• 10.5.1994

    J. Goody, Die Logik der Schrift, S. 283: „… findet sich während der gesamten Menschheitsgeschichte ein Zusammenhang zwischen Geldverleih, Bankwesen und Literalität.“ Die Kanonisierung heiliger Schriften ist Ausdruck einer präzise zu bestimmende Phase in der Geschichte der Beziehung der Schrift zur Ursprungsgeschichte des Staates. Das Schreiben sowohl Homers als auch der Autoren der Bibel war kein bloß technischer Vorgang (die Vorstellung, daß nur niedergeschrieben wurde, was zuvor in mündlicher Tradition hervorgebracht worden ist und herangereift war, ist naiv). Das Schreiben selbst war Quelle und Organisationsprinzip einer neuen Sprache und eines neuen Inhalts. So ist der Staat ein Produkt der Schrift und selber wiederum ein Agent ihrer Weiterbildung und Entfaltung (war nicht Cicero ein Augur?). Das Wort vom Binden und Lösen: „Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“, hat auch kosmologische Bedeutung. Die Wendung, die die christliche Tradition dem Motiv der Sündenvergebung gegeben hat, ist heute in die Automatik des Weltbegriffs mit eingegangen: So wurde das Christentum überflüssig, aber die Welt zugleich zu einem Feld der Barbarei (zum Greuel der Verwüstung).

  • 9.5.1994

    Es ist das Anschauen, das das Angesicht verdrängt und es durch Vorstellungen ersetzt. Das Anschauen als die reine Abstraktion vom Blick des andern, vom Gesehenwerden (der Ursache der Scham), ist zugleich die vollständige Identifikation mit dem Blick der anderen; darin gründen die Formen der Anschauung, die das Anschauen endgültig taktlos und voyeuristisch machen: zum Anblick der Blöße, die die Selbstverdammung zur Knechtschaft nach sich zieht. Die Idee einer „Anschauung Gottes“ ist die Kurzform der Theologie hinter dem Rücken Gottes, Grund der Idee des Absoluten, der Logik des autistischen Gottes. Die Neutralisierung und Verdrängung der Asymmetrie zwischen mir und den andern (die Subsumtion des Ich unter das Alle) geht nur über die Identifikation mit dem Anderssein (den Ursprung des Weltbegriffs) und die Leugnung des Selbst. Die Selbstverleugnung ist keine theologische Kategorie. Die Funktion und Bedeutung des Begriffs des Falls („die Welt ist alles, was der Fall ist“) läßt sich an dem ärztlichen „Wir“, das dem Patienten die Ehre des Subjektseins verweigert, das Ich des Patienten auslöscht („wie geht es uns denn heute“), ablesen. Emanationen der subjektiven Formen der Anschauung sind das Geld und die Bekenntnislogik. Die Bekenntnislogik (die Logik der „Weltanschauungen“) ist gleichsam die Innenseite der transzendentalen Logik: der entfaltete logische Sinn der Formen der Anschauung (die Logik des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, als welche die Form des Raumes wie auch die Zeit am Ende sich enthüllt). Ist das Verhältnis des Geldes zu den Waren das Modell der Beziehung des Dings zu seinen Eigenschaften: das Geld das wahre hypokeimenon, oder auch die Wasser, die den Meeresboden bedecken? Die Idee der Seligkeit wird durch die Unsterblichkeitslehre nur abgelenkt und verwirrt, nicht erfüllt. Ist der grasfressende Behemoth (der Erstling der göttlichen Schöpfung) ein Monster (Hiob nachlesen)? Haben nicht die Kirchen den Teufel mit dem Satan ausgetrieben (war das die Verführung, der sie erlegen sind)? Und haben die Kirchen etwas mit dem Widersacher im Buch Hiob zu tun? Haben die sieben Köpfe des Drachen und des Tieres in der Apokalypse etwas mit den Planeten (mit der Astrologie) zu tun? Aber was bedeuten dann die zehn Hörner (und die sieben/ zehn Diademe des Drachen/ des Tieres)? Ist das archaische Lächeln (und das Lächeln der Seligen in Bamberg) ein Lächeln im Angesicht der Katastrophe; hat es nicht etwas mit dem Lächeln der Auguren zu tun? Und ist die Isaak-Geschichte die Ursprungsgeschichte dieses Lächelns? Die meisten Faschismus-Theorien tragen die Züge der Abwehr; deshalb erreichen sie ihren Gegenstand nicht. Gibt es überhaupt eine Chance, die Erfahrung, aus der der Faschismus erstanden ist, an sich herankommen zu lassen? Aber gründet darin nicht die Gefahr einer Transformation des Faschismus, der mit Sicherheit nicht in der gleichen Gestalt wiederkommen wird, in der er einmal da gewesen ist. Kontrafaktische Urteile haben eine Ähnlichkeit mit der Frage, ob es Leben auf anderen Planeten gibt. Sie lenken ab von den realen Problemen dieser Geschichte (dieses Planeten). Sie sind ein Element ideologischer Geschichtsschreibung; eine ihrer Brutstätten war der Marxismus, eine andere die nationalistische Geschichtsschreibung. Liegen nicht Auschwitz, aber auch die „Auschwitzlüge“ und die Friedhofschändungen von heute in der Konsequenz kontrafaktischer Urteile, sind sie nicht zu verstehen als der Versuch, die Geschichte zu korrigieren, ein einmal Versäumtes nachträglich doch noch in die Tat umzusetzen? Gehört nicht zum Schuldverschubsystem (dem Relativitätsprinzip wissenschaftlicher Erkenntnis) die Exkulpations- und Verteufelungslogik? Theologie im Angesicht Gottes ist der Versuch, in die Theologie die Idee der Auferstehung und das Bewußtsein des Jüngsten Gerichts mit hereinzunehmen. Die, die da sagen, daß die Deutschen nicht ewig im Büßerhemd herumlaufen können, wissen nicht, wovon sie reden: Was sie das Büßerhemd nennen, ist das weiße Kleid der Umkehr. Was sind das eigentlich für Christen, die das Wort Buße nur noch mit einem pejorativen Klang hören und aussprechen können (wie bei der „Büßerin“ Maria Magdalena, von der man sich nur noch hat vorstellen können, sie müsse es aber schlimm getrieben haben)? Ist der Menschensohn (der bar enasch) der Sohn des Enosch, in dessen Lebenszeit man anfing, den Namen des Herrn anzurufen? Mit der Sprengung des All hat Rosenzweig die Form des Raumes gesprengt, die drei „Freiheitsgrade“ des Raumes aus ihrer orthogonalen Verklammerung (aus ihrer Beziehung zum All, zum totalisierenden Weltbegriff) gelöst und als Freiheitsgrade in einen neuen Zusammenhang gerückt, in dem sie als Umkehr, als Name und am Ende als Angesicht sich enthüllen? Problem des Schreibens: Das Ganze ist durchsichtig und klar, aber immer, wenn ich es niederschreiben will, wird es chaotisch und undurchsichtig. Kann es sein, daß das Schreiben die Sache der gleichen Logik unterwirft, deren Destruktion die Voraussetzung dafür ist, daß sie klar und durchsichtig wird? Dann wäre der Knoten gelöst, wenn es gelänge, die Logik des Schreibens mit in die Reflexion und Kritik einzubeziehen (dem Bücherschreiben ein Ende zu machen)? Wie hängt die Logik der Schrift mit der Logik der Welt zusammen? Ist die Logik der Schrift die Logik der Veranderung (das Äquivalent des Inertialsystems in der Sprache): der Objektbindung? Ist die Schrift die das finstere Geheimnis abschirmende Außenseite des Dings? (Liegt hier der Grund der Pseudepigraphie im apokalyptischen Schrifttum, in der mittelalterlichen Philosophie und Mystik und der geschichtswirksamen Fälschungen im Mittelalter, sowie nicht zuletzt die Lösung der Rätsel der Chronologie – der „Sumerer“ und Karls des Großen, aber auch der chronologischen Beziehungen zwischen der Abraham-, Moses-/Exodus-/Landnahme- und der Königsgeschichte Israels, der Zuordnung zu der Geschichte Chaldäas, Kanaans, Ägyptens, der Philister, Assurs und Babylons?)

