.

  • 21.7.1995

    Objektbeziehungen: Um ein Ding zum Objekt zu machen, müssen alle Beziehungen zu ihm abgebrochen werden (muß das Ding in eine Zone kalter Wut eingetaucht werden). Der Angeklagte in einem Prozeß ist die reinste Verkörperung des Objekts. Deshalb gehört zum reinen Prozeß (und d.h. zum Staatsschutzprozeß) der Ausschluß der Verteidigung.

  • 20.7.1995

    Allmachtsphantasien und Bekenntnislogik. Die Allmachtsphantasien sind ein Instrument der Verblendung, sie machen den Kopf leer. Sie gründen in dem sich auf sich selbst beziehenden Rechtfertigungszwang: Sie rühren an den Grund der Beziehungen der Dimensionen im Raum. Die Geschichte der Kirchen- und der Dogmenbildung gehören zur Ursprungsgeschichte der Verwaltung, die frühgeschichtliche Tempelwirtschaft zu ihrer Vorgeschichte.
    Der theologische Gebrauch der Begriffe Allmacht und Allwissenheit ist blasphemisch; die Begriffe Macht und Wissen sind endliche Totalitätsbegriffe (idolatrische Begriffe) und auf Gott nicht anwendbar, im Gegensatz zu den Begriffen der Gewalt und der Einsicht. Die Macht verhält sich zur Gewalt und das Wissen zur Einsicht wie die Wut zum Zorn.
    Die Finanzhoheit des Staates ist der paradoxe Grund seiner demokratischen Verfassung: Durch ihr geldwertes Eigentum und durch ihr Einkommen, ihr durch Arbeit erworbenes Geld, partizipieren die Bürger an der Gewalt-(sprich Finanz-)quelle des Staates. Deshalb erwartet der Staat, daß die Bürger in Wahrnehmung ihrer demokratischen Rechte nicht ihre eigenen Interessen, sondern die ihres Eigentums wahrnehmen: Nur dann gibt es eine „funktionierende Demokratie“.
    Mit den Struktur-(sprich Schuld-)verschiebungen in der „inneren Zusammensetzung des Kapitals“ verschieben sich auch die Einkommens- und Gewaltquellen des Staates. Nachdem Wirtschaft und Staat in zunehmendem Maße sich kurzschließen, kommt es auf die Löhne und Gehälter der abhängig Arbeitenden fast schon nicht mehr an. Deshalb entartet die Wirtschaft immer mehr zu einer spekulativen Gewinnmaschine, deren Mechanik spiegelbildlich im Bankengeschäft sich abbildet (wenn Banken Kredite gewähren, produzieren sie Schulden, die zur Quelle aller Gewinne geworden sind).
    Die creatio mundi ex nihilo, auf die sich der Allmachtsbegriff bezieht, bezeichnet eigentlich die Konstituierung des Weltbegriffs, die in der Tat in einer „Tathandlung“ des Subjekts gründet, die mit den Allmachtsphantasien zusammenhängen, die dem Herrendenken zugrunde liegen: im Ursprung des Objektivationsprozesses. Die Welt als Inbegriff des Objektivierungsprozesses ist eine „Schöpfung“ des Subjekts, das mit der Welt zugleich sich selbst (als Subjekt) erzeugt. Gott aber hat Himmel und Erde, und kein Universum und nicht die Welt, erschaffen.
    Naturschutz: Die Vorstellung einer Natur, in der die Menschen nicht mehr vorkommen, ist eine menschliche Vorstellung, genauer: sie ist eine Zwangsvorstellung, die ihren Grund hat in dem Bilde einer kapitalistisch durchorganisierten Ökonomie, in der die Menschen ebenfalls nicht mehr vorkommen.
    Totalisierung oder Sein und Bewußtsein: Wie hängt die Transformation von Regierungs- in Verwaltungsfunktionen und die Privatisierung staatlicher Aufgaben mit der Einschränkung der sozialen Leistungen und der Erweiterung und Steigerung seiner Ordnungs-Aufgaben (Rüstung, Militär, Polizei, Strafrecht und Knast) zusammen? Ist das nicht insgesamt ein Prozeß, der sich zugleich in der „Realität“ und in der Sphäre des Begriffs vollzieht? Und liegt nicht die crux der Linken darin, daß sie glaubt, von der Seite dieses Prozesses, die allein der Erkenntniskritik zugänglich ist, abstrahieren und auf die Kritik seines objektiven, realen Anteils sich beschränken zu können? Verfällt sie nicht damit dem gleichen Herrendenken, das sie bekämpfen glaubt, dem Konkretismus und der Personalisierung? Die Gesteinsverschiebungen in der Struktur der politisch-ökonomischen Realität sind ebensosehr Transformationen in der Sphäre des Begriffs, des Bewußtseins, und diese sind mit zu reflektieren, wenn man jene erreichen will.
    Nicht zufällig war die Schwachstelle des real existierenden Sozialismus die Verwaltung, die, indem sie glaubte, sich als Verwaltung von Sachen zu begreifen, den Mangel und das Elend, das sie verwaltete, nicht mehr wahrzunehmen brauchte.
    Das Substantiv ist nicht nur der Greuel am heiligen Ort (am Ort des Namens), sondern zugleich die Selbstverfluchung Petri und die dritte Leugnung.
    Zur Logik der Schrift: Das tode ti, das hic et nunc, Hier und Jetzt, kann ich eigentlich nur sagen, nicht schreiben. Wenn ich es niederschreibe, ist es, wie Hegel nachgewiesen hat, gelogen. Erst im Kontext der Schrift wird das tode ti zum Präsens oder zum Objekt, und hierauf bezieht sich der Indikativ, der – wie die indoeuropäischen Sprachen insgesamt – der Schriftsprache entstammt und angehört.
    Die Idee der Wahrheit schließt die Idee der Versöhnung und die Fähigkeit zur Schuldreflexion mit ein. Die Unwahrheit des indikativischen Wahrheitsbegriffs liegt in einem Erkenntnisbegriff, der glaubt, von der Beziehung der Erkenntnis zur Schuld <und der Wahrheit zur Idee der Versöhnung> abstrahieren, m.e.W.: die Sünde Adams leugnen zu können. Diese Abstraktion oder diese Leugnung wird gleichsam automatisiert durch die Beziehung des Erkenntnisbegriffs auf die subjektiven Formen der Anschauung: durch die transzendentale Ästhetik. Die Unfähigkeit zur Schuldreflexion gründet in der Unfähigkeit zur Reflexion der subjektiven Formen der Anschauung.
    Worauf bezieht sich das „Gott sah, daß es gut war“ <nur am ersten Tag wird das Objekt benannt: das Licht>? Wenn Gott das Licht sah, was war dann das Medium des Sehens: das Wort, die Sprache, der Name? Und wie verhält sich dieses Licht zu den durch die subjektiven Formen der Anschauung vermittelten Objektivationen des Lichts, deren Geschichte die der Naturwissenschaften begleitet?
    Die List der Vernunft ist die List der Schuldverschiebung (die dem Indikativ zugrunde liegt).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind nicht „falsch“, falsch ist nur, daß sie durch ihre Formalisierung, die durch ihre Erkenntnisfunktion erzwungen wird, der Reflexion entzogen werden.

  • 19.7.1995

    Der Satz, daß man klüger sei, wenn man vom Rathaus kommt, stimmt nicht immer: Es gibt auch Fälle, in denen man dümmer wird. Eigentum und Verwaltung: Der Sozialismus ist an seiner Verwaltung zugrunde gegangen. Durch die sozialistische Verwaltung ist das vergesellschaftete Eigentum zum Staatseigentum: zum Fremdeigentum für alle geworden. Verwaltung übt Eigentumsrechte in Vertretung der Eigentümer aus, ihre Funktion ist immer eine abgeleitete; ihre Verantwortung ist keine unmittelbare, sondern eine vermittelte; deshalb ist Verwaltung an Gesetze gebunden. Der Staat, indem er die Eigentumsrechte garantiert (u.a. über die Finanzhoheit, aber auch für das Recht und die Verwaltung), ist die logische und reale Quelle allen Eigentums. Mit dem Staat steht und fällt die Eigentumsordnung. Außerhalb des Staates gibt es nur Naturverhältnisse, herrenloses Gut, das durch Eroberung angeeignet werden kann. Das Gewaltmonopol des Staates gilt nur nach innen, nach außen nur insoweit, als ihm nicht durch die Gewalt anderer Staaten eine Grenze gesetzt ist. Die Probleme des Völkerrechts gründen darin, daß dieses Recht keine eigene Gewaltquelle besitzt (keine eigenständige Eigentumsordnung als Grundlage hat). Die Finanzhoheit des Staates ist der paradoxe Grund seiner demokratischen Verfassung: Durch ihr geldwertes Eigentum und als Besitzer von selbsterworbenem Geld partizipieren die Bürger an der Gewaltquelle des Staates. Deshalb erwartet der Staat, daß die Bürger in Wahrnehmung ihrer demokratischen Rechte nicht ihre eigenen Interessen, sondern die ihres Eigentums wahrnehmen: Nur dann gibt es eine „funktionierende Demokratie“. Natur, Tod und Leben: Die Neigung staatlich organisierte Verhältnisse als (dem Eingriff und der Änderung entzogene) Naturverhältnisse anzusehen (die von den „Naturverhältnissen“ in den zwischenstaatlichen Beziehungen zu unterscheiden sind), gründet in dem Bild, das die Naturwissenschaften von der äußeren, raumzeitlichen Natur entwerfen und vor Augen stellen (während die Naturverhältnisse der zwischenstaatlichen Beziehungen Gewaltbeziehungen sind und auf den Schicksalszusammenhang des Lebendigen zurückweisen). Es gibt die zwölf Stämme Israels und die sieben Völker Kanaans. Gibt es zu diesen sieben Völkern genealogische Ableitungen? – Kanaan ist der Sohn Hams (Gen 1015), – Heth, sowie die Jebusiter, Amoriter, Girgasiter und Hewiter sind Söhne Kanaans (Gen 1016f), – z.Z. Abrahams waren die Kanaaniter und die Perisiter, zu denen eine genealogische Ableitung nicht erkennbar ist, im Land (Gen 137). – Girgasiter und Perisiter werden erstmals Dt 71 gemeinsam genannt (dann wieder in Jos).

  • 18.7.1995

    Das Präsens ist eine ästhetische Kategorie, und der Indikativ (der Ausschluß des Metaphorischen) begründet die Sprache der Gemeinheit.
    Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt ist auch eine politische Grenze, sie wird durch das Gewaltmonopol des Staates reflektiert und zugleich definiert.
    Das Präfix be- bezeichnet das Handeln an einem Objekt, ihm eignet eine objektivierende Kraft. So bezeichnet das Bekennen (und in seiner Folge das Glauben) das Handeln an einem Objekt mit Namen Gott, und genau dadurch unterscheiden sich Bekenntnis und Glaube vom Hören (Höre Israel). Erst unterm Bann der Bekenntnislogik gibt es „Behörden“.
    Die deutsche Sprache hat wie keine andere die Identifikation von Religion und Herrschaft in ihre logische Struktur mit aufgenommen. Es darf vermutet werden, daß auch der Name der Deutschen (des einzigen Volkes, das auch „Volk“ heißt) in dieser Konstellation seine sprachlichen Wurzeln hat. Kann es sein, daß die Identifikation von Religion und Herrschaft selber wieder auf sehr tief liegende theologische Sachverhalte führt? So werden z.B. Zorn und Wut durch eine Grenze geschieden, die auch die Herren und die Beherrschten von einander trennt, eine Grenze, die im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft (in der Geschichte der Aufklärung) durchlässig geworden ist. Wut bezeichnet seitdem nicht mehr nur ein Verhalten der Beherrschten, und sie ist in dieser Konstellation erst vollends böse geworden (vg. Franz von Baaders Begriff der Niedertracht).
    Phantasielosigkeit und Allmachtsphantasien: Die Gesetzmäßigkeit des Verwaltungshandelns verleitet in Konfliktfällen (unter dem Druck des Rechtfertigungszwangs) dazu, sich der Verantwortung, zu der die Phantasie einen verleiten könnte, durch Flucht in Allmachtsphantasien zu entziehen. Denkbar, daß der Autismus aus dieser Flucht sich herleiten läßt. Der „allmächtige Gott“ ist ein phantasieloser, ein autistischer Gott, der Gott, der seinen Sohn opfert, um die Welt zu erlösen.
    Die Allmachtsphantasien sind der Gemeinheitsgenerator. Sie sind reiner Schein, Produkt der Abstraktion von jeder konkreten Phantasie, sie sind dem Rechtfertigungszwang unterworfen, sein Produkt, und sie gehorchen ihm.
    Welche Funktion haben Allmachtsphantasien in der Bekenntnislogik?
    Allmachtsphantasien und Fachidiotismus hängen mit einander zusammen (Stichworte: das mechanische Gedächtnis von Autisten, Ressortdenken, Positivismus).
    Ausdruck von Allmachtsphantasien ist der Aktionismus, der, wenn er an die realen Ursachen eines Problems nicht herankommt, sich beweisen muß, daß er was tut, daß er die Ärmel aufkrempelt und die heißen Eisen anpackt. (Kann es nicht sein, daß die wirklichen Naturschutzprobleme im Mönchbruch andere Ursachen haben: Folgen des Startbahnbaus, Grundwasserabsenkung o.ä.; daß aber die Verwaltung, weil sie hier aufgrund politischer Vorgaben nichts ändern kann, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht durch Aktionismus entgegenzuarbeiten sucht? Der Aktionismus aber greift die Kette an ihrem schwächsten Glied an, und dort mit besonderer „Energie und Konsequenz“.)

  • 17.7.1995

    Beamtenbeleidigung ist etwas Ähnliches wie die Verunglimpfung des Staates: Nicht die Person, sondern der Staat, den sie vertritt, wird in ihr beleidigt. Aber ist nicht – nach der historischen Genesis des Begriffs – die Person die Maske, durch die hindurch der Staat spricht?
    Gott sprach: Es werde Licht. Das erste Wort, das Gott spricht, ist der erste Imperativ, und es ist ein Imperativ der Barmherzigkeit, der Rettung. Ist nicht der letzte Imperativ das Leuchten Seines Angesichts, ein Imperativ, der nicht mehr in einen Indikativ sich übersetzen läßt?
    Wie verhalten sich die Tätigkeiten Gottes zum Schöpfungsvorgang insgesamt:
    – Gott schuf (die Himmel und die Erde, die großen Seetiere …, den Menschen),
    – Gott sprach (es werde Licht, eine Feste; das Wasser … sammle sich; die Erde lasse … sprossen; es sollen Lichter werden, daß …, und Gott setzte sie; es wimmle das Wasser von lebenden Wesen …; lasset uns den Menschen machen …; siehe, ich gebe euch alles Kraut …)
    – Gott sah (daß es gut war),
    – Gott schied (das Licht von der Finsternis; die Wasser unter der Feste von den Wassern über der Feste),
    – Gott nannte (Tag, Nacht, Himmel, Land, Meer),
    – Gott machte (die Feste, die zwei großen Lichter, die verschiedenen Arten des Wildes und des Viehs …),
    – (Gott setzte sie <die Lichter> an die Feste des Himmels),
    – Gott segnete (die Fische und Vögel, die Menschen, den siebten Tag),
    – Gott vollendete (am siebten Tag sein Werk),
    – er ruhte (am siebten Tag von all seinem Werk).
    Am zweiten Tag, als er die Feste machte, hat Gott nicht gesehen. Und er benannte die Feste mit dem Namen des ersten Schöpfungswerks „Himmel“ (Gott schuf im Anfang die Himmel vor der Erde). War das Werk des ersten Tags, das Licht, die Voraussetzung Seines Sehens?
    Die Astrologie bezieht sich auf das Angesicht des Himmels, die Astronomie auf seinen Rücken.
    Bezieht sich die Geschichte von der Sintflut auch auf einen sprachlichen Sachverhalt: Auf den Ursprung des Neutrum?
    Bemerkung zu Rousseau: Ist nicht die Natur ein Werk der Einbildungskraft?
    Aufgrund ihrer hierarchischen Struktur sind Verwaltungen Agressionserzeugungs- und -verwertungsmaschinen (war das der Stachel im Fleisch des Paulus?). Und ist nicht die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Reflexion dieser Struktur die einzige Hilfe gegen die destruktiven Kräfte der Verwaltung (und zugleich zum moralischen Überleben in einer Verwaltung)?
    Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt ist nicht ein für allemal festgelegt, sie verschiebt sich im Strukturwandel der Herrschaftsgeschichte: sie verschiebt sich mit der Änderung der Herrschaftsbeziehungen, der Beziehung von Herrn und Berherrschten, in der Geschichte. Die Vorstellung, die Welt sei einfach vorhanden und nur ihre Erkenntnis schreite fort, sie werde nur von Tag zu Tag durchsichtiger und klarer, und was wir heute als Welt begreifen, sei identisch mit der Welt, in der unsere Vorfahren lebten, denen nur das Wissen und die Erkenntnis, die wir haben, noch fehlte, ist bloßer Schein, ein Teil des Konformismus, Produkt der Anpassung an die Welt, die die Lebensbedingungen für die in ihr Lebenden definiert.

