Adorno

  • 11.02.94

    Verteidigendes Denken ist das Gegenteil des apologetischen Denkens: Ihr Gegenstand ist keine bestehende Gemeinschaft, keine Institution, kein Dogma, kein Bekenntnis, sondern es tritt ein für die Opfer, die Benachteiligten, die Unterdrückten, die Ausgebeuteten. Nur apologetisches Denken ist Front- und Feinddenken (und gehorcht der Bekenntnislogik).
    Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele verhält sich zu der Lehre von der Auferstehung der Toten wie das Gericht zur Barmherzigkeit (wie das Weltgericht zum Jüngsten Gericht).
    Die Asymmetrie der Beziehung von Ich und Du ist der Grund er Unterscheidung von Gericht und Barmherzigkeit.
    Bild und Fernsehen, oder über das Verhältnis von Bild und Herrschaft: Durch das Bild werde ich zum Herrn über das Abgebildete. Darin gründet das biblische Bilderverbot. Das Fernsehen ist die Idolatrie des Bestehenden (wie hängt das Bild mit den Grenzen der Beweisbarkeit, mit dem logischen Ort der Gemeinheit, zusammen?). Ist das Fernsehen der Greuel am heiligen Ort?
    Kant hat die Welt als das mathematische (und Natur als das dynamische) Ganze der Erscheinungen definiert: Hat er damit den Ursprung des Weltbegriffs (in Astronomie und Mathematik) nicht aufs genaueste bezeichnet? Beziehung der Mathematik zur Sprache: Die Mathematik ist die gekreuzigte und gestorbene Sprache, die Natur die Leiche im Grab. Das rührt an den logischen Grund von Joh 129, an den Sinn des Wortes von der „Sünde der Welt“.
    Die Totalitätsbegriffe Wissen, Natur und Welt bezeichnen jeder das Ganze, das Adorno zufolge das Unwahre ist: sie bezeichnen es als ein dreifaches. – Im „Stern der Erlösung“ erscheinen Wissen und Natur als Nichtwissen von Mensch und Gott (und nur die Welt als Nichtwissen von der Welt).
    Dogmatische Theologie ist die Heiligsprechung des verdinglichten Bewußtseins (das steinerne Herz der Welt, das am Ende gegen ein fleischernes ausgetauscht wird).

  • 01.02.94

    Zu Jer 3137: Die Astronomie als Initiationsritus der Zivilisation.
    Das Tier ist das Realsymbol jeden Idealismus. Und die Bedrohung des Subjekts durch das Tier ist primär weder die durch den animalischen (sexuellen) Trieb, noch die physische (die animalische Aggression), sondern die durch den Idealismus. Die Stummheit des Tieres ist die Stummheit des Idealismus und der Welt.
    Je auswegloser die moralische Ohnmacht (die Verstrickung in die Verhältnisse), umso stärker die Rechtfertigungszwänge, und umso stärker die Projektions- und Strafbedürfnisse (das Bedürfnis nach moralischer Empörung: deshalb beriefen sich die Nazis auf das „natürliche Rechtsempfinden“ des Volkes, Produkt der Instrumentalisierung der moralischen Empörung).
    Zum Grund der Unterscheidung der primären und sekundären Sinnesqualitäten: pecunia non olet.
    Bezeichnet die Unterscheidung zwischen der Buhlerei Israels und den kanaanäischen Baalen und der mit den großen Nachbarstaaten (Ägypten, Assur, Babylon) – vgl. Ez 1623 – nicht einen ganz entscheidenden Sachverhalt: die kanaanäische Buhlerei war die der Händler, die es allen recht machen mußten (Silvia Schroer S. 179).
    Der Weltbegriff bewirkt eine schleichende Neutralisierung der Religion (deshalb kennen wir einen anderen Begriff der Religion schon nicht mehr), er macht sie verwaltungsfähig. Die episkopale Kirchenverfassung ist eine Konsequenz aus der Rezeption des Weltbegriffs (aus der Rezeption eines aus dem Eigentumsprinzip abgeleiteten Selbst- und Weltverständnisses): aus der Verwerfung von Joh 29.
    Ist nicht die Hegelsche Philosophie, indem sie die Dinge auf ihr Anderssein reduziert, die Spiegelschrift der Wahrheit. Hier liegt der Grund der negativen Dialektik Adornos.
    Wer die Religion vom Anthropomorphismus reinigt – und das hat die christliche Theologie mit Hilfe der Trinitätslehre versucht -, macht sie zweideutig, macht sie dämonisch. Das Dogma ist das vergrabene Talent.
    War Petrus je Bischof, und ist nicht der episcopus eine paulinische Erfindung: Hat Paulus der Kirche den Kelch zu trinken gegeben?
    Bezeichnen nicht die Dornen und Disteln den gleichen Sachverhalt am Objekt, den die Hörner am Subjekt bezeichnen?
    Bibel-Kritik versucht, die biblischen Texte in eine eindeutige zeitliche Folge zu bringen: Stimmen hierzu die Prämissen?

  • 19.01.94

    Gilt der Name Israel nur im internen Gebrauch, oder gibt es einen Fall, in dem es von außen so genannt wird (Ex 19)? Wie verhalten sich die Hebräer zu Kanaan: sind nicht beides soziologische Bezeichnungen (ähnlich der Name Ägyptens, Mizrajim, und der des Pharao)? Wie steht es überhaupt mit dem biblischen Gebrauch des Namens Kanaan (mit der Sprache Kanaans und dem Land Kanaan): Hieß das Land und hießen die Völker so nur im Munde der Israeliten? War die Sprache Kanaans nicht die hebräische? Und ist es nicht ein Stück besonderer Infamie, wenn die Juden im christlichen Exil in die Rolle der Kanaanäer (der Händler) hineingepreßt und dann Hebräer genannt worden sind?
    Das Objekt ist das der Sprache entfremdete, zur Sprache äußerliche Ding: logisches Zentrum des Nominalismus, dessen historische Anwendung unvermeidbar rassistisch ist. Dabei ist selbst der Name der Deutschen ein sprechender Name (nur daß die Deutschen selber ihn nicht mehr verstehen: wie würden sie es sonst mit sich selbst und mit diesem Namen aushalten?).
    Hat der real existierende Sozialismus nicht genau das blockiert, was notwendig gewesen wäre: die Nutzung der Marxschen Theorie zur theoretischen Durchdringung der Gegenwart? Das Problem ist paradigmatisch bezeichnet in dem Streit zwischen Lukacs und Adorno, dem gegenseitigen Vorwurf: „Hotel Abgrund“ und „erpreßte Versöhnung“.
    Zur Realsymbolik des Falles Galilei: Ist nicht die Bibel das Fernrohr, durch das man den Mond am besten sieht, nur daß wir die Handhabung dieses Erkenntnisinstruments verlernt haben?
    (Ist die Bibel der Bogen in den Wolken, das Zeichen, daß es eine Sintflut nicht noch einmal geben wird? Ist der Staat der säkularisierte Himmel: die Feste zwischen den Wassern?)
    Die Ontologie und die Anbetung der Mathematik (die zivilisatorische Selbstanbetung des Subjekts). Liegt der Grundfehler (bei Thales und bei Einstein) in der Orthogonalität (der automatischen Beziehung der intentio recta auf die zu ihr orthogonalen Richtungen: Grund der Reflexion)?

