Weltbegriff:
– Das Eine ist das Andere des Anderen. Logik des Andersseins.
– Logik des Andersseins ist die Logik der Vergesellschaftung. Der Blick des Andern, die Scham und der Objektbegriff (Aufdeckung der Blöße).
– Das tode ti, der Ursprung des Objektbegriffs, die subjektiven Formen der Anschauung. Der Raum, die Verdrängung der Vergangenheit und die Konstituierung des inneren Sinns.
– Objektivation und Instrumentalisierung: die Wiederkehr des Verdrängten.
– Medien der Objektivierung: die subjektiven Formen der Anschauung (der Raum, das Geld und die Bekenntnislogik).
– Ursprung der Raumvorstellung, Entfaltung der mathematischen Logik des Raumes: die alte Welt und der Winkel (Orthogonalität), die neue Welt und das Inertialsystem (Verdinglichung).
– Der Raum (das Geld, das „Bekenntnis“): das halbierte Licht (das Sein und das Eigentum, Ursprung der Urteilsform).
– Gemeinsamer Ursprung des Weltbegriffs und des Staates (als Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern). Der Weltbegriff als apriorische Logik der Welterfahrung: die Urteilsform. Das Urteil, die Scham, die aufgedeckte Blöße, das Keuschheitsgebot. Scham und Herrschaft, Weltbegriff und Sexualmoral (Besiegelung der apriorischen Weltlogik). Die Urteilsform, der Staat und das Absolute (die Gottesleugnung).
– Nicht Gott, sondern der Staat (der gnostische Demiurg) hat die Welt erschaffen; Gott hat Himmel und Erde erschaffen.
– Der Raum, die Mathematik: das bewußtlose Medium der Vergesellschaftung. Erinnerung und Sprache: der Begriff und die benennende Kraft der Sprache.
– Die Armut (oder die Sünde der Welt), die Keuschheit (oder Herrschaftskritik und Scham; „Kollektivscham“ und Restauration der Herrschaftsstrukturen) und das Hören (nicht der Gehorsam).
– Zum Weltbegriff gehört das Tier (und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier).
Gewaltenteilung: Ist nicht die eigentliche gesetzgebende Gewalt das Geld?
Die Trennung von Ding und Sache gründet im modernen Wertbegriff und ist insofern aus der Geldgeschichte ableitbar.
Gemessen an der griechischen Idee der Polis ist die Trennung von Ding und Sache „idiotisch“. Es ist der idiotes, der in der Hegelschen Rechtsphilosophie die Letztentscheidung an den Monarchen delegiert und darin sein „Bewußtsein der Freiheit“ gewinnt: Der König ist eine Ich-Funktion.
Sokrates und Jesus haben selber nichts geschrieben. Die Bibel verdankt sich u.a. auch der Anstrengung, gegen die Logik der Schrift zu schreiben, im Medium der Schrift deren Logik nicht zu verfallen (heißt die Schrift der Bibel deshalb die „hebräische“, und war es erst nach Jesus möglich – und notwendig? -, griechisch, und d.h. gegen den Geist dieser Sprache, zu schreiben?).
Die grammatische Organisation und Entfaltung der Schriftsprachen – und die erste war die heute so genannte „sumerische“, die chaldäische Sprache – verdankt sich der Auseinandersetzung mit der vorgegebenen Logik der Schrift: Die Geschichte der Grammatik ist die Geschichte der Entfaltung der Logik der Schrift in der Sprache. Ihr Nebenprodukt und die Rückführung auf den Grund dieser Logik ist die Geschichte der Entfaltung des Inertialsystems.
Die drei Richtungen des Raums sind der Grund und das Bild des liberum arbitrium, sie sind „Freiheitsgrade“ deshalb, weil dank der Dreidimensionalität des Raumes jede Richtung in ihm durch Drehung des Objekts im Raum, ohne daß seine Identität affiziert wird, intendierbar ist. Zum Weltbegriff gehört das Tier. Und der Schöpfer der Welt, das Absolute, ist ein Tier.
Die Philosophie ist die Rückseite der Prophetie, und so sind beide aufeinander bezogen: Es bedarf nur der Umkehr. Und wenn die Geschichte der christlichen Theologie seit den Kirchenvätern die Geschichte der Theologie hinter dem Rücken Gottes ist, so ist mit dieser Beziehung (der Beziehung zweier Seiten eines Blattes) der Weg zu einer Theologie im Angesicht Gottes vorbezeichnet.
Das „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, diese Umwandlung des Wassers in Feuer ist vorbezeichnet in der Verwandlung des Wassers in Wein in Kana und in den Feuerzungen zu Pfingsten.
Ist das Problem des biblischen Schöpfungsberichts nicht auch ein Problem der Beziehung von Synchronie und Diachronie? Die sieben Tage werden durch sechs Nächte (sechs Finsternisse) getrennt (nach der Lösung des siebten Siegels war eine Stille im Himmel).
Die sieben Donner durften nicht niedergeschrieben werden, wohl aber die sieben Posaunen und die sieben Plagen, deren Abfolge gleich ist.
Der Ursprung des Weltbegriffs wird in der Noah-Geschichte beschrieben, in der Geschichte von der Sintflut, der Tiere in der Arche, des Weinbaus, der Trunkenheit, der aufgedeckten Blöße und des Ursprungs der Knechtschaft sowie in dem neuen Nahrungsgebot.
Bezeichnet nicht der Turmbau zu Babel, der die Verwirrung der Sprache zur Folge hat, den Ursprung der Logik der Schrift? Es wäre ein entscheidender Schritt, wenn es gelingen würde, aus der „sumerisch“-chaldäischen Sprache, der ersten Schriftsprache (und der ersten „heiligen Sprache“), der Ursprung der semitischen und der indogermanischen Sprachen sich herleiten ließe.
Kanaan ist selbst eines der sieben Völker Kanaans.
Für Ägypten sind die Hebräer Sklaven, für die Philister sind sie Feinde. Abraham war ein Hebräer: dazu gehören die Geschichten mit Abimelech, dem König der Philister, und dem Pharao, dem König Ägyptens.
Wer waren die Bewohner Sodoms, und wer waren die Bewohner Jerichos? Rahab in Jericho hatte die Kundschafter der Israeliten aufgenommen, Lot in Sodom die Engel Gottes (in Gibea war es ein alter Mann aus dem Gebirge Ephraim, der als Fremder in Gibea lebte, der einen Leviten, der als Fremdling im hintersten Gebirge Ephraim lebte, zusammen mit seiner bethlehemitischen Nebenfrau aufgenommen hatte).
-
4.6.1994
-
3.6.1994
Wie tief die Hegelsche Staatsmetaphysik verwurzelt ist, mag man daran erkennen, daß das Carl Schmittsche Konstrukt von Souveränität, Notstand und Führerprinzip sein Modell in der Hegelschen Rechtsphilosophie (278) hat. Genau diese Stelle ist der Beweis dafür, daß auch die Dialektik die Asymmetrie der Beziehung des Ich zu den Andern nicht aufhebt, sondern zugunsten der Andern (der Welt) neutralisiert.
Die Welt ist für jeden die Welt für die Anderen; das Anderssein der Andern (nicht zu verwechseln mit dem Fremdsein) begründet die Objektivität der Welt.
