Sind die Pforten der Hölle die der Scham?
Hodie si vocem ejus audieritis: Es ist ein Unterschied, ob man diesen Satz mit „wenn ihr seine Stimme hört“ oder mit „wenn ihr auf seine Stimme hört“ übersetzt.
Wer ohne den Trieb, die Welt zu ändern, den Intellekt verteufelt, appelliert an den Bauch und an die Macht.
Die Demut der Materie: Der Objektbegriff ist das verdrängte Erbe des Gotteslamms, das die Sünde der Welt auf sich nimmt. Das Kreuz, an das es geschlagen wird, enthält alle drei Arten der Todesstrafe
in sich: das Enthaupten (Johannes), das Kreuzigen (Jesus) und das Steinigen (Stephanus), während das Verbrennen erst in seiner Konsequenz und außer ihm liegt. Nur weil das Christentum der Reflexion des Feuers sich entzogen hat, mußte es die Juden, die Ketzer und die Hexen verbrennen.
Das ungeheure Bild des Rocks aus Fellen: Erinnerung an
– das goldene Vlies und die Argonauten,
– den Rock Jesu am Kreuz, über den die Soldaten das Los geworfen haben,
– die Geschichte der Scham und der aufgedeckten Blöße (und den Ursprung des Weltbegriffs),
– den Hinweis bei den Kirchenvätern, die in diesem Rock die Kirche symbolisiert sahen.
Und hat der Rock aus Fellen etwas mit dem Gotteslamm zu tun?
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit enthält (vor dem Hintergrund und im Kontext der hegelschen Bemerkung über die „empirischen Erscheinungen der Fortpflanzung des Lichts) den Beweis, daß die Aufklärung an ihrem Ursprungsort, in der Geschichte der Naturwisenschaft, zu dem Scheffel geworden ist, hinter dem das Licht verschwunden ist.
Liegt nicht dem Konzept der creatio mundi ex nihilo, der Beziehung des Schöpfungsbegriffs auf den Weltbegriff, der Prozeß der Verinnerlichung der Scham zugrunde?
Der Hinweis des Eleasar von Worms auf die symbolische Bedeutung der Dornen und Disteln, die er als das Gesetz der Profangeschichte versteht, wird deutlicher noch, wenn man ihn allgemein auf das Gesetz des Profanen (das die Gewalt und die Herrschaft von Menschen über Menschen mit einschließt) bezieht. So schließt er sich mit dem Theologisch-politischen Fragment Walter Benjamins zusammen. Hier ist das Bindeglied, das die Dornen und Disteln mit den subjektiven Formen der Anschauung (der Abstraktion vom Gesehenwerden), primär mit der Form des Raumes und mit dem Inertialsystem (der Leugnung des Angesichts), verknüpft.
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21.5.1994
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21.5.1995
Worauf gründen Domestikation und Dressur von Tieren? Setzen sie nicht voraus, daß Tiere in einem gleichsam noch diffusen Bannkreis von Herrschaft leben, dem erst die Menschen Identität geben können? Und hängt es damit zusammen, daß domestizierte Tiere auf eine signifikante Weise ihr Aussehen (ihre Erscheinung im Blick der Andern) ändern? Während vorher die Welt (der Inbegriff des Angeblicktwerdens) eine feindliche Welt war, vor der man durch Anpassung an die Umgebung sich verbergen mußte, scheinen domestizierte Tiere ein eher auffälliges Aussehen zu bevorzugen, das ein Wiedererkennen durch den menschlichen Herrn ermöglicht. Jedes Lachen ist ein Urteil, das vom sprachlichen Urteil dadurch sich unterscheidet, daß es durch seine Stummheit der Reflexion sich entzieht. Lachen ist positivistisch: Es entzieht insbesondere sein Objekt der Reflexion. Deshalb ist das Kabarett herrschaftsstabilisierend. Das Lachen enthält die ganze Bekenntnislogik in sich: Sein Objekt ist sein Feindbild, es erzeugt das Kollektiv der Lacher und verfolgt jede Abweichung wie eine Häresie, und es ist – wie der confessor – männlich. Oikos und polis: – Babel ist eine Stadt, Ninive die große Stadt; der Pharao in Ägypten ist das große Haus. Gibt es im biblischen (vorhellenistischen) Ägypten überhaupt Städte? Es gibt das Sklavenhaus Ägypten, und es gibt die babylonische Gefangenschaft (und hierzu das Wort des Jeremias: Betet für das Wohl der Stadt). – In Israel gibt es Stämme, dann das Haus Israel, das Haus Juda, auch das Haus Josef; es gibt Städte, die den Namen des Hauses tragen: Bethlehem; und es gibt die Stadt Jerusalem mit dem Tempel, die aber, wie auch andere Städte, kanaanitischen Ursprungs ist. Mein ist die Rache, spricht der Herr; Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer: Ist nicht Gott, und sind nicht Opfer und Gebet Institutionen zur Transformation von Rache in Barmherzigkeit. Der Historismus steht in der Tradition der Kosmogonien. Geschichte ist Weltgeschichte. Der Gesang der Vögel verhält sich zur Sprache wie die Farbe der Blumen zum Licht. Die Taube löst die Erstgeburt der Armen aus, das Lamm die Erstgeburt des Esels. Abraham schlachtet das Kalb, aber opfert den Widder (mit dem er seinen Erstgeborenen, Isaak, auslöst). Die Regelungen für das Stier- und Rindopfer finden sich in der Thora, aber die Opfer selber gibt es erst in den Auseinandersetzungen der frühen Propheten mit der Baalsreligion und in der Königsgeschichte. Daß der Himmel am Ende wie ein Buch sich aufrollt, verweist das nicht auf das Ende der Logik der Schrift und den Beginn der Erfüllung des Worts; und ist das nicht das Ende des Gehorsams und der Anfang des Hörens? Das Entscheidende an der Kritik des Weltbegriffs ist nicht, daß es eine Ära beendet, sondern daß es einen Spalt öffnet für den bis heute versäumten Anfang. Körper und Person: Wodurch unterscheidet sich die juristische Person von der Körperschaft des öffentlichen Rechts?
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20.5.1994
Die Systemkonstrukte der Philosophie (Neuscholastik: Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ethik; Kant/Cohen: Logik, Ästhetik, Ethik; Hegel: Logik, Naturphilosophie, Philosophie des Geistes) lassen aus den Varianten der Urteilsform, aus einem logischen Grundmodell, sich herleiten. Die Neuscholastik geht aus von einer verdinglichten, dem Urteil äußerlichen Dingwelt; Kant verwandelt sich die Welt in eine durch die apriorische, verdinglichte Urteilsform vermittelte Welt der Erscheinungen; Hegels Philosophie ist das Resultat der Selbstreflexion des Dingbegriffs und der Urteilsform.
Das Problem liegt in der kantischen „transzendentalen Ästhetik“; deren Reflexion wird gehemmt, wenn nicht verhindert, durch ihre exkulpatorische Funktion: Sie schirmt das Subjekt ab gegen den Abgrund des Mythos.
Das Rosenzweigsche „und“ schließt die Idee des Absoluten aus (widerlegt die Idee des Absoluten).
Zu den drei Grundstückskäufen:
– Abraham kauft das Grundstück/die Höhle Makpela von dem Hethiter Ephron (Gen 23),
– Jakob kauft ein Grundstück bei Sichem von den von den Söhnen Hamors (Gen 3319),
– David kauft die Tenne des Jebusiters Arauna (2 Sam 2418).
Der Kauf erfolgte
– als Erbgrundstück für das Begräbnis Saras,
– für die Errichtung eines „Malsteins“ und den Bau eines Altars („El, Gott Israels“),
– für den Bau eines Altars, um der Seuche im Volke Einhalt zu gebieten (an der gleichen Stelle, an der auch die „Bindung Isaaks stattgefunden hatte, erbaute dann Salomon dem Herrn einen Tempel – Gen 222, 2 Chr 31).
Ist nicht die Philosophie, die sich in der Prophetie wiedererkennt, die Erfüllung sowohl der Philosophie wie auch der Prophetie?
Nach Auschwitz sind gesellschaftliche Naturkatastrophen nicht mehr undenkbar, aber auch die Vorstellung, daß Rechtfertigungszwänge und Legitimationsbedürfnisse die Fälschung der Erinnerung (auch der historischen Erinnerung) begründen können (Problem der Chronologie, der Fälschungen im Mittelalter, aber auch des logisch überdeterminierten Versuchs, synchrone Ereignisse in diachrone umzuformen: entspricht nicht die Logik der Evolution und der Tiefenzeit der Logik der Selbstbegründung des Inertialsystems)? Ist der Verdacht so unbegründet, daß die heute herrschenden wissenschaftliche Anschauungen zur Astronomie und zur Vorgeschichte (Orientalistik, Evolutionstheorie, Geologie) eines Tages als projektive Konstrukte eines universalen Exkulpationstriebs sich erweisen werden (gleichsam als Parodie auf die Umformung einer symbolischen in eine zeitliche Folge in der Bibel: Abraham, Moses, David)? Vgl. hierzu Rosenzweigs Konstrukt einer prophetischen Beziehung der „Vorwelt“ (des Mythos, der Philosophie) zu ihrer Erfüllung in der „allzeit erneuerten Welt“ der Theologie, der Schöpfung/ Offenbarung/ Erlösung (die Philosophie als Prophetie der Prophetie).
Die Offenbarung ist die Kontraposition zur Verdrängungsgeschichte, während die Philosophie zu ihren Stabilisatoren gehört (Begriff der Barbaren, der Natur und der Materie).
Das Feuer, die Scham, die Gattung und der Tod. Aber: „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
Empfindung und Selbstmitleid: Produkte der verinnerlichten Scham (der Trennung von Ding und Sache). Die Empfindung ist der Tod der Sensibilität.
Die Kritik der Naturwissenschaften müßte in einer Theorie des Feuers sich erfüllen, und das in einem sehr physikalischen Sinne: Sie müßte einschließen die Lösung des Rätsels der Planckschen Strahlungsformel (die diese Theorie des Feuers bereits enthält), und in der Folge daraus der Mikrophysik und ihrer Konstanten insgesamt. Sie müßte auch mit einschließen die Auflösung des „Himmels“-Problems (im hebräischen Namen des Himmels ist der des Feuers enthalten), das auf die Logik der Scham (der Erkenntnis der Nackheit, der Selbsterfahrung im Blick der Andern, der Konstituierung der farbigen Außenseite der Dinge, der Beziehung des Begriffs der Barbaren zum Namen der Hebräer, des brennenden Dornbuschs als „brennende Innenerfahrung“ des Profanen) zurückweist. Auf die gleiche Logik der Scham, die die subjektive Form der äußeren Anschauung, die Selbstbegründung der Raumvorstellung, als Verdrängungs- und Exkulpationslogik determiniert (der Raum tabuisiert die Scham durch Abstraktion vom Gesehenwerden). Die im naturwissenschaftlichen Objektbegriff (dem Grund und Modell des wissenschaftlichen Objektbegriffs überhaupt) institutionalisierte aufgedeckte Blöße tabuisiert die Scham: zurück bleibt nur das Brennen. Das Feuer der Hölle ist der mythische Ausdruck der brennenden Scham; der Anblick dieses Leidens, der nach theologischer Tradition zur seligen Anschauung Gottes dazugehört, ist in der Tat durch den Begriff der Anschauung Gottes determiniert (der die Abstraktion vom Gesehenwerden mit einschließt: und die Scham, die Gottesfurcht, als ein unlöschbares Feuer in die Hölle projiziert; mit der Gottesfurcht wurden die Juden in die Hölle projiziert; so wurde in den Juden die Gottesfurcht, in den Hexen die göttliche Barmherzigkeit verbrannt). Wie hängt das Lukacs’sche „Grand Hotel Abgrund“ (Theorie des Romans, S. 17) mit der augustinisch-thomistischen Tradition der kirchlichen Seligkeitslehre (vgl. Thomas von Aquin, S.Th., Suppl. q. 94) zusammen?
Sind Kafkas Tiergeschichten Produkte der Schamreflexion (der säkularisierten Gottesfurcht: Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns)?
Ist die Astrologie eine Verkörperung und erste Entfaltung der Logik der Scham: der verschlossene und vom Cherub bewachte Eingang zum Paradies, auf den sich per Umkehrung dann das Wort bezieht, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden? -
19.5.1994
Zu Jürgen Ebach, Kassandra und Jona: – Zum „Grand Hotel Abgrund“ (S. 114): Nicht Adorno hat das Wort als „auf sich bezogen (nicht miß-)verstand[en]“, sondern Lukacs selber hat es, nach der Kritik Adornos an Lukacs‘ „Wider den mißverstandenen Realismus“ (beide 1958), auf Adorno bezogen, in dem Vorwort zur Neuausgabe der „Theorie des Romans“ (1962, S. 17): „Ein beträchtlicher Teil der deutschen Intelligenz, darunter auch Adorno, hat das ‚Grand Hotel Abgrund‘ bezogen, ein – wie ich bei Gelegenheit der Kritik Schopenhauers schrieb – ’schönes, mit allem Komfort ausgestattetes Hotel am Rande des Abgrunds, des Nichts, der Sinnlosigkeit. Und der tägliche Anblick des Abgrunds, zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten oder Kunstproduktionen, kann die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen‘. (Die Zerstörung der Vernunft, Neuwied 1962, S. 219)“ – Wer sich des Ekels erinnert, mit dem Adorno auf den Begriff Kunstgenuß reagierte, und wer dazu die argumentative Lukacs-Kritik Adornos im „Monat“ (November 1958) gelesen hat, dem fällt es schwer, diesen Text auch nur versuchsweise für eine „berechtigte“ Kritik zu halten. – Zu „Rechts und links nicht unterscheiden können“ (S. 116): An dieser Wendung, scheint mir, ließe sich etwas von dem sichtbar machen, was prophetische von philosophischer Erkenntnis unterscheidet: wer nur tief genug (und zwar genau an der Stelle, die die Philosophie mit dem tode ti verwischt, im Kern der Aktualität) in die Sache eindringt, trifft in ihr auf Einsichten, die aus der Sache heraus prophetische Qualität gewinnen. Ist nicht das „noch nicht“, das die Assoziation der Kinder nach sich zieht, durch ein „nicht mehr“ zu ersetzen: Ninive, die große Stadt, ist ein Ort, an dem man verlernt hat, rechts und links (die Barmherzigkeit und das Gericht) zu unterscheiden. Rechts und links nicht unterscheiden können, das ist auch das Resultat der Ausbildung der Raumvorstellung, in der alle Richtungen gleichwertig geworden sind und, im Bann der mathematischen Logik des Raumes (der Logik der subjektiven Form der äußeren Form der äußeren Anschauung), nicht mehr sich unterscheiden lassen. Diese Raumvorstellung (die Newton mit dem Attribut des Absoluten versehen hat) stellt die Distanz zur Welt überhaupt erst her, durch die sie als eine Totalität der Erscheinungen im kantischen Sinne „erkennbar“ wird, sie macht sie gegenständlich, aber um den Preis, daß die Richtungen im Raum: vorn und hinten, rechts und links, oben und unten, anhand objektiver Kriterien nicht mehr sich unterscheiden lassen (Ursprung des Nominalismus: Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen, Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache – Inertialsystem und Gewalt). Als Form der Anschauung trennt der Raum das Sehen vom Gesehenwerden: wird er zum Tabu über die Scham, in deren Reflexion die benennende Kraft der Sprache sich erneuert. Der Begriff der Anschauung Gottes ist hamitisch; sein Objekt ist die aufgedeckte Blöße: das Absolute (nicht Gott); zu seinen Folgen gehört das Urteil über Kanaan: die im Weltbegriff sedimentierte Herrenfurcht. Mit dem Begriff der Anschauung Gottes hat die Kirche die Gottesfurcht neutralisiert und ihrem Grund, dem Angesicht Gottes und dem göttlichen Gericht, den Schrecken genommen (zur Anschauung Gottes gehört die Freude beim Anblick der Qualen der Verdammten, der Preis für die Verdrängung des göttlichen Angesichts, Folge des Versuchs, die Idee des seligen Lebens unter Abstraktion von der Umkehr zu konstruieren). Unterm Bann des Weltbegriffs wurde die Umkehr aufgespalten in Bekehrung und Buße, ist sie in die mythischen Kreisläufe der Gewalt: des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, eingebunden worden.
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18.5.1994
Zu Jeremias: Die Herrschaft Babylons, die Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar und der – hiernach endgültige – Verlust der politischen Autonomie Judas, war nicht nur „Anlaß“ (in einer sonst unveränderten Welt) für die Prophetie des Jeremias, sie hat vielmehr die Welt selbst verändert, und nur die prophetische Reaktion darauf hat dann die Prophetie, ihren Inhalt, verändert. Das Urteil der Geschichte, das Kohl ständig im Munde führt, ist ein Abkömmling der Hitlerschen Vorsehung. Im Paradies, im Garten der Tiere, war die Weltgrenze noch eine Grenze zwischen Tier und Pflanze; erst mit dem Sündenfall, nach der Vertreibung aus dem Paradies, ist sie zu einer Grenze zwischen den Gattungen geworden. Liegen darin nicht die Ursprungsbedingungen der Astrologie? Und ist das kreisende Flammenschwert des Cherubs nicht das Symbol dieser Weltgrenze? Gehört nicht zur Geschichte mit dem roten und weißen Nilpferd (Ebach, Leviathan und Behemoth, S. 24) die Josefs-Geschichte: Josef, der ein Sohn Jakobs ist, aber nicht zu den zwölf Stämmen Israels gehört, ist der Erbauer des Sklavenhauses Ägypten (als Vollstrecker der „ursprünglichen Akkumulation“ des ägyptischen Staatskapitalismus), das allerdings als Sklavenhaus sich etabliert, nachdem Josef vergessen wurde. Diese Geschichte ist vorgezeichnet in der vom Mundschenk und vom Bäcker: Der Mundschenk (der den Wein ausschenkt, das Symbol des Gerichts) kehrt in Amt und Würde zurück, während der Bäcker (der das Brot, Symbol der Gnade, bereitet) hingerichtet wird (gibt es eine Beziehung diesr Geschichte zu der der beiden Schächer am Kreuz?). Ist nicht, was für Ägypten eine Chaosmacht ist, für Israel der Grund seiner Existenz? Das Tier aus dem Meer: Die Geschichte der Philosophie beginnt mit dem Satz: Alles ist Wasser; sie endet mit dem Satz: Die Welt ist alles, was der Fall ist. Enthält das nicht einen Hinweis auf das „Zeichen des Jona“ (auf die Geschichte mit dem „Walfisch“)? Ein ungeheuerlicher Hinweis: Die Deutschen haben den Namen der Heiden zu ihrem eigenen gemacht. Der Vorteil des Weltbegriffs ist die entlastende Distanz zur Welt: die eingebaute Exkulpationsautomatik. Der Weltbegriff schließt den der Gottesfurcht, den er durch die säkularisierte Herrenfurcht (durchs autoritäre Syndrom) ersetzt, aus.
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17.5.1994
Die Logik der Scham, das Anderssein, der Weltbegriff und die Ausbildung und Entfaltung der Raumvorstellung (das Aufdecken der Blöße oder das Sklavenhaus Ägypten):
– Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht; da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
– (Sintflut, Arche) Noah, der Weinbau, die Trunkenheit und die aufgedeckte Blöße, Ham und die Knechtschaft (gehört die Ham/Kanaan-Geschichte zur Vorgeschichte der Kafkaschen Erzählung „Das Urteil“?).
– Erkenntnis der Nacktheit und Ursprung des Weltbegriffs: Scham als verinnerlichter Blick des Andern; in diesem Blick und als Inbegriff der Logik seiner Objektivation konstituiert sich der Weltbegriff.
– Der Raum als die zwangshafte Rekonstruktion des verinnerlichten Blicks des Andern; die kopernikanische Wende, die Vernichtung des Angesichts Gottes durch den „unendlichen Raum“ (Abwehr, Verdrängung des Angeblicktwerdens), Grund der kantischen Erkenntniskritik.