  • 14.01.94

    An der englischen Grammatik, insbesondere am Fehlen der impersonalen Satzbildungen, läßt sich ablesen, weshalb das englische Wissenschaftsverständnis empirisch ist: es gibt kein „es gibt“, wohl aber das „there is“. Hängen die Besonderheiten der Flexion im Englischen: die Neutralisierung des Artikels und des Nomens gegen Geschlecht und Kasus, aber auch der abweichende Gebrauch der Hilfsverben, und hierbei die Verwendung des Präfixes „be-“ (seine Beziehung zum Infinitiv to be), damit zusammen?
    Wie hängen die grammatischen Neubildungen im Lateinischen: das Futur II und das Supinum (supino: rückwärts beugen, nach oben kehren, umwühlen; supine: mit abgewandtem Gesicht; Supinum: das angewandte, gehandhabte Passiv, Ausdruck des subjektiven Zwecks als Grund der Instrumentalisierung), zusammen: Ist das Supinum nicht eine logische Folge aus dem Futur II, eine Zwischenstufe zum Neutrum? – Sind Griechisch und Latein nicht Verkörperungen zweier komplementärer Sprachlogiken des Herrendenkens (der Subjektlogik der Philosophie und der caesarischen Staatslogik), die dann im Inertialsystem sich zusammenschließen, von der Sprache sich ablösen und gegen die Sprache sich verselbständigen; in deren Folge ist die Sprache dann zu etwas Äußerlichem gegen die neutralisierte Dingwelt geworden: wurde ihre benennende Kraft zur Unkenntlichkeit entstellt.
    Das Futur II ist eine „Erfindung“ des Altlateinischen. Beschreibt es nicht die Struktur einer selffulfilling prophecy: Es wird gewesen sein? Hier hat Rom verinnerlicht, aus der Sternenwelt in die Sprache übertragen, was Babylon (die Chaldäer) mit der Astrologie begonnen hat (vgl. die sprachlogische Beziehung des Futur zum Supinum, zum Imperativ und zum Neutrum). Ist es ein Zufall, daß die wichtigsten lateinischen Kirchenväter Rhetoriker waren? Wenn Rosenzweigs Vergleich, wonach in der alten Welt die Rhetorik das war, was für die modernen Welt die Technik bedeutet, stimmt, waren dann nicht die Kirchenväter Sprachingenieure?
    Ist nicht die Beziehung von Raum und Objekt eine Verallgemeinerung der Beziehung von Begriff und Gegenstand; der Raum Konstituens des Begriffs durch Trennung vom Objekt (Trennung der Sprache von der Sache: Kreuzigung des Logos)? Und sind nicht Zeit und Materie (und der Naturbegriff) die Spuren der Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache (die im Inertialsystem sich vollendet)? – Über die Beziehung von Raum und Begriff (die in der Opfertheologie gründet) hängt die Geschichte des Begriffs: die Geschichte der Philosophie und Wissenschaft, mit der Geschichte der Architektur zusammen.
    Der Turmbau zu Babel, das Herniederfahren Gottes und die Verwirrung der Sprache: der gleiche Vorgang wird in der Prophetie als der Sturz Luzifers beschrieben.
    Wenn Stephanus den Himmel offen und „des Menschen Sohn“ zur Rechten Gottes stehen sieht (Apg 756), heißt das nicht auch, daß der Menschensohn jenseits des Tierkreises ist (vgl. Vermes, S. 149)? Und wenn es (S. 158) vom Menschensohn heißt, er habe seinen Namen erhalten, bevor die Sterne und Himmel erschaffen wurden, so bedeutet das nicht nur, daß er vor der Welt erschaffen wurde, sondern bezeichnet auch seinen Ort jenseits des Tierkreises.
    Zu bar nasch (Menschensohn), bar nascha (der Menschensohn) und bar enasch vgl. Vermes, S. 149 und 173f. enasch (mit Initial-Aleph) ist die Grundform von nasch wie Eleazar die von Lazarus; der als Suffix angefügte Determinant in nascha bezeichnet den bestimmten Artikel.
    Nach dem Hinweis in Anm. 50 auf S. 158 gibt es anstelle von Menschensohn auch den Namen „Sohn der Frau“. Wird hier der Samen des Weibes aus dem Fluch über die Schlange nach dem Sündenfall zitiert?
    Die Physik hat die Sensibilität zur Empfindlichkeit naturalisiert.
    Der Begriff der Naturalisierung entspricht dem der Verweltlichung: Auch das physei (in diesem Falle die Volkszugehörigkeit, die der Staat, der weltliche Gott, auch einem Fremden zuerkennen kann) ist ein thesei.
    Erinnern die gegenwärtigen Beziehungen der Medien zur Politik (die fortschreitende Ersetzung politischer Kritik durch Skandal-Berichte) nicht an gewisse symbiotische Beziehungen in der Natur, die man heute – im Kontext des Slogans „Erhaltung der Schöpfung“ – gerne ökologische System nennt, und zu deren Erhaltung Naturschutzgebiete eingerichtet werden? Gibt es nicht eine merkwürdige Konvergenz zwischen den Naturschutz-Interessen und dem Interesse an der Erhaltung exkulpierender System: dem Entlastungs-Interesse? Aber mit der Schuld-Entlastung wird auch das Erkenntnis-Interesse neutralisiert.
    Wenn man den Kafka-Satz vom Fehlläuten der Nachtglocke aufs Christentum bezieht, wird verständlich, was es mit dem Hahn in der Geschichte von den drei Leugnungen auf sich hat.
    Ist nicht Drewermanns Wort, die Psalmen seien altorientalische Rachegesänge, ein projektive Verarbeitung katholischer Ängste nach Auschwitz? Und ist nicht Drewermanns Haßbindung an die Kirche (die in der gegenwärtigen Verfassung der Kirche vorgebildet ist) ein strenger Beweis für die Verwechslung Gottes mit dem „Schöpfer der Welt“, die heute innertheologisch fast nicht mehr aufzulösen ist?
    Begründung der Gottesfurcht: Die Rechtfertigung ist das Instrument des Unschuldsverlangens, des Exkulpationstriebs; die Armen und die Fremden, die Juden und die Frauen sind seine Opfer (die Opfer unseres Exkulpationstriebs). Das Wort aus der Dialektik der Aufklärung von der Geschichte der Zivilisation als der Geschichte der Verinnerlichung des Opfers bezeichnet aufs genaueste den Grund dieses Zusammenhangs.

