Wenn die Schlange „auf dem Bauche kriecht“, drückt sich darin nicht auch ein Verhältnis zu den Herrschenden, zu den Vornehmen, aus? Steckt darin nicht die Anerkennung hierarchischer Ordnungen? Stehen nicht aller Tiere unter Herrschaftsnarkose? Und ist die Schlange deshalb „das klügste aller Tiere“, weil sie die vollständige Unterwerfung repräsentiert?
Der biblische Begriff der Umkehr ist nur verständlich im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten. In diesem Zusammenhang nochmal nachlesen, in welchem Kontext die Umkehr von Mensch Welt Gott im „Stern“ sich begreift.
Natur- und Weltbegriff sind Totalitätsbegriffe, die unsere Erfahrung organisieren. Der Naturbegriff usurpiert den Schöpfungsbegriff und leugnet die Idee der Auferstehung der Toten; der Weltbegriff usurpiert das Jüngste Gericht und leugnet die Idee der Schöpfung. Die ungeheure Bedeutung des paulinischen „Kauft die Zeit aus“. Durch den unreflektierten Gebrauch der Begriffe Welt und Natur werden die Schöpfung und die Idee der Auferstehung aus dem Bereich des Denkbaren ausgeschlossen. Aber ohne die Idee der Auferstehung der Toten ist auch die der Wahrheit nicht mehr denkbar.
Starke und schwache Verben: Gesonnen und gesinnt. Hängt die Unterscheidung mit der von Name und Begriff zusammen, drückt darin ein Unterschied der Beziehung zum Objekt sich aus? (Der Duden ebnet die Differenz ein, indem er schwache Verben, nur weil auch ein Vokal sich ändert, mit zu den starken (= „unregelmäßigen“) Verben rechnet; vgl. insbesondere die sogenannten Modalverben, die „Präteritopräsentia“:
– dürfen: es ist mir erlaubt,
– können: die Kräfte, die Mittel reichen aus,
– mögen: es kommt meiner Neigung entgegen,
– müssen: ich bin gezwungen,
– sollen: es wird von mir erwartet,
– wollen: ich verspreche zu tun,
– wissen: ich unterwerfe meine Erfahrung den Kriterien der Beweisbarkeit, oder: ich unterwerfe mich der Kontrolle der Anderen (die mich zum Anderen für Andere macht; Katalysator ist der Begriff des Seins, die „verandernde Kraft des Seins“);
sie binden den transzendentalen Apparat an seinen Naturgrund im Subjekt zurück, geben ihn selber als ein Stück gegenständlicher Natur vor und repräsentieren die Formen der Bedienung, des Gebrauchs dieses Apparats, (den subjektiven Grund der „Tatsachen“); sh. Duden, Ziffer 216: sind das nicht Entfremdungs- oder Vergesellschaftungsverben, Verben, die die Subjektlosigkeit des Subjekts bezeichnen, gleichsam Repräsentanten der Welt oder der Natur, einer Autorität, des Schicksals, des Triebs, des Verstandes oder des Willens im Subjekt: Produkt des begrifflichen Banns, der Zerstörung des Angesichts, und Schuldgrenze zur Welt?).
Die Präteritopräsentia: Setzt sich mit ihnen das Subjekt (anstelle der Tat) als vergangen, daher ihre grammatische Konstruktion? Sind sie die subjektiven Reflexionskategorien des Weltgeistes, gemeinsam mit dem Weltbegriff entspringende Reflexionsbestimmungen?
Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die unmittelbare Präsenz des gesehenen Objekt rekonstruiert; durch die Projektion ins Inertialsystem hingegen wird so etwas wie eine Präteritopräsenz hergestellt. Entsprechen dem in der Sprache die Modalverben?
Transzendentallogischer Zusammenhang von Welt, Wissen und Natur mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung (dem Raum und seiner Dreidimensionalität)?
Ist der Konjunktiv (der heute ausgetrieben wird) die letzte Zufluchtsstätte des Subjekts in der Sprache?
Wie hängt das Nomen „Würde“ mit dem Konjunktiv des Verbs „Werden“ zusammen (ähnlich wie der Infinitiv Sein mit dem gleichnamigen Possessivpronomen 3. Person Singular masculinum)?
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Dieser Satz ist eine Tautologie und als solche schlicht nichtssagend: sie fällt nicht unter den Begriff der antastbaren Objekte, oder: auch die schlimmsten Verhältnisse (z.B. die Isolationshaft) lassen die Würde des Menschen unberührt. Der Satz soll aber offensichtlich den Eindruck erwecken, als solle damit die Maxime definiert werden, wonach die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dann jedoch dürfte es bestimte Urteile und auch Formen des Strafvollzugs, die zu oft den Satz bestätigen, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, nicht geben.
Gemeinheit als Erziehungsmedium: Heißt nicht für unsere Justiz Resozialisierung die Austreibung des Mitleids, die Fixierung ans Eigeninteresse? Das aber ist der Grund der Rückfallmechanik. So gerät unser Rechtswesen immer mehr in eine Verfassung, in der sie nur noch ihre eigene Existenzgrundlage: das Verbrechen, reproduziert.
Wenn ich einen Imperativ durch einen Indikativ ersetze, dann verwandle ich ein Sollen in ein Sein, eine moralische Handlung in ein schicksalhaft ablaufendes Geschehen: ich verrate die Moral, um die Philosophie zu retten.
Der Grundstein des babylonischen Turms ist das Sein, die Ontologie das dynamische Zentrum der Sprachverwirrung. Mit dem Namen des Seins zitiere ich Gewalt, den Ursprung des Gewaltmonopols des Staates. Aber insoweit ist auch die raf eine ontologische Sekte.
Es ist eine Verharmlosung, den Nationalsozialismus nur als Rassismus zu verurteilen; so reduziert man ihn auf ein Bekenntnissystem, auf eine Konfession, und verbleibt im Bann der Logik, der er entspringt. Im Banne dieser Logik sind der Antisemitismus und die Trinitätslehre als Bekenntnisse gleichwertig und austauschbar. Zu verstehen ist er nur als Generalprobe des Antichrist.
Die Frage, ob zwar nicht Jesus, wohl aber das Christentum den Teufel mit Beelzebub austreibt (vgl. die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern), ist vielleicht doch sehr ernst zu nehmen. Und ebenso die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, m.a.W. die, die Johannes „die Juden“ nennt, werden vom Grunde her mißverstanden, wenn man sie nur als historische Exemplare einer vergangenen und überwundenen Epoche ansieht: Gemeint ist die Kirche (mit ihren real existierenden Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern).
Wäre der Islam nicht verständlicher, wenn es stimmt, daß die Sprache des Koran, das Arabische, kein Futur kennt? Das islamische Schöpfungskonzept, wonach Allah in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, schließt jede Zukunftsgarantie aus, setzt das Geschaffene der vollen Schöpfungsmacht eines Gottes aus, dessen Pläne undurchschaubar sind, und begründet ein Lebensgefühl, in dem der Zufall zentral ist (wie es dann auch im Namen des „Islam“ sich ausdrückt: Im Christentum ist der Zufall eine zu enträtselnde Chiffre der göttlichen Vorsehung, im Islam eine nur durch Unterwerfung zu ertragende Manifestation der göttlichen Schöpfungsmacht).
Die Materie ist das Für-andere-Sein der Dinge; insofern hängt der Begriff der Materie mit der Geschichte der Sexualmoral und mit der ihres Objekts zusammen.
In der Kirchengeschichte hat es zwei pornographische Epochen gegeben: die pornokratische Phase der Papstgeschichte und die kasuistische Phase der Moraltheologie. Beide Phasen sind Phasen der Herrschaftsgeschichte (die erste unmittelbar, die zweite als Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft). Beide sind Ausdruck der Verzweiflung an der Theologie. Die befreite Sexualmoral wird eine sein, die als Herrschaftsmittel gänzlich unbrauchbar geworden ist, weil sie sich im Hinblick auf die Idee der Auferstehung begreift. „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
Adornos Satz: „Die Deutung von Geist als Gesellschaft erscheint demnach als metabasis eis allo genos, unvereinbar mit dem Sinn der Hegelschen Philosophie allein schon darum, weil sie sich gegen die Maxime immanenter Kritik verfehle …“ (Drei Studien zu Hegel, S. 31) wäre zu berichtigen: Die Deutung von Geist als Gesellschaft läßt sich aus der Hegelschen Logik entwickeln, aus dem Satz: „Das Eine ist das Andere des Anderen.“ Dieses Für-andere-Sein steckt im Innern des Geistes als dessen gesellschaftliches Wesen drin und ist der materialistische Analyse und Interpretation fähig.
Benjamins Satz: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ enthält die Konsequenz, daß die Idee des Glücks die -nicht durch Rechtfertigungszwänge blockierte – volle Erinnerung der Vergangenheit (oder die Übernahme der Sünde der Welt) und die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt. (Vgl. hierzu das Bild der Lokomotive: diese Lokomotive kann nicht gestoppt, sondern nur aufgelöst werden; sie ist ein Phantom, aber ein reales.)
Wenn Maria als Mittlerin aller Gnaden angesprochen wird, dann kann das eigentlich nur im Sinne des Liedes „Christi Mutter stand mit Schmerzen …“ verstanden werden. Gefährlich wird die Marienverehrung nur im Kontext der Mutterideologie, der schon in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana die Grundlage entzogen wurde, als Jesus sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, worauf Maria nicht ihm antwortete, sondern (in einer Form, die den Eindruck erweckt, sie habe ihn verstanden) die Diener der Gastgeber anweist: „Tut alles, was er euch sagt“.
Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Das wäre aufzuarbeiten anhand der Geschichte des Naturbegriffs.
Heidegger hat die Moral verraten, um die Philosophie zu retten.
Es gibt Gerüche, die Erinnerungen wachrufen; es gibt aber auch Gerüche, die Verdrängungshilfe leisten.
Adorno
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13.09.92
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05.09.92
Die Ontologie ist das Inertialsystem der Sprache (Beziehung zur Grammatik; Ursprung und Funktion der Hilfszeitwörter: Beziehung zum Materiebegriff; das Sein als Repräsentant der Funktion des Infinitivs).
Anmerkungen (Leserbrief?) zur raf:
– Verfolgung der raf auch zur Diskriminierung der Diskussion des politischen Problems, für das die raf steht;
– raf selber hat durch ihr Handeln die Diskussion unterbunden, ihr den Boden entzogen, damit der politischen Rechten ungewollt in die Hände gespielt;
– Einäugigkeit der Justiz: wenn Gleichbehandlung aller terroristischen Vereinigungen, müßten Millionen in Isolationshaft sitzen (kein Angehöriger der Justiz wurde wegen Teilnahme an Verbrechen der Nazis rechtskräftig verurteilt);
– Distanzierung der Politiker von den Pogromen z.B. in Rostock nur mit dem Hinweis auf „das Ansehen im Ausland“: heißt das, daß „Asylanten“ straflos verjagt, verbrannt, erschlagen werden dürften, wenn „das Ausland“ zustimmen würde?
– Die öffentlich, auch vor laufenden Kameras, demonstrierte rechte Mordlust wird nicht wahrgenommen, geschweige denn verurteilt (worauf bezieht sich und welchen Sinn hat der Straftatbestand der Volksverhetzung, wann greift er, ist er Teil des 129a?).
– Rechtsradikalismus ist Einübung ins Unpolitischsein, Dummheitstraining, deshalb ist er der etablierten Politik so genehm (gewünscht wird nur, daß er nicht auffällt, insbesondere nicht „im Ausland“).
– Rechts und Links lassen sich durch ihr Verhältnis zur dritten Welt definieren: die linke Staats- und rechte Ausländerfeindschaft (Funktion der Asyldebatte) lassen sich daraus herleiten.
Eine Lokomotive, die auf den Abgrund (den sie rätselhafterweise selber erzeugt) zurast: das Personal verkleistert die Scheiben, damit die Passagiere nichts sehen; die raf erschießt das Personal, anstatt alles zu tun, um den Zug zum Stehen zu bringen; die Rechten bewachen die Türen, daß kein Unbefugter in den Zug hereinkommen kann, und überprüfen alle Insassen, ob nicht welche dabei sind, die wieder hinaus zu befördern sind. Das Recht, mit allem Komfort und unter unaufhörlicher Musikbegleitung in den Abgrund zu rasen, steht nur der zivilisierten Menschheit zu, als deren Kerube sich die Rechten begreifen.
Die biblischen Reinheitsgebote waren geschlechtsspezifisch: wer war in welcher Weise davon betroffen?
Jesus hat nicht gelacht, wohl aber geweint (gleichwohl dürfen auch in der christlichen Welt Männer Witze erzählen, aber nie weinen). Das Lachen konstituiert die Welt, das Weinen rührt an den Grund ihres Bestehens, hängt mit der „Erschütterung der Kräfte des Himmels“ und der Auferstehung der Toten zusammen (Petrus nach der dritten Leugnung: „… er ging hinaus und weinte bitterlich“); wann weinte Jesus?
Die Lazarus-Geschichte: Maria weint, die Juden weinen, Jesus ist erzürnt und erschüttert, und dann weint er auch; dann erweckt er ihn zum Leben.
Das Weinen ist eine Form der Wahrnehmung und Verarbeitung der verandernden Kraft des Seins, daß Lachen instrumentalisiert und benutzt die verandernde Kraft des Seins.
Zum Thema Weinen gehört auch jener paulinische Satz, wonach die ganze Kreatur seufzt und in Wehen liegt: sie harrt auf die Freiheit der Kinder Gottes.
Wie hängt der Taumelbecher mit dem Kelch des Leidens zusammen? Ähnlich wie Lachen und Weinen?
Am Ende wird jede Träne abgewischt, der Himmel (die Feste zwischen den Wassern) wird erschüttert, der Tod, die Vergangenheit und das Meer werden nicht mehr sein.
Der über den Wassern schwebende (oder brütende) Geist Gottes: Ist das nicht ein Hinweis auf etwas dem Weinen Vergleichbares im Schöpfungsprozeß (auf die Wasser, die dann von der Feste des Himmels geteilt werden und später durch die Sintflut die Grenze zur Physis markieren)? Und entspringt daraus (aus dem Brüten des Geistes über den Wassern) das Wort? Und rührt der erste Satz der Philosophie, das „Alles ist Wasser“ des Thales nicht auf eine höchst ambivalente Weise an den Ursprung der Philosophie (Zusammenhang mit der Sintflut, aber auch mit dem Zivilisationsgebot, wonach Männer nicht weinen?)? Und ist nicht die mythische Vorgeschichte der Philosophie, die Geschichte der Idolatrie, des Sternen- und des Opferdienstes, die Geschichte der Verdrängung des Weines? (Und gemahnt nicht der Topos der prophetischen Berufung („schon im Mutterleib …“) auf den Ursprung unterhalb der durchs Weinen bestimmten Grenze?
Die sieben unreinen Geister, sind das sieben Gestalten des Gelächters? Und wie hängen Lachen und Weinen mit der Sintflut und dem Turmbau zu Babel zusammen?
Solange das Weinen der andern noch als unerträglich verdrängt wird, bestehen der Bann und die schlimmen Verhältnisse weiter. Wir haben das Weinen in die Schulen, die Irrenhäuser und in die Gefängnisse verdrängt, in den Kasernen darf ohnehin nicht geweint werden.
Jesu Rat an die Frauen von Jerusalem: „Weint nicht um mich, sondern weint um euch und eure Kinder“ verweist darauf, daß das Weinen über den schlimmen Zustand der Dinge und seine Wurzeln in uns das Entscheidende ist. Dieses Weinen („über“) ist das die verhärtende (objektivierende) Wirkung der Begriffe erschütternde und lösende Kraft, Anfang der Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache (des Logos). Im Weinen wird die Klage des Objekts über das ihm vom Begriff zugefügte Unrecht (über die Sünde der Welt) laut.
Das Weinen ist Ausdruck jener Verlassenheit, die das Lachen in seinem Objekt erzeugt (Eli, eli …: Hier wird das Weinen Wort).
Wortgewordenens Weinen: das ist es, was Texte wie die Adornos, Primo Levis, Nelly Sachs‘, Jean Amerys oder Paul Celans so kostbar macht.
Werte sind auch insoweit Teil des Herrendenkens, als sie eher ans Lachen erinnern, das Weinen hingegen ausschließen.
Das Weinen zerreißt die Urteilslogik. Es durchbricht in der Erschütterung und in der Kraft des Lösens die Grenze zur Physis, die Todesgrenze.
Die Erschütterung des Weinens und die Erschütterung des Himmels, der am zweiten Tagen geschaffenen Feste, die die Wasser oberhalb von den Wassern unterhalb trennt, bezeichnet einen Vorgang, der mit der Durchbrechung der Grenze zwischen Geist und Physis zusammenhängt, der an die Todesgrenze rührt.
Zur Verleugnungsgeschichte: Das „Er ging hinaus“ und das „und weinte bitterlich“ gehören zusammen.
Was ist der „Schweiß des Angesichts“, und wie hängt er mit dem Blutschweiß in Gethsemane zusammen?
Verweisen die Symptome der Basedowschen Krankheit, die Vergrößerung der Schilddrüse und das Hervortreten der Augen, nicht auf ein zurückgestautes, verdrängtes Weinen?
Ist die Schizophrenie, eigentlich jede Psychose, nicht nur ein gestörtes und verstörtes Weinen?
Das Verständnis für die Rechten, überhaupt das Verständnis für Gewalt, gründet in dem Verständnis für die Notwendigkeit der Verdrängung des Weinens.
Über das Konstrukt der Opfertheologie hängt die Bekenntnislogik mit dem Ursprung und der Geschichte des Naturbegriffs zusammen.
Die Bezeichnung „persönlicher Gott“ wäre zu reflektieren: Die Anwendung des Personbegriffs auf Gott ist unzulässig; Gott ist gerade keine Person, durch die hindurch ER tönt. Wenn etwas Person genannt werden darf: das, durch das hindurch Gott spricht, so sind das die Engel und die Propheten.
Die Welt ist der Inbegriff alles Wißbaren (unter Ausschluß dessen, was durch das Sieb der Beweislogik fällt), aber Wissen und Wahrheit sind nicht kompatibel, sondern durch den Schuldbegriff getrennt. -
29.08.92
Ist nicht die aus der Zeit des Hexenwahns stammende Vorstellung vom Verkehr der Hexen mit dem Teufel ein Abkömmling, ein spätes innerchristliches Echo des hieros gamos? Darin das projektive, auf die Dämonisierung der Theologie selber zurückweisende Moment erkennen, würde den Bann wirklich lösen.
Das Quantenprinzip und die daraus ableitbare Mikrostruktur der Materie ist eine unmittelbare Folge aus dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem (Spur der Differenz zwischen dem Raum des Inertialsystems und dem Anschauungsraum).
Heinsohn wagt es nicht, dem Hexenwahn ins Antlitz zu schauen. Statt dessen zeichnet er eine Karikatur des Wahns (das Bild des Wahns, wie es aus der Sicht der Opfer sich darbietet, als Karikatur), um so das Problem zu neutralisieren. Ähnlich – und in der gleichen Richtung verhängnisvoll – verhält es sich, wie mir scheint, mit seiner Antisemitismustheorie. Beides scheint zusammenzuhängen mit dem sektiererischen Grundzug, gleichsam der Ketzer-Logik, die seine Darstellungsweise und sein Beweisverfahren beherrscht. Die Ketzer-Logik ist ein abgespaltener Teil der Bekenntnis-Logik; sie versucht, den Status der Orthodoxie im Kampf gegen die Orthodoxie zu gewinnen (die Orthodoxie bei dem von ihr selbst erzeugten falschen Namen zu nehmen): hier ist die zentrale Kategorie die des Scharfsinns (nicht zufällig eine der Kriminalistik, dem Detektivischen, dem Bereich Verbrechensverfolgung angehörige Kategorie).
Der König war seit dem Ursprung dieser Institution Erbe des Opfers. Ihm wurde die Schuld aufgelastet, die die ersten Bürger noch nicht zu tragen vermochten; und dafür wurde er geehrt. Aus dieser magischen Tradition, scheint mir, stammt der rationale Kern des Satzes von der Übernahme der Sünde der Welt (ausgesprochen vom gleichen Johannes, der den Herodes wegen seiner Beziehung zur Frau seines Bruders angreift und deshalb auf Verlangen der Frau hingerichtet wird – vgl. auch das Jesus-Wort über Johannes: „Was seid ihr gekommen zu sehen …?“). Heute, angesichts der vollendeten Vergesellschaftung von Herrschaft, wäre endlich diese Königstradition mit zu vergesellschaften (als Antwort auf die „Verinnerlichung des Opfers“, die die DdA als Teil des bürgerlichen Subjektbegriffs erkannt hat). Das christologische Dogma, die Vergöttlichung des Opfers, und sein das Bewußtsein insgesamt verhexender Abkömmling: der moderne Naturbegriff, liegen in dieser unaufgeklärten Königstradition, genauer: in der mythologischen, der heidnischen, nicht in der jüdischen Königstradition.
Ist das Geld die Eucharistie des mythischen Königs (und deshalb der Kapitalismus reiner Kult ohne Dogma)? Gleicht nicht die Logik der Eucharistie der des Geldes? Und was hat Pilatus in der Messe zu suchen?
Materie ist eine Kategorie der Geld-Mystik (die Substanz des corpus mammonis mysticum).
Den biblischen Schöpfungsbericht als ein Stück politischer Theologie lesen: das dürfte auch dem „kosmologischen“ Gehalt des Schöpfungsberichts näherkommen als jeder Versuch einer naturwissenschaftlichen Interpretation.
Ist das Licht, das am ersten Tag allein durchs Wort geschaffen wurde, das gleiche, das auch dem Visionsbegriff zugrundeliegt: eher ein sprachlicher als ein optischer Sachverhalt, Grund der benennenden Kraft der Sprache, ihres „Objektbezugs“? Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ ist ein Beispiel für dieses innersprachliche „Sehen“, von dem die erkennende Kraft der Begriffe sich herleitet (woran erkennt ein Kind, daß Bernardiner und Dackel Hunde sind?), und das in der metaphorischen Sprache fortlebt (Zusammenhang der Metaphorik mit dem Angesicht: in der Metaphorik werden nicht nur die Dinge von uns, sondern auch wir von den Dingen erkannt).
Der Weltbegriff steht in der kainitischen Tradition.
Die formalisierte Logik zerstört die Grundlagen der Argumentation (der logischen Grund-Folge-Beziehung): das rührt daher, daß in der Argumentation etwas von der benennenden Kraft der Sprache noch sich manifestiert, die dann durch die Einbeziehung in die Zwangslogik der Beweisführung und deren „verandernde“ Kraft neutralisiert wird. -
22.08.92
Das Staunen Gunnar Heinsohns darüber, daß die gleiche israelitische Geschichte, die einmal Maßstab war für die altorientalische Chronologie, dann daraus gestrichen wurde, während die so entstandene Chronologie im übrigen unverändert beibehalten und dann antisemitisch genutzt wurde, paßt sehr genau zusammen mit jener merkwürdigen Geschichte, in der die christliche Theologie (die dogmatisch verstandene Orthodoxie) objektiv zu den Entstehungsbedingungen der modernen Naturwissenschaften gehört – wobei der moderne Naturbegriff ohne die christologische Logik (die den Täter exkulpierende Logik der Vergöttlichung des Opfers) nicht zu denken ist -, nicht den Naturbegriff in Frage stellt, sondern durch ihn hindurch die Theologie so verhext, daß sie, zur Unkenntlichkeit entstellt, ohne Gefahr des Einspruchs bestritten werden kann.
Die Astronomie gehört seit je zu den staatsbegründenden Wissenschaften (Kopernikus, Bodin, Kolumbus und die Hexenprozesse).
Wo liegt die Differenz zwischen einer gesellschaftlichen und einer realen Naturkatastrophe? In ihren Auswirkungen auf die Opfer kann sie nicht liegen. Worin lag die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon für die Geschichte der europäischen Aufklärung? Lag sie nicht darin, daß es sich hier um eine Katastrophe handelte, die keinen Schuldigen brauchte?
Die subjektiven Formen der Anschauung sind die subjektiven Formen der Anschauung der anderen; in ihnen bezieht sich das Denken auf das Denken der anderen; sie sind die Statthalter der anderen im Subjekt (Medium der Vergesellschaftung des Subjekts). Darin liegt ihre große Bedeutung für die philosophische Begründung des Wissenschaftscharakters der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Hier lernt das Subjekt sich selbst von außen (in den Augen der anderen) sehen. Das gehört in die Geschichte vom Sündenfall: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
Das, was im Objektivationsprozeß nach innen verdrängt wird, wird verdrängt vor der Gewalt des Äußeren, vor der das Subjekt schon kapituliert hat. Diese Kapitulation ratifiziert das Ende des Prozesses: das Barbarisch-Werden und schließlich das Verschwinden dessen, was unterm Begriff des Inneren falsch begriffen wird. Die Idolatrie und der Ursprung des Weltbegriffs bezeichnen den Anfang dieses Prozesses.
In der Diskussion der transzendentalen Logik gab es die Frage nach der transzendentalen Ableitung dieser Schreibfeder, die Aufforderung an den transzendentalen Idealismus, ihre Existenz aus den Voraussetzungen der reinen Vernunft zu konstruieren. Mit diesem Beispiel wurde auf den auch durch den transzendentalen Idealismus nicht aufgehobenen Wert der Empirie hingewiesen. Aber dahinter steckt ja doch auch noch ein anderes: Ist die „Ableitung“, die „apriorische Konstruktion“ einer Schreibfeder so denkunmöglich? Wäre sie nicht doch zu leisten durch eine Erinnerungsarbeit, die mit der Schreibfeder die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Stellung im Lebensprozeß der Gesellschaft (Zusammenhang der Schrift und ihrer Techniken mit der Urgeschichte des Staates und der Zivilisation, des Geldes, der Sprache, des Mythos, der Philosophie, der Prophetie) und den Stand dieser Geschichte in der Gegenwart, in der die Schreibfeder (dann der Füllfederhalter, die Schreibmaschine, die elektronische Textverarbeitung) ein wichtiges Indiz für die Stellung des Bewußtseins zur Objektivität und für die geistigen Produktions- (und Erinnerungs-)Bedingungen ist.
Die Ezechielstelle über Jerusalem (Vater ein Amoriter, Mutter eine Hetiterin) mit Abraham-Melchisedek, mit Davids Eroberung Jerusalems und dem Hebräer-Brief vergleichen?
Die Frage, ob das Tausch-Paradigma oder das Schuldknechtschafts-Paradigma wichtiger sei für die Gesellschaftserkenntnis, scheint mir der anderen Frage vergleichbar zu sein, ob der begriffliche Zusammenhang der Mechanik besser durchs Relativitätsprinzip oder durchs Gravitationsgesetz zu bestimmen sei. Beide Aspekte gehören zum Begründungszusammenhang ihres Objektbereichs und zum Konstitutionszusammenhangs ihres objektbegründenden Referenzsystems. – Bedeutung der Relativitätstheorien Einsteins, die zwar nicht die Lösung bieten, aber die bis heute genaueste Darstellung des Problems.
Zur Kritik der Naturphilosophie: Bezeichnet nicht der Naturbegriff seit je den Mülleimer der Philosophie: Mit dem Naturbegriff wurde der Widerspruch zugedeckt, der von der Arbeit des Begriffs nicht abzulösen ist. Wer diesen Mülleimer öffnet, muß damit rechnen, daß, was er darin sieht, nicht mehr mit der Philosophie zusammen sich anschauen läßt. Mit der Auflösung des Rätsels des Naturbegriffs löst sich die Philosophie selber auf. Seit ihrem Ursprung hat die Philosophie den Naturbegriff als Mittel ihrer Selbstkonstituierung benutzt; sie hat ihn damit der Reflexion entzogen und ihm zugleich eine Last aufgebürdet, die er zu tragen nicht imstande ist.
Wenn man die hegelsche Philosophie – das Autodafe der bisherigen Philosophie, wie Franz von Baader sie genannt hat – als die Selbstverständigung der Geschichte des Herrendenkens begreift, und wenn man das Herrendenken als die Außenseite der Theologie begreift, dann ist Adornos negative Dialektik Theologie.
Der Nationalsozialismus, die Rassenideologie, enthält wie jede Ideologie (oder auch wie jeder Wahn) einen rationalen Kern. Diesen rationalen Kern mit aufzuarbeiten, ihn mit zu reflektieren, heißt auch: ihn dadurch, daß man ihn reflektiert, ihn ins Bewußtsein hebt, zu neutralisieren, ihm seinen wahnhaften Charakter zu nehmen.
Die Tatsache, daß die hebräische Sprache kein Futur kennt, hängt mit dem Bilderverbot zusammen. Umgekehrt hängt die Existenz der futurischen Formen in den sogenannten indogermanischen Sprachen mit der Ausbildung des mythischen Denkens, mit der Geschichte der Säkularisation des mythischen Denkens durch Verinnerlichung des Schicksals, des Ursprungs und der Entfaltung des begrifflichen Denkens zusammen, bis hin zum Ursprung des Weltbegriffs, des Inertialsystems und der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Der Schritt über die vorgriechische Geschichte hinaus wird präzise bezeichnet durch die Bildung des Weltbegriffs, mit dem Naturbegriff gleichsam als Abfalleimer.
Die Wiedergewinnung des messianischen Element ist ohne die Kritik der Christologie und ihres Zusammenhangs mit dem philosophischen Naturbegriffs nicht zu leisten.
Die Entdeckung des Blutkreislaufs und die Entdeckung des kopernikanischen Systems sind gleichzeitig; sie stehen in einem Schuld-und Systemzusammenhang mit dem anatomischen Ursprung der modernen Medizin und der gleichzeitigen Geschichte der Hexenverfolgung.
Kann es sein, daß der Begriff der Arier kein stammesgeschichtlicher, sondern ein herrschafts- und sprachgeschichtlicher (Ursprung der staatenbegründenden Sprache) und damit primär ein soziologischer ist?
Ist das Wasser, dieses flüssige Element, ein Symbol der Zeit, genauer: der Zeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Futur II und dem Inertialsystem sich darstellt (der Fähigkeit, die Zukunft als vergangen zu denken)? Und wird dieses „flüssige Element“ im Relativitätsprinzip (in dem der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie gemeinsamen Prinzip) benannt? Das würde die Einsteinsche Theorie erst in den Zusammenhang ihrer realen Bedeutung stellen: So wäre sie unmittelbar auf Thales („Alles ist Wasser“) und auf den biblischen Schöpfungsbericht (Geist Gottes über den Wassern, Scheidung der Wasser durch die Feste). – Die Festkörperphysik und die Gastheorien sind Objekttheorien, während die Flüssigkeitsphysik eine Systemtheorie sein müßte. Der speditionelle Begriff des Massengutes rührt ebenso wie der damit verwandte Begriff der flüssigen (nicht festen) Materie an den Grund des philosphisch-naturwissenschaftlichen Massenbegriffs.
Der Arzt als magischer Helfer: diese Vorstellung ist ein Produkt der exkulpatorischen Delegation der eigenen Verantwortung für die eigenen Physis und die Gesundheit an einen Sündenbock; auch ein Versuch, schuldlos zu erscheinen (exkulpatorisches Element in der Krankheitslust).
Das unbekehrte Christenum ist verinnerlichte Idolatrie, die so zum Ferment des Bösen wird: daher die Bedeutung der Teufel, Dämonen, unreinen Geister und die Höllenvorstellung im Christentum.
Der Weltbegriff ist ein Begriff der Herrschaftsgeschichte, nach der Vergesellschaftung von Herrschaft, nach der Implantierung der subjektiven Formen der Anschauung im Subjekt, fast nicht mehr kritisierbar.
Die Marxsche These (aus den Thesen über Feuerbach):
Bisher haben die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern,
genauer bestimmen:
Bis jetzt steht die Philosophie unter dem logischen Gesetz des Weltbegriffs, es käme aber darauf an, sie aus dieser Verstrickung zu lösen.
Mit der Reformation hat die Kirche ihre „häresienbildende Kraft“ verloren. Seitdem schmort sie in ihrem eigenen Saft.
In dem in traditionellen Darstellungen der Logik beliebten Beispiel eines logischen Schlusses:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
wird unterschlagen, daß Sokrates sich dem Verfahren eines amtlich verordneten Selbstmords unterworfen hat. Er hat die Todesstrafe, die die polis über ihn verhängt hat, selber vollstreckt und den ihm nach seiner Verurteilung überreichten Schierlingsbecher getrunken. Das, so scheint mir, ist das Modell für das Heideggersche „Vorlaufen in den Tod“, die durch den Tod vollzogene Identifikation mit dem Kollektiv (Hegels „Substanz als Subjekt“); dieser Tod ist die Grundlage des Herrendenkens. Und die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist die Schrumpfform des philosophischen Unsterblichkeitsgedankens. Aber in dieser Konstruktion steckt zugleich das Echo aus der Geschichte vom Sündenfall: Wenn ihr von diesem Baume eßt, müßt ihr sterben, sterben. Hier wird der Tod als eine Konsequenz an eine Gestalt der Erkenntnis geknüpft, die seitdem der Grund ist für die Instrumentalisierung der Welt: die Erkenntnis des Guten und Bösen. Es ist der gleiche Prozeß, in dem über die Gestalt des sokratischen daimon und durch die Verinnerlichung der mythischen Schicksalsidee das Subjekt glaubt, aus dem mythischen Schuldzusammenhang heraustreten zu können und sich als „philosophisches Subjekt“ und als Teil der („zivilisierten“) Welt konstituiert. Die verinnerlichte Struktur des Schicksal ist zum Wesen des Begriffs geworden, unter dessen Herrschaft die Welt als Welt sich konstituiert. -
16.08.92
Eugen Drewermann (Publik Forum vom 14.08.92, Dossier: Heute muß die Reformation eine Revolte sein): Nicht nur die Reformation, sondern die Geschichte der Häresien insgesamt (seit dem Urschisma) „als ein Gegenüber zur Selbstkorrektur begreifen“, beim Protestantismus nur das Besondere: das Verschwinden der häresienbildenden Kraft.
Nicht die „Zerrissenheit“ und die „Zerspaltenheit“ der Christenheit ist der Skandal, sondern die Unfähigkeit zu begreifen, was es mit der Geschichte des Christentums auf sich hat.
Was meint D., wenn er schreibt: „Er (Jesus) wollte nicht eine Gegenbewegung dem Volk der Erwählung gegenüberstellen“?
Oder: Jesus „wollte vielmehr das intensivste, gläubigste und frömmste Anliegen der Propheten seines Volkes verdichtet wissen in seiner eigenen Person und endlich lebbar machen für die Menschen seiner Zeit und aller Zeiten“?
Und was soll der Hinweis auf die kirchlichen „Beamtenstuben“?
Oder: Die Botschaft Jesu war sehr einfach: Das Reich Gottes ist in euch …“
Oder „… er veränderte die Botschaft vom Jordan in den Dörfern Galiläas, indem er eine Sammlung an die Stelle der Bildung neuer Eliten setzte“ (gegen Johannes den Täufer?)?
Was meint D. mit dem „Kampf auf Leben und Tod“?
Oder, wenn er schreibt, daß Jesus wollte, „daß wir Gott wiederfänden als einen Bezugspunkt von Vertrauen …“?
Oder: „Ein Gott, der es regnen läßt über alle Menschen, ist kein Bezugspunkt für Ausgrenzungen, sondern für das verdichtete Gefühl von Zusammengehörigkeit“?
Wird das Wort „Richtet nicht …“ nicht neutralisiert und verharmlost, wenn man es „provokatorisch und agitatorisch“ nennt?
Das „Er ist und war ein Freund der Zöllner und der Huren“ ist gerade nicht „der eigentliche Schuldvorwurf“, sondern der erwächst aus der Tempelreinigung.
War es nicht der Fehler Luthers, gegen den die katholische Kirche (auch wenn sie es selbst bis heute nicht begriffen hat) recht hatte, daß er bei der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ und bei dem Versuch, sie für sich und die Christen seiner Zeit zu beantworten, mit den Werken auch den Zustand der Welt religiös neutralisierte, ausklammerte und verdrängte (Paradigma der paranoischen Grundstruktur: die Objektbindung des Wahrheitsbegriffs; Bedeutung der „Arglosigkeit“).
Mit dem Wort von den „zehn Geboten für die Durchschnittsmenschen“ (Gegenstück einer „elitären“ Moral der Bergpredigt?) beweist D., daß er keines der zehn Gebote begriffen hat. Es ist wirklich schlimm.
„Die vatikanische Zentrale ist die Ausbeutung schlechthin gegen jeden anderen Stand“: Hier liegt der Grund seines Antiklerikalismus. Luthers Kampf gegen den Ablaß fällt in die Zeit des Beginns der Ausplünderung Amerikas. Hier wird das Problem von der ökonomischen Realität auf die Kirche (die als Hehlerin mitschuldig ist) verschoben (Vorbild des antisemitischen Wucher-Vorwurfs).
Verräterisch der Hinweis auf die „zu wenig wohlverschlossenen Türen unseres Seelenhaushalts“: auf den Verdrängungsblock, den auch D. unangetastet läßt.
Drewermann begibt sich in einen fürchterlichen Selbstwiderspruch, wenn er in der Kirche die Folgen dessen angreift, was er selbst in ihr sucht.
Das ist nun wirklich schlimm, daß „wir als Glaubende“ nach D. „mehr wissen, als alle Päpste und Bischöfe der Kirchengeschichte zusammen“. Oder: „Aus dem eigenen Ich sprachen die Propheten …“ – Eben nicht (vgl. dagegen Rosenzweigs Bemerkung zum „Spruch des Herrn“)?
Hegels Philosophie ergreift am Ende doch die Partei des Andersseins, und erliegt damit der verandernden Kraft des Seins.
Es wäre eine Untersuchung vonnöten, die den sprachgeschichtlichen Ursprung des Seins im Kontext einer Geschichte der Grammatik ermittelt und benennt.
Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, hängt mit dem Gesetz von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen, mit der verwirrenden und ambivalenzerzeugenden Kraft des Begriffs. Wer der Eindeutigkeit des Begriffs besteht (um die Instrumentalisierung der Wahrheit dem Blick zu entziehen), wird zum Parteigänger der Herrschaft (nicht der „Macht“) und fühlt sich zwangsläufig von den Fremden und den Armen bedroht und verfolgt (weil er sie selbst bedroht, ihnen ihre Erfahrung raubt, sie zur Stummheit verurteilt).
Die kantische transzendentale Logik, die Kritik der reinen Vernunft, ist die erste Gestalt der realen Reflexion des Schuldzusammenhangs, in den das Denken selber verflochten ist.
Die Idee der Übernahme der Sünde der Welt legt der Theologie die Pflicht auf, sich in der Wahrheitssuche am Zustand der Welt zu orientieren, d.h. die geschichtliche Reflexion in sich mit aufzunehmen (die Zeichen der Zeit erkennen und beurteilen).
Aufgabe, ja Pflicht der Kirche wäre es, den Knoten endlich zu lösen, den Alexander (der erste Aristoteliker) nur duchschlagen hat.
Die Kirche braucht in der Abtreibungsfrage die rechtliche Absicherung ihres moralischen Urteils aus Exkulpationsgründen: Nur noch der rechtliche (und nicht mehr der theologische) Schuldbegriff spricht die Kirche frei von ihrer Mitschuld an Auschwitz. Aber genau hier wird der Schuldzusammenhang unauflösbar, in den jeder Versuch einer rechtlichen Selbstexkulpation hineinführt, indem er sie mit dem Opfer der Anderen erkauft (Umkehrung des Kreuzesopfers, der Pflicht zur Übernahme der Sünde der Welt). Aber in diesen Zusammenhang führt der Mechanismus jedes moralischen Urteils, das aus dem Sündenfall, der Wirkung des Baumes der Erkenntnis, sich herleitet, zwangsläufig hinein; dagegen steht das Wort „Richtet nicht …“.
Das Pflichtzölibat verletzt das Keuschheitsgebot (wie die Hierarchie das Gehorsamsgebot und das Dogma das Armutsgebot) an der Wurzel. -
15.08.92
Die „aus Furcht vor der Wahrheit erstarrende Aufklärung“ (DdA): das läßt sich heute am genauesten an der Geschichte des Christentums, der Kirche, demonstrieren.
Sind im Johannes-Evangelium „die Juden“ die Hohepriester, und ist dieser Name die Keimzelle dessen, was dann (im gleichen Evangelium) „Welt“ heißt? Und ist diese Geschichte nicht in der der drei Leugnungen (im Verhältnis der Magd des Hohepriesters zu den Umstehenden) dokumentiert?
In der Dunkelheit der Materie spiegelt sich der blinde Fleck im philosophischen Subjekt, der in der Subjekt-Objekt-Beziehung gründet.
Bezeichnen Feindes- und Nächstenliebe nicht doch nur zwei Seiten des gleichen Sachverhalts (Beziehung zum prophetischen Namen des Fremden)?
„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“: Ist das nicht eine logische Folge daraus, daß die hegelsche Weltphilosophie ihre Spitze und ihren spekulativen Kern findet im preußischen Staat? Die Einheit der Welt (des „Universums“) wird definiert durch die Einheit der subjektiven Formen der Anschauung, durch diesen namenlosen Repräsentanten des Allgemeinen im Subjekt, der selber jeder kritischen Erörterung sich zu entziehen scheint.
Die Physik ist der Garten Gethsemane (die Endgestalt des durch den Sündenfall hindurchgegangenen Garten Edens: Ist der Engel, der Jesus tröstet, der Cherub aus der Sündenfallgeschichte?).
Märtyrer und Confessores: Vorgeschichte in der Apostelgeschichte, Stephanus (der Erzmärtyrer) und sein Verfolger Paulus (Begründer der Theologie und des Bekenntnisses). Vgl. auch das Schicksal des Jakobus und des Petrus (dreifache Leugnung und Martyrium).
Die Übersetzung des Namens des Evangeliums mit dem der „guten Nachricht“ leugnet die Engel (und Radio und Fernsehen schaffen sie zusammen mit dem, was Botschaft einmal hieß, ab).
Stichwort „Engel“ und „Weltuntergang“ (ist dieser Begriff biblisch?).
Das Subjekt des Weltgerichts sind wir, auch wenn der Weltbegriff das Alibi gleich mitliefert. Und hierauf bezieht sich das Jesus-Wort „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“.
Ist nicht der Weltbegriff durch seine Beziehung zu dem der Natur endgültig böse und zugleich unangreifbar geworden?
„Gelassenheit“ ist eine ontologisch fundierte, „Arglosigkeit“ eine in der Ethik fundierte theoretische Kategorie. Was die Arglosigkeit von der Gelassenheit unterscheidet, ist das Gleiche, was die Ethik als prima philosophia von der Ontologie (und den Fremden vom Anderen) unterscheidet: die reale Vermeidung der Paranoia. Gelassen bin ich nur für mich, arglos bin ich gegenüber anderen. Gelassenheit produziert eine Mystik, die die Augen vor der Welt verschließt (und deshalb verstummt), Arglosigkeit nimmt den Zustand der Welt in die Mystik mit herein (und gewinnt so die Sprache zurück). Gelassenheit ist Entspannung, Arglosigkeit fordert die höchste Anspannung. Der Satz „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ mag für die Gelassenheit gelten, für die Arglosigkeit gilt er nicht.
Innerlichkeit als moderne Gestalt des Mythos gründet in der Logik der Beziehung von Innen und Außen (und macht die Beziehung von Im Angesicht zum Hinter dem Rücken unsichtbar).
Die Trennung der Opfertheologie vom Nachfolgegebot begründet den kirchlich-sakramentalen Verwaltungs- und Konsumzusammenhang und zerstört die Gnadenlehre von innen. Sie ist der Grund der Ausblendung der Welt aus der Religion und des abgespaltenen und abgesonderten Bekenntnisses, das dann gleichgültig gegen seinen Inhalt wird und nur noch (fundamentalistisch) autoritär zu begründen ist. -
06.08.92
Denn sie essen das Brot der Gottlosigkeit und trinken den Wein von Gewalttaten. (Spr 417)
Er wird den Gewalttätigen schlagen mit dem Stab seines Mundes und mit dem Hauch seiner Lippen den Gottlosen töten. (Jes 114)
Staat und Sinnlichkeit, oder Ableitung der Sexualmoral: Die Abtreibungsdebatte fördert es zutage, daß es in allen Rechtsverhältnissen um die Anerkennung von Besitzansprüchen geht. In der Abtreibungsfrage geht es darum, wer Besitzansprüche gegen den Fötus geltend machen kann: der Staat oder die Frau. So erweitert der Staat sein Gewaltmonopol bis in den Schoß der Frau. Und die sexuelle Lust steht gleichsam in Konkurrenz zur Gewaltlust des Staates (zur Verletzbarkeit seiner Eigentumsansprüche); deshalb war sie als Träger der (vorweltlichen) Erbschuld zu kriminalisieren. Und die Gewaltlust des Staates wurde zum Ursprung und Modell jeglicher Vergewaltigung.
Begriffe sind Verkörperungen des Gewaltmonopols des Staates, unkenntlich gemachte Vergewaltigungen der Sprache.
Vernunft und Sexualität verhalten sich zueinander wie Welt und Natur; als getrennte gründen beide in Gewalt.
Die Vorstellung von einer schöpferischen Kraft der Natur ist phallokratisch.
Die Heiligengestalt der virgo entstammt einer Zeit, in der den Menschen das Bewußtsein der Erbschuld noch präsent war. Und der Vollständigkeit halber wird man sagen müssen, daß auch die Kirche die Lehre von der natürlichen Unschuld nie akzeptiert hat; Beweis: die Kindertaufe.
Wollte man heute die virginitas dem Verständnis näherbringen, so müßte man anstatt von Unschuld von Keuschheit reden. Keuschheit aber ist keine Naturqualität, sondern eine ausgesprochen soziale und moralische. Und Keuschheit steht nicht einer direkten, gleichsam intentionalen Beziehung zur Sexualität, sondern in einer reflektierten; sie ist vor allem eine Qualität der politischen Praxis, aber eine fast nicht mehr auffindbare, nicht mehr erkennbare. Ich glaube, man kommt der Sache näher, wenn man Keuschheit im Kontext von Gewalt und Gewaltfreiheit begreift und zu bestimmen versucht. Keuschheit hängt eher mit Arglosigkeit (und ihrer Beziehung zur Unschuld) zusammen als mit jener Unschuld, die sich ausschließlich durch ihre Beziehung zur Sexualität definiert. Dafür ist die Kirche nun wirklich der schlagende Beweis, daß es eine sehr unkeusche Art der sexuellen Enthaltsamkeit gibt.
Keuschheit ist einer der drei evangelischen Räte (die alle sich auf das Leben im Angesicht Gottes beziehen). Die beiden anderen sind Gehorsam und Armut: die Fähigkeit zu hören (das Eingedenken, die Erinnerung) und das reflektierte Verhältnis zum Geld und zu den durchs Geld bestimmten Verhältnissen (Übernahme der Sünde der Welt). Das Verständnis der Keuschheit wird erschwert durch die das Bewußtsein beherrschende Funktion der Naturwissenschaft (Inbegriff der Unkeuschheit?). „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“: das ist der Ausgangspunkt. Die Keuschheit ist eine Weise des Umgangs mit dieser Nackheit, ein Reflex der Scham, der Fähigkeit, sich in den Augen der Anderen zu sehen. Die Scham, die Furcht, nackt und bloß da zu stehen, bezeichnet einen sozialen Sachverhalt: Kinder schämen sich für ihre Eltern; Eheleute schämen sich für einander; wir schämen uns, Deutsche zu sein. Scham ist ein Reflex der Erkenntnis, von anderen gesehen zu werden: ein Reflex der Erfahrung, als Objekt (gleichsam hinter dem eigenen Rücken oder im Stande der realen Schuld) gesehen zu werden. Grundlage fürs Verständnis der Keuschheit ist das Begreifen, wie sich die Nacktheit von der sexuellen Sphäre in alle Lebensverhältnisse verlagert und ausbreitet, und zwar ausbreitet im Prozeß der Objektivation, der das Maß abgibt für den weltgeschichtlichen Stand von Scham und Keuschheit.
Ist nicht das Bild des Objekts, das der Begriff der Natur uns vor Augen stellt, das Bild absoluter Schamlosigkeit (wie sich leicht anhand der Stellung des Objekts in der transzendentalen Logik nachweisen läßt)?
Obszön ist die Abtreibungsdebatte, die ein Problem der Sexualität (letztmals?) zur Rechtfertigung der Gewalt mißbraucht.
Die Vorstellung, Kinder seien unschuldig, ist insoweit zynisch, als sie die Kinder mit ihrer realen Schulderfahrung allein läßt. Ebenso ist allerdings die kirchliche Lehre von der Erbschuld zynisch, weil sie den Kindern die ganze Last der Sünde der Welt aufbürdet, anstatt endlich dem Nachfolgegebot zu gehorchen und sie selber zu übernehmen.
Adornos Hinweis auf den Einschulungsschock und seine Funktion im Hinblick auf die Genese des Antisemitismus greift – wie mir scheint – noch zu kurz: Der Zustand, in den unser Schulwesen gegenwärtig hineintreibt (vom Zustand des zu vermittelnden Wissensstandes bis hin zu den objektiven Bedingungen wie numerus clauses, Leistungsprinzip, Elterndruck), prolongiert den Einschulungsschock; das scheint überhaupt den gegenwärtigen Weltzustand zu definieren: Schock als andauernder Weltzustand (wichtig für die Rezeption Benjamins).
Beachte das Verhältnis von Schule, Kinder und Musik, das das eines Opfergangs geworden ist. Die BILD-Zeitung und der Zustand der Konsum-Musik heute sind die schärfste Anklage gegen den Zustand unseres Schulwesens.
Der Begriff des Anstands hilft nur, den Schein zu wahren, während der des Takts die Sensibilität für den Umgang mit fremder Scham bezeichnet. Leute, die auf Anstand pochen, sind in der Regel taktlos.
Sind Petrus und Paulus (?) Namen, die sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen unmittelbar verständlich sind?
Zu den Insignien der Herrschaft gehören neben dem Thron die Krone, das Zepter und der Reichsapfel:
– Der Reichsapfel war das Bild der Welt, deren Einheit durch Herrschaft definiert wurde, war er auch Modell für das Bild des Apfels, den der Tradition nach Eva Adam reichte? Ist die Frucht des Baumes der Erkenntnis der Ursprung des Weltbegriffs?
– War das Zepter ein Phallussymbol (vgl. das Buch Esther)?
– Und welche Bedeutung hatte die Krone?
Die Astronomie seit Kopernikus (seit dem altorientalischen Sternendienst?) gleicht dem Versuch, Anthropologie anhand von Zinnsoldaten zu studieren. -
21.07.92
Das „memento mori“, auf das sich T.R.Peters mehrfach bezieht (ebenso die mehrfache Kombination „der Tod und die Toten“, „Tod und Auferstehung“, auch das Eucharistieverständnis) weist zurück auf das „memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris“, das sich wiederum der Fluch über Adam: „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“ bezieht. Hierzu aber wäre darauf hinweisen, daß dieser Fluch
– sich nur an Adam, nicht an Eva richtet, und
– in dem Fluch über die Schlange: „Auf dem Bauche wirst du kriechen und Staub sollst du fressen“, ein bedenkenswertes Echo findet (Adam nährt mit dem Staub, zu dem er wird, die Schlange).
Vor diesem Hintergrund erscheint die Vermutung begründet, daß das memento mori weniger an den Tod, den man selbst erleiden wird, gemahnt als an den, den der erleidet, der ihn anderen antut (am Ende durch Anpassung an die Welt, durch die Nutzung und den Gebrauch der Todesmaschinerie, die die Welt für alle ist): Es wäre ein sehr präzises antipatriarchalisches memento. Rosemary Radford Ruethers These, daß nicht in der Sexualität, sondern im Sexismus (den die kirchliche Sexualmoral bewußtlos, jedoch mit wachsendem Zynismus fördert) die Erbschuld sich fortpflanzt, würde hier ihre Begründung finden. Auch die Gethsemane-Geschichte wird durchsichtiger. Aber welch ungeheure Bedeutung gewinnen dann
– der Satz: „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 86) und
– die jesuanische Übernahme der Sünde der Welt?
Vgl. das alte Beispiel einer logischen Konklusion:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
Die Frage, ob es sich hier um einen induktiven oder deduktiven Schluß handelt, ist müßig: der Schluß ist nicht durch die Beziehung auf alle Menschen, sondern durch die auf Sokrates, dessen Denken (durch Berufung auf seinen Dämon: durch Verinnerlichung des Schicksals) die logische Äquivalenz von Einheit und Allheit (und damit den Begriff des Allgemeinen) überhaupt erst begründet hat, „wahr“.
Bedeutung für die Abtreibungs-Diskussion: Nicht das letzte und schwächste Glied, sondern der Ursprung: die Solidarität mit der Welt (der Grund der logischen Äquivalenz von Einheit und Allheit), die alle zu Mördern macht, wäre zu kritisieren.
Und Zusammenhang mit dem geschichtstheologischen Status des Islam: Erst im Islam ist Allah nicht mehr nur barmherzig, mächtig, weise o.ä., sondern der Allbarmherzige, der Allmächtige, der Allweise (Konsequenz aus der logischen Äquivalenz von Einheit und Allheit). Dagegen scheint die (blasphemische) Allwissenheit eine christliche Prägung zu sein; Grund dafür, daß heute alle mit sich identisch sein wollen: nur so werden sie Gegenstand des Wissens, dessen Herr allerdings nicht Gott, sondern der Dämon ist. Das haben bis heute außer dem heiligen Franziskus nur Benjamin und Adorno gewußt. -
15.06.92
Das Adornosche Konzept einer Säkularisation theologischer Gehalte ist zweideutig: Vergessen wird, daß der innere Motor des Säkularisationsprozesses selber bereits Produkt einer Säkularisation theologischer Gehalte ist, der christlichen Theologie-Geschichte sich verdankt. Mit der Folge, daß es heute generell (auch unter den Schülern Adornos) nur noch theologische Halbbildung gibt: nichts mehr, was sinnvoll auf seinen rationalen Gehalt sich zurückführen ließe. Das „theologische Erbe“, auf das Adorno sich bezog, war nicht mehr nur „klein und häßlich“, wie Benjamin schon notierte, sondern für die Nachkriegsgeneration schlicht inexistent. Übriggeblieben waren nur die „theologischen Mucken“ der Ware, und deren Säkularisation war ja wohl nicht gemeint.
Das Schuldbekenntnis ändert ebensowenig die Tat wie das Glaubensbekenntnis die „Tatsachen“.
Ist nicht bereits die Trinitätslehre das erste Resultat der falschen Säkularisation (Produkt der Brechung der Theologie im Medium des Weltbegriffs: der Philosophie und des Rechts) und deshalb nicht mehr säkularisierungsfähig? Und sind nicht diese Rechenkunststücke von ein Wesen und drei Personen, eine Person und zwei Naturen, Nebenfolgen dieser Brechung? Kommt man der Sache nicht näher, wenn man Begriffe wie Substanz, Person, Natur als im historischen Prozeß – in einer konkreten Situation und in einem genau bestimmbaren Kontext – entsprungene Begriffe begreift und diesen Ursprung in ihr Verständnis mit hereinnimmt. Genau diese Begriffe sind es, die als unreflektierte den unreflektierten Weltbegriff und mit ihm den geschichtlichen Schuldzusammenhang in die Theologie hereingebracht haben (und Ursache dafür sind, daß christliche Theologie heute zum Prototyp theologischer Halbbildung geworden ist).
Die Trinitätslehre hat einmal dazu verholfen, den Weltbegriff zu stabilisieren, an den sie gebunden ist. Dagegen bedurfte es der Trinitätslehre nicht mehr, nachdem diese Aufgabe vom Inertialsystem übernommen wurden (d.h. nach Begründung der naturwissenschaftlichen Aufklärung). Und genau das Inertialsystem ist Produkt der Säkularisation der Trinitätslehre. In diesem Prozeß ist der moderne Naturbegriff entsprungen. Seitdem ist die Theologie leer, tot und stumm geworden wie der Raum. Die Trinitätslehre wäre wirklich obsolet, wäre sie nicht die versteinerte Erinnerung an eine bis heute unbegriffene Vergangenheit. Und genau daran hätte sich die Erinnerungsarbeit abzuarbeiten, die heute allein noch Theologie heißen darf.
Die Selbstverfluchung (in der Geschichte von den drei Verleugnungen) ist ein Resulat jenes Prozesses, auf den sich das Gebot „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ bezieht: In dem Maße, in dem die Kirche als richtende Instanz sich begreift, richtet sie sich selber. „Wer dieses Brot unwürdig ißt und diesen Wein unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht.“
Person und Schuld: Als Person bin ich freigesprochen vom gesellschaftlichen Schuldzusammenhang und nur für mein eigenes Handeln verantwortlich. Rührt dann nicht Auschwitz an die Grundlagen des Personbegriffs?
Die Verdrängung der „Schuldgefühle“ dort, wo ich nichts ändern, nicht eingreifen kann (eigentlich in der gesamten beruflichen und politischen Sphäre, ebenso im Verhältnis zur Vergangenheit und zur Natur), ist der Tod der Sensibilität, der Tod der Erfahrungsfähigkeit: Grund der kollektiven Amnesie. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ist imgrunde eine Flucht vor der Zumutung der Schuldreflexion, die sich dann faschistisch als Heroismus verkleidet. Die pompöse Vorstellung, die wir mit dem Begriff der „Übernahme der Sünde der Welt“ verbinden, täuscht uns selbst insbesondere darüber hinweg, daß es sich hier um den ganz schlichten Grund der Erfahrungsfähigkeit handelt. Die benennende Kraft der Sprache ist nicht zurückzugewinnen ohne die Fähigkeit zur Reflexion von Schuld.
Das „Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden“ erinnert an das projektive Moment im Materiebegriff, wobei an den Namen der Materie, an den Zusammenhang mit „mater“, zu erinnern ist. Liegt hier der Grund für den Zusammenhang zwischen Rousseaus Naturbegriff und dem Inzestmotiv in seinen Bekenntnissen? Und verweist das nicht zugleich auf die Konstellationen, aus denen die Hexenverfolgung entstanden ist?
Das katholische Schriftverständnis scheint der Tendenz nicht mehr sich entziehen zu können, alles ins Banale und Erbauliche übersetzen zu müssen, um nicht an das erinnert zu werden, worauf es eigentlich ankäme.
Wenn bei Augustinus das Glück der Seligen im Himmel den Anblick der Leiden der Verdammten mit einschließt, so ist das die genaue Umkehrung des Realgrundes des Christentums: der Sensibilisierung durch die Übernahme der Sünde der Welt (vos estis sal terrae). Hier wird ableitbar und kritisierbar, weshalb Augustinus die Erbschuld in die sinnliche Lust verlegen muß. Auch die verdinglichende Trennung von Leib und Seele, mit den merkwürdigen Ursprungskonzepten im Hinblick auf die Einzelseele, überhaupt der objektivierende (und instrumentalisierende) Erkenntnisbegriff gehört hierher. Diese Trennung ist mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften obsolet geworden; sie ist (mit der Trennung von Welt und Natur) in ihren Ursprung zurückgekehrt: in die Herrschaft des Raumes über die Erkenntnis und die Urteilsform, den Inbegriff der Erbschuld und die Verkörperung des Baums der Erkenntnis
Die kantische Unterscheidung von Schul- und Weltphilosophie und sein (bei Hegel sich entfaltendes) Votum für die Weltphilosophie ist die Grundlage und die Voraussetzung für die Konzeption der transzendentalen Ästhetik, insbesondere für das Konzept der subjektiven Form der äußeren Anschauung. Genau darin, in der subjektiven Form der äußeren Anschauung, manifestiert sich die unreflektierte (und fast unreflektierbare) Gewalt des Weltbegriffs über das Denken. Die Form der äußeren Anschauung ist gleichsam der Statthalter des Urteils der anderen im Einzelsubjekt. Und dieser Statthalter des Allgemeinen ist kommunikativ oder – wie Kant selber nachgewiesen hat – mit den Mitteln der Beweislogik nicht mehr zu erschüttern. Das einzige, das Kant festgehalten hat, was dann aber gründlich verdrängt wurde – nicht zuletzt mit Hilfe der scheinbaren Auflösung des Problems durch Hegel -, findet sich in den Antinomien der reinen Vernunft. Hier begründet er die Subjektivität der Formen der Anschauung mit dem Nachweis, daß die Fragen, ob der Raum endlich oder unendlich ist, oder ob die Zeit einen Anfang hat oder auf eine unendliche Vergangenheit zurückweist, mit den Mitteln der Beweislogik nicht entscheidbar sind. Dieser Nachweis der Subjektivität eröffnet den Raum zur Begründung der Freiheit (im Gegensatz zum Naturbegriff) und damit der praktischen Vernunft.
Freiheit, die mehr ist als das liberum arbitrium, läßt sich nur im Kontext der Reflexion von Schuld begründen.
Jede Apologetik enthält dadurch, daß sie sich der Logik des Diskurses, der Beweislogik (Kommunikation und Öffentlichkeit) bedient, etwas von der Identifikation mit dem Aggressor, nimmt von ihm etwas in sich hinein. Unter diesem Aspekt wäre die Geschichte der Theologie als Teil der Geschichte der drei Leugnungen zu begreifen.
Die Theologen: Sind das nicht die falschen Freunde Hiobs?
Der Begriff der Welt definiert das Eine als das Andere des Anderen, er schließt die Leugnung des Einen mit ein. -
13.06.92
„Ich werde niemals den warmherzigen Empfang in Panama vergessen.“ Präsident George Bush auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Albrook, nachdem er zuvor in Panama-Stadt von Demonstranten mit Kokosnüssen beworfen worden war und eine Rede abbrechen mußte. („Aufgespießt“ in der Frankfurter Rundschau vom 13.06.92) -Handelt es sich hier nicht um eine Sprachregelung, die mehrere Zwecke gleichzeitig erfüllt:
– PR: die negative Erfahrung soll abgespalten, isoliert, privatisiert, jedenfalls vom öffentlichen Gebrauch (insbesondere im Hinblick auf den gegenwärtigen Wahlkampf) ausgeschlossen werden;
– aus Gründen, die mit der Instrumentalisierung des eigenen Selbstbildes zusammenhängen, muß G.B. die eigene Erfahrung verdrängen, um seine Rolle als Präsidentenschauspieler weiterspielen zu können (Politiker-Syndrom); nicht auszuschließen, daß er es am Ende selber glaubt (vgl. den hEV im hessischen Gesamtschulkonflikt);
– in diesem Kontext gewinnt Bush’s im Golfkrieg präsentiertes Konzept einer „neuen Weltordnung“ (auch die reale Führung des Golfkrieges im Verhältnis zu seiner öffentlichen Vermittlung) einen neuen, direkt apokalyptischen Sinn: diese „Weltordnung“ ist keine reale Ordnung mehr, sondern ein (dem zwangsneurotischen Selbstbild entsprechendes) Bild der Welt, dessen Durchsetzung nur mit Mitteln der PR und – begleitend oder alternativ – der massivsten Gewalt noch möglich ist. Konsequenz: Diese „neue Weltordnung“ ist nicht Ergebnis eines „letzten Krieges“, sondern wird sein Ursprung sein. Hier, in diesem Syndrom (das aus der der philosophischen zugrundeliegenden politischen Geschichte des Universalienstreits sich ableiten läßt), liegt der Ursprung und die Legitimation der explosiv sich ausbreitenden Rüstung in der Folge des zweiten Weltkriegs.
Nachdem die SPD nach der Wende nicht in der Lage war, insbesondere in der öffentlichen Selbstdarstellung Kohls diesen Sachverhalt zu durchschauen (und zum Gegenstand öffentlicher Kritik zu machen), scheint sie ihm selbst endgültig verfallen zu sein; auf dieser Basis gibt es in der SPD nur noch Karriere-Politiker (die die innerparteiliche Ochsentour nur mit Hilfe der gleichen Mittel bestehen konnten), gibt es (innerparteilich und im Verhältnis zu den Konkurenz-Parteien) nur noch Intrigen und Häme, aber keine Kritik mehr.
Ist das Poltiker-Syndrom nicht doch nur die Potenzierung eines an die subjektive Form der äußeren Anschauung gebundenen Subjekt-Syndroms? Und ist die Affinität von Sprachregelung (Er-nennungsbefugnis) und Gewalt, die Hannah Arend u.a. an Eichmann diagnostiziert hat, nicht der Grund des faschistischen Syndroms?
Wie hängen das Politiker-Syndrom, Bushs Neue Weltordnung und Kohls „Versöhnung über Gräbern“ miteinander zusammen?
Nach der Lektüre des Interviews mit Herbert Schnädelbach (in: Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno. S. 54f): Kann es nicht sein, daß, was als angeblich Überholtes in Adorno hineinprojiziert wird, Konsequenz der heute erstmals durchschaubar zu machenden verdrängten Beziehung zur Natur ist? Damit hängt es auch zusammen, daß, was Adorno Säkularisation aller theologischen Gehalte genannt hat, im Kontext der theologischen Halbbildung, die im Umkreis der christlichen Tradition unvermeidbar war, einfach nicht verstanden werden konnte. Frage: War eine Weiterführung der „Kritischen Theorie“ im überkommenen akademischen Rahmen und ohne konkrete und inhaltliche Reflexion der theologischen Tradition überhaupt möglich?
Vielleicht wäre es doch einmal interessant, die Strategien der Selbsterhaltung bei den Adorno-Schülern mit den Denkblockaden in ihren Konzepten zu vergleichen: wie hier selbst noch die Erinnerung an den personalisierten Adorno als Verdrängungshilfe genutzt wird. -
29.05.92
Ist nicht die „Gottesruhe“ (Augustinus), das selige Ruhen Gottes in sicher selber, die Kehrseite des Gottesschreckens, den der „selige“ Gott in der Geschichte des Christentums nach außen verbreitet hat?
Hinweis des Augustinus darauf, daß das Kreuzeswort Jesu „Es ist vollbracht“ und die anschließende Grabesruhe dem Ende des Schöpfungswerks und der Ruhe am siebten Tag korrespondiert. Ergibt sich daraus nicht der natürliche Schluß, daß das Christentum insgesamt dann den drei Tagen im Grab (dem Zeichen des Jona) entspricht?
Neutralisiert die Unterscheidung der Erkenntnis vor, in und nach der Sache (die spätere analogia entis) nicht die Bedeutung der Umkehr für die Erkenntnis (Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang), den Begriff der Prophetie (Grund seiner Umwandlung in Allegorie)?
Es gibt kein Feindbild ohne projektives Element. Und der Götzendienst hat genau diese Funktion: das projektive Element abzustützen, das Feind- (und Herren-)denken zu exkulpieren. In der Philosophie wird dieses projektive Element über den Begriff der Materie, in der Theologie durch die Allegorie, die Vorstellung des Teufels und der Hölle und durch den Zusammenhang von Bekenntnis und Frauenfeindschaft, in der objektiven Realität selber verankert (Grundlage und Reflex des Weltbegriffs).
Die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik gehört zum System der transzendentalen Logik; sie unterliegt selber der moralischen Urteilslust, dem Empörungs-, dem Feinddenken, die sie in der Gesinnungsethik denunziert. Die bloße Gesinnung ist in der Tat bloß Ausdruck des ohnmächtigen Exkulpationswunsches, der durch die Verurteilung des andern glaubt, sich selbst reinwaschen zu können (Sündenbockmechanismus). Sie kommt zu sich selber erst im Verzicht auf Exkulpation: im Kontext der Gottesfurcht. Diese neue Gestalt der Gottesfurcht war das Feuer, das Jesus auf die Erde bringen wollte, und von dem er wünschte, es brennte schon.
Die Vergegenständlichung des Lichts ist mit der Elektrodynamik erkauft. Das am ersten Tage geschaffene Licht hat weniger mit dem physikalischen Objekt als vielmehr mit dem Beginn (der Potenz) der Einsicht zu tun. Das Licht ist das Medium des Angesichts. Extreme des Angesichts: das Lachen und der Schrecken.
Das ist der entscheidende Einwand gegen Heidegger: es gibt keine objektlose Angst; oder anders: es gibt keine Angst ohne Objektbezug. Insofern ist die Angst ein Sinnesimplikat der transzendentalen Logik (ihres apriorischen, aber leeren Objektbezugs) und vom Geltungsbereich der Begriffe Natur und Welt nicht abzulösen. Gegenstand der Angst ist der Tod; und die heideggersche objektlose Angst ist ein Produkt seiner „Entschlossenheit“, des „Vorlaufens in den Tod“, sie ist der Preis für die „Eigentlichkeit“. Der Tod wird immer nur als Tod anderer erfahren. Der eigene Tod ist nicht erfahrbar. Soweit ich mich im eigenen Tod erfahre, erfahre ich mich nur durch Reflexion: als Anderer für Andere. So ist die „Erfahrung“ des eigenen Todes nur ein Sinnesimplikat meines In-der-Welt-Seins. Aber: Stark wie der Tod ist die Liebe. Und Adornos Satz: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist, wäre insoweit auch auf diese Beziehung von Angst und Tod anwendbar. – Ist die heideggersche „Entschlossenheit“ nicht doch nur der Kult des Selbstmitleids?
Stark wie der Tod ist die Liebe: Schließt das nicht eine neue Gestalt der historischen Erkenntnis mit ein, nämlich als Erinnerungs- und Trauerarbeit. Und ist nicht diese Erinnerungs- und Trauerarbeit im Credo vorbezeichnet in dem Satz: abgestiegen zur Hölle.
In der objektlosen Angst, in der Entschlossenheit und in dem Vorlaufen in den Tod, sowie im Begriff der Eigentlichkeit hat Heidegger etwas von der Innenerfahrung der Arbeit des Begriffs erhascht.
Hoffnung ist uns allein um der Hoffnungslosen willen gegeben: das ist der Anspruch, den die Toten an uns haben.
Entspricht nicht der Feste oben (zweiter Tag) das Trockene unten (dritter Tag)?
Sed libera nos a malo, muß das nicht heißen: sondern befreie uns von der (von unserer) Bosheit.
Kritik des Dogmas, oder die Entkonfessionalisierung der Kirche.
Der Unsterblichkeitsglaube hat das Selbsterhaltungsprinzip in die Theologie eingeschmuggelt.
Hat der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen etwas mit dem Geld (mit der erkenntnisleitenden Funktion des Geldes in der durch Eigentum definierten Gesellschaft: mit der Geltung des Selbsterhaltungsprinzips) zu tun?
Sind nicht die drei Verleugnungen des Petrus eigentlich Identifikationen mit dem Aggressor, d.h. gleicht Petrus sich nicht durch die Verleugnungen dem anklagenden Prinzip, das von der Magd des Hohepriesters und den Umstehenden vertreten wird, an (bis hin zur Selbstverfluchung)? Beginnen die Verleugnungen nicht mit der Opfertheologie, mit der falschen Übersetzung des „tollere“ im „ecce, qui tollit peccata mundi“ (und ist die Figur des Täufers in diesem Zusammenhang auch typologisch zu begreifen: ist er der Hahn; Geschichte des Herodes; Verhältnis von Wasser- zu Geisttaufe)?
Die Feindesliebe und die Erneuerung des Antlitzes der Erde. -
22.05.92
Wird nicht die Theologie des Augustinus erst dann durchsichtig, wenn man sein Konzept aus dem Referenzsystem der bürgerlichen Konkurrenz und Selbsterhaltung herausnimmt und auf das Problem der objektiven Erlösung der Welt bezieht, oder: wenn man die Gottesfurcht mit hereinnimmt, dazu dann allerdings auch den letzten Satz des Buches Jona. Ist nicht die Untersuchung über die Gnadenlehre von 397 ein nur leicht entstellter Traktat über die Gottesfurcht (Ausgangspunkt, daß man sich der Gnade nicht rühmen darf, mit der besonderen Problematik, daß das Thema an einen Bereich rührt, der einer „objektiven“ Darstellung nicht fähig ist)?
Dämonische Züge gewinnt dieses augustinische Konzept aus den Prämissen, die eigentlich erst nach ihm sich durchgesetzt und verstärkt haben: aus dem Gemisch von Ohnmacht, Selbstmitleid, Konsumentenhaltung oder aus dem gleichen Grund, den Adorno einmal so zutreffend beschrieben hat: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben in der Lage ist“. Dieser Habitus der Ohnmacht im Entscheidenden, der zusammenhängt mit der Enttäuschung der Parusieerwartung, die Martin Werner als eine der Ursachen des Dogmatisierungsprozesses nachgewiesen hat. Er rührt her aus der Welterfahrung unter den Prämissen des Römischen Reiches. Zu untersuchen wäre generell, in welcher Gestalt und auf welchen Wegen der Weltbegriff in die Theologie sich einschmuggelt und zu welchen Folgen in der Theologie das geführt hat. Es ist die gleiche Ohnmacht, die im Weltbegriff sich vergegenständlicht und der die gleiche minimale Verschiebung sich verdankt, die dann die christliche Sexualmoral begründet und geformt hat, und zwar im Kontext jenes Problems, das in Begriffen wie iustificatio (Rechtfertigung oder Gerechtmachung?) und confessio (Problem der Bekenntnislogik) sich anzeigt.
Am Ende wäre dann auch noch auf den postapokalyptischen Jonas zu verweisen, insbesondere auf den letzten Satzes des Buches Jona („Wie sollte ich mich nicht erbarmen …“). Und ist nicht in der Tat Jona die Kirche:
– die von Anfang an sich geweigert hat, ihren prophetischen Auftrag an Ninive, „die große Stadt“, anzunehmen,
– die nach Tarschisch fliehen wollte, ins Meer geworfen und vom Fisch gefressen wurde, in dessen Bauch sie ihren Lobgesang anstimmt, wieder ausgespien wird, nach erneutem Auftrag eine Tagesreise nach Ninive hereingeht und dort verkündet: „In vierzig Tagen wird Ninive zerstört“.
Und dann kommt die ganze Nachgeschichte, Gottes Erbarmen und der Hader Jona’s mit Gott, den Gott mit seinem Hinweis auf sein Erbarmen beendet.
Es geht beim Augustinus nicht um die Synthese von Gnade und Freiheit, und wer auf den manifesten Sinn der augustinischen Erörterungen sich einläßt, ist schon verloren.
Sind nicht die Erörterungen des Augustinus in erster Linie Erörterungen zum Problem der Gottesfurcht, und werden sie nicht zwangsläufig mißverstanden, wenn man sie unter dem Stichwort Gnadenlehre liest?
Das Problem des Augustinus scheint mir darin zu liegen, über das Nichtrühmen das „Richtet nicht …“ in die Gnadenlehre hereinzubringen.
Kommt nicht das Problem auch dadurch, daß A. ein typologisches mit einem historischen Problem (oder ein prophetisches mit einem philosophischen) verwechselt?
Die Ethik ist eine Richtschnur des Handelns; zu einem Element der Erkenntnis wird sie in dem Augenblick, in dem sie als Grund des moralischen Urteils nicht mehr verwendbar ist, d.h. wenn sie reflektiert und bewußt aufhört, Wertethik zu sein.
Ich bin zweimal beim Versuch, eine Dissertation zu schreiben, gescheitert:
– das erstemal an Max Schelers Wertethik, deren obszöne und blasphemische Strukturen herauszuarbeiten gewesen wären;
– das zweitemal an einer Arbeit über Hume, an dessen radikalem Empirismus ich die Probleme des kantischen und hegelschen Erkenntnisbegriff noch einmal aufarbeiten wollte (Zusammenhang von Ich-Identität und Dingbegriff).
An beiden bin ich gescheitert.
Hat dieser Begriff des Scheiterns etwas mit dem Scheiterhaufen zu tun? Jedenfalls verdanke ich es Karl Jaspers, wenn ich das Scheitern nicht nur als etwas Negatives erfahren habe, wenngleich ich den gleichen Horror vor der jasperschen Heroisierung des Scheiterns habe. Mir scheint es käme eher darauf an, eine Theorie des Feuers aus dem Begriff des Scheiterns zu entwickeln, in dem Sinne, in dem Franz von Baader einmal die hegelsche Philosophie das Autodafe der bisherigen Philosophie genannt hat.
Die Theorie des Feuers als Entfaltung einer Theorie der rettenden Kritik: Diese Theorie fände sich dann in der Theologie als Lehre vom Heiligen Geist wieder. Eines ihrer ersten Objekte wäre die verdinglichte Feuerlehre der vergangenen Theologie: die Lehre von der Hölle und vom Fegefeuer (vgl. Le Goff)
Erinnerung an Karl Kraus, an „Die letzten Tage der Menschheit“, in denen er das Wiener Cafehaus zugleich als Logenplatz des Weltuntergangs und Produktionsstätte der Phrase, die die Welt in Brand gesetzt hat, vor Augen führt. Dieses Cafehaus definiert letztmals die Grenze von Fegefeuer und Hölle und markiert genau ihren historischen Ort. Und sind nicht „Die letzten Tage der Menschheit“ die Probe aufs Exempel jener Stelle im Jakobusbrief, die von der menschlichen Zunge handelt, und sind diese Zungen nicht wieder ein Exempel für die Feuerzungen im Pfingstereignis der Apostelgeschichte? Dazu das Jesus-Wort „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“.
Die Logik des Schreckens ist die Logik des Bekenntnisbegriffes. Sie hängt zusammen mit der Beziehung von Lachen und Schrecken, und das wäre zu entfalten.
Das Bilderverbot richtet sich gegen die Trägheit des Vorstellens, somit auch gegen die Mathematik: Läßt sich deren Beziehung zur Sprache vielleicht einer Theorie des Feuers bestimmen?
Ursprung und Folgen der Sexualmoral: Verwechseln heut nicht alle den Kampf mit den Windmühlen mit dem Kampf gegen den Drachen?
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