– „Kollektivscham“ als kollektive Isolationshaft, die Unfähigkeit zu trauern und die zweite Schuld; Kollektivscham und Xenophobie, Ausländerfeindschaft und neue Rechte. Der Begriff der Kollektivscham hat die Erinnerung mit der Welt versöhnt und somit zur Folgenlosigkeit verdammt (und dieses Land zum „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ gemacht).
– Das Fernsehen (die institutionelle Aufspaltung des Sehens durch Trennung des Sehens und Gesehenwerdens) oder die Blinden und die Lahmen (2 Sam 56ff, Mt 115).
– Die Logik der Scham und die Ausbildung und Entfaltung der Logik des Raumes.
– Ist die am zweiten Tag geschaffene Feste, die die oberen von den unteren Wassern (die Prophetie von der Philosophie) trennt, das kosmische Realsymbol der Scham?
– Scham und Verdinglichung, Ursprung der Exkulpationsmechanismen, Scham und Gewalt: Ist die Scham die Materie des Absoluten?
– Die Philosophie ist mit der Verinnerlichung des Schicksals entstanden (Ursprung des Begriffs), die mathematische Naturwissenschaft mit der der Scham (Ursprung der subjektiven Formen der Anschauung, der Raumvorstellung).
– Scham und Schuldverschubsystem (Exkulpation durch Projektion: Prinzip der Anklage, Grund des Objektivationsprozesses), Ursprung des katholischen Mythos (der traditionellen Höllenlehre: stammt der Satz, daß zum Glück der Seligen im Himmel die Anschauung des Leidens der Verdammten dazugehört, den Nietzsche auf Thomas von Aquin zurückführt, nicht schon von Augustinus? Vgl. das Nietzsche-Zitat bei Jürgen Ebach: Apokalypse, in: Einwürfe 2, S. 45).
– Die Scham als gemeinsamer Grund des Mythos und der Kunst (der Ästhetik). Konstruktion der Farben (die Sintflut und der Bogen am Himmel).
– Sind die sekundären Sinnesqualitäten nicht stellvertretende Opfer für das eigentliche Opfer: die benennende Kraft der Sprache (der Logos), und liegt dem nicht die Ersetzung des Hörens durch den Gehorsam (die säkularisierte Gestalt des Islam, mit der augustinischen „Wörtlichkeit“ als Vorstufe des Koran) zugrunde? – Wäre das Gehorsamsgebot nicht endlich beim richtigen Namen zu nennen: als Heiligung des Gottesnamens? Das Credo hat das Niederfahren Gottes beim Turmbau zu Babel zu einem Akt der Kirche gemacht: sie zieht ihn in ihre Verstrickungen (in die Verstrickungen der Bekenntnislogik, der Logik des Absoluten) mit herein. Ist nicht die Kirchengeschichte die endlose Ausdehnung der descensio ad inferos?
– Scham, Sexualität und Urteil (Begriff der Erbsünde). Als Urteilslogik ist die transzendentale Logik eine Logik der Scham (und bedarf zu ihrer Begründung der transzendentalen Ästhetik: der Logik der Abstraktion vom Gesehenwerden).
– Die Scham und die Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache (oder die Heiligung des Gottesnamens).
– Scham hat einen Adressaten, Scham ist Scham vor einem anderen: Mit dem Weltbegriff ist dieser Andere verinnerlicht worden. Gibt es Stufen der Scham (Entschlüsselung der sieben unreinen Geister)? Die Geschichte der drei Leugnungen ist in die Geschichte der Scham verstrickt.
– Die Kollektivscham und die Pforten der Hölle (oder Kollektivscham und Naturbegriff).
– Die Grenze zwischen Natur- und Weltbegriff ist eine Schamgrenze, starr und gleichsam orthogonal verbunden mit dem Ursprung und der Geschichte der Sexualmoral.
– Der Weltbegriff unterläuft die Herrschaftskritik und begründet die Sexualmoral durch Herstellung von Komplizenschaft (er unterwirft die Herrschaftskritik dem Schuldverschubsystem; die Theologie hat dieses Schuldverschubsystem im Dogma kanonisiert: mit der Opfertheologie und dem Konstrukt der „Entsühnung der Welt“, begründet in der falschen Übersetzung von Joh 129).
– Durch die Einbeziehung der Übernahme der Sünde der Welt ins Nachfolgegebot wird das „wörtliche“ Verständnis ins prophetische Verständnis transformiert (Wahrheit der Lehre von der Transsubstantiation), gewinnt die Sprache ihre benennende Kraft zurück (apokalyptische Enthüllung).
– Scham und Sprache: Sollte mit der Heiligung des Gottesnamens die Anonymität des Angeblicktwerdens aufgehoben (der Mensch in den Anblick Gottes gerückt) werden? Die Anonymität gründet in der Abstraktion der Form des Raumes (Zusammenhang mit der Geschichte der drei Leugnungen).
– Steckt im kantischen Begriff des Erhabenen die Erinnerung an den leeren Weltenraum, und gründet darin die Assoziation des „moralischen Gesetzes in mir“ mit dem „gestirnten Himmel über mir“?
– Die Scham, das Feigenblatt und der Rock aus Fellen.
– Wie hängt die Logik der Scham mit der des Feuers zusammen (auch die Scham brennt wie Feuer)? Gründet das Feuer im Namen des Himmels (und im brennenden Dornbusch: in der brennenden Innenerfahrung der Profangeschichte) in dem, was die Scham objektiv bezeichnet?
– Der brennende Dornbusch als brennende Innenerfahrung der Profangeschichte setzt die Gotteserkenntnis (die Selbstoffenbarung Gottes) in Beziehung zur Bewegung der Profangeschichte (vgl. Walter Benjamin, Theologisch-politisches Fragement: „Das Profane ist zwar keine Kategorie des Reiches, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens“). Der brennende Dornbusch ist
– „Absolutum est prius relativo secundum esse, et est posterius secundum dici“ (Thomas von Aquin, S.Th. I 2, q. 16.4 ad 2). Der newtonsche „absolute Raum“ hat seine Wurzeln in der Scholastik; er findet seine Vollendung in der Hegelschen Idee des Absoluten.
– Die Verstrickung der Theologie in die Dialektik der Aufklärung ist symbolisiert in der Geschichte von den drei Leugnungen. Leugnet nicht die aus der Philosophie rezipierte Idee der Anschauung Gottes das Angesicht Gottes?
– Die subjektiven Formen der Anschauung entspringen in der (praktischen) Abstraktion vom Gesehenwerden, sie sind ein Produkt der Schamverarbeitung. Mit dem Ursprung der Naturwissenschaften wurde der Blick des andern tabuisiert, verdrängt, gelöscht; als Produkt projektiver Schuldverschiebung erscheint er dann wieder in dem bösen Blick, der den Hexen nachgesagt wurde: So gehört die Geschichte der Hexenverfolgung zur Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften. Der wirkliche böse Blick aber ist der, den die Naturwissenschaften auf die Dinge werfen; dieser Blick hat eine eingebaute Exkulpationsautomatik: es ist der Blick des Herrn (des Absoluten).
– Das „naturwissenschaftliche Weltbild“, die kopernikanische Wende als Katalysator des gesellschaftlichen Fortschritts, hat die (intellektuellen und moralischen) Hemmnisse beseitigt, die der „freien Entfaltung“ des Kapitalismus im Wege standen.
– Der Herrenblick oder das verinnerlichte Babylon und die projektive Verschiebung des „Grauens um und um“ (Jeremias). Gehört heute nicht die descensio ad inferos zu den Prämissen theologischer Erkenntnis?
– Ergänzung zum Stern der Erlösung: Die Philosophie verschweigt nicht nur den Tod, sondern seit ihrem Bündnis mit der Theologie hat sie ihn instrumentalisiert: War das nicht der Kelch (der Kelch der Opfertheologie), von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen? Mit der Instrumentalisierung des Kreuzestodes wurde die Strafe der Steinigung (zur subjektiven Form der äußeren Anschauung und zum Prinzip der Verdinglichung) vergeistigt (und der Feuertod zur Strafe für Juden, Ketzer und Hexen).
– Es genügt nicht, daß die Christen sich irgendwo im Stern der Erlösung wiederfinden, es käme darauf an, den Stern der Erlösung ins Christliche zu übersetzen (nach Walter Benjamin: die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern, nur daß Christen sie überhaupt erst auf die eigenen Schultern heben müssen).
– Merkwürdig, daß aus einem Buch, das die Lösung der sieben Siegel zum Gegenstand hat, ein „Buch mit sieben Siegeln“ geworden ist.
– Der Name Gottes bildet sich in der Lösung der sieben Siegel, in der Lösung des Banns, den der Raum auf Mensch und Welt legt.
– Der Prototyp der neuen Gestalt der Religionskriege war der Weltanschauungskrieg der Nazis gegen Rußland, und der war schon ein Vernichtungskrieg („Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“).
– Leben wir nicht heute nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? Aber diese Kälte ist die des steinernen Herzens. Dagegen wäre der Satz zu setzen: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“ (Lk 1249).
– Zum letzten Satz des Buches Jona: Wer rechts und links nicht mehr unterscheiden kann, unterscheidet sich nicht mehr vom Vieh (sh. Behemoth), das deshalb in die Buße Ninives ebenso wie in die Barmherzigkeit Gottes mit hereinzunehmen ist.
– Daß niemand das Licht unter den Scheffel stellt, stimmt nicht: Die moderne Aufklärung hat es getan, weil sie das Licht mit dem Scheffel verwechselte. So ist sie zum Scheffel über dem Licht geworden.
– Das Lachen instrumentalisiert die Scham, macht sie zur Waffe.
– Die Waffen der Schlange: ihr Blick und das Gift (gleicht sich die Sprache der Politiker nicht immer mehr dem Blick der Schlange an?).
– Zu Jes 271: Ist der Leviatan, „die flüchtige Schlange, … die gewundene Schlange“, Produkt der Mimesis an den Grund der Raumvorstellung (die erste Gestalt des „Korpuskel-Welle-Dualismus“, Reflex dessen, daß jede Gerade im Raum sowohl Trägheitsbahn als auch Rotationsachse ist – daß beide Bewegungen die Zukunft mit der Vergangenheit kurzschließen, indem sie die Gegenwart ausschließen: „Das Tier, das du gesehen hast, war und ist nicht und wird (wieder) heraufkommen aus der Unterwelt und geht hin ins Verderben“, Off 178)?
– Gibt es eine Beziehung der astrologischen Planetentheorie und der kirchlichen Sakramentenlehre zur Logik der Scham (Venus und Eucharistie)?
– Schicksal und Scham: Die Verinnerlichung des Schicksals (und der Ursprung des Begriffs) mußte abgesichert und stabilisert werden durch den projektiven Namen der Barbaren; die Absicherung der Verinnerlichung der Scham (und des Ursprungs der Naturwissenschaften) erfolgte über den projektiven Namen der Wilden (war die kopernikanische Wende der Anfang eines kosmologischen Kolonialismus und die kantische Philosophie der Beginn des kritischen Selbstbewußtseins davon?).
– Hat die Scham mit der Eitelkeit zu tun, mit dem Nichtigen?
– Die gleiche Logik der Scham, die die Raumvorstellung konstituiert, liegt auch der Bekenntnislogik zugrunde (über die Logik der Scham hängt der Greuel der Verwüstung mit der Sünde Adams zusammen: der Greuel der Verwüstung ist aus der Sünde der Welt ableitbar).
Woher kommt konkret der Name Palästina, welchen historischen Weg hat er genommen? Wie lange hat es die Philister gegeben, wer waren ihre Nachfahren, und haben nicht die Römer dann das Land Israel Palästina genannt?
