• 14.1.1995

    Ethik und Sprache, oder die Neutralisierung der Ethik durchs Inertialsystem.
    Die Umkehr: Angesicht, Name und Feuer.

  • 13.1.1995

    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Voraussetzung des Objektivationsprozesses und zugleich die Formen der Vergesellschaftung des Subjekts: der Vergesellschaftung durch Isolation. Diese Isolation des Subjekts, Folge der Verinnerlichung des Opfers, war der Boden, auf dem das Christentum sich entfaltet hat. Die subjektiven Formen der Anschauung waren der Kelch, von dem Jesus im Garten von Gethsemane wünschte, er möge an ihm vorübergehen.
    Hegels Reich Gottes ist das Totenreich, das Absolute der Herr der Toten.
    Die Namenskraft der Sprache ist noch zu unterscheiden von ihrer benennenden Kraft: diese ist der Grund der Schuldverstrickung. (Beachte das Präfix be- im Benennen.)
    Die Husserlsche Phänomenologie war der Versuch, in die Sprache hineinzuhorchen, die objektive Bedeutung der Worte herauszuhören. Die Phänomenologie wurde verhext durch Heidegger, der die Bedeutungsanalyse mit der Frage nach dem Sinn trübe vermischt hat. Dieser Kurzschluß, die Verwechslung dessen, was die Worte von sich aus meinen, mit dem, was die Sache, die in den Worten sich ausdrückt, für mich bedeutet, war tendentiell faschistisch.
    Die Frage nach dem Sinn ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage; sie ist keine Frage der Ontologie, sondern der Ethik.
    Habermas hat den Kafkaschen Satz: „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“, nie begriffen, so wie das Christentum den Satz: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren“, auch nie begriffen, im Gegenteil: das „sein Leben gewinnen“ zum Kern seiner Theologie gemacht hat.
    Bezeichnet nicht die Tat in den „Tatsachen“ präzise und genau die Sünde der Welt?

  • 11.1.1995

    Das Wort, daß die Pforten der Hölle sie (die Kirche) nicht überwältigen werden, hat eine besondere Beziehung zur deutschen Sprache: Es ist nur wahr, wenn das Substantiv (das Gravitationszentrum der deutschen Grammatik) reflektierbar ist (der Schlüssel liegt in der Hegelschen Logik).
    Zu Rosenzweigs Konstruktion der chinesischen und indischen Welt: Kann es sein, daß diese beiden Gestalten des Mythos Natur und Welt, die im griechischen Mythos sich trennen, noch ungetrennt zu erhalten versuchen, daß die chinesische Welt die Objektseite, die indische die Begriffsseite der Urteilsform, der beide verfallen sind, repräsentiert, während die griechische Welt den Konflikt in Mythos, Tragödie und Philosophie auszutragen verurteilt ist?

  • 10.1.1995

    Welche Folgen die Vertauschung von Subjekt und Prädikat hat, läßt sich demonstrieren an dem Satz „Alle Menschen werden Brüder“. Wäre es nicht besser, wenn endlich alle Brüder Menschen würden? Hat dieser Satz nicht etwas mit der Form des Raumes (und mit der Umkehr) zu tun?
    Das Präfix be- ist der letzte Abkömmling der Schicksalsidee, die über Begriffe wie Bekehrung und Bekenntnis in die Theologie eingewandert ist. Im Kontext dieser Begriffe ist die Barmherzigkeit zur Gnade geworden; die Probleme der Gnadenlehre rühren daher, daß ihre innere, sie begründende Beziehung zur Barmherzigkeit (Seid barmherzig wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist) in diesem Zusammenhang entstellt und verdunkelt worden ist.
    Hängt der Satz über die Barmherzigkeit des Vaters im Himmel mit dem andern, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht, zusammen?
    Die Ontologie ist der Kern und das Fundament des steinernen Herzens der Welt.
    Bezeichnet der neutestamentliche Begriff des Fleisches die Schrift? Würde das nicht die Bedeutung des Satzes „Und das Wort ist Fleisch geworden“ verändern? Und was heißt dann „et incarnatus est de spiritu sancto ex Maria virgine“?
    Was käme dabei heraus, wenn man davon ausgehen würde, daß nicht Sonne, Mond und Sterne am Himmel oder die Erde mit den Planeten um die Sonne sich bewegen, sondern beide Bewegungen als Scheinbewegungen sich enthüllen, die aus „relativistischen“ Bewegungen des Raumes in sich selber sich herleiten lassen?
    Läßt sich die grammatische Geschichte der Sprachen als ein Teil der Geschichte der Naturerkenntnis begreifen? Ein Schlüsselphänomen wäre die astrologische Rekonstruktion der Deklinationen.
    Dem Futur II, der zukünftigen Vergangenheit, antwortet die Theologie mit der Erinnerung der vergangenen Zukunft. (Der Satz, daß Gott aus seinen Werken erkannt wird, bezieht sich auf die göttlichen Verheißungen, nicht auf die Natur, auf die vergangene Zukunft, nicht auf die zukünftige Vergangenheit.)
    Was hat der Ibis mit der Eule (Ägypten mit Athen, Thot mit Minerva) zu tun?

  • 9.1.1995

    Weshalb mußte Jesus sterben: Hängt sein Tod mit der Geschichte der Ich-Bildung zusammen? War es nicht das gleiche Ich, das bei ihm den messianischen Anspruch trug, während es nach ihm zum Becher der Unzucht geworden ist?
    Die Seelenlehre war kein Schutz, sie hat vielmehr die projektive Anwendung des Feuers (in den Scheiterhaufen der Kirche) gefördert.
    Ohne Ansehen der Person, heißt das nicht: ohne die Verwechslung des Angesichts mit der Person (mit der Maske, der gesellschaftlichen Rolle und Funktion, die sie vorstellt)?
    Sie waren nackt, und sie schämten sich nicht: Jeder lebte noch im Angesicht des andern, ihnen waren die Augen noch nicht aufgegangen.
    Das Inertialsystem ist der real existierende Idealismus.
    Das Dogma ist das Königsgrab der Wahrheit.

  • 8.1.1995

    Zur Definition des Eigentums gehört der Staat als Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern und die Unterscheidung von Eigentum und Besitz (Verfügungsrecht, Nutzung und Haftung).
    Der Staat begründet und neutralisiert die Unterscheidung von Vorn und Hinten, Rechts und Links und Oben und Unten und konstituiert so die subjektiven Formen der Anschauung (und deren Basis: die Form des Raumes).
    Begriff und Name sind zwei inverse Formen der Reflexion des Fremden in der Sprache.
    Die Idee des Absoluten ist das Produkt einer von der Anschauung beherrschten (durch die Anschauung neutralisierten) Erkenntnis. Die Anschauung gründet in der Leugnung des Angesichts und begründet zugleich die Objektvorstellung und die Urteilsform.
    Die Hegelsche List der Vernunft ist ein Sinnesimplikat der Logik der Schrift: Die Logik der Schrift und die List der Vernunft begründen sich wechselseitig.

  • 7.1.1994

    Die Logik der Schrift ist das Produkt der Subsumtion des Hörens unter das Sehen und der Grund der Logik der Anschauung; darauf verweisen die zwei entscheidenden Abstraktionsschritte:
    – der Erfindung der phonetischen (alphabetischen) Schrift (der Hereinnahme der fremden in die eigene Sprache, der Abstaktion vom dialogischen Prinzip der Sprache) und
    – der Entwicklung des Inertialsystems mit der Folge der Subjektivierung der Sinnlichkeit, der Auslöschung der sinnlichen Welt, ihre Auflösung in die chaotische Mannigfaltigkeit der Empfindungen (der Abstraktion vom Gesehenwerden, der Subsumtion der Erfahrung unter die Anschauung).
    Ist nicht die Kapitalismus die Zwangswiederkehr und Potenzierung Kanaans?
    „Wer hat Weisheit in den Ibis gelegt, oder wer hat dem Hahn Verstand (Buber: Merksamkeit) gegeben?“ (Hi 3836) Hat dieser Ibis etwas mit dem ägyptischen Thot, dem Erfinder der Schrift und Begründer der Wissenschaft, zu tun (und der Hahn mit dem Hahn in der Geschichte von den drei Leugnungen)?

  • 6.1.1995

    tbl, ein Weltbegriff, der Natur und Welt noch als ungeschiedene Einheit bezeichnet und erstmals bei Jeremias auftaucht (an zwei gleichlautenden Stellen: 1012 und 5115), wird von Buber mit „Rund“ übersetzt. Das gleiche „Rund“ erscheint bei Buber auch noch in Hiob 3413 und 3712. Bei Jeremias erscheint dieser Weltbegriff im Zusammenhang des Schöpfungsbegriffs: Er ist es, der die Erde gemacht hat durch seine Kraft, der das Rund gegründet durch seine Weisheit und den Himmel aufgespannt durch Einsicht. Verweist das „gegründet durch seine Weisheit“ auf den Herrschaftszusammenhang, auf die historisch-politische Konstellation, den Ursprung des Staates?

  • 4.1.1995

    Gibt es nicht ein Präteritum, das eigentlich die Zukunft meint? Gehört dazu nicht das Präteritum im Anfang des Johannes-Evangeliums? Ist die archä, in der der Logos war, eine archä, die noch nicht ist (ein Stück vergangener Zukunft)?
    Die Plancksche Strahlungsformel ergibt sich aus der Beziehung der kinetischen zur Strahlungsenergie: Die Anzahl der Atome (oder auch der Freiheitsgrade) in einem Volumen bleibt vorgegeben und konstant, während die Anzahl der Oszillatoren der elektromagnetischen Strahlung abhängig ist von der Frequenz und Wellenlänge der Strahlung: mit der Energie gleichsam rückgekoppelt ist. Damit ändert sich die Grundlage der statistischen Beziehungen der beiden Energieformen.
    Zum philein (Benveniste): Es hat mehr mit dem Possessivverhältnis zu tun, als Benveniste zugeben will. Zum unmittelbaren Possessivverhältnis kommt ein reflexives hinzu. Der Besitzende ist selbst vom Besitz besessen. Das, was im Besitzverhältnis dem Objekt widerfährt, reflektiert sich im Subjekt: im Selbstmitleid, in der „affektiven Beziehung zum Selbst“, im Geliebt-werden-Wollen. Die gesamte Philosophie steht unter dem Bann dieses Gesetzes.
    „Wenn die Welt euch haßt, …“ Der Begriff der Welt in diesem Satz bezieht sich sowohl auf die Allgemeinheit „alle Menschen“ wie auch auf den unbestimmbaren Grund der Objektivität des Weltbegriffs (das Geld). In der vom Tauschprinzip bestimmten Gesellschaft ist das Geld der Inbegriff des Anderen, der Feind aller, den es durch eigene Anstrengung zu besiegen gilt. Der Sieger fühlt sich vom Geld geliebt, der Verlierer (und jeder ist ein potentieller Verlierer) fühlt sich gehaßt (schuldig, verurteilt). Und das Christentum als die Religion der Liebe, nachdem es als Siegesreligion im Selbstmitleid versunken ist, schließt die Armen aus.
    Die Sexualmoral hat der Liebe in ihrem eigenen Zentrum eine Haßquelle eröffnet (der Begriff der Unzucht bezeichnet eine Qualität des sexualmoralischen Urteils und nicht ihres Objekts).
    Sind nicht die drei evangelischen Räte: Gehorsam, Armut und Keuschheit auf die drei transzendentalen Ästhetiken bezogen: auf die subjektiven Formen der Anschauung, aufs Geld und auf die Bekenntnislogik (die Korrelate des theoretischen, des praktischen und des sexualmoralischen Urteils)?

  • 3.1.1995

    Ist nicht die „Bruderschaft“, als Form der Allgemeinheit, die in der gemeinsamen Beziehung zum „Vater“ gründet, das Medium, in dem die Logik der Schrift (und mit ihr der Begriff des Wissens) sich entfaltet: das Medium der Vergesellschaftung, des Objektivierungsprozesses und der Verweltlichung (Ursprung des Neutrum, Bekenntnislogik)?
    Fantastisch die Ableitung des Begriffs „frei“ (und der „Liebe“) aus dem Selbstmitleid, dem Bedürfnis geliebt zu werden (Benveniste, S. 257ff): Folge des Opfers der Vernunft, das die Bedingung der Aufnahme in die Brüderhorde ist: deren späterer Repräsentant ist das Bekenntnis, dessen Logik hier entspringt.
    Der Begriff des Tieres und der der Selbsterhaltung sind korrelative Begriffe; deshalb gehört der Weltbegriff, der Inbegriff der gegenständlichen Korrelate der Selbsterhaltung, zu dem des Tieres. Die Menschwerdung beginnt mit der Fähigkeit, das Selbsterhaltungsprinzip zu reflektieren.
    Ist nicht mit der „affektiven Beziehung zum Selbst“, die dem indoeuropäischen Begriff der Freiheit zugrundeliegt, der Grund dafür gelegt worden, daß im Deutschen das Sein sowohl das allgemeine Possessivpronomen als auch den Infinitiv des Hilfsverbs „Sein“ bezeichnet (vgl. S. 257 und S. 260)? Diese affektive Beziehung zum Selbst ist Teil eines Schuldzusammenhangs, den das Christentum theologisch verankert hat: Sie konstituiert sich in einer Gestalt der Selbst-Exkulpierung (der „Sündenvergebung“), die über das theologische Konstrukt der „Entsühnung der Welt“ (der Opfertheologie und ihrer theologischen Konnotationen) vermittelt ist (und dem Verweltlichungsprozeß seine Schubkraft verleiht).
    Raub der Sabinerinnen: Der Funktion der „angeheirateten Verwandschaft“ im Kontext der indoeuropäischen Institutionen liegt eine im Eigentumsprinzip gründende Rechtsbeziehung zugrunde. Ihr Ursprungsmodell ist der Frauenraub, der der ersten Gestalt der Ehe in der Männerhorde ähnlich zugrunde liegt wie der Diebstahl dem Handel. Gründet das Institut des Privateigentums (sowie der Ehe und des Staates) nicht doch generell in der gewaltsamen Aneignung der Beute durch nomadisierende Männerhorden (das erste rechtsfähige Eigentum waren Sklaven und Frauen)?
    Benveniste hat nur bedingt recht, wenn er versucht, den Begriff des philein, des Liebens, aus der Possessivbeziehung herauszulösen. Selbstverständlich ist er nicht auf die positive, dingliche Eigentumsbeziehung eingeschränkt; aber konstituiert er sich nicht in einer Eigentumsordnung, die auch das Subjekt, den Eigentümer, in ihren Bann zieht und verändert (im Kontext des Ursprungs des Staates, dessen Vorläufer die Brüderhorde ist, und der die Eigentumsordnung, in der es dann Eigentum als Privateigentum überhaupt erst gibt, konstituiert). Wer die Idee des richtigen Handelns, und wer Schuld und Verantwortung an den König und die durch ihn gesetzte Rechtsordnung delegiert, wer sie von der Barmherzigkeit trennt, bleibt unversöhnt, anfällig fürs Selbstmitleid, süchtig danach geliebt zu werden.
    Das Geliebt-werden-Wollen ist ein apriorischer Tatbestand im Herrschaftsbereich der Ontologie und diese eine Emanation des Staates.
    Das Christentum ist dem Liebessyndrom verfallen, als es die Prophetie vor dem Hintergrund des Theologumenons seiner Erfüllung im Christentum als erledigt und abgetan, wie in der vorchristlichen Vergangenheit, so auch heute nur für die Juden zuständig, definierte. Dieses Konstrukt gehört in die Ursprungsgeschichte des Antisemitismus. Der Antisemitismus war immer schon ein Rädchen im Exkulpationsmechanismus.
    Die logischen Strukturen, in die (Glaubens-)Bekenntnis und Sündenvergebung heute geraten sind, werden durchsichtig in der Reklame (die Adorno zufolge den Tod verschweigt).
    Der Fundamentalismus ist der Greuel am heiligen Ort: Er ist nicht mehr durch bloße Verurteilung zu bekämpfen, sondern allein durch Reflexion und Auflösung des Schuldzusamenhangs, zu dessen Konstituentien die Verurteilung und zu dessen Folgen der Fundamentalismus gehören.
    Die Schlange, die das klügste aller Tiere war, hat das Wissen erfunden. Welche Beziehung besteht zwischen der Schlange (dem saraph) und den Seraphim? Nicht die Seraphim, sondern die Cherubim mit dem „kreisenden Flammenschwert“ stehen vor dem Eingang des Paradieses.
    Wut ist ein unkeuscher Zorn. Die Empörung hat ihn zur kleinen Münze gemacht, für den täglichen Gebrauch (im Tratsch) umgeformt. Wessen Bild trägt diese Münze?
    In welcher Beziehung stehen die kantischen Antinomien der reinen Vernunft zur Logik des Beweises, was bedeuten sie für die Logik des Beweises? Im Zusammenhang des Rechts gibt es drei Beweisverfahren: den Zeugenbeweis (hierzu gehören das Martyrium und die Folter), den Indizienbeweis (ausgebildet in der Geschichte der Hexenvefolgung) und das Geständnis (das Judesein war einmal das absolute, vom Juden nicht mehr widerrufbare Geständnis). Als „sicherstes“ Verfahren gilt das Geständnis, in dem der Angeklagte die Schuld auf sich nimmt („gesteht“): Dieses Verfahren spricht den Richter frei, während der Zeugen- und der Indizienbeweis der Würdigung durch den Richter unterliegen, ihn in die Verantwortung mit hereinnehmen. – Im Recht führt das Bekenntnis der Schuld, die Übernahme der Verantwortung, nicht zur Befreiung, sondern zum Urteil und zu der als Strafe neutralisierten Rache; der Zeugenbeweis unterliegt dem Verdacht des falschen Zeugnisses, während der Indizienbeweis die Möglichkeit des Fehlurteils (der Täuschung oder des Irrtums) nicht ausschließt.
    Verweist nicht das Phänomen der Fälschungen in der Geschichte auf ein herrschaftsgeschichtliches Problem? Die Fälschung gehört ebenso zur Herrschaftsgeschichte wie Mord und Raub; sie gehört zur Herrschaftsgeschichte als Geschichte des Ursprungs und der Entfaltung der projektiven Erkenntnis: als Schatten des dem Erkenntnistriebs innewohnenden Exkulpationstriebs. Hegels List der Vernunft gehört in diesen Zusammenhang. Die Geschichte der Fälschung vollendet sich in der Vorstellung des unendlichen Raumes und der unendlichen Zeit: in der Konstituierung der subjektiven Formen der Anschauung (der Objekte der kantischen Antinomien).
    Das hängt zusammen mit der eigentumsbegründenden Kraft und Funktion des Staates, dem Nationalismus als Manifestation der Gewalt gegen die konkurrierenden Eigentumsansprüche anderer Nationen.
    Es wäre zu untersuchen, ob und wie die anwachsenden Einbruchs- und Diebstahlsphantasien in den Medien und in der Gesellschaft logisch mit der anwachsenden Xenophobie zusammenhängen.
    Sind nicht die Stämme und Völker, Sprachen und Nationen Denkmäler der Geschichte der Konstituierung der Raumvorstellung?

  • 2.1.1995

    Was bedeutet es, wenn die Erlösung in der hebräischen Bibel im Bilde der Geburt (mit vorausgehenden Geburtswehen) und im Neuen Testament im Bilde der Hochzeit vorgestellt wird?
    Das Bild des Gehorsams im Sinne des evangelischen Rates ist nicht der Soldat, der einen ihm gegebenen Befehl ohne nachzudenken ausführt, sondern der Säugling, der mit gespanntester Aufmerksamkeit der Mutter die Worte, die er noch nicht versteht, vom Munde abzulesen und zu verstehen versucht. Ein Stück dieses „Gehorsams“, das eigentlich ein Hören ist, steckt in der großen Musik, und zwar auf der Seite ihrer Hervorbringung, nicht ihres „Genusses“.
    Die veräußerlichte Sexualmoral zerstört die Sensibilität im Kern durch die Verführung zum projektiven Urteil; sie ist der Quellpunkt der „Kultur der Empfindlichkeit“ (war das nicht schon in der Geschichte vom Sündenfall in dem Satz: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“ gemeint?).
    Die Logik, die der Vorstellung vom Privileg des Opfers zugrundeliegt, ist die Falle, in die der Antisemitismus gerät, wenn es ihm nicht gelingt, seinen Anteil an der Tat ohne Rechtfertigungsversuche zu begreifen. In diese Falle ist die Kirche mit der Opfertheologie und der Vergöttlichung Jesu schon in ihrem Ursprung hineingeraten; sie hat sich bis heute nicht daraus befreien können, mehr noch: sie ist selber zu dieser Falle geworden. Dieser Logik sind die schrecklichen Konkurrenzkämpfe zu verdanken, in denen die Opfer darum streiten, welchem Leiden, welchem Unrecht die höhere Ehre zusteht (Juden, Ausländer, Frauen, die Armen hier und in der dritten Welt, das Proletariat).
    Sind nicht die Zwei-Naturen- und die Drei-Personen-Lehre Konstrukte der Opfertheologie (wie der Naturbegriff und der Begriff der Person überhaupt)?
    Der Deus Sabaoth, ist das nicht der Herr der Astrologie?
    Es gibt zwei Versuche der Verarbeitung der mythischen Schicksalsidee: den theoretischen der Philosophie und den praktischen des gesetzlich verfaßten Rechts. Aber beide reproduzieren die Logik des Mythos. Der (rechtliche) Begriff der Sühne ist eine Emanation sowohl der Schicksalsidee als auch des Begriffs.
    Daß die Natur den Begriff nicht halten kann, heißt doch auch, daß der Begriff das Innere der Natur nicht erreicht, daß er der Natur äußerlich bleibt: Ist nicht die Natur ihrer eigenen Definition nach das Äußerliche des Begriffs? Was der Begriff im „Innern der Natur“ vorfindet, ist nur die Projektion seiner selbst.
    Der Naturbegriff konstituiert sich in der Konstellation Im Angesicht / Hinter dem Rücken; erst mit der Einbeziehung des Lichts in den Objektivationsprozeß reproduziert sich die Beziehung Rechts / Links im Konstitutionszusammenhang des naturwissenschaftlichen Objekts (konstituiert sich der Objektbereich „jenseits der Lichtgeschwindigkeit“).
    Mit dem Begriff des Anthropomorphismus wurde die Barmherzigkeit storniert.
    Sind die indoeuropäischen Sprachen nicht undialogisch, und ist das nicht eine Folge ihrer Subsumtion unter die Logik der Schrift? Ist nicht die Neutralisierung der zweiten Person (der Quellpunkt der Sexualmoral) ein Indiz dafür? In den indoeuropäischen Sprachen hat das Personalpronomen der zweiten Person nur noch deiktischen Charakter; die zweite Person hat ihr Antlitz eingebüßt und ist so überhaupt erst zur Person (zur Maske) geworden. Mit der Neutralisierung der zweiten Person zum Du dringt die Welt in die Logik der Sprache ein.
    Das Lachen ist die verweltlichte, vergesellschaftete, desensibilisierte Freude.
    Die Logik der Schrift ist die Logik des Autismus; die indoeuropäischen Sprachen haben (mit dem Begriff des Wissens) diese Logik in ihre Struktur im aufgenommen.
    Hat der Turm von Babel etwas mit dem Schuldturm zu tun? Welche Funktion und welche Bedeutung haben die Türme in der Schrift?

  • 1.1.1995

    Zu Benveniste: Ist die Ehe nicht gleichursprünglich mit dem Staat, mit ihm zusammen entsprungen, und wie dieser zunächst „namenlos“ und eine der Quellen der Idee des Absoluten? Beide, Ehe und Staat, entspringen zusammen mit dem Weltbegriff. Verweist die Ehe auf das Moment der Unzucht in der Idee des Absoluten (den „Unzuchtsbecher“)?
    Der Weltbegriff ist der Inbegriff der Selbstlegitimation des Bestehenden, der durch den Naturbegriff und seinen Kern, die mathematische Raumvorstellung, gegen die Wahrnehmung seines eigenen Widerspruchs sich abschirmt (und mit Hilfe des Rechts gegen die Manifestation dieses Widerspruchs).
    Der Weltbegriff bezeichnet den Bedingungszusammenhang der Selbsterhaltung; daran mißt sich das Bestehende. Die drei evangelischen Räte sind die Erinnerungsmale an die parvi errores im Weltbegriff (die Formulierung am Anfang von de ente et essentia wäre zu korrigieren: parvi errores magni sunt in fine).
    Wie ist eigentlich die Beziehung des zweiten zum ersten Tier in der Apokalypse (des Tieres aus dem Meer zum Tier vom Lande)? Verweisen Meer und Land nicht auf den dritten Schöpfungstag („und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung der Wasser nannte er Meer“)?
    Als Sprache der Rechtfertigung hat die Sprache ihre erkennende Kraft verloren, verstrickt sie sich in den Schuldzusammenhang, aus dem sie entrinnen möchte. Nur durch die Auf-sich-Nahme der Sünde der Welt gewinnt sie die erkennende Kraft zurück, wird der Logos zum Logos.
    Zur Geschichte der drei Leugnungen: Eine Barmherzigkeit, die vor der Vergangenheit Halt macht, erreicht auch die Gegenwart nicht mehr, verliert ihre Kraft für die Gegenwart. Hier liegt die Wurzel sowohl der Prophetie als auch des parakletischen Denkens. In diesen Kontext gehört die Habermassche Entscheidung, die Reflexion der Natur beiseite zu stellen, davon abzusehen. Ihm wurde die Erinnerung an die Theologie an der Stelle unheimlich, an der sie allein fähig ist, Barmherzigkeit zu begründen.
    Wenn die Idee des Ewigen die Vergangenheit von sich ausschließt, dann können die vergangenen Hoffnungen nicht nur vergangen sein: nicht an sich, sondern nur für uns sind sie vergangen (vgl. Kafka: Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns). Ein Begriff der Vergangenheit, die nur vergangen ist, mag die Voraussetzung begrifflicher Erkenntnis sein, er ist aber zugleich das Verdammungsurteil über diese Erkenntnis.
    Zur „Kultur der Empfindlichkeit“: Ist das Kabarett nicht deshalb unwirksam, weil es die eigene Empfindlichkeit (die eigene Abhängigkeit vom Urteil anderer) in die andern (in sein Publikum) hineinprojiziert, und damit aufs präziseste sein Objekt verfehlt?
    Postmoderne: Wer in England, in Belgien, in Frankreich war, kennt den Schock bei der Rückkehr, nach dem Überschreiten der Grenze. Die Einübung in die Ellenbogen-Gesellschaft auf den deutschen Autobahnen entspricht dem horror vacui in den durch den „Wiederaufbau“ verwüsteten Städten: Jede Spur, die an die Vergangenheit erinnert ist getilgt; die pseudohistorische Fachwerkseligkeit der Fußgängerzonen besiegelt das nur. Lyotards an Auschwitz erarbeitetes Konzept des vollkommenen Verbrechens, zu dessen Ausführung die Beseitigung aller Zeugen und Spuren gehört, scheint der deutsche Wiederaufbau post festum realisiert zu haben.

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