  • 16.7.1995

    Dieser mit Verbotsschildern durchsetzte Wald paßt zu den Joggern, die in ihm den verbissenen Kampf gegen die eigene Wahrnehmungsfähigkeit führen. Wenn der Wald von den „zuständigen“ Naturschutzbehörden in Schutzhaft genommen wird, werden nur noch Besucher zugelassen, die sich selbst freiwillig die Bedingungen der Isolationshaft (im Wald nichts hören, nichts sehen) auferlegen.
    Woher kommt der Name Gutachten, und welche Funktion haben Gutachten in der verwalteten Welt?
    Kritik der Bekenntnislogik: Die Theologie aus dem Bann der Urteilsform, des Indikativs, der Vergegenständlichung und des Begriffs: aus dem Kontext ihrer nationalistischen Verfügbarkeit befreien. Die Bekenntnislogik ist das Inertialsystem der Theologie.
    Die Entdeckung der Winkelgeometrie und der Orthogonalität, des Gesetzes der Beziehungen der Dimensionen Raum, gehört zu den Voraussetzungen des Ursprungs der Philosophie, des philosophischen Beweisverfahrens und des philosophischen Begriffs der Objektivität und des Wissens. Über die Theologie, als Orthodoxie, ist sie dann in den kosmos noetikos eingedrungen, über die Theologie ist sie dann verinnerlicht worden. Die Orthogonalität, Prinzip der Erstarrung der Form des Raumes, ist das Modell des logischen Zangs, Grund eines Beweisverfahrens, das durch Verinnerlichung der Beziehung zu den anderen (der Herrschaftsbeziehung) des Zeugen zur Ermittlung der Wahrheit und der Erlangung des Wissens nicht mehr bedarf.
    Das Problem des Zeugen (und der Orthogonalität) kehrt in der Theologie im Begriff des Opfers und im Namen des Märtyrers wieder (im theologischen Beweisverfahren nimmt der Märtyrer die Stelle des Zeugen im juristischen Beweisverfahren ein). Hier liegt der Grund der kirchlichen Opfertheologie, über die (wie im juristischen Verfahren über das Urteil und seine Beziehung zur Strafe) die Gemeinheit in den theologischen Wahrheitsbegriff eindringt. Das Bekenntnis und die Bekenntnislogik gründet in der Verinnerlichung des Opfers (der Altar wurde über den Reliquien der Märtyrer errichtet, vgl. Off 69).
    Der Begriff der Materie bezeichnet die Narbe an der Stelle der Wunde, die mit der Vergegenständlichung des Opfers geschlagen worden ist.
    Die Bekenntnislogik ist das Inertialsystem der Theologie, das Instrument ihrer Verdinglichung, das Instrument ihrer Übersetzung in den Indikativ (Grund des Dogmas).
    Graffiti: Gezählt, gewogen und zu leicht befunden: Das Menetekel an der Wand ist das Symbol der Logik der Schrift, des Abstraktionsprozesses, der in den Naturwissenschaften sich vollendet: In der Abstraktion von der Schwere. Wie das Tauschprinzip von der Schuldknechtschaft abstrahiert, so das Trägheitsprinzip von der Schwere. Beide Abstraktionen gründen in der Verwechslung von Joch und Last (das theologische Äquivalent dieser Abstraktion ist die Opfertheologie, die opfetheologische Vergegenständlichung des Kreuzestodes). In den Naturwissenschaften wurde dieser Abstraktionsprozeß von Newton, mit der Formulierung des Gravitationsgesetzes und der dynamischen Begründung des kopernikanischen Systems, vollendet. Erst Einstein, und darin liegt die entscheidende Einsicht der Allgemeinen Relativitätstheorie, hat in der Trägheit das Moment der Schwere wiedererkannt. Die Anwendung des Doppler-Prinzips auf die Rotverschiebung in den Spektren der Sterne und deren Abhängigkeit von der Entfernung und die kosmologischen Folgetheorien (vom Urknall bis zu den Schwarzen Löchern) dienen allesamt der Legitimierung der Trennung von Trägheit und Schwere, der Stabilisierung des Inertialsystems.
    Die Gotteserkenntnis unterscheidet sich vom Bekenntnis wie der Imperativ vom Indikativ, oder wie das Im Angesicht vom Hinter dem Rücken, der Name vom Begriff (die Schwere von der Trägheit?).

  • 15.7.1995

    Es gibt eine Art von Naturschutz, die von den Allmachtsphantasien der Verwaltung durchsetzt, und die, indem sie Natur zum Verwaltungsobjekt macht, die letzte Erinnerung an Freiheit, für die Natur als Gegenpol des Gesellschaftlichen auch einsteht, aus der Natur austreibt.
    Hängt nicht die Sexualmoral mit dem Herrendenken über das Unschuldssyndrom zusammen. Im Ideal der Jungfräulichkeit (und in der Institution des Zölibats) wird ein Bild der Unschuld vor Augen gestellt, das dem Schein der Unschuld, auf den Politiker angewiesen sind, aufs genaueste korrespondiert. Zum Ideal der Jungfräulichkeit gehört ein vom Anthropomorphismus gereinigter Gott, ein Gott, den nichts reut. Das Jungfräulichkeitsideal ist ein Implikat des Herrendenkens. Das Unschuldssyndrom ist wie die theologische Beziehung von Natur und Übernatur, die den Bann des Naturbegriffs auf die Theologie überträgt, gnadenlos.
    In einer Welt, in der es Unschuld nicht mehr gibt – und eigentlich schließt der Weltbegriff Unschuld apriori aus -, gibt es nur noch den Schein der Unschuld: die Heuchelei. Heuchelei aber schließt das Tabu auf der Schuldreflexion mit ein. Das Dogma ist die spekulativ durchorganisierte Heuchelei, die in der Bekenntnislogik das Instrument ihrer redundanten Selbstbegründung gefunden hat (Zusammenhang des Logozentrismus mit dem Bann des Indikativs). Das Säkularisat dieses Heucheleikonstrukts sind die Naturwissenschaften. Der Naturbegriff begründet und stabilisiert den projektiven Erkenntnisbegriff, er begründet damit die Xenophobie (oder ist selber eine Folge und ein Mittel der Absicherung der Xenophobie). Für die Forstverwaltung sind Spaziergänger die Ausländer des Waldes.
    Woher stammt der Ausdruck „Behörde“, und was bedeutet das Suffix -de (vgl. auch Freude, Gemeinde oder Allmende; -de lt. Kluge ein Suffix zur Bildung von Adjektiv-Abstrakta, sekundär auch Verbalabstrakta, „heute nicht mehr produktiv“)?
    Gehört nicht zu dem alten Arbeitstitel „Religion als Blasphemie“ als Ergänzung der andere „Blasphemie als Gebet“? Wird nicht, wenn Religion zur Blasphemie geworden ist, das, was in dieser Religion als Blasphemie empfunden wird, zum Gebet?

  • 14.7.1995

    Der Wertbegriff und das moralische Urteil sind Instrumente des Konkretismus und der Personalisierung.
    Haben nicht die Erklärungen der raf etwas von ad-hoc-Stellungnahmen: Sie liefern Rechtfertigungen, keine Begründung.
    Der Satz „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ ist kein indikativischer Satz, er gilt nicht zu allen Zeiten und an allen Orten. Wahr ist er nur in einer bestimmbaren Konstellation, und zwar als Imperativ: Rache ist nicht deine Sache.
    Auch das Dogma ist nicht an sich unwahr, aber es wird unwahr im Bann der indikativischen Logik (im Bann des „Logozentrismus“).
    Jede Personalisierung ist atheistisch. Ihr Grund und ihr Telos ist der Antisemitismus (der Jude ist der Schuldige an sich). Und der verbreitete Nachkriegs-Atheismus ist ein posthumer Sieg Hitlers. Nur: Die ans Konfessionsprinzip gebundenen Kirchen sind ohnmächtig gegen diesen Atheismus.
    Die kritische Reflexion des Weltbegriffs rührt auf eine doppelte Weise an die Wurzeln des Christentums. Der Weltbegriff bezeichnet die differentia specifica, durch die das Christentum innerhalb der jüdischen Tradition von dieser Tradition sich unterscheidet, während die kritische Reflexion des Weltbegriffs den Bann löst, unter dem abrahamitischen Religionen bis heute stehen.
    Hegel hat einmal auf den merkwürdigen Sachverhalt hingewiesen, daß der Begriff Geschichte sowohl die historischen Ereignisse als auch ihre schriftliche Objektivierung bezeichnet. Und er hat recht: Die Geschichte konstituiert sich als vergangene Geschichte durch die Geschichtsschreibung. Dieser Vorgang ist ein weltkonstituierender Akt (sprachlogisch ist das Präsens durchs Präteritum vermittelt). In dieser Konstellation gründet die welthistorische Bedeutung der opfertheologischen Objektivation des Kreuzestodes.
    Sind nicht die eigentlich „geschichtlichen Bücher“ der Bibel die apokalyptischen Bücher? Und eigentlich ist jede Geschichtsschreibung apokalyptisch und die Verdrängung des Bewußtseins davon zugleich: Sie vollstreckt an der Vergangenheit das Jüngste Gericht, um die Gegenwart zu begründen. Unser Bild von der Geschichte ist das eines rechtskräftig gewordenen Todesurteils (der Historiker ist der Scharfrichter). Deshalb ist parakletisches, verteidigendes Denken heute Erinnerungsarbeit.
    Die Opfertheologie (und nicht der Kreuzestod) war der Gründungsakt der christlichen Zivilisation.
    Der Jubel der Barockmusik, dessen säkularisierter Nachhall seit zwanzig Jahren die Popmusik durchdröhnt, war schon kryptofaschistisch. Bach war kein Barockmusiker, seine Musik war die Umkehrung der Barockmusik, ihr Paradigma war die Passion.
    Jede Personalisierung gründet in dem Glauben an die magische Kraft des Bekenntnisses, die magische Kraft von Anschauungen (die deshalb seit dem Ursprung totalitärer Systeme zu todeswürdigen Verbrechen geworden sind).
    Der Satz (der sprachlogisch sich ableiten läßt), daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, läßt sich leicht am Kontext der Vorstellung demonstrieren, daß Gott nicht bereut. Unter diesem Imperativ steht seit der Diskriminierung des Anthropomorphismus das Herrendenken: Nicht Gott, sondern die Hybris seiner irdischen Vertreter erfährt die Vorstellung als unerträglich, eine einmal getroffene Entscheidung wieder zurücknehmen, sie öffentlich bereuen zu müssen. Das Gesicht, das die Herren zu verlieren fürchten, ist die Maske der Person, nicht das göttliche Angesicht, dessen Leuchten seinen Grund in der göttlichen Barmherzigkeit findet. Die theologische Verwerfung des Anthropomorphismus war die Verwerfung der göttlichen Barmherzigkeit.
    Die Finsternis über dem Abgrund: Ist das nicht der Nachthimmel, und sind nicht die Sterne in der Tat ein Zeichen der Hoffnung?
    Der Satz: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“, ist ebensosehr ein Gebot wie es ein Ausdruck der Hoffnung, des Verlangens, der Sehnsucht ist.
    Wenn Jeremias für Babylon und gegen Ägypten votiert, so war das weniger Ausdruch einer „realistischen“ Einschätzung der Machtverhältnisse als vielmehr die prophetische Einsicht in einen Vorgang, der die Gotteserkenntnis im Kern verändert hat.
    Zum Begriff des Seins: Die Fundamentalontologie war faschistisch, weil das Sein (wie der Begriff des Eigentums, mit dem er zusammenhängt) außerhalb der staatlichen Organisation, die im Faschismus zum Selbstzweck wird, nicht sich definieren läßt.

  • 12.7.1995

    Zu den schlimmsten Folgen der raf gehört es, daß es seit einigen Jahren keine kritische Begleitung der Rechtssprechung mehr gibt. Die Medien haben vor der Aufgabe, das Recht an der Idee der Gerechtigkeit zu messen, kapituliert. Das Recht ist zu einer Partei- und Gewaltfrage geworden. Kann es sein, daß das von der raf (in der Absicht, „Fronten“ zu klären und in grotesker Verkennung der Beziehung von Recht und Politik) gewollt war?
    Zur Geschichte und zum Begriff der Bekenntnislogik: Anhand einer Theorie und Geschichte der Banken wäre zu begreifen, daß die Armut schon in den Anfängen der Weltgeschichte zur Ware geworden ist. In der Geschichte des Kolonialismus ist sie dann erstmals zum Exportgut geworden; jetzt schlägt diese Logik auf den Binnenmarkt zurück. (Das Bankengeschäft ist das Modell der logischen Beziehung der Bekenntnislogik zum Schuldbekenntnis.)
    Kommt es nicht in der Tat darauf an, Gesellschaftskritik aus dem Bann des Neidsyndroms herauszuführen? Nicht der Profit ist das Grundübel des Kapitalismus, sondern der Preis der dafür zu zahlen ist.
    Kriege sind Katalysatoren und Mobilisatoren des Nationalismus: Sie schweißen ein Volk zusammen.
    Die zoologischen Gärten waren immer schon Einrichtungen des kolonialistischen Imperialismus; auch dieser Trend schlägt jetzt unter dem Titel Naturschutz ins Innere der imperialistischen Staaten zurück: Naturschutz nimmt die Natur in Verwaltungsregie.
    Die Verwaltungslogik hat den Grundsatz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, verinnerlicht. Die Gemeinheit der Verwaltung gründet nicht in Bosheit, sonden nur in Phantasielosigkeit (die Verwaltungslogik sperrt das Nichtbeweisbare schon apriori aus der Vorstellungskraft aus).
    Wie hängt die Bekenntnislogik mit dem projektiven Erkenntnisbegriff der Philosophie zusammen (mit dem Namen der Barbaren und den Begriffen Natur und Materie)? Der Glaubensbegriff, den das Christentum in die Welt gebracht hat, gründet in dieser Konstellation. Das Moment der Reversibilität im Bekenntnisbegriff, das das Schuldbekenntnis mit dem Glaubensbekenntnis verknüpft, gründet in dem projektiven Moment im Erkenntnisbegriff, das den Begriff des Wissens begründet (das Wissen macht das Vergangene vergangen).
    Die Trennung des „dimitte nobis debita nostra“ vom „sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“ (die Sündenvergebung ohne Versöhnung), der Begriff des Glaubens und die Bekenntnislogik fundieren sich wechselseitig. Das Glaubensbekenntnis trennt die Erlösung von der Versöhnung, in direktem Widerspruch zu den Worten Jesu über die Beziehung des Opfers und des Gebets zur Versöhnung. Diese Einsicht (in die Unmöglichkeit des Opfers heute) hat Camilo Torres zum Guerillero gemacht. Vorher ist der Misthaufen abzuräumen, der das Opfer von der Versöhnung trennt (steht der Hahn auf diesem Misthaufen?).
    Die Bekenntnislogik trennt den Glauben von der Gotteserkenntnis und vom Gebet (die Bekenntnislogik ist ein Nebenprodukt der verinnerlichten Blutrache).
    Waren nicht der Begriff und die Kritik der Bekenntnislogik (Umkehr des Schuldbekenntnisses) schon angelegt in den Problemen, die mir einmal der philosophische Gebrauch des Wertbegriffs (Schelers „Wertethik“) bereiteten, und finden diese Probleme nicht ihre Lösung in einer Theorie der Banken (Armut als Ware)?
    Was bedeuten eigentlich die ägyptischen Plagen (die z.T. als apokalyptische Plagen wiederkehren):
    1. Verwandlung des Wassers des Nil in Blut (die ägyptischen Zauberer taten dasselbe),
    2. der Nil soll von Fröschen wimmeln, sie sollen aufsteigen, in das Schlafgemach des Pharao, die Häuser, die Backöfen und Backtröge,
    3. aus dem Staub die Mücken, sie kommen über Mensch und Vieh (die Zauberer taten dasselbe, aber konnten es nicht),
    4. die Häuser und der Boden, auf dem die Ägypter stehen, sollen voll werden mit Bremsen, im Lande Gosen, wo „mein Volk wohnt“, sollen keine Bremsen sein (Scheidewand zwischen meinem und deinem Volk),
    5. auf alles Vieh der Ägypter (Pferde, Esel, Kamele, Rinder und Schafe) soll die Pest kommen, das Vieh der Ägypter starb, das der Israeliten blieb verschont,
    6. Ofenruß wird zu Staub, bei den Ägyptern wird Mensch und Vieh von Geschwürbeulen befallen (die ägyptischen Zauberer vermögen nichts dagegen),
    7. Donner, Hagel und Feuer geht auf Ägypten nieder, alles, was auf dem Felde ist, Mensch und Vieh, auch alles Feldgewächs und alle Bäume werden zerschlagen,
    8. Heuschrecken fallen ein, bedecken den Boden, daß man die Erde nicht mehr sieht, fressen alles, was der Hagel noch verschonte,
    9. Finsternis kommt über Ägypten, keiner konnte den andern sehen, keiner stand auf von seinem Platze, drei Tage lang, aber die Israeliten alle hatten hellen Tag an ihren Wohnsitzen,
    10. alle Erstgeburt in Ägypten, vom Pharao auf dem Thron bis zur
    Sklavin hinter der Handmühle, auch vom Vieh wird sterben, es wird großes Wehklagen sein, gegen Israel aber soll nicht ein Hund mucken, der Herr macht einen Unterschied zwischen Ägypten und Israel.

  • 11.7.1995

    Religion für andere, das ist die Religion der leeren Köpfe, in die die Religion von außen eingefüllt werden muß. Aber sind nicht alle Religionen unterm Bann des Weltbegriffs Religionen für andere, und ist nicht deshalb die Religion, der man angehört, „ohnehin die falsche“?
    Durch die Verdrängung der Parusie-Erwartung (durch Anpassung an die Welt) ist die Religion zwangsläufig zur Religion für andere geworden. Diese Bemerkung gilt generell, insbesondere und konkret aber für die Geschichte der Dogmenentwicklung (Martin Werner). Eine Religion, die sich in der Welt einrichtet, wird zur Religion für andere.
    Die Kritik der Trennung von Natur und Welt gründet in dem Satz: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
    Ist nicht das Buch Kohelet der Beweis dafür, daß der Weltbegriff das Erbe des Götzendiensts, der Idolatrie, angetreten hat? Das „Alles ist eitel“ gründet in der Nichtigkeit der Götzen.
    Sind nicht die biblischen Xenophobie-Geschichten (Sodom, Jericho und Gibea) allesamt antimessianische Geschichten?
    Zum Begriff einer Theologie im Angesicht Gottes: Das Reich der Erscheinungen ist das Reich der Unerkennbarkeit der Dinge, wie sie an sich sind; nur Gott sieht ins Herz der Dinge.
    Das Paradigma der Kommunikation im Reich der Erscheinungen ist der Stoßprozeß: der Zusammenstoß zweier Köpfe. Bezieht sich hierauf das biblische Symbol des Horns?
    „Allein den Betern …“ (Reinhold Schneider): Die Frage, wie (und nicht ob) Beten nach Auschwitz noch möglich ist, hängt zusammen mit dem, was Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ genannt hat: mit Veränderungen im Begriff der Öffentlichkeit, die insbesondere am Problem des öffentlichen Gebets (an der Beziehung des Gebets zur Öffentlichkeit) sich demonstrieren lassen. Sie rührt an den Kern der Frage nach der Möglichkeit einer Theologie im Angesicht Gottes, sie rührt an den Grund des Weltbegriffs.
    Das Dogma ist die Narbe an der Stelle, an der Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat. War die Tat des Alexander, an die das Versprechen der Herrschaft über Asien geknüpft war, nicht eine sprachgeschichtliche Tat: War das Neutrum das Schwert, das Objekt und Begriff, Natur und Welt getrennt (und sie in dieser Trennung konstituiert) hat. In der Bibel wird das Neutrum durch die Schlange, das Durchschlagen des Knotens durch den Baum der Erkenntnis (seine Trennung vom Baum des Lebens) und den Sündenfall symbolisiert. Die indoeuropäischen Sprachen entspringen mit der Erfindung des Wissens (des Gesehenhabens, Kristallisationskern des Neutrum und Urform der Anschauung, unter deren Gesetz diese Sprachen seitdem stehen), Zentrum der gemeinsamen Grammatik (und ihrer Sprachlogik). Das Dogma war der paradoxe Versuch, die Offenbarung, zum Gegenstand der Anschauung zu machen (sie ins Präsens zu übersetzen, den Imperativ in den Indikativ zu transformieren); in Wahrheit hat es sie neutralisiert.

  • 10.7.1995

    Die Bekenntnislogik
    – ist ein Produkt der Vergesellschaftung von Herrschaft,
    – sie instrumentalisiert die Religion, macht sie zur Religion für andere,
    – sie verhindert damit apriori die Gotteserkenntnis.
    Die Bekenntnislogik und der Weltbegriff begründen sich wechselseitig, zu ihren Ursprungsbedingungen gehören die Unfähigkeit zur Herrschaftskritik und eine rigide Sexualmoral, die die Stelle einnimmt, die die Herrschaftskritik zuvor geräumt hat (Produkt der Umkehrung des Schuldbekenntnisses). Die Bekenntnislogik ist der Kern eines jeden Fundamentalismus.
    Die Bekenntnislogik entspringt in der Umkehrung des Schuldbekenntnisses (im Rechtfertigungszwang, in der Apologetik), einem Verfahren der Instrumentalisierung, sie begründet, indem sie das Schuldbekenntnis instrumentalisiert, es reversibel und so technisch beherrschbar macht, das Schuldverschubsystem: An die Stelle des wirklichen Adressaten der Barmherzigkeit oder der Versöhnung: des Armen, des Fremden, des Geschädigten, des Opfers, des „Schuldigers“, tritt eine kollektive Instanz, die Kirche, die Nation, eine Partei, ein Verein.
    Die Bekenntnislogik erzeugt (durch Umkehrung der Logik des Schuldbekenntnisses) ihren eigenen Inhalt: Das christliche Dogma (die Opfertheologie, die Christologie und die durch beide definierte Trinitätslehre) ist ihr konsequentester Ausdruck, gleichsam der apriorische Inhalt ihrer transzendentalen Logik.
    Das Christentum hat die Bekenntnislogik weder erfunden, noch hervorgebracht; es war ihr erstes, allerdings zugleich auch paradigmatisches Opfer.
    Das Substantiv (Grab des gekreuzigten, gestorbenen und begrabenen „Wortes“, Repräsentant der Geschichte des Opfers und Realsymbol der Schuldknechtschaft in der Sprache) oder die Schrift als Spiegel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (vgl. Grammatologie, S. 208).
    Wenn der Name der heilige Ort ist, dann ist das Substantiv der Greuel am heiligen Ort. (Haben männlich und weiblich etwas mit Begriff und Namen zu tun?)
    Hat der „hebräische Sklave“ im Dt und bei Jer etwas mit der „hebräischen Schrift“ zu tun?
    Die Dornen und Disteln symbolisieren zusammen mit dem „Gesetz der Profangeschichte“ die Logik der indoeuropäischen Sprachen, der Herrschaftssprache. (Haben nicht auch die Nahrungsgebote einen sprachlogischen Sinn?)
    Sprachlogisch begründet die creatio mundi ex nihilo das Gewaltmonopol des Staates, seine „Allmacht“ (die jüdische Religion ist nicht „monotheistisch“, der Monotheismus ist der Erbe der Idolatrie mit universalem Anspruch).
    Das Zugrundeliegende ist das Unterworfene (das Objekt der heideggerschen Geworfenheit), es ist reines Substrat von Herrschaft (der Gekreuzigte).
    Bieten, beten, bitten: Verbot und Gebot leiten sich her vom Verbieten und Gebieten. Drückt nicht in den Präfixen ein Gestus sich auch?
    – Das Präfix ge- bezeichnet den Gestus des Gewährens, des Schenkens;
    – be- drückt das Handeln der Welt am Objekt aus: seine Veranderung, seine Verweltlichung;
    – ver- ist der Gestus der Vernichtung, der Annihilierung (der „Reinigung“ im Sinne der chemischen Reinigung, der Herstellung von Laborbedingungen, oder auch ihrer gesellschaftlichen Entsprechung: der Subsumtion unter die Verwaltung);
    – er-, wie in Erscheinung, Erzeugung, der Gestus des Hervorrufens;
    – zer- annihiliert nicht nur, sondern zerstört, zernichtet, zerlegt: es beschreibt das Töten als Produktion von Materie (paradigmatisch ist die Ersetzung des Geistes durchs Gehirn in der herrschenden Sprache, Verkörperungen des zer- sind Institutionen wie Anatomie, Schlachthaus, Konzentrationslager).
    Hat nicht die kopernikanische Wende das „prasselnde Feuer“ entzündet, in dem nach dem 2. Petrus-Brief (310) am Ende die Himmel vergehen werden (ist die kantische Philosophie der brennende, die Hegelsche der ausgebrannte Dornbusch)?
    Zum Begriff der Blasphemie: Mit den Scheiterhaufen hat das Christentum (als Agent der Welt) den brennenden Dornbusch in eigene Regie übernommen.

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