Adorno

  • 05.07.93

    Der Aktualitätsbezug der Theologie wäre zu begründen aus dem Jesus-Wort „Das Gottesreich ist mitten unter euch“ (hä basileia tou theou entos hymon estin – Lk 1721).
    Es gibt keine sprachliche Äußerung, kein Gespräch, ohne Beziehung zur Schuld. Das entlastende Gespräch unterscheidet sich vom befreienden (Philosophie und Wissenschaft von der Prophetie) dadurch, daß es auf den Gebrauch von Projektionen nicht verzichten kann, nur zur Selbstentlastung ihnen ein Höchstmaß an Objektivität zu sichern versucht, die allein der Begriff und die Mathematik ihnen zu geben vermag. Wird nicht die Grenze zwischen beiden Formen der Sprache durch die Todesgrenze des Begriffs und der Mathematik definiert: durchs Gesetz der Objektivation und Verdinglichung (durch Konkretismus und Personalisierung)?
    Vergangenheit und Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang: Zusammenhang von Wissen und Vergangenheit, Begriff und Projektion ins Vergangene, Verdinglichung und Tod (Rosenzweigs „Todesangst“ und die drei „Nichtse“ im Stern der Erlösung).
    Wenn Heideggers Fundamentalontologie den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt macht und die Philosophie mit dem Thalesschen „Alles ist Wasser“ beginnt, ist dann nicht die Ontologie das innerphilosophische Äquivalent der Sintflut? Und ist nicht die Philosophie in der von der Philosophie, d.h. vom Begriff und vom Gesetz der Instrumentalisierung überschwemmten Welt das am fünften Tag erschaffene „große Meeresungeheuer“? (Haben das Tier aus dem Wasser und das Tier vom Lande etwas mit Natur und Welt zu tun? Und ist das Tier aus dem Abgrund (Off 118), das war und nicht ist und wieder sein wird (ebd. 178), der in der unbekehrten Kirche überlebende Mythos? – Bedeutung der Dialektik der Aufklärung für die Theologie.)
    Wie hängt das Gefallen (lt. Kluge eine Präfigierung von „fallen“ – „und den Menschen ein Wohlgefallen“) mit dem Fall (mit der Assoziation an das Fallen des Würfels, den Zufall) zusammen („Die Welt ist alles, was der Fall ist“)?

  • 25.06.93

    Heute eine Polemik von WoS (Wolfram Schütte) gegen Hans Magnus Enzensberger in der Rundschau, die durch die Enzensberger-Zitate sich selbst den Boden entzieht, und auf die Adornos Satz anzuwenden wäre: daß die Studenten heute nur noch heraushören, wofür oder wogegen einer ist, aber auf eine inhaltliche Diskussion sich nicht mehr einlassen. Hat diese Mode ihren Ursprung nicht in der Habermas-Schule (von Brauckhorst über Metz bis zum Feuilleton der FR), mit der Etablierung bekenntnisartiger Kollektiv-Urteile (durch die man sich als zugehörig ausweisen kann) z.B. über die „Dialektik der Aufklärung“ („veraltet“) und die Postmoderne, durch Tickets, an denen sich die Gruppen-Angehörigen erkennen?
    Die durch den Liberalismus verwilderten Wirtschaftsinteressen: Gibt es nicht eine Ähnlichkeit mit dem Naturbegriff der Grünen?
    Wir Deutsche kommen von Auschwitz nicht los: Sind nicht die deutschen Krimis (Derrick, Der Alte, Tatort, auch die deutschen Inszenierungen von Eurocops) allesamt Auschwitz-Verdrängungs-Krimis, projektive Exkulpierungs-Veranstaltungen, Ausdruck des nicht mehr auslöschbaren Strafbedürfnisses? Hier geht es nicht mehr um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um die Gewißheit, daß der Verbrecher gefaßt und seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Verglichen mit Agatha Christie, Conan Doyle, allgemein dem englischen, auch dem französischen oder italienischen Detektivfilm, die Fragen der Logik oder der Moral lösen wollen, geht es den deutschen Krimi-Serien um den Nachweis, daß der Verbrecher, der in der Regel schon zu Beginn des Films bekannt ist, in jedem Falle erwischt wird, und um das Interesse des Zuschauers, im eigenen Nicht-erwischt-worden-Sein den Schein der eigenen Unschuld zu genießen. Im letzten Krieg, gleichzeitig mit den Verbrechen in Auschwitz, gab es u.a. den Spruch, man habe doch niemanden umgebracht, mit dem man sich vor sich selbst und den anderen der eigenen Unschuld versicherte.

  • 23.06.93

    Das (moderne) Substantiv unterscheidet sich vom (alten) Nomen durch seine Beziehung zum bestimmten Artikel, zu dem darin enthaltenen deiktischen Moment. Hier ist in die Sprache ein selbstreferentielles Moment, eine automatische Objektbindung, hereingekommen. In welchen anderen Sprachen gibt es eine Entsprechung zum deutschen Substantiv?
    Der englische Artikel (the), in dem jede Erinnerung an das genus oder an die Deklination getilgt ist, ist auf die reine deiktische Funktion eingeschränkt, und damit hängt die sprachliche Gestalt des englischen Infinitivs von Sein, das „to be“, aber auch der englische Empirismus zusammen. Aber ist das Deiktische nicht generell ein Moment im Präfix „be-„? Hängen die Prä- und Suffixe nicht überhaupt mit dem deiktischen Element in der Sprache (mit ihrem „sumerischen“ Ursprung) zusammen, und zwar die Präfixe mit der deiktischen Intention der Sprache (mit dem Nominalismus), die Suffixe mit der gegenläufigen „deiktischen Intention“ des Objekts (mit dem Verstummen des Objekts, mit seiner Verräumlichung: sind die Sprachen des Altertums, insbesondere die griechische, nicht reine Objektsprachen – Ausnahme: die hebräische Sprache, die eine Sprache „im Angesicht“ ist)? Besiegelt der Begriff des Substantivs (der gleichsam das schwarze Loch der Sprache bezeichnet) die Zerstörung der Kraft des Namens, die Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache?
    Läßt sich der deutsche Idealismus aus der grammatischen Funktion des bestimmten Artikels herleiten (der deutsche Idealismus hat selbst „das Ich“ noch zu einem Substantiv gemacht).
    Bei Kluge wird das Substantiv unter dem Stichwort Substanz als „Wort mit Inhalt“ erläutert (warum unter Substanz, und was heißt „Wort mit Inhalt“: daß in das Nomen als Substantiv die Objektbindung mit hereingenommen wird; gründet darin die Großschreibung des Substantivs im Deutschen?). Der Begriff Substantiv ist wie der der Persönlichkeit ein Weltbegriff.
    Zur Bildung des Wortes Substantiv: Was ist der Unterschied zwischen dem Gerundium und dem Gerundivum? Kann es sein, daß im Begriff Substantiv der Objektbezug als Konsequenz einer Tat des Subjekts begriffen wird. Die Substanz ist noch eine Eigenschaft des Objekts, aber das Substantiv ist Produkt einer projektiven Substantialisierung des Objekts durchs Subjekt (das Substantiv ist eigentlich eine adjektivische Bildung: die Hypostasierung eines Adjektivs). Wie Welt und Natur ist das Substantiv ein die Sprache und ihr Gesetz bestimmender transzendentallogischer Begriff.
    Das Hegelsche System-Programm: die Substanz als Subjekt zu begreifen, wird im Begriff des Substantivs falsch erfüllt. Deshalb wird es großgeschrieben.
    Es spricht einiges für die Vermutung, daß der Begriff Substantiv aus Wilhelminischen Zeiten stammt; das würde bedeuten, daß er im Grimmschen Wörterbuch noch nicht enthalten wäre.
    Zu den Prämissen des Begriffs Substantiv gehört die Unterscheidung von Sache und Ding (auch von Wut und Zorn; im Lateinischen wurden weder Sache und Ding (res) noch Wut und Zorn (ira) unterschieden), sowie der Begriff der Tatsache. (Sind das englische matter und thing wirklich Entsprechungen der deutschen Begriffe Sache und Ding?) Die emphatische Bedeutung der kantischen „Dinge an sich“ (einer contradictio in adjecto) hängt hiermit zusammen.
    Zur jahwistischen Urgeschichte, insbesondere zu der Geschichte vom Turmbau zu Babel, wäre anzumerken, daß hier vor allem gilt: Nichts Vergangenes ist wirklich vergangen. Muß man nicht in die Geschichte vom Turmbau zu Babel die Vorgeschichte mit hereinnehmen: die Geschichte der Sintflut (die genaueste Beschreibung des Ursprungs des Weltbegriffs)?
    Ist nicht die kantische Philosophie, insbesondere die Kritik der reinen Vernunft, der Beginn eines Versuchs, den Turmbau von Babel von innen zu beschreiben? Und gehören nicht die Petrus/Fels-Geschichten in diesen Kontext mit herein, das „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ und das Gleichnis von der Standfestigkeit des auf den Felsen (statt auf Sand) gebauten Hauses, aber auch das Gleichnis vom Weizen, der auf felsigen Grund fiel?
    Die Opfertheologie ist die auf den Kopf gestellte Wahrheit der Erlösung. An die Wahrheit dessen, was die Texte von sich aus meinen, kommen wir nicht mehr heran; im Wege steht uns der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs, die Verfälschung der Erlösung durch den Begriff der Entsühnung der Welt (die nichts ändert, aber alle um den Preis der Katastrophe entlastet).
    Goethes Lied vom „Röslein auf der Heiden“ ist ein Vergewaltigungslied. Aber ist nicht diese Vergewaltigung in der Struktur der Welt vorgebildet, und ist nicht Goethe auch in diesem Sinne ein „Weltbürger“? Bezieht sich nicht hierauf das den Sachverhalt allein auflösende Wort von der Übernahme der Sünden der Welt? Mit der Anpassung an die Welt ist das affirmative Verhältnis zur Vergewaltigung mitgesetzt. Vgl. hierzu das Paulus-Wort von der ganzen Kreatur, die seufzt und in Wehen liegt.
    Gibt es eine Geschichte der Prophetinnen, von Mirjam über Hulda (auch Debora und Judith) bis hin zu den vier Töchtern des Philippus, und unter Einbeziehung des Prophetenworts, daß am Ende auch die Töchter und Mägde teilhaben an der Prophetie? Welche Bewandnis hat es mit der Salbung Jesu im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien durch die namenlose Frau, von der es heißt, daß man „überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, … sich an sie erinnern und erzählen (wird), was sie getan hat“? (Mk 143-9, Mt 266-13; Johannes – 121-9 – verlegt die Geschichte nach „Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte“; und hier ist es Maria, die ihn salbt; bei Lukas – 737ff – ereignet sich der Vorfall im Haus eines Pharisäers, den Jesus dann mit Simon anspricht, und bei der Frau handelt es sich um eine „große Sünderin“.)
    Zur Geschichte der Könige:
    – welche Könige tun nicht, „was Gott mißfällt“?
    – wo werden die Könige begraben (die judäischen in Jerusalem, aber welche im Hause oder Garten des Uzza(?)?
    – welche Arten des Götzendienstes werden genannt?
    – welcher König hat Jericho wieder aufgebaut (und dafür den Erstgeborenen und den Jüngsten geopfert)?
    – die Rolle der Propheten?
    Mathematik: die selbstreferentielle Gedankenlosigkeit.
    Sind nicht die Trinitätslehre und das christliche Verständnis des Keuschheitsbegriffs Versuche, die Gegenwart zu retten, der Zeit ein Ende zu machen, den Prozeß zum Stillstand zu bringen? Aber dieser Versuch wurde mit der Rezeption des Weltbegriffs zu teuer bezahlt. Hier liegt der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs der Dogmententwicklung mit der Enttäuschung der Parusie-Erwartung.
    Gründet nicht die kirchliche Sexualmoral im Neutrum, im ne-utrum?
    Das Wort vom Binden und Lösen hat sein konkretes Objekt im Weltbegriff, in der darin wurzelnden Logik des Begriffs.
    Sintflut und Fels: Aber am Ende wird der Stein ins Meer geworfen (und das Schiff scheitert vor Malta).
    Mein Schreiben ist von meiner Biographie nicht zu trennen. Was kommt heraus: Bekenntnisse oder ein neuer Gottesstaat (auf der Grundlage einer negativen Trinitätslehre)?
    Ist nicht Adorno die Antwort auf die Frage, ob Künstler selig werden können?
    Hebr 131: Muß es hier nicht „Fremdenfreundschaft“ (philoxenias) heißen statt „Gastfreundschaft“?

  • 17.06.93

    Zu Schoeps, S. 271: Ist Auschwitz das Werk der Engel Elohims?
    Es sollte auch in der Kirche endlich zur Kenntnis genommen werden, daß die Kirche in den materiellen Lebensprozeß der Gesellschaft verflochten und nicht darüber erhaben ist (Grundlage dieser Kenntnisnahme ist die Kritik des Weltbegriffs).
    Ist die Trinitätslehre, wie sie zuletzt im neuen Katechismus der Kirche wieder vorgestellt wird, nicht eine logische Konsequenz aus der Lehre von der creatio mundi ex nihilo? Die mit der Trinitätslehre verbundene, biblisch jedoch völlig unbegründete Vorstellung eines „innertrinitarischen Prozesses“ als eines „seligen Lebens Gottes in sich selber“ ist Produkt einer zwangsläufigen (vom affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs nicht abzulösenden) Ästhetisierung der Theologie (Instrumentalisierung der Gottesidee zum „Gottesbild“), und trägt die damit verbundene Vorstellung der seligen Anschauung Gottes (als Teilnahme und Einbeziehung in diesen „innertrinitarischen Prozeß“) nicht voyeurhafte Züge? Liegt hier die früheste Antizipation des Fernsehens und des Sports: des gegenständlichen Korrelats einer von Schuld und Verantwortung befreiten, dafür nur noch identitätssüchtigen Gesellschaft von Zuschauern, von Massen-Voyeuren? Davon sind die Instrumentalisierung der Sprache und das Geschwätz, deren Zusammenhang mit dem Voyeurhaften (der Fixierung an das Aufdecken der Blöße und der Verstrickung in die Knechtsgesinnung) offenkundig ist, nicht mehr trennen.
    Die moderne Astronomie hat uns zu Voyeuren des Kosmos gemacht (Modell der Entpolitisierung der Gesellschaft).
    Tauschprinzip und Inertialsystem: Das erste ist tatsächlich ein aktiv an die Dinge herangetragenes Prinzip, das zweite ein System, das sich hinter dem Rücken dieser Tat bildet (und den Täter in seine Verstrickungen mit einbezieht). Beide sind aufeinander bezogen wie das „Richtet nicht“ und das „damit ihr nicht gerichtet werdet“. Das Tauschprinzip war der verborgene Motor der Naturerkenntnis, in deren Rücken sich (mit Beginn der Zivilisation) der Weltbegriff gebildet hat.
    Hat die Form des Raumes die Trinitätsspekulationen abgelöst (und neutralisiert)? berith und diatheke sind beides Rechtsbegriffe; der eine begründet die Partnerschaft, der andere die Erbschaft. Hiermit hängen die Differenzen der jüdischen und der christlichen Theologie (und die zentrale Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung in der christlichen Theologie) zusammen. Ist die Testamentsbeziehung (und in ihrem Konstext die Vater-Sohn-Theologie) nicht im Weltbegriff begründet, der selber auf den Begriff des Erbes zurückweist? Die Trinitätslehre (deren Funktion dann die mathematische Form des Raumes übernimmt, die Kant als subjektive Form der Anschauung der transzendentalen Logik insgesamt zugrunde legt) konstituiert die Identität der Welt. Hinweis: Die Form des Raumes, das Geld und das Bekenntnis begründen die Subjekt-Objekt-Identität, sie neutralisieren das Herr-Knecht-Verhältnis und machen sie zu logischen Zentren des Objektivationsprozesses: der Feind-, Verräter- und Patriarchats-Logik.
    Die Fähigkeit zur Schuldreflexion und ihre Einbeziehung in den Begriff der Erkenntnis begründet den Aktualitätsbezug, der jede wirkliche theologische Erkenntnis definiert (und u.a. Adornos Begriff einer „eingreifenden Erkenntnis“ begründet).
    Auch wenn man das Urteil über die Bedeutung der paulinischen Theologie für den Ursprung und die Geschichte der Kirche offenläßt, bleibt doch festzuhalten, daß die dogmatisch verdinglichte Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die aus Paulus herausgelesen worden ist, die wirkliche Erkenntnis und die ungeheure Bedeutung dessen, was hier sich zugetragen hat, eher versperrt.

  • 21.05.93

    Sind nicht die Sakramente insgesamt eine Versiegelung der Umkehr durch Ritualisierung, und dadurch Instrumente der Bekehrung?
    Z. 1124: Es trifft zu, „die Kirche glaubt so, wie sie betet“, aber welche Konsequenzen ergeben sich, wenn das dann gleich auf die Liturgie bezogen wird?
    Kritik der „concupiscencia“: dieser Begriff ist ein Produkt des Weltbegriffs, vermittelt durchs Schuldverschubsystem, dem Gesetz der Projektion unterworfen. Die Kirche hat das selige Leben geleugnet, indem sie es zum Objekt der Konkupiszenz gemacht hat.
    Das Modell, nach dem die „Sünde“ als „Trennung von Gott“ vorgestellt wird, ist das autoritäre von Ungehorsam und Liebesentzug.
    Gehört nicht der Satz Luk 2218: „Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt“, zu dem „Sitzet zur Rechten des Vaters“ (zur Seite der Barmherzigkeit, des Brotes)?
    Z. 1426: Der Ausdruck „im Kampf des christlichen Lebens bewähren“ klingt nach Konkurrenzkampf (dem ökonomischen Pendant des Inertialsystems). Dieses Wort ist ein Stück Islamisierung („heiliger Krieg“).
    Dem Text über Buße und Versöhnung (vgl. ab Z. 1440) scheint die Vorstellung zugrunde zu liegen, daß die ganze Welt verworfen und der Katastrophe anheimgegeben ist; ausgenommen sind nur die, die sich der Kirche unterwerfen, sich mit ihr versöhnen. Hier liegt der logische Grund, der ihn verständlich zu machen scheint.
    Vergessen wird, daß Gott (und, wenn sie ernst genommen wird, die Kirche, die sich daran messen lassen muß) der Anwalt der Armen, der Fremden, der Unterdrückten und der Benachteiligten ist.
    Z. 1462: „Die Vergebung der Sünden versöhnt mit Gott, aber auch mit der Kirche“. Hier wird’s blasphemisch: hier ersetzen Gott und die Kirche das Selbst. Wahr wäre der Satz nur, wenn in der Versöhnung mit Gott und der Kirche als ihr logischer wie realer Grund die reale Versöhnung mit den Opfern und den Armen mit verstanden wird.
    Z. 1496: Die Aufzählung der „geistlichen Wirkungen“ des Bußsakraments (auch die der anderen Sakramente) gleichen nicht zufällig Anleitungen zu technischen Geräten (und wirft im übrigen die gleichen Sprachprobleme auf).
    „Die Weihe und die Ehe sind auf das Heil der anderen hingeordnet“ (Z. 1534): Heißt das, daß die anderen Sakramente nur auf das eigenen Heil hingeordnet sind? (Zuständigkeits- und Kompetenzregelungen, die zu dieser Art Verwaltungsdenken dazugehören)
    „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“: Durch die Opfertheologie hat sich die Kirche auf die Seite der Täter gestellt; und seitdem gilt dieser Satz auch für sie.
    Beachte den Gebrauch des Naturbegriffs, der nicht zufällig vorzugsweise im Bereich Ehe und Sittlichkeit erscheint.
    Ab Z. 1700 („Die Würde des Menschen“) könnte man jeden einzelnen Abschnitt auseinandernehmen; da stimmt kein einziger Satz.
    Z. 1741: Neben dem unreflektierter Gebrauch der Wendung „Sein glorreiches Kreuz“ eine Verwendung eines Zitats aus Röm 821 von der „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“, deren wir uns, nach den Worten dieses Katechismus, angeblich „jetzt schon rühmen“. Heißt das, daß die „ganze Kreatur“ nicht mehr „seufzt und in Wehen liegt“, daß sie nicht mehr „auf die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes harrt“ (da sie schon eingetreten und die Welt schon „entsühnt“ ist)? In der gleichen Zeit, als in Auschwitz die Juden umgebracht wurden, wurde in deutschen Kirchen das Lied gesungen „Mein Gott, wie schön ist deine Welt“.
    Nach Z. 1749 können „die eigentlich menschlichen … Handlungen … sittlich bewertet werden. Sie sind entweder gut oder böse.“ Das ist die theologische Grundlegung des Geschwätzes (vgl. Walter Benjamin: Über die Sprache). S. dazu Z. 1850: „Die Sünde … ein Ungehorsam, eine Auflehnung gegen Gott durch den Willen wie Gott zu werden und dadurch Gut und Böse zu erkennen“, was dann noch durch ein unbiblisches „und zu bestimmen“ (und anschließendem Hinweis auf Gen 35, wo dieser Zusatz nicht steht) ergänzt wird (hier werden Spuren verwischt).
    Wenn irgendwo das Unerlöste dieser Texte mit Händen sich greifen ließe, dann in den Auslassungen über die „Leidenschaften“ (die als „Durchgangs- und Nahtstellen zwischen dem sinnenhaften und dem geistigen Leben“ beschrieben werden – Z. 1764). „Unser Herr bezeichnet das Herz des Menschen als die Quelle, aus der die Regungen der Leidenschaften hervorgehen.“ Welches Herz? S. Ez 1119. – Vgl. 1763/64. In 1765 wird eine Definition der Liebe gegeben, die sie neutralisiert und ausschließt. Dieser Begriff der Liebe kennt – wie die Theologie dieses Katechismus – zum Prinzip der Selbsterhaltung: zum Egoismus keine Alternative. Der Naturbegriff ist das Grab der abgestorbenen Liebe. (Adorno: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist.)
    Die Vorstellung (1767), daß die Leidenschaften „durch die Vernunft geregelt werden“, erinnert nur noch an die Straßenverkehrsordnung, aber nicht mehr an den Zustand der Erlösung, der damit beschrieben werden soll.
    Solange die Kirche selber die Umkehr, die Erinnerungsarbeit und das Schuldbekenntnis verweigert, fesselt sie sich selbst und wird zu dem Mann, dessen Haus ausgeplündert wird (Mk 329, dort auch der Zusammenhang mit der Sünde wider den Heiligen Geist).
    Z. 1851: Hier ist das ganze antijudaistische Arsenal beisammen („Unglaube, mörderischer Haß, Verstoßung und Verspottung durch die Führer und das Volk, Feigheit des Pilatus und Grausamkeit der Soldaten“), zusammen mit der Historisierung der Verleugnung Petri („Verleugnung durch Petrus und Flucht der Jünger“).
    Sünde und Schwerkraft: „Die Sünden sind nach ihrer Schwere zu beurteilen.“ (Z. 1854)
    Der Katechismus ist ein Zeichen der ungeheuren Verwirrung, der die Kirche verfallen ist; er wird zusammengehalten eigentlich nur durch jene Paranoia, die nach dem 2. Vaticanum aus Furcht, die Dämme würden brechen, das Handeln zunehmend bestimmt. Er ist ein letzter Hinweis darauf, daß eine politische Theologie nur mit Joh 129 noch zu begründen ist.
    Die Hypostasen des Bösen:
    – Satan, der Ankläger: der Raum,
    – der Dämon, der Zuteiler: das Geld,
    – der Teufel, der Verwirrer: das Bekenntnis.
    Sind das nicht die „Sünden der Welt“, und richten sich dagegen nicht die drei evangelischen Räte:
    – gegen den Raum: der Gehorsam, das Hören,
    – gegen das Geld: die Armut und
    – gegen das verdinglichte Bekenntnis: die Keuschheit.
    Wider die creatio mundi ex nihilo: auch der Himmel, und in seiner säkularisierten Gestalt die Idee der richtigen Gesellschaft, ist ein Teil der Schöpfung, nicht aber der Staat, der in die Ordnung des Sündenfalls gehört, ebenso wie der Weltbegriff, der Naturbegriff, der Begriff der Materie und der des Fremden.
    Die in den Evangelien genannte Nüchternheit richtet sich gegen die Trunkenheit und den Taumelkelch, gegen das Herrendenken: Brüder seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. (1 Petr 58)

  • 11.05.93

    Die Hypostasierung des Raumes verdankt sich der Hypostasierung der Linken. Die Linke ist der Grund der „schlechten Unendlichkeit“.
    In einem ägyptischen Text (aus der Autobiographie des Amenophis, Sohn des Hapu) der Ausdruck „Gestein, fest wie der Himmel“ und „bleibend wie der Himmel“ (Schlott, S. 231). Ist die Trennung der oberen von den unteren Wassern, der zweite Tag, die Voraussetzung des Trockenen vom Feuchten am dritten Tag? Erst hier heißt es „Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde“ (Gen 19). Werden erst hier die Vergangenheiten (die Wasser unterhalb des Himmels) zusammengefaßt: entspringt erst hier die homogene Zeit? Der Apokalypse zufolge bezeichnen die „vielen Gewässer“, an denen Babylon, „die große Hure“ sitzt, die „Völker und Menschenmassen, Nationen und Sprachen“ (Off 1715). Drückt darin die Beziehung zur Macht der Vergangenheit sich aus? – Aber das Meer und die Vergangenheit werden am Ende nicht mehr sein (211u.4).
    Zu Adelheid Schlott: Sie blendet Religion, Kult und Priestertum, die Funktion der Schrift in den Tempeln, die Beziehungen des Ursprungs der Schrift zu den ägyptischen Ursprüngen der Wissenschaft, die von den Griechen vielfach bezeugt ist (Theologie, Astronomie), völlig aus, außerdem die Astronomie, das Kalenderwesen und die Chronologie-Probleme. Und Geschichte taucht eigentlich nur auf als Herrschafts- und Kriegsgeschichte (unter Abstraktion von Wirtschaft und Technik). Welche Naivität oder welches Interesse gehört eigentlich dazu, wenn man glaubt, Phänomene, die augenscheinlich so nahe beieinander liegen (in der Schrift wie in der Bildersymbolik), durch tausendjährige Zeitdilatationen trennen zu müssen?
    Die Naturwissenschaften enthalten in ihren eigenen Prämissen die Grundlagen ihrer Verblendung, die an die Grenze ihrer Unaufklärbarkeit rührt. In die Dynamik ihrer Selbstverblendung (und der Unaufklärbarkeit) haben die Naturwissenschaften ihren eigenen Ursprung, das theologische Dogma und die Bekenntnislogik, mit hereingezogen.
    Ob es eine Auferstehung „geben wird“, weiß ich nicht, aber die Lehre von der Auferstehung, die Beziehung zur Vergangenheit, die darin sich ausdrückt, wenn sie nicht mehr durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele entstellt wird, ist das einzige Mittel zur Kritik des Verblendungszusammenhangs, dem auch die Theologie unterlegen ist. Die Idee des seligen Lebens ist ohne Erinnerungsarbeit und ohne deren objektive Begründung (durch die Lehre von der Auferstehung der Toten) nicht mehr zu halten.
    Nachträgliche Bemerkung zum gestrigen Jahrestag der Bücherverbrennung: Erinnerungsarbeit ist der Inbegriff des undeutschen Geistes. Wie schnell haben die Katholiken doch die Erinnerung daran verdrängt, daß sie die Judenverfolgung vor fünfzig Jahren als Menetekel der eigenen, nach dem Kriege zu erwartenden Verfolgung erfahren haben. Und diese Verfolgung ist (allerdings anders als erwartet, nämlich als Selbstopfer der Identifikation mit dem Aggressor) nach dem Kriege dann in der Tat eingetreten.
    Das Hinter dem Rücken ist zu ergänzen: In ihrer Gegenwart hinter ihrem Rücken über sie reden (die Grundstruktur der Autismus-Genese). War das Dogma, das diesem genetischen Gesetz gehorcht, nicht die einzige Möglichkeit, um die Irritation, die von der Gestalt Jesu ausging, gleichzeitig zu rezipieren und abzuwehren?
    Ist nicht die Vergöttlichung Jesu als Mittel der Abwehr und Neutralisierung des Nachfolgegebots die in der Geschichte von den drei Leugnungen Petri angesprochene, benannte Leugnung?
    Verhalten sich Physik und Kunst wie Kreuz und Auferstehung?
    Die Habermassche Version des Adorno-Zitats „Eingedenken der gequälten Natur im Subjekt“ verfälscht und entstellt das Zitat, indem sie durch die adjektivische Bestimmung der „gequälten“ Natur ein Subjekt des Quälens unterstellt. Er unterstellt eine Paranoia, von der es bei Adorno heißt, daß die Welt, die sich ihr immer mehr angleicht, von ihr doch zugleich falsch abgebildet werde.
    Der Geiz, die Vorstellung einer homogenen Zeit und parakletisches Denken: Das Rentabilitätsprinzip, das Prinzip der Gewinnorientierung in der Ökonomie, ist der in den Gesellschaftskörper installierte Geiz, Grund einer Rationalität, die apriori jede Identifikation, das Sich in den andern Hineinversetzen, ausschließt. Der „Solidaritätspakt“ und die Xenophobie gehören zusammen: So erweist sich das Herrendenken heute durch das „no pity for the poor“, die Knechtsgesinnung durch die Fremdenfeindschaft, beide sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille.

  • 07.05.93

    In der Einheitsübersetzung wird, was im Buch Bahir als Tohu bezeichnet (und an anderer Stelle als Materie verstanden) wird, als Götzen übersetzt (Bahir, 113, S. 120 zu 1 Sam 1221). Ist der Materiebegriff der Erbe des Götzendienstes?
    Zivilisiert sind die, die sich gegenseitig als Eigentümer anerkennen (aber erst nachdem sie das Eigentum durch Raub erworben und die Erinnerung daran verdrängt haben). Die Nichtzivilisierten (die Barbaren, die Sklaven, dann die Wilden, jetzt die Ausländer) werden als Nichteigentümer angesehen (die der „Schicksalsgemeinschaft“ des Volkes nicht angehören). Ist nicht der Kampf um die Anerkennung in der Phänomenologie des Geistes der Kampf um die Anerkennung als Eigentümer?
    Ist die dogmatische Begründung auch nur eines der sieben Sakramente wirklich überzeugend? Steckt nicht in der gesamten Argumentation ein Stück Willkür, das nur mit Hilfe der imgrunde autoritären Bekenntnislogik unkenntlich gemacht werden kann?
    Zum Ursprung der Bekenntnislogik: War nicht die sogenannte religiöse Erneuerung im Mittelalter, der Ursprung der religiösen Bewegungen des Mittelalters (paradigmatisch der devotio moderna), auch ein Stück projektiver Schuldverarbeitung, die seitdem ununterbrochen die Geschichte des Geistes beherrscht? Und ist nicht die Geschichte der „Fälschungen“ im Mittelalter eine der Voraussetzungen der europäischen Geschichte der Aufklärung (wie die Geschichte des Vorurteils ihr Schatten)? Gehört sie nicht zu den Ursprüngen dessen, was man heute das Projekt Moderne nennt, in dem auch die Vergangenheit so zurechtgelogen wird, daß sie als Einspruch gegen die verstockte Subjektivität nicht mehr verwandt werden kann. Gehören nicht die Fälschungen des Mittelalters zu den Gründen der unlösbar gewordenen Probleme der Chronologie und der Astronomie?
    Die Barbaren waren eine Erfindung der Griechen; sind nicht die Wilden eine Erfindung der Moderne, ohne die die projektive Gestalt der Erkenntnis nicht zu halten gewesen wäre?
    Zum Begriff der Wilden im Kontext der projektiven Verarbeitung der Vergangenheit vgl. den merkwürdigen Zusammenhang des Untergangs der Tasmanier mit dem Ursprung der Darwinschen Evolutionstheorie.
    Wenn Habermas die „Dialektik der Aufklärung“ für „überholt“ hält, verwechselt er dann nicht die Geschichte des Geistes mit einer sportlichen Wettkampf, vielleicht einem Marathonlauf?
    Liegt nicht das Modell des Kohlschen Argumentationstricks in der Polemik der Kopenhagener Schule gegen die sogenannte „klassische Physik“? In beiden Fällen werden Spuren verwischt, wird das, was man selbst tut, an anderen diskriminiert. Vorbereitet wurde dieses Argumentationsschema in der kirchlichen Apologetik, die das Fortwirken der Vergangenheit dadurch aus dem Blickfeld rückt, daß sie mit den eigenen vergangenen Untaten die Vergangenheit insgesamt für überholt erklärt.
    Der Antisemitismus war seit je ein Werkzeug der Verdrängung. Mit der Diskriminierung und Verfolgung der Juden war die Erinnerung an die fortwirkende eigene Vergangenheit gemeint, die auf diese Weise projektiv verdrängt werden sollte.
    Die Lehre von der creatio mundi ex nihilo ist ein Alexander-Erbe in dem Sinne, daß sie den Knoten, den es zu lösen gilt, nur durchschlagen hat.
    Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer: In welcher Beziehung stehen die sieben Werke der Barmherzigkeit zu den sieben Sakramenten?
    Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung und die durch sie generierten Totalitätsbegriffe Natur und Welt Produkte einer Empörungs-Dynamik, deren Objekt die unaufgearbeitete Vergangenheit ist?
    In welcher Beziehung stehen die Umläufe des Mondes und der Planeten zum Gesamtumlauf des Tierkreises?
    Gibt es einen genetischen Zusammenhang zwischen den Anschauungen der sogenannten Lebensschützer und der Empörungslust derer, die sich die Illustrierten kaufen, um sich über die Bilder darin zu empören?

  • 06.05.93

    Apologetik ist zur Karate-Theologie geworden.
    Die „Privatisierung“ staatlicher Unternehmen wie Post und Bundesbahn ist eigentlich eine Vergesellschaftung. Gibt es eigentlich noch Privateigentum, ist nicht alles Eigentum, und mit ihm die Institution des Privaten selber, durch die Dynamik der ökonomischen Entwicklung vergesellschaftet worden in dem Sinne, daß es anonymisiert und zum Prototyp der Macht geworden ist, der wir alle unterworfen sind und von der wir alle abhängen? Sind nicht alle nur noch „Angestellte“, die die Maschinerie bedienen, die sie mehr oder weniger ausreichend ernährt?
    Gehorcht nicht auch die Wissenschaft dem Gesetz des Aufdeckens der Blöße (zum Begriff der Öffentlichkeit), und bezeichnet nicht der Objektbegriff aufs genaueste diese Blöße? Dann wäre eine „objektive“ Theologie Instrument der Aufdeckung der Blöße Gottes, das aber heißt: gegenstandslos (wie die Trinitätslehre, die durch den Begriff der Zeugung den Objektcharakter in der dogmatischen Theologie konstituiert und begründet).
    Indem die Naturwissenschaften vom Gesehenwerden abstrahieren (sich der subjektiven Form der Anschauung unterwerfen und das Licht verdinglichen), verfallen sie ihm, unterwerfen sie sich, ohne es zu wissen, dem Gesetz der Dingwelt. Darin ist die Totalisierung der Scham begründet, die in den Objekten sich im Begriff der Materie manifestiert.
    Die Materie-Form-Philosophie war einmal eine Handwerker-Philosophie, sie ist heute zur Industrie-Philosophie geworden.
    Die Übersetzung des zentralen Begriffs in Joh 129 mit „hinwegnehmen“ hat die benennende Kraft der Sprache zerstört: den Logos endgültig gekreuzigt. Sie hat die Theologie instrumentalisiert, sie zum Herrschaftsmittel gemacht, und in ihr das Trägheitsprinzip installiert. Das „Auf-sich Nehmen“ in Joh 129 ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: der Kern des Nachfolgegebots.
    Das waw (in der Kabbala Symbol der sechs Richtungen des Raumes), ist das nicht das Oh oder die Klage?
    Das Dogma und die es beherrschende Bekenntnislogik sind Feigenblatt und Rock aus Fellen zugleich.
    Ist nicht das „Projekt Moderne“ (der Begriff scheint aus der Habermas-Schule zu kommen) falsch säkularisiertes Christentum: die Verdrängung der Vergangenheit.
    Es geht nicht darum, ob der Papst die Pille erlaubt oder verbietet, eher schon um die Lösung der Zölibatsfrage, zentral aber wäre, innertheologisch zu begreifen, daß die Erbsünde nicht über die sexuelle Lust, sondern über die Urteilslust sich fortpflanzt (über die Unfähigkeit zur Schuldreflexion). Diese Urteilslust wird z.B. in der kasuistischen Moral genährt (und macht nicht unerhebliche Teile der katholischen Sexualmoral so unerträglich pornographisch). In jeder Urteilslust steckt ein Stück jener Empörungslust, die die Struktur des Begriffs und seiner Genesis mit bestimmt, und die der Grund des projektiven Anteils in jeder Erkenntnis und das Medium des Schuldverschubsystems ist. Den evangelischen Rat der Keuschheit und die Sexualmoral insgesamt auf die Urteilslust beziehen, das macht die Geschichte der Urteilslust (die Hegelsche Geschichte des Begriffs) als Teil der Geschichte der Scham durchsichtig; sie läßt sich studieren anhand der Geschichte des Naturbegriffs. „Wenn die Welt euch haßt“: Ist der Naturbegriff nicht der projektive Indikator dieses desensibilisierten „euch“ (und ist dieses „euch“ nicht der Moloch, dem die Kinder geopfert werden)? Adornos „Eingedenken der Natur im Subjekt“ drückt das aufs genaueste aus, während Habermas‘ denunziatorische Verfälschung des Zitats, seine Einschränkung auf die „gequälte Natur“, zur Strategie der Neutralisierung des in der Dialektik der Aufklärung erreichten Stands der Reflexion gehört.
    Theologie im Angesicht Gottes: Ist das nicht Theologie als Erinnerungsarbeit, als gesamtgesellschaftliche und geschichtliche Gewissenserforschung?
    In den subjektiven Formen der Anschauung gewinnt die Vergangenheit Gewalt über unsere Erfahrung, unsere Erkenntnis, unser Denken.

  • 05.05.93 (2)

    Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es verbindliche marxistische Analysen deshalb nicht mehr gibt, weil man Angst vor den Konsequenzen, den Ergebnissen, hat.
    Die Methoden-Diskussion: ist das nicht eine Exkulpierungsdiskussion? Sie erinnert an das Verfahren in der ministeriellen Vorstufe der Gesetzgebung, bei der Erstellung des Entwurfs, wo es nicht mehr darauf anzukommen scheint, ob die Vorlage richtig ist, ob sie den gewünschten Erfolg gewährleistet, sondern fast nur noch darauf, ob sie Fehler vermeidet, für die der Referent vielleicht zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Es gehört in einen Zusammenhang, in dem nicht die Tat sondern das Erwischtwerden den Schuldvorwurf begründet. Methodologische Absicherungen sind Absicherungen in einem Feld, in dem verteidigendes Denken keine Chancen mehr hat; sie sind zu Formen der Identifikation mit dem Aggressor in einem Wissenschaftsbetrieb geworden, in dem jeder Richter des andern ist. Daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, ist ein Satz, der nicht nur in der Justiz gilt; er gehört zu den Prinzipien des Wissenschaftsbetriebs. Wichtiger als die Methodendiskussion, die auf die richtige Anwendung der richtigen Instrumente abzielt, wäre es, die kantische Erkenntniskritik, d.h. die Kritik der Instrumentalisierungsmechanismen im Erkennen, auf den neuesten Stand zu bringen.
    Als Kind war ich einmal fasziniert vom Bild eines Gesichtes, das mich, aus welcher Perspektive ich das Bild auch ansah, jedesmal anblickte. Dieses Angeblicktwerden wird heute insbesondere in den Nachrichtensendungen des Fernsehens ausgebeutet (insbesondere auch von Politikern, die im Fernsehen auftreten). Das verweist auf den Unterschied zwischen dem Radio und dem Fernsehen: Das Radio macht hörig, das Fernsehen totalisiert die Scham.
    Das Inertialsystem markiert die Todesgrenze in den Dingen; aber diese Todesgrenze ist die Schamgrenze.
    Das Keuschheitsgebot bezieht sich auf die Herrschaftsgeschichte; es ist von Adorno auf den einfachsten Nenner gebracht worden: Erstes Gebot der Sexualmoral: Der Ankläger hat immer unrecht.
    Alle drei evangelischen Räte sind Richtschnuren des Handelns, nicht des Urteils. Es gibt keine wahren Urteile, nur richtige oder falsche, die evangelischen Räte aber rühren an die Sphäre der Wahrheit. Die Wahrheit ist keine Qualität des Urteils selber, sondern nur seiner Reflexion: sie schließt das dem Urteil unerreichbare Moment der Versöhnung mit ein. Die Bindung der Wahrheit ans Urteil (Übereinstimmung von Gegenstand und Begriff) hat das achte Gebot umgefälscht ins „Du sollst nicht lügen“. Die Restituierung des achten Gebots ist nur möglich im Kontext der Kritik des Dogmas und der das Dogma beherrschenden Bekenntnislogik: Deshalb kann man nach Auschwitz nicht mehr so Theologie treiben, als hätte es Auschwitz nicht gegeben. Theologie hinter dem Rücken Gottes lebt von der Vorstellung, man könne ohne Gottesfurcht Theologie treiben (Verwechslung der falschen Befreiung vom Mythos mit der Erlösung; die theologische Rezeption der Philosophie und des Weltbegriffs hat die Idee der Erlösung durch die Unschuldsfalle ersetzt, das parakletische Denken durch die Mechanismen der Selbstexkulpierung: durch die Instrumentalisierung der Umkehr in der Bekenntnislogik, die dann die Natur als Geisel genommen hat: Die Materie ist die Schamgrenze der Dinge, Grund ihrer Beherrschbarkeit).
    Schillers Satz „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ ist das letzte Echo der mittelalterlichen Islamisierung des Christentums, er zieht daraus die Konsequenz.
    Während das Totalitätsprinzip (als Prinzip der Selbstzerstörung) im Faschismus das direkt intendierte Ziel ist, ist es im Sozialismus ein offensichtlich nicht unter Kontrolle zu bringender Nebeneffekt. Der sozialistische Diktator ist Opfer seiner eigenen Paranoia, während der faschistische Diktator die Paranoia aller als Quelle seiner Inspiration und als Resonanzboden seines Charismas ausbeutet. Sozialistische Länder errichten Mausoleen (für ihre Diktatoren als „Opfer“ und Helden der Revolution), Faschisten schänden Gräber.

  • 02.05.93

    In der Figur des „Kongruisten“, in der Beziehung von „Versagen“ und „Selbstsein“, beschreibt Günther Anders (II, S. 157) den gleichen Mechanismus der Verinnerlichung des Opfers, der in der „Dialektik der Aufklärung“, in den „Elementen des Antisemitismus“, als Opfer des Selbst an das Selbst beschrieben wird. Zu ergänzen wäre nur, daß diese Verinnerlichung des Opfers mißverstanden wird, wenn sie nur psychologisch verstanden wird; sie ist ein Moment der Objektivität selber. Das Opfer und seine Leugnung gehören zu den Konstituentien des Gegenstandsbegriffs.
    Die Verinnerlichung des Opfers und die Verdrängung der Umkehr (die Bekenntnislogik) gehören zusammen; und beide sind Teil des Konzepts einer „Entsühnung der Welt“, in dem diese (im Kontext eines magischen Sakramentenverständnisses) unabhängig von der Nachfolge verstanden wird. Die Vorstellung, die Welt sei bereits entsühnt, ist ein Konstituens der Gemeinheitsautomatik.
    Zum Begriff des Drachenfutters gehört der Empörungsgenuß. Und der durchs Fernsehen bezeichnete Entwicklungsstand der Medien belegt die Notwendigkeit des Satzes „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“. Empörungsbereitschaft und Panikbereitschaft hängen zusammen; beide sind verbunden durch das Ohnmachtsgefühl, zu dem es in der Inertialwelt keine Alternative mehr zu geben scheint. Wenn alle Wege des Handelns verstopft sind, bleibt nur Empörung oder Panik, deren Beziehung in die heute endgültig stillgestellte Dialektik von Herr und Knecht, von Subjekt und Objekt gehört.
    Warum sind in der Bibel nur Tiere mit Hörner Opfertiere? (Und woher kommt die Vorstellung, daß dem Mann, dessen Frau es mit einem andern treibt, „Hörner aufgesetzt“ werden?)
    Aufgabe der Philosophie heute: den Gemeinheitskern des Wissenschaftsbetriebs herauspräparieren.
    Durch die Definition von Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wird die Trunkenheit zum Prinzip erhoben (vgl. Hegels Logik hierzu). Wenn diese Definition stimmen würde, gäbe es in der Tat nur die Alternative Konformismus oder Gewalt.
    Im Islam ist der Engel Gabriel („Mann Gottes“ – gbr/gbrim, Mann/Männer) der Heilige Geist, was sehr gut zur Verkündungsgeschichte beim Lukas paßt. (Ist im Namen Gabriel das br – dessen Beziehung zu Abraham, zum Namen der Hebräer und zum Begriff der Barbaren – ein Bedeutungselement des Namens?)
    „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 1618): d.h. die Vergangenheit wird die Zukunft nicht überwältigen, oder auch: die Natur wird nicht siegen. Aber die Geschichte der drei Leugnungen Petri geht bis zur Selbstverfluchung.
    „Ich werde dir die Schlüssel der Himmel geben; … was du auf Erden lösen wirst, wird auch in den Himmeln gelöst sein.“ (Mt 1619, vgl. auch 1818) Dieser Satz folgt unmittelbar nach dem über die Pforten der Hölle.
    Mt 1016: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“: Ihr seid vom Herrendenken entbunden. Und „darum seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“: Aber verfallt nicht der Paranoia.
    Erinnerungsarbeit: die Einheit von Philosophie und Gebet. Aber in dieser Einheit verändert sich sowohl die Philosophie auch das Beten.
    Die creatio mundi ist die Gründung einer Reinigungsanstalt: der Grund der Fähigkeit, sich trotz der „Sünde der Welt“ und in ihrem Angesicht unschuldig zu fühlen.

  • 20.04.93

    Die Welt ist (auch in ihrer prophylaktischen Gestalt in der Antike) das Produkt der Neutralisierung des Raumes, der Utopisierung der Umkehr.
    Was Günther Anders unter dem Titel „prometheische Scham“ beschreibt, läßt sich an den „Geräten“, an der Ding- und Warenwelt, nur leichter demonstrieren, sein Ursprung liegt in der Bekenntnistheologie: in der Christologie und Opfertheologie. Hier gewinnt das Phänomen Ludendorff erst sein volles Gewicht (vgl. Lyotards Analyse des vollkommenen Verbrechens: Exkulpierung durch Schuldverschiebung und Abschaffung des Zeugen).
    Anders S. 42: Ist diese „Klimax der Dehumanisierung“ nicht die Folge der Bekenntnislogik: der Neutralisierung der Umkehr in einer Welt, die die Möglichkeit der Umkehr ausschließt (Moral im Gravitationsfeld des Inertialsystems)?
    Die Warenwelt ist eine Parodie der Auferstehung (Konsequenz und Voraussetzung des christologischen Naturbegriffs, der die Auferstehung leugnet und ohne Umkehr exkulpiert).
    Daß man Elektronengehirne „füttern“ muß (Anm. zu S. 61), ist auch insoweit das Tüpfelchen aufs i, als es genau zu der Geschichte von Adam, der Schlange und dem Staub paßt.
    S. 65: Scham und die drei Dimensionen des Raumes.
    S. 66: Die heute so oft beschworene „Identität“ ist ein unreflektierter Scham-Effekt: Sie bleibt im Bannkreis des Schuldzusammenhangs.
    In der 2. Anm. zu S. 69 beschreibt Anders die Fundamentalontologie Heideggers als Aktion (als Ergebnis) einer systematischen Schambekämpfung, den Versuch des sich schämenden Ich, die Schande seines Es-Seins zu überwinden und Es-selbst zu werden (Grund der „Eigentlichkeit“?).
    „Und sie warfen das Los über seine Kleider“: Die Geschichte der aufgedeckten Blöße reicht von der Erkenntnis der Nacktheit nach dem Sündenfall („da gingen ihnen die Augen auf“), vom Feigenblatt und Tierfell, das Gott den Menschen gab (im Mittelalter als Typos der Kirche begriffen), über die Geschichte von Noe, Ham, Sem und Japhet (Entdeckung des Weins, Trunkenheit und Blöße, Aufdecken der Blöße und Ursprung der Knechtschaft) zur Verlosung der Kleider bei der Kreuzigung Jesu: Zum Kreuzestod gehörte das Aufdecken der Blöße, die öffentliche Schande des Gekreuzigten. Diese Blöße wurde nicht mehr zugedeckt: Vergesellschaftung der Knechtschaft.
    Der Entdeckung der Nacktheit und das Aufdecken der Blöße ist ein Teil der Geschichte der Veranderung (und der Herrschaft): der Geschichte der Ontologie. (Ist es ein Zufall, daß der Entdecker der Scham sich Anders nennt? – Aber sein Begriff der prometheischen Scham wäre zuzuspitzen zu einem der christologischen Scham. NB: Beachte das dreifache „zu“; was hat die Präposition mit dem Präfix zu tun?)
    Im Paradies waren die Menschen nackt, und sie schämten sich nicht. Aber nach dem Sündenfall, da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Ist dieses Augen-Aufgehen und die Implantierung der Scham nicht der Naturgrund der Verblendung, auf den das Blinden-Heilen Jesu sich bezieht? Auch den Jüngern in Emmaus gingen dann die Augen auf: aber das war Teil einer prophetischen Erkenntnis (die nicht die Blöße aufdeckt, sondern der Scham-Reflexion fähig ist).
    S: 71 nennt Günther Anders die Scham „ein metaphysicum, die Verkörperung der im Universalienstreit behandelten Dialektik von res und universale.“ Er erinnert hier zugleich an das Gemeine, das im Allgemeinen (universale) steckt (ohne jedoch diesen Aspekt im Ursprung und in der Praxis des über die Universitäten betriebenen Objektivierungsprozesses hier zu bestimmen). Hier stößt er an den Grund des Weltbegriffs.
    Es scheint in der Tat insbesondere im Katholizismus heute eine Scham-Akkumulation zu geben, die eine Folge des Verschwindens des theologischen Gedankens (infolge der Gewalt des Weltbegriffs) ist. Die Theologie ist nicht mehr nur „klein und häßlich“, sondern schlicht verschwunden; und die Gefahr scheint zu bestehen, daß wir nur noch erinnerungslos Abschied nehmen, weil wir nichts mehr begreifen.
    Verweist das eben zitierte Benjamin-Wort (wonach die Theologie heute „klein und häßlich“ ist, und sich nicht darf blicken lassen) nicht auch auf die theologische und kunstphilosophische Differenz zwischen Benjamin und Adorno, die sich u.a. in den Begriffen Kunstphilosophie und Ästhetik ausdrückt?
    War nicht das Grundmotiv des Turmbaus zu Babel, wie aller Turmbauten seitdem, das Man-selbst-sein-Wollen, das in der Fundamentalontologie so entsetzlich verendet (über die Schamlosigkeit: den Exhibitionismus der Türme).
    Die Skyline von Frankfurt aus der Eigenlogik des Bankwesens herleiten.
    Zur Kritik der Existenzphilosophie: Die Existenz ist in sich selber vollständig gesellschaftlich vermittelt; und die Existenzphilosophie verzweifelt nur daran, dieses Rätsel zu entschlüsseln. Das Existenzdenken steht in der Tradition des cartesischen „cogito, ergo sum“, nur leicht variiert: Ich bin, also bin ich.
    Nachdem Dalila ihn verraten hatte, wurde Simson von den Philistern gefesselt, ihm wurden die Augen ausgestochen, und dann wurde er ins Gefängnis geworfen, wo er die Mühle drehte.
    Auch das Schlimmste muß reflexionsfähig bleiben. Die Vorstellung, daß das Qualitative, wenn es reflektiert wird, zerstört wird, ist falsch.
    Ist nicht auch die Josefs-Geschichte (der Bund mit Pharao, dessen Nachfolger dann aber Josef nicht mehr kannten) ein Stück Kirchengeschichte? Aber wer sind dann Ephraim und Manasse?

  • 14.04.93

    Die Vorstellung von den Privilegien der Opfer ist ein christliches Erbe: Darin steckt die christologische Logik der Vergöttlichung Jesu, die spätestens seit Rousseau zur Logik des Naturbegriffs geworden ist und mit dem Naturbegriff in der Gesellschaft sich reproduziert.
    Werden nicht die Antinomien der reinen Vernunft dadurch relativiert, daß sie (im Raum) jeweils nur auf eine Dimension sich beziehen?
    Die ersten beiden Antinomien beziehen sich auf die Welt, die dritte auf die Natur, und die vierte?
    Kann man eine logische Folge der Formen des subjektiven Apriori bestimmen derart, daß die Konstruktion des Bekenntnisses das Geld voraussetzt und die Entfaltung der Raumvorstellung das Bekenntnis?
    Die Schöpfungsgeschichte der Genesis unterscheidet sich von den Kosmologien insgesamt (den mythologischen wie den naturwissenschaftlichen) dadurch, daß sie eine Beziehung zur Erfahrung herstellt, die ästhetische Distanz zum Kosmos nicht akzeptiert. Sie ist m.a.W. kein Vorläufer der Naturwissenschaft, sondern einer der Mystik; sie ist Teil der Prophetie.
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird in die Struktur des Raumes ein Widerstandsmoment eingebunden, daß als Grund des physikalischen Materiebegriffs (als Grund des Begriffs der trägen und schweren Masse) sich begreifen läßt. Hier wird ein Äquivalenzsystem zu den mechanischen Vorstellungen, zu den Stoßprozessen eingeführt, dessen realer Ausdruck die Konstanten der Mikrophysik sind.
    In einer Sprache, in der es neben dem Maskulinum und Femininum auch ein Neutrum gibt, wird das vierte Gebot unverständlich, wird es ins Herrendenken transponiert und unter den Satz subsumiert „de mortuis nihil nisi bene“: Hier liegt zwischen den Generationen die ihre Beziehungen neutralisierende Grenze des Todes. Im gleichen Zusammenhang ist schon das Du, das seine Geschlechtsbezogenheit verliert, Produkt einer Neutralisierung: der die Geschlechtsdifferenz aufhebenden Personalisierung. Der Geschlechtsunterschied findet sich erst in der dritten Person wieder, in einer anders objektivierten und neutralisierten Gestalt (Begriff der Scham).
    Läßt sich anhand der Neutralisierung und Personalisierung des Du in den indogermanischen Sprachen der Zusammenhang von Neutrumsbildung, Futur II, Fortfall des Dualis u.ä. mit dem Ursprung des hypostasierenden Denkens (Begriffbildung und Philosophie) nachweisen? Und steckt nicht in den Fundamenten der Neutralisierung und Personalisierung des Du der Ödipuskomplex (und die Geschichte von Kain und Abel), und hängt diese Sprachkonstruktion nicht auch mit der materiellen Geschichte der Sexualität (und damit mit der Geschichte der Rezeption des evangelischen Rates der Keuschheit) zusammen? Und ist nicht die islamische Sexualmoral auch ein Sprachproblem (ein Problem das mit der Einschränkung der Fähigkeit zur Reflexion zusammenhängt)? Und liegt hier nicht auch der Sprachgrund des islamischen Konzepts der Schöpfung (in dem Schöpfung und Vorsehung nicht auseinandergehalten werden)? Hat in der islamischen Theologie nicht die Philosophie die Offenbarung ersetzt, substituiert? Ist nicht der Islam in ganz anderem Sinne eine Weltreligion?
    Sind nicht die griechische Knabenliebe und der Rousseausche Inzest Indikatoren der wichtigsten Wendepunkte der Weltgeschichte (Ursprung und Erfüllung des Naturbegriffs)? Und läßt sich nicht an ihnen überhaupt erst ermitteln, was mit dem evangelischen Rat der Keuschheit gemeint ist? Sind es nicht die Begriffe der Barbaren, der Materie und der Natur, die das Keuschheitsgebot verletzen (und auf die sich der prophetische Begriff der Hurerei bezieht)? Erst die Kirche hat das Keuschheitsgebot zur Sexualmoral neutralisiert. Auch nach dem hebräischen Zusammenhang von Sexualität und Erkenntnis ist die Sexualmoral ein Teil der Erkenntnismoral: ein gnoseologisches Begriff. Wer heute die Last nur loswerden will, anstatt sie zu begreifen, verfällt ihr erneut. In der Gnosis wurde bloß die Erkenntnislust verurteilt, und das war der Ursprung der Diskriminierung der Sexuallust; versäumt wurde, das Problem der Gnosis selber zu begreifen.
    Wie hängen Lust, lustig, Verlust (verlieren) zusammen? Ist nicht der Verlustbegriff ein Produkt der Verurteilung der Lust?
    Der Pornokratie folgte in der Kirchengeschichte die Pornographie; und ein Teil der Theologie seit der Scholastik ist Pornographie, aber eine, auf die auch der Satz anzuwenden wäre: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Auch das Sündenvergeben, das „dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“, ist ein Moment in der Erkenntnis (ein Teil der Fähigkeit, hören zu können, sich in einen anderen hineinzuversetzen, der Barmherzigkeit). Hierauf bezieht sich das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Der heilige Geist: die durchs Feuer der Schuldreflexion gereinigte Zunge.
    Der Mund ist das Organ des Essens und des Sprechens: Beide sind durch den Begriff des Gerichts verbunden.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt ist die Revozierung Rousseaus und ein Vorbegriff der Erinnerungsarbeit.
    Gibt es eigentlich eine Untersuchung über die weiblichen Namen im Hebräischen (von Ischa, Eva, Lilit über Sara, Rebekka, Leah und Rahel bis Mirjam, Deborah, Judith, Esther, Rut, Batseba, Susanna, auch Rahab, Tamar etc.)? Ist das theophore Element nur bei männlichen Namen zu finden?
    Ist nicht die Physik das Netz, in dem wir glaubten, die ganze Welt einfangen zu können, in Wahrheit sind wir selber darin gefangen. (Gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach dem Geschlechtsakt frißt?)
    Ist nicht der Raum der Inbegriff des Hämischen: Wohin ich mich auch wende, ich bleibe in dem System gefangen, aus dem auch die Umkehr nicht heraus-, sondern jede wieder ins System zurückführt: Inbegriff des Schrecken um und um. In diesem System wird die Umkehr zwangsläufig zur Buße, aber auch die verliert ihren Adressaten mit dem Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft: Hier gibt es nur noch welche, die Buße fordern, aber niemanden mehr, der Buße tut.
    Wie war das eigentlich mit der Buße in Ninive: Auch die Tiere haben dort Buße getan, und der König hatte dazu aufgerufen.
    War der philistäische Dagan ein Mars, und waren die altorientalischen Könige nicht in erster Linie Kriegsherren?
    Die Vergangenheit ist nicht nur vergangen: Das hat die Nazizeit gelehrt. Das war der Kern der Ohnmachtserfahrung. Man kann die Vergangenheit nicht abwerfen, ohne ihr gerade dadurch zu verfallen.
    Jesus ist eine Gestalt der Erinnerung: deshalb ist er (zusammen mit der Tora und der Prophetie) das Wort, das im Anfang bei Gott war. Und er ist es auch für uns nur, wenn wir diese Erinnerung mit aufnehmen (während die Kirche gerade die reale Erinnerung durchs Dogma verdrängt hat).
    Nichts Vergangenes ist nur vergangen: Das ist die Idee, die das Inertialsystem sprengt. Sie schließt auf eine noch zu bestimmende Weise die Idee der Auferstehung der Toten mit ein.
    Mit dem ersten Satz der Genesis wird im Namen des Himmels die Erlösung zitiert. Der Himmel des zweiten Schöpfungstages ist dagegen bereits die von der Vergangenheit eingefangene Zukunft: das, was zu lösen wäre. Das drückt sich aus in der Beziehung des Himmels zu den Wassern, in der Trennung der oberen von den unteren Wassern (der Trennung von Schuld und Segen, von Mythos und Offenbarung).
    Der Fürst dieser Welt lebt vom Vergessen. Ein sich selbst begreifendes Christentum, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, hingegen lebt von der sich selbst begreifenden Erinnerung.

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