Adorno

  • 27.06.90

    Die Theologie ist der Einspruch gegen die Zwänge, als welche die gesellschaftlichen Strukturen des Realitätsprinzips heute erfahren werden; sie wird blasphemisch, wenn sie mit schwindender Kraft der Reflexion selber diesen Zwängen unterliegt (ihnen einen religiösen Anstrich verleiht: zweite Religiosität; Anbetung der „theologischen Mucken“ der Warenform).

    FR: „Vatikan droht kritischen Theologen“ – Hier fordert die Kirche, die selbst kein Mitleid kennt, in paranoider Verkehrung der Verhältnisse Mitleid mit sich selbst, mit den „Hirten der Kirche“, wenn sie von den Theologen fordert, daß sie bei Konflikten mit der Kirche keinen „Druck auf die öffentliche Meinung ausüben“ sollen. Übernahme des „Nestbeschmutzer“-Syndroms? (Ähnlich schon im Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“). – „Triebkräfte der Untreue gegen den Heiligen Geist“? Es gibt die Sünde wider den Heiligen Geist, aber keine Untreue gegen den Heiligen Geist (die Nibelungentreue sollte man dem nationalen Wahn überlassen); und bei den „Triebkräften“ kann es sich nur um die allzu bekannten subversiven Kräfte handeln (projektive Nebeneffekte der krichlichen Sexualmoral).

    D.’s Interpretation des „Richtet nicht, damit ihr nicht von Gott (E.D.) gerichtet werdet“ entstellt den Sinn des Gebotes.

    Mit der Kritik der politischen Theologie und der Rechtfertigung des Bürgers blendet D. das Herrendenken und seine Folgen für den Prozeß der Verweltlichung aus. Wer die Kritik der Welt aus der Theologie eliminiert, kastriert die Theologie. Da trifft sich D. mit Habermas, mit dessen Kritik an der Frankfurter Schule: an den Weltbegriff wird nicht mehr gerührt. D.’s Diffamierung des „Retter-Syndroms“, eigentlich der Erlösung, ist der genaue Ausdruck davon. Hier adaptiert er, was er zugleich kritisiert (und das macht den D. so anstrengend): die Kirche als Gnaden-Verwaltungsanstalt. Zusammenhang mit der von D. sowohl kritisierten als auch dann doch akzeptierten Opfertheologie.

    Ist nicht D.’s Verständnis der j Urgeschichte neokolonialistisch (Vergangenheit als Rohstofflieferant). So wird die j Urgeschichte wieder einmal von oben her erledigt, anstatt sich wirklich darauf einzulassen.

    Die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen: das ist auch einer anderen Interpretation fähig als einer fundamentalistischen.

    Religion ist heute entweder Blasphemie oder eine offene Wunde, deren Sinnesorgan z.B Adorno, Jean Amery, Primo Levi oder Nelly Sachs heißt. Es ließe sich leicht ein Kanon verbindlicher Schriften zusammenstellen, deren Kenntnis bei einer Neubegründung der Theologie vorauszusetzen wäre: Drewermann scheint keine dieser Schriften zu kennen. Zu beachten ist freilich, daß diese Literatur Literatur von realen oder potentiellen Opfern ist und von den (realen und potentiellen) Tätern nicht unverwandelt rezipiert werden kann. Dazwischen steht die Vernichtungswut, die Opfer und Täter trennt. Unsere Kraft reicht nur soweit, wie wir bereit sind, uns durch diese Literatur aufstören zu lassen.

    Das angstfreie Leben, das D. wohl als Utopie, als Bild eines Lebens, das mit sich versöhnt ist, vorschwebt, ist in der D’schen Version nur auf der Grundlage neuer Verdrängungen und Rationalisierungen möglich, das aber heißt: nur als Quellgrund neuer Angstregionen. Angst ist ein Indikator für Unaufgearbeitetes: freilich für ein nicht nur im Subjekt, sondern zugleich draußen, in der Objektivität Unaufgearbeitetes.

    Zu Kant: Die Moral ist der Schopf, an dem sich die Philosophie aus dem zuvor selbst produzierten Sumpf ziehen muß.

    Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ rückt den Kreuzestod Christi überhaupt erst in die richtige Perspektive. Es ist die schärfste Kritik an seiner Instrumentalisierung zur Opfertheologie. Die Vorstellung, daß die KZ-Schergen nach getaner Arbeit auch 1944 noch zu Hause mit Frau und Kindern unterm Weihnachtsbaum Weihnacht gefeiert haben, sollte eine Schutzimpfung gegen den sentimentalen Sog des Weihnachtsfestes sein, der ohnehin nur dem Weihnachtsgeschäft zugute kommt, in dem sich Auschwitz fortsetzt.

    Die Opfertheologie verhält sich zur Befreiungstheologie wie die Familie zur Ehe (oder wie die Eucharistie zum Kannibalismus?). Die Ehe ist ein Sakrament, nicht die Familie; die ist eines der Zentren des bürgerlichen Schuldzusammenhangs, ein Mythos-Generator.

    Gibt es für die Idee der seligen Anschauung Gottes eine biblische Grundlage, oder handelt es sich hier um ein philosophisches (aristotelisches) Erbe? Zusammenhang mit dem aristotelischen Theorie-Begriff, abgegolten und erledigt durch die kantische Philosophie (Zusammenhang der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik).

    Der Rosenzweigsche Weltbegriff scheint mir den Punkt zu bezeichnen, von dem aus der „Stern“ aufzuarbeiten wäre. Das „All“, gegen das er seine Philosophie setzt, ist ja der Gegenstand des Weltbegriffs, gegen den seine Philosophie andenkt. Der Weltbegriff ist selber an die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur gebunden, ein Nebenprodukt des Objektivationsprozesses, der Vergegenständlichung der Natur, hinter deren Rücken gleichsam der Weltbegriff sich konstituiert. Herrschaft verstrickt sich in Welt.

    Wenn das Verhältnis des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Planckschen Strahlungsformel begriffen ist (Ursprung und Bedeutung des Korpuskel-Welle-Dualismus), ist der Einstieg in eine neue Naturphilosophie geschafft (Zusammenhang mit dem -vierdimensionalen – Raumzeitkontinuum, mit der Minkowskischen Raumzeit: Stellenwert des die Lichtgeschwindigkeit repräsentierenden imaginären Raumteils: Grund für die Begrenzung auf den mikrophysikalischen Bereich?).

    Dem Naturschönen wohnt ein utopisches Element inne, während die weltliche Schönheit nur regressive Züge trägt (Zusammenhang von Natur- und Weltbegriff).

    Der eigentliche Gegenstand des Inzest-Verbots ist der Ursprungs-Mythos, in letzter Instanz die Fundamentalontologie. Parvus error in principio magnus est in fine. Aktualität von Kafkas Parabel vom Schauspieldirektor, der zur Vorbereitung einer neuen Inszenierung die Windeln des künftigen Hauptdarsteller wechselt.

    Zusammenhang von Öffentlichkeit und Krieg (unter Einbeziehung der Lehre vom Heiligen Geist).

    Das Gefühl ist das Gegenteil von Glück; das Glück ist kein Gefühl.

    D. überantwortet die Theologie einem Abfall-Vernichter.

    „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn“.

    Gilt das Kreuzeswort Jesu „Vater, vergib ihnen, …“ auch für die Kirche, die sich mit der Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat?

    F.R. hat nach W.B. die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördert statt sie seßhaft zu verwalten, D. wirft die Tradition wie einen Ballast ab, um die Verwaltungspraxis zu erleichtern. Dabei ist er sich nicht zu schade für die denunziatorische Nutzung einer instrumentalisierten Psa. z.B. im Falle des Franz von Assissi.

    Wenn Jesus die Schuld der Welt auf sich genommen hat, dann war das kein stellvertretendes Opfer, sondern ein durchaus realer Versuch, verdrängungslos zu leben.

  • 05.06.90

    Drewermanns Kritik an den Klerikern gründet im Blick auf die (von ihm als Kleriker beneidete) Welt; sein Ideal ist die „freie Persönlichkeit“.

    Die Kritik D.’s nimmt demagogische und denunziatorische Züge an, wenn es darum geht, projektiv die Ansprüche und Forderungen des Gebots (das er vom Gesetz und vom Befehl offensichtlich nicht unterscheiden kann) abzuwehren (vgl. vor allem die Ausführungen zum Gehorsam).

    Merkwürdiger Eindruck beim Drewermann: Argumentation unverbunden, auch auf Kosten von Widersprüchen; schwer zu fassen: zu jeder Aussage auch das Dementi; großes strategisches (oder nur taktisches?) Geschick. – Vor allem merkwürdig die gereizte Reaktion auf Rahner, mehr noch auf J.B.Metz. Frage, ob nicht gerade hier projektiver Anteil? Insbesondere das Problem der gesellschaftlichen und historischen Valenz/Vermittlung psychoanalytischer Einsichten. Psa. gebunden an die familiäre, intime Situation; reif für Psa. erst bei einem bestimmten Stand der Entwicklung der Privatsphäre (an die insbesondere auch der katholische Religionsbegriff gebunden ist)? Übertragbarkeit auf andere Situationen? Privatsphäre selbst gesellschaftlich-historisch vermittelt; Zusammenhang mit der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur; Funktion des Weltbegriffs. Fehlende Reflexion hierauf hat Zweideutigkeit/Ambivalenz zur Folge; Folge der Herrschaft der Reflexionsbegriffe? (…: Seit Entwicklung der Psa erübrigt sich die Produktion von Kunst, da jetzt Neurosen direkt (ohne Sublimierung) bearbeitet werden können: Anwendung auf Drewermann). Abwehr der Theologie notwendig aus Selbstschutzgründen, zur Erhaltung der Produktivität?

    Steckt in Adornos Satz: „Der Ankläger hat immer Unrecht“ nicht auch ein logisches Problem, der Kern der negativen Dialektik? Und rührt nicht die „Unlogik“, der merkwürdig diffuse und oszillierende Wahrheitsbegriff bei D. aus der Nichtbeachtung der durch A.’s Satz bezeichneten Logik? M.a.W.: folgt aus dem Verständnis, der Entschuldigung, immer auch die Erlaubnis? Es ist das gleiche Mißverständnis, das der Verwechslung von Moral und Recht zugrunde liegt. (Bezeichnend, daß immer die gegen die „Gesetzlichkeit“ der jüdischen Religion aufbegehren, die selbst diese einfache Unterscheidung nicht verstehen oder nicht wahrhaben wollen).

  • 01.06.90

    D. meidet die Anbindung psychoanalytischer Begriffe an die Strukturbewegungen im historischen Prozeß: Die Ableitung der „Methoden theologischer Zwangsvereinheitlichung durch Ketzermacherei und Häretikerausschluß“ aus der Psychologie des Klerikers z.B. müßte ergänzt werden durch eine kritische Analyse der realen Geschichte von Ich, Es und Über-Ich (der Geschichte der Herrschaft, in die sie verflochten sind): Hier wäre die Kenntnis der materialistischen (politisch-ökonomischen) Geschichtsanalyse zweifellos von Nutzen. Hätte D. sich etwas mehr mit der jüngsten Vergangenheit befaßt, würde er z.B. den Begriff der „Identifikation mit dem Aggressor“ kennen, der sicherlich mehr zur Aufklärung frühkirchlicher Vorgänge beitragen könnte (wie überhaupt die Anwendung psychoanalytischer Methoden auf diese Periode konstruktiver sein würde als ihre Anwendung auf die „jahwistische Urgeschichte“: kann es vielleicht sein, daß das Christentum das Objekt der Psychoanalyse überhaupt erst „geschaffen“ hat? – vgl. S. 278: die „ödipale Problematik … lediglich eine kulturelle Variable, deren Einfluß auf die Mentalität der europäischen Zivilisationsgeschichte allerdings nur schwer überschätzt werden kann“).

    Zu Dornen und Disteln: sh. Mt 7,16 „die Trauben bei den Dornen und Feigen bei den Disteln suchen“.

    Adorno: Heute ist schon jeder Katholik so schlau wie früher nur ein Kardinal. – Hat D. nie den Zynismus (und seine Wurzeln) analysiert, der heute als notwendige Folge aus dem Zustand der Theologie (nicht erst aus der Psychologie des Klerikers) resultiert, und der möglicherweise stärker, wirksamer und weiterreichend im katholischen Laien sich manifestiert, der gelernt hat, sein instrumentalisiertes Christentum als Herrschaftsmittel im privaten Bereich wie in der Politik taktisch und strategisch zu nutzen. Dagegen hat der Kleriker durch seine theologische Ausbildung noch Reibungsflächen, die vielleicht sein Leiden /am Zustand der Theologie) erhöhen, die aber auch die Chance eröffnen, durch Reflexion, durch Aufarbeitung dieses Leidens den Zustand der Theologie selbst zu ändern (die Möglichkeiten ihres Mißbrauchs zu reduzieren).

    Bemerkt D. nicht die Projektion, die in der unkritischen Rezeption des Katharerbildes steckt? (S. 162).

    Zu dem „Mangel an Persönlichkeit“ (S. 167, 170) vgl. die Bemerkungen von F.R. im „Stern“. Ist der Begriff der P. eigentlich psychoanalytisch relevant?

    Zu der wirklich nur noch polemischen Darstellung der klerikalen Kleidung: Warum eigentlich so ausführlich nur hinsichtlich der Nonnenkleidung? Was ist mit der liturgischen Kleidung? Und vor allem: Fehlt nicht als Hintergrund eine Soziologie der Kleidung (und hierbei auch der Mode) überhaupt? Ist es zulässig, hier die Realität als nicht mehr zu hinterfragende Normalität hinzunehmen, an der dann die klerikale Kleidung (ihre diachronische Symbolik) so unreflektiert gemessen werden darf? Wäre hier nicht eher ein Aufklärung dieser Diachronik, eine Aufarbeitung der Geschichte dieser gegenwärtigen Vergangenheit vonnöten?

    Drewermann kennt offensichtlich nur das „persönliche Gebet“ (das es heute eigentlich schon nicht mehr gibt, jedenfalls nicht mehr in authentischer Form), nicht jedoch das meditative Gebet (vgl. Reinhold Schneiders „allein den Betern …“ und Ernst Blochs „Wahrheit als Gebet“): Das persönliche Gebet ist den Tätern nach Auschwitz untersagt; das meditative Gebet (als Trauer- und Erinnerungsarbeit) behält seine Bedeutung (ja gewinnt sie heute vielleicht sogar verstärkt) als Vorstufe und als Exercitium des parakletischen Denkens.

    Was ist eine „persönliche Vertiefung der Frömmigkeit“ (S. 179)? Auch die Wachmannschaften in den KZs haben Weihnachten gefeiert.

    Zur Bußpraxis (S. 180): Die wirkliche Schuld ist heute nicht mehr beichtfähig, sie ist nicht mehr in dem Sinne individuell, wie es das Institut der Beichte voraussetzt. Vgl. hierzu das Jesus-Wort über die Aussöhnung mit dem Bruder vor dem Opfer: Dürfte hiernach heute überhaupt noch jemand am Opfer teilnehmen?

    „Was immer heute Religion heißt, vermittelt sich persönlich oder gar nicht …“ (S. 212f): Das kann doch nur heißen, daß der Inhalt, die Wahrheit, nicht mehr vermittelbar ist, sondern nur noch die „personality“ des Vermittlers (des „Führers“ – vgl. die Vorbereitung des H.J. Degenhardt auf das Priesteramt), vielleicht so etwas wie Charisma, Aufrichtigkeit o.ä., jedenfalls etwas, daß nicht mehr anhand nachvollziehbarer Kriterien (außer denen des „positiven Denkens“) zu beurteilen ist?

    D.s Begriff von den Psalmen: „tagaus tagein zu dem Hersagen altorientalischer Lieder genötigt“ – „Haßtiraden der Psalmen“ -„nicht ein einziges wirkliches Fürbittgebet“ – „Texte, gebunden an den heiligen Egoismus einer altorientalischen Stammesreligion“ – „muß sie beten, daß Gott dem König Macht gibt, seine Rache an den Feinden zu genießen“ (S. 179)

    S. 245ff: D. hat den entscheidenden Punkt des double bind in der Psychologie des Klerikers offensichtlich nicht begriffen (obgleich er ihn selbst kurz vorher sehr genau beschrieben hat): nämlich die „Doppelbindung“ an die „Mutter Kirche“, nicht selten projektiv ausgebildet in der priesterlichen Marienverehrung (sh. jedoch hierzu S. 287f). Dagegen ist das von D. beschriebene Beispiel der Gefühlsverwirrung in der ungeklärten Beziehung einer Frau zu „ihrem“ Pfarrer ein Fall, der nur vor dem Hintergrund einer selbst bereits wahnhaften (blasphemischen) Religionsbindung double-bind-ähnliche Züge annimmt (vgl. Schizophrenie und Familie – Anwendung auf Genesis und Struktur der Marienverehrung?). – Einbindung von double-bind-Strukturen in die Normalität zunächst durch die Religionen, dann Verselbständigung (sekundäre Religion – vgl. Spengler)?

  • 22.04.90

    Heilt Drewermann etwa Neurosen durch Implementierung einer Psychose? Die „Geborgenheit in Gott“, die von Ängsten befreien und Gesundheit sichern soll, unterschlägt die Gottesfurcht (der Weisheit Anfang), entrealisiert und subjektiviert (psychologisiert) die Gottesidee, schafft eine Gewißheit, die von der Anstrengung des Gottsuchens enthebt: ist Teil der Genese des pathologisch guten Gewissens. D.s Gottesidee hat ihre Wurzeln im Selbstmitleid (Gott als Trost), und nicht im Gewissen (Gott als Gerechtmacher und als Verteidiger der Schwachen). Ihr Ursprung ist der Wunsch, geliebt zu werden (nach Adorno eine Folge des Nicht-Lieben-Könnens). Drewermann kennt die Umkehr nicht, oder unterschlägt sie, anstatt sie in eine theologische Erkenntnistheorie (vgl. Rosenzweig) mit einzubauen. Auch D. will eine Erlösung ohne Offenbarung. So blendet er die Realität aus und versinkt im Mythos, im Wahn. Der Preis ist eine erkennbare Affinität zum Antisemitismus.

    Drewermann Bd. II, S. XLII: j Urgeschichte = „ontologisch“ im Sinne Heideggers (Fundamentalontologie der Geschichte).

  • 08.04.90

    Ist das Heideggersche „Dasein“, sind die „Eigentlichkeit“, „Entschlossenheit“, das heroische „Vorlaufen in den Tod“ nicht männliche Kategorien; kommen Frauen in Heideggers Philosophie (wie in den Texten zu Theweleits „Männerphantasien“) überhaupt vor (außer als andächtige Hörer)? Ist die Fundamentalontologie ein Prototyp oder gar das genaue Strukturgesetz der Männerphantasien und derart insgesamt sexistisch (und das Selbstmitleid und die genetische Struktur für das „pathologisch gute Gewissen“ ein notwendiges Pendant dazu)?

    Heidegger hat das Modewort der 60er Jahre „Identität“, gegen das auch Adornos Einsichten nicht geholfen haben, im Begriff der „Eigentlichkeit“ vorweggenommen, zugleich aber das Dezisionistische daran (das heute Adorno-Schüler wiederum gegen die Postmoderne glauben verteidigen zu müssen) protokolliert. Dieser Dezisionismus (Reflex des unreflektierten Schuldmoments am Subjekt) ist es, der sich über Projektionen, Vorurteile den Schein der logischen Notwendigkeit geben muß.

    Unter dem Oberbegriff der Identität (dem Rest oder dem Widerschein der Einheit des Dings, des Objekts: der Schuld) ist die Idee der Wahrheit nicht zu retten; daraus zieht der Sexismus (als Grundvorurteil) seine zerstörerische Gewalt (vgl. auch die lange akademische Tradition dieses „Grundvorurteils“; Belege bei Christine de Pizan; Wahrheitsmoment der Sexualmoral).

    Die Idee der Wahrheit ist ohne die (identitäts- und schuldauflösende) Idee des Gottsuchens nicht zu halten. Der materialistische Kern der Wahrheitsidee (ihr brennender Dornbusch) ist die Theologie.

    Transzendentale Logik/ Unerkennbarkeit der Dinge an sich/ Bedeutung der Kantischen Formen der Anschauung/ Inertialsystem und Relativitätsprinzip: Zusammenhang mit dem Ursprung der Reflexionsbegriffe. Der Ursprung des Inertialsystems repräsentiert die falsche (männliche) Einheit von Subjekt und Objekt (Maßstab und Gemessenem), Herrschaft und Beherrschten, die Unwahrheit des richtenden Prinzips, das Formgesetz und den Ursprung des Schuldzusammenhangs.

  • 01.01.90

    Die Welt unterliegt den Formen der Anschauung und den Kategorien. Eine Theorie der Schöpfung müßte deren Ursprung (insbesondere den Ursprung von Raum und Zeit) mit erklären. Die Schöpfung geschah nicht „in“ Raum und Zeit, so als hätten diese vorher schon bestanden; sie hat kein Vorher und kein Außerhalb. Himmel und Erde (die Gegenstände der Schöpfung) sind nicht in Raum und Zeit, und sie unterscheiden sich insofern von der „Welt“; Raum und Zeit sind Akzidenzien, keine Substanzen: Adornos „Vorrang des Objekts“ bezieht sich auf dieses Verhältnis. Substantiell werden Raum und Zeit erst im Kontext des Trägheitsgesetzes (und des Tauschprinzips), im futurum perfectum (der zukünftigen Vergangenheit) des naturwissenschaftlichen Objektbegriffs oder des zugrunde liegenden Weltbegriffs.

  • 25.06.89

    Angstbewältigung durch Angstgenuß scheint zum selbstmörderischen Ausweg zu werden. Hier ist ein Mechanismus entstanden, der dem gleicht, durch den die entfremdete Welt sich als zweite Natur etabliert hat. Hat etwa die besondere Beziehung des Christentums zur Sexualität, die in der Sexualangst falsch sich ausdrückt, hier ihr fundamentum in re? „Jeder Genuß stammt aus der Entfremdung“ (DdA): gibt es eine „positive“ Beziehung zur Sexualität nur zusammen mit einer affirmativen Beziehung zur Entfremdung? Und steckt nicht in jedem Genuß damit ein Stück Verzweiflung?

  • 11.05.89

    Was mir Angst macht:

    – Ich habe den Krieg erlebt; und ich bin Zeitgenosse der schlimmsten Barbarei, des maschinellen Judenmords, der auch in meinem Namen begangen wurde. Spuren, mehr noch, die direkte Erbschaft dieser Barbarei sind zweifellos heute präsent. Den Schwur „das darf nie wieder sein“ habe ich wörtlich geleistet, als die Bundesrepublik sich der „westlichen Verteidigungsgemeinschaft“ anschloß: als die verfluchten Waffen und das zugehörige geistige und organisatorische Instrumentarium wieder rehabilitiert wurden. – Ich habe Angst, daß das, was heute als Revolution auftritt, die Voraussetzungen und die Folgen der Barbarei nicht begriffen hat, und deshalb ungewollt, aus Unkenntnis selber zum Wiedererstehen der Barbarei beiträgt; und die ist alles andere als harmlos.

    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Dieser Satz wird bestätigt durch das, was Horkheimer und Adorno die „Dialektik der Aufklärung“ nannten (und in diesem Werk präzisieren, thematisch durchführen). Die Geschichte der Naturerkenntnis (und ihr Resultat, das Bild der Welt, zu dem wir keine Alternative haben), ist die Geschichte eines Prozesses (auch im juristischen Sinne) gegen die Natur. Der naturwissenschaftliche Erkenntnisbegriff gleicht nicht zufällig dem staatsanwaltlichen und juristischen: er versetzt die Natur in den Anklagezustand und läßt sie als gerichtete zurück. Nur daß in diesen Prozeß die Geschichte der Gesellschaft verflochten ist: Die Geschichte der fortschreitenden Naturbeherrschung ist ein Teil der Geschichte der fortschreitenden Etablierung von Herrschaftsmechanismen und -institutionen in der Gesellschaft, die dann wiederum zu ihrer Absicherung der Eskalierung der Gewalt und der Institutionen, die sie repräsentieren (Militär, Polizei, Justiz), bedürfen. Das Gericht über die Natur schlägt auf die Menschheit zurück. – Ich habe Angst, daß unreflektierte Gewalt gegen Repräsentanten des Systems nur die Gewalt des Systems stärkt, aber nichts ändert.

    – Die Fixierung auf ein Feindbild (und ihre Folge: die Identifikation mit dem Aggressor).

  • 07.05.89

    Die Postmoderne (in der Architektur wie in der Philosophie?) ist der Versuch, die Konsequenzen aus dem neuen Stand des Nominalismus zu ziehen. Ansatzpunkte: Adornos Begriff des Nichtidentischen („Das Ganze ist das Unwahre“); Kants Vernunftkritik (Stellung der „reinen Formen der Anschauung“ zu den Begriffen; transzendentale Logik und Kategorienlehre; Antinomien der reinen Vernunft etc.); Wittgenstein; generell: Hegelkritik (der Tod als Konstituens des Begriffs; Widersinn des „absoluten Begriffs“); Rosenzweigs Neubegründung der Theologie (der Begriff des Begriffs als proton pseudos der Philosophie von Jonien bis Jena), Heidegger (der Geburtsfehler der Philosophie; das Sein und die Selbstzerstörung des Subjekts durch Eigentlichkeit).

    Die nur noch diskriminierenden Angriffe auf die Postmoderne in der Bundesrepublik (Christa Bürger, Burkhard Schmidt, Habermas?) verweisen auf einen blinden Fleck, auf eine Erkenntnis- und Wahrnehmungsunfähigkeit, die nur durch Verdrängung zu erklären sind. Vgl. Lyotards Bemerkungen zu „Kläger und Opfer“ im „Widerstreit“, S. 25ff, oder zur „Abschaffung der Todesstrafe aus Nihilismus“, S. 26.

    Frage: Gibt es den „herrschaftsfreien Diskurs“; gibt es eine Sprache jenseits der Herrschafts-, der Subjekt-Objekt-Beziehung; reicht die Herrschaftsstruktur nicht ebenso wie in das Sein der Dinge in jedes Urteil, in den apodiktischen Satz mit herein? – Ist die Vorstellung eines „herrschaftsfreien Diskurses“ etwa eine Ersatzbildung für die fehlende (theologische) Idee des Heiligen Geistes? (Der „herrschaftsfreie Diskurs“ schließt nur aus, daß zweie, die sich streiten, sich auch noch die Köpfe einschlagen, er hat aber den Streit zur Voraussetzung – Empathie fällt nicht in den Bereich des „herrschaftsfreien Diskurses“; er hat zur Grundlage das Rechtsinstitut des staatlichen Gewaltmonopols; er scheitert an der fehlenden Kritik des Rechts: Recht bekommen – auch mit legitimen Mitteln – ist nicht identisch mit der Gerechtigkeit des Ergebnisses; er scheitert m.a.W. an der Illusion über die Realität von Gewalt, die heute – zusammen mit der Krise des Nominalismus – zum eigentlichen Gegenstand der Philosophie zu werden scheint.)

  • 30.04.89

    Politische Reden geben das (negative) Maß dafür ab, was noch gesagt werden kann und was nicht. Sie sind im wörtlichen Sinne unsäglich. Die eingeschliffene „Logik“, die nur noch die eigenen Anhänger überzeugt, ist imgrunde terroristisch; sie braucht Sündenböcke; sie gehört zu den Ritualen der kollektiven Exkulpierung; sie erzeugt den kollektiven blinden Fleck, indem sie von Reflexion apriori dispensiert; sie gibt zu erkennen, daß sie zuschlagen wird, wenn einer nicht zustimmt. Philosophie ist der Versuch der Wiederaneignung der durch die Politik geraubten Sprache.

    Das einfachste Mittel der Abwehr ist seit jeher die Personalisierung in Verbindung mit der Kriminalisierung einer Wahrheit (X ist ein Irrer, Terrorist, Mörder; er ist unbelehrbar, nicht ansprechbar, mit ihm kann man nicht reden; wer mit ihm redet, ihn zu begreifen versucht, ist selbst ein Terrorist, zumindest ein Sympathisant …). Wenn es dann noch notwendig wird, diesen Abwehrmechanismus mit strafrechtlichen Mitteln abzusichern, so ist das fast schon der Wahrheitsbeweis für das Abgewehrte. – Der Terrorismus verweist im übrigen seit je auf den sehr viel härteren gleichen Sachverhalt auf der Seite dessen, der die Macht hat, das Verdikt des Terrorismus gegen seinen Gegner durchzusetzen.

    In der bisherigen Geschichte der Naturbeherrschung war Konkurrenz ein Merkmal gleichzeitiger (gleichsam räumlicher) Beziehungen (und insoweit auch ein Motor der Aufklärung); läßt die „Postmoderne“, der Bruch mit der Aufklärung, der im übrigen schon im Begriff der „Nichtidentität“ bei Adorno anklingt, sich dadurch definieren und begreifen, daß dieses Konkurrenzprinzip auch auf die zeitlichen Beziehungen übergreift: Nicht mehr nur Aufklärung als Sieg über die Vergangenheit (ein Sieg, der ohnehin schon problematisch genug war, und zu dem Walter Benjamin in den „Geschichtsphilosophischen Thesen“ erstmals das Nötige gesagt hat), sondern eine Aufklärung, die in Konkurrenz zur Zukunft tritt, Naturbeherrschung selbstzerstörerisch auf die Zukunft auszudehnen versucht, damit ihr eigenes Lebensprinzip angreift. Hier tritt – entgegen der letzten Hoffnung Walter Benjamins – erstmals auch eine Art Neid auf die Nachkommen auf.

    (01.05.89) Aber kann es sein, daß diese Absperrung, Ausblendung der Zukunft die Voraussetzung dafür ist, daß sie, „ins Angesicht geleugnet“, ihr Antlitz zeigt? („Deus fortior me“.)

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