Wie wäre es mit dem schönen Titel: Ein Vorschlag zur Güte? -
16.5.1994
Apokalyptische Motive (gegen den Begriff „apokalyptische Stimmung“): – Sodom, Jericho und Gibea; in allen drei Fällen endet die Aggression gegen Fremde mit der Zerstörung der Städte; – die Ham/Kanaan-Geschichte; die aufgedeckte Blöße und die Knechtschaft (vgl. Sonnemanns Begriff der „Knechtsgesinnung“; „Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ ist eher ein apokalyptisches Buch als Anders‘ „Antiquiertheit des Menschen“). Es geht nicht um eine apokalyptische Stimmung, die eher Gegenstand der apokalyptischen Erkenntnis ist, auf keinen Fall aber ihr Grund; Ziel wäre vielmehr die Aufdeckung des rationalen Elements in der Apokalypse (Beziehung zur Prophetie, zum Ursprung des Staates und des Weltbegriffs). Einwürfe 2 (Jürgen Ebach), S. 9: Die Apokalypse ist kein „mythischer Name“ des Grauens, sondern der Name des Versuchs, das Grauen rational zu durchdringen (vgl. Jeremias‘ „Grauen um und um“). Nicht „den geheimen Verlauf der Geschichte zu enthüllen“ (S. 12), sondern die Aufdeckung des durch den Geschichtsverlauf Verhüllten ist das Ziel der Apokalypse. „Das offene Heraussagen dessen, was ist“ (S. 13): Entscheidend ist der Aktualitätsbezug, der „Zeitkern der Wahrheit“. Vorstellbar wäre der Begriff einer „apokalyptischen Theologie“, die diesen Gegenwartsbezug, die endgültige Abweisung des „Überzeitlichen“, aufnimmt und realisiert. Der Weltbegriff (oder auch der Begriff) gründet in der Verräumlichung der Zeit, der Naturbegriff (oder die Objektvorstellung) in der Verzeitlichung des Raumes. Die Polis war die Gemeinschaft von Privateigentümern; das gemeinschaftsgründende Prinzip der Polis ist im Bekenntnisbegriff verinnerlicht worden. So wie es eine Polis ohne den Namen der Barbaren nicht gibt, gibt es auch den zugehörigen Begriff des Allgemeinen nicht ohne Paranoia; diese Allgemeinheit mündet direkt in der Gemeinheit. Rechtfertigungszwang, Paranoia und Projektionszwang bilden ein System. Bezieht sich die babylonische Sprachverwirrung auf die Entstehung verschiedener Sprachen oder auf die eines internen Zustands der Sprache (auf eine veränderte Sprachlogik: auf den Beginn der Selbstzerstörung der Sprache, die Neutralisierung ihrer benennenden Kraft)? Der Weltbegriff ist der Inbegriff einer Logik, die unsere Erfahrung organisiert, wobei in die Struktur dieser Logik die drei Momente: Rechtfertigungszwang, Paranoia und Projektionszwang, mit eingehen. Ist nicht der Begriffsrealismus, für den jeder Ausländer die Verkörperung des Auslands (und jeder Jude die des Judentums) ist, die sich dann auch noch zu Richtern über uns machen, ein Erbe der christlichen Theologie? Entscheidend die Erkenntnis, daß die christliche Theologie insgesamt in die Dialektik der Aufklärung verstrickt ist, und zwar durch ihren dogmatischen, durch ihren Absolutheitsanspruch. Dagegen steht ein theologischer Erkenntnisbegriff, der vom wissenschaftlichen, den er voraussetzt, – durch den Begriff der Umkehr, – durch das benennende gegen das begriffliche, subsumierende Element, – als Erkenntnis im Angesicht Gottes, gegen die objektiverende Erkenntnis (hinter dem Rücken), – durch das herrschaftskritische Element (durch die Kritik des Weltbegriffs) sich unterscheidet. Dieser Erkenntnisbegriff zielt ab auf die Einheit von Erkenntnis und Gebet.
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15.5.1994
Stimmt es eigentlich, daß auch der Behemoth eine „lebenswidrige Chaosmacht“ ist? Immerhin ist das „weiße Nilpferd“ als Göttin u.a. Schutz für Schwangere und Gebärende, während nur das „rote Nilpferd“ verfolgt wird als Chaosmacht. Kann es nicht sein, daß auch das „rote Nilpferd“ für Ägypten nur deshalb eine Chaosmacht ist, weil es die Barmherzigkeit, die es im Sklavenhaus nicht geben darf, repräsentiert? Im Buch Hiob frißt der Behemoth „Gras wie das Rind“, wird er der „Erstling des göttlichen Schaffens“ genannt. Hingewiesen wird eigentlich nur darauf, daß er niemals Objekt der Herrschaft sein wird: „Wer dürfte ihm in die Augen greifen, mit Stricken ihm die Nase durchbohren?“ – In welcher Beziehung steht der Behemoth zum apokalyptischen Tier aus der Erde?
Hat Walter Benjamin mit dem Hinweis darauf, daß die jüngst vergangene Mode jeweils das Veraltetste ist, nicht eine Spur gelegt, der nachzugehen wäre?
Weshalb durfte der Verfasser der Johannes-Apokalypse die „Worte der sieben Donner“ (104) nicht aufschreiben?
Ist die Salome-Johannes-Geschichte die Umkehr der Judith-Holofernes-Geschichte?
Todesstrafen im NT: Johannes und das Schwert, Jesus und das Kreuz, Stephanus und die Steinigung.
Zu Hegels Naturphilosophie (in der Enzyklopädie): Steckt sie nicht voller Lichtpunkte, die an die Jenenser Ursprungsphase der Hegelschen Philosophie erinnern, die aber unterm Bann des Systems gleichsam einem Sprechverbot unterworfen werden. Wenn Hegel im Hinblick auf die „empirischen Erscheinungen der Fortpflanzung des Lichts“ von zwei Sphären spricht, bricht da nicht die dialektische Logik auseinander in eine unvermittelte Unmittelbarkeit und eine Vermittlung, deren Produkt ein An-sich ist, das mit der unvermittelten Unmittelbarkeit nicht mehr identisch ist? Die zwei Sphären rütteln am Systemgrund der Hegelschen Philosophie.
In der Idee des Absoluten benennt Hegel den Preis, der am Ende für die christliche Tradition des Begriffs der Anschauung Gottes zu zahlen ist. Wenn die Kirche mit der Opfertheologie und mit der traditionellen Interpretation von Joh 129 Jesus mit der Last allein gelassen hat, hängt das nicht auch damit zusammen, daß die Kirchen die Fluch über Adam (den Staub) generalisiert, die Frauen aber mit den Schmerzen der Geburt ebenfalls allein gelassen: aus den messianischen Wehen sich herausgestohlen haben?
Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: Trinkt den Kelch, aber werdet nicht trunken, verfallt nicht der (trunken machenden) Paranoia, seid arglos: Sprengt das Universum. Ist die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache heute an die Sprengung des Zeitkontinuums gebunden, an eine Umkehr, in der der Name Gottes sich restituiert?
Zur Frage der Chronologie: Kann es sein, daß die Schrift in ein Nacheinander verwandelt hat, was eigentlich im Bilde einer gleichsam orthogonalen Gleichzeitigkeit zu begreifen wäre (Abraham, Moses, David)?
Sind die Planeten (ihre Eigenschaften und Bahnen) räumliche Fixierungen von Zeitdimensionen?
Satan, Teufel und Dämonen: Repräsentieren die Dämonen in dem vom Ankläger und Verwirrer konstituierten Kontinuum den Objektbegriff? Hat die Jesaia-Stelle über den Leviathan (271: die flüchtige Schlange, … die gewundene Schlange) etwas mit der Beziehung von Teufel und Satan (und mit der Richtungs- und Achsenfunktion der Dimensionen im Raum) zu tun? War das personalistische Teufelsverständnis des katholischen Mythos dämonisch? -
14.5.1994
Zum Begriff des Historismus: Eine der wesentlichen Funktionen der Geschichtsschreibung scheint es zu sein, die Vergangenheit den Rechtfertigungszwängen der Gegenwart zu unterwerfen, das Verstörende, Abweichende zu tabuisieren, zu verdrängen. In diesem Kontext entspringt das Bedürfnis nach kontrafaktischen Urteilen.
Der Anwendung dieser Rechtfertigungszwänge verdanken sich auch die alten Kosmologien und der Ursprung des Naturbegriffs (Kausalitätsprinzip und Inertialsystem).
Ableitung der Dreidimensionalität des Raumes aus dem Objektbegriff: Nur im dreidimensionalen Raum führt die Drehung um jede Raumachse in die Ursprungsorientierung zurück, allerdings um den Preis der Mathematisierung des Objekts, seiner Trennung von der Sprache. Das Objekt ist
. Gegenstand des intentionalen Aktes (der den Raum im Rücken hat: Gegenstand der Anklage) und
. Produkt einer Konstruktion, die die Form des Raumes (die Beziehung auf die drei Dimensionen des Raumes, die seine Identität begründen: durch Subsumtion unter die Vergangenheit, aber seine Beziehung zur Sprache verwirren) zur Grundlage hat.
Es ist die Grundlage der Dingvorstellung, durch die alle seine Bestimmungen zu „Eigenschaften“: in eine Possessivbeziehung zum Objekt gerückt werden; sie werden instrumentalisierbar, veränderbar und austauschbar. Über den Objektbegriff werden die Dinge zu Dingen und beherrschbar. Der Objektbegriff ist der Statthalter des Herrendenkens in den Dingen: So ist er zum Systemgrund der idealistischen Philosophien geworden. Stecken nicht die Namen des Bösen, des Anklägers und des Verwirrers, in den Fundamenten des Objektbegriffs?
In welcher Beziehung stehen die drei Dimensionen des Raumes zum gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang?
Repräsentieren nicht Jupiter und Mars die Innen- und Außenseite des Staates, Venus und Merkur die der Privatexistenz?
Astronomische Züge des Erkenntnisprozesses: Lichtpunkte, durch weite Dunkelzonen getrennt.
Enthält Rosenzweigs Unterscheidung der chinesischen und indischen Welt Hinweise auf die Logik der Schrift?
Hündische Philosophie: Jedes absolute Urteil tilgt die Spuren eines vorhergehenden absoluten Urteils (Hegels Logik: die Geschichte dieses Spurentilgens). Ist nicht der Hund die Inkarnation der Exkulpationslogik?
Im Begriff der Materie, des Objekts, auch der Natur, werden die Zukunft und die Vergangenheit in der Sache zusammengeschlossen. Die Wahrheit hat einen Zeitkern, das heißt nichts anderes, als daß es einen Aktualitätskern des Gottesnamens und des göttlichen Angesichts gibt.
Erst mit Kopernikus, mit dem heliozentrischen System, konstituierte sich der Raum als subjektive Form der Anschauung, wurde der Fähigkeit, zwischen Rechts und Links zu unterscheiden, der Boden entzogen.
Zieht nicht der Gebrauch des Tetragrammaton in der Bibelwissenschaft die Konsequenz aus der Geschichte der Theologie hinter dem Rücken Gottes: Ist es nicht der autistische, seiner Sprache beraubte Gott, dem man am Ende auch das Ich aus dem Munde nehmen kann?
Der Satan und der Teufel sind durch Personalisierung neutralisiert, und damit zugleich zu Quellen des katholischen Mythos geworden. Hat die Kirche in diesem Mythos nicht ihren eigenen babylonischen Turm gebaut, indem sie den Stein, der der Eckstein hätte sein sollen, verworfen hat. Ist nicht die jahwistische Urgeschichte das Modell, das prophetische Bild der Kirchengeschichte:
– das Bild der Rezeption der Philosophie und des Weltbegriffs: die Sintflut,
– das Bild des Dogmas, der Orthodoxie: der Turm von Babel;
– wer aber waren die Gottessöhne, die die Schönheit der Menschentöchter erkannten, und wer war Nimrod (der Erbauer der großen Stadt und der gewaltige Jäger vor dem Herrn)?
Wird das Verständnis der Apokalypse durch Ängste blockiert, die reflektiert werden müßten, um an den Sinn der apokalyptischen Motive heranzukommen? Es sind die gleichen Ängste, die durch den Weltbegriff ontologisiert worden sind.
Trägt die Fundamentalontologie nicht suizidale Züge (die u.a. in dem Bild des Vorlaufens in den Tod anklingen und mit dem heroischen Gestus, dem europäischen Pendant des Harikiri, zusammenhängen), und ist insbesondere das In-der-Welt-Sein nicht die Schlinge, in die das von objektloser Angst bestimmte Dasein seinen Kopf steckt? Auf diese Schlinge bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen.
Warten auf Godot: In der Ankunft des Seins hat Heidegger die Erlösung von der Last der Verantwortung und vom Subjektsein und die Verwandlung (die Regression) in das schuldlose Dasein der Existenz und der „Eigentlichkeit“ erwartet.
Standes- und Liegenschaftsamt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des Patriarchats und des Eigentums an Grund und Boden? Formalisierte Formen der Eheschließung (mit Eintragung in Registern) scheint es nur dort zu geben, wo es auch formalisierte Besitzrechte an Grund und Boden gibt (ebenfalls mit Eigentumsregistern). -
13.5.1994
Hängt die Beziehung der Schrift zum Problem der Eigentumsübertragung, zum Ursprung des Tauschprinzip, zusammen mit der Beziehung beider zum Namen (der Name und die Logik der Schrift)? Ist die Schrift ihrer eigenen genetischen Logik zufolge eine enteignete Sprache (und liegt darin der Grund für den Namen der „hebräischen“ Schrift wie auch für die logisch-grammatische Durchorganisation der Sprache im Kontext des Ursprungs und der Entfaltung der Schrift)?
Zu den sieben Siegeln der Apokalypse: Gehört neben der Maske und als Teil ihrer Vorgeschichte nicht auch das Siegel zur Geschichte des Ursprungs des Personbegriffs?
Gehören nicht die Sakramente ebenso wie vorher die Astrologie zur monarchischen Organisation des Staates (und der zugehörigen Welt), und ist der traditionelle Katholizismus nicht durch sein eigenes Strukturprinzip auf die monarchische Tradition verwiesen? Liegt hier nicht der Grund dafür, daß heute eine katholische Theologie fast nicht mehr rekonstruierbar ist?
Ist uns unser physisches Inneres (Herz, Lunge, Leber usw.) nicht genau so fremd wie Sonne, Mond und Sterne?
Definition des Naturbegriffs: Objekte der
– Herrschaft durch Demut,
– Verschuldung durch Entsühnung,
– Verblendung durch Erkenntnis.
Drachenfutter: das Fernsehen, der politisch-ökonomische Inzest (die neoliberale Wirtschaftspolitik) und die Kapitulation der Kirchen. Aber gehört nicht der Verzehr des Leviathan zum messianischen Hochzeitsmahl?
Randbedingungen des Rassismus und der Fremdenfeindschaft: die Verdrängung des kannibalistischen Aspekts der Eucharistie, die Rechtfertigungslehre und die projektive Sexualmoral. -
12.5.1994
Kehrt nicht in den modernen Universitäten die Logik der Schrift zwangshaft in ihre Ursprünge zurück: in Technologie und Ökonomie? Und ist nicht die Kopenhagener Physik-Mythologie der letzte Ausläufer der Astrologie?
Das Problem der Eigentumsübertragung verweist das Tauschprinzip auf seinen Ursprung in der Geschichte des Tempels. Steckt nicht in jedem Tausch etwas von der Geschichte des Mords am vorherigen Eigentümer? So hängt das Geld mit der Geschichte des Opfers zusammen.
Die Ursprungsgeschichte des Tauschprinzips fällt in die Geschichte der alten Welt, die des Trägheitsprinzips in die der neuen. Und was der Tempel in der alten Welt war, das ist das Bekenntnis (die Bekenntnislogik) in der neuen (und werden nicht alle religionsgeschichtlichen Untersuchungen verhext durch das Apriori der Bekenntnislogik).
Wird nicht auch die Astrologie in ein ganz neues Licht gerückt, wenn man sie als ein Konstrukt in der Urgeschichte des Eigentumsbegriffs (des Staats, des Weltbegriffs) begreift? Erst die Griechen haben das Eigentum ontologisiert; in diesem Kontext ist die Idee des Absoluten (als Erbe der Götter, als Produkt der Verinnerlichung des Stoffes, aus dem die Götter einmal gebildet worden sind) entsprungen. Gehört nicht das Opfer, und zwar das Tieropfer als Ablösung des Menschenopfers, in die Urgeschichte des Eigentums? Und sind die nicht die Sakramente die Erben der Astrologie (mit der Eucharistie als Nachbild der Sonne): die Beziehung beider ist vermittelt durch den Prozeß der Verinnerlichung des Opfers, in dem der Gesamtbegriff der Objektivität sich verändert hat. Diese Veränderung wurde besiegelt durch die Sakramente, in ihrem Zentrum das Brotbrechen und der Kelch. Die Sakramente verhalten sich zur Astrologie wie der Weltbegriff zu den mythischen Kosomologien.
Hängt nicht das Problem des Ursprungs der Schrift mit dem Problem der Eigentumsübertragung zusammen? Konstituiert sich mit der Schrift nicht erst das Allgemeine, auf dessen Basis (wie auf der des Geldes) eine Eigentumsübertragung überhaupt erst möglich ist. Zur Tauschbarkeit gehören: der Tempel, die Opfer und der Götzendienst.
Zum Eigentum: Das Ding hat Eigenschaften, oder: die Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels haben Nester, aber der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann. (Mt 820)
Die Geschichte der drei Leugnungen ist gleichsam die Innenseite der Geschichte der Rezeption des Weltbegriffs.
Ließe sich nicht unter dem Aspekt von Joh 129 so etwas wie eine johanneische Botschaft herauspräparieren, auf die sich insbesondere die Geschichten von dem Jünger, „den der Herr lieb hatte“, beziehen würden und das Wort: „Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an. Folge du mir nach!“ (Joh 2122)
Die genealogische Logik ist in der Schrift nicht streng durchgehalten: Abraham war ein Hebräer, aber auch ein „umherirrender Aramäer“; die Bewohner Jerusalems waren Jebusiter, aber ihr Vater mar ein Amoriter, ihre Mutter eine Hethiterin.
Die Schrift (die Bibel) aus der babylonischen Gefangenschaft des Historismus befreien. Das Binden und Lösen bezieht sich auf die Orthodoxie, und über die Orthodoxie auf das Problem der Orthogonalität: der Form des Raumes. Diese ist der Knoten, den Alexander nur durchschlagen, nicht gelöst hat.
Kehrt um, denn das Gottesreich ist nahe: Werden im historischen Prozeß nicht auch Kräfte freigesetzt, die, indem sie die Welt weitertreiben, auch das Vergangene bewegen, so daß Korrespondenzen sich herstellen, durch die das Gottesreich näher gebracht wird? Vielleicht darf man es sich so vorstellen: Je mehr die Zukunft unter die Herrschaft der Vergangenheit gebracht, umso näher rückt uns die vergangene Zukunft, die Erfüllung der vergangenen Hoffnungen.
Der Drache und das Tier: Sind das Leviathan und Behemoth? Der eine hat die Diademe auf den sieben Köpfen, der andere auf den zehn Hörnern.
War nicht der Absolutismus insofern eine Vorstufe des Kapitalismus, als er Menschen zu Privateigentum, und damit tendentiell zu Handelsware gemacht hat? Und der barocke Pomp war ein Maß für den Druck des Exkulpationstriebs.
Sind Sprachreflexionen zur Genesis des Neutrum nicht etwas ähnliches wie das Wechseln der Windeln in Kafkas Allegorie vom Schauspieldirektor?
Raum und Umkehr: Die drei Freiheitsgrade des Raumes, als Freiheitsgrade der Richtungen im Raum, sind zugleich Freiheitsgrade der Umkehr: Jede Richtung des Raumes ist auch eine Drehachse. Nur durch alle drei Drehungen hindurch läßt sich die ursprüngliche Orientierung des Raumes wiederherstellen.
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11.05.94
Im Buch Hiob werden mit dem Namen der Kanaanäer die Händler bezeichnet, unter die der Leviathan sich nicht aufteilen läßt (4025). Ist Behemoth, der Gras frißt wie ein Rind (4010), Babylon und Leviathan, der sich nicht zum Handelsgut machen läßt, Ägypten (Mizraim)? – Nach Dan 422 war es Nebukadnezar, der sich „von Gras nähren“ sollte, „wie das Vieh“ (wie Behemoth). Ist nicht der unreflektierte Gebrauch des unaussprechbaren Gottesnamens (des Tetragrammaton) Produkt der dem Weltbegriff einbeschriebenen Exkulpationsautomatik, ein Produkt historisierender Vergegenständlichung, die ihr Objekt in den Irrealis setzt, jene Schuldbeziehung, die den Namen (mit dem Gott nur sich selbst benennt) ebenso unaussprechbar macht wie das Ich eines anderen, durch Vergegenständlichung neutralisiert. Der Gebrauch des Namens JHWH steht in der Tradition des deutschen Idealismus: der Hypostasierung des Ich (oder der Verdrängung der Todesangst, deren Name „Ich“ ist). Vgl. hierzu Kafka: Ewige Jugend ist unmöglich; selbst wenn kein anderes Hindernis wäre, die Selbstbeobachtung machte sie unmöglich. (10.4.22, Tagebücher, S. 579) Gehören die Datenbanken zur Geschichte der Banken?
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