  • 8.5.1994

    Die theologische Tradition hat Joh 129 durch die Pluralisierung der Sünde der Welt neutralisiert; durch das Verb „Hinwegnehmen“ hat sie das Wort des Täufers zu einem Instrument der Projektion und des Schuldverschubsystems gemacht; so ist es zum Prinzip der Selbstzerstörung und zur Quelle der Greuel der Verwüstung geworden.
    Berufung im Mutterschoß (bei Jesaias und Jeremias, auch in der Jesus-Geschichte): Ist das die Berufung aus der Gebärmutter, aus der Barmherzigkeit. Macht der Barmherzige sich zum Mutterschoß Gottes, und hängt das zusammen mit dem „in Schmerzen wirst du gebären“ und dem Begriff der messianischen Wehen? „Abgewichen sind die Gottlosen vom Mutterschoße an, es irren vom Mutterleibe an die Lügenredner.“ (Ps 584)
    Ist die „Rechte Gottes“ seine Gebärmutter (der Ort der Barmherzigkeit)? Beziehen sich hierauf (auf den zur Rechten sitzenden Sohn) die messianischen Wehen?
    Es ist die Barmherzigkeit, die die Prophetie auf die Aktualität verweist, und unbarmherzig geworden ist die Philosophie durch den Begriff, durch dessen Beziehung zur Zeit, die in der Löschung der Aktualität durch die Beziehung zum tode ti gründet.
    Karl Thieme, der darauf hingewiesen hat, daß Hitler nicht der Antichrist gewesen sei, wohl aber die Generalprobe, war der einzige, der in den 50er Jahren eine Umfrage einer katholischen Monatszeitschrift (Wort und Wahrheit) zum Thema „Heiligung der Welt“ mit dem Hinweis auf die Gegenstandslosigkeit dieses Worts beantwortet hat: Es gibt nur die Heiligung des Gottesnamens, aber keine „Heiligung der Welt“. In der jüdischen Tradition war das Motiv der Heiligung des Gottesnamens mit der Idee des Martyriums, der Zeugenschaft, verbunden: der Zeugenschaft eher für die göttliche Barmherzigkeit als für das Gericht, und wenn für das göttliche Gericht, dann für ein Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht und seine in der Regel christlichen Repräsentanten.
    Ist dieses Zeugnis nicht das Zeugnis, mit dem der Vater und der Sohn sich wechselseitig bezeugen?
    Kritik der Metzgertheologie: Die Erlösungsbedeutung des Bluts, die Reinigung der Seele im Blut des Erlösers, darf nicht biologistisch verstanden werden, sie gründet vielmehr im Kontext der Nachfolge, im Kontext der Idee der Blutzeugenschaft, des Martyriums (in unserm Anteil an den messianischen Wehen). Dagegen gründet die Metzgertheologie in dem Theologumenon, daß Jesus die Welt entsühnt habe (mit dem zugehörigen Erfüllungskonstrukt: daß in ihm die Prophetie sich erfüllt), in dem gleichen Zeitverständnis, das auch dem Inertialsystem zugrunde liegt und durch den Begriff einer absoluten Vergangenheit die Exkulpation an die Welt delegiert: den Weltbegriff als Grund des Begriffs und des gesamten Objektivationsprozesses konstituiert. Die Opfertheologie wird in der gleichen Bewegung magisiert, in der die Prophetie (oder die Idee einer Theologie im Angesicht Gottes) durch Historisierung neutralisiert wird.
    Nur wenn ich den Weltbegriff zur Grundlage mache, kann ich die Vergangenheit zum Steinbruch für meine Phantasiekonstruktionen machen, kann ich mir eine religiöse Kuschelecke in einer Welt, die ich doch nicht ändern kann, einrichten.
    Der Name des Menschensohns enthält auf einen doppelten Hinweis:
    – Er bezeichnet den Sohn Adams, den, der die Sünde Adams als sein Erbteil auf sich nimmt; und
    – er ist antitotemistisch: am Anfang der Ahnenreihe steht kein Tier, kein Behemoth und kein Leviathan, sondern der Mensch.

  • 7.5.1994

    Grundlage des Weltbegriffs ist das Schuldverschubsystem, dessen Logik diesen Begriff durchdringt und beherrscht. Damit hat der Weltbegriff eine gleichsam eingebaute Entsühnungsautomatik. Diese Automatik ist einmal durchs Christentum installiert und eingeübt worden, sie beginnt heute das Christentum überflüssig zu machen. Die Frage ist nicht, ob die Erbsündenlehre sich noch halten läßt, die unschuldigen Kinder den Makel der Schuld angeheftet hat, sondern ob die augustinische Interpretation (die selber aus der Problemlage am Ende des vierten Jahrhunderts abzuleiten wäre) mit der Unfähigkeit zur Reflexion des Weltbegriffs selber ans Schuldverschubsystem gebunden bleibt und deshalb der Erbsündenlehre (die im Kontext von Joh 129, im Lichte des Begriffs der „Sünde der Welt“ eine ganz andere Bedeutung gewinnt) diese terroristische Wendung gibt. Die Erbsünde ist die Sünde der Welt. Ein anderes Produkt dieses Schuldverschubsystems, das deshalb dann so wichtig geworden ist, weil es seine Instrumentalisierung ermöglichte, war die Sexualmoral. Sie war das Bindeglied, das die Erbsündenlehre mit der Sexuallust (anstatt mit der Urteilslust) verbunden, ihr damit die so verhängnisvolle und folgenreiche Wendung ins Biologistische und Rassistische gegeben hat. Frauenfeindschaft und Antisemitismus haben dann geholfen, diese Verbindung abzusichern. Damit wurde die Erbsündenlehre zu einem Konstrukt, das sich selber im blinden Fleck stand: sie ist selbst in den Bann der Erbsünde hineingerückt. Mit der dritten Leugnung wendet sich der zerstörerische Objektivationsprozeß nach innen und wird zum Prozeß der Selbstzerstörung. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren: Sie lernten, sich und die Dinge im Blick der anderen wahrzunehmen. Die gesamte Geschichte der Aufklärung steht unter diesem Gesetz. Der Erkenntnisbegriff der Aufklärung enthält im Kern diesen Blick der anderen, den er zu seinem eigenen zu machen versucht. Der Weltbegriff konstituiert sich in diesem Blick. Zugleich entspringen der Name der Barbaren wie auch die Begriffe Natur und Materie, deren Logik seitdem den Erkenntnisbegriff an den der Welt bindet. Die Hereinnahme des Blicks der anderen in den Erkenntnisbegriff ist der Grund der Urteilsform; erst in diesem Blick trennen sich Objekt und Begriff, Leib und Seele. Die Logik dieses Blicks bestimmt seitdem die Struktur (und die Geschichte) der Sprachen, ihre Grammatik. Mit dem Neutrum entspringt und mit dem Ding vollendet sich die Identifikation mit dem Blick des andern. Das Zentrum dieses Blicks ist das Inertialsystem, sind die subjektiven Formen der Anschauung und die ihnen korrespondierenden Erscheinungen. Das kopernikanische System hat diesen Blick totalisiert (sein frühestes Symbol ist das kreisende Flammenschwert des Cherubs vorm Eingang des Paradieses), wie überhaupt die Astronomie in der Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs eine zentrale Bedeutung gewinnt. Sind nicht die Namen der Planeten Erinnerungsmale der Differenzierung der Verinnerlichung des Blicks der andern auf die Welt und auf die Dinge (Merkur und Venus, Jupiter und Mars, aber auch Sonne und Mond: diese als Hälften des Angesichts – das getrennte Sehen und Gesehenwerden -, sie alle sind Verkörperungen des Blicks der anderen, während der Saturn den nach innen gekehrten Blick der Melancholie repräsentiert). Der Merkur ist der Götterbote. Hat der Engel Elohims, der Abraham aufforderte, Isaak, seinen Sohn, zu opfern, das kanaanäische Kinderopfer an seinem Sohn zu vollstrecken, etwas mit diesem Merkur zu tun? Die Identifikation mit dem Blick des andern bedarf zu ihrer Absicherung (zur Überbrückung der Kluft der Asymmetrie) der Idee des Absoluten. Das Absolute ist der Schatten, den das Ich auf Gott wirft, die Wand, hinter der es sich dem Anblick Gottes zu entziehen versucht (die Bäume im Garten Eden); aber der Schatten des Absoluten ist der Antisemitismus (und niemand kann über seinen eigenen Schatten springen). Der Mechanismus der Identifikation mit dem Blick der anderen hat die Naturwissenschaft zur Grundwissenschaft macht. Das Hinter dem Rücken ist in den subjektiven Formen der Anschauung und im Inertialsystem institutionalisiert worden. Das Krähen des Hahns verkündet am Ende der Nacht den kommenden Morgen, den neuen Tag. Das Geld ist die Materie des Rechts (Begründung durch die Beziehung beider zum Eigentum); deshalb wäre eine Theorie der Banken ein Schlüssel zur Auflösung des Rätsels der Astronomie. Ist nicht alles, was von außen wie Bosheit aussieht, von innen Dummheit? Heute stehen sich alle selbst im blinden Fleck ihrer Dummheit, deren praktische Seite Gemeinheit heißt, die bekanntlich kein strafrechtlicher Tatbestand ist. Problem der Übersetzung des Gottesnamens: Die traditionelle Übersetzung mit „Herr“ knüpfte an an den dem unaussprechlichen Gottesnamen unterlegten Namen Adonai. Jüdische Versuche sind die Übersetzung mit „der Ewige“ (Moses Mendelssohn, vgl. Rosenzweigs Aufsatz hierzu); Buber hat den Namen mit dem Personalpronomen „Er“ zu übersetzen versucht. Die schlechteste Übersetzung ist die Nichtübersetzung, die direkte Wiedergabe des Tetragrammaton. Der Gebrauch dieses Namens unterstellt, daß es das Ich, mit dem Gott nur sich selbst nennen kann, nicht gibt. Er ist ein sich als Atheismus bekennender Atheismus in der Theologie, der, indem er den Namen ausspricht, sagt, daß es dieses Ich nicht gibt. Darin drückt sich eine Beziehung zum Text aus, die ihn endgültig in die Vergangenheit setzt, der ich als Historiker glaube, entronnen zu sein. Er ist das verstockte Bekennntnis des Endes der Gottesfurcht. Dagegen läuft das Bubersche Er in die gleiche Patriarchatsfalle, in der das christliche Herr sich verfangen hat: Zum Er gehört das Sie und Es; es unterwirft Gott dem Geschlecht, das von der dritten Person nicht abzulösen ist, und dem in der christlichen Theologie das Attribut des Zeugens (und das Männliche in der gesamten Trinitätslehre) sich verdankt. Der theologische Gebrauch des Gottesnamens steht in der Tradition der Eucharistie-Verehrung; er unterliegt der gleichen entfremdenden und verdinglichenden Gewalt. Sind nicht die Namen der Schriftgelehrten, der Pharisäer und der Sadduzäer nur noch typologisch-prophetisch, und nicht mehr historisch-projektiv zu verstehen und verwendbar? Ist nicht das augustinische ad litteram, diese ans Vergangene fixierte „Wörtlichkeit“, endlich kritisch aufzulösen? In dieser Wörtlichkeit steckt das exkulpatorische Moment, das seitdem die Theologie verhext, und durch das der Freiraum geschaffen worden ist, in dem dann die christlichen Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer sich geschützt fühlen durften (der gleiche Mechanismus verstellt heute auf entsetzliche Weise das Verständnis der Schrift insgesamt, insbesondere auch das der Propheten). Durch die Historisierung der Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer ist die Projektionsfolie geschaffen worden, durch die der Objektivierungsprozeß, die Heuchelei und die Instrumentalisierung der Religion (die Theologie hinter dem Rücken Gottes) der Kritik entzogen worden sind. Zusammenhang mit Joh 129, dem Wort von der Sünde der Welt! Die Heuchelei ist die Außenseite der Exkulpationsautomatik. Wir sind die getünchten Gräber, die Heuchler und die Schlangenbrut (und liegt nicht die Logik des „korban“ auch der Kirchensteuer zugrunde?).

  • 6.5.1994

    … ut adnuntietur nomen meum in universa terra (Röm 917, vgl. Kurt Flasch: Logik des Schreckens): Das Universum war zunächst ein Adjektiv, auf den Namen der Erde bezogen. Ist die (matriarchale) universa terra (und erst in seiner Folge das patriarchale Universum, das den Himmel mit einbezieht und so das Universum zum All gemacht hat) eine Folge der Venus-Katastrophe? Ein zentraler Mangel der Analysen Flaschs ist selber christliches Erbteil, das in ihre Prämissen mit eingegangen ist, von dem sie nicht sich zu lösen vermochte: nämlich die Vorstellung, die Erlösung beziehe sich (als Rechtfertigung) nur auf die einzelnen Subjekte und lasse die Welt unberührt. Damit verbunden ist ein zweiter, ebenfalls aus der christlichen Tradition sich herleitender Mangel: daß die Kategorien, in denen er Gott vorstellt und begreift, politische Kategorien sind; er sieht Gott im Bilde des Monarchen. Beides sind Folgen des unreflektierten Weltbegriffs, unter dessen Herrschaft es zum Selbsterhaltungsprinzip keine Alternative mehr gibt, und dessen Ursprung auf den Monarchen und den Staat (die Verkörperungen des Absoluten) und nicht auf Gott (auf den Namen Gottes, der erst im Kontext der Weltkritik, der „Heiligung des Gottesnamens“, sich bildet) zurückweist. Kann es sein, daß der paulinisch-augustinische Begriff der justificatio erst nach der sprachgeschichtlichen Trennung von Ding und Sache und im Kontext der hier entsprungenen Bekenntnislogik zur Rechtfertigung geworden ist, daß er an Ort und Stelle mit „Gerechtmachung“ (ähnlich wie fides mit Treue, und nicht mit dem auf den Gegensatz zum Wissen fixierten „Glauben“) zu übersetzen wäre? Folgen des Weltbegriffs: – Ontologisierung des Selbsterhaltungsprinzips, des Staates und der Herrschaft, – Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und Emanuel Levinas: . die Attribute Gottes sind Attribute des Handelns, nicht des Seins, . die Umkehr (als erkenntnistheoretische Kategorie), der Name (ist nicht Schall und Rauch) und das Angesicht (nicht die Seele und nicht die Person ist das Ebenbild Gottes), . Ethik als prima philosophia. – Ausschließung der Herrschaftskritik, Konstituierung der Sexualmoral (Trennung der Sexualmoral von der Herrschaftskritik), – Beziehung von Namen und Begriff, Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache (Prophetie und Philosophie: Liquidierung des Aktualitätsbezugs der Prophetie durch das tode ti; vgl. hierzu Hegels Analyse des Hier und Jetzt), – Trennung von Natur und Welt, Konstituierung des Wissens, Subsumierung der Zukunft unter die Vergangenheit (Vorstellung einer homogenen Zeit), – Konstituierung der mathematischen Raumvorstellung, Ursprung des Naturbegriffs (von der Astronomie zum Inertialsystem), – zum Begriff der Erscheinungen: die Wahrheit liegt nicht „hinter“ den Erscheinungen, sondern bezieht sich durch Umkehr auf die Erscheinungen, – Inbegriff des Schuldverschubsystems (Ursprung des Neutrum, „indogermanische“ Rekonstruktion der flektierenden Sprache), – Ursprung des Weltbegriffs (Philosophie/Mythos, Staat/Recht, Zivilisationsschwelle, Barbaren/Hebräer): Tempel und Opfer, Privateigentum und Geldwirtschaft, Ursprung der Schrift, – Weltkritik als Herrschaftskritik und Erinnerungsarbeit: Sensibilisierung, – Apokalypse, die sieben Siegel (Maria Magdalena und sieben unreinen Geister), Welt und Tier (die zukünftige Vergangenheit und die vergangene Zukunft), der Menschensohn, – die drei Leugnungen, das Binden und das Lösen, – Kant, Hegel und der Weltbegriff (die subjektiven Formen der Anschauung und das Anderssein des Einen), – Theologie im Angesicht Gottes und hinter seinem Rücken, – der Deckel auf der Vergangenheit (Begründung des Wissens und der Natur) und die Idee der Auferstehung, – Welt und Sündenfall („die Welt ist alles, was der Fall ist“): Der Sündenfall ein Sprachproblem? – Joh 129 und Kants Definition des Weltbegriff, – Weltbegriff antisemitisch, paranoid und frauenfeindlich, oder der Weltbegriff und die Bekenntnislogik, – die Konstituierung der Bekenntnislogik als exkulpatorische Logik und die Begründung des Geschwätzes, – der Weltbegriff, das Weltgericht, oder das Jüngste Gericht als das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht, – der Haß der Welt und die Idee des Parakleten, oder die Sünde wider den Heiligen Geist, – Verdinglichung und Instrumentalisierung, oder der Kreuzestod und die Opfertheologie, – Trauer- und Erinnerungsarbeit, oder Theologie nach dem Weltuntergang (Theologie und das descendit ad inferos, oder Auschwitz und die Naturwissenschaften), – „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“? – 1905, die Weltkriege, oder die Katastrophe der Marktwirtschaft, – Gunnar Heinsohn oder die Geschichte der Banken, – die Eucharistie und das Ding, oder die Geschichte der Theologie als Geschichte der drei Leugnungen, – Kanaan und die Philister: . der Exodus und die Landnahme sind gegen Kanaan gerichtet (Eroberung Kanaans), . die Begründung des Königtums erfolgt im Kampf gegen die Philister; aber das Königtum erliegt dann der kanaanäischen Verführung, – mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist in den neuen Erkenntnisbegriff und in die Konstituentien des Wissens ein projektives Moment mit eingegangen (Barbaren, Natur und Materie), – der Weltbegriff, die Unfähigkeit zur Sprachreflexion und der Fundamentalismus (das augustinische „ad litteram“ – Augustinus hat den Genesis-Kommentar nach 397 geschrieben – durch dieses „ad litteram“ wurde der prophetische Teil des Schöpfungsberichts neutralisiert, gelöscht, storniert, wurde er in die fundamentalistische Beziehung zur Natur gerückt), – Welt und Computersprache: cancle (löschen, beenden) und quit („quittieren“, Quittung), – mit der Lösung der Theologie aus den Verstrickungen des Weltbegriffs (den Verstrickungen des Andersseins) gewinnen auch die evangelischen Räte ihre wirkliche Bedeutung zurück: . aus dem Gehorsam wird das Hören, . aus der Keuschheit die Herrschafts- und Vergewaltigungskritik. Die Inquisition und der Terror, die Kurt Flasch zu Recht auf die augustinische Gnadenlehre zurückführt, sind Folgen der Verstrickung der Theologie in den Weltbegriff. Mit der dritten Leugnung wendet sich dieser Terror selbstzerstörerisch nach innen (der Greuel der Verwüstung). Hier verfängt sich die Kirche in der Logik ihrer Sexualmoral (es war die gleiche Logik, die Augustinus dazu gebracht hat, die Erbsünde in die concupiscentia zu verlegen (Ursprung des Biologismus und des Rassismus), anstatt sie in der Urteilslogik und im Weltbegriff zu erkennen). – Wird nicht das Wahrheitsmoment an der Trennung von Ding und Sache durch die Unterscheidung von Zorn und Wut ins Licht gerückt (im Kontext der alten res waren sie nicht unterscheidbar)? Hier (in dem Unvermögen, zwischen Wut und Zorn zu unterscheiden) liegt der Grund der augustinischen Verwirrung. Ist nicht das „Alles ist Wasser“ im „Satz des Thales“ (in der Erkenntnis der Orthogonalität) begründet? In der Tat „brütet der Geist über den Wassern“, aber am zweiten Schöpfungstag wurden diese Wasser durch die Feste des Himmels in die oberen und unteren Wasser geschieden. Ist diese Scheidung die Scheidung von oben und unten, und das als eine Trennung in den Wassern? Ist nicht das Wasser der Name, in dem die Trennung von oben und unten gründet, und ist das Wasser nicht deshalb in der Taufe das Symbol der Umkehr (während die Trennung von Licht und Finsternis der Trennung von vorn und hinten, dem Quellpunkt des Angesichts, zugrunde liegt; nur geht hier die „Finsternis über dem Abgrund“ dem Licht voraus)? Ist die Trennung von rechts und links die letzte: das Gericht (die Feuer der Hölle) und die Barmherzigkeit – Gegenstand einer Theorie des Feuers: – vorn/hinten: das Angesicht, – oben/unten: der Name, – rechts/links: das Feuer? Der Weltbegriff oder die Identifikation mit dem Blick von außen (Selbst- und Objektwahrnehmung durch den Blick von außen hindurch). Führt nicht das Konzept der „Umwertung der Werte“ zwangsläufig in die Konstrukte der Verzweiflung: in die Lehre vom Übermenschen und die Idee der ewigen Wiederkehr des Gleichen?

  • 5.5.1994

    Die gesamte augustinische Philosophie, von der Erbsünden- und Gnadenlehre bis zum entfalteten katholischen Mythos, wird durchsichtig, wenn man das ohnmächtige Aufbegehren gegen die Verstrickung in den Weltbegriff darin erkennt. Ist nicht die „Kultur“ in der modernen Welt (in deren Licht die Kultur der alten Welt erst zur abgehobenen Kultur geworden ist) der Astrologie und dem Mythos (und ihrer Stellung in der Realität der alten Welt) vergleichbar. Logos wird ins Lateinische mit Verbum übersetzt (ins Deutsche mit Wort). Dem Lateinischen zufolge wäre der Logos das Substrat der Konjugationen, im Deutschen der Konjugationen und Deklinationen (Grund des Dingbegriffs, der Trennung von Ding und Sache). In welchen Kontext gehört der Logos-Begriff selber (der nicht mit dem Namen identisch ist)? Ist der Logos der „Sohn“ des göttlichen Namens? Ist die Differenz zwischen Logos und Verbum ein Reflex der Differenz zwischen den Flexionssystemen, den Grammatiken des Lateinischen und Griechischen, und zugleich der Grund der Differenz zwischen der lateinischen und griechischen Theologie (Bedeutung Tertullians)? Ist nicht das Lateinische überhaupt ein sehr viel tiefer und sehr viel mehr vom Zeitlichen (vom Verbalen) tingiertes Griechisch? Gibt es eine lateinische Entsprechung zur griechischen theoria, und gibt es ein griechisches Modell für die lateinische scientia? Wird die Gesamtgeschichte nicht durch zwei Totalitätsurteile bestimmt: durch die Trennung von Welt und Natur in der alten Welt, und durch die Trennung des Dings von der Sache in der modernen Welt? Die Geschichte der christlichen Theologie ist die Geschichte der Transformation von der ersten zur zweiten Trennung: Zwischen beiden liegen die Trinitätslehre, die Opfertheologie und die Vergöttlichung Jesu, und das Resultat dieser Transformationsgeschichte ist die Bekenntnislogik, die von der verdinglichten Welt nicht mehr zu trennen ist. Während alle Kosmologien sonst Reflexe und Rechtsfertigungsprodukte der Staatenbildung (des Ursprungs der Organisation einer vom Privateigentum beherrschten Gesellschaft) sind, ist nur der biblische Schöpfungsbericht herrschaftskritisch, prophetisch, messianisch (antikanaanäisch). Die Redundanz oder die Reflexivität der Systeme ist der Grund ihrer Verselbständigung gegen die Sache, der Grund und der Ausdruck der Lähmung und Blendung (der Verknüpfung von Trägheit und Finsternis, die ihre gemeinsame Wurzel im Inertialsystem haben, wie auch das Inertialsystem erst nach der Begründung des Gravitationsgesetzes und der physikalischen Optik sich konstituiert hat). Modell dieser Redundanz und Reflexivität ist die mathematisch entfaltete Raumvorstellung (die Konstituierung des Raumes als subjektiver Form der äußeren Anschauung). Zum Ursprung der Philosophie: Das Wasser ist „teuflisch“, der Begriff „satanisch“. Sind so nicht beide Symbole (wie in ihrer Folge die Begriffe Natur und Welt) aufeinander bezogen? Die durch die subjektiven Formen der Anschauung hindurch konstituierte und begriffene Welt ist die gerichtete Welt. Deshalb gehören die subjektiven Formen der Anschauung zu den Grundlagen der Urteilstheorie. Als Morgenstern und Abendstern ist die Venus die Einheit von Osten und Westen, von vorn und hinten: Hat das etwas mit der Venus-Katastrophe zu tun? Die Erkenntnis, daß Morgenstern und Abendstern identisch sind, hat die Erde zur Totalität (zum Vorbegriff der Welt) zusammengeschlossen. Hängt diese Erkenntnis mit der der Vaterschaft (und dem Ursprung des Patriarchats) zusammen?

  • 4.5.1994

    Der Wiederholungszwang ist die Kehrseite der Idee der Auferstehung.
    Hängt die Geschichte vom Hasen und Igel mit der Geschichte des Ursprungs der Raumvorstellung und der Mechanik zusammen? Die Dinge mögen laufen wie sie wollen, der Raum ruft überall: Ich bün all do. Ist nicht die Geschichte vom Hasen und Igel der Schlüssel fürs Verständnis des Relativitätsprinzips, wir müssen nur begreifen: es ist nicht immer der Igel, sondern es sind zwei, der Igel und sin Fru.
    Das Hebräische kennt kein Neutrum, wohl aber beim Interrogativpronomen die Unterscheidung von Person und Sache, wobei das sächliche Interrogativpronomen als Quellpunkt des Neutrum sich bestimmen läßt. Nur wird dieser Übergang vom Was zur Sache (und schließlich zum Ding) grammatisch nicht vollzogen. Wird er etwa blockiert durch die Beziehung des mah zum majim (ihr spätes Echo im Deutschen ist die sprachliche Beziehung des Wasser zum Was, im Lateinischen erinnert als Ursprungsbeziehung des a-qua zum femininen oder instrumentalen qua)? So hängen das Thalessche „Alles ist Wasser“, der terminos a quo des Ursprungs der Philosophie, und die Heideggersche Hypostasierung der Frage, die als Rückfall hinter diesen Ursprung der Philosophie, als Versinken in den Wassern des Mythos sich begreifen läßt, zusammen.
    Hängen die Beziehungen des deutschen Infinitivs Sein zum gleichlautenden Possessivpronomen 3.m.s. und des Was zum Wasser mit der Zweideutigkeit der Heideggerschen Frage nach dem „Sinn von Sein“ zusammen? Liegt nicht der Bedeutungsfrage (nach dem Sinn des Wortes Sein) der Infinitiv, dem bodenlosen Tiefsinn der Frage, ob das Sein überhaupt einen Sinn hat („Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“), hingegen dessen sprachliche Beziehung zum Possessivpronomen (dessen Repräsentanten in Subjekt und Gesellschaft der Raum, das Geld und die Bekenntnislogik sind) zugrunde?

  • 3.5.1994

    Die Lahmen und die Blinden (politische Aspekte des Inertialsystems): Wer heute die „Prophets of Deceit“ fortschreiben und auf den gegenwärtigen Stand bringen wollte, dürfte sich nicht mehr nur an der Figur des Agitators orientieren, sondern müßte die Reflexion auf die Struktur der politischen Öffentlichkeit, auf die veränderte Form ihrer Beziehung zur realen Politik mit einbeziehen. Wichtiger als eine Analyse der Reden der Schönhubers und Freys wäre eine Analyse der Selbstdarstellung der etablierten Parteien, die „ihre Politik“ nur noch verkaufen wollen, auf einen öffentlichen Diskurs der realen Probleme und Ziele jedoch längst verzichtet haben. In diesem Kontext wird Politik zur Sache von Verwaltung und Karriere, mit der Folge
    – der Konstituierung einer zunehmend nicht-öffentlichen Politik: der fortschreitenden Abschirmung der politischen Entscheidungsprozesse gegen ihre öffentliche Diskussion,
    – der Personalisierung von Sachfragen (öffentlichkeitswirksame „Korruptionsfälle“ verstellen den Blick auf die inhaltlichen Fragen der Politik),
    – der Lähmung und Selbstverblendung einer immer mehr den Trägheitsgesetzen des Apparats gehorchenden Politik.
    Die Lahmen und die Blinden: SPD und CDU.
    Ist nicht das Geheimnis des Erfolges von Helmut Kohl die Fähigkeit zur öffentlichkeitswirksamen Darstellung des Nichtstuns, der politischen Trägheit, zu der es ohnehin keine Alternative mehr zu geben scheint? Ist er nicht der Darsteller einer Politik, die so von vorgeblichen Sachzwängen beherrscht ist, daß es wirklich nur noch darum geht, wie man sie trotzdem so präsentieren kann, als ginge es um politische Ziele?
    Die Gerechtigkeits-Blindheit des Rechts drückt sich in dem Satz aus, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
    Anwendung des Paradigmas der Lahmen und Blinden auf die Naturwissenschaften: Kernforschung und Weltraumfahrt.
    Ist nicht der Kern dieses Paradigmas die Verklammerung des kirchlichen Machtapparats mit der zwanghaften Selbstverblendung der Theologie: der Greuel der Verwüstung oder Greuel am heiligen Ort?
    Sind nicht die kantischen subjektiven Formen der Anschauung die Repräsentanten der Lahm- und Blindheit im Subjekt, die Agenten der Lähmung und Verblendung des verdinglichten Subjekts? Erinnert nicht die Trennung von Natur und Welt an das Paradigma der Lahmen und Blinden (die Natur lähmt, und die Welt macht blind)? Ist nicht die Trennung von Natur und Welt Produkt jener exkulpatorischen Logik, die das Schuldverschubsystem zur Grundlage hat, die dann zur Absicherung der Opfertheologie bedarf.
    Der Dativ und das „Es gibt“. Der kantische Begriff des Gegebenen (eine der Wurzeln des Begriffs der Erscheinung) enthält über das Es im „Es gibt“ den Hinweis auf den anonymisierten Gesamteigentümer der Welt. Nur weil es dieses „Es gibt“ gibt, weil es den Dativ gibt, gibt es Meinungen.
    Wenn der Infinitiv Sein etwas mit dem Possessivpronomen (3. m. sing.) zu tun hat, dann hat auch der Name des Wassers mit Interrogativpronomen „Was“ (mit der Frage nach dem Wesen, nach der Sache) etwas zu tun. Frage: Wie hängt das Interrogativpronomen mit dem Possessivpronomen zusammen? Hat es etwas mit dem Kommerz, mit dem Akt des Kaufs zu tun?
    Bezieht sich die Vertreibung der Taubenhändler und der Geldwechsler aus dem Tempel auf den Greuel am heiligen Ort, den Greuel der Verwüstung?
    Muß die Kirche, wenn sie beansprucht, das „wahre Israel“ zu sein, nicht auch die Prophetie auf sich beziehen?
    Haben die Lahmen und Blinden etwas mit den Namen des Satans und des Teufels zu tun: Ist nicht der Ankläger der Lähmende, der Verwirrer der Verblendende (vgl. den apokalyptischen Gebrauch der beiden Namen: neben der Synagoge des Satans gibt es den Teufel als Vater der Lüge)?
    Ist nicht die Blutmetaphorik (im Kontext des Kelchsymbols) eine bewußte Verletzung (Aufhebung?) des noachidischen Gebots?
    Wird nicht ein zentrales kirchen- und dogmengeschichtliches Problem mitgelöst, wenn es gelingt, die Geschichte der Fälschungen (zusammen mit dem Phänomen der Eponymie) im Mittelalter anstatt personalisierend auf Priestertrug und Machtgier auf objektive gesellschaftliche Kräfte, auf die Zwangslogik der Profangeschichte, zurückzuführen? Liegt hier nicht auch der Schlüssel zur Lösung des Problems des Nominalismus (und des Problems der benennenden Kraft der Sprache)?
    Der Begriff lebt vom Namen und vergewaltigt ihn zugleich. Die Gewalt der Urteilsform, die objektiv in der Astronomie sich konstituiert. Sind nicht die Todesstrafen allesamt Symbole der Urteilsform: von der Steinigung über das Schwert, das Hängen, das Verbrennen bis hin zur Kreuzigung. Die Juden haben gesteinigt, die Römer haben (nach Rezeption einer persischen Tradition) gekreuzigt, die Christen haben verbrannt.
    Bezeichnet Kanaan gegenüber dem Hebräischen ein logisches oder ein historisches Prius?
    Ist nicht der Bruch zwischen Natur und Geschichte der Abgrund, in dem die benennende Kraft der Sprache untergangen ist und aus dem Natur und Geschichte als getrennte Bereiche sich erheben?
    Zu den drei Weisen aus dem Morgenland gehören der Balthasar, der mit dem Daniel etwas zu tun hat, der Melchior, der an den melech, die Königstradition, erinnert, und der Caspar: Wer ist das (hat Kasper des Puppenspiels etwas mit ihm zu tun)?
    Die drei Leugnungen Petri lassen sich den räumlichen Dimensionen zuordnen:
    – die erste (die Magd des Hohepriesters spricht Petrus an) enspricht der Beziehung vorn/hinten, Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
    – die zweite (die Magd spricht mit den Umstehenden über Petrus) der Beziehung rechts/links, dem objektivierenden Denken und dem darin mit eingeschlossenen Verhältnis des richtenden Urteils zum verteidigenden Denken, und
    – die dritte (die Umstehenden sprechen Petrus an) der Beziehung oben/unten: hier enthüllt sich das objektivierende Denken als vergesellschaftetes Herrendenken, als reine Verkörperung der Wut, die ihrem Objekt keinen Ausweg mehr läßt.
    Interessant sind
    – die zweite Leugnung: als Paradigma des Ursprungs des objektivierenden Denkens, und
    – die dritte Leugnung: die Genesis der Wut (der Selbstverfluchung),
    beide sind Folgen einer Theologie hinter dem Rücken Gottes (der ersten Leugnung).

  • 2.5.1994

    Die vollständige Umkehr aller Richtungen im Raum schließt die Zeitumkehr als Bedingung der Vorstellung einer homogenen Zeit mit ein; die Voraussetzung hierfür ist die Vorstellung eines orthogonalen dreidimensionalen Raumes, eines für sich bestehenden „absoluten“ Raumes; aber dieses Für-sich-Bestehen des Raumes (der „subjektiven Form der äußeren Anschauung“) verdankt sich der Selbstleugnung des Subjekts, das dann nur noch „alle meine Vorstellungen muß begleiten können“: das zu seinen eigenen Vorstellungen äußerlich sich verhält (mit der Vergegenständlichung wird eine Eigentumsbeziehung zu diesen Vorstellungen begründet: sie werden zu „meinen Vorstellungen“, Pendant ihrer Kommerzialisierung). Das Inertialsystem ist die dritte Leugnung (ein System, in dem es nur noch die miteinander vertauschbaren Dimensionen der Vergangenheit und Zukunft, aber – wie in der indogermanischen Sprache, in der das alte Imperfekt durch das neue Präsens, den Kern des neuen Konjugationssystems, verdrängt worden ist – keine Gegenwart mehr gibt).
    Das Prinzip der „Meinungsfreiheit“ ist Ausdruck und Folge der Herrschaft des Tauschprinzips, seiner Anwendung auf die Erkenntnis (Begründung des Wissens und des Bewußtseins).
    Durch ihre Verstrickung in den Prozeß der europäischen Aufklärung ist die Theologie zur Theologie hinter dem Rücken Gottes geworden; aber eben deshalb ist der Konflikt der Theologie mit der Aufklärung unlösbar.
    Die theologische Lehre von creatio mundi ex nihilo beschreibt einen Vorgang in der Ursprungsgeschichte des Staates: Dieses nihil symbolisiert den Mord, der Staat und Welt zugleich begründet; dieses nihil ist zugleich der Systemgrund des mythischen Opfers wie auch der christlichen Opfertheologie: Die christliche Theologie ist erst durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes zur Staatsreligion (zur Römischen Reichsreligion) geworden.
    Natur ist das Objekt des Herrendenkens; sie konstituiert sich als Natur im Kontext der exkulpatorischen Logik des Begriffs (der Logik der Welt). Der Grund oder die Wurzel dieser exkulpatorischen Logik des Begriffs heißt in Joh 129 die „Sünde der Welt“.
    Die Schwere und das Licht sind die realsymbolischen Korrelate des Gründens und Aufspannens.
    In den „Studies in Prejudice“ gibt es eine Untersuchung über die Sprache des Agitators (Löwenthal/Gutermann: Agitation und Ohnmacht). Diese Sprache des Agitators, die heute zur politischen Sprache insgesamt geworden zu sein scheint, hat eine metaphorische Basis. Wäre es nicht an der Zeit, das Problem der Metaphorik, deren Logik mit der der benennenden Kraft der Sprache zusammenhängt, ins Licht zu bringen? Ohne die Reflexion ihres metaphorischen Grundes ist die Rekonstruktion der benennenden Kraft der Sprache nicht zu leisten. Die Sprache des Agitators lebt von den unverarbeiteten Resten der theologischen Tradition; ihre Aufklärung ist ohne Theologie nicht mehr möglich. Liegt nicht die Differenz zwischen der Instrumentalisierung des metaphorischen Elements der Sprache und der Rekonstruktion seiner benennenden Kraft im Begriff der Umkehr? Ist nicht der Fundamentalismus ein Versuch, metaphorische Texte indikativisch zu verstehen; und ist nicht der Indikativ eine der zentralen differentiae specificae des Indogermanischen, eine der sprachlichen Wurzeln der abstraktiven Gewalt des Inertialsystems (vgl. die Sprachwurzeln der Begriffe Indikativ und Konjunktiv)?
    Das Präsens ist die Vergangenheitsform der Gegenwart (Reflex der Vorstellung einer homogenen Zeit), während das alte Imperfekt die offene Gegenwart (den Bereich der unabgeschlossenen Handlung) repräsentiert. Zum Präsens gehört das Präsentieren und das „Es gibt“. Unterm Gesetz dieses Präsens wird das Imperfekt zum Präteritum. Das Präsens und die Vorstellung einer fix und fertigen Welt, die gleichsam für unseren Gebrauch daliegt, gehören zum Weltbegriff. Aber diese Welt ist das Produkt einer Handlung (das Ensemble von „Tatsachen“): Produkt der Sünde der Welt. Mit diesem Präsens hängt die Neutrumsbildung zusammen: die Frucht, die die Schlange der Eva anbietet, die sie dann an Adam weiterreicht, ist das Präsentierte.
    Ist nicht der Präsens der Sprachgrund des Dativ? Und macht dieses Präsentische die indogermanische Sprache zur Schaufenstern- und Fernseh-Sprache, deren frühester Ausdruck die theoria ist (und ihr Repräsentant im Subjekt die Formen der Anschauung). In der jüdischen Tradition gibt es das „von Angesicht zu Angesicht“ (zu dem das sch’ma Jisrael gehört), aber nicht die (einseitige) „Anschauung Gottes“ (zu der das Credo gehört).
    Beschreibt die Geschichte vom Sündenfall den Ursprung der indogermanischen Sprache?
    Hat nicht Esau eine Kanaaniterin zur Frau; und wie war es mit Ismael, dem Bruder des Isaak?
    Die kirchliche Sexualmoral ist (wie der Fundamentalismus insgesamt) ein Produkt des indikativischen Verständnisses biblischer Texte.
    Die Römer sprachen Latein, die Israeliten hebräisch (die Juden aramäisch, hebräisch war die Sprache ihrer Schrift) und die Hellenen (die in der Apg mit den „Hebräern“ verglichen werden) sprachen Griechisch: Wie verhalten sich Volks- und Sprachennamen zueinander, und worin ist die Differenz begründet?
    In den Genealogien werden nur die Väter genannt, aber Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat?
    Ist Drewermann konfliktunfähig, nachdem ihm der Geist, der Inbegriff des verteidigenden Denkens, zum „Furz“ geworden ist? Die Befreiung des Hegelschen Geistes vom Fluch des Absoluten ist auch die Befreiung von seiner Wurzel, dem „Weltgeist“.
    Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan: Genau so wie wir sie im Bewußtsein und in der Praxis zum Verschwinden gebracht haben, haben wir ihn zum Verschwinden gebracht.
    Der Staub und die Archäologie: Archäologische Theologie ist experimentelle Theologie, der Versuch, die Ablagerungsschichten des Staubs aus dem Weg zu räumen, um die verschüttete Wahrheit ans Licht zu holen. Modell ist die Psychoanalyse, die ebenfalls schon eine archäologische Disziplin war. Der Jungsche Vorstoß zu den „Archetypen“ war ein Vorstoß in dieser Richtung, wobei er nur verkannte, daß das gesuchte Objekt kein psychologisches, auch kein kollektives, ist, sondern ein historisch-gesellschaftliches, und zwar eines, das sich in der Kritik der Konstellation von Verdrängung, Unbewußtem und Projektion erst bildet. Insbesondere hier gilt: Das Vergangene ist nicht nur vergangen. In diesem Konstrukt steckt die ganze Geschichte.
    Im Hebräischen gibt es kein Neutrum, wohl aber beim Interrogativpronomen die Unterscheidung zwischen Personen und Sachen (nicht „Belebtem“ und „Unbelebtem“). Hat das Interrogativpronomen für Sachen etwas mit dem Namen des Wassers (und dem des Himmels) zu tun (mah/majim/schamajim, vgl. im Deutschen was/Wasser)? Ließe sich daraus ableiten, daß die Trennung der oberen von den unteren Wassern etwas mit der Unterscheidung von Prophetie und Philosophie zu tun hat (der Name des Himmels bezeichnete dann diese Unterscheidung)?
    Als Jesus seine Jünger fragte: „Könnt ihr den Kelch trinken?“, meinte er die Nachfolge, aber als er dann sagte: „Ihr werdet den Kelch trinken“, hat er gewußt, daß die Evangelien in Griechisch geschrieben wurden.
    Der Konjunktiv bezeichnete ursprünglich die hypothetische Folge in einem Begründungszusammenhang (würde/hätte …, wenn …); wie ist aus der konkreten, begründeten Möglichkeit die abstrakte, von ihrer Begründung abgelöste Möglichkeit (der von der coniunctio getrennte Konjunktiv) geworden, ein Modus des Verbs? Worauf bezog sich der Indikativ (die prosaische Wirklichkeitsform; indicatio: Preisangabe, Zusammenhang mit dem durchs Tauschprinzip oder durchs Trägheitsgesetz definierten Realitätsprinzip)? Gibt es einen der kantischen Kategorie der Notwendigkeit korresponierenden verbalen Modus?

  • 1.5.1994

    Müßte nicht die 40-jährige Wüstenwanderung bald beendet sein und die „Eroberung Jerichos“ beginnen? Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist eine Theologie, zu deren Konstituentien die Furcht vor der Auferstehung gehört, eine Theologie, die nicht daran glaubt, daß Gott ins Herz der Menschen sieht: eine Feigenblatt-Theologie. Mit der Rezeption des Weltbegriffs wurde diese Angst in die Theologie installiert, mit dem auf die Welt bozogenen Schöpfungsbegriff, mit der Opfertheologie und mit der Vergöttlichung Jesu. Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist die Theologie der Lahmen und Blinden (der durch die subjektiven Formen der Anschauung Gelähmten und Geblendeten). Die Geschichte dieser Theologie wäre anhand der Geschichte vom Nomen zum Substantiv zu demonstrieren. Hängt das Konjugations-Paradigma Perfekt/Imperfekt mit dem Deklinationsparadigma Genitiv/Akkusativ zusammen? Die subjektiven Formen der Anschauung sind ein Produkt der Identifikation mit dem Aggressor, der Verinnerlichung des Hasses der Welt: der Wut-, Empörungs- und Urteils-Generator und der Repräsentant des Sexismus. Stammen die den Evangelisten in der Tradition zugeordneten Tiersymbole aus der Vision des Ezechiel, der Merkaba-Vision? Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe: Wäre es nicht Aufgabe der Theologie, auf diesen Umkehrpunkt hinzuarbeiten? Wenn Jesus nicht gestorben wäre, wären das Nachfolgegebot und die Idee der Auferstehung gegenstandslos, und nur die Unsterblichkeitslehre und der Islam wären wahr. Das Matriarchat beschreibt keine historische Realität, sondern das im Anblick der ersten Katastrophe aufblitzende Bild der Utopie. Die Sintflut und die drei Söhne Noahs gehen der Geschichte vom Turmbaus zu Babel voraus. Bezeichnet Mose den ägyptischen und Abraham den chaldäischen Teil der israelischen Tradition? Der Vergewaltiger (der Staatengründer) versucht, den Satz: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ auf den Kopf zu stellen. Das „Alles ist Wasser“ ist Ausdruck der Welterfahrung im Banne der Schicksalsidee. Die griechische Lösung war der Prozeß der Verinnerlichung des Schicksals: Geburt des Subjekts, des Begriffs, der Philosophie, der Wissenschaft. Die israelische Lösung steht im Schöpfungsbericht: im Bild der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt. Benannt werden nicht die Wasser, sondern benannt wird die Feste: mit dem Namen des ersten Schöpfungsobjekts, des Himmels. Die Geschichte des Ursprungs des Begriffs hingegen wird beschrieben in der Geschichte vom Paradies und vom Sündenfall (mit dem Staub als frühestem Symbol des Positivismus). Steckt nicht im Begriff der Barbaren das antisemitische, im Begriff der Materie das frauenfeindliche Moment der Philosophie und im Begriff der Natur ihr projektiver Anteil am Klassenkampf (paranoide Verarbeitung des biblischen Votums für die Fremden, die Witwen und die Waisen)? Zusammengehalten werden diese drei Momente durch den Weltbegriff. Haben die drei evangelischen Räte (das Hören, die Keuschheit und die Armut) etwas mit den Fremden, Witwen und Waisen zu tun? Bekommt nicht der Materialismus Inhalt und Farbe durch das Bild des Matriarchats, der ersten Utopie? Die katastrophischen Phasen der Geschichte waren Phasen, in denen die projektiven Verfahren der Erfahrungsverarbeitung eskaliert, in Paranoia umgeschlagen sind.

  • 30.4.1994

    Auch der Extremismus des Rechts ist ein Rechtsextremismus, und das, weil Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (es aus Systemgründen: aus Gründen der Beweislogik, auch nicht sein kann).
    Gibt es nicht eine Beziehung des Matriarchats zum Ursprung der Geldwirtschaft? Liegt nicht im Geld der Ursprung des Materiebegriffs (auch das Geld wurde im Anfang nicht gezählt, sondern gewogen)? Und ist das Geld das verdinglichte und entfremdete Matriarchat? Hat der Moloch, dem Menschen geopfert wurden, etwas mit dem Mammon zu tun? Und haben nicht der Baal und die Idee des Absoluten eine gemeinsame Wurzel?
    Der Begriff des Absoluten ist eine mit dem Begriff des Wissens gemeinsam, zu seiner Begründung und Absicherung, entsprungene Kategorie. – Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang des Wissens mit dem Wasser (und einen sachlichen Zusammenhang des Wissens mit der Sintflut)?
    Die Ursprungsprobleme im Kontext des Weltbegriffs (die Probleme des Ursprungs der Schrift, des Geldes, der Astronomie, des Staates, der Philosophie) weisen allesamt auf katastrophische Ereignisse.
    Sind nicht die klassischen Sprachen der Antike allesamt Schriftsprachen (die „sumerisch“-chaldäische als Keilschriftsprache die erste); läßt ihre Ausbildung und Entfaltung nicht erst im Kontext ihrer Beziehung zur Schrift sich begreifen? Die modernen europäischen Sprachen, die durch die klassischen Sprachen hindurchgegangen sind, haben diese Schriftbindung vergegenständlicht, in die Objektivität eingesenkt und verinnerlicht zugleich. Darin liegt das Geheimnis ihres innersten Bildungsprinzips verborgen. Hier vor allem liegt der Ursprung des Dingbegriffs (und des Substantivs, das das Nomen ersetzt hat). Ein Bindeglied in dieser Geschichte bildet die arabische Sprache, der Koran, der Islam, die eine Vermittlerfunktion hatten. Eines der vermittelnden Elemente war zweifellos die Kanonbildung, die Etablierung Heiliger Schriften.
    Das „Quod non est in actis, non est in mundo“ gilt nicht nur für die Akten, sondern für die Schrift insgesamt, für ihre Beziehung zum Ursprung und zur Geschichte des Weltbegriffs. In diesen Kontext gehört die Kanonbildung (als Weltstabilisator).
    Das rückt das Problem der Deklination („die Welt ist alles, was der Fall ist“) in ein neues Licht: Verweist es nicht zurück auf die „chaldäische“ Astrologie? Und hat nicht der Satz der Magier „Wir haben seinen Stern gesehen“ hiermit zu tun, ähnlich der „Kampf der Sterne“ im Debora-Lied sowie das Bild von dem wie eine Buchrolle sich aufrollenden Himmel?
    Die Geldwirtschaft erzeugt mit der eingebauten Todesdrohung den Unschuldstrieb (als autoritär instrumentalisierten Auswegersatz).
    Das Rätsel der Drittel-Ladungen bei den Quarks (-1/3, +2/3) scheint auf den Korpuskel-Welle-Dualismus zurückzuweisen (auf die darin sich manifestierende Beziehung zu den beiden komplementären Aspekten des Inertialsystems: der linearen Bewegung des Strahls und der Flächen-Ausbreitung der Welle). Begründet ist dieser Dualismus in der Struktur der Minkowskyschen vierdimensionalen Raumzeit (mit der Wurzel aus -(ct)2 als imaginärer vierter Dimension).
    Steht nicht die Vorstellung, daß, wenn ich ein Ding mit Gewalt aufbreche, ich auf sein Inneres stoße, in der Tradition der Opfertheologie (vgl. auch Hegels Bemerkung über das sein Spielzeug zerstörende Kind; Hinweis auf die opfertheologische Tradition der Hegelschen Philosophie: Ursprung des Konzepts der List der Vernunft).
    Gegen die „Elementarteilchen“: Wenn aus Schweinen Wurst gemacht wird, heißt das, daß Schweine aus Wurst bestehen?
    In der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt, im Bilde des Himmels, ist die Scham- und Todesgrenze, die uns das Angesicht und den Namen Gottes verstellt, für die Wahrnehmung präsent. Ist das nicht der Grund, weshalb Hunde den Mond anbellen und Schimpansen mit Drohgesten den Himmel bedrohen? Kann es sein, daß hinter dem Sothis-/Sirius-Problem das Orion-Problem steht (das Problem nicht des chronologischen Ursprungs der ägyptischen Geschichte, sondern des Ursprungs der Zeit überhaupt)?
    Gehören die drei Gürtel-Stellen zusammen:
    – beim Jeremias (Kap. 13),
    – bei Hiob („oder lösest du den Gürtel des Orion“, 3831) und
    – bei Petrus („Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst, …“, Joh 2118)?

  • 29.4.1994

    Im Sklavenhaus des Begriffs wird das Nomen zum Substantiv.
    Ham sieht die Blöße seines Vaters, aber Kanaan wird verflucht.
    An der Ham-Geschichte läßt sich der Ursprung des Rassismus demonstrieren: Beschrieben wird der Zusammenhang zwischen der aufgedeckten Blöße des Vaters und der Knechtschaft. Wird dieser einsichtige Zusammenhang ausgeblendet und verdrängt, weil man sich selbst getroffen fühlt, bleibt ein Text, aus dem dann die Apartheid herauslesen zu können glaubt, daß alle Hamiten dazu bestimmt sind, Sklaven zu sein.
    Scheitert nicht die Hegelsche Dialektik im Kern, in der Dialektik von Herr und Knecht, an der Ham-Geschichte? Der Knecht wird nicht zum Herrn, sondern in die Geldwirtschaft integriert: er wird zum Kanaanäer.
    Das Objekt der speziellen Relativitätstheorie ist das Nichts, das die Naturwissenschaft insgesamt aufs Tote fixiert.
    Steckt nicht in all den Worten wie nicht, Licht, Gericht, Gewicht, Gesicht, Gedicht das Ich? Hängt machen, Macht mit mich zusammen, und kommt beichten von berichten?
    Den Staub hat die Kirche auf alle, auf Männer und Frauen, bezogen, aber die Wehen der Geburt hat sie den Frauen vorbehalten: sie hat die Frauen mit den Wehen alleingelassen. Glaubt sie sich so vor den messianischen Wehen schützen zu können?
    Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Ist diese Barmherzigkeit nicht das Subjekt der messianischen Wehen? Wie hängt das mit dem Binden und Lösen zusammen?
    Haben die sieben Völker Kanaans etwas mit den sieben Planeten zu tun? Im Lied der Debora, im Buch der Richter, kämpfen auch die Sterne.
    Wenn die Perser die ersten waren, die Münzen geprägt haben (jedenfalls die ersten Münzen in Israel persische Münzen waren), ist das nicht ein zusätzlicher Hinweis darauf, daß Darius der erste große Gesetzgeber (Hammurabi) war? Gehören nicht die Münzprägung und die Öffentlichkeit des Gesetzes (die Gesetzesstele Hammurabis) zusammen, ist nicht die Öffentlichkeit des Rechts eine Funktion der Geldwirtschaft? Seit Darius tragen die Münzen das Bild des Kaisers. Das vorpersische Geld war Gewichtsgeld, es wurde gewogen, nicht gezählt (Schekel). Bezieht sich darauf das danielsche Menetekel (gezählt, gewogen und zu leicht befunden): Ist die Schrift an der Wand ein Hinweis auf die Münzprägung?
    Wer den Zinsgewinn aus dem Risiko des Geldverleihens ableitet und damit begründet, rechtfertigt das Schuldverschubsystem und die Schuldknechtschaft.
    „Die Erde ist der Schemel seiner Füße.“ Mose soll vor dem brennenden Dornbusch seine Schuhe ausziehen (denn „Du stehst auf heiligem Boden“). Und die Armen werden (laut Amos) für ein Paar Schuhe verkauft. Waren nicht die Schuhe das Instrument der Inbesitznahme?
    Durch die Instrumentalisierung bezieht das Subjekt das Opfer auf sich: Die Instrumentalisierung des Opfers ist ein Instrument der Selbstvergöttlichung.
    Der Zorn bahnt der Liebe den Weg, während der Wütende geliebt sein möchte; Wut ist instrumentalisierter Zorn, Äußerung des Gekränktseins, Grund der Beleidigungsfähigkeit und des Selbstmitleids.
    Vom Absoluten ist nicht vorstellbar, daß es zornig, barmherzig oder der Liebe fähig ist, weil es im Kontext der Idee des Absoluten die Idee der Auferstehung nicht gibt. Das Absolute ist das steinerne Herz der Welt.
    Die Kritik des Absoluten fällt mit der Lösung der sieben Siegel zusammen, sie ist Teil einer Konstellation (oder Konfiguration) kritischer Motive; sie ist kein Mittel der Widerlegung, sondern eines der Erkenntnis. Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern befreit wurde, wurde der erste apostolische Auftrag zuteil, die Auferstehungsbotschaft zu verkünden.
    Gott hat die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt: Verhalten sich nicht das Gründen und das Aufspannen zueinander wie Kausalität und Finalität (oder wie Begriff und Name)? Durch das sinnlose Kreisen der Planeten wurde das Aufspannen ins Gründen zurückgenommen; deshalb ist die kopernikanische Theorie zur Grundurkunde der Mechanik geworden.
    Die Geschichte der Entwicklung von der Astrologie zur Astronomie ließe sich unter dem Titel „Vom Nomen zum Substantiv“ beschreiben. Diese Konstellation gründet in der Beziehung der astrologischen Planetentheorie zur Deklination. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen (Hi 3831). Und in diesen Kontext gehören die paulinischen Archonten.
    Zur Dynamik der Scham (oder der Schlüssel zur Bestimmung der Beziehung der Bekenntnislogik zum Weltbegriff): Der Hund greift den an, der ihn anblickt, und den, auf den er gehetzt wird.

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