  • 20.12.93

    Kann es sein, daß, abgesehen von der Teflon-Pfanne, die technischen Errungenschaften der sogenannten Weltraum-Forschung allesamt darauf hinauslaufen, Arbeitsplätze zu vernichten (Herstellung von Labor-Bedingungen und Produktion des Vacuums als gesamtgesellschaftlicher Prozeß, in dem die Naturwissenschaften nur ein Teil sind)?
    Ist nicht Joh 129 („Seht das Lamm Gottes, …“) der Schlüssel zu Off 5 (59: „Würdig bist du …“)?
    Was bedeutet in Joh 2115ff die Reihenfolge:
    – Weide meine Lämmer,
    – Hüte meine Schafe und
    – Weide meine Schafe?
    Sind die letzten Christen, nachdem die ersten Lämmer waren, endgültig zu Schafen geworden, die zuerst nur gehütet wurden, dann aber geweidet werden müssen? Hat diese Stelle etwas mit der Geschichte der drei Leugnungen zu tun?
    Zu den evangelischen Räten:
    – Der Gehorsam richtet sich gegen das Inertialsystem (die Mathematisierung),
    – die Keuschheit gegen die Bekenntnislogik und
    – die Armut gegen die Herrschaft des Tauschprinzips.
    Beginnt die Kirchengeschichte mit der Verletzung des Gebotes der Keuschheit, um mit der Verletzung des Gehorsams zu enden?
    Die Bekenntnislogik entspringt in der Trennung des Bekenntnisses von der Nachfolge (Ursprung der Kirchengeschichte).
    Die Stunde der Theologie: Ist die Selbstverfluchung der Kirche (die Verwerfung der eigenen Tradition) nicht die logische Konsequenz der Dogmatisierungsgeschichte (der Verwerfung der Nachfolge)?
    Das Wort des Aristoteles „Alle Menschen streben nach dem Glück“ wäre zu ergänzen durch den Hinweis, daß Glück sich durch den Trieb, den Wunsch, endlich gut sein zu dürfen, definieren läßt. Das aber schließt mit ein, endlich zu begreifen, was dem im Wege steht. Helfen hier nicht Joh 129 und das Wort Adornos: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“ (das verdinglichte Denken und die Herrschaft des Objektbegriffs drücken genau diese Unfähigkeit zu lieben aus)?

  • 11.12.93

    Apokalyptik, S. 406: Repräsentiert nicht, was Vielhauer die „nationale Eschatologie“ (nämlich der Juden) nennt, den Innenraum der Prophetie, während die vier Metalle, die vier Tiere, der kosmisch-universale Rahmen der Apokalypse den katastrophischen Aspekt der Totalität (der Welt) bezeichnen? Die Apokalypse reflektiert den Ursprung des Weltbegriffs als die gleiche Katastrophe, die der Naturbegriff verdrängt und neutralisiert.
    War die Benennung der Tiere durch Adam der Grund der Erkenntnis der Sterne und der Metalle?
    Die Apokalyptik verhält sich zur Prophetie wie die Naturwissenschaft zur Philosophie.
    Mit dem Ursprung des Weltbegriffs (der Trennung von Natur und Welt) wird die Prophetie zur Apokalypse, und hierbei erweist sich die Apokalypse als das prophetische Äquivalent des Naturbegriffs. Das Buch Jona ist postapokalyptisch.
    In einer Welt, in der gesellschaftliche Naturkatastrophen erfahrbar geworden sind, müßte es nahe liegen, die kosmischen Katastrophen der Apokalypse auch als gesellschaftliche Katastrophen zu dechiffrieren und zu begreifen. Ist nicht die Geschichte des Christentums insgesamt eine Geschichte gesellschaftlicher Naturkatastrophen?
    S. 425: Gehören 2 Thess 26f u. parr. (die Bindung des Satans) zur Stelle vom Binden und Lösen (Mt 16)?
    Ist die Sünde wider den heiligen Geist (der sich vollendende Staat) der Greuel am heiligen Ort?
    Hier wird deutsch gesprochen: Hängt die Zitierung des männlichen Artikels im Genitiv und Dativ fem. sing. und allgemein im Genitiv und Dativ des Plural damit zusammen, daß in der deutschen Sprache der Infinitiv Sein gleichlautend (und nicht nur gleichlautend: sondern auch logisch verknüpft) ist mit dem Possessivpronomen der dritten Person masculinum? Und hängt hiermit die tiefe Zweideutigkeit einer jeden Ontologie zusammen: die Frage nach dem Sinn von Sein sowohl als phänomenologische Bedeutungsanalyse wie auch als weltanschaulich unendlich belastete „Sinnfrage“ (ein Femininum: aber die Goetheschen Mütter waren immer schon die Mütter des Mannes) zu verstehen?
    Ist die CDU faschistisch? Die Frage ist so nicht ganz richtig gestellt: Der wirtschaftspolitische Liberalismus von CDU und FDP verfolgt eine Politik, die den Modernisierungsschub der Nazis, der zu Ende geführt hat, was im ersten Weltkrieg begonnen worden ist, nochmal weiterführt. Er verwaltet eine Welt, zu deren Grundlagen der nicht vergangene Faschismus gehört, und die jederzeit neu als faschistisch sich enthüllen kann.
    Wenn (nach dem Weltkatechismus) Himmel und Erde nur ein mythischer Ausdruck für alles, was ist, ist, wie ist dann der Satz zu verstehen: Was du auf Erden binden (oder lösen) wirst, wird auch im Himmel gebunden (oder gelöst) sein?
    Als Adorno einmal beklagte, daß die Studenten aus seinen Sätzen nur noch heraushörten, wofür oder wogegen er sei, hat er da nicht den Baum der Erkenntnis zitiert?
    Der Satz: Jenseits des Todes ist nicht nach dem Tode, hat etwas mit der Unterscheidung von Hinter dem Rücken und Im Angesicht zu tun. Dazu gehören außerdem:
    – die Rosenzweigsche Todesangst,
    – Getsemane,
    – Erich Fromms Analyse der Destruktivität,
    – die Stelle in den Minima Moralia.
    Gehören nicht die Hure Babylon (Verkörperung der „Unzucht“, die als Gegenstand der Sexualmoral seit dem Ursprung des Weltbegriffs nur noch projektiv diskriminiert worden ist), der Taumelbecher und der Götzendienst zur Prophetie und zur Apokalyptik zugleich?
    Zusammenhang der Begriffe Natur und Materie mit dem Ursprung der Sexualmoral (theoretischer und moralischer Gebrauch des Urteils).
    Ist nicht die Kampagne gegen die Abtreibung ein Produkt der projektiven Verarbeitung der eigenen Unfähigkeit, die messianischen Wehen auf sich zu nehmen, und zugleich die letzte Konsequenz aus der projektiven Verarbeitung des Unzucht-Symbols in der Sexualmoral (die kirchliche Version des „perfekten Verbrechens“: der vollendeten Unbarmherzigkeit und Gnadenlosigkeit)?

  • 09.12.93

    Buße (Umkehr), Gebet und Fasten gehören zu den Grundlagen der Weltkritik: zur Kritik
    – des Inertialsystems (Buße, Umkehr, „Gehorsam“),
    – der Geldwirtschaft (Fasten, „Armut“) und
    – der Bekenntnisreligion (Gebet, „Keuschheit“).
    Das Inertialsystem und seine Entsprechungen (Geldwirtschaft und Bekenntnisreligion) sind Verkörperungen des Anklägers (des „Widersachers“): des anklagenden Prinzips, in Deutschland durch den Titel des Staatsanwalts (durch die darin sich manifestierende Staatsmetaphysik) mit der Institution des Staates und dem Gewaltmonopol des Staates verschmolzen. (Hängt Habermas‘ Einwand gegen die Frankfurter, seine Wendung gegen jeden Gedanken an eine Naturutopie, mit seinem „Verfassungspatriotismus“ zusammen?)
    Daß im Namen des Menschensohns der Bann der Welt gebrochen ist, manifestiert sich in dem Wort, daß er auf den Wolken des Himmels kommen wird. Im Apokalyptik-Band, S. 301, findet sich der entscheidende Hinweis auf den Gegensatz (und die Beziehung) des messianischen Titels Menschensohn zu den Tiersymbolen und auf den apokalyptischen Grund des Namens.
    Wie lautet der aramäische Name des Menschensohns: barnascha, baränasch oder baränascha?
    Als Sohn Adams ist der Menschensohn der Sohn dessen, der die Tiere benannt hat (so hat er teil an der „Schöpfung“ der Welt).
    Schließt die historisch-zeitgeschichtliche Interpretation der Apokalypse (z.B. die Beziehung der Johannes-Apokalypse zu Nero und Domitian) die Möglichkeit eigentlich aus, die anhand der Vergangenheit gewonnenen Symbole im gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Kontext wiederzuerkennen (als Erfüllung des Worts)? Ist das Zeitgeschichtliche der Apokalypse nicht eine Variation und Steigerung des Aktualitätsbezugs der Prophetie? Wird nicht dieser Aktualitätsbezug im philosophischen tode ti, und in jeder Gestalt der „Naturerkenntnis“ seitdem verdrängt, und so die Apokalypse neutralisiert: Ist der Naturbegriff zu diesem Zweck ersonnen worden (und die Philosophie demnach insgesamt ein Mittel zur Verdrängung der Apokalypse, und ihr theologischer Gebrauch seit den Kirchenvätern nicht nur ein Produkt der enttäuschten Parusieerwartung)?
    Die Beziehung der Apokalypse zum Traum wird deutlicher, wenn man daran erinnert, daß Nebukadnezar den Daniel auffordert, ihm den Traum selber, und nicht nur seine Deutung, zu liefern (vgl. dagegen die Träume beim Joseph: die eigenen, die des Mundschenk und des Bäckers, und dann die des Pharao: der Pharao kennt seinen Traum, Nebukadnezar nicht). In der Apokalypse bezeichnet der Traum (wie heute, im Kontext der Kritik der Naturwissenschaften, der Begriff der Verdrängung) etwas Objektives, nicht etwas nur Subjektives, Psychologisches. Bezeichnet nicht der Weltbegriff (und der Ursprung des Staats) die Grenzscheide zwischen Prophetie und Apokalypse (mit fließenden Übergängen in der Prophetie und der Benennung der Grenze im Christentum)? Sind die mathematischen Naturwissenschaften nicht auch ein böser Traum von einer Welt, die „an sich“ ganz anders ist, aber einer cum fundamento in re?
    Die kopernikanische Theorie und die Geschichte der Naturwissenschaften seitdem war ein Instrument der Vergesellschaftung und Verinnerlichung von Herrschaft. Sie hat den Himmel dadurch aus dem Gesichtskreis der Menschen entfernt, daß sie ihn in den Innenraum ihrer (mathematischen Zwangs-) Vorstellung transportiert hat.
    Intersubjektivität ist die Gemeinschaft fensterloser Monaden: am Ende die gemeinsame Isolationshaft aller: ein böser Traum.
    Richten, Strafe, Buße, Sühne (oder über die reinigende Wirkung des Mords): In einer Gesellschaft, in der es nur noch Richter, aber keine Verteidiger, keine Gnade, keine Barmherzigkeit mehr gibt, gibt es keine Sühne mehr, die die Ehre des Täters restituiert (nur noch den faschistischen Mord: das perfekte Verbrechen verträgt keine Zeugen). Das Schlimmste ist, wenn einer (wie von Weizsäcker) sich entschuldigt. Die Deutschen sind es leid, „ewig im Büßerhemd herumzulaufen“. Die anderen waren „auch nicht besser“: Dafür müssen heute die Ausländer, die Linken, die Behinderten „büßen“ (aber diese Buße ist ebenso grundlos wie irrational: Sie hat ihren Grund nicht in Handlungen derer, denen die Buße auferlegt wird, sie ist stellvertretende Sühne, die die Untat ungeschehen machen soll, die die Richtenden an ihnen verüben, indem sie prophylaktisch die Erscheinung des Schuldvorwurfs – das Opfer als den zukünftige Zeugen der an ihm begangenen Tat – beseitigt: deshalb haben die Nazis als erstes die Bettler und die Kommunisten ins KZ gebracht). Das perfekte Verbrechen als Vollendung des Rechtsstaats: Letzte Konsequenz aus dem Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist? Die Gnadenlosigkeit bedarf der Strafe nur noch als Verdrängungshilfe; der Schritt zum faschistischen Mord ist dann nur ein kleiner Schritt.
    Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als der Staat sie zur eigenen Begründung nicht mehr brauchte: nach endgültiger Durchsetzung des Gewaltmonopols. Aber hat sich damit nicht auch die Gemeinheit (nach Franz von Baader die „Niedertracht“) endgültig durchgesetzt? Ist die Menschheit nicht zum erstenmal wehrlos gegen das perfekte Verbrechen, dessen Alibi die Abschaffung der Todesstrafe ist?
    Die Taube ist das einzige nicht gehörnte Opfertier der Juden: Sie ist das Opfer der Armen, der Machtlosen, die Aufhebung des in ihnen erscheinenden Schuldvorwurfs an die Reichen und Herrschenden: so ist sie das Symbol des Parakleten, des Heiligen Geistes.
    Hat die physikalische Statistik (zusammen mit der „Gegenständlichkeit“ der Materie, der unlöschbaren Spur des Objektivationsprozesses) ihren Grund im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: in der Selbstreferenz, die seit der Hereinnahme eines empirischen Moments ins Inertialsystem aus der mathematischen Naturerkenntnis nicht mehr sich herausbringen läßt. Erst hierdurch entsteht jene quasiorthogonale Beziehung zur Materie, die der Grund der Atomistik und der Quantenstrukturen (des Planckschen Wirkungsquantums) ist. Im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit enthüllt sich das projektive Moment in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, das den Begriffen der Natur und der Materie zugrundeliegt.
    Das „sub specie aeternitati“ meint nicht die Abstraktion von der Zeit, das Überzeitliche, sondern sprengt das Zeitkontinuum: Wiederherstellung der realen Gegenwart: Im Angesicht Gottes.

  • 30.11.93

    Der Ursprung des Objektbegriffs verdankt sich der theologischen Verdrängung des Kreuzestodes. Hierzu der Hinweis von Leonhard Ragaz, Bd. 4, S. 23: Die Eucharistie als Mahl des „heiligen Egoismus“. War nicht die eucharistische Frömmigkeit (zusammen mit dem antisemitischen Bild der „Hostienschändung“) ein Beleg der Gewalt, die nötig war, um den Objektbegriff in den Köpfen zu verankern?
    Gibt es außerbiblische Belege für den Namen des Pharao?
    Ist Adornos „Erpreßte Versöhnung“ die Antwort auf Lukacs‘ „Hotel Abgrund“?
    Gehören nicht die Posaunen von Jericho und Jeremias‘ „Betet für das Wohl der Stadt“ zusammen? Und drückt sich in den Posaunen von Jericho nicht etwas von der Beziehung der Musik zur Prophetie aus?
    Gibt es im Hebräischen (wie im Deutschen) auch eine sprachliche Beziehung zwischen den Hörnern des Drachens (des Tieres) und dem Schofarhorn (und den Posaunen vor Jericho)? Vgl. auch den „gehörnten Moses“ und den bemerkenswerten Tatbestand, daß alle Opfertiere (mit Ausnahme der Taube) gehörnte Tiere waren.
    Hat der Geist über den Wassern etwas mit den Wolken des Himmels zu tun?
    Es blitzt und donnert, und es regnet, aber JHWH brüllt (Jer 2530, Joel 4(3)16, Am 12): Das Problem des Neutrum und des „es gibt“.
    Ist nicht das Sein das reine Es (das nichtige Substrat des „Geschehens“, Produkt der Ontologisierung)?
    Zum Bilderverbot: Hängt der Ursprung des Neutrum (und die „in-dogermanische“ Grammatik) mit der Geschichte des Opfers und dem Bilderdienst (den Statuen) zusammen?
    – „Selig bis du, Simon, Barjona; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ (Mt 1617, zum Zeichen des Jona sh. 164)
    – „… daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nich ererben kann“ (1 Kor 1550),
    – „… ging ich nicht mit Fleisch und Blut zu Rate“ (Gal 116),
    – „Denn unser Ringkampf geht nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Gewalten, wider die Mächte, wider die Beherrscher dieser Welt der Finsternis, wider die Geisterwesen der Bosheit in den himmlischen Regionen.“ (Eph 613)
    Haben diese Stellen etwas mit der Eucharistie zu tun?
    Das Kirchenproblem spitzt sich heute in einer Weise zu, die nach der Geschichte von den drei Leugnungen geradezu schreit.
    Joh 2115ff:
    – Liebst du mich mehr als diese – agapas me pleon touton
    – Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe – kyrie, su oidas hoti philo se
    – Weide meine Lämmer – boske ta arnia mou,
    – Liebst du mich – agapas me
    – Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe – kyrie, su oidas hoti philo se
    – Hüte meine Schafe – poimaine ta probata mou,
    – Hast du mich lieb – phileis me
    – Herr, du weißt alles, du siehst auch, daß ich dich liebhabe – kyrie, panta su oidas, su ginoskeis hoti philo se
    – Weide meine Schafe – boske ta probata mou.
    Merkwürdiger Wechsel von
    – lieben und liebhaben: agapas und phileis, während Petrus beim philo bleibt,
    – weiden und hüten: boske und poimaine,
    – Lämmer und Schafe: arnia und probata.
    Beachte auch den Unterschied zwischen arnion und amnos (amnos tou theou, 129).

  • 28.11.93

    Was bedeutet das Täuferwort: „Schon ist die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt“ (Mt 310, Lk 39, beidemale nach dem Wort, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken kann); auf welche Bäume bezieht es sich: Ölbaum, Feigenbaum, Weinstock, Dornstrauch, Baum der Erkenntnis?
    Jenseits des Todes heißt nicht nach dem Tod. Jenseits des Todes ist die Liebe, die stark ist wie der Tod. Und jenseits des Todes (aber nicht nach dem Tod) ist das Himmelreich, das Reich Gottes, das etwas durchaus Diesseitiges ist.
    Ist der Einsatzpunkt zur Kritik des Weltbegriffs nicht das Motiv aus der Dialektik der Aufklärung über die wechselseitige Verschränkung von Mythos und Aufklärung, die anhand der Beziehung zu den Fremden im Namen der Barbaren und der Hebräer und im Kontext der Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs (und der Begriffe Natur und Materie) sich bestimmen läßt?
    Ist die hebräische Schrift nicht auch in dem Sinne eine hebräische, daß sie das Moment der Fremdheit in sich enthält? Wurde die Schrift nicht von den Phöniziern, den Kanaanäern: von „welterfahrenen“ Seefahrern und Händlern, übernommen?
    Sind nicht die Werke der Barmherzigkeit und die evangelischen Räte unwiderlegbare Einsprüche gegen die Philosophie?
    Das Absolute ist nicht Gott, so wie das Weltgericht nicht das Jüngste Gericht ist. Das Absolute ist der Taumelkelch, auf den die Bitte Jesus in Getsemane sich bezieht, er möge an ihm vorübergehen.
    In Mt 16, an einer zentralen Stelle, wird neben Elias auch Jeremias von den Jüngern benannt als einer, für den die Menschen ihn (Jesus) halten. Bezieht sich das nicht auf
    – das Verhältnis Babylon/Rom,
    – das Gotteswort an Jeremias: Bete nicht mehr für dieses Volk,
    – das Wort vom „Grauen um und um“ und auf
    – das Wort an das Volk: Betet für das Wohl der Stadt?
    Das „Grauen um und um“: Ist das nicht die Innenerfahrung des Taumelkelchs, des Absoluten?
    Der kostbare Begriff bei Leonhard Ragaz vom „heiligen Materialismus“.
    Diese Welt ist nicht durch den Kreuzestod entsühnt, sondern durch die Übernahme der Sünde der Welt ist nur der Bann gebrochen, in dessen Konsequenz der Kreuzestod als immer noch gültiges Realsymbol der unversöhnten Welt liegt. Die Opfertheologie garantiert als Ideologie einer „entsühnten Welt“ den Fortbestand der unversöhnten Welt.
    Das Tier, die Welt und die benennende Kraft der Sprache (Adam hat nur die Tiere benannt): Die Entsühnung der Welt macht den Menschen zum Tier, die Menschwerdung beginnt mit der Übernahme der Sünde der Welt. Das Absolute ist der Behemoth: die Selbstzerstörung der benennenden Kraft der Sprache (der Taumelkelch).
    Erst dem spätkapitalistischen Blick verwandeln sich die vergangenen Religionen in Religionen (in ihr Anderssein): in Bekenntnissysteme mit zugehörigen Vorstellungsmassen. Da diese Vorstellungsmassen sich als beziehungslos zu unseren Erfahrungen erweisen, halten wir die vergangene Menschheit für dumm (und werden unfähig, die Erfahrungen und ihre Verarbeitung, die in diesen Vorstellungsmassen enthalten sind, und damit die Genesis unserer eigenen Gestalt der Erfahrung zu begreifen: machen wir uns selber dumm).
    Zum Begriff des Lösens: Probleme und Fesseln werden gelöst. Sind Probleme Fesseln (oder werden erst Problemlösungen zu Fesseln)?
    Das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht ist ein strenges Gericht.
    Verweist das apokalyptische Bild, wonach am Ende der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt, nicht auch auf den Zusammenhang des Ursprungs der Schrift mit den Anfängen der Astronomie (und hat die kopernikanische Wendung und ihre dynamische Begründung durch die Gravitationstheorie diese Schrift ins Buch zurückgestaut)?
    Ist die hebräische Schrift nicht notwendig eine Konsonantenschrift, und sind die Konsonanten in der Schrift nicht das Äquivalent der Statuen in den Tempeln (und wie diese Denkmale von Opfern)? Die Vokale haben sich erst mit dem Gesang in der Sprache entfaltet.
    Wenn das Recht die staatlich-nationale Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern ist (und der Grundbegriff jeden Rechts der des Eigentums ist), was bedeutet dann das Kirchenrecht?
    – Deduktion seiner Form und seiner Inhalte;
    – Zusammenhang mit dem Bekenntnisbegriff (durch den der Gläubige zum Eigentum der Kirche wird);
    – Funktion der Sexualmoral (Verweltlichung der Kirche durch Ausblendung der Welt und Privatisierung der Moral: das versteinerte Herz).

  • 26.11.93

    In der Person ist das Angesicht zur Maske geworden; sie ist sie ein Produkt der Eitelkeit.
    Der Begriff der Eitelkeit bezeichnet präzise das Wesen der Welt (im Ursprung: im Götzendienst, wie in der Folge: der Personalisierung).
    Die Eitelkeit kann Rechts und Links nicht unterscheiden: das Spiegelbild von der Realität.
    Gehören nicht die beiden Sätze:
    – „Niemand kann Gott von Angesicht schauen und Überleben“, und:
    – „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“
    zusammen?
    Das Christentum ist zur Lebensrettungs-Gesellschaft derer geworden, die ihr eigenes Leben retten wollen (und es deshalb verlieren?).
    Der Stern der Erlösung ist eine Entfaltung des Satzes aus dem Kohelet: Alles ist eitel, während Adorno diesen Satz in die Gegenwart übersetzt hat: Das Ganze ist das Unwahre. Die Vorstellung, daß dem Alles in der Realität etwas entspricht (oder daß das Wahre ein Ganzes sei), verdankt sich dem Identitätsbedürfnis des Subjekts. In die traditionelle Metaphysik, wie sie dann von der Theologie rezipiert worden ist, ist diese Eitelkeit mit der Hypostasierung des Unum (verum et unum convertuntur) hereingekommen.
    Bedeutung des Eigentum-Begriffs für die Logik und das System des Rechts: der Grundsatz, daß Gemeinheit (oder mit Franz von Baader: die Niedertracht) kein strafrechtlicher Tatbestand ist, läßt sich zwanglos daraus ableiten (Zusammenhang von Mechanik, Eigentum und Beweislogik). Liegt hier nicht der Grund für die systematische Bedeutung des Römischen Rechts, das durch seine Eigentums-Systematik sich von jeder vorhergehenden Gestalt des Rechts unterscheidet? Wie verhält sich das Kanonische Recht (das Kirchenrecht) zum Römischen Recht (zum Recht des Staates), welcher Begriff, welche Formbestimmung entspricht hier dem Eigentumsbegriff (Organisationsprinzip und Selbstverständnis der Kirche)?
    Bemerkenswerte physiognomische Ähnlichkeit von Kinkel, Rexrodt und Schwätzer: Alle drei halten sich raus.
    Steckt die raf nicht jetzt in der Gefahr, daß Gewissenserforschung nur als Fremd-Gewissenserforschung läuft (die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit als Auseinandersetzung mit Abweichlern und Verrätern betrieben wird, als verspätete Entsolidarisierung)? Hätte nicht das, was jetzt gegen die Illegalen gesagt wird, gesagt werden müssen, als die Aktionen (gegen von Braunmühl, Herrhausen u.a.) stattfanden?
    Die Beziehung von Naturwissenschaft und Ökonomie gründet darin, daß der Blick, den die Naturwissenschaft auf die Natur wirft, identisch ist mit dem Blick der in der Ökonomie Herrschenden auf die Ökonomie. An der Engelsschen Identifizierung der Marxschen Kapitalismus-Kritik mit der (Natur-)Wissenschaft (Sozialismus als Wissenschaft) ist der real existierende Sozialismus zugrunde gegangen.

  • 01.10.93

    stoicheia bezichnet sowohl die Buchstaben als auch die Elemente. Kann es sein, daß die Natur zu sprechen beginnt, wenn der Bann der Natur gelöst ist? (Haben das Opfer, der Moloch und die Bindung Isaaks etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun? Weshalb nimmt Gott das Opfer Abels an, während er das Opfer Kains verwirft? – Was heißt Abel?)
    In der Geschichte des Tempels verbinden sich
    – der Ursprung der Religion (des Opfers) mit dem des Staates,
    – der Ursprung der Schrift mit dem des Geldes (Tempelwirtschaft) und
    – der der Astronomie mit der der Architektur.
    Unser gesamter Erkenntnisapparat bleibt solange von paranoiden Strukturen durchsetzt, wie es nicht gelingt, das Rätsel der subjektiven Formen der Anschauung zu lösen.
    Enthält nicht Joh 129 auch den Aktualitätsbezug der Prophetie (die Gegenwart als Grund der benennenden Kraft der Sprache); stellt dieser Aktualitätsbezug sich nicht überhaupt erst durch die Schuldreflexion her?
    Zu dem Satz in der Dialektik der Aufklärung, daß die Distanz zum Objekt vermittelt sei durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt: Das aber heißt, daß in der Distanz zum Objekt die Herrschaftsgeschichte: die Geschichte der Schuldknechtschaft, der Sklaverei und der Lohnarbeit enthalten ist. Wird diese Geschichte nicht durchs Anschauen verwischt? Wer ist das Subjekt der Aufklärung?
    Der Bann der Natur hängt zusammen mit dem Bann des Privaten: Wenn dieser Bann gelöst ist, werden die Geschichte von den drei Leugnungen und der Ursprung und Stellenwert der Sexualmoral in den drei „Weltreligionen“ durchsichtig und verständlich.
    Wie hängen die Sexualmoral, der Begriff der Anschauung und der des Bekenntnisses zusammen?
    Bezeichnet nicht das homologein etwas anderes als das, was wir heute Bekenntnis nennen, ein Begriff, der die Geschichte der Privatisierung der Religion (die Geschichte ihrer Entpolitisierung) begleitet und gegen ihre Erkenntnis abschirmt? Bezeichnet er nicht aufs genaueste die Umkehr? Das Bekenntnis des Namens ist die Nachfolge.
    Der logos konstituiert sich durch die Übernahme der Sünde der Welt (hier gewinnt die Sprache ihre benennende Kraft zurück). Das aber ist im homologein mit eingeschlossen.
    Die Naturwissenschaften sind undialogisch; ihr Existenzgrund sind die Köpfe der Einsamen. Sie hängen zusammen mit dem, was Levinas die Asymmetrie der dialogischen Verhältnisses genannt hat.
    Wer die transzendentallogische Isolationshaft, in der wir alle gefangen sind, sprengen will, muß den Ursprung des Naturbegriffs in die kritische Reflexion mit aufnehmen.
    Was haben die Engel mit der Schrift zu tun, und wie sind sie in die Astronomie hineingekommen?
    Zu Crüsemann: Hat er Angst vor der kritischen Reflexion der politischen Institutionen: Es gibt in der Bibel schließlich ein Buch der Richter, dessen zentrales Thema der Ursprung des Richtens in der Geschichte der Gewalt ist? Wenn er vom Begriff des geschriebenen Rechts ausgeht, setzt er als Prämisse, was vom Ursprung her erst zu bestimmen wäre: den Zusammenhang von Recht, Gewalt und Schrift (in dem der Gesetzesbegriff sich erst bildet).

  • 29.09.93

    Zu Johann Baptist Metz: Was hat die Welt davon, wenn wir „Ja und Amen zur Welt“ (anstatt zu den göttlichen Verheißungen, wie es bei Paulus korrekt heißt) sagen? Merkwürdig, daß Metz der Welt ein Anerkennungsbedürfnis unterstellt: Ändert das die Welt oder nicht doch nur den Anerkennenden (den Konformisten)? Und wer ist das Subjekt dieses Bedürfnisses: Ist es nicht der der Welt sich Anpassende, der aus guten Gründen die Anpassung ohne die Komplizenschaft der Anderen (ohne ihre bekenntnishafte Zustimmung) nicht zu leisten bereit ist? Ist nicht das „Ja und Amen zur Welt“ der eigentliche Inhalt jedes Glaubensbekenntnisses (und seiner logischen Durchbildung in Trinitätslehre und Opfertheologie)?
    Es gibt keinen Weltbegriff ohne Bekenntnislogik. Die Idolatrie gehört zur Geschichte der Ausbildung und Entfaltung dieser Bekenntnislogik (und des Weltbegriffs), sie hat sich vollendet im Dogma. Das Dogma (das erst durch Umkehr wahr wird) ist das versteinerte Herz der Kirche, und die Kirche das versteinerte Herz der Welt.
    Weist nicht das „Weiche von mir, Satan“ darauf hin, daß die Petrus- und die Dämonen-Geschichten zusammengehören (ähnlich wie die drei Leugnungen mit den sieben unreinen Geistern)?
    Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils; deshalb hat Jonas Unrecht.
    Hat das Binden und Lösen etwas mit dem Millenium zu tun, und ist die Kirchengeschichte dieses Millenium (die Zeit der Bindung)?
    Die Welt ist die Welt der anderen, zu denen ich selbst als anderer für andere auch gehöre. Das ist der logische Kern des Weltbegriffs und der Entfremdung.
    Sind die Banker nicht die Priester der Geldreligion?
    Wenn die Konservativen den Linken vorwerfen, sie könnten nicht mit Geld umgehen, so wäre gegenzufragen: Welcher Politiker kann schon mit Geld umgehen?
    Der Begriff der Weltanschauung bezeichnet den (logisch unmöglichen) Sieg und das Attribut des Siegers in der zum Weltgericht sich aufspreizenden Weltgeschichte. Deshalb war der Weltanschauungskrieg ein Vernichtungskrieg. Zur Vorgeschichte der Weltanschauung gehört die Geschichte der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung. Im Begriff der Weltanschauung erweist sich die Anschauung als Medium der richtenden Gewalt. Zum Anschauen gehören auch das Schaufenster (der Erwecker der concupiscentia) und die Reklame (die nach Adorno den Tod verschweigt).
    Die Unfähigkeit, die Formen Anschauung selber in die Reflexion mit einzubeziehen, ist eine Folge davon, daß Reflexion nur im Medium der Anschauung möglich ist; sie ist der Grund der Hybris.
    Wenn die Theologie die Lehre von der Anschauung Gottes auf das Objekt der Trinitätslehre bezieht, verdrängt sie dann nicht das Angesicht Gottes, eliminiert sie dann nicht das Gesehenwerden, das „von Angesicht zu Angesicht“: die Gottesfurcht?
    Als aus der Anschauung Gottes das Angesicht gestrichen wurde, wurde die Gottesfurcht gestrichen. Das ist in der Philosophie umgeschlagen in die Angst vor dem Angesicht (Ursprung des Portraits?), die dann in der Entfaltung der Mathematik und in der Bildung des Neutrums sich ausdrückte.
    Das Schwert, mit dem Alexander den gordischen Knoten durchschlagen hat, hat etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vorm Eingang des Paradieses zu tun: Es zerschneidet das Licht und entfernt aus ihm die Quelle des Angesichts, verwandelt es in eine Form der Anschauung.
    Wie verhält sich das Sehen zum Schauen? Ist nicht im Sehen das reflexive Moment mit enthalten, von dem das Schauen dann abstrahiert (vgl. den Zuschauer und die Anschauung Gottes)? Die Welt heute verhält sich zum Faschismus wie das Fernsehen zum Radio. Deshalb ist die Reflexion der kantischen Philosophie und der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung in ihr an der Zeit.
    Müssen die Psalmen, wenn sie als Lieder Davids verstanden werden, nicht als Versuch der Durchdringung der Königsidee mit prophetischem Geist verstanden werden: als messianisch? Die Apokalypse hingegen ist das auf die Kaiseridee und die Weltreiche bezogene Gegenstück zur Prophetie: Als Instrument der projektiven Verarbeitung der Angst instrumentalisiert sie die Angst, ist sie angsterzeugend; wahr ist sie nur als Medium der reflexiven Verarbeitung der Angst: als Erkenntnis. Die projektive Verarbeitung der Angst ist fundamentalontologisch und faschistisch. Bangemachen gilt nicht, aber die Apokalypse ist endlich zu begreifen.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Jesus-Wort an Johannes und den drei Gestalten des Bösen?
    – Gegen den Satan, den Ankläger, steht der Paraklet,
    – gegen den Teufel, den Verleumder und die Verkörperung der Wut, steht der göttliche Zorn,
    – dämonisch ist die Instrumentalisierung, Verinnerlichung und Neutralisierung beider: ihre Subjektivierung; hiergegen steht die Austreibung der Dämonen, die der frohen Botschaft den Weg zu den Armen freimacht.
    Heidegger hatte recht: Die deutsche Sprache ist die Sprache der Philosophie, aber sie ist es als Grenze zur Theologie und wird theologisch, wenn sie die Reflexion auf diese Grenze in sich mit aufnimmt.
    Woher kommen und was bedeuten die Begriffe des Anderen und des Fremden? Gründen nicht beide in Präpositionen, und zwar das „an“ bzw. das „vor“ oder „für“ (im Englischen „for“; weshalb heißt der Fremde im Englischen the stranger)?
    Das Präfix be- im Englischen: Vgl. die Beziehung von for und before (auch between, become, behalf, belief, belong, beloved, below, beneath, beside, betray, beware, beyond).
    -schen: Suffix zur Bildung von Verben aus Nomina (feilschen, herrschen). Gilt diese Definition eigentlich generell, oder sind es nicht bestimmte Verben (z.B. grapschen), die so aus Nomina sich bilden lassen? Bezeichnen nicht alle diese Verben Tätigkeiten, die sich direkt auf andere als Objekte beziehen; steckt nicht in allen etwas von einer objektivierenden, erniedrigenden Tätigkeit, etwas Verächtlich-Machendes?
    Das Verb „zernichten“ taucht an zwei Stellen auf,
    – bei Georg Büchner: „Ich fühle mich wie zernichtet im Anblick des gräßlichen Fatalismus der Geschichte“ (aus einem Brief an die Eltern, nach Hinweis auf das Studium der französischen Revolution), und
    – bei Franz Rosenzweig: „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn, sie zernichten seine Lehre“ (Überschrift über einen Aufruf zur Gründung einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums).
    Beide Stellen bezeichnen welthistorische Wendepunkte.

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