Zur logischen Äquivalenz von Individuellem und Allgemeinem (oder Problem einer Geisterlehre): Kann es nicht sein, daß, was hier ein Individuelles, dort ein Allgemeines, und das, was hier ein Allgemeines, dort ein Individuelles ist: daß die Einzelsterne Gattungen sind, und die Gattungen Geister? Liegt hier der logische Grund für die Konzeption des Tierkreises und der frühchristlichen Engellehre (auch der biblischen Himmelsheere und des göttlichen Hofstaates)? Dann wären die subjektiven Formen der Anschauung der genaue Reflex der christlich-mythischen Gestalten des Satan und des Teufels. Und was bedeutet dann die Entdeckung des Begriffs: war sie nicht der Anfang der Vertreibung der Engel? Oder anders: Greift hier nicht eine Art Umkehrung des Verhältnisses von Natur und Welt (Objekt und Begriff), so daß wir in der Tat nur durch unseren Beitrag zur Rettung der Welt hindurch gerettet werden können? Wirft das nicht ein neues Licht auf die paulinischen Archonten und auf den Namen des Fürsten dieser Welt?
War nicht der Kreuzestod die antizipierte Strafe für eine Untat, die erst folgte, oder ist er dazu erst durch die christliche Opferthologie geworden? Bezieht sich darauf nicht das jesuanische Kelchsymbol (in der Antwort an die Zebedäussöhne, in Gethsemane und in dem Hinweis an Petrus)?
Die Bemerkung, daß die Theologie heute „bekanntlich klein und häßlich“ sei, ist noch zu harmlos: Sie ist zur Stätte des Greuels der Verwüstung geworden.
Kann es sein, daß es deshalb keine Aktualisierung der Marxschen Kapitalismus-Kritik mehr gibt, weil niemand mehr fähig ist, in diesen Abgrund zu schauen?
War nicht die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel der letzte Akt des Kampfes gegen Kanaan, und enthält sie nicht den Hinweis, daß zur Theologie heute eine Geschichtstheologie der Banken gehören müßte? Die Befürchtung scheint nicht unbegründet, daß eine Kritik der Banken davon ausgehen müßte, daß es eine technische Lösung des Problems nicht gibt: Es gibt keine Alternative zu den bestehenden Institutionen, gleichwohl muß man dem, was ist, ins Auge sehen, – und es dann auch aussprechen: Ninive wird in 40 Tagen zerstört.
Der Sündenfall hat sehr viel mehr mit der Organisation und Entfaltung der Sprachen (Grammatik, Beziehung der Sprachen zur Mathematik und Ursprungsgeschichte des Neutrums) zu tun als mit der Sexualmoral.
Die besondere theologische Qualität der deutschen Sprache, die nicht zu leugnen ist, kann man an Begriffen wie „Fall“, an der Unterscheidung von Zorn und Wut (sowie Ding und Sache), auch an Begriffen wie Urteil und Empörung ermessen.
Zusammenhang der Urteilsform mit den subjektiven Formen der Anschauung: Ihr gemeinsamer Ursprung liegt in der Halbierung des Lichts. Das erste Urteil gründete in der Abstraktion vom Gesehenwerden. Insofern ist die Scham in die Konstruktion des Urteils mit eingegangen. Das Objekt ist ein Produkt der projektiven Verarbeitung der Scham; es ist die Scham vor vor dem leeren Blick des Allgemeinen, vor dem subjektlosen „Gesehenwerden“ durch den Begriff, die das Objekt gegen den Begriff zusammenschließt, durch die es gegen den Begriff sich vergegenständlicht (Genesis der Urteilsform). – Deshalb war der Heußsche Begriff der „Kollektivscham“ so verhängnisvoll: Er hat die Deutschen an den Blick „des Auslands“ gefesselt, in dem sie sich seitdem „spiegeln“. Die Fremdenfeindschaft heute ist ein ebenso ohnmächtiger wie vergeblicher Ausbruchsversuch.
Mit dieser Beziehung des Urteils zur Scham (der Verwechslung der Wahrheit mit der aufgedeckten Blöße) hängt der Ursprung der Sexualmoral zusammen.
Creatio mundi ex nihilo: Das Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, ist das durch die Verdrängung der Scham erzeugte Nichts. Hier liegt der Ursprung des Idealismus. Und vor diesem Hintergrund gewinnt Heideggers Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ ihre ungeheuerliche Bedeutung.
Das Keuschheitsgebot, das sich auf diese Geschichte der Scham und des Urteils bezieht, gehört wirklich zu den Fundamenten der Theologie. Und der Greuel der Verwüstung ist das Produkt der vollständigen Entblößung (Philosophie heute wäre Reflexion des Ekels).
Wodurch unterscheiden sich Kohl, Hintze, Rühe, Seiters, Schäuble und Kanter von Kinkel, Frau Schwätzer, Rexrodt? Nur durch die Reflexion des Ekels hindurch, so scheint mir, läßt sich der Abgrund dieser Koalition noch ausmessen. Koalition der aussitzenden Gnade der späten Geburt mit den gnadenlosen Leistungsträgern: Und daneben eine SPD, die den Eindruck erweckt, daß ihr das imponiert.
In der Anmerkung zu 279 seiner Rechtsphilosophie gibt Hegel einen bedeutenden Hinweis auf den Zusammenhang des Begriffs mit der Schicksalsidee (Hinweis auf den Dämon des Sokrates) und auf den Hintergrund, auf den sich die Untersuchung von Marie Theres Fögen über die „Enteignung der Wahrsager“ bezieht. Hier übrigens auch das Wort von der „wüsten Vorstellung des Volkes“ (die „formlose Masse, die kein Staat mehr ist“). In Hegels Staatslehre steht der Monarch an der Stelle, an der in der Theologie das Opfer steht: als Verhinderer des Chaos.
Ist nicht der Zerfall der europäischen Agrarmarktordnung in den 70er, 80er Jahren (ähnlich wie die sogenannte Schuldenkrise der Dritten Welt) ein Menetekel für das Schicksal der Geldwirtschaft insgesamt: die Schrift an der Wand?
Ist die Hegelsche Philosophie nicht der Beweis für die Wahrheit der biblischen Überlieferung, daß außer Petrus nur die Dämonen den Gottessohn erkennen?
Wenn die Philosophie der Leib Christi ist, dann wäre heute die descensio ad inferos an der Zeit. Nicht auszuschließen, daß sie dort auf die Propheten trifft.
Gründet nicht die Erbaulichkeit im Selbstmitleid (in der Anwendung des Schuldverschubsystems aufs Opfersein, oder in der Verschiebung der Armut von der Realität draußen ins Selbstgefühl drinnen): In der Ersetzung der Nachfolge durch die Imitatio?
Daß der Terrorismus-Paragraph im Strafrecht nur ein Instrument zur Bekämpfung und Diskriminierung der Linken war, ist daran erkennbar, daß er bei den Nachfahren der größten terroristischen Vereinigung, die es in diesem Lande je gegeben hat, nicht greift.
In Westfalen sagt man statt „es ist egal“: et is een Dohn, es ist ein Tun. Das heißt: das eine Tun unterscheidet sich nicht von dem anderen, beide sind in ihren Folgen gleich.
-
2.6.1994
Zur Bedeutung des Kelchs (und seine Beziehung zum Raum, zum Inertialsystem) sh. Mt 2325: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr die Außenseite des Bechers und der Schüssel reinigt; inwendig aber sind sie gefüllt mit Raub und Unmäßigkeit. Du blinder Pharisäer, mache zuerst den Inhalt des Bechers rein, damit auch seine Außenseite rein wird“, sowie Mt 1511: Nicht was in den Mund hineinkommt, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Mund herauskommt, das verunreinigt den Menschen.“ Das Gesetz der subjektiven Formen der Anschauung verdinglicht die Dinge, macht sie zu Dingen „im“ Kelch von Raum und Zeit, unterzieht sie der Taufe der Vergangenheit. Die subjektiven Formen der Anschauung sind als „unsere“ Formen der Anschauung der Kelch, aus dem wir die Erkenntnis „trinken“: sie machen die Tatsachen zu „Tatsachen“ (zum „Greuel und Schmutz der Unzucht“ – Off 174).
Das Inertialsystem: die Umkehr des Gewissens.
Das Wort „Laß die Toten ihre Toten begraben“ (Mt 822) ist der zentrale Einwand gegen den Historismus.
Wer der Erkenntnis, daß keine Vergangenheit nur vergangen ist, (der Einsicht in den realen Schuldzusammenhang mit der Vergangenheit) sich entziehen will, dem bleibt nur das Exkulpationsritual der Empörung; und gehören nicht kontrafaktische Urteile zu dieser Form der Empörung, die – wie das Geschwätz, das sich aus der gleichen Empörungslogik speist – objektiv folgenlos bleibt, aber im Subjekt die Knechtsgesinnung installiert?
Der Historismus ist wie die Naturwissenschaften ein Instrument des Aufdeckens der Blöße.
Das Innere ist das Äußere des Äußeren. Dieser Satz beschreibt das Resultat des Prozesses der Verinnerlichung der Scham: Korrelat des Aufdeckens der Blöße (Kritik der Innerlichkeit).
Die Opfertheologie hat der Nachfolge den Weg verlegt.
Kann es sein, daß in der Bibel aus prophetie-logischen Gründen synchrone Geschehnisse in diachrone umgeformt werden (Abraham, Josue)?
Hat das Rosenzweigsche B = B etwas mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, konkret mit dem Bereich, auf den sich Zeitdilatation und Längenkontraktion beziehen, zu tun (und ist die logische Entwicklung, die von diesem B = B ins Zentrum der Theologie hineinführt, der Schlüssel zur Lösung des Rätsels der Physik)? Und hat nicht der Bogen in den Wolken etwas mit dem Menschensohn auf den Wolken des Himmels zu tun (wie der Regentanz der Wilden mit der Prophetie)?
Zu Regen und Prophetie: Elias, die Dürre und der verschlossene Himmel: Drei Jahre und sechs Monate war der Himmel verschlossen (Lk 425, in Anlehnung an Dan 725, 127, vgl. aber 1 Kön 171, 181).
Astrologie als transzendentale Logik: Gehört der Saturn zu Sonne und Mond (zu den 3 „Totalitätsplaneten“, die die Natur, das Wissen und die Welt repräsentieren), während die anderen vier Planeten (Jupiter, Mars, Venus und Merkur) die „Kategorientafel“: Herrschaft und Feindschaft, Sexualität und Kommerz, repräsentieren?
Gibt es eine Beziehung zu den Tugendtafeln:
– theologische Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe,
– Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, und Maß? -
1.6.1994
Zur Befreiung der Theologie von ihrer Fixierung auf die Sexualmoral ist es vonnöten, daß insbesondere die Scham aus dieser Bindung an die verdinglichte Sexualmoral (oder die Sexualmoral aus dem Gravitationsfeld des moralischen Urteils) gelöst wird. Die Fähigkeit, die Scham frei, und d.h. herrschaftskritisch zu reflektieren, eröffnet jene Sensibilität, ohne die es Theologie nicht mehr gibt (hierauf bezog sich das Wort Walter Benjamins, daß die Theologie „heute bekenntlich klein und häßlich“ sei). Scham ist die Fähigkeit, sich im Blick der anderen, gleichsam von außen, wahrzunehmen; im Bann des Weltbegriffs bleibt dieser Blick auf die Sexualität fixiert; erst wenn er daraus sich löst, die „Sünde der Welt“ auf sich nimmt, wird auch die Sexualität aus dem Schuldzusammenhang, dem sie im Bann des Weltbegriffs verfallen bleibt, befreit.
Wenn Hegel in der Rechtsphilosophie (Anm. zu 164) von der natürlichen Scham spricht und diese an die Sexualität bindet, so ist damit aufs genaueste der Grund bezeichnet, aus dem die Idee des Absoluten sich erhebt (und dem Formgesetz des Staates sich angleicht). Die Sexualmoral steht unterm Bann des Absoluten; deshalb findet sie sich – in unterschiedlichen Ausprägungen – in allen drei „Weltreligionen“ (die alle auf ihre Befreiung vom Weltbegriff warten).
Hegel zufolge „konstituiert sich (die) Familie“ als ein „für sich Selbständiges gegen die Stämme oder Häuser“ (172); bedeutet das, daß auch die „Häuser“ noch vorstaatlich sind, der Pharao (das „große Haus“) demnach eher ein Häuptling als ein König gewesen ist?
Gehört nicht die Ham/Kanaan-Geschichte zur Ursprungsgeschichte des Staates? Gründet nicht der Staat in der hier entfalteten Konstellation von Trunkenheit und aufgedeckter Blöße, Anblick der Blöße und Verfluchung zur Knechtschaft (der Staat ist der Knecht des Knechts, und so der Inbegriff des Scheins der Freiheit)? Ist nicht die entfaltete Organisation des Staates an die organisierte Aufdeckung der Blöße gebunden, die in den säkularisierten Kontemplationsformen, von den Naturwissenschaften über die Ausstellung der Waren bis hin zu den Medien, sich vollendet?
Ist die Orthogonalität Grundlage und Produkt der aufgedeckten Blöße?
Ist der Bogen in den Wolken ein Hinweis auf die Venus-Katastrophe (auf ihr Ende), ein Hinweis auf jene Stabilisierung, die in der Trennung der oberen von der unteren Wassern (der Prophetie von der Philosophie) sich ausdrückt?
Die Philosophie hat sich vor der Gefahr des Untergangs, des Ertrinkens in den Wassern der Scham nur durch deren Instrumentalisierung retten können.
Wer sah alles den Himmel offen:
– Johannes (der Täufer) bei der Taufe Jesu (Mt 316, Mk 110, Lk 321), der den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube herabkommen sah,
– „ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen auf den Menschensohn“ (Joh 151),
– Stephanus, der „den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ sieht (Apg 755),
– Petrus, der „ein Behältnis wie ein großes leinenes Tuch herabkommen (sieht), das an seinen vier Ende auf die Erde herniedergelassen wurde; und darin waren alle vierfüßigen und kriechenden Tiere der Erde und Vögel des Himmels“ (1011f),
– Paulus, der „in den dritten Himmel entrückt“ war (2 Kor 122),
– Johannes: „Darnach schaute ich auf, und siehe da, eine Tür war geöffnet am Himmel … Sogleich geriet ich in Verzückung, und siehe da, ein Thron stand im Himmel, und auf dem Thron …“ (Off 41f),
– „Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe da, ein weißes Pferd, …“ (1911).
Auf der leinenen Decke, die Petrus sah, waren die vierfüßigen und kriechenden Tiere der Erde und die Vögel des Himmels, aber keine Fische. Petrus aber war Fischer, und er sollte Menschenfischer werden.
Steht das Wort vom „Menschensohn zur Rechten Gottes“ unterm Zeichen des Jona, den Gott auf die 120 000 verweist, die „rechts und links nicht unterscheiden können“?
Das augustinische ad litteram, aus dem sowohl die Aufklärungsgeschichte der Bibelkritik sich herleitet wie auch der Fundamentalimus, steht schon unterm Gesetz der Verweltlichung, der Säkularisation.
Gilt nicht das Wort „Barmherzigkeit, nicht Opfer“ auch für den Kreuzestod und den Zusammenhang seiner Vergegenständlichung (und Instrumentalisierung) mit dem kirchengeschichtlichen Wiederholungszwang, dem „Meßopfer“. Hat das Kreuz (über seine Beziehung zum Inertialsystem) etwas mit dem Satz: „Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße“ zu tun, und mit dem anderen Satz, wonach am Ende der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollen wird (dieses Aufrollen ist der Vision des Ezechiel zu entnehmen: dem Bild der Räder, die ineinander sich bewegen)?
-
31.5.1994
Zu Heideggers Begriff des „Daseins“: Wird damit der Mensch nicht als einer definiert, auf den man zeigen kann? Vgl. hierzu Hegel: „Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich Sein für anderes.“ (Grundlinien der Philosophie des Rechts, 71, S. 78)
Ist es nicht komisch und blasphemisch zugleich, wenn dieser Papst seinen Badezimmer-Unfall und das daraus folgende Leiden theologisch aufwertet, und d.h. in letzter Instanz mit dem Kreuzestod auf eine Stufe stellt? Dies ist nun wirklich das Ende einer immer schon vom Selbstmitleid durchtränkten Leidensmystik, Korrelat einer Opfertheologie, gegen die an das Wort zu erinnern ist: Barmherzigkeit, nicht Opfer. Dieses Konstrukt steht in der kirchlichen Tradition der Vergesellschaftung des Staubes und Privatisierung der Wehen.
Wer Privatereignisse (und dazu gehört auch das „Sein“, wie überhaupt die Ontologie das Modell dieses Verfahrens bereitstellt) mit Bedeutungsmacht auflädt, ist in der Hybris gefangen: in der Hybris der Schamlosigkeit. Das Problem der Scham ist ein Problem des Takts, der Sensibilität (hier gründet die Logik des Greuels am heiligen Ort, des Greuels der Verwüstung). Das Werk der Verdrängung und des schlechten Gewissens, es gründet im Bereich des Schuldverschubsystems, zu dem die vom Tauschprinzip beherrschte (oder die staatlich organisierte) Welt geworden ist.
Hat die Zornesröte ihren Ursprung in der Schamröte, ist der Zorn die zum Handeln sich kontrahierende Scham?
Das Schuldverschubsystem, der zur Wut neutralisierte Zorn oder die transzendentale Logik des Geschwätzes (Hereinnahme des Objekts in die Urteilsform unterm Gesetz der subjektiven Formen der Anschauung).
Gräberschändung: Kontrafaktische Urteile sind taktlos (Emanationen der Wut); sie brauchen die Vergangenheit, die sich nicht wehren kann, als Projektionsfolie der eigenen Verdrängungswünsche und Rechtfertigungszwänge.
Geschichtsphilosophie: Dem Blitz des Matriarchats folgte der langanhaltende Donner des Patriarchats.
Aleph, Beth, Gimmel: Was haben der Ochse, das Haus und das Kamel miteinander zu tun (wo gibt es Kamele in der Bibel, wer waren die Midianiter, wer hat Joseph nach Ägypten gebracht)?
Gibt es eine Affinität der Logik der Schrift zum Symbol (oder zur Logik des Symbols) des Stiers?
Das Tier von der Erde hat zwei Hörner wie ein Widder und redet wie ein Drache: Ist das Gottessohn-Bekenntnis nicht auch das Bekenntnis der Dämonen, und ist Petrus, der Jünger, der auch dieses Bekenntnis ablegt, nicht auch der Einzige, zu dem Jesus sagt: Weiche von mir, Satan?
Wie verhalten sich die sieben Werke der Barmherzigkeit zur Lösung der sieben Siegel, und in welcher Beziehung stehen beide zu den sieben Sakramenten (zu den sieben Planeten)?
Die Befreiung Maria Magdalenas von den sieben unreinen Geistern: Ist das nicht ihre Befreiung von der kirchlichen Versteinerung der Herzen?
In welcher Beziehung steht das Verhältnis von Form und Materie zum Kelch und seinem Inhalt? Ist im Bilde des Kelches nicht doch alles eingeschlossen, was einen Inhalt hat: von Raum und Zeit (von den subjektiven Formen der Anschauung) über den Begriff bis hin zu den Gemeinschaften wie Kirche und Nation, alles, was sich äußerlich auf einen Inhalt bezieht? -
30.5.1994
Mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (mit dem Inertialsystem) setze ich auch die Gegenwart als vergangen: Das ist die Voraussetzung des gesamten historischen Abstraktionsprozesses. (Der Historismus setzt die Ausdehnung des Raumes über das ganze Universum voraus: Das Interesse an der Astronomie ist das Interesse an der logischen Durchgestaltung des Natur- und Geschichtsverständnisses, es ist identisch mit dem Interesse des Staates an seiner Selbstbegründung, mit seinem Legitimationsintersse.) Der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit korrspondiert das Heideggersche Vorlaufen in den Tod“: Ich setze mich als gestorben (und mache so die Todesangst gegenstandslos).
Liegt die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum nicht darin, daß der Begriff des Eigentums auf die Anerkennung durch andere (das Recht und den Staat) abzielt, während der Besitz nur das Nutzungsrecht des Dings bezeichnet?
Hängt das Suffix „-tum“ (in Eigentum, Reichtum, Christentum etc.) mit dem Ursprung des Dingbegriffs zusammen?
Wurde die Todesstrafe, als sie abgschafft wurde, nicht in das reine Funktionieren der gesellschaftlichen Mechanismen, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt, verlegt (Vergesellschaftung als kalte Exekution der Todesstrafe)?
Zur Begründung der Sprachphilosophie gehört die Umkehr des Satzes „Der Ursprung ist das Ziel“: Das Ziel ist der Ursprung. Das Matriarchat liegt nicht vor dem Patriarchat, sondern ist ein Teil der in der Katastrophe des Ursprungs des Patriarchats aufblitzenden Utopie: Der Gedanke daran, daß es auch anders sein könnte.
Double-bind-Falle Dritte Welt: Wir zwingen ihr die Verhältnisse auf, die die Barbarei hervorrufen, die wir dann zugleich verurteilen.
Die Illusion, Richter über die Geschichte zu sein, gründet darin, daß wir uns selbst von den Untaten, die wir in der Vergangenheit verurteilen, heute durch Delegation an andere (an Gefängnisse, Schlachthäuser, Irrenhäuser und an die Diktaturen der Dritten Welt) freisprechen. Wir machen uns die Hände nicht mehr schmutzig.
Wir brauchen die Sünde der Welt nicht mehr „auf uns (zu) nehmen“, sie lastet auf unsern Schultern.
Sind wir nicht der Verführung erlegen, uns als „Spätgeborene“ als Erben derer, die je gesiegt haben, der Herrschenden, zu begreifen. So sitzen wir uns selber im blinden Fleck.
Kohl ist in der Tat ein Historiker, aber einer, der sein Handeln im Blick der „Geschichte“ (die einmal ihr Urteil fällen wird) sieht. Die Logik dieses Konstrukts ist der Grund seines politischen Handelns und seines demagogischen Talents. So einer kann in der Tat durch „reines Zusehen“ (durch Aussitzen) Politik machen und durch Zuwarten die Opposition in die Fallen locken, in denen er sie dann unschädlich machen kann. Kohl ist der zum reinen Punkt zusammengeschrumpfte und dann wieder aufgeblasene Hegel. Sein karrierewirksamste Qualifikation: Er beherrscht die Technik des kontrafaktischen Urteils.
Zum kontrafaktischen Urteil:
– Hegels Kritik des Sollens und der Satz aus der Rechtsphilosophie („das Wirkliche ist vernünftig …“),
– Nietzsches Essay „vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (Kritik der Machtanbetung des Historikers, die Lehre von der ewigen Wiederkunft und vom Übermenschen),
– Benjamins geschichtsphilosophische Thesen,
– die Konversion Rosenzweigs (die Kritik des Historismus und der Stern der Erlösung),
– kontrafaktische Urteile und ideologische Geschichtsschreibung (Kollektivscham, Exkulpationsstrategien und Geschwätz),
– die Selbstverblendung der Politik in Deutschland (im „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“), Kohls Demagogiekonzept und die Instrumentalisierung des kontrafaktischen Urteils: Ick bün all do.
Der, der wiederkommt, muß das unbedingt derselbe sein, der einmal da gewesen ist?
Die Materie ist der Reflex der Totalisierung des Raumes im Objekt (wie unterscheiden sich die Beziehungen der Zeit und der Materie zum Raum?).
Die Römer haben dem Staub den Namen der Mutter gegeben (Materie), damit jedoch die Erinnerung an die messianischen Wehen verdrängt. Aber diese „Mutter“ war tot, und so sind die Mütter zu Hexen, zu Herrscherinnen des Totenreichs, geworden.
Im Griechischen heißt die Materie „hyle“ (Holz, Wald); hängt das damit zusammen, daß der Naturbegriff im Griechischen auf das Zeugen anstatt auf die Geburt verweist? Im Christentum wurde das Zeugen in die Trinitätslehre mit hereingenommen und vergöttlicht.
Wenn die Propheten schon im Mutterschoß berufen waren, heißt das nicht auch, daß sie im Namen der Barmherzigkeit berufen worden sind? Wie diese Barmherzigkeit aussieht, ist der Verkündigungsgeschichte zu entnehmen, dem Magnificat („die Mächtigen stürzt er vom Thron“).
Was in der Sprachlogik des Hebräischen, in ihrer Grammatik, fehlt, erscheint in ihr als Symbol (die Schlange). Versuch, die griechische und die hebräische Sprache anhand des Modells dieser Beziehung zu vergleichen?
Die Heiligung des Gottesnamens setzt die Kritik des Dogmas (und der Bekenntnislogik) voraus und schließt sie mit ein.
Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Pforten der Hölle. Gründet nicht
– der Raum in der Beziehung von Vorn und Hinten (in der Abstraktion vom Angesicht),
– das Geld in der von Rechts und Links (in der Abstraktion von der Barmherzigkeit) und
– die Bekenntnislogik in der von Oben und Unten (in der Abstraktion vom Himmel)?
Und bilden sie nicht genau in dieser Folge den Verblendungs-, Schuld- und Herrschaftszusammenhang?
Ist nicht durch den Begriff der Schöpfung im Deutschen die Schöpfungslehre zu einem Teil des Trinkens aus dem Kelch geworden, und ist dieser Schöpfungsbegriff nicht eher aufs Kreditwesen bezogen als auf die Theologie? Ist er nicht eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff (aus dem Begriff einer creatio mundi ex nihilo)? Aber: die Schöpfung ist geschaffen, nicht geschöpft (und die Erschaffung ist etwas anderes als die Erschöpfung). – Aus welchen sprachlichen Wurzeln stammen das hebräische bara, das lateinische creare und das griechische ktizo?
Die Kirche hat den Staub vergesellschaftet und die Wehen privatisiert (nach und aufgrund der Rezeption der griechischen Philosophie). -
28.5.1994
Die Erfindung der Schrift und die Entfaltung der darin verborgenen Logik war der erste und wahrscheinlich entscheidende Schritt im
historischen Objektivationsprozeß, der in die politische, wirtschaftliche und religiöse Geschichte der Menschheit verflochten ist. Nicht das technische Problem der Abbildung der Sprache in der Buchstabenschrift war das entscheidende, sondern der Paradigmenwechsel. Es gibt Gründe dafür, anzunehmen, daß die Entwicklung der Schrift zusammen mit dem Ursprung der Mathematik, der Entdeckung der Zahlen und der Strukturen des Raumes, erfolgte, und daß der Ursprung der Geldwirtschaft und die Entwicklung der Astronomie eine nicht unbedeutende Rolle dabei spielte. In diesem Abstraktionsprozeß, der in der indischen und chinesischen Entwicklung gleichsam abgebrochen, nicht zu Ende geführt wurde, wurden Welten bewegt.
Mit der Schrift legt sich die Logik des Andersseins über die Sprache.
Das Anschauen, das uns zu Richtern über das wehrlose Angeschaute macht, ist der Kelch des göttlichen Zorns.
Theologie ist ein der Rationalitätskontrolle unterworfenes Wunschdenken, dem die Sexualmoral das Wünschen ausgetrieben hat.
Paßt nicht das Josef-Bild, das die Kirche transportiert, das nur unter dem Blickwinkel der Karriere gesehen wird, während die Geschichte seines Handelns in Ägypten verdrängt wird, paßt das nicht als Korrelat zum Gethsemane-Verständnis, in dem der Kelch nur auf das private Schicksal eines Jesus, der mit Nachnamen Christus heißt, bezogen wird, auf seine private Todesangst (während die Angst um sein Werk merkwürdig unreflektiert bleibt, im Dunkel gehalten, durch das Getöse des Triumphalismus zum Schweigen gebracht wird)? Aber steckt nicht in jeder Todesangst mehr als nur die Todesangst; ist nicht die „Privatisierung“ der Todesangst selber schon Produkt einer gesellschaftlich verwurzelten und sehr tief verinnerlichten Abstraktion, die nicht mehr beim Namen genannt werden darf? Steckt in der Gethsemane-Geschichte nicht auch die Angst vor dem im Kreuzestod sich manifestierenden Mißlingen, die symbolisiert (und verstärkt) wird durch den Schlaf der drei Jünger?
Ist nicht das „in Ägypten kann man leben“ (Publik-Forum von gestern) eine Falle, eine Falle, die Josef selber mit aufbaut, und in die dann das Volk Israel hineingerät?
Dann kam ein Pharao, der Josef nicht mehr kannte: Hat das etwas mit dem Josef des NT zu tun, der ebenfalls nach der Kindheitsgeschichte vergessen wird, nicht mehr erscheint (sogar von Jesus, auch da, wo er seine Angehörigen, seine Mutter und Geschwister, nennt, nicht mehr erwähnt wird), zu tun?
Beide Josefs-Geschichten sind Geschichten, in denen Träume wichtig sind. Die Träume in Ägypten sind die Träume Josefs, die Träume des Mundschenks und des Bäckers und dann die Träume Pharaos; die Träume des Josef von Nazareth sind seine eigenen, aber auch sie führen nach Ägypten (und wieder zurück). – Vgl. hiermit die apokalyptische Zuspitzung der Träume Nebukadnezars, die derart sind, daß er selber sie nicht ins Bewußtsein heben kann, sie vergessen hat, und Daniel soll nicht nur die Träume erläutern (wie Josef die des Pharao), sondern er soll dem König den Traum selber zurückholen, Erinnerungshilfe leisten.
Wenn die geltenden Asyl-Gesetze die Abschiebung von Kindern und die der Familien von Asylsuchenden (und die Trennung von ihnen) ermöglicht, widersprechen sie dann nicht dem Grundgesetz, das die Familie unter den besonderen Schutz des Staates stellt (und es kann ja wohl nicht sein, daß hier nur die deutschen Familien gemeint sind: er müßte doch wohl in alle Rechtshandlungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes eingreifen, auch ins Asylrecht)?
Anfrage an den neuen Bundespräsidenten: Solange er Präsident der Bundes-Verfassungsgerichts war, unterlag er dem Prinzip „Wo kein Kläger, da kein Richter“; er durfte nicht von sich aus tätig werden. Aber welche Befugnisse hat der Bundespräsident, ist er nicht auf andere Weise Hüter der Verfassung; ist er nicht in den Fällen, in denen er als Richter zuwarten mußte, zum Handeln verpflichtet?
Unterscheidet sich das Damaskus-Erlebnis des Paulus (seine Berufung zum Apostel: zum Zeugen der Auferstehung) nicht entscheidend von den anderen Erscheinungen des Auferstandenen, die alle vor seiner Himmelfahrt liegen, während das Damaskus-Ereignis danach folgte?
Ist nicht Paulus nur zu retten, wenn man seine kosmologische Soteriologie mit akzeptiert (die Archonten und das Seufzen der Kreatur)? Nicht Paulus, sondern der seit den Kirchenvätern hellenisierte und durch Luther modernisierte Paulinismus sind Teil der Geschichte des Sündenfalls der Kirche. Zu hellenisieren war Paulus nur um den Preis der Logik des Terrors, die Luther dann verinnerlicht hat (Modernisierung durch die Glaubens- und Rechtfertigungslehre, deren Preis die Verteufelung der Bauern und der Juden war).
Zum Staub (als Vorbegriff der Materie): Verweist das „aus Staub bist du gemacht, und zu Staub wirst du wieder werden“ im Kontext der staubfressenden Schlange nicht auf die Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft im Inertialsystem und im Bilde des apokalyptischen Tieres? Die Schlange frißt die zur Vergangenheit gemachte Zukunft? Dazu paßt es, wenn man die Schlange als Symbol des Neutrum und des Weltbegriffs begreift.
-
27.5.1994
Die Sexualmoral besiegelt die Unfähigkeit zu lieben (das Geschwätz ist die Vergesellschaftung des Wölfischen). – Die Mathematik oder das Lachen und das Weinen (Grenze zwischen Mathematik und Sprache); – die Feste des Himmels oder Wasser und Feuer. Es gibt nicht nur eine Logik, sondern eine Gruppe, eine Konstellation von Logiken, in deren Zentrum der Weltbegriff steht: – die Logiken der Schuld, der Herrschaft und der Verblendung, oder – die Bekenntnislogik, die Logik des Geldes und die Logik der Anschauung. Natur, Materie und Autismus (der Feminismus als Ausbruchsversuch aus dem Käfig des Autismus). Die „Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand“ ist nicht identisch mit „adaequatio intellectus et rei“. Zwischen diesen beiden Wahrheitsdefinitionen liegt die Geschichte der Trennung von Ding und Sache (die Geschichte der mittelalterlichen Eucharistieverehrung und des Ursprungs des Inertialsystems). Gibt es nicht diese generelle Beziehung zwischen Sprache und Symbol (wie die zwischen Schlange und Neutrum), und ist nicht der babylonische Turm die Ursprungsgestalt der Reflexion dieser Beziehung; das Bild, in dem die Prophetie den Ursprung der indogermanischen Sprachen erkannt haben? Ist der Stier das Symbol der Schrift (es gibt eine Logik der Schrift, ebenso wie eine Logik des Geldes und die Bekenntnislogik, die daraus sich herleiten)? – Vgl. hierzu die Geschichte vom „goldenen Kalb“, die zur Sinai-Geschichte und als Kontrapost zu den mosaischen Gesetzestafeln dazugehört; auch das Stier-Gesicht in der Ezechiel-Vision (sh. auch die Apokalypse). Der Nominalismus wird durch die Logik der Schrift, die zunächst auf die Astronomie zurückweist und am Ende das Inertialsystem aus sich entläßt, ebensosehr begründet, wie dann auch widerlegt. Die Schrift ist die Verkörperung des Hinter dem Rücken (sh. die Gottes-Offenbarung an Moses). Zum Kelchsymbol gehört neben Gethsemane („Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehen“) und der Antwort auf die Frage der Zebedäussöhne („könnt ihr den Kelch trinken? – ihr werdet den Kelch trinken …“), das Wort an Petrus („soll ich den Kelch nicht trinken …“), aber als Grundlage auch die prophetischen und apokalyptischen Bilder (Taumelkelch, Kelch des göttlichen Zorns, der Becher der Unzucht – der Becher der Hure Babylon) sowie dann am Ende bei Hegel die Definition des Wahren in der Phänomenologie des Geistes („das Wahre ist der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist“) und der ungeheuerliche Schluß dieses Werkes („aus dem Kelche dieses Geisterreichs schäumt ihm seine Unendlichkeit“). Die Formen der Anschauung und das Inertialsystem haben sowohl mit dem Symbol des Kreuzes als auch mit dem des Kelches zu tun (das Kreuz, Bild der Orthogonalität: mit dem Ursprung des Inertialsystems, Repräsentant des Subjekts, des Herrendenkens, der Last, die der Objektivationsprozeß dem Subjekt und den Dingen aufbürdet; der Kelch, das Bild des „Behälters“, des Inertialsystems: des unerschöpflichen Brunnens, aus dem wir die „Naturerkenntnis“ schöpfen: sie zu Objekten unserer Vorstellungen machen, Referenzsystem der Vergewaltigung und Verdinglichung des Objekts). Das Kreuz symbolisiert den Weltbegriff, der Kelch den der Natur (die „Naturerkenntnis“ ist das Trinken aus dem Kelch des göttlichen Zorns: so haben die Naturwissenschaften in der Tat etwas mit der Religion zu tun)? Das Absolute ist ein Konstrukt aus Schicksal und Scham (Begriff und Anschauung, Kreuz und Kelch). Bezieht sich nicht die Konstellation von Kreuz und Kelch außer aufs Inertialsystem auch aufs Geld und auf die Bekenntnislogik? Oder: gehört nicht auch das Dogma zum Unrat im Becher der Hure Babylon?
-
26.5.1994
Die drei Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt definieren die Randbedingungen des projektiven Erkenntnisbegriffs. Die Trinitätslehre ist das Inertialsystem der dogmatischen Theologie, und die Opfertheologie das ihre Objektivität vermittelnde Glied. Ähnlich wie die homousia den letzten Akt der Einbindung der Theologie in die Philosophie, in den Aufklärungsprozeß, bezeichnet, ähnlich bezeichnet das filioque den Übergang dieser Theologie zur modernen Aufklärung. Das homousia symbolisiert die Verinnerlichung des Mythos, des Schicksals, das filioque die mit der Verinnerlichung der Scham verbundene Aufspaltung von Ding und Sache. Läßt nicht die Differenz zwischen der augustinischen und der lutherischen Gnadenlehre durch die Differenz zwischen der politischen Begründung des Terrors und seiner Verinnerlichung durch die lutherische Glaubens- und Rechtfertigungslehre sich bestimmen? Joh 1811: „Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke das Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch, den der Vater mir gegeben hat, nicht trinken?“ Gehört nicht Hyam Maccoby noch zur Legitimationsgeschichtsschreibung, steht sie nicht unterm Bann des gleichen Rechtfertigungsprinzips, gegen das sie ankämpft: des paulinischen? An seinem Werk ließe sich der Zusammenhang von Rechtfertigungszwang und Bekenntnislogik demonstrieren. Der Bann des Bekenntnislogik gründet darin, daß die Geschichte als unwiederbringlich vergangen gesetzt wird; genau dadurch gerät sie in den Bannkreis der Vergangenheit, der der Bekenntnislogik zugrundeliegt. Es käme darauf an, die Geschichte aus dem Bann des Schuldverschubsystems zu lösen. Kommt Johannes (der Apostel/Evangelist) bei Paulus und Paulus bei den andern Aposteln oder in der Apokalypse vor (nur in 2 Pt)? Und hat diese Frage nicht Ähnlichkeit mit der andern, ob die Philosophie in der Prophetie und die Prophetie in der Philosophie vorkommt (Taumelkelch und Barbaren)?
-
25.5.1994
Unsichtbar gewordener (gemachter) Terror (Objektivität und Gemeinheit): Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, und das aus beweisrechtlichen Gründen. Grund ist das Problem der Nachweisbarkeit, das Beweisproblem; Gefahr besteht u.a. (außer aus Gründen, die in der Beweislogik selber liegen) aufgrund der Manipulierbarkeit des Beweisrechts durch – Einschränkung der Verteidigerrechte, – Einflußnahme auf die Zeugen (Kronzeugenregelung), – Einschränkung der Zugriffsmöglichkeit der Gerichte auf Beweismittel (Recht der Verwaltung, Dokumente als geheime Verschlußsache einzustufen, sie so als Beweismittel unverwendbar zu machen), – Einbindung der Ermittlungsorgane in die hierarchisch organisierte staatliche Verwaltung (Weisungsbefugnis der vorgesetzten Behörden), – Einflußnahme schon im Vorfeld: durch Übertragung polizeilicher Befugnisse (Ermittlungsaufgaben) auf Geheimdienste, Verfassungschutzorgane (Modell Gestapo, Stasi). Lassen sich hieraus Kriterien entwickeln zur Ermittlung der potentiellen „Brutstätten der Gemeinheit“ in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen (Knäste, „geschlossene Anstalten“, hierarchisch organisierte Körperschaften wie Kirchen, Schulen, Verwaltung, Polizei und Militär, die obersten Ermittlungsbehörden)? Der Menschensohn auf den Wolken des Himmels: Sind diese Wolken Gewitterwolken (wie im Buch Hiob), und die Blitze Vorankündigungen des göttlichen Lichts, das das der Sonne ablösen wird? Das Inertialsystem, als dessen philosophische Reflexion die kantische Philosophie sich erweist, ist selber der Kern des Abstraktionsgesetzes der Philosophie insgesamt. Erst vor diesem Hintergrund wird die ungeheure Bedeutung der einsteinschen Entdeckung: des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erkennbar. Das aristotelische tode ti kommt im Inertialsystem zum Begriff seiner selbst. Hegels Analyse des Hier und Jetzt in der Phänomenologie des Geistes kann man lesen als das philosophische Gegenstück zum Relativitätsprinzip. Aber genau hierauf bezieht sich auch das apokalyptische Symbol der sieben unreinen Geister und die Geschichte mit Maria Magdalena, aber dann auch das Wort von dem Lamm, das die Sünde der Welt auf sich nimmt und würdig ist, die sieben Siegel zu lösen. An dieses Lösen erinnert das Wort vom Binden und Lösen (und sein kosmischer Reflex im prophetischen Wort vom Orion und den Plejaden), wie überhaupt die Apokalypse erst durchsichtig und verständlich wird vor diesem Hintergrund: als Lösung des Problems der Geschichte der Säkularisation und des Profanen.
-
24.5.1994
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Lassen aus diesem Satz die Rechtsinstitute sich bestimmen, die vor allem in der Gefahr stehen, zu Brutstätten der Gemeinheit zu werden (Kriterium: Problem der Nachweisbarkeit und gesellschaftliche Vorurteilsstrukturen; Institutionen im Schatten der gesellschaftlichen Exkulpations-, Rache- und Verdrängungsbedürfnisse; GBA, die Staatsschutzsenate und Knäste)?
Roman Herzog und das Stichwort „Entkrampfung“: Sie wäre wünschenswert, wenn sie auf die Verstrickung ins Schuldverschubsystem sich beziehen würde, auf die Fähigkeit, der Vergangenheit ohne Rechtfertigungszwänge und dem unerledigten raf-Problem ohne paranoide Ängste (die der Wirksamkeit des gleichen Schuldverschubsystems sich verdanken, das sie zugleich verstärken) sich zu stellen. Hinzu käme, daß wir angesichts der Scheußlichkeiten der aufbrechenden Ausländerfeindschaft und der alten Vorurteile endlich aufhören, auf die Wirkung dieser Vorgänge im Ausland zu verweisen, und das eigene Gewissen entdecken würden; das würde jedoch bedeuten, daß wir nicht nur den Rechtsextremismus verurteilen, sondern (auch in der Politik) unsere Solidarität mit den Opfern: den hier lebenden Ausländern und den anderen bedrohten Gruppen (eigentlich allen Minderheiten: Juden, Obdachlose und Behinderte, aber auch jene, die das gemeinsame Vorurteilsobjekt der staatlichen Gewalt und der Rechten zu werden dohen: die Linke), öffentlich und wirksam manifestieren.
Es gibt eine Last, von der man sich nur befreit, wenn man sie auf sich nimmt, während jeder Versuch, sie abzuwerfen, sie vermehrt. In der Unkenntnis dieser Logik liegt der Grundfehler jeglicher Apologetik.
Zu Hyam Maccoby: Hermann Cohen hat die Attribute Gottes als Attribute des Handelns, nicht des Seins, definiert. Wer die paulinischen Selbstzuordnungen (Hebräer, Israelit, Benjaminit) als Seinskategorien auffaßt, muß sie als „Fälschungen“, als „Selbsttäuschungen“ begreifen; aber könnte es nicht sein, daß sie (nach dem Bild der in den Weinstock eingepfopften wilden Weinreben) als Glaubens-, Ziel- (und Handelns-) Kategorien aufzufassen wären, was dann das paulinische Gesetzes-, Glaubens- und Rechtfertigungsverständnis in ein neues Licht rücken würde? Ist die Frage, ob Paulus ein Benjaminit war, eine Frage der Stammeszugehörigkeit (eine „Rassenfrage“), oder bezieht sie sich auf eine paulinische Wahl: auf eine Tradition, der er aus theologischen Gründen glaubt, sich zuordnen zu können (und zu müssen)? Hat Paulus die Theologie insgesamt zur Verkörperung eines wahrhaft ungeheuerlichen Wunschdenkens (das zu seiner Absicherung dann der Vergöttlichung Jesu bedurfte) gemacht? Sind wir hier nicht im Kern des Problems der Fälschungen in der Geschichte (die nicht zufällig ihre Brennpunkte in der Geschichte der Mystik und der Apokalypsen haben), ihres nicht immer aus betrügerischer Absicht zu erklärenden, immer aber legitimationsbegründenden Gebrauchs (in der Schrift reflektiert im Symbol des Kelchs).
Der Glaube schließt die Treue ein und ist das Bindeglied zwischen Hören und Tun („Bewährung“ der Wahrheit): Er „versetzt Berge“. Das Christentum ist auch der Versuch einer Verkörperung des unerhörten Anspruchs, über den eigenen Schatten springen zu können, die Grenzen der Gattung und des Todes (durch Übernahme der Sünde der Welt) zu durchdringen und zu überschreiten.
Is 2222: Die in Mt 1618 und 1818 zitierte Stelle wurzelt in 2 Kön 18.
Was bedeutet es, wenn Paulus in Athen erstmals von „Gott, der die Welt geschaffen hat“ spricht, und ihn zugleich den „Herrn“ und nicht den Schöpfer „des Himmels und der Erde“ (Apg 1724) nennt?
Hängt Kirche mit kyrios, kyriakä (dem Herrn gehörig) zusammen; wäre dann nicht ekklesia mit Gemeinde zu übersetzen?
Die Pyromanie des Christentums: Wer den Anblick der Qualen der Verdammten in den Feuern der Hölle als Ingredientien der Seligkeit im Himmel begreift, hat der Pyromanie (die dann an den Juden, Ketzern und Hexen sich austobte) die Tür geöffnet, gehört zu denen, die diese Feuer entfacht und in Gang gehalten haben. Aber dies waren nicht die Feuer, von denen Jesus wünschte, sie brennten schon.
Zur Theorie des Feuers: Die Logik der Fälschung ist positivistisch nicht aufzulösen.
Sind nicht Staatsschutzverfahren in der Regel kurze Prozesse, die nur endlos hinausgezogen werden? -
23.5.1994
Die rabbinische Interpretation von Dt 2123 (vgl. Hyam Maccoby, Mythmaker, S. 67f) ist ein eindeutiges Verdikt über das katholische Kruzifix. „Ein Fluch ist der Gehängte“: Das kann nicht für den Gehängten gelten (die paulinische Interpretation ist magisch), wohl aber für die, die ihn gehängt haben oder ihn (über Nacht oder über den Sabbath hinweg) hängen lassen. Die Christen haben diesen Fluch auf sich gezogen, indem sie ihn zum antisemitischen Symbol gemacht und in ihre Kirchen und in ihre Wohnzimmern hereingenommen haben. Kann es sein, daß das apokalyptische Bild vom „Tier von der Erde“ (Offb 3117) auf Paulus sich bezieht (es hat zwei Hörner „wie ein Lamm“ und „redet wie ein Drache“, die Zahl dieses Tieres ist die „Zahl eines Menschen“; hat diese „Menschenzahl“ etwas mit dem messianischen Namen des „Menschensohns“ zu tun: durch Umkehr – wie verhält sich die „Zahl“ zum „Sohn“)? Repräsentiert Paulus (und seine Theologie) den Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen? Klärt nicht die These, daß Paulus ein Heide war (in jedem Fall kein Pharisäer, kein rabbinischer Schriftgelehrter), eine Reihe von Problemen in seiner Theologie, vom Gesetzesverständnis über den Glaubensbegriff bis zur Rechtfertigungslehre? Insbesondere die paulinische Interpretation des Gesetzes ist fast ein Beweis für die Maccobyschen Thesen, die dann auch das Problem seines Namens (Saulus/Paulus) in ein neues Licht gerückt haben – sh. hierzu S. 95f. Durch Paulus ist das Christentum zur Weltreligion geworden, hat es die Fähigkeit gewonnen, die Welt zu durchdringen (ist damit jedoch selbst von der Welt durchdrungen worden). Was hat es mit dem „dritten Himmel“ auf sich (2 Kor 122, mit dem Problem der Selbstanonymisierung: hier schreibt Paulus von sich selbst in der dritten Person)? Ergeben sich die Affinitäten der Paulinischen Theologie zur Gnosis und zu den Mysterienreligionen der Spätantike nicht von selbst aus der Logik des Maccobyschen Konzepts (liegt die Lösung im Problem des „dritten Himmels“: er hatte die Herrscher der Planetenwelt, die „Archonten“, über, nicht unter sich)? Vorausgesetzt (und mit eingeschlossen) ist in der Stufe des dritten Himmels – das Licht (und der Ursprung des Angesichts), – die Erschaffung der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt, und – daß auf der Erde das Trockene hervortritt und die Wasser an einer Stelle sich sammeln. Ist es nicht fast unerheblich, ob die Prämissen der Maccobyschen Konklusionen zutreffen; das Ergebnis stimmt: die paulinische Theologie ist so konstruiert, als wäre Paulus ein Heide, kein Jude und erst recht kein „Pharisäer“, gewesen. Ob er nun Jude oder Heide war, ist auch eigentlich uninteressant. Ist nicht die paulinische Theologie eine Theologie für Proselyten, geprägt von der Angst vor der Beschneidung (war Paulus beschnitten, und welche Bedeutung hat die Geschichte mit dem Nasiräer-Gelübde – Apg 2123ff)? Hängt die Archonten-Lehre mit der Angst vor der Beschneidung (und die Beschneidung mit dem „kreisenden Flammenschwert“ des Cherubs vorm Eingang des Paradieses) zusammen: mit der Verdrängung der Astrologie und der Beziehung der „Theologie hinter dem Rücken“ zur kopernikanischen Wende (mit der Verheißung, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, und dem bis heute unerledigten „was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“)? Aber hat nicht das Lösen ein Echo in der paulinischen Theologie, in dem Satz, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet? Eine verrückte Frage: Hat Tarsus etwas mit Tarschisch zu tun (und ist Paulus der Jona redivivus)? Gibt es nicht gewisse Parallelen zwischen dem Schiffbruch vor Malta und dem Versuch des Jona, mit dem Schiff nach Tarschisch zu fliehen, und seiner Geschichte mit diesem Schiff? Im Kern der paulinischen „invention of Christianity“ stand die Erfindung des Glaubens: die Ablösung des „Glaubens“ von seiner Beziehung zur realen Erfahrung, die ihm den Schein der rechtfertigenden Kraft verleiht, seine Einbindung in die Bekenntnislogik durch Verletzung des Bilderverbots im Kern der neuen Gestalt der Subjektivität (durch Verinnerlichung des Opfers). „Ohne Ansehen der Person“: Wie verhält sich die Person zum Angesicht? Ist nicht das Ansehen der Person das vergesellschaftete (und so blasphemisierte) Angesicht, das in rechtlichen Zusammenhängen (in denen der Personbegriff sich konstituiert) als Maske (als Charaktermaske und als Pokerface) gegen das Gesehenwerden sich verschließt? Durch seinen Ursprung in der Maske verweist der Personbegriff auf magische (patriarchalische und sexistische) Ursprünge. In der Person wird nicht das Angesicht, sondern die gesellschaftliche Rolle (die „Persönlichkeit“) und die Unerkennbarkeit der Absichten angesehen: deshalb setzt Gerechtigkeit das Absehen vom Ansehen der Person voraus.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie