Adorno

  • Karfreitag, 09.04.93

    Judas, der Verräter, oder zum (christologischen) Ursprung des Objektbegriffs und über die Verstrickung der Unschuldsfalle (gemeinsamer Ursprung der Opfertheologie und des moralischen Inertialsystems): Die Empörung über den Verräter versetzt den Empörten in die Opferrolle, sie lähmt ihn, erweckt in ihm das Selbstmitleid des unschuldigen Opfers, läßt ihn die exkulpatorische Macht der Empörung genießen, entsubjektiviert ihn, indem sie mit der Schuld auch die Verantwortung für sein Schicksal auf andere abschiebt, und macht ihn unfähig, seine Lage anders denn als die eines ohnmächtigen Objekts zu begreifen. Das Verrätersyndrom gehört zur Verschwörungslogik, der – nach einem Wort Adornos – die Welt sich immer mehr angleicht, die jedoch die Welt zugleich falsch abbildet. Der Welt- und Naturbegriff, und in ihrem Kern die Raumvorstellung, sind ein Produkt dieser Verschwörungslogik: der Kern ihrer Selbstreproduktion.
    Nach dem Hinweis „damit die Schrift erfüllet werde“ flohen die Jünger (Matthäus-Passion). Als die Christen die „Unheilsprophetie“, weil mit Jesus erledigt, auf die Juden bezogen haben (eine der Quellen des christlichen Antijudaismus), haben sie nicht bemerkt, daß sie damit die Juden in das Schicksal Jesu so eng eingebunden haben, wie die Heils- und Unheilsprophetie in der Schrift.
    Der Stein vorm Grab, den Pilatus auf Wunsch der Hohepriester hat versiegeln und bewachen lassen, und dessentwegen die (von den sieben unreinen Geistern befreite) Maria Magdalena und die andern Frauen am nächsten Morgen sich fragten, wer ihnen den Stein hinwegrücken werde: ist das die Kirche (hat die Kirche das Erbe der Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten: m.e.W. der „Juden“ des Johannes-Evangeliums, angetreten)?
    Haben die andern Simon-Gestalten (der Kananäer, der Zelot, der Jesus-Bruder, der Vater des Judas Ischariot, der Aussätzige, der von Cyrene, der Magier und Begründer der Simonie, der Gerber und der, der Niger genannt wird) mit dem, den Jesus dann Kephas, Petrus, nannte, etwas zu tun?

  • 26.03.93

    Die Euphorieeffekte, von denen Dirk Baecker (S. 120) spricht, sind Ursache sowohl der Fachidiotie als auch des politischen und weltanschauulichen Ghettodenkens; sie gründen im Schuldverschubsystem, sind Folgen der Exkulpierungsmechanismen. Das Problem heute sind nicht die Fehler, die wir machen können, sondern die Unmöglichkeit der Dinge, die notwendig sind. Der Weltbegriff, der darin darin gründet, daß er gegen die Notwendigkeit sich mit der Unmöglichkeit abfindet, bezeichnet nicht nur die Zivilisationsschwelle, sondern auch die Grenze, die die Erwachsenen von ihrer Kindheit trennt.
    Adornos Satz „Das Ganze ist das Unwahre“ löst die Hegelsche Dialektik aus dem Bann des Raumes (des Pharaonischen). Die Lösung des Banns des Raumes (oder die Lösung der sieben Siegel) befreit das Angesicht.
    Der Export der Armut war das Geschäft der Banken; er hat die Banken – wie vorher die Universalisierung des Giroverkehrs -über Anpassungs- bzw. Modernisierungskrisen hinweggerettet. Um einen ähnlichen Effekt scheint es sich beim Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zu handeln. Aber wo ist das nächste Ventil für den wachsenden Schuldendruck, den die Banken verwalten: Schlägt die Schuldenproduktion (die Erzeugung der Armut als Kehrseite des spekulativen Reichtums) nicht jetzt auf die Ursprungsländer in den Metropolen zurück? (Und war nicht die Geschichte der Agrarmarktordnungen, mit der Überschußproduktion und dem daraus resultierenden Exportdruck als Äquivalent des Schuldendrucks: mit der Zerstörung des Welt-Agrarmarkts und der Vernichtung der Agrarproduktion in der Dritten Welt, ein Reflex und ein Ableger der Bankenentwicklung?) Ist nicht das Bankenwesen Kern und Modell projektiver Verarbeitung der Realität? (Grund des Begriffs der Barbaren, der Natur und der Materie; Grund des Staates: Wird das Problem der Schuldknechtschaft von Gunnar Heinsohn nicht noch unterschätzt; geht nicht der Weltbegriff als Projektionshilfe und -absicherung und die Zivilisation aus der Verinnerlichung der Schuldknechtschaft hervor?)
    Zu dem von den Kirchen so gerne zitierten Rat Jesu, wer ihm nachfolge, müsse Diener, dürfe nicht Herr und Meister sein:
    – Niemand kein zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon (Mt 624); und
    – in diesem Satz den Hinweis auf den deuterojesajaischen Gottesknecht (Jes 42ff) und zugleich das Zentrum der jesuanischen Weltkritik erkennen.
    Das Herrschaftsgebot im Schöpfungsbericht bezieht sich auf eine Herrschaft, die das Töten, das Fleischessen und die Angst noch nicht mit einschließt. Vgl. Jürgen Ebachs Untersuchung über den Schrecken der Tiere.

  • 24.03.93

    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit geht in die Vorstellung der Richtung (Dimension) im Raum ein zeitliches Moment mit ein, das insbesondere das Prinzip der Umkehrbarkeit, der Reversibilität aller Richtungen im Raum affiziert. Es gibt weiterhin zu jeder Richtung eine Gegenrichtung, aber diese Richtungen sind nicht mehr unverändert umkehrbar.
    Sind die Längenkontraktion und die Zeitdilatation Produkt von Drehungen im Minkowskischen Raum-Zeit-Kontinuum?
    Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Keiner kann über seinen eigenen Schatten springen. In welcher Beziehung steht dieser Schatten zur Materie? Verweist die Finsternis über dem Abgrund auf den Ursprung der Materie? Bezeichnet der Begriff der Materie den Schatten, den das System in die Dinge wirft?
    Das Inertialsystem gleicht insofern einem selbstreferentiellen, autopoietischen System im Sinne Dirk Baeckers (Womit handeln die Banken, Ffm. 1991, S. 33ff), als der Realitätskontakt innerhalb des Systems nicht mehr zu bestimmen ist (diese Stelle nimmt im Inertialsystem das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ein). Die System sind nach außen abgeschlossen und blind: Isolationshaftsysteme, und wie diese durch Sichtblenden gegen jede Außenwahrnehmung abgedichtet (ist nicht das Fernsehen die Sichtblende, die heute die Privatexistenz gegen die Außenwelt abschirmt? Das Fernsehen instrumentalisiert heute in einem Maße die Information, daß es von einem Lenkungsinstrument nicht mehr sich unterscheiden läßt.).
    Ist nicht die Systemtheorie das Modell der vollständigen und restlosen Selbstinstrumentalisierung?
    Vor diesem Hintergrund wird die affektive Aufladung des Sinnbegriffs seit Heidegger in Deutschland (die von den Franzosen nicht wahrgenommen worden ist: sie haben Sinn weiterhin schlicht als Bedeutung verstanden) verständlich: In der Isolationshaft wird der Spalt, der allein noch einen Blick aus der Zelle auf den realen Himmel ermöglicht, zum Repräsentanten der ganzen Welt, die unerreichbar geworden ist (vgl. Heideggers eingeschrumpfte Repräsentationsbegriffe wie Eigentlichkeit, In-der-Welt-Sein, Mit-Sein u.ä.).
    Wie ist das mit den Samaritern (der barmherzige Samariter, die Samariterin am Brunnen) im NT?
    Num 3355: Wenn ihr die Einwohner des Landes vor euch nicht vertreibt, dann werden die, die von ihnen übrigbleiben, zu Splittern in euren Augen und zu Stacheln in euren Seiten. Vgl. hierzu:
    – Mt 74f: Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Laß mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken. (sh. auch Adorno: Balken als Vergrößerungsglas, Minima Moralia)
    – Gen 221: Heißt es hier, bei der Erschaffung Evas, Rippe oder Seite?
    Joh 1934: … einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus.
    Ps 1395: Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.
    Jer 203: Nicht mehr Paschhur nennt dich der Herr, sondern: Schrecken um und um. (Paschhur: ägypt. „Sohn des Horus“, hier ein Priester in Jerusalem, der Jeremias für eine Nacht in den Block legte.)
    Kann es sein, daß in biblischen Texten die „Seite“ primär auf die Linke sich bezieht, während die Rechte in der Regel als Rechte auch benannt wird? Sind das Geld und der Raum (und das Bekenntnis) die linke Seite?
    Haben Auge und Seite in Num 3355 etwas mit den subjektiven Formen der Anschauung (mit Raum und Zeit) zu tun?
    Zu Auge und Seite vgl. auch Jos 2313 (Rücken und Auge), Ez 2824 (Dorn und Stachel), Hos 1314 (Scheol, wo ist dein Stachel), Apg 2614 (Saul, Waul, warum verfolgst du mich? Es wird dir schwer fallen, gegen den Stachel auszuschlagen), 1 Kor 1555 (Tod, wo ist dein Stachel), Off 910 (Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione).
    Sieben hellenistische Diakone: Philippus hatte vier prophetische Töchter, aber was hat es mit Nikolaus und den Nikolaiten auf sich (sind in dem Namen nicht nikä und laos enthalten)?
    Für den Kammerdiener ist der Held kein Held (Hegel), und: Mache dich nicht gemein mit den Spöttern (vgl. Ps 11 und 2 Pt 33). Erzieht nicht das Fernsehen die Menschen zu Kammerdienern und Spöttern?
    Welches sind
    – die sieben Todsünden,
    – die sieben Gaben des Heiligen Geistes und
    – die sieben Werke der Barmherzigkeit?
    Thomas a Kempis: Die Verwechslung der Nachfolge Christi mit der Nachahmung.
    Sind Himmel und Erde, tohu wa bohu und Abgrund und Wasser aufeinander bezogen: Enthüllt sich das tohu als Abgrund, und das bohu als Wasser? (Im Raum gibt es ebenso viele Richtungen wie Flächen, und ebenso viele Punkte wie Räume.)
    Zum Ursprung der casus: Entspricht nicht der Genitiv-Ökonomie eine Dativ-Religion und eine Akkusativ-Politik? Sind Geld und Bekenntnis ähnlich auf einander bezogen wie Raum und Zeit? Heißen nicht die Planeten jenseits des Saturn Uranus und Pluto?

  • 18.03.93

    Nach Raymond Bogaert „Grundzüge des Bankwesens im alten Griechenland“ wurden Eingänge (Einzahlungen) im Genitiv, Ausgänge (Auszahlungen, Kredite) im Dativ bezeichnet (S. 11). Kann es sein, daß Genitiv und Dativ Links und Rechts (die Seiten) bedeuten? Und sind Genitiv und Dativ die sprachlichen Repräsentanten des Tauschs? Die Banken verwalten das Tauschprinzip wie die Planeten das Inertialsystem.
    Die Anschauung abstrahiert von der eigenen Verstrickung ins Angeschaute; das Produkt dieser Abstraktion ist die Form des Raumes. Und sie überantwortet damit das Angeschaute den Gesetzen der Projektion (Barbaren, Natur, Materie).
    Die ersten Privatbanken sind von Sklaven gegründet worden, generell liegt ihr Ursprung im Bereich des Opferwesens und der Tempelwirtschaft. Das Bankenwesen ein Begleitinstitut der Lohnarbeit, die den Systemcharakter des Geldes begründet? Die Bankentürme in der Skyline Frankfurts stehen in der Tradition des Turms von Babel.
    Die Tradition des Opfers und ihre Verinnerlichung in der dogmatischen Theologie gehören zu den Fundamenten des Bankenwesens.
    Die Instrumentalisierung des Opfers macht sich gemein mit dem Mord und leugnet das Antlitz (Kruzifix und Münze).
    Sein, Haben und Werden, das sind die objektiven, naturhaften (den Naturbegriff begründenden) Hilfszeitverben. Ist nicht das Sein die veranderte Gegenwart, das Haben und das Werden die zukünftige Vergangenheit und vergangene Zukunft? Vergleiche die beiden Bildungen „Ich werde gehabt haben“ und „Ich werde geworden sein“ (aktives und passives Futur II).
    Wann sagte Jesus: Bei Gott ist kein Ding unmöglich? Mt 1926, Mk 1027 und Lk 1827: Nach dem Wort über den Reichen, das Kamel und das Nadelöhr.
    Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Im Sechstagewerk nutzt er dann den Himmel als Namen für die Feste, die die Wasser oben von den Wassern unten scheidet, und die Erde zur Hervorbringung der Pflanzen und Tiere. Die Finsternis über dem Abgrund nennt er nach der Erschaffung des Lichts Nacht, und die Wasser, über denen der Geist Gottes schwebt, trennt er durch das Firmament (Schuld und Segen).
    Wer das Leben aus den Leiden und Taten der Atome und Moleküle herleiten will, verhält sich ähnlich wie der, der das Wachsen der Bäume aus dem darin investierten Kapital herleitet.
    Die Merkaba ist sprachlichen Wesens, und wer sie entschlüsselt, begreift den Ezechiel.
    Zu dem Siebengestirn Cohen, Rosenzweig, Bloch, Benjamin, Lukacs, Horkheimer und Adorno den Orion finden. (Vgl. Hi 3831, auch 99 und Am 58)
    Die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sind die Bedingungen der Möglichkeit sowohl der dinglichen, körperlichen Existenz: der Vergangenheit der Dinge, als auch des Feuers: der dinglichen Gegenwart der Zukunft (entsprechen der Vergangenheit in Ding und Raum die Zukunft in Feuer und Licht?).

  • 15.03.93

    Zusammenhang der Raumvorstellung mit dem Begriff: Der Ursprung des Begriffs (Produkt der Verinnerlichung des Schicksals) fällt mit der Entdeckung der geometrischen Funktion des Winkels zusammen. Der Zwangscharakter der Orthogonalität ist der Grund der vergegenständlichenden Gewalt des Begriffs (der Naturerkenntnis). Insbesondere neutralisiert die Orthogonalität die Umkehr (und die Orthodoxie und das Bekenntnis die Nachfolge): jede Richtung im orthogonalen Raum ist umkehrbar, die qualitativen Differenzen der Umkehr:
    – des Vorn und Hinten: Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
    – Links und Rechts: Recht und Barmherzigkeit,
    – Oben und Unten: Herrschaft und Erlösung,
    werden (ähnlich wie die sinnlichen Eigenschaften der Materie durchs Trägheitsprinzip) durch die Orthogonalität gelöscht. Zusammenhang mit der Beziehung von Licht und Schwere, Theorie des Feuers? Die Natur wird als Natur ausgegrenzt und verhext.
    Zur Orthogonalität des Raumes: Nicht nur die Umkehr wird neutralisiert, sondern zugleich auch das Verhältnis der zueinander orthogonalen Richtungen selber. Die Beziehung Vorn/Hinten ist nicht gleich der Beziehung Rechts/Links oder Oben/Unten (Rechts/Links ist eine Paarbeziehung, die in der Übertragung auf die anderen Richtungsbeziehungen sich als Quelle der neutralisierenden Gewalt erweist). Wichtig ist das zeitliche Moment: der Zusammenhang der Othogonalität des Raumes und der Neutralisierung der Richtungen mit dem Vorrang der Vergangenheit, der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. In der Orthogonalitätsbeziehung drückt sich die quasiorthogonale Beziehung des Raumes zur Zeit aus: Grund der Vorstellung der homogenen Zeit, in der die Zukunft wie die Vergangenheit ist, und Bedingung des Inertialsystems.
    Wirkungen (Vorteile) der mathematischen Raumvorstellung: Sie dekonstruiert die Umkehr und begründet die Unschuldsfalle: Sie erweckt den Eindruck, wir wären die Last der Schuld, der Moral und der Verantwortung los, während wir sie in Wahrheit nur bewußtlos weiterwälzen; wir sind scheinbar geschützt durch eingebauten Projektionsmechanismen, wälzen sie ab auf die, die sich nicht wehren können: die Armen und die Fremden, und jetzt auch auf die nachfolgenden Generationen, die Erben. (Und was Politiker in den entscheidenden Fragen heute von „Sachverständigen“ erwarten, sind keine Handlungsanweisungen, sondern vorab Exkulpationstheorien. Das gilt außer für die wirtschaftlichen Entscheidungen heute vor allem für die ausbrechende Xenophobie.
    Gegenstand der Umkehr ist die ungeheure Last der Vergangenheit.
    Der Raum besiegelt den Herrschaftszusammenhang, das Geld den Schuldzusammenhang und das Bekenntnis den Verblendungszusammenhang.
    Zu Billy Graham: Gott will nicht, daß wir sein Wort nur erleben, sondern daß es nicht leer zu ihm zurückkehrt.
    Adornos Satz: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist, läßt sich mit dem Hinweis darauf erläutern und begründen, daß heute alle das Glück, gut sein zu dürfen, sich versagen müssen. Und zwar nicht mehr nur deshalb, weil es dem Eigeninteresse widerspricht, sondern weil die Verhältnisse es nicht mehr zulassen. Das Glück, gut sein zu dürfen, Quelle der wirklichen theologischen Erfahrung, ist verkümmert zur Unschuldsfalle.
    In welchen Weltregionen und in welchen Erdschichten wurden die Dinosaurier gefunden? Sind die geologischen Schichten einheitlich über die Regionen der Erde verteilt?
    Gewitter, Blitz und Donner.

  • 05.03.93

    Ist nicht die Bundesbank auch eine Marktordnungsstelle, und hat nicht die Verwaltung des Getreidemarktes auch Bankfunktionen?
    War nicht die Rehabilitierung der Nazis nach dem Krieg, ihre Rückkehr in Ämter und Funktionen, ein Teil der politisch-ökonomischen Kontinuität, die durch den „Zusammenbruch“ 1945 nur scheinbar unterbrochen worden ist? Und wenn es keine Inflationskatastrophe wie nach dem ersten Weltkrieg gegeben hat, sondern nur eine Währungsreform, die auch nicht annähernd den Kosten des Krieges angemessen war, dann u.a. auch deshalb, weil die Finanzierung des Krieges über einen Raub erfolgt ist, der nicht zurückgegeben werden brauchte (durch Nutzung ausländischer, jüdischer und dann im Krieg eroberter Vermögen und durch Auspressung der Gefangenen in den KZs, der Kriegsgefangenen und der Zwangsarbeiter).
    Eine nationale kopernikanische Geldpolitik (Bundesbank) erzwingt eine ptolemäische Regelung der anderen, insbesondere der Agrar-Märkte in der EG.
    Ist die Tiefendimension der Zeit nicht ein Schein, der solange nicht durchschaut wird, wie die Menschen Rechts und Links nicht unterscheiden können.
    Christologie und Inertialsystem stützen sich auf verhängnisvolle Weise gegenseitig. Und das creatio-mundi-Konzept ist eine Grundlage und Folge der Opfertheologie.
    Der Hinweis auf die Verinnerlichung des Opfers (aus der Dialektik der Aufklärung) hängt mit, was Rosenzweig die Verdrängung des Todes nennt, zusammen. Hier hilft nur noch die Erinnerung an Getsemane und an das Wort „Wachet und betet“.
    Was mich an unseren Theologen so irritiert, ist der dogmatische Gebrauch der Wissenschaft. Es ist ein durchaus fachidiotischer Gebrauch („Heute wissen wir …“), der nicht zufällig an die gleichsam kolonialistische Form der Beziehung zur Vergangenheit erinnert, die das Christentum seit seinem Ursprung charakterisiert. Die Kirchen haben seit je Vergangenes nur überwunden.
    Rühren die Antinomien der reinen Vernunft nicht daher, daß man die Dinge sowohl als Objekt (Natur) wie auch als Begriff (Welt) fassen kann, ohne daß der Bruch sich auflösen ließe. Ist nicht die Materie das durchs Inertialsystem vermittelte Anderssein der Dinge?
    Adornos Satz „Das Ganze ist das Unwahre“ trifft den Kern der Kritik des Weltbegriffs, seine abschließende Funktion, seine Macht, die Dinge ins Vergangene zu projizieren. Das Ganze ist das Vergangene, und weder die Welt noch die Dinge sind heil („Heil Hitler“ oder der falsche Messianismus).
    Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ist insofern konsequent, als sein Begriff des In-der-Welt-Seins genau das impliziert: Die Welt weiht alles dem Tod. Und Heidegger setzt die Ehre des Daseins darein, daß es (in der „Entschlossenheit“) diesen Tod bewußt auf sich nimmt . Aber damit hängt es auch zusammen, daß die Eigentlichkeit bei Heidegger sich durch nichts inhaltlich von der Uneigentlichkeit unterscheidet, nur durch das Bewußtsein. Das Verhängnis liegt allein darin, daß dieses Bewußtsein durch seinen affirmativen Charakter uneigentlich bleibt. Eigentlich ist das Bewußtsein nur für sich, der Versuch, es auch für andere zu werden, ist die Quelle der faschistischen Gewalt. Heidegger steht in der Tradition der christlichen Subjekt- und Leidensmystik, aber er erliegt dem Genuß dieses Leidens, dem Schein seiner privilegierenden Kraft (Grund der Eigentlichkeit).
    Unterscheiden sich Physik und Naturphilosophie nicht wie Zeugung und Geburt (vgl. den prophetisch-apokalyptischen Gebrauch des Begriffs der Hurerei)?

  • 03.03.93

    Zur Unterscheidung von Unreinem von Greueln: Und ihr kamt hin und habt mein Land unrein gemacht, und mein Erbteil habt ihr zum Greuel gemacht. (Jer 27)
    Das Naturproblem läßt sich erst lösen, wenn das Geldproblem gelöst ist, das Syndrom der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen (Zusammenhang des Schuldenproblems mit dem des Gewaltmonopols des Staates).
    Enthält nicht die astrologische Kosmologie ein mythologisches Gesellschaftskonzept?
    Die Tiere und die Subjektivierung, Individualisierung und Verinnerlichung des Lichts (Blut als verinnerlichte Scham). Hat sich in der Geschichte der Aufklärung das Licht gebildet, aus dessen Subjektivierung, Individualisierung und Verinnerlichung der Same und der Kristallisationskern des apokalyptischen Tieres entstanden ist? Und spiegelt sich nicht in dem Verhältnis der agrarischen zur städtischen Gesellschaft die Schöpfungsgeschichte der Pflanzen- und Tierwelt? Gehören die Tieropfer zu den Ursprüngen des städtischen Lebens? Sind nicht die Tempel Abbilder der Sternenwelt, in denen sich der Übergang von der agrarischen zur städtischen Existenz widerspiegelt? Ist nicht mit dem Ursprung der Philosophie und des Weltbegriffs der Nationalismus mitgesetzt, das Absolute als ein Partikulares, das, wenn es zum Absoluten werden will, imperialistische Züge annimmt? Wäre nicht in diesem Kontext des Zahl des Tieres zu ermitteln?
    Was Adorno die restlose Säkularisierung der theologischen Gehalte genannt hat, wäre das nicht heute als die Befreiung der Theologie vom Verfolgungswahn, vom verdinglichenden Denken, vom Weltbegriff zu bestimmen?
    Ist nicht im Kontext des astrologischen Kosmologieverständnisses die Ischtar, Astarte, Venus das genau Bild der Hurerei? Und gewinnt nicht von hierher die Velikovskysche Venus-Katastrophe das genauere Korrelat in einer gesellschaftlichen Naturkatastrophe?
    Wenn Maria Magdalena in der gesamten Kirchengeschichte als die große Sünderin, als Prostituierte gesehen worden ist, ist darin nicht ein Hinweis auf die perhorreszierte Ischtar/Venus enthalten? Sind die sieben unreinen Geister Planetengeister? Und ist nicht das historische Korrelat der Venus-Katastrophe der Ursprung der Sexualmoral, ihre Trennung von der Herrschaftskritik? Und welche Bewandtnis hat dann, wenn Jesus in den Evangelien als Freund der Zöllner und Dirnen erscheint, und das vor dem Hintergrund des Wortes von den neunundneunzig Gerechten und dem einen Sünder?
    Gehören nicht die Zöllner-Geschichten in den gleichen Zusammenhang wie das Wort „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ und die Geschichte von der Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel?
    „Maria aber bewahrte all diese Worte in ihrem Herzen.“
    Nur wer die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern vermag, hilft, daß das Wort nicht leer zu ihm zurückkommt.
    Heideggers Fundamentalontologie ist das Protokoll des ontologischen Erstickungstodes.
    Orion und Siebengestirn: Hat das Siebengestirn etwas mit den sieben Planeten (und den sieben unreinen Geistern) zu tun?
    Gründet nicht die Unfähigkeit, oder auch der Unwille, das Gewaltmonopol des Staates auch gegen Rechts anzuwenden, in dem Gefühl, daß beide sehr viel mehr mit einander zu tun haben, als die Vertreter des Staates nach außen bekunden dürfen; sind sie nicht Teil der verdrängten und unaufgearbeiteten eigenen rechten Vergangenheit?

  • 25.02.93

    Nach Walter Burkert treten die Initiationsriten mit dem Aufkommen der Schriftlichkeit und mit der Stadtkultur zurück, „um schließlich zu verschwinden – vollständig erst in unserer Zeit der atomisierten Gesellschaft“ (S. 47). Aber was sind Erstkommunion und Firmung anders als Initiationsriten?
    Zu Christine Kuby: Woran anders wird die „Schwere der Schuld“ gemessen als an der Stärke der Racheimpulse? Der Umgang mit den Gefangenen der raf ist längst ein Indiz für die Verkommenheit unserer Justiz.
    Die Vorstellung, daß das „Herrschaftsgebot“ der Genesis eine der Ursachen der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung sei, ist, abgesehen davon, daß sie sich durch eine genaue Lektüre des Textes widerlegen läßt (das vegetarische Nahrungsgebot, mit dem es zusammensteht, schließt das Töten aus), ist nicht nur falsch, sie bestätigt im genauesten Sinne eines double bind genau das, wogegen sie protestiert: das Schuldverschubsystem, das als logischer Kern dem Ursprung und der Geschichte der Naturbeherrschung zugrunde liegt. Sie ist ein Teil jenes Syndroms, demzufolge Religion jeder für sich nur noch als Seelenbalsam und für andere als ein System von Moralvorschriften und Handlungsanweisungen begreift: als Religion für andere, Religion als Herrschaftsmittel. Aber wird diese Religion fatalerweise nicht gerade dann bestätigt, wenn man aus ihr glaubt austreten zu können? Und ist nicht Petrus/Kephas der Typos einer Religion, die nur noch Religion für andere ist: Fundament einer Kirche, die zum steinernen Herzen der Welt geworden ist? Es ist ein System des Sich-wechselseitig-in Schach-Haltens, in dem dann, nach einem Adorno-Wort, heute jeder Katholik so schlau ist, wie früher nur ein Kardinal. Das Modell und die reale Verkörperung dieses Systems ist der Staat, seine innere Struktur das Recht.
    Läuft nicht unser Autoritätssystem, wenn es auf Texte angewandt wird, nach dem Modell Heilige oder Hure (mit der merkwürdigen Analogie der patriarchalischen Beziehungen zu Texten und zu Frauen)? Wäre es nicht sinnvoller, gerade in alten Texten die Erfahrung, daß da etwas drinsteckt, was nur durch Reflexion wiederzugewinnen ist, mit der Erfahrung der Unzulänglichkeit dieser Texte zusammenzudenken? Das hatte Walter Benjamin im Sinn, als im Hinblick auf Franz Rosenzweig sagte, er habe es vermocht, die Tradition auf dem eigenen Rücken zu befördern anstatt sie seßhaft zu verwalten. Merkwürdig, daß alle Offenbarungsreligionen ihren Absolutheitspunkt in der Vergangenheit (in den Heiligen Schriften und den damit verbundenen Ereignissen) haben.
    Bezeichnet nicht das „leer, gereinigt und geschmückt“ in der Parabel von den sieben unreinen Geistern auch das Bild von der Vergangenheit, das wir im Kopf haben? Grund unserer Erinnerungsunfähigkeit?
    Weltanschauungskriege sind Vernichtungskriege (nach den christlichen Vorläufern in den Kreuzzügen, Pogromen, Ketzer- und Hexenverfolgungen in säkularisierter Gestalt zuerst im Krieg der Nazis „gegen den Bolschewismus“), weil sie die Nutzung des Schuldverschubsystems, dessen Resultat eine „Weltanschauung“ ist, auch durch Strafen (die dann Vernichtungsstrafen sind) in der Realität verankern wollen. Es handelt sich offensichtlich um eine Zwangsfolge nicht mehr reflektierter (weil nicht mehr reflexionsfähiger) Herrschaftssysteme. Nicht zufällig werden sie als Reinigungsaktionen (Endlösung der Judenfrage als Reinigung der Welt von den Juden, ethnische Säuberungen in Bosnien) begriffen; sie weisen zurück auf den lateinischen Weltbegriff: mundus.
    Ist eigentlich die Frage, ob es Menschen ohne Schrift, vorschriftliche Gesellschaftsformationen, gibt, so sinnlos? Die Vorstellung, daß „die Wilden“ Produkt einer Regression, eines Rückfalls sind, hilft vielleicht im Verständnis des Ursprungs der Schrift weiter als äußerliche, banale Erfindungstheorien.
    Sind die ersten Opfer in der Bibel nach den Opfern Kains und Abels die des Abraham und des Melchisedech?
    Wäre die Lessingsche Parabel von den drei Ringen heute nicht durch eine andere zu ersetzen: Jeder sitzt im Gefängnis seiner Geschichte, aber die Schlüssel dazu haben jeweils die anderen? Die Hauptaufgabe liegt bei den Christen; nur ihnen ist gesagt worden: was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.
    Die Kritik der Naturwissenschaften hätte damit zu beginnen, daß man nachweist, daß in den Naturwissenschaften das Licht nicht mehr vorkommt, Licht und Finsternis bedeutungslose Begriffe sind: es ist unmöglich, in naturwissenschaftlichem Kontext das Licht zu rekonstruieren. Nur noch gleichsam deiktisch läßt sich der Berührungspunkt bezeichnen: das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Die Rekonstruktion des Lichts über diesen „Berührungspunkt“ läßt die Naturwissenschaften nicht unberührt.
    Sind in den drei Versuchungen Jesu (vgl. z.B. Mt 41ff) die drei Totalitätsbegriffe mit angesprochen: Wissen, Natur und Welt:
    – Im Vertrauen auf die Behütung durch die Engel, „damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“, das Wissen,
    – in der Verwandlung von Steinen in Brot der Naturbegriff und
    – im Herrschaftsversprechen und in der Anbetung des Teufels der Weltbegriff?
    Wäre das Neue Testament nicht erst dann richtig zu verstehen, wenn man, anstatt es unmittelbar ins Deutsche zu übersetzen, es zunächst ins Hebräische übersetzen würde?
    Ist die Rede von einer Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben wird, nicht eine Erläuterung der Geschichte vom Binden und Lösen? Dann wäre das Binden die Sünde wider den Heiligen Geist, und das Binden, das vorgibt, das Lösen zu sein, die Selbstverfluchung.
    Ist es nicht in der Tat, die Tat, die die Tatsachen schafft, auf die sich dann das Wissen bezieht, das als Absolutes die Vollendung des Andersseins des Selbst repräsentiert? Und ist das Absolute des deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) nicht die Bindung der rechten Hand Gottes?
    War nicht das Christentum bis heute die Anbetung und die Ausnützung des Scheiterns der messianischen Kraft Jesu (und in der Mystik das Verliebtsein in dieses Scheitern)?
    Gibt nicht die Situation in einem Fahrstuhl, in dem keiner den andern anschaut, einen aufschließenden Hinweis auf das Problem des Angesichts?
    Zur Theorie des Rechtsradikalismus: Nur weil wir uns das Beste versagen müssen: gut zu sein, schlagen wir andere tot.
    Politischer Aschermittwoch: Auch das war eine Erfindung von Franz Josef Strauß: Politik als Unterhaltung, und das als neue Qualität der Politik (nicht mehr zu trennen von der „Politikverdrossenheit“). Kern der seitdem irreversibel sich ausbreitenden parteipolitischen Ghettobildungen: nichts ändern, aber die Anhänger bei Laune halten (und süchtig machen).

  • 10.02.93

    „Haus des Urteils“ und „letztes Gericht“ (Eisenmann/Wise, S. 241): Bezeichnen diese Begriffe nicht den Raum (als Form und Symbol der Verstockung gegen die Umkehr)?
    Zu Young, Beschreiben des Holocaust: Die Kritik an Peter Weiss (S. 118ff, wo er den marxistischen Ansatz von Peter Weiss kritisiert) und an Tadeusz Borowski (S. 170ff) bezeichnet genau die Grenzen des Youngschen Versuchs. Zu der folgenden Textpassage (von Tadeusz Borowski): „Erst jetzt erkenne ich, welcher Preis für die Errichtung der alten Kulturen bezahlt wurde. Die ägyptischen Pyramiden, die Tempel und die griechischen Statuen -welch ein abscheuliches Verbrechen! … Die Antike, das gewaltige Konzentrationslager, …“ schreibt Young: „So hat sich im Kopf des Schriftstellers nicht allein die Zukunft (!), sondern auch die Vergangenheit, sein kulturelles Erbe, in ein großes KZ verwandelt“. Wäre etwa die Verwandlung der Zukunft in ein großes KZ nicht so schlimm wie der verzweifelte Blick auf die Entstehungsbedingungen des „kulturellen Erbes“? Und spielt sich der beschriebene Sachverhalt nur „im Kopf des Schriftstellers“ ab? Ist der Begriff der Normalität, der dem Werk Youngs zugrundezuliegen scheint, überhaupt noch zu halten? Und trennt nicht Auschwitz in der Tat das „kulturelle Erbe“ von der Wahrheit?
    Der christliche Begriff der Buße konnte sich von dem der Umkehr ablösen und gegen ihn verselbständigen nur dadurch, daß die Welt (in der Konsequenz der Opfertheologie und unter Verletzung des Nachfolgegebots) als entsühnt begriffen und damit die Sünde entpolitisiert, privatisiert wurde. Dem theologischen Begriff der Rechtfertigung (der an die Stelle der Forderung, gerecht zu werden, tritt) setzt die vorhergehende Rechtfertigung der Welt -Grund des Bekenntnisbegriffs und dann jeder Ideologie – voraus. Und dieser Begriff des Bekenntnisses verewigt den ungerechten Zustand der Welt und macht ihn unkenntlich.
    Mit der Vorstellung des unendlichen Raumes schützt sich die Subjektivität gegen die Reflexion des sie begründenden Herrschaftsmoments. Ebenso wie die Vorstellung des Raumes sind auch die Begriffe Natur und Welt, die sich im Medium des mathematisierten Raumes überhaupt erst konstituieren, selbstreferentiell und damit fast unreflektierbar.
    Wäre das Rosenzweigsche Konstrukt nicht doch einmal anhand folgender Thesen zu überprüfen:
    – Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung,
    – der Begriff des Wissens die Offenbarung und
    – Naturbegriff die Erlösung?
    In welcher Beziehung stehen dazu:
    – Adornos Kritik der Verdinglichung,
    – sein Konzept des Eingedenkens der Natur im Subjekt und
    – das auf Benjamin sich berufende Konzept der vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte?
    Zur Jotam-Fabel (Ri 97ff): Der König steht in der Figur des Dornbuschs (und, nach Jürgen Ebach, Kains). Ist darin nicht auch ein Stück Messias-Kritik enthalten, die das kritische Element in den Evangelien (die Unkraut- und Kain-Tradition in ihm) antizipiert? Welche Bewandnis hat es dann mit dem Ölbaum, dem Feigenbaum und dem Weinstock? Ist nicht die Jotam-Fabel mehr als nur eine moralische Fabel: eine prophetische Fabel?
    Sind die Entdeckung des Winkel und die Entfaltung der Geometrie der Fläche bei den Griechen nicht ein Abfallprodukt der Entdeckung der Schrift, die ebenfalls auf die Fläche sich bezieht (Zusammenhang mit der Schrift als verstummte und deshalb tradierbare Sprache)?
    Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkommt: Die in der Schrift verstummte Sprache will wieder laut werden.
    Ist nicht die christliche Theologie in ihrer dogmatischen Gestalt mehr als Hurerei: die Vergewaltigung der Schrift?

  • 04.02.93

    Erinnert das im zweiten Kapitel des ersten Teils des „Beschreiben …“ angesprochene Problem nicht an das Problem der Autorenschaft insbesondere in der apokalyptischen Literatur (aber auch beim Pseudo-Dionysius und beim Sohar), das sich, wie vielleicht das Fälschungs-Problem im Mittelalter und das Chronologie-Problem insgesamt, nicht mehr unter dem Titel Fälschung erledigen läßt? Die Authentizität eines Werks kann nicht immer daran gemessen werden, ob sich der Autor zu seinem Werk „bekennt“. Umgekehrt: Setzt dieses „Bekenntnis“ nicht eine Identität der Person voraus, die an die der subjektiven Formen der Anschauung (an die Einheit des Ich denke, bei der heute zu fragen ist, ob sie der Idee der Wahrheit noch standhält) gebunden ist und mit dieser steht und fällt.
    Reproduzieren sich nicht angesichts von Auschwitz die theologischen Probleme, in die sich die christliche Theologie nach der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes verstrickt hat?
    Zeitunglesen: das allmorgendliche Drachenfutter, weltlicher Exorzismus gegen die Gewalt der nächtlichen Träume.
    Ist die Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern nicht auch eine Form des Erkanntwerdens in dem Sinne, in dem es heißt, daß Adam sein Weib erkannte?
    Die Auflösung des Banns der Vergangenheit ist die Auflösung des Wissens durch erinnerndes Erkennen. (Hat das Prädix er- etwas mit der dritten Person sing. masc. zu tun?)
    Zum „Laß den Kelch an mir vorübergehen“: heißt das, er möge es mir ersparen, ihn trinken zu müssen? Und wie heißt das Vorübergehen im Griechischen?
    Die affirmative Rezeption des Weltbegriffs war erkauft mit der Versteinerung der Kirche. Und war das nicht vorbezeichnet im Namen des Kephas?
    Motive, die Adornos Interesse geweckt haben, waren wohl:
    – daß die Verwirklichung der Utopie sich daran messen läßt, daß es des Ich nicht mehr bedarf;
    – daß die gesamte Natur noch unter einem Bann steht; und
    – daß der Ursprung der Philosophie der Verinnerlichung des Schicksals sich verdankt.
    Hat sich nicht das gesamte Realitätsverständnis verändert, als physis mit natura und kosmos mit mundus übersetzt wurde?
    Wenn Prophetie Herrschaftskritik ist, dann ist – nach der Vergesellschaftung von Herrschaft – Erkenntniskritik die letzte Gestalt ihrer Verkörperung.
    Welchen Wert hat die Taufe, wenn sie nicht die Erinnerung an den Täufer in sich enthält: an das „Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe“ und das „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“

  • 03.02.93

    Wozu benötigt die Sprache das Futur II? Hat das Futur II (als sprachlicher Kern des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs) etwas mit dem babylonischen Turm, der bis zum Himmel reichen sollte, zu tun? Ist sie der Ursprung des Falls (die Antizipation des Selbstmords)? Das „Es wird gewesen sein“, die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, begründet mit dem Selbsterhaltungsprinzip die wechselseitige Äußerlichkeit der Dinge im Raum, sie konstituiert damit die Raumvorstellung selber: die die Orthogonalität und die Reversibilität der Richtungen im Raum begründenden Logik. Sie begründet das abschlußhafte, die Dinge wie die Vergangenheit abschließende Wissen, seine vergegenständlichende Kraft, die in der Trennung und wechselseitigen Konstituierung von Natur und Welt sich manifestiert.
    Das Futur II neutralisiert den Wunsch und das Gebot; es ist der Grund des Gesetzes, ein Graecum, kein Hebraicum. Es hat mit dem Orakel und mit den Auguren zu tun, nichts hingegen mit der Prophetie. Es ist der sprachliche Grund und Reflex der Subjektivierung des Schicksals (der Philosophie und des Weltbegriffs) und insoweit das reale Korrelat der Geschichte des Turmbaus zu Babel.
    Zielt nicht der katholische Gebrauch des Begriff des Fundamentalismus heute auf die Wahrheit selbst: sich selbst erfüllende Projektion?
    taz, 03.02.93 („Unterm Strich“): Die Redensart „Aus Saulus wird
    Paulus“, aus einem schlechten Mensch wird ein guter Mensch, fußt nach neuesten Bibelforschungen auf falschen Voraussetzungen. Der Apostel habe seinen ursprünglichen Namen niemals abgelegt, sei zeitlebens Jude geblieben und gelte fälschlicherweise als Mitbegründer des Christentums, erklärte der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide in einem AP-Gespräch. Saulus, der später als zweiten, römischen Namen Paulus angenommen habe, habe sich nie zum Christentum bekehrt. „Das Wort Bekehrung kommt in der sogenannten Damaskus-Vision überhaupt nicht vor, sondern es heiße dort Berufung zum Apostolat“, erläutert der in Frankfurt am Main lebende Religionswissenschaftler. Nach der Überlieferung hatte Paulus auf dem Weg von Arabien nach Damaskus die Vision, daß Jesus ihn zum Apostel berufen wolle. Mit dem Menschen Jesus ist Paulus jedoch nie zusammengetroffen. Zu Petrus und Jakobus soll Paulus einmal gesagt haben: „Meine Vision der Auferstehung war wichtiger als eure Begegnung mit dem irdischen Zimmermannssohn.“ Als ein wesentliches Forschungsergebnis bezeichnet es Lapide, daß sich Paulus entgegen der Überlieferung im Galater-Brief niemals in Arabien aufgehalten habe. Vielmehr sei er von Arawah (hebräisch Steppe) nach Qumran gegangen, die beide am Toten Meer liegen. Den Weg habe Paulus zu Fuß oder auf dem Esel in etwa einer halben Stunde bewältigt. Qumran, wo im Jahre 1947 die berühmten Schriftrollen gefunden wurden, habe früher den Beinamen „Damaskus in der Wüste“ getragen, erläutert Lapide. So sei fälschlicherweise überliefert worden, Paulus sei von Arabien nach Damaskus in Syrien gegangen. Gegen die klassische Überlieferung spreche auch, daß es damals etwa von Riad nach Damaskus eine Achttagereise gewesen wäre, erklärte der Neutestamentler. Die berühmten Qumran-Rollen, Handschriften vor allem aus Büchern des Alten Testaments, wurden 1947 in einer Höhle von Beduinen entdeckt, die auf der Suche nach einer entlaufenen Ziege waren. „Die meisten Rollen sind aus Leder, wenige aus Papyrus und nur zwei aus Kupfer“, erläutert der Neutestamentler. Da Wissenschaftler noch heute dabei seien, die Rollen auszuwerten, werde spekuliert, daß mit einer Gesamtveröffentlichung „die Einzigartigkeit von Jesus und seiner Botschaft geschmälert“ werden könnte. (Zusatz taz: Oh weh, oh weh.)
    Die „Beschreibung des Holocaust“ von James E. Young rührt an einen zentralen Punkt: an das Problem des Schreibens heute überhaupt und an das Verständnis der Schrift. Nähe zur „Grammatologie“ von Derrida und zum „Widerstreit“ von Lyotard. Erinnerung an die Selbstmorde von Jean Amery, Primo Levi und Paul Celan (unsere Mitschuld daran, weil wir nicht bereit waren, den Schrei aufzunehmen). Lyotards Reflexionen über das vollkomene Verbrechen rühren an ein Problem der Sprache, für das Auschwitz auch steht: an die Unfähigkeit, den Bann der Gemeinheit zu sprengen und zugleich die rechtlichen Kriterien der Zeugenschaft zu erfüllen. Dazu ist an den Kontext des Logos-Begriffs und das „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, …“ zu erinnern, die das Problem in einen realen theologischen Zusammenhang rückt. Läßt sich über Auschwitz erst im Kontext der Idee der Auferstehung (oder erst nach der Auferstehung der Toten) schreiben? Rückt das die deutsche Abwehr der Postmoderne nicht doch in ein anderes Licht? Und hat es nicht doch verhängnisvolle Folgen, wenn dieser Diskurs in Deutschland fast nur abgewehrt und die Postmoderne wie eine Häresie verfolgt wird?
    In Auschwitz ist der Weltbegriff mit untergegangen, er ist seitdem für die Theologie nicht mehr brauchbar. Auschwitz ist der Maelstrom, dessen Poe’sche Beschreibung Adorno als Motto vor seine Kierkegaard-Arbeit gesetzt hatte: der Wirbel, der die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt. Wir leben in diesem Wirbel und halten ihn immer noch – unter dem Bann der subjektiven Form der äußeren Anschauung, des Raumes – für eine ruhende Welt. Auschwitz ist der Beweis dafür, daß der Logos die Last, die wir ihm aufbürden, indem wir die Nachfolge verweigern (und die Erscheinungen für die Dinge an sich halten), nicht zu tragen vermag. Die Last ist endgültig auf uns übergegangen.
    Erinnerungsarbeit und Vergangenheitskolonialismus: Solange wir glauben, die Richter der Toten sein zu können, richten sie uns.
    Zeugenschaft und Eingedenken: Dieses „Das darf nicht vergessen werden“ ist das zentrale Motiv, nicht die Widerlegung der Leugner.
    Zu Otto F. Best (FR von heute): Die Deutschen haben keinen Witz, weil sie Witze machen. Dadurch unterscheiden sie sich u.a. von den Franzosen. Witz ist die Fähigkeit zur Sprachreflexion, die das Witze-Machen durch seine verdinglichende, vergegenständlichende Gewalt (durch Gelächter) zerstört. Der deutsche Witz ist eine xenophobe und paranoide Notwehraktion (Indiz der verfolgenden Unschuld). Karl Kraus hat einmal darauf hingewiesen, daß die Deutschgesinnten in der Regel des Deutschen nicht mächtig sind. (Vgl. Adenauers Wort: „Je einfacher Denken ist eine guten Gabe Gottes“. Einschlägig scheinen auch die Satzeinschübe Kohls zu sein, wie z.B.: „das werde ich an dieser Stelle sagen dürfen“, mit denen Kohl seine Rede unterbricht, um sein Erstaunen darüber auszudrücken, was er hier wieder einmal sagt, und mit denen er zugleich sich selbst ermächtigt, es zu sagen. Das liegt auf der gleichen Ebene wie seine eigene Unfähigkeit und die anderer Mitglieder seines Kabinetts, zu den xenophoben und antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit überhaupt auch nur einen vernünftigen Satz zu sagen. Zugrunde liegt die allgemeine Erleichterung darüber, daß wir nach der wiedergewonnenen Einheit uns keine Zurückhaltung mehr auferzulegen brauchen und endlich wieder sagen dürfen, was wir denken; die Irritation durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen wird real verdrängt und verschoben auf das bedauernswerte Unverständnis des Auslands für diese deutsche Eigenart, auf die wir leider noch Rücksicht nehmen müssen.)
    Die verandernde Kraft des Seins ist der Grund des Weltbegriffs, sie wird durch durch die Gewalt des Weltbegriffs unumkehrbar. Der Weltbegriff ist die verandernde Kraft des Seins als Totalität.
    Ist nicht der augustinische Satz, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle gehört, eine direkte Konsequenz aus dem Kernkonstrukt der dogmatischen Theologie: der Opfertheologie. Hier liegt der Grund, daß in der kirchlichen Tradition die Buße nur noch als Leiden verstanden wird, und nicht als Tun: die Umkehr ist gegenstandslos geworden. War nicht das Bild der Hölle ohnehin das Produkt einer projektiven Verarbeitung des Bewußtseins, daß die Gläubigen selber für sich und für die anderen die Hölle sind (mit der Exkulpierung von Herrschaft, der Legitimierung des staatlichen Gewaltmonopols, und einem Begriff der Sexualität, in dem die politische Ohnmacht bewußtlos sich reflektierte, als dem Herd des ewigen Feuers)?
    Das Wort von den Pforten der Hölle (Mt 1618): ou katischysousin autäs, sie werden sie nicht überwältigen.
    Die Rehabilitierung Galileis durch Johannes Paul II scheint mir auf den Versuch hinauszulaufen, den Kloß im Hals der Theologie, zu dem die Naturwissenschaften geworden sind, jetzt endlich zu schlucken: aber wird die Kirche nicht daran ersticken?
    Das Dogma war der Preis, den der Staat und die Philosophie für die Rettung des Welt- und des Objektbegriffs zahlen mußten.
    Hegels Satz, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, müßte eigentlich unters kirchliche Abtreibungsverbot fallen (durch den affirmativen Weltbegriff hat die Theologie sich selbst abgetrieben).
    Zur deutschen Staatsmetaphysik gehören neben dem Gewaltmonopol des Staates und dem Staatsanwalt auch das deutsche Staatsexamen.

  • 27.01.93

    Verhält sich der Staat zur Gesellschaft wie die Welt zur Natur (wie Idealismus zu Materialismus, Begriff zu Objekt)? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Kann es das eine ohne das andere geben, sind nicht beide Produkt des gleichen Abstraktionszusammenhangs (der Urteilsform)?
    Zusammenhang der Hegelschen Deduktion des Monarchen und des „Gottesgnadentums“ mit dem ontologischen Gottesbeweis. (Rosenzweig, II S. 146)
    Ist nicht das Interieur in Adornos Kierkegaard-Arbeit inzwischen aus der Objektsphäre in die Struktur des Subjekts mit eingewandert, und ist das Subjekt seitdem nicht gleichsam direkt an die Außenwelt angeschlossen (ohne Vermittlung durchs Interieur)? Gründet darin die nur minimale Differenz, die Adorno von der Einsicht in die Funktion des Weltbegriffs, zu der es in der Philosophie nach der vollständigen Verweltlichung des Subjekts keine Alternative mehr gibt, trennt?
    Die Rolle der Religionen scheint sich immer mehr darauf zu beschränken, das Gefühl der Schuldfreiheit, diesen verhängnisvollen Bewußtseinskomfort, zu vermitteln. Sie wird damit zu einer wichtigen Instanz des Verdrängungsapparats (der erste Entwurf dieses Verdrängungsapparats war das Dogma, mit dessen Hilfe die Funktion des philosophischen Subjekts vergesellschaftet wurde, bei gleichzeitiger Stillstellung des philosophischen Erkenntnistriebs: Dieses Stillstellung drückt sich aus in der kantischen Definition, wonach die Welt das mathematische Ganze der Erscheinungen bezeichnet). Die Religion ist zum Schmücke dein Heim in einer Welt geworden, die für niemand mehr Heimat ist. Daher die nicht mehr zu tilgende Nähe der Religion zum Kunstgewerbe und zum Kitsch (der Idolatrie in der Kunst).
    Die Verwechslung von Gegenwart und Gleichzeitigkeit wird durch die kantische subjektive Form der äußeren Anschauung stabilisiert, durch die Form des Raumes.
    Die Explosion der Raumvorstellung hat bewiesen, daß es keine wie auch immer geartete Beziehung der Gleichzeitigkeit zum Himmel gibt, daß umgekehrt der Raum als Form der Gleichzeitigkeit die Unterdrückung und die Verdrängung dessen mit einschließt, was man die reale Gegenwart nennen könnte. Ist diese Raumvorstellung nicht das Endprodukt des Falles (die „Überwindung“ des Generationenverhältnisses durch Neutralisierung und Stillstellung, nicht seine Aufarbeitung; oder auch: die „Überwindung“ der Häresien durch Verurteilung und Fixierung des Dogmas: so hängt die Orthodoxie mit der Orthogonalität zusammen, und so wird das Dogma zum leeren, seiner benennenden Kraft beraubten Wort: zum vergrabenen Talent)?
    Wenn Jacobus Schoneveld zufolge der Logos die Thora ist („Die Thora in Person“, in Kirche und Israel, Heft 1.91, S. 40ff), dann heißt das nicht mehr und nicht weniger, als das niemand zum Vater kommt, außer durch die Thora.
    Ist nicht die homousia sowohl logisch wie realgeschichtlich das Einfallstor des Gewaltmonopols des Staates in die Theologie (und der Kristallisationskern des Dogmas)?
    Die kopernikanische Wende und die Etablierung der Vorstellung vom unendlichen Raum haben den Leerraum geschaffen, in den die gläubige Phantasie glaubt, ihre „religiösen Vorstellungen“ hinein projizieren zu können. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß und wie die päpstliche Rehabilitierung Galileis die Dinge nun vollend auf den Kopf gestellt hat.
    Was mit der Privatisierung der Sexualmoral begonnen hat, endet mit einer Erfahrungsfeindschaft, die direkt in die Xenophobie einmündet.
    Die Personalisierung und daraus zwangslogisch folgende Vergöttlichung Jesu ist die Binde vor den Augen, mit der die Jesus-Gläubigen sich den Blick auf den Logos, der sich in der Übernahme der Sünden der Welt konstituiert, und von dem Gott will, daß er nicht leer zu ihm zurückkomme, ersparen.
    Beschreibt nicht die Beziehung der von der transzendentalen Logik organisierten Erfahrung zu den Dingen als Erscheinungen auch das Verhältnis der Theologie zu ihrem Objekt? Auch die Theologie unterliegt dem Gesetz der Erscheinungswelt, in der die Dinge an sich unerkennbar sind.
    In den drei Sprachen Griechisch, Lateinisch und Deutsch sind die Beziehungen der Geschlechter nicht deckungsgleich, nicht kompatibel. Die hier sich manifestierenden Brüche sind Denkmale welthistorischer Gesteinsverschiebungen. Neben den Differenzen in den Casus-Bildungen sind es vor allem Worte, die wie Sonne und Mond (sol und luna, auch Tag und Gesicht, dies und facies) jeweils anderen Geschlechtern zugeordnet wurden. Im Deutschen sind die Geschlechter an den Artikeln und den Endungen zu erkennen, im Englischen nur beim Gebrauch der Possessivpronomen. Hängt das damit zusammen, daß im Englischen der Infinitiv des Seins nicht durch das Possessivpronomen der dritten Person sing. masc. ausgedrückt wird (Folge der Neutralisierung der Casus im Englischen, und zugleich Symptom einer Verbegrifflichung der Sprache, die sich vor allem in Wendungen wie „he is doing“ ausdrückt, in denen das Verb naiv und real die Form des Prädikats, des Begriffs, animmt)? So drückt das deutsche Sein das Moment der Tätigkeit (in Physik und Ökonomie), das englische to be dagegen das Ergebnis der Vergegenständlichung dieser Tätigkeit aus (Grund des vorkritisch-kritischen Empirismus seit Locke: der Dogmatisierung von Naturwissenschaft und Ökonomie wie auch der Unterscheidung von primären und sekundären Sinnesqualitäten).
    Zusammenhang von Geschlecht und Casus, die geschlechtsspezifischen Casusbildungen (in den europäischen Sprachen).

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie