„Kritik der toten Natur“: Hier wurde ein zentrales Thema der heute möglichen Naturphilosophie mehrfach verfehlt.
– Nicht „die tote Natur“, sondern ihr Begriff wäre der Kritik zu unterziehen (nicht das Proletariat, sondern das System, das es dazu macht).
– Die „tote Natur“, oder die Natur im Zustand der vollendeten Naturbeherrschung, ist ein Deckbild der toten Gesellschaft; und die notwendige Kritik beider schließt die Kritik ihrer Genesis: die der Herrschaftsgeschichte mit ein. Es gibt keine „tote Natur“ außerhalb der Naturbeherrschung und keine Naturbeherrschung ohne Herrschaft in der Gesellschaft.
– Wer die Erfahrungen der Opfer zum Sprechen bringen will, muß die stumme Erfahrungsschicht mit zum Sprechen bringen, die uns in der „äußeren Natur“ vor Augen steht. Ist die Natur stumm, weil sie tot ist, oder erscheint sie uns (zwangsläufig und ohne daß eine Alternative sich konstruieren oder benennen ließe) als tot, weil sie stumm ist?
– Man kann keine Herrschaftskritik betreiben, ohne die Geschichte der Naturbeherrschung und deren Objekt mit einzubeziehen.
– Begriffliche Schneisen schlagen: Gibt es eine Definition des Naturbegriffs? Die einfachste, auf die sich das Problem heute zu reduzieren scheint, ist die, die die Definition des Weltbegriffs mit einschließt: Der Begriff der Welt bezeichnet das Resultat des Säkularisationsprozesses, den Inbegriff der Herrschaftsgeschichte, dessen (in der hegelschen Philosophie sich begreifende) begriffliche Seite, der Naturbegriff im gleichen Prozeß die Objektseite (daher rühren die hegelschen Schwierigkeiten, die Natur als „Entäußerung der Idee“ zu fassen, die ihn dann zwingen zuzugeben, daß sie „den Begriff nicht halten kann“; die Natur kann ihn aufgrund der Logik ihres Begriffs nicht halten: das Objekt ist als apriorischer Gegenstand des Begriffs dazu verurteilt, den Begriff nicht halten zu können). Die Begriffe Welt und Natur sind außerhalb der Herrschaftsgeschichte ohne Bedeutung, sie bezeichnen in ihr die begriffliche (die Subjekt-) und die Objekt-Seite als getrennte Wesenheiten. Sie sind Totalitätsbegriffe, die den Herrschaftszusammenhang stabilisieren.
– Liegt es nicht in der Konsequenz der Dialektik der Aufklärung, die Beziehung zwischen der Geschichte der Naturbeherrschung und den geschichtlichen Katastrophen endlich wahrzunehmen (die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz)?
Das Urteil, die Ontologie (Natur und Welt) und der Turmbau zu Babel.
Der Übergang vom uneigentlichen zum eigentlichen Dasein bedarf in der Tat nur der Entschlossenheit, in der Sache sind beide nicht zu unterscheiden. Und damit scheint es zusammenzuhängen, daß der Begriff des Asozialen heute die Extreme der Gesellschaft trifft, nämlich sowohl die, die ganz unten, wie die, die ganz oben sind. Seit Kopernikus und Newton sind die ganz oben von denen ganz unten nicht mehr zu unterscheiden.
Heute traut sich niemand mehr, das Wort vom „beschränkten Untertanenverstand“ auszusprechen; dafür läuft die gesamte Politik sprachlich auf zwei Ebenen: es gibt den esoterischen Innenraum, in den niemand hineinblickt, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, während der Bereich der Darstellung nach außen, der Öffentlichkeit, auf die von der Bekenntnislogik beherrschten Mechanismen der Massenkommunikation abgestellt ist.
Es hätten eigentlich alle erschrecken müssen, als in einem sozialdemokratischen Parteiprogramm der Begriff „Vertrauensbildende Maßnahmen“ auftauchte (und das in der gleichen Phase, in der von den Notstandsgesetzen und dem Radikalenerlaß über den Nachrüstungsbeschluß bis zur Terrorismusbekämpfung der Graben zwischen realer Politik und Öffentlichkeit vertieft, ausgebaut und befestigt wurde).
Es ist ein allgemein bekannter Grundsatz: Wer in der Politik mitmacht, macht sich die Finger schmutzig, und den Luxus, unschuldig zu bleiben, kann sich niemand mehr erlauben.
Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ ist nur dort sinnvoll, wo die Sprache noch fähig ist, die Wahrheit auszudrücken. (Die Menschen wollen glauben, daß die Politiker die Wahrheit sagen, lieber verdrängen sie die Realität).
Die Physik schirmt die Natur ab gegen die Sprache.
Hat die Abfolge der drei Leugnungen eine Beziehung zur Trinität: erinnert die Selbstverfluchung nicht an die Sünde wider den Heiligen Geist? Entscheidend ist, daß das Hinter dem Rücken steigerungsfähig ist (bis hin zur Selbstverfluchung).
Adorno
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02.11.91
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27.10.91
Es hilft nichts, man muß zu dem Punkt, den die Gottesidee bezeichnet, seinen Anker auswerfen, um aus dem Verblendungszusammenhang ausbrechen zu können.
Bezeichnet das Bekenntnis des Namens nicht auch das Nachfolgegebot? Das Bekenntnis „zu“ etwas ist ein Bekenntnis im Rahmen von Komplizenschaft (Gemeinschaftskitt), das Bekenntnis zu einer apriorischen Kollektivschuld.
Adam beruft sich auf Eva, Eva auf die Schlange; dann verflucht Gott die Schlange, dann Eva und am Ende Adam (und die Erde).
Waren die drei Weisen aus dem Morgenland Chaldäer? Und worauf bezieht sich der Satz „Wir haben seinen Stern gesehen“.
Hängt der Mord des Ägypters durch Moses mit der Anwesenheit des Paulus bei der Steinigung des Stephanus zusammen?
Schizophrenie-Lernen ist das einzige Mittel gegen die Identitätssucht. Wenn die Idolatrie ein Mittel zur Stabilisierung der Begriffsbildung, zur Durchsetzung der Herrschaft des Tauschprinzips, war, dann ist die Philosophie die Verinnerlichung der Idolatrie.
Die Bedeutung dessen, was mit dem Angesicht Gottes bezeichnet wird, wäre verständlicher, wenn man sich daran erinnern könnte, was der erste Blickkontakt mit der Mutter für einen selbst bedeutet hat.
Zu den Frauen im Stammbaum Jesu:
– Rahab ist eine Errettete aus Jericho (und war zuvor eine Dirne).
– Rut ist eine Moabiterin, ihre Geschichte weist zurück auf die des Weibes und der Töchter Lots, auf die die Errettung aus Sodom, den Anblick der Katastrophe und das Erstarren zur Salzsäule, sowie den Inzest (nachdem Lot sie den Männern Sodoms hat preisgeben wollen).
– Tamar hat es mit ihrem Schwiegervater getrieben; ihr Schwager war Onan.
– Bethseba war die Frau des Urias (des Hethiters); aber der Stammbaum Jesu geht über den Ehebruch mit David.
Hier kommen fast alle Perversionen vor. Und hier ist mit Händen zu greifen, wie die christliche Sexualmoral den unbefangenen Blick auf die Bibel verstellt. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ ist ein Prinzip der Exegese. Die christliche Sexualmoral ist eine Gottesfurcht-Vermeidungs- und -Verhinderungsstrategie. Sie substituiert der Gottesfurcht die Herrenfurcht, subsumiert die Religion unter die Welt – Ergebnis der Rezeption der Philosophie, der Verinnerlichung des Schicksals als Prinzip der Begriffsbildung.
Nur der Gott, der die Welt erschaffen hat, hat auch das Wasser erschaffen; der Gott, der im Anfang Himmel und Erde erschuf, hat nicht das Wasser erschaffen, für ihn war es mit der Finsternis gleichsam als Nebenprodukt der Schöpfung da.
Bubers Problem scheint seine Art des Archaismus zu sein, die mit seinem ambivalenten Verhältnis zum Christentum zusammenhängt. An den chassidischen Erzählungen kann man wahrnehmen, wie er dazu neigt, hier gleichsam einen Evangelienton hereinzubringen. Seine Arbeiten zur Schrift, auch seine Bibel-Übersetzung erinnern eher an feudalzeitliche (mittelalter-christliche) Verhältnisse als an altorientalische. Hier scheint er einem Einfluß zu unterliegen, der aus christlichen Traditionen stammt: der Bekenntnislogik und dem darin begründeten Religionsverständnis. Wie auf andere Weise Drewermann steht auch Buber unter dem Bann des gleichen Prinzips, gegen das er anzukämpfen versucht. Buber hat ein gleichsam konfessionelles Verständnis des Judentums; das macht es, daß er von Christen „besser“ verstanden wurde als von Juden. Hier lag die Differenz zwischen Buber und Rosenzweig: Gegen dieses Selbstverständnis Bubers richtete sich Rosenzweigs Kritik des Religionsbegriffs (Buber war ihm zu „religiös“, und „Gott hat nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen“).
Ab wann und wo kommt in der Bibel der Begriff der Welt vor? Luther scheint nicht selten „alle Welt“ einzusetzen, wo es eigentlich „die ganze Erde“ heißen müßte.
Der Sympathisantenbegriff war ein Namenstabu.
Das Bekenntnis hat präzise die Struktur und die Wirkung des Vorurteils; deshalb ist der Antisemitismus das Grundvorurteil (und z.B. die Ausländerfeindschaft ein Derivat des Antisemitismus). Das Bekenntnis hält der Frage cui bono nicht stand. Und das Bekenntnis spaltet die Schrift auf in das Reich der Erscheinungen (Produkt der wissenschaftlichen Bibelkritik) und das unerkennbare Ding an sich. Das Bekenntnis verwandelt jede Erkenntnis in Apologetik. Es fördert das Selbstmitleid und verwandelt das parakletische Denken in ein apologetisches Denken (Verschiebung der Armut und Fremdheit ins Selbst). Dieser Konfessionalismus wird durch die Physik gestützt.
Die Umkehr und die sieben unreinen Geister: Maria Magdalene als Heilige der endgültigen Umkehr.
Das „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ hat etwas zu tun mit
– der Übernahme der Schuld der Welt und mit
– der Einheit von Lehren und Lernen: Es gibt kein Lehren, das nicht gemeinsames Lernen ist. „Überzeugen ist unfruchtbar“.
Götzendienst, Bilderdienst und Sternendienst gehören zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen. -
24.10.91
Der Tag ist die Zeit des Wachseins, des Bewußtseins, die Nacht die Zeit des Schlafs, des Traums, des Unbewußtseins. Die Gesetze der Nacht sind die Gesetze der Physis.
Der GBA ist die objektivste – und deshalb die gemeinste -Behörde der Welt. Er ist Opfer jenes Sachverhalts, den Adorno so beschrieben hat: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie zugleich falsch abbildet.
Ist den Tieren das Fell gewachsen, als sie von Adam benannt wurden, oder als den ersten Menschen die Augen aufgingen, „und sie erkannten, daß sie nackt waren“? Und hat mit der Erkenntnis der eigenen Nacktheit sich zugleich die Welt verdunkelt? Herrschaft rührt in der Welt an einen Punkt und an Strukturen, denen im Subjekt die Sexualität entspricht. Sexualaufklärung bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit der Aufklärung dieses dunklen Punktes im Weltbegriff zusammengeht.
Die Dunkelheit draußen steht in Beziehung zur Dunkelheit drinnen. Und die Anatomie beginnt zusammen mit der Begründung der Astronomie (wie in der alten Welt die Leberschau mit der Astronomie bzw. Astrologie).
Hat Amalekiter etwas mit Melek zu tun? Woher kommen Gog und Magog, und was bedeuten die Agagiter?
Auschwitz ist nicht vergangen; die Vorstellung, Auschwitz sei vergangen, ist bekenntnislogisch begründet: sie gründet in der Vorstellung, daß die Taten von Auschwitz sich auf Gesinnungen, auf „Weltanschauungen“ zurückführen lassen (anstatt auf den aufgrund der Herrschaft der Bekenntnislogik unbegriffenen gesellschaftlichen Prozeß).
Wie ist die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf und vom Wolf und den sieben Geißlein (Sternendienst)? Ist der Hund ein domestizierter Wolf oder der Wolf ein verwilderter Hund?
Die Widerspiegelungstheorie bezeichnet genau den Punkt, an dem der Marxismus in Mythologie umschlägt (das Bilderverbot verletzt).
Jesus hat schon das Hegel-Studium empfohlen: Seid klug wie die Schlangen.
Zur Neuen Jerusalemer Bibel (generell zur heutigen Theologie): Es ist eine schlechte Angewohnheit unserer Theologen, daß sie immer dann vorgeben zu wissen, was ein biblischer Autor mit einem Satz hat sagen wollen, wenn sie glauben, das reale, wörtliche Verständnis eines Satzes nicht akzeptieren zu können. Diese Wendung wird gerne gebraucht, wenn es darum geht, Schwierigkeiten wegzudiskutieren. Das Verfahren gleicht nicht zufällig dem in raf-Prozessen bei der Begründung unhaltbarer Urteile üblichen (wenn Richter vorgeben zu wissen, aus welchen Gründen Taten nur begangen worden sein können, wenn die wahren, nämlich die politischen Gründe nicht laut werden dürfen), auch dem in der Erziehung gerne angewandten Methode, mit der man Kindern Kritik abgewöhnt. Diesen Hintergrund hat die Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes.
Das Inertialsystem und die kantischen Formen der subjektiven Anschauung sind der Grund und der Stabilisator der Bekenntnislogik (und seiner Derivate, von der Wertphilosophie bis zur Weltanschauung).
Die Geschichte des Christentums ist vorbezeichnet in dem „et descendit ad inferos“. Und es hilft überhaupt nichts zu versuchen, sich diese Hölle zur heilen Welt zuzurichten.
Nochmal Sylvia Schröer: Das hebräische Wort für Machen, für den Begriff, der auch in der Schöpfungsgeschichte vorkommt, bezeichnet auch das Kränken, Beleidigen?
In welcher Beziehung steht die Geschichte des Militärs (der Produktion von Zerstörung) zu der der Banken (Parallelität der explosiven Vermehrung beider im 20. Jhdt.). -
01.10.91
Zum Zusammenhang von „Schicksal“ und „schneiden“ (W.v.Soden, S. 168): Nachklang im „scheiden“ im biblischen Schöpfungsbereicht (Licht von der Finsternis, Wasser oben vom Wasser unten etc.)?
Die Kurzfassung des biblischen Schöpfungsberichts, wonach Gott die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt hat, hat zweifellos sprachliche Wurzeln, ihr gegenständliches Korrelat ist sprachlicher Natur; ihr entspricht heute die Unterscheidung von
– Wissenschaft (Begründungs-Institution, Herrschaft des Kausalprinzips; Frühform: die „sumerischen“ Omina-Listen)
– und Kunst (vom langen Atem der ästhetischen Formbegriffs bis hin zur Technik der Erzeugung von Spannung, z.B. in Literatur und Musik <Lösung des Problems der U-Musik?>).
Der Unterschied zwischen Ästhetik und Kunstkritik (zwischen Adorno und Benjamin) hängt am Begriff der Autorität, die der Kunst beigemessen wird.
Vor dem Hintergrund des „aufgespannten“ Himmels gewinnt der Sternendienst, die Sternenreligion, im alten Orient seinen besonderen Stellenwert (die Sterne „bedeuten“, weil sie der Praxis nicht zugänglich sind, nur Gegenstand der Kontemplation; sie sind gleichsam Projektionen dessen, was der Himmel „bedeutet“: der absoluten Zukunft gegen das Vergangenheits- und Totenreich des Irdischen; Projektion nur möglich im Kontext der Ausbildung frühstaatlicher Herrschaftsstrukturen, die ebenfalls die <irdische> Zukunft beherrschbar machen sollen – Sternendienst und Sprache: ist die Sprache an der Astronomie zerbrochen <Turmbau zu Babel>? – Anwendung aufs Zeitalter der Raumfahrt?).
Jedes Opfer enthält ein Stück Magie: die Vorstellung, daß man (durchs Opfer) Einfluß nehmen könne auf das Handeln Gottes und auf das Schicksal der Natur; gegen diese Opfertheologie steht das paulinische: „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 817ff; vgl. hierzu Gen 316 sowie auch Ps 10430). Der Weltbegriff als Inbegriff von Herrschaft (das Tauschprinzip) ist die Grundlage des Naturbegriffs als Inbegriff aller Objekte von Herrschaft (des Inertialsystems): Erst vor diesem Hintergrund wird das messianische „die Schuld der Welt auf sich Nehmen“ sinnvoll und verständlich.
Natur und Welt sind die Totalitätsbegriffe, die den realen Verblendungszuammenhang begründen, unter dessen Bann wir heute alle stehen. Dieser Bann ist ist für den, der ihn nicht durchstoßen kann, zirkulär, und d.h. ausweglos. Der Marxsche Satz, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt und nicht das Bewußtsein das Sein, ist zu differenzieren (und zu berichtigen): das Sein, das das Bewußtsein bestimmt, ist ein auch durchs Bewußtsein bestimmtes Sein. Es ist – konkret – ein durch vergangenes Bewußtsein bestimmtes Sein, und die Gewalt dieser Vergangenheit ist die Last, die auf uns lastet. Der Stalinismus ist nichts anderes, als der Versuch, von dieser Differenzierung gleichsam den unerlaubten Gebrauch zu machen, nämlich mit Hilfe politischer Gewalt das Sein zu bestimmen, das dann das Bewußtsein der Menschen bestimmen soll. So wurde der Marxismus (durch Instrumentalisierung) zur Ideologie.
„Du hast unsere Sünden vor dich hingestellt; unsere geheime Schuld ist das Licht deines Angesichts“ (Ps 908): Erkennen wir sein Angesicht nur im Lichte unseres Schuldbekenntnisses? (Vgl. „Israel“ – Gen 3229ff)
Die Verwechslung von Virgo und Bekenner ist der Ursprung des pathologisch guten Gewissens (des Faschismus – Zusammenhang mit der weiblichen Sonne und dem männlichen Mond?). Die Ausländerfeindschaft ist eine direkte Folge der Veräußerung des Gewissens (ins Urteil des Auslandes, der Welt): sie glaubt durch den Mord an den Ausländern das eigene schlechte Gewissen beseitigen zu können.
Die Schöpfungsgeschichte zu Beginn der Bibel ist bereits prophetisch; sie steht nicht in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen Weltentstehungslehren. Aber sie benennt an der Natur deren Korrespondenz zur Prophetie. Das Chaos im Anfang der Schöpfung und die sechs Nächte, die die Schöpfungstage von einander trennen, haben – wie mir scheint – mit den sieben unreinen Geistern zu tun, die an zwei Stellen des NT erwähnt werden (zu Johannes vom Kreuz: es gibt nicht eine mystische Nacht der Erkenntnis, sondern sieben Nächte der Erkenntnis; und deren Hypostasen sind die sieben unreinen Geister, die bisher nur bei Maria Magdalena ausgetrieben wurden (d.h. Maria Magdalena ist die einzige, die die Umkehr vollzogen hat; darauf weist es hin, wenn sie als einzige im Heiligenkalender als Büßerin geführt wird, während umgekehrt dem Petrus, als Typos der Kirche, die dreimalige Leugnung vorausgesagt ist).
Die Vorstellung, daß Sternkatastrophen in der von Heinsohn u.a. vorgestellten Weise die gesellschaftliche Entwicklung bestimmt hätten, gleicht der, die die Geschichte der Aufklärung aus dem Erdbeben von Lissabon herleitet. Beide werden sinnvoll, wenn man unterstellt, daß die Geschichte der gesellschaftlichen Realität und des Bewußtseins in beiden Fällen soweit vorgearbeitet hatte, daß es „nur noch“ dieses äußeren Anstoßes bedurfte, um die entsprechenden geschichtlichen Wirkungen dann auszulösen. Nur als sinnliche Korrespondenz einer vorausgehenden gesellschaftliche Naturkatastrophe konnte die reale ihre geschichtliche Wirkung entfalten. Frage an Heinsohn: Warum muß man den Ursprung des Monotheismus und nicht den der Idolatrie erklären? -
25.09.91
Umkehr heißt bei Adorno „bestimmte Negation“, und die negative Dialektik ist nichts anderes als der Versuch, das bis zu dem Punkt, den er im letzten Stück der „Minima Moralia“ bezeichnet hat, zu vollziehen.
Der staatskapitalistische Totenkult bei den Ägyptern und in der Sowjet-Union ist der verzweifelte Versuch, die sterblichen Retter (die Wohltäter des Vaterlands) zu verewigen (Vergleich mit der christlichen Vergöttlichung Jesu). Rettung aber kann nur das gemeinsame Werk aller sein.
Adonai: mein Herr, wird zum „Herrn über Personen“ durch Vergegenständlichung (oder durch den Vergleich mit Baal, der als „Herr über Sachen“ verstanden wird: deshalb Prinzip der Idolatrie: Verdinglichung des Herrn durch Verdinglichung der Sachen, wechselseitige Instrumentalisierung).
Ist Sarai (meine Herrin, Sara: Herrin) eine Parallelbildung zu Adonai? Und ist Sarai deshalb unfruchtbar, weil in der matriarchalischen Sarai noch die Erinnerung ans Paradies wach ist, in der es noch keine Zeugungen und keine Schmerzen der Geburt gab?
Wenn die Planetenbahnen Ellipsenbahnen sind, welche Konstellation ergibt sich dann aus der Zusammenstellung der zweiten Brennpunkte (die nicht in der Sonne liegen)?
Die Geschichte der Astronomie fällt mit der Geschichte der Struktur der Herrschaft zusammen. Das Rätsel beider ist nur gemeinsam zu lösen. Ist dieses gemeinsame Rätsel das Rätsel Simsons:
„Vom Fresser kommt Speise, vom Starken kommt Süßes“ (Ri 1414)?
Hat der „Triumph der Ironie“ hier seine logischen Ort (Zusammenhang mit dem Namen Isaak)?
Was für eine Bewandtnis hat es damit, daß auf das Buch Josua das Buch der Richter folgt und darauf die Königsgeschichte (die beiden Bücher Samuel: Saul, David, Salomo; die Bücher Könige und Chronik)? Handelt es sich nur um eine chronologische Folge, oder sind die Beziehungen anderer, kompositorischer Art?
Zum Konzept: Beginnen mit dem Begriff einer objektiven Verdrängung, mit seiner objektiven gnoseologischen Bedeutung? Anzuwenden auf den transzendentallogischen Erkenntnisbegriff (Naturwissenschaft; Objektivation und Instrumentalisierung; Bekenntnislogik und Realitätsprinzip). Der Fortschritt der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist die Kehrseite eines gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses. Es gibt Gründe dafür, anzunehmen, daß der heute herrschende Objektivitätsbegriff psychose-ähnliche Strukturen aufweist (Rückfall hinter den Ödipus-Komplex), mit eindeutig selbstzerstörerischen Tendenzen. Grund der Notwendigkeit von Erinnerungsarbeit, die auf vorzivilisatorische Phasen der Subjektbildung zurückgreift. -
12.09.91
Die Probleme der drei großen monotheistischen Religionen heute gründen u.a. darin, daß die modernen Naturwissenschaften schon von ihrem Ansatz her das für alle drei Religionen geltende Bilderverbot (so wie die kapitalistische Ökonomie das Zinsverbot) verletzen, ohne daß eine Alternative sichtbar wäre. Der Fundamentalismus, der alle drei Religionen von innen (bei ihren treuesten Anhängern) bedroht, ist insofern eine Antwort auf diese Situation, als er Ausdruck davon ist, daß – wie es scheint – Rettung nur noch auf der Grundlage des Verrats möglich ist, daß der Verrat mit eingebaut ist und nur die Komplizenschaft des Opfers der Vernunft diese Religionen noch am Leben erhält. Diese Komplizenschaft gleicht in allen drei Religionen nicht zufällig der faschistischen, sie ist Ausdruck des Schicksals und der Gewalt der Bekenntnislogik unter den Bedingungen des derzeitigen Stands der Aufklärung.
Durch die Naturwissenschaften (und durch die Form der kapitalistischen Ökonomie) ist die Sünde gleichsam in die Struktur der Welt mit eingewandert; diese Sünde ist die (fast unaufhebbare) Last der Vergangenheit, die sich durch die Reproduktion der Welt hindurch reproduziert, und die durch keine individuelle Moral mehr aus der Welt entfernt werden kann. Es gibt keine reale Beziehung der Moral zur Unschuld mehr; der Begriff der Unschuld selber ist keine moralische Kategorie mehr, sondern einzig eine theologische. Die Vorstellung, daß es auch einen moralischen Begriff der Unschuld gebe, leugnet die Gottesfurcht und befördert das Herrendenken.
Reflexionsbeziehungen sind unkenntlich gemachte Herrschafts- und Schuldbeziehungen; sie begründen den Verblendungszusammenhang. Das Eine ist das Andere des Anderen: Hierin (in dem Primat des Anderen: auch der Personbegriff ist eine Reflexionskategorie und steht unter diesem Primat des Anderen) gründet der Hinweis Rosenzweigs auf die verandernde Kraft des Seins.
Der Raum ist das Modell aller Reflexionsbegriffe: Im Raum ist in der Tat eine Dimension wie die andere. Und das Inertialsystem gründet in der Verräumlichung der Zeit: im Begriff der Bewegung, der die Zeit in eine quasi-orthogonale Beziehung zum Raum setzt.
Die Umkehr wird heute eher durch das Bild von der Heilung von den sieben bösen Geistern beschrieben als durch ihr räumliches Vorbild (obwohl sie hierin ihre Wurzel hat: Im Angesicht und hinter dem Rücken; unter der Herrschaft der Reflexionskategiren verschwinden das Licht und das Angesicht). Das Inertialsystem (als Grund der Reflexionsbegriffe) hat den Begriff der Umkehr nur scheinbar gegenstandslos gemacht.
Idolatrie und Opfer gehören zur Vorgeschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Sie sind Frühformen des Herrendenkens (der Objektivation und Instrumentalisierung), das dann in der Form des Inertialsystems und seiner vergegenständlichenden Gewalt sich sedimentiert und stabilisert hat, wie es scheint: fast irreversibel.
Drewermanns Kritik des Anthropozentrismus leugnet das Antlitz Gottes.
Der Personbegriff ist ein Produkt der Bekenntnislogik; seine theologische Anwendung ist der Grund der Selbstzerstörung der Theologie (Wiederkehr des Verdrängten).
Die Universität ist der Grund des Universums. Ist der gekreuzigte Logos nicht ein Realsymbol des Inertialsystems? Und ist das „gekreuzigt, gestorben und begraben“ nicht die Geschichte der Naturwissenschaft (so, daß eigentlich nur noch das „abgestiegen zur Hölle und auferstanden von den Toten“ fehlt)?
Hegel hat am Ende den Abstraktionsprozeß mit der Auferstehung verwechselt. Genau das drückt sich in seinem Begriff der Aufhebung aus.
Hegels Leidensmystik (dem Negativen standhalten) ist gnostisch: er meint, er könne sich mit dem Negativen, den Verhältnissen abfinden, wenn er sie nur durchschaut.
Wer oder was ist Mamre (heiliger Ort mit Terebinthen bei Hebron; Abraham und Isaak)? Und wer sind die kanaanitischen Völker, wenn die Amoriter die Perser sind und die Hethiter die Hethiter?
Die Abraham-Geschichte, die voller Anachronismen ist, wird erst durchsichtig, wenn man die Schwierigkeiten (das Verständnis der Realien) häuft und nicht harmonisiert.
Von Abraham und von Isaak (sowie von den Hebräern in Ägypten; auch noch von anderen?) wird immer wieder gesagt, daß sie als Fremde im Lande leben. (Kann es sein, daß das Verhältnis Elohim / Jahwe mit dem von Herbäern und Israeliten, d.h. mit der Komposition der Schrift zu tun hat?)
Woher kommt diese merkwürdige Rezeption des Begriffs des Philisters in der deutschen Burschenschaftsbewegung?
Gibt es bei Marx Materialien, Hinweise zur Geschichte der Banken?
Die Geschichte der tendentiellen Privatisierung des Christentums (die Umformung der politischen Moral in die christliche Sexualmoral) ist eins mit der Geschichte der Verinnerlichung und Vergesellschaft von Herrschaft (der Immunisierung der Religion gegen Herrsschaftskritik). Sie schlägt heute in einer Weise auf das Christentum zurück, die eigentlich nur noch im Bilde der Selbstverfluchung zu fassen ist.
Zu den Folgen der christlichen Sexualmoral gehört auch die Unfähigkeit, das „Alte Testament“ überhaupt noch zu verstehen. Durch die christliche Sexualmoral sind die Bibel-Leser zu Antisemiten geworden (bis hinein in die christliche Bibel-Wissenschaft).
Adornos Satz über das erste Gebot der Sexualmoral ist ein spätes Echo des augustinischen Satzes: ama et fac quod vis. Die Liebe ist die die verdinglichende und instrumentalisierende Gewalt der Anklage auflösende Macht.
Das Wort Johannes‘ XXIII. „Ich bin Joseph euer Bruder“ trifft den Sachverhalt genauer als er selber wahrscheinlich meinte; darin klingt auch die Rolle Josephs in Ägypten: in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und der Enteignung des Volkes, nach.
Zu Anfang: die Wormser Chassidim, nach dem Hinweis auf Hegels Erörterungen zum Problem des Anfangs der Philosophie; am Ende: der Taumelkelch. -
09.08.91
Geldwirtschaft gründet in Schuldknechtschaft. Der Aspekt der Herrschaft des Tauschprinzips ist insoweit irreführend, als er das Unaufhebbare am Kapitalismus verdeckt, verdrängt. Die Vorstellung, daß gleichberechtigte Warenbesitzer mit einander tauschen und dafür irgendwann ein allgemeines Tauschmittel, das Geld, einführen, erweckt den Eindruck, als sei der Reichtum schlicht vorhanden, bloß gegeben, und bräuchte im Bedarfsfall nur umverteilt zu werden. Es gibt aber keinen Reichtum, der nicht die Armut zur Grundlage hat, die er selbst produziert. Daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, hängt mit dem Ursprung und dem Begriff des Reichtums zusammen. Die Geschichte vom reichen Jüngling drückt genau diesen Sachverhalt aus.
Es gibt heute – draußen und drinnen – eine Armut, die nicht mehr mit dem Argument zu rechtfertigen ist, die Armen seien selbst schuld, daß sie arm sind.
Gibt es – neben dem Confessor und der Virgo, zu deren letzten Auswirkungen die Penner und die Huren gehören – auch die Heiligengestalt des Gerechten? Diese Gestalt des Gerechten, die kenntlich gemacht hätte, worauf das Ganze hinausläuft, scheint es im Christentum nicht gegeben zu haben. Mit dem Ursprung der Welt ist die Gerechtigkeit zu einer transzendenten, unerfüllbaren Idee geworden, das Recht als seine säkularisierte Gestalt in der verweltlichten Welt ist ein konstitutiver Teil des Schuldzusammenhangs. Erlösung war immer eine Erlösung von der Schuld, aber nicht Befreiung zu einem gerechten Leben. Das drückt sich dann aus in der Idee der Rechtfertigung, dem Kristallisationskern des mythischen Denkens in der Theologie.
Die kantischen synthetischen Urteile apriori und die Kategorientafel sind die Konstituentien des namenlosen Objekts.
Kann es sein, daß der Objektstatus heute nur noch zu ertragen ist, wenn er durch das, was sich heute Musik nennt, übertäubt wird. Beachte die Gesichter von Joggern: ohne Walkman verzerrt, wütend, aggressiv, mit Walkman selig lächelnd.
Heute nagelt das Christentum die Gläubigen an das Kreuz ihres Selbstmitleids, macht sie unsensibel sowie arrogant, böse und stumm.
Die Welt definiert sich gegen die Vorwelt durch die Vergesellschaftung der Gewalt, durch die Installation des Gewaltmonopols des Staates (durch das Recht); oder durch die damit begründete Vergesellschaftung und Internalisierung der Naturbeherrschung. Bevor sie ihren Siegeszug nach außen antreten konnte, mußte sie sich in der Gesellschaft, in den Subjekten konstituieren.
Die staatliche Instrumentalisierung der Gewalt ist die Voraussetzung des Objektivationsprozesses, Grundlage des Weltbegriffs.
Die Bäume in der Bibel:
– „Von allen Bäumen dürft ihr essen“: Vorausgesetzt war das Nahrungsgebot, das die Früchte des Feldes und die der Bäume den Menschen zuwies (und den Tieren das Kraut).
– „Nur nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens“ (dem Baum der Erkenntnis, des Lebens?): Vom Baum der Erkenntnis haben sie dann gegessen, mit den bekannten Folgen.
– Die Jotam-Fabel (auch der Dornbusch ist demnach ein Baum), die Zedern des Libanon, der Weinstock, der Feigenbaum, der Ölbaum, das Kreuz.
– Gibt es zu Stammbaum eine biblische Entsprechung? Stammbaum = toledot; Stamm (Baum) und Stamm (Sippe): Jesus kommt aus dem Stamme Davids? Gibt es eine Beziehung zu den Türmen?
Nachdem die häresienbildende Kraft mit der Reformation verbraucht war, hat es neben den Konfessionen (den säkularisierten Gestalten der Kirche) nur noch Sekten gegeben.
Dummheit gründet im allgemeinen in mangelnder Idenfikationsfähigkeit (Aufmerksamkeit), in der Unfähigkeit, sich auf die Erfahrung des anderen einzulassen.
Früher haben Propheten eine Situation durch Symbolhandlungen aufgeschlüsselt, heute sind Symbolhandlungen (aufgrund des Wiederholungszwangs, dem sie unterworfen sind) Formen der Selbstverurteilung.
Opfertheologie und Instrumentalisierung gehören zusammen. Die gemeinsame Wurzel beider ist die Idolatrie.
Der Konkretismus der Heinsohn et al. rührt her von der Unfähigkeit, das, was sie durch Naturkatastrophen hervorgerufen verstehen, aus der genetischen Struktur der Erfahrung und der Geschichte der Sprache abzuleiten.
Fundamentalisten sind Religions-Hooligans (Bindeglied ist das Bekenntnis).
Das Prinzip der Delegation (im postmodernen Management) scheint daraus sich herzuleiten, daß insbesondere das Unangenehme, das, was moralische Skrupel verursachen könnte, an andere delegiert werden soll. Daher kommt es, daß die Bedenkenlosesten im allgemeinen als die besten Mitarbeiter angesehen sind
Warum gibt es keine objektive Moral, oder: warum schließt der Begriff einer moralisch begründeten Erkenntnis den Verzicht auf moralisches Urteil mit ein (Zusammenhang von Erkenntnis und Schuld: Grund des Nachfolge-Gebots)?
Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist das notwendige Korrelat der begrifflichen Aufteilung des Seienden in Vorhandenes und Zuhandenes. Der reflektorische Begriff des Zuhandenen verleiht dem Dasein den Charakter des In-der-Welt-Seins. Als Zuhandenes ist das Dasein uneigentlich, als Vorhandenes eigentlich? Der Trick zieht nicht: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit sind wie Vorhandenes und Zuhandenes untrennbare Reflexionsbegriffe.
Inertialsystem und Gravitationsgesetz gehören zusammen: sie sind zwei Aspekte der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
Hat die Geschichte von Romulus und Remus etwas mit der von Kain und Abel zu tun? Auch Romulus erschlägt seinen Bruder Remus und gründet dann die Stadt Rom.
Sind die Astralreligionen als Herrschaftsreligionen schon in der Schöpfungsordnung (Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels) verankert?
Der Personbegriff ist die Stecknadel, mit der der Name getötet und wie ein Schmetterling aufgespießt wird; er nimmt dem Namen das Wesen: das Angesprochen- und Gehört-Werden. Sind Frauen Personen, und sind nur Personen bekenntnisfähig? Auch Gott ist nur ein Personbegriff.
Das Inertialsystem ist das Refenzsystem, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Gesetze und Erscheinungen sich beziehen, und diese drei Begriffe bezeichnen nur drei Aspekte einer Sache (Grund der negativen Trinitätslehre).
Die Welt ist das entstellte Antlitz der Erde, auf das sich der Satz bezieht: emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae.
Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt gehorcht dem Nachfolge-Gebot.
Die Parole Rousseaus „Zurück zur Natur“, die zusammenhängt mit der romantischen Vorstellung von den edlen Wilden, fällt herein auf die christologisch begründete Hypostasierung der Natur (der Vergöttlichung des Opfers) und ist wider Willen einer der Auslöser der Barbarei. Vielleicht müßte man hierzu den zweiten Teil von Derridas „Grammatologie“ lesen.
Die Psychoanalyse und die Psychomatische Medizin sind keine Hilfen bei der Wiedergewinnung des Subjekts, sondern verlängern den Instrumentalismus ins Subjekt hinein. Nicht zufällig sitzt der Psychotherapeut bei der Anamnese hinterm Rücken des Patienten. -
17.07.91
Die Geschichte des Objektivationsprozesses ist eine einheitliche Geschichte, die von der Opfertheologie, vom Bekenntnis, bis hin zur Existenzphilosophie reicht.
Erst die Säugetiere (oder schon die Saurier?) sind Warmblüter, d.h. sie sind nicht auf den Wärmehaushalt der sie umgebenden Natur angewiesen, sondern sie reproduzieren ihn selber. Das ist die Voraussetzung dafür, daß sie sich dann vom Jahresablauf emanzipieren.
Bildet die Evolution des Lebens die Evolution, die Struktur und die Abfolge der Bildung des Kosmos ab?
Rosenzweigs Verständnis des Islam ist begründet in der Logik seines Systems und daraus nicht abzulösen. Sollten wir nicht aufhören mit der Erwartung, daß Religionen sich verhalten wie Standesverbände, die auch Kritik nicht ertragen (mit Abwehr darauf reagieren)? Die Selbstbesinnung ist fällig für alle Religionen.
Das „de mortuis nihil nisi bene“ läßt sich nicht auf die Religionen anwenden. (Die Religionen sind heute allesamt teils parfürmierte Mumien, teils stinkende Leichen – tourismusfördernde Folklore.)
Das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“, diese beiden Halbsätze sind im Mittelalter getrennt verkörpert worden durch den Dominikaner- und den Franziskanerorden.
Theologie hinter dem Rücken und Theologie im Angesicht Gottes sind zwei verschiedene Aggregatzustände der Erkenntnis. Theologie hinter dem Rücken Gottes stabilisiert die verschuldete Welt, macht sich gemein mit der Schuld und blendet sie ab: ist der Kern und der Grund der Heuchelei. Sie vergrößert die Last, die auf dem Messias ruht.
Wer die Wahrheit von der Beweislogik abhängig macht, begibt sich der Kraft zur Unterscheidung der Geister.
Als ich Theologie studierte, auch in der Zeit des Noviziats, hatte ich mir eigentlich nie vorstellen können, einmal Priester zu werden, mich zum Priester weihen zu lassen. Aber ich hatte auch das – in meiner apokalyptischen Zeitstimmung begründete -Gefühl, daß es hierauf auch garnicht mehr ankomme.
(FR-Serie über George Steiner: Von realer Gegenwart) … Da sieht man die spitzen Finger und den Papierkorb, da sieht man die Wölfe, die dem Lamm auflauern, da sieht man die Schlangen, die die Arglosigkeit der Tauben nur noch als Dummheit wahrnehmen (während es heute die Klugheit der Schlangen ohne die Arglosigkeit der Tauben schon nicht mehr gibt: sie in der Dummheit der Tauben den Beginn ihrer eigenen Dummheit anschauen.) Es ist zu offenkundig: Man fühlt sich angegriffen und glaubt sich durch Gegenaggression rechtfertigen zu können. In Wahrheit setzt die etablierte Zunft ihre Duftmarken, gibt Tabu-Hinweise für die eigenen Schüler. So erfüllt man aufs präziseste den tiefenpsychologischen Begriff der Abwehr.
Nochmals zu dem Satz „seid klug wie die Schlangen …“: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie falsch abbildet, und es kommt alles darauf an, dieser Paranoia nicht zu verfallen.
Die Trennung von Futur und Imperfekt, von Zukunft und Vergangenheit, wird stabilisert durch das Plusquamperfekt. Sie verhindert das Verständnis der Prophetie und ist der Tod der Theologie. Sind die Bäume das Gestalt gewordene Plusquamperfekt, die Tiere das Futur und die Pflanzen das Imperfekt? (Gehört das Verbot von den Bäumen in der Mitte des Gartens zu essen, zum biblischen Nahrungsgebot?) Liegt hier der Grund, weshalb die Namengebung, die benennende Kraft Adams, sich nur auf die Tiere, nicht auf die Pflanzen sich bezieht?
Erst die Kritik der Physik eröffnet den Problemstoff, der in der Bibel steckt.
Die Bekenntnislogik ist das Medium der Vergesellschaftung des Herrendenkens. Die Vorbildtheorien gehören zur Bekenntnislogik.
Mein Eindruck ist, daß Entziehungskuren für Katholiken eingerichtet werden müßten: sie sind alle süchtig, sie stehen alle unter der Droge Kirche.
Das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, das seine innere Konsistenz längst verloren hat, und nur noch deshlab weiterbesteht, weil keiner die Naturwissenschaften mehr versteht, ist ein Reflex des naturbeherrschenden Subjekts.
Die entsetzliche Verwechslung der sogenannten künstlichen Intelligenz mit der menschlichen Vernunft ist nur möglich, weil das Fehlen der Spontaneität, der Erfahrung, der Verarbeitung von Erfahrung nicht mehr wahrgenommen wird. Aber das ist (nicht zufällig insbesondere an katholischen Hochschulen) nur deshalb möglich, weil von dem gleichen Effekt heute die Kirche lebt, sich durch die Reproduktion dieses Effekts (über ihren Bekenntnis-, Lehr- und Glaubensbegriff, nachdem sie das Nachfolgegebot endgültig verworfen hat) selber reproduziert.
Die Bibel ist kein System. Der Versuch, sie dazu zu machen, hat in die Dogmatik, in die Trinitätslehre hineingeführt. Die Bibel ist vielmehr ein Wortfeld, gleichsam der Acker, dessen Bearbeitung uns auch aufgegeben ist. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Wort „Schwerter zu Pflugscharen“, angewandt auf Dogma und Bekenntnis, plötzlich eine sehr erhellende Bedeutung.
Die Trinitätslehre ist die Form der Verpuppung der Wahrheit; sie hat, ohne daß die Theologen es bis heute gemerkt hätten, in der Hegelschen Logik, in seinem Begriff des Absoluten, sich selbst als leere Hölle zurückgelassen, ohne daß bisher der Schmetterling, der daraus entflogen ist, wahrgenommen worden wäre.
Eine Sache zum Objekt machen, heißt, sie da fassen, wo sie schuldig ist: sie in den Anklagezustand versetzen.
Ecce agnus dei, qui tollit paccata mundi:
– Es heißt peccata mundi, nicht peccata hominum; es geht also nicht um die zurechenbare Schuld, sondern um die Schuld, in die man hineingerät: den Zustand und die Verfassung der Welt, in die man hineingeboren wird.
– Und das tollit heißt nicht wegnehmen, sondern auf sich nehmen.
Nach dem Nachfolgegebot ist es diese Schuld der Welt, die der Christ auf sich zu nehmen hat
Der vom Nachfolgegebot befreite Bekenntnisbegriff liefert das Medium, in dem die Ausrede: „Die Andern tun’s auch“, möglich wird. Er kann so zur Entlastung von der eigenen Verantwortung genutzt werden, zur falschen und unwirksamen Exkulpierung. So gerät das Bekenntnis in den Wiederholungszwang des schlechten Gewissens. Die Logik des Bekenntniszwangs ist die Logik der Urteilslust aus schlechtem Gewissen: des Geredes, zu dem auch die Theologie heute verkommt. So induziert der Bekenntniszwang das Trägheitsprinzip in die Bekennenden und wird zum sozialen Kitt, der die Bekenntnisbedürftigen an die Gemeinschaften, an die sie gebunden sind, fesselt, aus denen sie nicht mehr herauskommen (auch wenn sie sich formal davon lösen). Das schlechte Gewissen, das dem Bekenntniszwang zugrundliegt (und durch ihn fixiert wird), objektiviert sich in dem vom Bekenntnis nicht abzulösenden Feindbild (primär im christlichen Antisemitismus).
Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie zugleich falsch abbildet, ist eine präzise Beschreibung des Grundes der Naturwissenschaft.
Die Bekenntnislogik und die Logik des Inertialssystems konvergieren miteinander.
Zum Problem der Benennung der Tiere:
– Wenn die Katastrophe der Urzeit, an die Max Horkheimer zufolge die Tierwelt erinnert, näher bestimmt werden kann, dann dürfte sie mit der Benennung der Tiere durch Adam zusammenhängen.
– Die Benennung der Tiere durch Adam steht im zweiten Schöpfungsbericht; im ersten werden die Tiere – je nach ihrer Art -durch Gott erschaffen.
– In der Sintflut erhält Noah den Auftrag, die Tiere in Paaren mit in die rettende Arche zu nehmen.
– Im Buch Hiob führt Gott dem Hiob am Ende die apokalyptischen Tiere vor Augen, mit dem zusätzliche Hinweis: Warst du dabei, als ich sie schuf? (Löst sich das Rätsel des Endes des Buches Hiob durch die doppelte Gestalt der Schöpfungslehre?)
– Vgl. auch die Geschichte mit der Schlange beim Sündenfall (Staub fressen / zu Staub werden).
Zum Sündenfall:
– Adam hat den Tieren ihren Namen (ihre Bestimmung) gegeben, also auch der Schlange (der klügsten unter den Tieren): ist somit die Schuld der Schlange (die Schuld der Welt) die Schuld Adams?
– Die Schlange „wird Staub fressen“, Adam „ist Staub und wird wieder zu Staub werden“: Frißt die Schlange Adam?
– Das Weib dagegen ist in Feindschaft mit der Schlange, ihr Nachkomme wird der Schlange den Kopf zertreten.
– Vgl. auch
. Noach (Gen 9), die Arche und der Bund mit den Tieren,
. die Nahrungsgebote,
. Hiob / Apk,
. Hos 220: endzeitlicher Bund mit den Tieren.
– DdA: Tiere erinnern an Katastrophe in der Urzeit. -
26.06.91
Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Franz Rosenzweig, Existenzielles Denken und gelebte Bewährung, Freiburg/München 1991:
– „Existentielles Denken“ apriori falsch; aus der einen Bemerkung über Heidegger nach dem Davoser Gespräch läßt sich das nicht ableiten, ohne den Ernst des „Stern“ zu desavouieren, ihn dem Jargon der Eigentlichkeit unterzuordnen;
– ebenso „gelebte Bewährung“: bei Franz Rosenzweig geht es um die Bewährung der Wahrheit, die den Weg ins Leben eröffnet; gelebte Bewährung: er hat sich bewährt, ihm wird die Reststrafe erlassen?
Als ich den „Hinweis“ schrieb (mit dem ich überhaupt nicht zufrieden war), habe ich nur dunkel geahnt, worauf ich mich da eingelassen hatte. Mir war nur eines unzweifelhaft klar: hier war die einzige theistische Philosophie, die dem Anspruch des Stands der Aufklärung standhielt. Benjamins Wort über R., er habe es vermocht, „die Tradition auf dem eigenen Rücken zu befördern, anstatt sie seßhaft zu verwalten“, war mir schlicht einleuchtend. Aber es hat mir den Zugang zu diesem doch sehr spröden und unzugänglichen Werk nicht erleichtert. Hinzu kam, daß mir sehr früh klar war, daß eine unmittelbare Rezeption nach Auschwitz nicht mehr (und wahrscheinlich auch vorher nicht) möglich war. Dieses Buch war (schon vor dem Eintritt der Katastrophe) eine jüdische Antwort auf den Antisemitismus; es von der Opfer- auf die Täterseite herüberzubringen, erschien mir (auch angesichts meiner Erfahrungen mit der Theologie) zwingend notwendig, aber auch fast unmöglich. Den leichteren Weg der existentiellen Adaptation mochte und konnte ich nicht gehen (vor R. hatte ich Adorno gelesen, über den ich an Walter Benjamin und dann an R. geraten bin).
Der Fall Rosenstock ist für mich eigentlich die rätselhafteste (wenn nicht die peinlichste) Geschichte in meiner Beziehung zu Rosenzweig: Ich habe Eugen Rosenstock-Huessy noch in Münster anläßlich einer Gastvorlesung in den fünfziger Jahren gehört, habe es dann aber, nach dem, was ich von ihm an wilden Spekulationen über Rosenzweig (so meine Erinnerung) zu hören bekam, vorgezogen, ihn nicht auf sein Verhältnis zu Rosenzweig anzusprechen. – Ich habe übrigens den Briefwechsel Rosenzweig-Rosenstock nie als einen Beitrag zum „jüdisch-christlichen Dialog“ verstanden, sondern, soweit er Rosenstocks Beitrag betrifft, als eine wenig interessante Privatangelegenheit.
R.’s Sprachphilosophie ist Ergebnis, Resultat seiner Kritik der Philosophie des Begriffs, auf die seine Kritik des „All der Philosophie“ abzielt. Hier findet die Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Prophetie nach dem Ende der Geschichte der Philosophie erstmals ihre Stelle (unterschiedliche Stellung von Sprache und Begriff zum Objekt, Kritik des Wissens – vgl. hierzu Benjamins theologische Formulierung dieser Kritik im „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ -, unterschiedliche „Aggregatzustände“ der Erkenntnis).
Was ist „unvordenkliche Existenz“ (S. 30)? – Wer Adorno gelesen hat, weiß, daß der Begriff der Existenz aus dem Idealismus nicht herausführt, vielmehr in ihm (sowohl bei Kant wie auch bei Hegel) seinen präzise bestimmbaren Stellenwert hat; Existenz ist eine idealistische Kategorie. Was Rosenzweig anspricht (ich mit Vor- und Zunamen, nicht das Ich mit seinem Palmenzweig), ist eigentlich nur im Rahmen seiner Sprachphilosophie, im Zusammenhang mit der erkenntniskritischen Rehabilitierung des Namens (der Name ist nicht Schall und Rauch) gegen den von der Philosophie sonst nicht abzutrennenden Bann des Begriffs (der Subsumtions- wie der dialektischen Logik) zu verstehen, d.h. eher vor dem Hintergrund von Benjamins erkenntniskritischer Vorrede zum „Ursprung des deutschen Trauerspiels“, als im Kontext der Fundamentalontologie Heideggers, gegen die Rosenzweigs Hinweis auf die „verandernde Kraft des Seins“ (im „Neuen Denken“) immer noch das entscheidende Argument liefert.
Das „ich mit Vor- und Zunamen“ ist übrigens nicht die „Person“, deren Begriff aus der lateinischen Theologie (Tertullian) stammt und heute zu einer verwaltungstechnischen Kategorie geworden ist. Die Differenz ist minimal, fast nicht mehr zu bestimmen, aber zugleich eine ums Ganze: Aufhebung der Differenz zwischen mir und den anderen, Resultat und Grund der Instrumentalisierung des Subjekts, Angleichung des Subjekts ans vergegenständlichte Objekt. Nicht zufällig definiert die Person das Subjekt der Schuld; Grund der Zurechenbarkeit. In der Theologie (zuerst in der Trinitätslehre) bezeichnet die Einführung des Personbegriffs den Ursprungspunkt des apologetischen Denkens, des Theodizee-Zwangs: Der Personbegriff setzt die Menschen und Gott unter Rechtfertigungszwang, gleichsam unter ständigen Anklagedruck. Er ist so nur mit einer Opfertheologie zu begründen, in der am Ende die Gottesidee selber untergeht.
Kann man die Stellung des Islam aus dem R.schen System herauslösen (S. 36), ohne das System selbst zu zerstören? Wird es nicht so wieder zu dem, was es doch um keinen Preis sein will: zur Religionsphilosophie, zur Weltanschauung?
Auf andere Weise ist dann freilich doch das „System zu zerstören“ – um es zu retten: Nach Auschwitz (und im Kontext einer Kritik des Herrendenkens in ihrem Kern: in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung) haben sich die elliptischen Zentren so verlagert, daß das System nur über eine Neukonstruktion zu retten ist. Die bloße Konservierung, die nützlich ist zum Verständnis, vergißt das Beste, trägt bei zur Zerstörung.
Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ ist auch ein Genie- und Gewaltstreich. Und genau von diesem Bann wäre es zu befreien. (Vgl. dazu auch die Bemerkungen Scholems zum Stern.)
Bei Heidegger ist von der Philosophie nur der autoritäre Gestus übriggeblieben, und dessen Begründung und Erhaltung dient die gesamte Fundamentalontologie. Die strategische und taktische Absicherung dieses Gestus ist ihr einziger Inhalt.
Meine Intention ist der des Historikers genau entgegengesetzt: mir geht es nicht um die Vergegenständlichung der Vergangenheit, sondern um ihre Entgegenständlichung: um das Eingedenken, um die Erinnerung, darum, auch in den fremdesten und chockierendsten Dingen noch meine eigene Geschichte zu erkennen. Was ich in mir selber aufarbeiten muß, steckt in dieser Vergangenheit.
Der raf ins Album: Die terroristischen Aktionen haben die ihrer Absicht genau entgegengesetzten Wirkungen; sie exkulpieren die Strukturen und Handlungen, die sie angreifen. So, wie nach den Morden an der Startbahn alles, was vorher passiert ist, vergeben und vergessen war. D.h. mit in Rechnung zu stellen ist immer die antiaufklärerische Wirkung, die Tatsache, daß im Rahmen des Schuldverschubsystems die andere Seite am stärkeren Hebel sitzt. Der Terrorismus macht die Charaktermasken des Bestehenden zu Opfern, und damit unangreifbar. -
14.06.91
Zur Struktur des „Falls“ (des/der casus): Die Physik ist nicht einfach die Wahrheit, sondern ein Aggregatzustand der Erkenntnis, der dem der Theologie genau entgegengesetzt ist: Sie kennt von den Deklinationen (den casus) nur noch den Akkusativ (und erst die dazugehörige Erkenntnistheorie den Genitiv, der hier im übrigen indifferent ist gegenüber der Unterscheidung von genitivus subjectivus und objectivus: Grund der Differenz von Genesis und Geltung und der Reflexionsbegriffe; vgl. auch den gen. criminis: Der Genitiv ist Ausdruck einer Schuld- oder Herrschaftsbeziehung, die dann im Akkusativ sowohl vergegenständlicht, verdinglicht, als auch verdrängt wird; der Dativ ist Ausdruck einer Zuwendung, der Gnade: Restitution des Subjekts). Hierauf bezieht sich das „emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“.
Grammatisch verwandelt das Sein – darin liegt seine „verandernde Kraft“ – jedes Handeln in ein Geschehen, verleiht ihm den Schein der Subjekt- und Schuldlosigkeit, begründet aber eben so den Schuldzusammenhang (begründet die insbesondere in der Verwaltung so beliebten -träger wie z.B. Verantwortungsträger; Grundlage des Personbegriffs: Namensträger; ähnlich ist die Materie „Träger“ ihrer Eigenschaften (Substanz und Akzidenz): Folge der Beziehungen der Dimensionen im Raum, der Beziehung von Orthogonalität und Reversibilität). Das Sein ist der Grund der Verwandlung des Prädikats in den Begriff und der Tod des Verbums (et verbum caro factum est).
Der wirkliche Name, ist nicht der Name, den man hat, sondern der, der – wie in der Kafkaschen Erzählung – sich erst bildet. Vergeblich, wenn nicht verhängnisvoll, ist der Versuch „sich einen Namen zu machen“ (wie Nimrod; er war ein großer Jäger vor dem Herrn und Begründer der großen Stadt).
Die Physik ist nicht die Sünde wider den Heiligen Geist, aber die bis heute stärkste Absicherung der Verführung dazu.
Hat das Fronleichnamsfest nicht etwas von einem barbarischen Triumphzug?
Zum Begriff der Gottesfurcht: Wir alle haben die ganze Gesellschaft als verinnerlichte Kontroll- und Zensurinstanz im Kopf. Daran müssen wir uns abarbeiten, um an den Punkt herzukommen, an dem wir in der Gottesfurcht, im Angesicht Gottes, uns wiederfinden. Das ist der einzige Punkt, von dem aus wir diese verinnerlichte Kontrollinstanz zu kritisieren und zu durchschauen in der Lage sind. Auf dieser Basis läßt sich die Adornosche Philosophie als der bis heute genaueste Ausdruck der Gottesfurcht begreifen. -
02.06.91
Die kirchliche Sexualmoral verletzt genau das, was sie schützen will: die Scham. Grund ist der Säkularisations- und Objektivationsprozeß, der die Grenzen der Scham verrückt, die Intimsphäre gleichsam von innen aufgezehrt hat. Das „Wer von euch ohne Schuld ist“ ist erst von Adornos „Der Ankläger hat immer unrecht“ wieder eingeholt worden. Wie verhält sich die Scham, die das „Im Angesicht“ schützt, zu der Scham, mit der sich das „Hinter dem Rücken“ absichert?
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23.05.91
Zu Siegfried Herrmann, Jeremias, Darmstadt 1990: Schwer erträglich der Objektivitätsanspruch, der soweit geht, das der Autor sich selbst in der dritten Person zitiert. Damit scheint es zusammenzuhängen, daß
– die „Quellen“-Suche einfach nach dem Eindruck aussortiert (und der deuteronomi(sti)schen Redaktion zuordnet), was dem eigenen Prophetieverständnis nicht entspricht;
– das Prophetie-Verständnis selber sich (positivistisch) an den Klischees „Heils-“ und „Unheilsprophetie“ orientiert, hierbei tendentiell die „Heilsprophetie“ den „falschen Propheten“ zuweist, ohne die zentrale Bedeutung der Umkehr zu sehen, die wörtlich zu verstehen ist: durch Umkehr wird Unheilsprophetie zu Heilsprophetie, beide sind zwei Seiten der gleichen Sache; und falsche Propheten sind jene, die „Heil“ ohne Umkehr versprechen.
– Deutlicher als „Heil“ und „Unheil“, die christlichem (und dann faschistischem) Sprach- und Denkgebrauch entsprechen, wären ohnehin die biblischen Begriffe Gericht und Barmherzigkeit: Das Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die unbarmherzige Welt (über das Weltgericht).
– Unerträglich auch die unvermittelte (an preußisch-deutsche Traditionen der Geschichtsschreibung erinnernde) Zuordnung des Prophetenworts zu frühgeschichtlichen Kriegsereignissen mit der Tendenz, Unheil mit Niederlage und Heil mit Sieg gleichzusetzen: so als hätte das Hören aufs Prophetenwort die Niederlage, Unterwerfung und Vertreibung, das Exil, verhindern können. Prophetie ist Herrschaftskritik, nicht Kritik der Herrschaft des Feindes. (Die hämische Reaktion dessen, der den Besiegten nachträglich an seine – vom Propheten vorhergesagten – Fehler erinnert, entstammt der Tradition dieses Prophetieverständnisses).
– Geschichtsschreibung als Einfühlung in die, die seit je gesiegt haben, verfehlt die historische Wasserscheide der Prophetie von vornherein.
Unterirdisch scheint hiermit auch Bubers Schrift- und Prophetieverständnis zusammenzuhängen, wie es u.a. in seiner archaisierenden Sprache sich zeigt. Verwaltungssprache wird nicht dadurch „echter“, daß sie auf frühfeudale Verhältnisse rekurriert, gleichsam durch heroische Patina sich zu legitimieren sucht, Geistesgegenwart durch hierarchisches, entmündigendes Realitätsverständnis (Künden, Weisen, Walten), zu dem dann das existentialistische „Geschehen“ paßt: durch den Rückgriff auf vorzivilisatorische Verhältnisse ersetzt (durch die man glaubt, dem antisemitischen Gesetzesverständnis sich entziehen zu können, während man zugleich gesetzlose Zustände, die dem Antisemitismus zugute kommen, befördert).
Zu Jeremia „der Nacken und nicht das Gesicht“ (vgl. S. Herrmann, S. 95): Präzisierung des „hinter dem Rücken“; der Nacken beugt sich vor den Herren; er trägt die Last, das Joch (beugt sich unter der Last der Schuld). Vgl. u.a. Jer 1719ff: die Sabbatheiligung, 271ff: Zeichenhandlung vom Joch u.ö.
Kann es sein, daß man die – aus Deuterojesaias Gottesknecht-Liedern stammende – Vorstellung vom Sühneleiden des Gerechten (Jes 53) auf ihren Realgehalt zurückführen, daß man die christliche Form ihrer Adaptation gleichsam umkehren muß, um ihre Wahrheit zu begreifen; man darf sie nicht aus der Sicht des Volkes, sondern aus der des Gottesknechts: nicht teleologisch, sondern kausal interpretieren: als erstes Zeugnis jenes Mechanismus, der dazu führt, daß in der Tat der Gerechte das erste Opfer der Gemeinheit ist, die im realen historischen Prozeß sich durchsetzt, wenn die Gottesfurcht verschwindet und die Lehre keinen Platz mehr findet. Falsch (dem Nachfolgegebot widersprechend) ist auf jeden Fall ihre Umformung zur Opfertheologie, die durch Instrumentalisierung das progressive Verschwinden der Gottesfurcht und der Lehre verursacht und am Ende beschleunigt hat. (Vgl. aber dagegen Hebr 1010 u.a.)
Die Bemerkung aus der DdA, wonach die Distanz zum Objekt vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, sowie die Konsequenz, die sich aus der mittelalterlichen Interpretation der biblischen Dornen und Disteln durch die Wormser Chassidim ergibt, ist ohne eine kritische Naturphilosophie nicht zu halten.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie