• 24.6.1995

    Auch Micha Brumlik verwechselt das Ewige mit dem Überzeitlichen (und damit den Staat mit Gott), wenn er mit Plato die „Ewigkeit“ von Schrift und Bild gegen das flüchtige Wort ausspielt und die Unterscheidung von Philosophie und Prophetie anhand der Unterscheidung von Sehen und Hören als Klischee bezeichnet.
    Was Adorno Verdinglichung nannte, ist durch die Logik der Schrift vermittelt (wie die Kritik der Verdinglichung durch die Fähigkeit, mit den Ohren zu denken).
    Es ist kein Zufall, daß die Universitäten, die die Logik der Schrift nicht nur zur Grundlage der Wissenschaften, sondern über Recht und Theologie auch des Staates und der Kirche gemacht haben, in der Auseinandersetzung mit dem Islam entstanden sind.
    Auch ein Beitrag zur Apokalypse: Ein Jogger mit einem T-Shirt, das hinten den Aufdruck trägt: Neue Welle, neues Erlebnis, neues Gefühl.
    Definitionen des Jogging: Sie laufen nicht, sondern sie werden gelaufen, sie sind in der Regel passionierte Werbeträger. Jogging: Produkt der Vergesellschaftung des Sports (verinnerlichte Einheit von Verein, Sportler und Schiedsrichter); individualisiertes Gemeinschaftserlebnis mit eingebauter Bekenntnislogik.
    Die Idee der Sündenvergebung schließt als Intention die der Änderung des Vergangenen mit ein.
    Gründet die „Autorität der Leidenden“ nicht in der Geschichte und im Symbol des brennenden Dornbuschs?
    Der Satz: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, enthält einen prophetischen Bezug zum Ursprung, zur Geschichte und zur Realität der Verwaltung.
    War nicht das scholastische supranaturalis die Übersetzung der Metaphysik ins Adjektivische?
    Der Satz, daß die Attribute Gottes im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, verweist auf eine reflektierte Form des Begriffs des Absoluten, er reflektiert das Moment der Asymmetrie in der Idee des Absoluten; der Begriff des Absoluten ist kein universaler Begriff: Das Absolute für mich ist nicht zugleich auch ein Absolutes für andere. Die Unterscheidung von Rind und Esel gilt auch für die Idee des Absoluten. Auschwitz ist die Konsequenz einer Logik, die Last abwirft und sie zum Joch für andere macht. Lassen sich aus dieser Konstellation nicht die Regeln der israelitischen Opfertradition (das Opfer als Auslösung der Erstgeburt), die symbolische Bedeutung von Lamm und Taube, sowie die Differenz zwischen Stier-Opfer und Stier-Kult ableiten?
    Die Bekenntnislogik ist eine Konsequenz aus der Logik der Verdinglichung und Instrumentalisierung. Die Differenz zwischen dem, was etwas an sich, und dem, was es für andere ist: die Differenz zwischen Esel und Rind, Last und Joch, ist unaufhebbar. Totalitätsbegriffe entspringen dort, wo das Produkt der Instrumentalisierung zum An-sich geworden ist, wenn man den Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zugunsten des Andersseins auflöst, die Erinnerung an das Eine verdrängt (bei gleichzeitiger Übertretung des Deuteronomium-Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen). Hegel ist diese Auflösung nur unter Zuhilfenahme der List der Vernunft und um den Preis der Aufnahme des Scheins in die Idee der Wahrheit gelungen.
    Am Islam lassen die Wurzeln des Fundamentalismus sich erkennen, am Christentum die Früchte.

  • 23.6.1995

    Während die Logik des Weltbegriffs das Bewußtsein ans Vergangene heftet (das Präsens, die wiederhergestellte Unmittelbarkeit, ist durch die Vergangeheitsform, durch Natur und Geschichte vermittelt), findet die prophetische Vision ihren Gegenstand in der vergangenen Zukunft: durch die Kritik von Natur und Geschichte hindurch; deren Medium aber ist der Name, die benennende Kraft der Sprache. Instrument der Bindung des Bewußtsein ans Vergangene sind die subjektiven Formen der Anschauung, ist das Inertialsystem, dessen „Umkehr“ (in der Gestalt des prophetischen, messianischen, parakletischen Denken) Voraussetzung der Rekonstruktion der Sprache ist.
    Das Inertialsystem (der Kelch) ist der Greuel der Verwüstung am heiligen Ort.
    Die Dinge beim Namen nennen: Das heißt, sie im Angesicht Gottes erkennen.
    Der Begriff der Vermittlung bezeichnet selbst im Bereich der Natur einen gesellschaftlichen, keinen natürlichen Tatbestand.
    Das Eine ist das Andere des Anderen. Gegen das Anderssein, das als Sein für Andere sich konstituiert, richtet sich das Wort: Laßt die Toten ihre Toten begraben, ein Wort, dessen herrschaftskritische Brisanz noch zu entdecken ist.
    Die Beziehung der Geschichte der Hexenverfolgung zur Ursprungsgeschichte der Aufklärung gründet darin, daß die Herstellung des Totenreichs nur möglich war bei gleichzeitiger projektiver Verarbeitung und Verschiebung, wie sie der Hexenwahn dann leistete. Der Hexenwahn hat die Basis geschaffen für die Verdrängungsleistung, die dem Erkenntnisbegriff der Aufklärung zugrunde liegt. Als Otto Gericke mit seinem Magdeburger Experiment den horror vacui zu einem physikalischen Phänomen gemacht hat, hat er das darin verborgene logische Problem endgültig verdrängt.
    Hat die naturwissenschaftliche Aufklärung nicht etwas mit dem Duftmarkensetzen des Hundes zu tun?
    Das Eine ist das Andere des Andern: Es geht nicht um das Andere/den Anderen, sondern es geht um das Eine, das hinter dem Anderssein des Andern sich verbirgt. Der Name dieses Einen ist das Fremde.
    Kann es sein, daß in der Vorstellung, im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung seien die Voraussetzungen geschaffen worden für eine Gesellschaft, die der Herrschaft nicht mehr bedarf, die Prämisse falsch ist? Wird hier nicht der Schein, der einer Abstraktion sich verdankt, mit der Nichtexistenz dessen, wovon abstrahiert worden ist, verwechselt? Das Bild vom Absägen des Astes, auf dem man sitzt, trifft den Sachverhalt recht genau.
    Sind nicht Natur- und Umweltschutz Weiterentwicklungen der Schädlingsbekämpfung, nur daß sie an die Stelle der Raupen, Insekten und sonstigen Schädlinge die Menschen setzen, vor denen „die Natur“ jetzt zu schützen sei? Gehört die Logik, die dem zugrundeliegt, und die in Teilen des Feminismus wiederkehrt, nicht zu den Folgen von Auschwitz, zur Logik der vergeblichen Mühen, diese Schuld noch einmal durch Schuldverschiebung und Projektion, durch die man dem Täter-Opfer-Syndrom zu entrinnen versucht, abzuwerfen? Vergessen wird, daß die zu schützende Natur selber bereits dem Schuldverschubsystem sich verdankt: eine Kopfgeburt der Menschheit ist. Fällt nicht auch der Naturbegriff unter die prophetische Kritik des Götzendienstes?
    Die Anbetung des Marktes, der Natur, der Nation, des Rechtsstaats: Sind das nicht alles Emanationen der gleichen Logik der Exkulpation, des Abwerfens der Last der Verantwortung? Vor allem: Auch dieser Kult fordert seine Opfer.
    Mein ist die Rache, spricht der Herr, aber der Rechtsstaat nimmt ihm diese Last ab. Nur: Wie kommt es, daß die DDR-Vergangenheit einen stärkeren Rachetrieb erzeugt hat als die Nazi-Vergangenheit? Und eine Richterschaft, die angesichts der eigenen Beteiligung am Nazi-Terror gegen sich selbst ausnahmslos das „in dubio pro reo“ gelten ließ, kommt von diesem Fluch nicht mehr los und holt heute das Versäumte in der anderen Richtung nach.
    Person und Sache: Jedes Persönliche ist von Sachlichem durchdrungen, und jede Sache ist in Persönliches verstrickt. Die Trennung von Person und Sache ist in letzter Instanz eine grammatische; eine reale ist sie nur auf der Grundlage der subjektiven Formen der Anschauung, im Reich der Erscheinungen. Das läßt sich deutlich machen am Stichwort „Personalkosten“, wie die Trennung von Person und Sache endgültig erst mit der Lohnarbeit, der differentia specifica des Kapitalismus, die in die Ursprungsgeschichte des Staates zurückreicht, sich durchgesetzt hat. Engels‘ Begriff der Utopie, als er glaubte, das Reich der Freiheit auf der Verwaltung von Sachen gründen zu können, wird widerlegt durch die Existenz von Personalabteilungen, ohne die es eine Verwaltung von Sachen nicht gibt. Die 82er Wende war der Sieg einer gesellschaftlichen Logik, der die Einsicht zugrundelag, daß Personalfragen Sachfragen sind.
    Heute, da es scheint, daß das Proletariat seine revolutionäre Kraft endgültig verloren hat, greifen linke Bewegungen immer häufiger auf das Leninsche Avantgarde-Prinzip zurück und suchen in den nationalen Befreiungsbewegungen, die mit der Revolution des Proletariats wenig zu tun haben, ihre Verbündeten. Die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, die das Proletariat ersetzen sollen, stehen nicht zufällig in Gefahr, Vorläufer von Militärdiktaturen zu werden. Ähnlich scheint die Gefahr zu sein, in der die Nachfolgestaaten des real existierenden Sozialismus stehen, Folge des parvus error in principio, der seit der Oktoberrevolution ungelösten Frage, ob ein Sozialismus in einem Lande möglich sei.
    Der Weltgeist stand seit je auf der Seite der Instrumentalisierung.
    Heute geht es nicht mehr darum, auf welcher Seite einer steht; die Front ist nicht mehr draußen; und das Scheiden der Schafe und Böcke ist Sache des Jüngsten Gerichts.

  • 22.6.1995

    Zur Geschichte des Bilderverbots: Die Entwicklung von der Judenkarikatur und von der Denunziation zur Sympathisantenhetze entspricht der vom Rundfunk zum Fernsehen. Das fotografierte Bild ist aus seinem eigenen logischen Grunde das Fahndungsbild; das gilt auch für die mediale Präsentation des Gesichts im Fernsehen. Deshalb ist das Angesicht zu unterscheiden vom „Ausdrucksgeschehen der Gesichter anderer Menschen“ (Zitat Brumlik?, vgl. die Rezension Brumliks in der FR von heute). Es geht nicht um „Wege aus dem Bilderverbot“, sondern darum, daß im Angesicht das Bilderverbot sich erfüllt (auch die Logik der Schrift, die in der genetischen Beziehung der Schrift zum Bild gründet, fällt unters Bilderverbot). Das Angesicht und der „Anthropomorphismus“ der Schrift verweisen auf den Sprachgrund der Schrift. Zur Logik der Schrift (und zu den Konstituentien des Weltbegriffs) gehören der Tempel und das Opfer; die Logik der prophetischen Vision hingegen, die im „Leuchten des Angesichts“ sich vollendet, gründet in einem sprachlichen, nicht in einem visuellen Sachverhalt (Ulrich Sonnemann hat einmal gegen die optische, aufs Anschauen verweisende Tradition der philosophischen Tradition auf die Notwendigkeit, mit den Ohren zu denken, hingewiesen): Sie sprengt den Weltbegriff.
    Bemerkung zum Bilderverbot: Das Fahndungs- und das Paßfoto, die mehr miteinander zu tun haben, als uns lieb sein dürfte, leugnen nicht nur das Angesicht, sie machen es unkenntlich.
    Die Autonomie des Subjekts ist allein noch durch die Idee der Barmherzigkeit zu retten, durch die Kraft, die „Autorität der Leidenden“, den Imperativ, der vom realen Leiden ausgeht, nicht mehr verdrängen zu müssen.
    Der Autismus ist die Krankheit des Objekts, das aus dem Bann des Begriffs keinen Ausweg mehr findet.
    Kritik der Unendlichkeit, oder die drei Grenzen des Weltbegriffs: Das Angesicht, der Name und das Feuer.
    Hat die Autorität der Leidenden nicht etwas mit den Attributen Gottes, die Levinas zufolge im Imperativ, nicht im Indikativ stehen, zu tun?
    Die Beziehung von Kant und Hegel läßt sich an ihrem Verhältnis zur Astronomie demonstrieren: Während Kant die kopernikanische Wendung, die Säkularisation des Planetensystems nicht nur akzeptiert hat, sondern zum Kern seines Konzepts gemacht hat, zugleich aber an der Erhabenheit des Sternenhimmels festgehalten hat, hat Hegel diese Erhabenheit des Sternenhimmels neutralisiert und verdrängt, ist jedoch durch seine Kepler-Rezeption in die Nähe des astrologischen Mythos geraten.
    Kann es sein, daß die drei Leugnungen Petri als spiegelbildliche Reflexionen der drei Versuchungen Jesu sich begreifen lassen?

  • 21.6.1995

    Ist nicht die Instrumentalisierung des Leidens – nach der Dialektik der Aufklärung die Verinnerlichung des Opfers – eine der Grundlagen der Zivilisation; liegt sie nicht der Logik des Welt- und Naturbegriffs, der Logik der Trennung dieser Begriffe, zugrunde? Die Geschichte des Opfers (und seiner Objekte: Rind und Esel, Lamm und Taube) rührt an diesen Sachverhalt. Aus diesem Grunde ist Habermas‘ Umformulierung des Adornoschen Konzepts des „Eingedenkens der Natur im Subjekt“ in ein „Eingedenken der gequälten Natur im Subjekt“ Ausdruck einer logischen Verwirrung des Problems, keine Verständnishilfe. Hier liegt der Sprengsatz, den Habermas unter Verschluß halten möchte, um sein Diskurskonzept, die Kommunikationstheorie und insbesondere einen ihrer zentralen Begriffe, den der Intersubjektivität, zu retten. Beide, das „Eingedenken der Natur im Subjekt“ und der Begriff der Intersubjektivität, können nicht zusammen bestehen. Und hier wird die Metzsche Unterscheidung zwischen dem eigenen und fremden Leid wichtig: die Unterscheidung zwischen Selbstmitleid und Barmherzigkeit, die der Begriff der Intersubjektivität verwischt und, da das nicht gelingen kann, zugunsten des Selbstmitleids (als dessen kollektive Verkörperung z.B. der Nationalismus sich begreifen läßt) vorentscheidet. Adornos Konzept (das der negativen Dialektik insgesamt) setzt diese Unterscheidung voaus, auch wenn es sie nicht thematisiert. Ihre Thematisierung hätte eine Kritik des Naturbegriffs nach sich gezogen, die Habermas geahnt haben mag, als er von der spekulativen Idee, daß die richtige Gesellschaft auch die Natur mit ergreift, unter Verweis auf den Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis sich distanzierte. Auch die Objektivität der Natur ist (und ebenso der Begriff der Intersubjektivität, der die These der Objektivität der Natur zur Voraussetzung hat, an sie gebunden ist) nicht unmittelbar gegeben, sie steht unter einem Apriori, dessen Reflexion übrigens vom Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selber erzwungen wird. Von dieser Reflexion muß Habermas abstrahieren, um sein Konzept zu retten. Das Adjektiv (im Begriff der gequälten Natur), mit dem er Adornos Konzept verfälschte, ist eine Konsequenz aus dieser Abstraktion.
    – Dadurch unterscheidet sich übrigens die Autorität der Leidenden von der naturwissenschaftlichen Objektivität, die in sich selber vermittelt ist, daß sie sehr wohl unmittelbar gegeben ist: Nur weil der Anblick von Leid den spontanen Trieb zu helfen auslöst, ist das Leiden über seine mediale Reproduktion und Vermittlung instrumentalisierbar. Erklärungsbedürftig und in der Tat in sich selber vermittelt ist nicht der Trieb zu helfen, sondern seine Verdrängung, das Wegsehen („Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“).
    Das „Verständigungsapriori“ (in dem Leserbrief in der FR vom 19.6.95) ist die Mauer um ein selbsterrichtetes Ghetto. Es schließt alle, mit denen man nicht kommuniziert, aus. Dazu gehören Rituale, die diesen Ausschluß vollstrecken. Am Leserbrief lassen diese Rituale sich studieren.
    Metz‘ Idee einer Autorität der Leidenden rührt an einen Punkt, der die traditionelle theologische Beziehung von Natur und Übernatur nicht nur präzisiert, sondern im Kern verändert: Sie sprengt den Bann des Naturbegriffs, unter dem nicht nur der „prinzipielle Ideologieverdacht“ des Leserbriefschreibers noch steht, sondern eigentlich die gesamte theologische Tradition, übrigens nicht nur die christliche.
    Die Natur und ihr Begriff stehen unterm Bann des Prinzips der Selbsterhaltung: Darauf bezieht sich das Adornosche Konzept des Eingedenkens, das Habermas zu früh verworfen hat. Der Begriff einer „gequälten Natur“, den Habermas Adorno unterstellt, wäre eine contradictio in adjecto, er bezeichnete in der Tat ein magisches Relikt. Es gibt keine gequälte Natur, weil der Begriff der Natur die Erinnerung ans allein leidensfähige Subjekt apriori ausschließt, aber die Realität des Leidens rührt an den Grund der Natur (wie umgekehrt der Begriff der Natur an den Grund des Leidens).
    „Schiffsbrüchige machen es genau so“ (Rosencof/Huidobro: Wie Efeu an der Mauer, S. 244): Der Satz bezieht sich auf die Geschichte der Menschheit, die in der Katastrophe, als die die „Schöpfung“ sich erweist, ums Überleben kämpft. Nicht die Frage nach den Urhebern der Katastrophe ist wichtig, sondern nur noch die, ob und wie sie sich wenden läßt, ob und wie es möglich ist, ihr zu entrinnen.

  • 20.6.1995

    Der Herr Prof. Dr. Thomas Feuerstein hätte die Fragen in seinem Leserbrief in der FR vom 19.06.95, bevor er sie stellte, nur einmal kurz auf Auschwitz anwenden sollen; vielleicht hätte er dann die Infamie bemerkt, die in Fragen, wie: „Wer leidet zu Recht, wer zu Unrecht? Wer erinnert mit welcher Absicht?“ steckt. Gibt es nicht eine Realität des Leidens, in deren Anblick das „Verständigungsapriori“ zynisch wird?
    Prinzipieller Ideologieverdacht: Ist das nicht eine Definition des Zynismus (und ist nicht der Zynismus die Sensibilität des Paranoikers)? Dazu gehört die aus der Logik des Marktes abgeleitete Vorstellung, von Betrügern umgeben zu sein: der Bettler mit dem Mercedes, die Arbeitslosen, die bloß nicht arbeiten wollen, die Asylanten, die nur an unserem schwer erarbeiteten Wohlstand teilhaben wollen, während Organisationen wie amnesty international, pro asyl, medico internationational nur darauf aus sind, die „Autorität der Leidenden“ zu vermarkten. Der prinzipielle Ideologieverdacht gehorcht einer Logik, die ihrer eigenen Schwerkraft nach dahin tendiert, die Realität des Leidens überhaupt zu leugnen, damit aber – und insofern gehört die memoria passionis zu den Grundlagen der Theologie – die Objektivität der Wahrheit.
    Mit dem bundesanwaltschaftlichen Konstrukt „anschlagsrelevanter Themen“ gewinnen Zynismus und Paranoia Rechtsqualität: Hier wird die Wahrnehmung des Leidens und der öffentliche Hinweis darauf unter strafrechtliche Normen subsumiert, der Ideologieverdacht zum Kriminalitätsverdacht erweitert, die „Autorität des Leidens“ unter Terrorismusverdacht gestellt. (Es gehört zu den „Leistungen“ der raf, diese Logik gefördert zu haben.)
    In welcher Beziehung stehen die drei Versuchungen Jesu zur Verführung durch die Bekenntnislogik (Feindbild, Verrätersyndrom, Frauenfeindschaft)?
    Licht, Schatten und Finsternis gibt es nur fürs Auge. Die Qualität von Licht, Schatten oder Finsternis ist physikalisch nicht einsichtig zu machen, die Physik befaßt sich nur mit den Techniken ihrer Erzeugung.

  • 19.6.1995

    Logik der Schrift: Die Schrift erzwingt die Vergegenständlichung der Einsicht zur Erkenntnis (der Sprache zum Instrument der Mitteilung).
    Leserbrief zu Metz „Religion und Politik …“ in der FR von heute (Prof.Dr.Thomas Feuerstein, FH Wiesbaden):
    – „‚Die Autorität der Leidenden‘ ist nicht unmittelbar gegeben. Stellvertreter dieser Autorität stehen unter prinzipiellem Ideologieverdacht ‚im Lichte‘ diskursiver Vernunft“. Dieser Satz stellt verteidigendes Denken unter Ideologieverdacht („Ihr laßt die Armen schuldig werden“), macht Barmherzigkeit gegenstandslos, verwirft apriori jede Alternative zu der (bis in unsere Naturvorstellungen hinein) vom Selbsterhaltungsprinzip beherrschten Welt. Sie verschiebt den Begriff der Ideologie von der Bezeichnung des Verblendungszusammenhangs auf alles, was diesen Verblendungszusammenhang durchbrechen könnte. Ist nicht schon der Begriff der diskursiven Vernunft ein Instrument des Verblendungszusammenhangs: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, weil sie durch diskursive Vernunft nicht bestimmbar ist, weil sie der Beweislogik sich entzieht. (Zu den Grenzen der Beweislogik vgl. Kants Aporien der reinen Vernunft.)
    – Es sollte nicht geleugnet werden, daß auch die memoria passionis instrumentalisierbar ist; nachzuweisen am Christentum, an der Opfertheologie und der damit systematisch verbundenen Orthodoxie (am Dogma und seiner Logik).
    – Der prinzipielle Ideologieverdacht bleibt abstrakt, er verfällt der gleichen Logik, gegen die er sich wendet: Indem er das Problem von der sachlichen auf die Bekenntnisebene verschiebt, macht er aus einer Frage der Einsicht eine Bekenntnisfrage und gehorcht so der gleichen Bekenntnislogik, deren Folgen er kritisiert. So werden das reale Leiden, die Armut wie auch Unterdrückung und Verfolgung durch einen logischen Trick zum Verschwinden gebracht. Der prinzipielle Ideologieverdacht gründet in einem logischen Trick, der die Differenz zwischen der Realität des Leidens und ihrer Instrumentalisierbarkeit selber nochmal instrumentalisiert; dieser Logik zufolge wäre jedem Bettler zunächst einmal zu unterstellen, er habe hinter der nächsten Straßenecke seinen Mercedes stehen (soll er doch das Gegenteil beweisen).
    – Zu reflektieren wäre die Instrumentalisierung des Leidens (liegt hier nicht der Kern der christlichen Opfertheologie und eine der christlichen Wurzeln des Antisemitismus?), und das wäre allerdings in der Tat die Aufgabe einer Theologie nach Auschwitz (wie auch Johann Baptist Metz sie fordert).
    – Ein alltäglicher Ausdruck des „prinzipiellen Ideologieverdachts“ ist der Elternspruch: „Stell dich nicht so an“ (er unterstellt, der Schmerz sei nicht real, sondern nur ein Mittel, damit ein anderes Ziel zu erreichen).
    – Der „prinzipielle Ideologieverdacht“ wird gleichsam zur Schufa der Philosophie; er verringert das Risiko, selber zum Opfer eines Betrugs zu werden, das aber zu dem Preis, daß er das reale Leiden ins Dunkel rückt, es unsichtbar macht. Hier wäre ein Beleg für Metz‘ Hinweis auf die Gewalt des Markt-Apriori auch in der Philosophie.
    – Was hier ins Dunkel gerückt wird, ist schon in den Anfängen der Moderne an einer realprojektiven Verschiebung nachzuweisen: am Begriff des Wilden.
    – Die Diskurslogik hat die Erinnerung an die Theologie bloß abgeschafft, anstatt, wie Adorno einmal die Intention Benjamins zu umschreiben versucht hat, alle theologischen Gehalte restlos zu säkularisieren.
    – Der prinzipielle Ideologieverdacht vermittelt das erhebende Gefühl, über der Sache zu stehen, ohne zu bemerken, daß er damit aus der Sache heraus ist. Er ist in Wahrheit ein Instrument des mitleidlosen Herrendenkens. Im sicheren Bewußtsein, daß dieser Beweis nicht zu führen ist, legt er den Opfern die Pflicht auf zu beweisen, daß sie Opfer sind. Auch so schafft man, wenn nicht eine reale heile Welt, so doch ihren allgegenwärtigen Schein.
    – Gehörte nicht die Sympathisantenjagd im Kontext des Terrorismus zu den manifesten Folgen des prinzipielle Ideologieverdachts: der Unfähigkeit, zwischen dem humanen Impuls der Empathie und ihrer politischen Instrumentalisierung zu unterscheiden? Ist nicht die Geschichte der (auf ihre juristischen Aspekte reduzierten) Auseinandersetzung mit der raf so unendlich mit den verhängnisvollen Folgen dieser Logik belastet (und hat nicht die raf selbst durch ihre Wendung zum Terrorismus diese Folgen mit zu verantworten)?
    Der Metz’sche Versuch, das Konzept einer anamnetischen Vernunft zu entfalten, ist – weiß Gott – nicht schon „gelungen“; er ist weiterhin entfaltungsfähig und -bedürftig. Es ist überhaupt keine Hilfe, diesen Versuch gleichsam apriori abzuwehren. Der prinzipielle Ideologieverdacht (der heute aus sehr tiefen gesellschaftlichen Gründen so nahe liegt, daß er fast durch Reflexion nicht mehr aufzulösen ist) wird zur Quelle der Paranoia, deren erstes Opfer – zusammen mit dem Antijudaismus, der innerkirchlichen Quelle des Antisemitismus – die kirchliche Theologie selber einmal geworden ist.
    In welcher Beziehung stehen die aufbrechenden Nationalismen und die Wendung zu fundamentalistischen Instrumentalisierungen der Religionen (auch dies ein Gegenstand einer politischen Theologie) zum derzeitigen Stand der Geschichte der politischen Ökonomie? (Ursprung der Einen Welt in der Geschichte des Marktes; Zerfall der Souveränität; Übergang von Regierung in Verwaltung, Abgabe von Regierungsaufgaben an die Verwaltung: Übergang der Souveränität an Institutionen wie Bundesverfassungsgericht, Bundesbank, EG, UNO, Weltbank und IWF.)
    Wiederkehr der kantischen Antinomien der reinen Vernunft in der Politik:
    – Die Verwaltung sprengt die Gewaltenteilung (durch Implosion): sie übernimmt zu den ihr obliegenden Aufgaben der Exekutive inzwischen auch die der Legislative und der Jurisdiktion – Angleichung von Rechtsprechung und Verwaltung; Verwaltung als Selbstorganisation des gesellschaftlichen Gewaltpotentials.
    – Verwischung der Grenzen von Innen- und Außenpolitik: Folgen für den Begriff der Gewalt (der nach innen anders definiert ist als nach außen): Läßt sich das Gewaltmonopol des (nationalen) Staates auf internationale Organe übertragen (vgl. den Golfkrieg und die Probleme der UN-Blauhelm-Truppen im Jugoslawienkonflikt).
    – Sonderstellung der Bundesbank und der Weltbank: Dekonstruktion des Prinzips der Gewaltenteilung; Teilhabe eines in der reinen Lehre nicht vorgesehenen Instituts an der Gewalt (an einer Quelle des Gewaltbegriffs: im Falle der Bundesbank im Bereich der Währungshoheit des Staates, der „Subjekt“-Länder; im Falle der Weltbank Eingriff in die Souveränität der „Objekt“-Staaten, der „Entwicklungsländer“).
    – Neonationalismen gründen in dieser Krise des Gewaltbegriffs; sie sind rational und irrational zugleich: Nation als transzendentales Subjekt in einer Welt, die zur Selbsterhaltung keine Alternative mehr kennt.
    – Fortschreitende „Privatisierung“ staatlicher Aufgaben; Folge der Expansion der Marktlogik in den Bereich der Souveränität; Begriff des Neofeudalismus zu harmlos. Ausdruck der Strukturänderungen im Gewaltbegriff (im „Begriff“: in der Herrschaftslogik des Ganzen wie in der Depotenzierung des Bewußtseins).
    Sprache und Mathematik: Kant hat die Welt als mathematischen, die Natur als dynamischen Totalitätsbegriff definiert; spiegelt sich darin das Verhältnis von Mathematik und Sprache?
    Auffallend, daß Habermas Horkheimers Skrupel hinsichtlich der Neuauflage der Dialektik der Aufklärung als Ausdruck eines offenen Problems verdrängt, sie statt dessen als „Beweis“ dafür nimmt, daß die Dialektik der Aufklärung überholt sei. Er nutzt Horkheimers Skrupel als Mittel der Neutralisierung der Dialektik der Aufklärung anstatt als Impuls ihrer Weiterentwicklung.

  • 18.6.1995

    Das den Kindern schon früh eingebläute Gebot: Du sollst nicht lügen, galt eigentlich nur im Hinblick auf die Eltern und in deren Vertretung auf die übrigen Autoritäten: den Pfarrer, die Lehrer und sonstige Obrigkeiten. Der Respekt vor der Obrigkeit bestand im Kern darin, daß sie die Adressatin dieses Gebotes war. Aber war nicht diese Version des Gebots, die praktisch galt, aber nie so deutlich formuliert wurde, der genaueste Ausdruck der eigenen Instrumentalisierung, die einem mit diesem Gebot eingebläut wurde, und war diese Version des Gebots nicht der Grund der in der Nazizeit so weit verbreiteten Praxis der Denunziation?
    Gegenüber den außerfamiliären Autoritäten galt das Verbot allerdings mit einem Vorbehalt: Diese Autoritäten repräsentierten die Außenwelt, und ihr gegenüber war es unter Umständen wichtiger, den Schein zu wahren. Die Wahrheitsliebe durfte nicht soweit gehen, daß man der eigenen Familie schadete oder sie blamierte. Das löste bei Kindern nicht selten Schamkonflikte aus, wenn z.B. die Eltern draußen sich anders verhielten als im Innern der Familie, dort die eigenen Normen nicht einhielten. Es gab Situationen, in denen man sich der Eltern schämte. Hängt nicht der Erfolg der Sozialisierung insgesamt an der Lösung dieser Schamkonflikte und an der Stabilisierung dieser Lösung?
    Hat der Rhythmus von Katastrophe und Rettung, der schon in der Einleitung des biblischen Schöpfungsberichts deutlich markiert wird, auch etwas mit dem Ursprung und der Logik der Sprache zu tun? Und ist nicht die Beziehung von Mythos und Philosophie eine Parodie des Offenbarungsrhythmus, deren verhängnisvolle Folgen am Christentum sich studieren lassen.
    Es sollte Anlaß zur Zurückhaltung sein, wenn man sich erinnert, daß es die Dämonen waren und dann auch Petrus, zu dem er an anderer Stelle sagt „Weiche von mir Satan“, die Ihn als den Sohn Gottes erkennen? – Stand dieser Titel unter dem Bann der Logik der Schrift, aus dem er mit der Erfüllung des Worts befreit werden wird? Gilt für diesen Titel nicht auch die Warnung des Jeremias: „Verlaßt euch nicht auf täuschende Worte wie diese: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier“ (74)?
    Nicht die Trinitätslehre ist entscheidend, sondern die Nachfolge, es sei denn, wir begreifen endlich die Bedeutung der Trinitätslehre im Kontext des Nachfolgegebots (ihre imperativische Bedeutung, zu der insbesondere das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist gehört).
    Zu Rosenzweigs Übersetzung „Geist Gottes brütend über den Wassern“: Kann es sein, daß der Geist die Gebärmutter/Barmherzigkeit verkörpert, in der das Reich Gottes ausgetragen wird? Vgl. auch das Wort von den „messianischen Wehen“.
    Woher kommt eigentlich und was bedeutet der Begriff Plusquamperfekt? Ist das Plusquamperfekt das durchs Futurum perfectum vermittelte Perfekt? Drückt sich in der Folge: Ich habe gehabt, ich werde gehabt haben und ich hatte gehabt, nicht eine Stufenfolge der Reflexion aus (ähnlich in: ich bin gewesen, ich werde gewesen sein und ich war gewesen)? Das Perfekt ist Ausdruck der abgeschlossenen Vergangenheit, das Plusquamperfekt: da ist auch die Erinnerung dieser abgeschlossenen Vergangenheit schon vergangen und abgeschlossen. – Das Plusquamperfekt: die grammatische Verkörperung dessen, was der jungen Christenheit die eigene „heidnische“ (mythische) Vergangenheit bedeutete? Das Christentum hat die eigene mythische Vergangenheit zur (vollständig verdrängten) Vorgegangenheit gemacht, um sich in der Gestalt Jesu das in ihm reflektierte Israel als neue Vergangenheit aneignen zu können.
    Ist es nicht fast symbolisch, wenn ein Gesamtschuldirektor seine Absicht bekundet, nach seiner Pensionierung Ägyptologie zu studieren (die Geschichte des Sklavenhauses)?
    Drinnen und draußen: Zum Faschismus gibt es kein Draußen; wer sich äußerlich (als Feind) zu ihm verhält, steckt schon drin. Die einzige Kraft, die die des Faschismus aufzulösen vermag, ist die der Reflexion. Deshalb gibt es keine „liberale Substanz“ der Politik ohne die „negative Bürgschaft“ durch die totalitären Systeme (vgl. Metz‘ Bemerkung zu H. Dubiel in seinem Essay „Religion und Politik auf dem Boden der Moderne“, FR vom 10.06.95). Es ist schlechterdings undenkbar, sich den Faschismus als real vergangen vorzustellen. Es gibt keine „Gnade der späten Geburt“. Der Faschismus ist das, was der Mythos für die junge Christenheit war, ein Plusquamperfekt, das nicht vergehen kann.
    Heute ist die Verwechslung von Komplizenschaft und Solidarität unvermeidbar geworden.
    Warum gibt es keinen Primo Levi der raf, warum gibt es keinen Huidobro und Rosencof der raf? Und warum ist der Primo Levi des Stalinismus, Solschenizyn, der den Bericht über den Archipel Gulag geschrieben hat, zum Faschisten geworden?
    Sind die drei Jünglinge im Feuerofen und Daniel in der Löwengrube Symbole der Politik?
    Ist Habermas‘ Begriff der Moderne nicht ein Bekenntnisbegriff, den es ohne die Häresie der Postmoderne nicht geben würde?
    „Religion und Politik auf dem Boden der Moderne“: Die Moderne ist zwar der Boden der Politik, für die Religion aber Reflexionsgegenstand, nicht ihr Boden. Und wenn Boden: Was liegt unter diesem Boden, worauf stützt er sich? Die Selbstbegründung der Moderne, der Akt, mit dem sie von ihrer Vergangenheit sich absetzt, hat selber ihre verborgenen theologischen Wurzeln.
    Es gibt falsche Zeugen, falsche Eide, falsche Propheten; aber den Nathanael nannte er einen „wahren Israeliten, ohne Falsch und Tadel“. (Wie ist es mit den falschen Zeugen im Verfahren der Hohepriester gegen Jesus, in welchem Sinne war ihr Zeugnis falsch: Verwechslung der Realitätsebene mit der des Symbols?)
    Rührt nicht das Verständnis des achten Gebots (das Verhältnis des falschen Zeugnisses zur Lüge) an ein Problem der Sprache?
    Gibt es nicht den Begriff der Lüge überhaupt erst im Neuen Testament (im Kontext der Gestalt des Teufels, der Dämonen, der unreinen Geister)? – Verhält sich der Teufel zum Satan wie die Lüge zum falschen Zeugnis? – Vgl. die Versuchungsgeschichte Jesu bei
    – Mt: Versuchung durch den Teufel, drei Versuchungen, „Hinweg Satan“, „da verläßt ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu und dienten ihm“ (41-11),
    – Mk: Versuchung durch Satan, und „er war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm“ (112-13),
    – Lk: wie Mt, andere Reihenfolge, ohne das „Hinweg Satan“, „und nachdem der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, stand er von ihm ab bis zu gelegener Zeit“ (41-13)
    Nur wenn die Welt durchs Wort erschaffen wurde, ist sie erlösbar. Sind nicht alle naturwissenschaftlichen Weltentstehungestheorien Versuche, die Erinnerung an das Jüngste Gericht aus der Welt zu schaffen? – Wie verhält sich die Lehre, daß die Welt durchs Wort erschaffen wurde, zur Lehre von der creatio mundi ex nihilo?

  • 16.6.1995

    Sprache der Gewalt: Im Deutschen ist aus dem Geist des Rates der Geheimrat und aus dem Rat der Ratschlag geworden. Die Differenz gründet in einer Staatsmetaphysik, deren Grund nicht mehr die Sprache, sondern die allgegenwärtige Gewalt ist, und in der das Hören zum Gehorsam verkommen ist. – Sind nicht die Bekenntnislogik, die Trinitätslehre und die Opfertheologie Grundlage und Teil dieser Gewaltmetaphysik, und sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung (ist nicht jede Form der Ästhetik) ein Äquivalent der Sprache der Gewalt im Bereich der Erkenntnis?
    „Stell Dich nicht so an!“, Logik der Schuld oder Folgen der Opfertheologie: Empfindlichkeit ist pathologisch, sie gründet in der Logik der Schuld; die „Tiefe“ einer Verletzung wird zum Maß für die Schwere der Schuld, die der Täter durch seine Tat auf sich geladen hat. Aber kann sich der Täter, der Urheber einer Verletzung, darauf berufen? Zur Falle für beide Seiten wird die Instrumentalisierung der Verletzung, die Funktionalisierung der eigenen Opferrolle, die die Täter/Opfer-Beziehung festschreibt, sich weigert, die Opferrolle auch noch zu reflektieren (und damit der Schuldreflexion des Täters den Weg versperrt), weil das Opfer auf den Nutzen, den es aus dem Schuldspruch gegen den Täter zieht, nicht verzichten kann.
    Wasser und Feuer: Gründet die Sinnlichkeit insgesamt (das gesamte Reich der Empfindungen, insbesondere Farbe, Wärme und Klang) in ihrer Beziehung zum Licht (in ihrem Verhältnis zu den subjektiven Formen der Anschauung)?
    Empfindlichkeit, Selbstmitleid, Selbstvergöttlichung: Verinnerlichung der Selbsterhaltung (Pendant der vollständigen Instrumentalisierung der Welt).
    Taumelkelch, Kelch des göttlichen Zorns, Unzuchtsbecher: Zu den infamsten Herrschaftsmitteln gehört die Verwirrung, Beherrschung und Instrumentalisierung der Erinnerung der Anderen, ein Erbe des Christentums, Hinweis auf den genetischen Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung mit dem Ursprung und der Geschichte des Dogmas, der Orthodoxie, der Bekenntnislogik (das Dogma als Produkt der Verarbeitung des Kreuzestodes im Kontext des Weltbegriffs und der Logik des Herrendenkens).

  • 14.6.1995

    Die Blinden und die Lahmen: Gibt es nicht ein Erblinden und Erlahmen durch die Theologie?
    Hängt Joh 129 zusammen mit der Antwort Jesu auf die Frage des Täufers, ob er es sei, der da kommen soll, und bezieht sich das in den Evangelien (Mt 33) auf Johannes bezogene Prophetenwort (Jes 403): „die Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet seine Straßen gerade“, auf die Johannes-Apokalypse?
    Gehört es nicht zum Begriff der Moderne, daß sie die „Wilden“ erfunden hat?
    Der Garant der transzendentalen Logik ist das transzendentale Subjekte, das die Distanz zum Objekt herstellt, durch die es in den herrschaftsgeschichtlichen Prozeß verflochten ist: seine Einheit. Es ist kein Zufall, daß die Philosophie auf ihrer Spitze, in Hegels Logik und Staatsphilosophie, zur Selbstbegründung des Nationalismus geworden ist.
    Bezeichnet nicht der Name der Basilika den unter den Bedingungen des Hellenismus säkularisierten, auf den König anstatt auf den nationalen Gott bezogenen Tempel (die Handels-, Bank-, Gerichts- und Versammlungsstätte)?
    Die subjektiven Formen der Anschauung konstituieren das Objekt, und sie trennen den Namen, den sie zugleich depotenzieren, vom Begriff.
    Die Person ist der Statthalter des Namens unter den Bedingungen des Staates (des Rechts).
    Zu den Confessiones des Augustinus: Der Vater und die Geliebte bleiben namenlos, während die Mutter und der Sohn mit Namen genannt werden.
    Ich und Du: Im Deutschen wird zwischen Antlitz und Angesicht unterschieden. Worin liegt der Unterschied, und ist dieser Unterschied nicht in der deutschen Sprachlogik (in ihrer Verarbeitung der christlichen Tradition) begründet? Bezeichnet nicht das Antlitz das Entgegenblickende, das Angesicht das Angesehene?
    Zur Frage des Maimonides (ob nicht der Messias, wenn er am Ende erscheinen wird, das Antlitz dessen tragen wird, der schon einmal dagewesen ist) gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit: Es könnte sein, daß der, der am Ende kommen wird, das gleiche Gesicht haben wird wie der, der im Stall geboren und am Kreuze hingerichtet worden ist; aber werden wir ihn wiedererkennen? Vgl. hierzu Theodor Haeckers Bemerkung über die Evangelien, in denen das Aussehen Jesu nicht überliefert wird, und den Zusammenhang dieser Bemerkung mit der unmittelbar nachfolgenden Verwechslung des Israeliten mit dem Hebräer. Ist nicht die Ikonographie Jesu, sein in der Kunst überliefertes Aussehen, selber schon ein Produkt der Theologie hinter dem Rücken Gottes, und ist dieses Antlitz nicht schon Ausdruck des kirchlichen Antisemitismus?
    Was findet sich im Personalausweis und auf Fahndungsfotos: das Antlitz oder das Angesicht? (Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Kruzifix und dem Fahndungsfoto?)
    Politische Theologie leistet keinen Beitrag zur Institutionenlehre, zur Begründung der Organisation des Staates. Politische Theologie ist Herrschaftskritik.
    Der deutsche Schöpfungsbegriff hat die Welt insgesamt in den Kelch transponiert. Heideggers Dasein als In-der-Welt-Sein, Produkt des Vorlaufens in den Tod, ist der genaueste Ausdruck davon.
    Ist nicht Heideggers Eigentlichkeit ein letzter Nachhall von Hegels Bewußtsein der Freiheit, das selber schon den Hinweis darauf mit einschließt, daß hier das Subjekt zum Opfer seiner eigenen List der Vernunft geworden ist? Hegels Bewußtsein der Freiheit ist Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, der Heidegger mit seinem Begriff der Eigentlichkeit noch einen positiven Sinn abzugewinnen versucht: den Sinn von Sein. Die Eigentlichkeit hängt mit dem Sinn von Sein auch insofern zusammen, als sie daran erinnert, daß die Subjektqualität an die Funktion des Urteilens gebunden ist, dessen Kern die Kopula, das Sein, ist. Aber Eigentlichkeit konstituiert sich nur, wenn zugleich verdrängt wird, daß der Urteilende das Urteil auch über sich selbst aufrichtet, selber zum Objekt des Urteils wird (Ableitung der Schicksalsidee aus der Urteilsform). Wenn Kants erhabene Nüchternheit gegen den ontologischen Gottesbeweis an der Differenz zwischen dem realen und einem bloß gedachten Vermögen festhält, so rührt Kant damit an die im Weltbegriff selber verankerte Beziehung des Infinitivs Sein zum Possessivpronomen der dritten Person singular, männlich, das ebenfalls durch das Wort „Sein“ ausgedrückt wird.
    Lassen sich nicht die Bemerkung aus der Dialektik der Aufklärung, daß „jedes Tier an ein abgründiges Unglück (erinnert), das in der Urzeit sich ereignet hat“, und der darauf bezogene Wunsch, „daß der Mensch, der durch Vergangenes mit ihm eins ist, den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende erweicht“ (Neupublikation 1969, S. 264), die ohnehin an prophetische Zusammenhänge erinnern, auf das apokalyptische Tier, auf die Kirche (das steinerne Herz der Welt) und auf das Wort vom Binden und Lösen beziehen?
    Wenn man sieht, daß ein Kind in den Brunnen fällt, bedarf es keiner Autorität, die einem sagt, was zu tun ist. Aber gibt es nicht auch den andern Fall, daß einer in den Abgrund geschaut hat, in den nicht mehr nur ein Kind fällt, dem vielmehr die Welt, die ihn aus sich selbst erzeugt, zurast: Sind die Konsequenzen dann nicht ebenso zwingend und spontan wie im Falle des Kindes und des Brunnens? Ist es dann nicht ebenso wichtig, die Mechanik dieses Vorgangs zu studieren in der absurden Hoffnung, vielleicht doch noch die Stelle zu finden, an der ein Eingreifen möglich ist?
    Die kopernikanische Wende hat die Voraussetzungen für den Kapitalismus geschaffen, sie hat den Weg freigemacht.
    „Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, gründet in der Distanz zur Sache, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt.“ (Dialektik der Aufklärung, 1969, S. 19)

  • 13.6.1995

    Die Wahrheit des Dezisionismus ist das Bewußtsein des ungeheuren Gewaltpotentials, das der Zivilisationsprozeß erzeugt hat.
    Mit dem Begriff der Intersubjektivität ist schon eine apriorische Vorentscheidung getroffen, die innerhalb der Philosophie nicht sich rückgängig machen läßt.
    Intersubjektivität entscheidet den Hegelschen Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zugunsten des Anderen, bringt das Eine zum Verschwinden. Ins Deutsche übersetzt heißt Intersubjektivität: Anpassung an die Welt, wie sie nun einmal ist. Das eröffnet dann den Spielraum fürs „Experimentieren“, tastet aber die Maschine nicht mehr an.
    Der Begriff der intersubjektiven Vernunft verletzt das Verbot, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen.
    Philosophie und Projektion: Es stimmt, daß wir nur das erkennen, was wir in die Dinge hineinprojizieren (und der Begriff der Intersubjektivität sanktioniert diese Projektion, die eine kollektive ist). Nur daß wir im Prozeß dieser Projektion den eigenen blinden Fleck herausarbeiten, dessen Reflexion dann die Philosophie wäre. Die Hegelsche Philosophie (Hegels Logik) ist dieser gleichsam entfaltete und durchorganisierte blinde Fleck.
    Zu Metz: Die „Verweltlichung der Welt“, das ist die Entfaltung des blinden Flecks.
    Kann es sein, daß die memoria passionis mit dem Gebot der Feindesliebe konvergiert? Oder umgekehrt: Ist nicht das Gebot der Feindesliebe der Hebel, mit dessen Hilfe Moderne und Religion gemeinsam auszuhebeln wären, damit beide sich erfüllen? Was in der Verweltlichung der Welt sich herausarbeitet, ist der „Feind“, in dem wir uns selbst (unser eigenes Angesicht) erkennen. In diesen Zusammenhang gehört das Wort vom Greuel der Verwüstung am heiligen Ort. – Ist nicht die Aufklärung der Feind, in dem die Kirche sich selbst erkennen würde, wenn sie aus dem eigenen blinden Fleck heraustritt? Und ist nicht Religion selber heute der Greuel der Verwüstung am heiligen Ort?
    Die memoria passionis gewinnt konkrete Gestalt erst im Kontext des parakletischen Denkens. Und der Universalimus kommt zu sich selber in dem Satz, daß am Ende Gotteserkenntnis die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Meeresboden bedecken (zusammen mit dem Jeremias-Wort, daß keiner den Andern mehr belehren wird, weil alle Gott erkennen).
    Hat Hegel nicht, als er die Antinomien der reinen Vernunft aus der transzendentalen Ästhetik in die Logik transponierte, die transzendentale Ästhetik erst recht unangreifbar und undurchschaubar gemacht?
    Warum gibt es in der ganzen Adorno-Schule niemand, der einen Kommentar zu Hegels Logik schreibt? Das Potential, das den Bann hätte lösen können, war da.
    Der Titel des Werks von Hermann Cohen „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ ist bis heute uneingelöst. – Vgl. insbesondere die Bemerkung Cohens, daß die Attribute Gottes Attribute des Handelns, nicht des Seins sind, die Emmanuel Levinas dann so verschärft hat: Die Attribute Gottes stehen im Imperativ, nicht im Indikativ. Hierin liegt das Programm der Gotteserkenntnis, der Grund der Unterscheidung von Gebot und Gesetz und die Dekonstruktion des Begriffs der Intersubjektivität (die das Subjekt zum Objekt seiner eigenen Formen der Anschauung macht).
    Das Angesicht ist eine logische Konstruktion: die Grenze, an der die Logik sinnlich wird.
    Der Begriff ist ein Totengedenken und Hegels Philosophie ein Heldenfriedhof (und Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ein Versuch, selber noch einen Platz auf diesem Heldenfriedhof zu erhalten). Aber wäre nicht dieses Totengedenken aufzusprengen, in ihm die Kraft des Namens wiederzuerwecken, denn Gott ist kein Gott der Toten (und: Laßt die Toten ihre Toten begraben).
    Der Mörfelder Wald ist durchsetzt von Erinnerungen an die Startbahn-Auseinandersetzungen, in denen kommunikatives Handeln durch Schlagstock und Wasserwerfer erfahren werden konnte.
    Die Habermassche Theorie des kommunikativen Handelns hat das hilflose Postulat des gewaltfreien Diskurses an die Stelle der Reflexion der Gewalt gesetzt: Sie hat der eingreifenden Argumentation entsagt und, ohne es noch zu bemerken, ihr Vertrauen in die Kräfte des sich selbst regulierenden Marktes, die selber eine der Quellen der Gewalt ist, gesetzt.
    Als der Studentenprotest aus der Öffentlichkeit herausgeprügelt worden ist, ist die raf in die Studentenbewegung hineingeprügelt worden.
    Es gehört zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, wenn es nicht gelungen ist, Derrida’s unverschämte Benjamin-Kritik öffentlichkeitswirksam zu destruieren.
    Wäre nicht die Frage von Maimonides, ob nicht der Messias, wenn er am Ende erscheinen wird, das Antlitz dessen tragen wird, der schon einmal da gewesen ist, auch in die christliche Theologie mit aufzunehmen: Muß Christus, wenn er wiederkommen wird, notwendig das Antlitz dessen tragen, der im Stall geboren wurde und am Kreuze starb?
    Theologie im Angesicht Gottes wäre nicht mehr religiös, sondern politisch.
    Der Name der Theologie wäre zu retten, wenn der Logos die Erinnerung an den Begriff in sich tilgen und die Kraft des Namens in sich wachrufen würde. Schwieriger wäre es mit dem Namen der Philosophie: Hier wäre aus der Sophia das Abgeklärte zu entfernen.
    Die Fähigkeit zur Reflexion der Gewalt hängt auf eine sehr merkwürdige Weise mit der Fähigkeit zur Reflexion der subjektiven Formen der Anschauung zusammen: Die subjektiven Formen der Anschauung erbringen (gemeinsam mit dem Weltbegriff) eine Vorleistung, deren Reflexion die der Gewalt überhaupt erst ermöglicht.
    In dem Augenblick, als man den Raum durch das Prinzip der Reversibilität aller Richtungen in ihm definierte, als man ihn gegen die Zeit verselbständigte, zusammen mit der Geometrisierung des Raumes, wurde die Idee der Umkehr destruiert. Über diese Logik hängen Orthogonalität und Orthodoxie mit einander zusammen.
    Zur Geschichte der Scham (zu ihrer Ursprungsgeschichte im Sündenfall) gehören auch die Benennung der Tiere durch Adam und die Erschaffung der Eva. Gehört nicht der Tierkreis zur Benennung der Tiere durch Adam, das Planetensystem zur Vertreibung aus dem Paradies und zum Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert?

  • 12.6.1995

    Zur memoria passionis gehört auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Leidensseite des Handelns, die Fähigkeit zur Empathie, zur Barmherzigkeit, die Einübung der Sensibilität, der Identifikation mit dem Anderen: die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen.
    Die Schrift verwirrt die Unmittelbarkeit, das Geld die Barmherzigkeit und das Bekenntnis das Angesicht.
    Die Trinitätslehre ist eine Schutzimpfung gegen das biblische Symbol.
    Die Apologetik verrät, was sie verteidigt.
    Der der Personalisierung zugrunde liegende Rachetrieb verharmlost, was er anprangert, und verhindert die Erkenntnis, daß die Strukturen überleben.
    Verwaltung: Die wohldotierte Verantwortungslosigkeit.
    Wie es scheint, geht es dem BAW nicht mehr um Erkenntnis, sondern nur noch um Diskriminierung. Er hat sich längst selber politisch instrumentalisiert.
    Die altkirchliche Basilika (der Name gründet in einem Adjektiv basilikä = königlich: die königliche <Halle>) ist hervorgegangen aus der römischen Basilika, einem kommunalen Mehrzweckbau mit repräsentativem Charakter, der als Markthalle, Bankgebäude und Börse, als Gerichtssaal und allgemeiner Treffpunkt diente (dtv-Atlas zur Baukunst I, S. 231). Vor den Christen hatten bereits jüdische Gemeinden den Typ der Basilika für ihre Synagogen übernommen (S. 259). Im Gegensatz zum Tempel, der in erster Linie Haus des Gottes (des göttlichen Namens bzw. der Statue des Gottes) war, war die Basilika ein Versammlungsraum, der Ort der Gemeinde, der ekklesia. Zum Namen: War die Basilika nicht in der Tat die königliche Halle, der Ort, der den gesamten Bereich königlicher Kompetenzen, den Bereich, für den dann der Name der Welt sich durchsetzte, repräsentierte, vom Kommerz über das Geldwesen bis zum Gericht. Die Basilika war gleichsam der Mikrokosmos, die embryonale Welt, der Quellpunkt des Objektivationsprozesses. Und genau dieser Ort wurde zum Ort der Kirche. In welcher Beziehung steht dieser Zusammenhang zur Geschichte der Architektur, die – unter christlichem Vorzeichen – in erster Linie eine Geschichte der krichlichen Architektur war: Läßt sich daran nicht die Herrschaftsgeschichte ablesen (Herrschaftsgeschichte als Vorgeschichte der der naturwissenschaftlichen Aufklärung, die selber als Geschichte der Verinnerlichung der Architektur sich begreifen läßt)?

  • 11.6.1995

    Creatio mundi ex nihilo: Hat das nicht mehr mit einer Theorie der Banken, mit dem Problem der Kreditschöpfung, zu tun als mit der Theologie?
    Daß Gott den Himmel aufgespannt und die Erde gegründet hat, steht uns das nicht in den Planetenbewegungen am Himmel vor Augen? Drückt in den Planetenbewegungen nicht dieses Aufspannen und Gründen als Tätigkeit sich aus (haben wir darin nicht die Schöpfung als Tätigkeit vor Augen)?
    Walter Benjamin hat Kafkas Satz „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“ ergänzt: „Hoffnung ist uns nur um der Hoffnungslosen willen gegeben“. Aber wer sind die Hoffnungslosen? Sind es nicht in erster Linie die Toten? Das aber heißt, daß wir die Lehre von der Auferstehung nicht auf uns, sondern nur auf sie noch beziehen können.
    Konsequenz aus Peter Brown (Macht und Rhetorik): Ist nicht die Konfessionalisierung des Symbolums eine Folge seines Ursprungs in der Rhetorik?
    Die Logik der Schrift verdinglicht das Wort, sie immunisiert die Dinge gegen ihren Namen.
    Hodie, si vocem eius audieritis: Wie das Sehen aufs Vergangene, so verweist das Hören aufs Zukünftige (der Begriff subsumiert das Hören unters Sehen).
    Die Lateiner haben physis mit natura übersetzt, aber beide Begriffe bezeichnen nicht das Gleiche. Die Differenz ist herrschaftsgeschichtlich vermittelt.
    Alle Religionen sind verweltlichte und vergesellschaftete Formen der Gotteserkenntnis. Darum ist jede Religion, der man angehört, die falsche.
    Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, würde es keine Verwaltung mehr geben können. (Ein von Verbotsschildern durchsetzter Wald ist kein Wald mehr, sondern ein Verwaltungsobjekt.) Muß man nicht ähnlich wie man sagt, daß die Roten mit dem Geld nicht umgehen können, von den Grünen sagen: Sie können mit der Verwaltung nicht umgehen?
    Ist der Jugoslawienkonflikt nicht ein weiteres Indiz dafür, daß Politik generell in Verwaltung überzugehen scheint? Die supranationalen Einrichtungen wie EG und UNO sind reine Verwaltungseinrichtungen, an die die Staaten ihre Souveränität abgegeben haben, denen aber selber jegliche Souveränität abgeht. In einer verwalteten Welt gibt es eigentlich keine Kriege mehr, sondern nur noch Bürgerkriege und Polizeiaktionen. Aber ist es nicht genau diese Konstellation, in der nur Terrorismus noch eine Chance zu haben scheint (u.a. deshalb, weil es zum Terrorismus keine Friedensalternative gibt, sondern nur noch Endlösungen)? Die Ohnmacht der Militärs angesichts der Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien hängt damit zusammen. Und was bedeuten diese Vorgänge für das Problem des Verfassungsstaats und der Gewaltenteilung?
    Ist es nicht der Verwaltungs- und Polizeistaat, und sind es nicht seine unsauberen Folgeeinrichtungen, die (erstmals im alten Rußland) den Terrorismus, der durch Gesetz und Moral sich nicht mehr gebunden fühlt, gegen sich wachrufen? Terrorismus, die Machtquelle derer, die in den repräsentativen Systemen sich nicht mehr vertreten fühlen, ist Symptom eines herrschafts- und begriffsgeschichtlichen Problems. Das Problem des Terrorismus entspringt den gleichen logischen Gründen, aus denen auch das Problem der „zivilen Nutzung der Atomenergie“ hervorgeht, und es ist ebenso lange wie dieses nicht lösbar.
    Das Engelssche Konzept der „Verwaltung von Sachen“ als Grundlage einer befreiten Gesellschaft, an dem der „real existierende Sozialismus“ gescheitert ist, ist ebenso antisemitisch, paranoid und frauenfeindlich wie die Trinitätslehre.
    Was bedeutet die in der Theologie üblich gewordene Verletzung des Verbots, den Gottesnamen auszusprechen, (das „Jahwe“) für die Geschichte der Trinitätslehre? Steht nicht der Gottesname „Vater“ im Christentum in der Adonai-Tradition (als Versuch der „Humanisierung“ des Namens „Herr“)?
    Die kirchliche Tradition kennt keine Patriarchen, nur „Kirchenväter“. Und niemand würde auf die Idee kommen, in Analogie zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vom Gott des Johannes Chrysostomus, des Gregor von Nazianz oder des hl. Augustinus zu sprechen.
    Das Problem der Kirche ist, daß sie mit der Anwendung des Objektivationsprozesses auf die Theologie, mit der Instrumentalisierung des Dogmas und mit der Errichtung des kirchlichen Lehramts den Heiligen Geist unters Herrendenken subsumiert hat.
    Hat Habermas, als er die Naturspekulation aus der Philosophie ausgeschieden hat, das prophetische Element aus der Frankfurter Schule vertrieben? Mit der Ausscheidung der Reflexion der Natur hat er der Kapitalismus-Kritik den Boden entzogen.

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