Antisemitismus

  • 25.08.93

    Steckt nicht in der Vorstellung einer „von der Sintflut gereinigten Erde“ (Zenger, S. 169?) das christliche Modell einer entsühnten Welt? Ist dieses Konzept nicht doch in einem verhängnisvollen Sinne opfertheologisch, dem dann der – die Menschen zu bloßen Zuschauern objektivierende und entlastende – „Geschehens“- (und Kosmos-) Begriff entspricht.
    S. 172, Anm. 20: Das Keel-Zitat, wonach die „Vorstellung vom himmlischen Plan für einen irdischen Tempel … warscheinlich aus Mesopotamien ins AT eingedrungen“ sei, stammt aus einer geisteswissenschaftlichen Tradition, nach der sich in der Geschichte Vorstellungsmassen von einem Ort zum andern bewegen, wie feindliche Truppen in eine fremde Stadt in einen Text „eindringen“, blendet das Erfahrungsmoment in solchen Vorstellungen aus und verdrängt es.
    Philosophie als Instrument der Sprachverwirrung: Gilt die Beziehung des Tempelbaus zur Schöpfung (S. 173) nicht generell für die Geschichte der Architektur (die damit eine Beziehung zur Geschichte der Philosophie gerückt wird, die in Heideggers „Haus des Seins“ nachklingt und auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel zurückweist).
    Zum Turmbau von Babel vgl. das Zitat aus dem Emuna-Mythos in der Anm. 26 auf S. 174.
    In welcher Beziehung stehen eigentlich Tempel und Schrift: Steckt nicht in der Geschichte von der Auffindung der Schrift im Tempel (durch Hilkija – 1 Kön 228) mehr als ein nur zufälliger Vorgang? Drückt in dem Auffinden nicht auch etwas von der Beziehung des Autors zum Text sich aus, etwas, was es unmöglich macht, vom Willen oder von der Absicht des Autors zu sprechen? Beschreibt nicht das Auffinden auch einen wesentlichen Aspekt der Produktion des biblischen Textes?
    S 174: „Nach dem Sieg im Götterkampf über die Götter Ägyptens tritt der Schöpfergott Jahwe definitiv seine Weltherrschaft an.“ Wird hier nicht Jahwe mit Zeus, mit dem Reflex des Ursprungs des Patriarchats am mythischen Götterhimmel, verwechselt?
    Ist die Idee von einem „Heiligtum der Weltherrschaft“ bezogen auf den Tempel nicht antisemitisch?
    Das Ganze ist das Unwahre: Die Pforten der Hölle (Mt 1618), die die Kirche nicht überwältigen werden, sind die Pforten des hades, des scheol: der Unterwelt, des Totenreichs, d.h. der Natur.
    Der ungeheure Satz in Num 1333: von dem Land (Kanaan vor der Landnahme), das seine Bewohner frißt („wir sahen dort auch die Riesen“). Sh. hierzu Zenger, S. 176f.
    Haben die Säugetiere (die, anders als die Fische und die Vögel, keine Eier mehr legen) nicht das Meer und den Himmel im eigenen Innern? Und stehen die Wehen nicht in Zusammenhang mit dem Aufruhr der Meere und der Winde?
    Hat nicht Tilman Moser schon in seiner „Gottesvergiftung“ das Selbstbewußtsein eines Skins beschrieben: die Aggresson, die die Vorstellung, angeblickt zu werden, auslöst? Gehört das nicht in den Kontext einer verzweifelt abgewehrten und zugleich festgehaltenen symbiotischen Beziehung, deren Modell das Gerücht über Hitlers Blick aufs deutlichste vor Augen stellt? Hier sitzt das Gefühl, nicht geliebt zu werden, so tief, daß alles, was an die Aufforderung selber zu lieben, erinnert, Aggressionen, Mordlust auslöst: Deshalb der Haß auf die Armen und die Fremden.
    Steckt nicht in jeder Abwehr der Psychoanalyse die Abwehr der Autonomieforderung, die von ihr ausgeht?
    Wer sich ungeliebt fühlt, kennt zur Macht keine Alternative. Deshalb reizt ihn jede Erscheinung von Ohnmacht zur Wut, weil sie ihn an seine eigene erinnert. Jeder andere Ohnmächtige ist ein Konkurrent seines eigenen Liebesverlangens. (Beschreibt dieser Mechanismus nicht aufs genaueste die historische Entfaltung der Raumvorstellung?)
    Ralph Giordanos Vergleich eines Statsanwalts mit einem Ochsenfrosch trifft genau das Aufgeblasene unserer Justiz. Krankt nicht der Rechtsstaat in Deutschland auch noch in ganz anderer Weise daran, daß ihm die eigene Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gelungen ist: Er ist zutiefst pathologisch (empfindlich) geworden, und das im Kontext einer offensichtlich irreversiblen symbiotischen Beziehung zum Staat; er ist zum Verwalter der Staatsgewalt geworden. Daß unser Recht auf dem rechten Auge blind ist, ist kein Gesinnungs-, sondern ein fast nicht mehr zu behebender Systemfehler.
    Nicht die Fähigkeit zur Schuldreflexion, sondern die zur Schamreflexion, die durch den Begriff der Kollektivscham unterbunden worden ist, ist die Grundlage der Herrschaftskritik: der Weltkritik. (Ist nicht das Schicksal der Schamzusammenhang, und nicht der Schuldzusammenhang, des Lebendigen?)
    Krankt Erich Zengers „Gottes Bogen in den Wolken“ nicht daran, daß er an der Trennung der Quellen (J, E, P, Dtr) festhält, anstatt sich auf die Konstellationen einzulassen, die mit dieser Trennung erst sichtbar wird? Beeinträchtigt nicht z.B. die Ausscheidung der Sündenfall-Geschichte, die Verdrängung des Schammotivs, des Baums der Erkenntnis, der Schlange, des Fluchs über die Schlange, Adam und Eva (mit dem Staubmotiv, den Dornen und Disteln, den Wehen) das Verständnis der Sintflut-Geschichte (vgl. z.B. die deutliche Beziehung des Spruchs Noachs über seine Söhne zum Fluch über die Schlange, Adam und Eva)? Wie verhält sich z.B. das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zum Bogen in den Wolken? Welche Stellen scheidet Erich Zenger aus dem Priester-Text aus (z.B. den über den Wassern brütenden Geist Gottes), aus welchen Gründen und mit welchen Folgen?
    Was fehlt:
    – eine Geschichte der Banken,
    – eine Geschichte der Architektur,
    – eine Geschichte der Sprachen,
    – eine politische Geschichte der Liturgie.
    Hat der Satz, daß es zur Prophetie die Haltung des Zuschauers nicht gibt, sondern nur die Alternative: entweder man ist selbst Porphet, oder man ist Objekt der Prophetie (und am Ende wird beides eins), nicht auch die Tendenz, die prophetische Vision, das prophetische Wort endlich wahrzumachen: daß am Ende Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie die Wasser den Meeresboden?
    Daß das Wort sich erfüllt, heißt das nicht auch, daß es endlich die Kraft des Namens (und das homologein sein Objekt) wiedergewinnt.
    Das in Jesus die Schrift sich erfüllt, ist ein prophetisches, kein historisches Wort. Als historisches wäre es ein blasphemisches Wort.
    Der Dekalog ist nicht harmlos: Das vierte Gebot ersetzt die Psychoanalyse, das achte Gebot die kritische Theorie.
    Mit der Philosophie müssen wir auch ihren Mangel begreifen, und hier liegt die ungeheure Bedeutung Heideggers: Er hat den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt (und damit kenntlich) gemacht.
    Wäre nicht die Trias Schöpfung, Offenbarung, Erlösung heute weiterzutreiben in die Trias Schöpfung, Prophetie, Apokalyptik? Das ändert die dynamischen Beziehungen in der Trias, stellt sie auf eine neue Basis. Im Hinblick auf den „Stern der Erlösung“ wäre das daran zu demonstrieren, daß im Falle einer christlichen Rezeption, die noch aussteht, ein affirmativer Gebrauch des Weltbegriffs nicht mehr möglich ist. Die Welt ist in jene apokalyptische Bewegung hereingerissen, die Rosenzweig um jeden Preis draußen vor halten möchte. Aber hier ist zugleich der Verdrängungspunkt der bisherigen christlichen Theologie. Im letzten Teil des Stern der Erlösung würden sich Judentum und Islam als vorapokalyptisch erweisen (und ein Christentum, das zwangshaft versucht, sich auch als vorapokalyptisch zu verstehen, hat damit zwangsläufig beide als „Erbfeinde“).
    Für das vorapokalyptische Christentum, das am affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs erkannt wird, ist die Schöpfungslehre Teil des Herrschaftszusammenhangs, die Offenbarung (als bloße Erkenntnisquelle) Teil des Verblendungszusammenhangs, und die Erlösung (als privater Exkulpationsmechanismus) das Siegel des Schuldzusammenhangs. Zu den Folgen dieses Zusammenhangs gehört es, daß das Subjekt (der Gläubige) in diesem System in einen Trägheits- und Objektstatus gebannt bleibt. Das vorapokalyptische Christentum steht unterm Bann des von ihm selbst hervorgerufenen Inertialsystems.
    Hat das Feuer, das Jesus vom Himmel bringen wollte (und er wollte, es brennte schon), etwas mit dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs vor dem Eingang des Paradieses zu tun?

  • 19.08.93

    Es läßt sich stringent aus der Logik des Weltbegriffs (der verandernden Gewalt dieser Logik) herleiten, wenn die Deutschen sich als Opfer des gleichen Schicksals begreifen, dessen Urheber sie doch zugleich sind.
    Hat die Geschichte mit Noe und seinen Söhnen, die in der Verfluchung Kanaans endet, etwas mit der Geschichte vom Sündenfall zu tun? Und zu Japhet heißt es:
    Raum schaffe Gott dem Japhet, daß er wohne in den Zelten Sems, Kanaan aber sei ihm Knecht! (Gen 927)
    Übrigens: Paulus war ein Zeltmacher!
    Ist nicht Mizrajim ein Sohn Hams, und Heth ein Sohn Japhets?
    Ist nicht das Licht ein Einspruch gegen die Vergangenheit (gegen die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit)?
    Wie wird das Himmelblau erklärt? Und wäre die Frage, warum es nachts dunkel ist, nicht zu ergänzen durch die andere: Warum das Himmelblau am Tage die Grenze des Sichtbaren anzeigt (und wo liegt diese Grenze)?
    Sind nicht das Feuer und das Angesicht die Antipoden des Lichts?
    Die Entfaltung einer philosophischen Sprachlogik ist ohne eine Theorie des Feuers nicht mehr möglich.
    Zu der Vorstellung, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels wiederkehren wird: Führt nicht auch hier das naturwissenschaftliche bestimmte Bild der Wolken in die Irre? Und ist dahinter nicht die metaphorische Bedeutung der Wolken (die in der „Wolke der Zeugen“ – Hebr 121 – anklingt) verdrängt und untergegangen?
    Daß der Menschensohn bei seiner Wiederkunft in den Wolken erscheinen wird, verweist das nicht, ebenso die Wolke der Zeugen im Hebräerbrief, zurück auf den Noe-Bund (auf den Bogen in den Wolken, vgl. Erich Zenger)?
    Als Athalya Brenner auf die diffamatorische Nebenwirkung des prophetischen Gebrauchs der Worte Hure, Unzucht u.ä., auf die Nutzung der Frauen als Projektionsfolie für Verfehlungen des Volkes Israel, aufmerksam machte, hat sie zugleich auf eine logische Beziehung zur durchaus vergleichbaren Gebrauch des Namens der Juden im Neuen Testament und dann im christlichen Antijudaismus hingewiesen. Liegt hier nicht der Nachweis für den strukturellen Zusammenhang von Antisemitismus und Frauenfeindschaft (sowie Antisemitismus und Sexualmoral)? Gehört zur Entschärfung des Vorurteils nicht auch die Erkenntnis des Zusammenhangs der Form des Symbols mit seinem projektiven Inhalt? Wird nicht beidemale, mit der Unzucht bei den Propheten und mit den Juden im Johannes-Evangelium, eindeutig Herrschaftskritik gemeint, die projektive Züge erst dann annimmt, wenn die Worte aus ihrem wirklichen Kontext herausgelöst und (im augustinischen Sinne) „ad litteram“ gebraucht werden?
    Liegt hier nicht die Lösung des Problems der Beziehung von Symbol, Name, Instrumentalisierung, Begriff, Schuld, Herrschaft, Verdinglichung: nämlich im Zusammenhang einer Theorie des Feuers? Bezeichnet nicht das Feuer die Grenze zwischen Reflexion und Verdrängung: zwischen Begriff und Name? Indem ich das Verdrängte durch Reflexion verbrenne, lösche ich die Fluten der Sintflut? Hängen Wasser und Feuer nicht so im Namen des Himmels zusammen?
    Wasser und Feuer, Schwert und Kelch: Verweist nicht die Verwandlung von Wasser in Wein beim ersten Wudner in Kana auf diesen Zusammenhang (vgl. hierzu das johanneische Komma: Drei nämlich sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist und das Wasser und das Blut, und diese drei gehen auf eins. – 1 Joh 57)?
    Der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, ist als empirischer Satz, der die mythische Ära beendet und das philosophische Zeitalter eröffnet, zugleich ein prophetischer Satz: Hilft er nicht zum Verständnis des Wunders von Kana? Zum Satz Jesu: Ich werde von jetzt an von diesem Gewächs des Weinstocks nicht trinken bis zu jenem Tage, wo ich es mit euch neu trinken werde im Reiche meines Vaters (Mt 2629): Ist nicht der Taumelbecher und der Kelch des Zorns Produkt der Instrumentalisierung („der trinkt sich das Gericht“)? Beschwert sich nicht der Küchenmeister in Kana, daß andere Gastgeber den guten Wein am Anfang bringen, warum hier am Ende (sh. auch das „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, und den Hinweis Marias an die Diener: „Was er euch sagt, das tut“; und es waren die Reinigungskrüge, die sie dann mit Wasser füllen sollten)?
    Zu Jutta Voß: In ihrer Geschichte vom heiligen Franziskus würde ich auch die Partei des Lammes ergreifen.
    Theologie nach Auschwitz kann sich nicht darauf berufen, daß auch in Auschwitz gebetet wurde: Zwischen diesen Gebeten und uns steht Auschwitz. Und es wurde sicherlich auch geflucht. Theologie nach Auschwitz ist notwendig, weil anders die Opfer von Auschwitz nochmal verraten werden (eine andere Frage ist es, ob sie noch möglich ist). Aus dieser Formulierung ergeben sich Konsequenzen, wie diese Theologie beschaffen sein müßte.
    Die Corpus-Christi-mysticum-Lehre scheint irgendwann nach dem Kriege aus dem Bewußtsein der Kirche (und der Theologie) entschwunden zu sein, möglicherweise im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil? Kann es sein, daß sie genau zu dem Zeitpunkt „vergessen“ wurde, als man sie von der Erinnerung an Auschwitz nicht mehr trennen konnte (Auschwitz als Folge des durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes initiierten Wiederholungszwangs)? Steht die Theologie nicht heute unter dem Symbol: Abgestiegen zur Unterwelt (zur Hölle)?
    Die Wahrheit hat einen Zeitkern, und kann es nicht sein, daß dieser Zeitkern die Positionen des Glaubensbekenntnisses durchwandert?
    Kritik der reinen Vernunft, S. 508: Ein Hinweis auf die Unterscheidung der dynamischen von den mathematischen Grundsätzen des reinen Verstandes (auf Genesis und Bedeutung des Welt- und Naturbegriffs).

  • 15.08.93

    Eine Theologie, die die Schöpfung der Welt zusammen mit der Entsühnung der Welt enthält, lastet apriori die Politik Gott an und exkulpiert sie zugleich.
    „Die deuteronomistische Geschichtsschreibung … entstellt für unsere Begriffe den Gang der Geschehnisse, indem sie die politischen oder militärischen Fähigkeiten und Erfolge der einzelnen Herrscher verschweigt oder ungebührlich in den Hintergrund treten läßt. … Über solchen zeitbedingten Einseitigkeiten sollte man aber das Verdienst dieses Werkes nicht übersehen.“ (Klaus Koch, S. 72f) Ich glaube, deutlicher kann man das (tendentiell antisemitische) Mißverständnis der Schrift nicht beschreiben.
    Philosophie, Naturwissenschaft und Gedankenflucht: Drückt nicht der Thalessche Satz: Alles ist Wasser, schon eine erste Angstfigur als Ursprung der Gedankenflucht aus, die dann erst (über die Astronomie) an der Mathematik, am Begriff und an der Logik (schließlich am Denken des Denkens) als Philosophie einen ersten Halt gefunden hat. Mit dem Weltbegriff hat diese Gedankenflucht dann Eingang in die Theologie gefunden. Im Kern der Naturwissenschaften: im Inertialsystem, ist die Gedankenflucht, deren Geschichte die der Philosophie ist, auf ihren Ursprung gestoßen: auf den neutralisierten Inbegriff des Schreckens, der seitdem die ganze Welt überzieht (ist nicht die Vorstellung des leeren Raumes und die einer unendlichen Zeit das unmittelbare Resultat dieser Gedankenflucht?). Sind nicht alle Gedanken Produkt von Gedankenflucht, deren Ursache erst behoben sein wird, wenn „die Schrift erfüllt ist“: wenn Gotteserkenntnis die Erde bedeckt wie das Wasser den Meeresboden. Nur die Umkehr begründet die Geistesgegenwart: nur sie vermag der Gedankenflucht, die wir Denken nennen, Einhalt zu gebieten, aber diese Umkehr wäre eine siebenfache.

  • 04.08.93

    Jedes Urteil enthält ein projektives Element und ist in Schuld verstrickt, aber in eine Schuld, in die die Welt selber verstrickt ist: Diese Schuld ist der logische Grund des Weltbegriffs.
    Futur und Futur II sind Reflexionsformen von Imperfekt und Perfekt, davon nur durch die Prämisse einer unter die Vergangenheit subsumierten Zukunft unterschieden (Produkt einer innerzeitlichen Verschiebung: Ursprung des Naturbegriffs und seines sprachlichen Pendants, des Neutrums). Das Plusquamperfekt ist eine sprachlogische Konsequenz dieses grammatischen Eingriffs. Die hebräische Sprache kennt keinen Indikativ, diese verhängnisvolle Mischung von Präsens und Imperativ, das sprachliche Äquivalent dessen, was neudeutsch Sachzwang heißt.
    Der ungeheure sprachlogische Prozeß, in dem sich Futur und Futur II, Plusquamperfekt und Indikativ gebildet haben, auch das Neutrum (und der Welt- und Naturbegriff), hängt zusammen mit der Ausbildung der mathematischen Raumvorstellung. Dessen Einheitsprinzip ist die Orthogonalität. Aber die Orthogonalität ist zunächst nur ein Strukturelement der Fläche, die selber wiederum dadurch definiert ist, daß sie auf eine und nur eine zu ihr orthogonale Richtung im Raum bezogen ist. Der Raum ist zwangsläufig dreidimensional. Der Preis für die Ausbildung der mathematischen Raumvorstellung ist die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit: der oben bezeichnete sprachlogische Prozeß (oder die apriori positiv beantwortete Frage: if the future will be like the past).
    Die exkulpatorische Funktion der Ontologie wird erkennbar an dem unter Ontologen so beliebten Begriff des Geschehens, in das sie den Weltprozeß verzaubert. Dem entspricht das Fernsehen, das Politik und Zeitereignisse als Zeitgeschehen dem Konsum präsentiert, aber mit dem systemimmanenten Hinweis: Du bist Zuschauer und hast keine Chance, einzugreifen und die Dinge zu ändern. Mit der Betroffenheit, mit der alle auf die Darbietung des Schlimmsten reagieren (und aus dem die Fernseh-Theologie ihren erbaulichen Honig saugt), wird das moralische Subjekt, das hier ohnehin nicht mehr vorkommt, endgültig ausgelöscht. – Ist die Betroffenheit nicht eine Reflexionskategorie der Kollektivscham?
    Mit der Subsumtion unter die Vergangenheit schneiden wir den Dingen (auch dem Kreuzestod Jesu) die Zukunft ab. Was meint das Wort Name im Bekenntnis des Namens?
    Ist nicht die Beziehung des Begriffs zum Objekt (im Urteil die Beziehung des Prädikats zum Subjekt und in der Realität die des Schicksals zu seinem Substrat) eine genitivische: eine Eigentums- und Herrschaftsbeziehung (und zwar als wechselseitige oder als Reflexionsbeziehung: Grund der Unterscheidung von genitivus subjektivus und objektivus)? Der Eigentümer ist nicht nur Herr über seinen Besitz, sondern er selber wird durch seinen Besitz beherrscht („besessen“). Hier liegt der Ansatz zur Lösung des Problems des Weltbegriffs.
    Zum Antlitz des Hundes: Sind nicht alle Blickbeziehungen Herrschaftsbeziehungen, und ist das nicht der Grund, weshalb Hunde aufs Angeblicktwerden aggressiv reagieren? Der freie Blick ist etwas davon deutlich (nämlich durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion) Unterschiedenes; er schließt die Umkehr mit ein, die Fähigkeit zur Reflexion der Intentionalität. Frei ist nur, wer den Rechtfertigungszwängen und der in den modernen Erkenntnisbegriff mit eingebauten Projektionsautomatik entronnen ist: Notwendigkeit einer Logik des Angesichts (das Gesehenwerden durchs Objekt und das Hören aufs Objekt in das Sprechen übers Objekt mit hereinnehmen)!
    Die Probleme des dritten Buchs im zweiten Teil des Sterns der Erlösung (die Probleme des Rosenzweigschen Erlösungsbegriffs) hängen zusammen mit den Problemen im zweiten Buch des ersten Teils des Stern (mit den Problemen des Weltbegriffs). Hier wird deutlich, was die jüdische Tradition in der Rosenzweigschen Fassung vom Christentum unterscheidet; aber diese Differenz war zwangsläufig, weil sie im Christentum selber bis heute nicht begriffen ist.
    Nicht der Erste Weltkrieg, sondern Getsemane ist das Korrelat des Anfangs des Sterns.
    Stern, S. 37: „Die Natur ist stets die eigene Natur der Götter.“ Darin steckt schon der christologische Naturbegriff.
    S. 153: Der Begriff einer Schöpfung aus Nichts „enthält die Leugnung des Chaos“; er ist ein Instrument der Leugnung und Verdrängung der Vergangenheit, der Diskriminierung der Erinnerung und der Verhinderung von Herrschaftskritik: Vor dem Ursprung des Weltbegriffs war nichts. Wenn doch etwas war, was nicht mehr zu leugnen ist, muß es dem Weltbegriff angeglichen und subsumiert werden (wie im Inertialsystem die Zukunft unter die Vergangenheit).
    Ebd.: Mit der Urteilsform ist die „Vorstellung“ eines Unvorstellbaren: einer unendlichen Vergangenheit, mitgesetzt.
    Zur Sünde der Welt: „Die Seele ist ihrer Last ledig im Augenblick, wo sie sie ganz auf die Schultern zu nehmen gewagt hat“ (S. 201).
    Ontologie und Umkehr: Das Sein, als allgemeines Possessivverhältnis, ist die Umkehr der Gnade, der Barmherzigkeit; daher seine „verandernde Kraft“ (Instrumentalisierung durch Vergegenständlichung rückt alles, was es ergreift, in ein vergesellschaftetes Possessivverhältnis: Deshalb gibt es ohne Staat keine Welt).
    Das Haus hat nicht nur mit Zweckmäßigkeitsgründen zu tun (Schutz vor den Unbilden der Witterung), sondern ebenso mit der Geschichte der Scham (Schutz der Intimsphäre): Hängen das Sklavenhaus Ägypten und der Name Pharao damit zusammen?
    Was bedeutet es eigentlich, wenn das Paradigma Innen/Außen nicht mehr zu halten ist: das Innere zu Nichts geworden ist?
    Die intersubjektive Welt ist zum gemeinsamen Gefängnis aller geworden: Alle sitzen in Isolationshaft.
    Der Korpuskel-Welle-Dualismus resultiert aus der objektiv unvermeidbaren Alternative, die der Lichtgeschwindigkeit zugrundeliegende „Bewegung“ entweder nur auf eine Richtung des Raumes zu beziehen, oder auf die Zeit, und damit auf die Totalität des Raumes.
    Das Inertialsystem abstrahiert vom Gesehen-Werden, von der Scham, die sich dann gegenständlich als Materie in den niederschlägt (sic, B.H.) (projektive Erkenntnis und Schuld). Scham ist Selbstbewußtsein des Andersseins, logische Konsequenz des Satzes: Das Eine ist das Andere des Anderen.
    Wann wird es gelingen, die Vergangenheit so einzudämmen, daß sie nicht mehr die Zukunft überschwemmt?
    Ist nicht im ersten Satz der Genesis (im „elohistischen“ Schöpfungsbericht, Gen 11) auch die Reihenfolge des Geschaffenen (Himmel und Erde) von Bedeutung? Erst am Anfang des zweiten („jahwistischen“) Schöpfungsberichts (24b), der die Paradiesesgeschichte und die Geschichte vom Sündenfall erzählt, wird die Folge umgekehrt („Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“). Wird der erste Schöpfungsbericht im Imperfekt, der zweite im Perfekt erzählt? Ist die Reihenfolge des Geschaffenen nicht in der Logik der Sprache begründet (in der perfektivischen Gestalt gewinnt die Erde den Vorrang vor dem imperfekten Himmel)? Deshalb endet der zweite Bericht mit dem Sündenfall und der jahwistischen Urgeschichte (bis zur Sintflut und zum Turmbau von Babel), der erste hingegen mit dem „sehr gut“. Enthält nicht die Geschichte von der Bindung Isaaks (mit dem Engel Elohims am Anfang und dem Engel JHWHs am Ende) den Lösungansatz?
    Zum ersten Satz der Genesis: den Himmel nutzt Gott als Namen für das Firmament, die Erde zur Herbringung der Kreaturen.
    Zum paradiesischen Nahrungsgebot: Nur dem Menschen ist die Frucht verheißen, den Tieren nur das Grün, die Blätter (vgl. das Feigenblatt und die Scham).
    (Gibt es im Hebräischen ein Partizip?)
    Ist nicht majim, das Wasser, ein Plural (wie schamajim, der Himmel), und ist nicht auch der deutsche Begriff Wasser ein Plural von Was (wie Völker von Volk)? Merkwürdig, daß der Ursprung der Philsophie mit der Neutralisierung des Wassers (Thales: Alles ist Wasser, Heraklit: panta rhei, und: niemand steigt zweimal in den gleichen Fluß) beginnt: der unendlich schwere, am Ende vergebliche Versuch das Flüssige dingfest zu machen (in einer wahrscheinlich entscheidenden Phase mit Hilfe der Theologie: Bedeutung der Trinitätslehre!)?
    Ist Theologie heute nicht doch nur noch in einer bekenntnishaften Form möglich, aber einer, die es wirklich ist: auf die Neutralisierung des Bekenntnisses, die Konfessionalisierung der Theologie, endgültig verzichtet? Dieses Bekenntnis wäre eines im Angesicht Gottes, nicht im Angesicht der Welt (dem Scheffel überm Licht). Durch Objektivierung und Theoretisierung wird der Inhalt der Theologie generell verfehlt.
    Das zum Bekenntnis neutralisierte Symbolon ist das vergrabene Talent.
    (Die Welt ist das Verwesungsprodukt des toten Gottes.)
    Steckt nicht in der projektiven Vorstellung vom „jüdischen Rachegott“ (bei Drewermann, Alt, Christa Mulack u.a.) auch die Angst vor einem Gericht, in dem die Opfer der Vergangenheit, die nur still sind, wenn sie endgültig tot sind, die Richter sein werden? Müßten nicht Kirche und Theologie, Gegenwart und Vergangenheit, aber auch Politik und Gesellschaft, völlig anders sich darstellen, wenn es auch nur einen gäbe, der wirklich an die Auferstehung glaubte? Hat das Christentum nicht die Theologie (Trinitätslehre und Christologie) auch dazu mißbraucht, sich die Vergangenheit (ihre jüdischen Wurzeln, aber dann auch ihre fatale eigene Rolle in der Geschichte) vom Leibe zu halten? Mit der Gehorsamsforderung wurden die Ohren verstopft, damit niemand das Blut, das zum Himmel schreit, mehr hören konnte. Ist nicht der „christliche Liebesgott“, der in der Vorstellung gründet, daß Gott seinen eigenen Sohn hingeschlachtet habe, „um uns zu retten“, Produkt und Deckbild einer nun wirklich sadistischen Phantasie? Während wir glauben, den „Rachegott“ nicht mehr zu brauchen, haben wir in Wahrheit genau diesen Aspekt längst neutralisiert und instrumentalisiert, indem wir ihn, wenn wir ihn nicht zu Zeiten auch einmal selbst in die Hand genommen haben, an den Staat, an die Institutionen des Rechts: der staatlichen Strafverfolgung und des Strafvollzugs, delegiert haben. Das „Volk“, in dessen Namen Gesetze erlassen, Recht gesprochen und Urteile gefällt werden, ist der anonymisierte Erbe dessen, den das antijudaistische Vorurteil einen „Rachegott“ nennt. Wer sich auch nur ein wenig mit den Zuständen in unseren Knästen (die jeder zu verantworten hat, der dem Volk angehört, in dessen Namen hier die „Strafen vollzogen“ werden) vertraut gemacht hat, weiß, daß zu den realen Gründen des Strafrechts auch, wenn nicht zentral, die Vergesellschaftung der Rachebedürfnisse gehört, während der „alttestamentliche Rachegott“ (das „Mein ist die Rache“ des Gottes, dessen wichtigste Eigenschaft die Barmherzigkeit ist) in seinem realen Kontext auf die Auflösung der Rachebedürfnisse der Opfer abzielt. Übrigens: Im Neuen Testament (im Hebräerbrief, 1030) steht der Satz: „Furchtbar ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“, während im Alten Testament (im Buch Jona, 411) Gott gegen Jona den Verzicht auf die Zerstörung Ninives so begründet: „Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als 120 000 Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können, und soviel Vieh.“
    Das gedankenlos Bösartige an der antijudaistischen Unterscheidung des „alttestamentlichen Rachegottes“ vom „neutestamentlichen Liebesgott“, das zum Syndrom der verfolgenden Unschuld gehört, wird deutlich, wenn man auch nur einen Augenblick daran denkt, wer – in einem geschichtlichen Kontext, zu dem Auschwitz gehört – hier an wen welches Ansinnen stellt: Der Täter schlägt dem Opfer das einzige Mittel, die Erinnerung an die Leiden zu verarbeiten, aus der Hand. Hier darf nicht mehr aufgearbeitet, hier soll nur noch verdrängt werden.
    Der Beter rächt sich nicht selbst (Zenger, S. 71): Ist das nicht das zentrale Anliegen eines jeden Gebets, das Moment, durch das es mit dem Gottsuchen sich verbindet, und der Wahrheitsgrund des Satzes von Reinhold Schneider? Wäre dieser Satz nicht heute eine der Grundlagen der Rechtskritik: als Kritik eines Instruments der instrumentalisierten Rache?
    Wird mit dem Gerede vom „jüdischen Rachegott“ nicht
    – der zugrundeliegende Text entstellt, seine Wahrnehmung verzerrt, und zugleich
    – ein theologischer Erkenntnisgrund durch Verdrängung neutralisiert?
    Verräterisch die Rede vom Gottesbild im Hinblick auf eine Religion, zu deren zentralen Elementen das Bilderverbot gehört: Zu den objektiven Intentionen des Bilderverbots gehört es, sich die reale Erfahrung nicht durch Bilder verstellen zu lassen. Hierzu gehört auch die biblische Unterscheidung von Im Angesicht und Hinter dem Rücken. Der Antijudaismus ist ist ein System von Vorstellungen über die Juden hinter ihrem Rücken, er ist (nach einer auch hierauf zutreffenden Formulierung Adornos über den Antisemitismus) das Gerücht über die Juden, das jede reale Erfahrung mit Juden und mit der jüdischen Tradition scheut, wie der Teufel das Weihwasser.
    Hebr 1030f: Wenn wir vorsätzlich sündigen, gibt es für diese Sünden keine Opfer mehr. – Ist nicht das Opfer die Vergebung?
    In einer Welt, die bis in ihre innersten Strukturen hinein, und ohne daß eine Alternative dazu überhaupt noch sichtbar wäre, durchs Selbsterhaltungsprinzip geprägt und bestimmt ist, braucht man, wie es scheint, einen „Gott der Liebe“; aber gilt nicht hierfür Adornos Satz: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist? Die Sperre vor der Fähigkeit zu lieben liegt in der Struktur dieser Welt.
    Die antikirchlichen Positionen in Kirche und Theologie sind nicht einfach nur falsch und zu verurteilen, sondern haben ihren eigenen Erkenntniswert in einem System, in dem Erkenntnis insgesamt seine projektiven Anteile nicht mehr abwischen kann.
    Den Begriff zum Sprechen bringen: das setzt eine Theorie des Lachens und des Schreckens voraus.
    Die subjektiven Formen der Anschauung und das Inertialsystem (der „luftleere Raum“) zerstören den Himmel durch die Zerstörung der „Elemente“ hindurch: die Erde, die Luft (das Pneuma), das Wasser und das Feuer (haschamajim).
    Physik als Kloß im Hals der Theologie: im „luftleeren Raum“ gibt es keine Luft zum Atmen.
    In welcher Beziehung stehen die Juden, Ketzer und Hexen der christlichen Geschichte zu den Barbaren der Griechen (trinitarische Entfaltung des projektiven Erkenntnisbegriffs der Philosophie)?
    Kants Philosophie war Erkenntniskritik, der stringente Nachweis, daß der Erkenntnisbegriff der Philosophie sich auf die Dinge, nicht wie sie an sich selber sind, sondern wie sie uns erscheinen, sich bezieht.
    Bekenntnisse des Jeremias: 1118-21, 121-6, 1510-21, 1714-18, 1818-23, 207-18: prophetischer Ursprung der Reflexion?
    Jeremias, der Prophet des welthistorischen Bruchs?
    – Dreimal verbietet Gott dem Jeremias, für das Volk zu beten; aber Jeremias gebietet dem Volk, für das Wohl der Stadt, in der sie nach der Deportation leben, zu beten.
    – Selbst wenn Mose und Samuel … (Jer 14-15?)
    – „Wer sich den Chaldäern ergibt, wird sein Leben als Beute gewinnen.“ (Jer 282, vgl. dazu den „Ursprung des Weltbegriffs“ und das Jesus-Wort: Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren.)
    – Dreimal „Grauen um und um“.
    – Ist der „Feind aus dem Norden“ (Babylon) ein Vorbegriff der Welt?
    – tewel (hebr. für Welt und Natur) nur zweimal im AT, beide Stellen bei Jeremias (?). Sonst „Himmel und Erde“; haolam ist der Bereich der göttlichen Herrschaft, nicht die Welt.
    – Zu Jer 1010-16: außer an dieser Stelle nur noch zwei andere „Schöpfungsberichte“, Ps 104 (der älteste) und Hiob 38ff.
    Erfüllung des Worts: „Der Prophet aber, der Heil weissagt – an der Erfüllung des prophetischen Worts erkennt man den Propheten, den der Herr wirklich gesandt hat.“ (Jer 289, vgl. Dt 1821-22, Ez 3333) Ist der Name die Erfüllung, das Eintreffen des Worts?
    Das Wunder gehört zur Prophetie: daß „das Wort sich erfüllt“, zum Namen wird (das Wunder erlischt im Namen).
    Das Absolute ist ein Korrelat der Welt: deshalb ist kein Gied in ihm nicht trunken.
    Zur Bestimmung der Theologie:
    – Aktualität (Prophetie),
    – eingreifende Erkenntnis,
    – apokalyptisch (aber nicht die Endzeit berechnend: dazu zwingt nur die Logik des Weltbegriffs).
    Kommen die Völker Kanaans in der Völkertafel, in den Genealogien der Genesis vor?
    Zur Vorgeschichte der drei Leugnungen Petri gehört ihre Weissagung:
    – Mt 2630 und Mk 1432: Ihr werdet in dieser Nacht (!) an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen.
    – Lk 2231ff: … der Satan hat verlangt, daß er euch wie Weizen sieben darf …, daß der Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich bekehrt hast, stärke dein Brüder.
    – Joh 1336ff: Wohin ich jetzt gehe, dorthin kannst du mir nicht folgen …
    Binden und Lösen: Ist nicht durchs Binden das Lösen neutralisiert, unkenntlich gemacht worden: und der Glaube zur Hybris?
    Das Dogma hat die Frage: Wie ist die Thora „heute“ (und d.h. prophetisch) zu verstehen, neutralisiert.
    Das Urschisma: auch eine Frage der Grammatik? Sind physis und kosmos (natura und mundus) grammatisch bedingte Begriffe? (Vgl. Rosenzweig: der „Mittler“ nur für die Heiden, nicht für die Juden).
    Der Weltbegriff fundiert den Egoismus (das Prinzip der Selbsterhaltung), den Sexismus und die Desensibilisierung, die Erfahrungsunfähigkeit.
    Die Welt ist Welt für andere: Schamgenerator. Durch die Identifikation der Kirche mit der Welt (mit dem Aggressor) ist die Kirche zum steinernen Herzen der Welt geworden.
    Hegel: die Neutralisierung der Philosophie zum Absoluten.
    Jeder Machtgewinn wird mit Sprachverlust erkauft.
    Zur Raummetaphorik: Die Neutralisierung von Oben und Unten ist ein Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft.
    Ursprung des Geldes im Kontext der Schuldknechtschaft: Hat nicht das Bußsakrament das Lösen in kleine Münze umgemünzt (und ist nicht der verdinglichte Glaube ein Stück verinnerlichter Schuldknechtschaft)?
    Das Christentum hat der frühen Christenheit die Last der Umkehr abgenommen, heute blockiert es sie.
    Jona ben Amittai und Jesus kommen aus der gleichen Gegend (Nazareth und Umgebung).

  • 14.07.93

    Getsemane und die Todesangst im Kontext des Ursprungs des Herrendenkens und seines gegenständlichen Korrelats: des Natur- und Weltbegriffs.
    Christologie als Folge der Neutrumsbildung: Ist nicht der Säkularisationsprozeß, und in seinem Zentrum der Weltbegriff, Medium und Motor des Neutralisierungsprozesses? Und ist nicht auch die Vergöttlichung Jesu eine Folge seiner Neutralisierung (Neutralisierung als Verinnerlichung des Opfers)?
    Mit der „Entsühnung der Welt“ wurden die Herren freigesprochen, die Armen und die Fremden hingegen ihrem Schicksal überlassen.
    Der Bemerkung von Otto Karrer nachgehen (zu Joh 129, unter Hinweis auf Jes 537.12): Der Doppelsinn der (vorauszusetzenden) aramäischen Worte „Lamm Gottes“ (oder „Knecht Gottes“) und „hinwegnimmt“ (oder „trägt“) läßt sich griechisch und deutsch nicht wiedergeben. – Ist das Lamm Gottes der Knecht Gottes? Und rückt das nicht die „Kleinviehnomaden“, den Hirten-Typos und das „Weide mein Lämmer“ in ein neues Licht?
    Die Versuche einer zweckrationalen Erklärung mosaischer Gebote (die Rückführung der Beschneidung, des Verbots, Schweinefleisch zu essen, der Reinheitsgebote auf hygienischen Gründe) sind auch ein Mittel, das Verstörende an diesen Geboten zu verdrängen, das Realsymbolische darin unkenntlich zu machen: anstatt die Welt an der Schrift, die Schrift an der Welt zu messen, und gehört zu den Ursachen des Antisemitismus. Wäre die vulgärdarwinische Rückführung der Geschichte der Menschheitsentwicklung auf den Überlebenskampf mit der Natur die Wahrheit, und jeder Fortschritt nur ein Ergebnis von Versuch und Irrtum (von „naturwissenschaftlichen Experimenten“), die Menschheit hätte die ersten Jahre ihres Bestehens nicht überlebt. Notwendigkeit einer Sprachgeschichte, die sowohl die Geschichte der Grammatik als auch die Wortgeschichte, die Bedeutungszusammenhänge, das symbolische und das metaphorische Element in der Sprachgeschichte, die Gestalt der Kommunikation mit der Natur, die mit der Vergegenständlichung der Natur und dem Ursprung des Weltbegriffs unkenntlich gemacht und unterdrückt worden ist, mit einbezieht. Muß man nicht davon ausgehen, daß in den Geboten der Zusammenhang mit den göttlichen Verheißungen sichtbar gewesen sein muß? Nur deshalb hatte das Tun den Primat vor dem „Glauben“.
    Haben die Dornen und Disteln und ebenso die Hörner etwas mit der Form der Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft (mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit) im Inertialsystem zu tun (Folge des Relativitätsprinzips: Verschiebung in der Zeit)?

  • 10.07.93

    Ist es richtig, daß die Bücher der Könige sich vorrangig auf die israelische, die der Chronik sich auf die judäische Königsgeschichte beziehen? Die isrealische Tradition, die nach Salomo und gegen ihn begründet wird, beruft sich auf Saul, die judäische, die dann die messianische Tradition begründet (Jesus: Das Heil kommt von den Juden), auf David (der den Goliat, Typos des zwar starken, aber dumpfen Heiden, besiegt hat). Die israelische Tradition ist von Anbeginn an eine des Abfalls, die judäische erst seit der Verschwägerung mit dem israelischen Königshaus. -Hat die nachsalomonische Beziehung Israel/Juda etwas mit dem dem Königtum vorausgehenden (und zuletzt in den das Königtum begründenden Kämpfen mit den Philistern erscheinenden) Verhältnis der Namen der Israeliten und Hebräer zu tun? Was bedeutet dieser Paradigmenwechsel? Haben die „Juden“ (die den Namen eines einzelnen Jakobssohnes, eines Stammes, tragen und nicht mehr Namen Abrahams, der als erster „ein Hebräer“ war: den Volksnamen) in der sich stabilisierenden Staatenwelt (und nach dem Verschwinden der restlichen zehn Stämme Israels) das Erbe der Hebräer angetreten, und was drückt sich in diesem Namens- und Statuswechsel aus (Hebräer: Kleinviehnomaden, Sklaven, Söldner; Juden: Objekte des Vorurteils, das mit dem Staat und dem Weltbegriff entspringt, und des Vernichtungswillens)? Welche anderen Namenswechsel gibt es: Abram/Abraham, Jakob/Isaak, Simon/Petrus, Saulus/Paulus?) Haben die „Juden“ etwas mit der Geschichte des Kelchs (und dessen Beziehung zu Babylon: der Name der Juden erscheint als allgemeiner Volksname erstmals bei Esra und Nehemia, nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft) zu tun? – Vgl. die Bemerkungen Michael Hiltons zum Namen der Juden.
    Rückt das nicht auch das Jesus-Wort „Das Heil kommt von den Juden“ (sowie den Antisemitismus und Auschwitz) in ein neues Licht? (Vgl. auch Sach 923: So spricht der Herr: In jenen Tagen werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda (nicht aus Israel, H.H.!) an seinem Gewand fassen, …)
    Michael Hilton weist hinsichtlich des Namen der Juden darauf hin: „the term Jewish … was a term which seems to have been used mainly by other people about Jews: the term occurs in the Book of Esther, and was the normal term used by the Romans and in the Gospels. … This implies that the word Jew could bear a sense different from Yisrael. A Yisrael ist somebody who follows the religion of Moses; a Jew is somebody who is part of a social group, who follows the customs of that people.“ (S. 125) Gehört zum Namen der Juden nicht auch die Geschichte mit Juda und Tamar?
    Der jüdisch-christliche Dialog ist kein Stellvertreter-Dialog: Unsere „Dialog-Partner“ sind die Ermordeten von Auschwitz, d.h.: außer den Ermordeten haben wir keine. Bezieht sich nicht darauf das Wort von der notwendigen Versöhnung mit der Bruder, bevor du zum Opfer gehst, und ist nicht daran das unendliche Gewicht zu ermessen, das dieses Wort nach Auschwitz bekommen hat? Daran hängt in der Tat die ganze Weltgeschichte.
    Sind die Wolken des Himmels, auf denen der Menschensohn wiederkehrt, die Wolken von Zeugen (Hebr 121): die Märtyrer (und die Geringsten seiner Brüder)?
    In den Tag- und Nachtbüchern Theodor Haeckers gibt es eine schlimme Stelle, an der er auf eine vorgebliche Ausnahme von der Regel, daß „in den Evangelien niemand in solcher Art (sc. welche Augen, welche Haare, welche Nase die Person einer Geschichte hat) beschrieben“ werde, hinweist: „Die einzige Ausnahme macht gewissermaßen Christus selber, da er einen seiner Jünger, ganz allgemein freilich, als echten Hebräer (sic!) anspricht, im Äußeren schon (sic!). Das setzt aber doch voraus, daß man sich über den Typus eines echten Hebräers durchaus im klaren war.“ (S. 50f) Dieser Hinweis kann sich nur auf die Berufung des Natanael (Joh 145ff) beziehen, den Jesus aber nicht einen echten Hebräer, sondern einen „echten Israeliten, einen Mann ohne Falschheit“ nennt. Spielt hier nicht der herrschende Antisemitismus dem Theodor Haecker einen nun wirklich entsetzlichen Streich, wenn er den Israeliten durch einen Hebräer ersetzt und diesen dann umstandslos auf sein „Äußeres“ reduziert: Wer „sich über den Typus eines echten Hebräers durchaus im klaren“ ist, kann nur die antisemitische Karikatur im Kopf haben. Daß einer, der im übrigen die Ereignisse der Zeit mit so großer Sensibilität beschreibt, selber zum Opfer der schlimmsten Vorurteile dieser Zeit geworden ist, ist entsetzlich. Aber vergleiche hierzu die ähnlichen Stellen:
    – S. 62: „… sind die Juden niemals Philosophen, Dichter, Maler, Bildhauer, Architekten ja nicht einmal Techniker gewesen“;
    – S. 77: „Den alten Juden wurde von Gott das Recht gegeben, Palästina zu erobern und Völker zu vernichten oder zu entrechten. Wir dürfen annehmen, daß diese Völker entartet waren …“;
    – S. 113f, über die Auferstehungslehre des Paulus: „Das ist die brutale Lehre eines fleischlichen Juden, der die Seligkeit ohne Verbindung mit dem Leibe sich nicht vorstellen kann“.
    Ist das nicht alles auch christliches Traditionsgut, das Theodor Haecker hier unreflektiert wiedergibt? Aber daß Theodor Haecker gleichwohl ein wirklicher Theologe war, beweist der Satz: Man soll und darf nur sich selber den Vorwurf machen, daß man kein Heiliger ist, beileibe keinem anderen (S. 305).
    Ein schlimmer Satz: Was geht’s mich an, was in der Welt vor sich geht, solange meine eigene Seele noch nicht heil ist? (Theodor Haecker, S. 239) Aber nach dem vorhergehenden Text ist klar: Es ist ein verzweifelter Satz.
    Durch ihre Verfolgung der Juden nähern sich nämlich die Deutschen innerlich immer mehr den Juden und ihrem Schicksal an. (S. 243f)
    Was aber, wenn das offenbare Scheusal (nämlich Hitler) doch nur der uns gnädig vorgehaltene Spiegel wäre, der mit exzeptioneller Schamlosigkeit und Aufrichtigkeit genau wiedergibt, wie wir in Wahrheit sind und vor Gott aussehen? Was dann? (S. 262)
    Gründet nicht das Problem Theodor Haeckers darin, daß er an der hierarchischen Struktur der Wahrheit und der Kirche festhält, zugleich aber mit größter Sensibilität das Grauen und die Gemeinheit notiert: Er ist nicht bereit, den Faschismus als eine Krankheit am Leib der Kirche selber zu begreifen. Enthüllen sich nicht die hierarchischen Strukturen am Ende als die sieben unreinen Geister?
    Zum Titel „Tag- und Nachtbücher“:
    – Er von stammt Theodor Haecker selbst (sh. S. 11).
    – Klingen nicht die Tage und Nächte der Schöpfungsgeschichte (als Begründung des hierarchischen Begriffs der Wahrheit) mit an?
    – Ist es ein Zufall, daß Johannes vom Kreuz (den Edith Stein übersetzt hat) zitiert wird?
    – Ist es nicht ein letzter Versuch, Licht und Finsternis zu scheiden?
    Läßt sich nicht an den Tag- und Nachtbüchern Haeckers ablesen, was der Faschismus für die Kirche wirklich bedeutet hat, und wie weit die Kirche, trotz aller Kritik und Distanz zum Nationalsozialismus, in diese Dinge verstrickt war. Hier scheint der Grund zu liegen, der bis heute die innerkirchliche Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit unmöglich gemacht und die entsetzliche Verwirrung, die nach dem Kriege immer deutlicher geworden ist, verursacht hat.
    Lingua latina: die lateinische Sprache.
    Ist der Begriff des Substantivs (in dem das Verb als Begriff das Nomen überwunden, besiegt hat, statt das Nomen in das eigene und sich selbst ins Licht des Namens zu rücken: Produkt der verdinglichten Grammatik und Denkmal der abgestorbenen benennenden Kraft der Sprache) antisemitisch?
    Drückt nicht das Schematismus-Kapitel bei Kant aufs genaueste den logischen Zusammenhang der subjektiven Form der inneren Anschauung mit dem Ursprung und der Geschichte des Nominalismus aus: die Selbstzerstörung und Substitution des Hörens durch die Gewalt der Vorstellung einer homogenen Zeit.
    An den Vorgängen von Bad Kleinen wird sich erweisen, wie weit das Prinzip des Aussitzens sich in diesem Lande der unbegrenzten Zumutbarkeiten durchhalten läßt.
    Bei einem Systemfehler hilft kein Auswechseln der Personen mehr, sondern nur noch das insistente Nachfragen und das Bestehen darauf, daß der Vorgang aufgeklärt und die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen werden.
    Wird das deutsche Volk nicht immer mehr zur Inkarnation des Weltbegriffs (Folge seiner ambivalenten Beziehung zur Welt, zum Ausland, zur Geschichte)?

  • 07.07.93

    Zu Mt 532 und 199: Hängt diese rigorose Eheauffassung nicht mit der Stellung der Gesamtlehre Jesu zum Weltbegriff (mit dem Prinzip der „Übernahme der Sünden der Welt“) zusammen? Wenn die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt: wenn die Frau gleichsam diese ganze Schöpfung vertritt, dann ist in der Tat eine Scheidung nicht mehr möglich. (Daß Paulus ein Christ und ein Theologe war, beweist seine Kosmo-Theologie: die Lehre von den Archonten und der Satz, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt. Hängt das nicht zusammen mit der Geschichte von der Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern?)
    Hat Jesus etwas mit den „Sünden der Mutter“ und der „Schuld der Väter“ zu tun? Bezieht sich die Übernahme der Sünden der Welt auf die Sünden der Mutter (vgl. die problematischen Beziehungen Jesu zu seiner Mutter, die jedoch selber „alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte“), und ist das Verschwinden Josefs und seine Hypostasierung des Vaters darin begründet?
    Hängt das Trinken des Kelchs mit der „Schuld des Vaters“ zusammen?
    Zu Joh 129 vergleiche Jes 537.12.
    Die Zweideutigkeit des konziliaren Aggiornamento ist vor allem in Deutschland wahrzunehmen: Anstatt für die prophetische Aktualität hat die deutsche Theologie sich für die Anpassung an die Welt entschieden. Ist nicht die entsetzliche Verwirrung insbesondere in der katholischen Theologie ein Produkt der Übermacht der Welt, vor dem sie jetzt kapituliert hat?
    Weshalb unsere Justiz auf dem rechten Auge blind ist: Der Exkulpationsdruck, der sich des Staats bedient, um die Schuld verdrängen zu können, mit der niemand mehr glaubt leben zu können, ist das Energiepotential, das das Strafbedürfnis erzeugt und sein Maß bestimmt, das heute zugleich in Haß gegen die Linke und gegen die Fremden explodiert. Die Justiz gehört zu den Abfuhrinstanzen dieses Exkulpationsdrucks, sie löst ihn nicht auf.
    Hat dieser Exkulpationsdruck nicht etwas zu tun mit der Schuld der Väter und den Sünden der Mutter? Zu den Mechanismen seiner Erzeugung und Verwertung gehört das sprachliche Element und die Sprachgeschichte der Bildung des Neutrums (des ne-utrum als Entlastung von der Schuld der Väter und den Sünden der Mutter). Diese Geschichte hängt zusammen mit der des Ursprungs des Weltbegriffs, der Philosophie und des Rechts, sie wurde mit einer Theologie abgesichert, zu der essentiell die Christologie, die Opfertheologie, das Konzept der Schöpfung (und Entsühnung) der Welt gehört.
    Der Sündenfall, das Substantiv und die Geschlechter der Nomen: Ist im Begriff des Substantivs nicht das Bewußtsein erreicht, daß die Substanz (das substare) ein Produkt der projektiven Gewalt (Struktur) des Denkens ist, ist der Staub (aus dem Adam gemacht ist und zu dem er wieder werden wird, und den die Schlange frißt) das Substrat der Neutrumsbildung? Damit hängt es zusammen, wenn der Objektbegriff die benennende Kraft der Sprache zerstört, den Namen zum Begriff neutralisiert.
    Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen bereschit und berith, bara, Abraham und den Hebräern, und den Barbaren?
    „Möget ihr, in der Liebe festgewurzelt und gegründet, fähig werden, mit allen Geheiligten zu begreifen, was es ist um die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi, um sie zu erkennen, die erhaben ist über alle Erkenntnis, damit ihr die ganze Gottesfülle mit ihrem Reichtum in euch erfahret.“ (Eph 317ff) Ist in dieser Raummetaphorik nicht die vollständige Umkehr angesprochen? Aber ist die Metapher der Höhe und Tiefe nicht obsolet geworden durch ihr restloses Aufgehen in die Herrschaftsmetaphorik (zu der es nach der kantischen Lehre von der Form der äußeren Anschauung fast keine Alternative mehr gibt)? Sie wäre aufzulösen nur noch im Kontext einer herrschaftskritischen Theologie: der Kritik des Weltbegriffs und des Begriffs. Vergleiche hierzu den Baaderschen Hinweis auf den Zusammenhang von Hochmut und Niedertracht, sowie den Begriff der Empörung im Zusammenhang der Konstituierung des moralischen Urteils (was entspricht dieser „Empörung“ im Bereich der theoretischen Vernunft? Gibt es ein Bekenntnis ohne Empörung? Und war es nicht die Selbstverblendung durch Empörung, die das „Bekenntnis des Namens“ zum „Glaubensbekenntnis“ verhext hat: zum Ersatz für die Umkehr? – Wer ist der Fürst dieser Welt?).
    Was hat es der Erkenntnis der „Tiefen Satans“ (Off 224, Schreiben an die Gemeinde Thyatira) auf sich?
    Begriff und Name sind durch die Idee der Umkehr, objektiv durch die Idee der Auferstehung aufeinander bezogen: durch die Rücknahme des projektiven Elements, durch die Ergänzung der Klugheit der Schlange durch die Arglosigkeit der Tauben, durchs Gebot der Feindesliebe und das Verbot zu richten.
    „… und schließlich ist das Ziel erreicht: wenn er Gott, dem Vater, das Reich übergibt, nachdem er jede Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht entmachtet hat. Denn er muß herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt (Ps 1091) hat. Als letzter Feind aber wird der Tod entmachtet (Jes 258): denn alles hat Er ihm zu Füßen gelegt (Ps 87). Wenn es heißt, alles sei ihm zu Füßen gelegt, dann offenbar alles außer Dem selbst, der ihm alles zu Füßen legte. Wenn ihm aber einmal alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn sich Ihm unterstellen, der ihm alles unterworfen hat. damit Gott alles in allem sei.“ (1 Kor 1524ff) Ist das nicht die genaue Beschreibung dessen, worauf sich das Wort vom Lösen bezieht?
    „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 2540): In den Geringsten seiner Brüder leidet Er; was wir denen tun, das tun wir ihm, damit machen wir uns zu den Tätern der Kreuzigung. Da hilft keine projektive Abfuhr mehr, wie im kirchlichen Antijudaismus (die „Gottesmörder“ sind wir). Von hier her läßt sich präzise begründen, daß das Wort „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ in erster Linie sich auf uns, auf die Kirche bezieht. (Vgl. hierzu den letzten Satz aus dem Buch Jonas: die Antwort auf die Bitte Jesu?)
    Zur Logik des Inertialsystems, zur Konstituierung seiner metrischen Struktur, gehören die sogenannten Erhaltungssätze (der Erhaltung der Materie und der Energie). In dieser Logik gründet auch die Einsteinsche Äquivalenzgleichung E = m.c2. Aber dazu gehören auch das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (ein den Maxwellschen Gleichungen korrespondierender Erhaltungssatz) und die daraus abzuleitenden Konstanten der Mikrophysik: das Plancksche Wirkungsquantum, die elektrische Elementarladung sowie die damit wiederum zusammenhängenden Erhaltungssätze (Parität, Spin etc.). Was hier gleichsam von Natur (unabhängig von der Willkür der Menschen) vorgegeben ist, bedarf im Bereich der Geldwirtschaft des aktiven politischen Handelns, insbesondere die Aufgaben der Geldpolitik: Hier sind die die Gesamtprozesse regulierenden (berechenbar machenden) Erhaltungssätze (Regulierung der Geldmenge, Erhaltung der Geldwertstabilität) nicht naturgegeben, sondern durch geld- (und wirtschafts-) politische Maßnahmen sicherzustellen (die Zentralbanken als Garanten des gesamtwirtschaftlichen Inertialsystems). Die Sicherung dieser „Erhaltungssätze“ ist nur über Wachstumsraten möglich und unterliegen damit den konjunkturzyklischen Prozessen und den tendentiellen gesellschaftlichen Naturkatastrophen der Modernisierungsschübe.
    Die Kostenseite des wirtschaftlichen Gesamtprozesses (das projektive Sparen: das „Sparen“ aus den Taschen der anderen) verknüpft die Entstehung des Reichtums zwangslogisch mit der Erzeugung der Armut, und zwar
    – über den Druck auf die Welthandelspreise für Rohstoffe (Export der Armut nach draußen) und
    – über den Druck auf die Lohnkosten (Rationalisierung, Arbeitslosigkeit, „industrielle Reservearmee“, Kürzung der Sozialausgaben: Reimport der Armut nach innen).
    Der Reimport der Armut ist (wie die „politische Stabilität“ in den Ländern, in die die Armut exportiert wird) nur über das Vorurteil abzufangen: durch die Erzeugung des Faschismus (Fremdenhaß und Antisemitismus).

  • 30.06.93

    Hat nicht die Unkenntnis des Blutsymbols, die Verwendung des Begriff „ad litteram“ und die Unfähgkeit zu Kritik des Weltbegriffs und in diesem Falle der Naturwissenschaften (die Rückprojektion unseres heutigen Bewußtseinsstandes in die frühe Christenheit), die Opfertheologie und das Dogma insgesamt verhext?
    Die Natur ist die aufgedeckte Blöße der Welt, und die Materie die Scham.
    Klingt nicht in dem paradiesischen „Sie waren nackt und sie schämten sich nicht“ die Verklärung an (der Stand vor der Verblendung durch Materie)? Steckt darin wie in dem anderen Satz „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“ nicht die Geschichte des Ursprungs der Materie?
    Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung Fixierungen aufs Sehen und die Abstraktion vom Gesehenwerden (Grund des Prinzips: man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen)? Die Abstraktion vom Gesehenwerden drückt sich selbst wieder in der Form der inneren Anschauung aus. Hier ist der Zusammenhang mit der Schicksalsidee begründet (Verinnerlichung des Schicksals als Grund des begrifflichen Denkens). Der Begriff der Materie bezeichnet die auf dem Sehen auf der Objektseite korrespondierende Scham. Die Heußsche „Kollektivscham“ hat nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit blockiert, sie hat die Deutschen in die schicksalhafte Beziehung zur Welt, zum „Ausland“ gebracht, dagegen der Rechtsradikalismus heute so vergeblich wie selbstzerstörerisch aufbegehrt. Und kein Zweifel: Es gibt eine lustvolle Scham, wobei die Lust daher rührt, daß die Scham den Sich Schämenden von Schuldgefühlen befreit, indem es ihn von dem Subjektsein befreit, das den Schuldgefühlen zugrunde liegt. So ist die Scham der Keim des moralischen Trägheitsprinzips. Die Scham macht namenlos („Oh, wie gut, daß niemand weiß, …“), man begibt sich in der Scham außer Reichweite des Hörens.
    Ein Papst, der Galilei rehabilitiert und der Inquisition guten Glauben bescheinigt, kann natürlich auch einen Pinochet seiner Freundschaft versichern (FR heute).
    Eine Kirche, die sich so in ihrem Schuldverschubsystem verfangen hat, daß sie selber zur Schuldreflexion unfähig geworden ist, ist der Greuel am heiligen Ort.
    Entspricht nicht die Beziehung von Kaninchen und Schlange in mancher Beziehung der des Hundes zum Mond: Gibt es diesen bannenden Blick der Schlange, und hat er etwas mit dem berüchtigten Blick Hitlers zu tun?
    Während Seiters, Rühe, Hintze, auch Kinkel und Rexroth so aussehen, als könnten sie einen nicht anblicken, hat Schäuble den stechenden Blick.
    Beelzebul, der Herr der Fliegen: Verhalten sich nicht die Insekten (Ursprung des Namens der Insekten?) zu den Blüten wie das Inertialsystem zum Licht und zur Materie? Sind die Insekten gleichsam lebendige Verkörperungen des Inertialsystems (ähnlich wie vielleicht die Dornen und Disteln und die Hörner der jüdischen Opfertiere)?
    Sind nicht generell die symbiotischen Systeme in der Natur Repräsentanten der Doppelnatur des Lichts?
    Bei Elisa (2 Kön?) steht die Geschichte von der Frau, die nach dem Tode ihres Mannes ihre Kinder in Schuldknechtschaft geben muß.
    Ist nicht die Geldwirtschaft insgesamt ein System der Schuldknechtschaft, die sich auf die Naturwissenschaft bezieht wie die Trunkenheit Noes auf das Aufdecken der Blöße durch Ham.
    Die in der Simson-Geschichte immer wiederkehrende Wendung „Da überkam ihn der Geist Gottes …“ ist sowohl komisch als auch ein noch aufzuklärender Hinweis auf die Beziehung des Geistes Gottes zu den Grundlagen der Gewalt, zu ihrem Naturgrund.
    Die Welt ist das fensterlose Haus der Monade: die Isolationshaft des Subjekts. Nur die Kritik des Begriffs und die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Sprache führen heraus. Das „qui tollit peccata mundi“ ist das Ausbruchswerkzeug.
    Der Antisemitismus (und sein kirchliches Pendant, der Antijudaismus) ist ein Versuch, sich die prophetische Kritik vom Leibe zu halten, der Verpflichtung des Votums für die Armen und die Fremden sich zu entziehen.

  • 22.06.93

    „Zorn ist ein Verlangen nach Rache.“ (Katechismus, Nr. 2302) Diese Definition, die auch durch das nachfolgende Thomas-Zitat nicht besser wird, rührt an den Kern der theologischen Unkenntnis und der Dummheit dieses Katechismus. Wenn sie stimmen würde, dürfte es keinen göttlichen Zorn geben, es sei denn, man unterstellte auch Gott ein Rachebedürfnis (das dann die projektive Abfuhr durch den Antisemitismus nach sich zieht: z.B. durch die Unterscheidung des christlichen Liebesgottes vom jüdischen Rachegott). Die deutsche Sprache unterscheidet Wut und Zorn; und die Katechismus-Definition trifft die Wut, nicht den Zorn. Aber ist nicht die Unfähigkeit, beide zu unterscheiden, beide unterschiedslos auf das „Verlangen nach Rache“ zu beziehen, eine zwangsläufige Folge eines theologischen Konzepts, in dem Gottesfurcht und Herrenfurcht, Umkehr und Umdenken sowie Nachfolge und Unterwerfung unter jegliche Autorität nicht mehr sich unterscheiden lassen, in dem m.a.W. der Gegenstandsbereich, auf den der Begriff des Zorns sich bezieht: die Verletzung der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, längst aus dem Blickfeld geraten ist? Hier gibt es keine Möglichkeit mehr, den göttlichen Zorn und die teuflische Wut (einen teuflischen Zorn gibt es nicht) zu unterscheiden. Zu prüfen wäre insbesondere der Begriff des Rachebedürfnisses selber (der eigentliche Existenzgrund des Rechts, der Strafe und der gesellschaftlichen Einrichtungen des Strafvollzugs): Bezeichnet er nicht das subjektive Korrelat des Schuldverschubsystems, steckt nicht in jedem Rachebedürfnis ein projektives Element, die lustvolle Verschiebung eigener Schuld auf andere? Ist nicht in jedem Objekt eines Rachebedürfnisses auch etwas vom Sündenbock? Dann aber wäre nach der Katechismus-Definition der Begriff des Zorns auf Gott nicht anwendbar, dann wäre der Begriff des gerechten Zorns gegenstandslos. Aber ist nicht die kirchliche Theologie heute dabei, mit dem theologischen Begriff des Zorns die Theologie selbst gegenstandslos zu machen?
    Auschwitz hat in Deutschland (und in der Kirche?) stärkere Rachebedürfnisse ausgelöst als bei den Juden (ist nicht die kirchliche Position in der heutigen Abtreibungsdiskussion, die nicht selten bei den kirchlichen Hardlinern mit Auschwitz-Assoziationen sich verbindet, eine Form der projektiven Abfuhr dieses Rachebedürfnisses: der ihr zugrunde liegenden Mordlust, die man dann in die Frauen hineinprojiziert?).
    Wenn der Zorn ein Verlangen nach Rache ist, dann ist die Welt ein Geschöpf des göttlichen Zorns und der Kreuzestod der bis heute mißlungene Versuch, diesen Zorn zu besänftigen (die Welt zu „entsühnen“). Aber diesen Anschein erweckt ja nun in der Tat die christliche Theologie (aus diesem finsteren Konstrukt hat die Gnosis einmal versucht, die Konsequenzen zu ziehen). Gehört nicht in diesen Zusammenhang nicht auch der Satz: Extra ecclesiam nulla salus, der die Konsequenz mit einschließt, daß es nur um die Rettung der einzelnen aus der bösen Welt, nicht aber um die Rettung der Welt selber geht, und daß, wenn es Heil nur in der Kirche gibt, alles, was draußen ist, verworfen ist.
    Der Gott, der den Tod seines eigenen Sohns als Sühne fordert: nimmt der nicht seine eigene Selbstoffenbarung im brennenden Dornbusch zurück, ist das nicht die Rücknahme des JHWH (in der Geschichte der Bindung Isaaks war es der Engel der Elohim, der das Opfer forderte, und der Engel JHWH’s, der die Forderung zurücknahm)?
    Merkwürdige Stelle bei Kant (Kr.d.r.V., S.403f), wo er in der Verlängerung einer geraden Linie ins Unendliche die gleiche Logik erkennt wie bei dem Elternpaar, von dem man „in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende fortgehen“ könne. Liegt hier, in der Beziehung der endlos sich fortzeugenden Geraden zu den endlos sich fortzeugenden Gattungen in der Natur, nicht ein Hinweis auf den Ursprung des christlichen Sexualtabus und auf sein anderes, verdrängtes Objekt: in der Verdrängung des Zeugungselements bei der Mathematisierung der Raumes (in der Abstraktion vom Licht, das beides, das Sehen und das Gesehenwerden, in sich enthält, und darin den Ursprung sowohl des Lebens wie des Angesichts; vgl. den biblischen Zusammenhang des Gesehenwerdens mit der Scham: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“).
    Auch eine Bemerkung zur feministischen Theologie: Die Vorstellung einer unendliche Ausdehnung des Raumes steht unter dem Zwang der Verdrängung des Gesehenwerdens, der Scham, die dann im Begriff der trägen Masse (und im Realsymbol des Blutes?) wiederkehrt: Ist die mathematische Raumvorstellung nicht (wie in anderer Hinsicht das Geld und das Bekenntnis) ein Realsymbol der Vergewaltigung (und der Onanie)? Liegt der Anfang hierzu in der geschlechtsspezifischen Trennung der Heiligen nach der Märtyrerzeit in Confessores und Virgines? Und liegt hier nicht ein Hinweis auf den Zusammenhang der Hexenverfolgung (einschließlich der damit verbundenen Mythen – vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat) mit dem Ursprung der naturwissenschaftlichen Aufklärung?
    Meistveraltet ist die jeweils jüngst vergangene Mode. Ist nicht auch das ein Teil des Schuldverschubsystems, seiner Mikrologik: Indem das gerade Vergangene nur durch den Zeitablauf reflexionsfähig wird, erzeugt es nur den Zwang zur Verdrängung; dieser das Ich bedrängenden Scham- und Schuldflut ist unser Reflexionsvermögen nicht gewachsen. Zu verarbeiten ist sie nur über die projektive Schuldverschiebung. – Anwendung auf die Beziehung zur Vergangenheit in Deutschland.
    Liegt hier nicht auch der Schlüssel zum kritischen Verständnis der Habermasschen Verarbeitung der Kritischen Theorie? War nicht der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ schon eine affirmative, neutralisierende Umformung des Begriffs der Kulturindustrie? Unter diesem Neutralisierungsdruck ist die Kommunikations- und Diskurstheorie entstanden (die letzte Fluchtburg vor der andringenden Notwendigkeit der Restituierung der benennenden Kraft der Sprache). Ist nicht das Reale in der Habermasschen Intersubjektivität verdampft (unter dem Hitzedruck der rekursiven und selbstreferentiellen Logik der Intersubjektivität)?
    Der Geist Gottes brütend über den Wassern ist bei Heidegger zur Mordlust ausbrütenden Daseins-Philosophie verkommen (Rückfall in die gleiche Finsternis über dem Abgrund, die Habermas jetzt als Neue Unübersichtlichkeit überfällt).
    Der Weltbegriff bedarf der quasitheologischen Idee der Entsühnung (er bedarf der Opfertheologie), und das deshalb, weil nur auf diesem Wege die projektive Verarbeitung der Erfahrung (der historische Objektivationsprozeß), die der Weltbegriff absichert, möglich gewesen ist. Die projektive Verarbeitung selber lief unter dem Titel Naturerkenntnis.
    Wie verhalten sich eigentlich die bestimmten Artikel im Deutschen, in die die Deklinationsformen sich verlagert haben, zu den Nomen selber (den deutschen „Substantiven“), an denen die Deklinationen nur noch fragmentarisch an Endungsresten erkennbar sind? Die ehemaligen Suffixe sind zusammengeschrumpft und nur noch ein verhallendes Echo der die Deklination repräsentierenden bestimmten Artikel. Welcher Unterschied liegt zwischen der Deklination des Nomens Deutscher (der D’e, des D’en, dem D’en, den D’en) und der des Nomens Wald (der W, des W’es, dem W’e, den W)? In dem einen Fall drücken sich alle Beugungen durch das -en aus, in dem anderen stehen neben der Einheit des Nominativ und Akkusativ die getrennten Formen des Genitiv und Dativ. Sind in den femininen Nomen die Deklinationen insgesamt endungslos (die Frau, der F, der F, die F)? Aber sind hier die Deklinationen nicht ohnehin nur Varianten der fem./masc. Artikelbildungen? Und sie die Wald-Endungen nicht versteckte Neutrums-Endungen (vgl. das Haus, des H’es, dem H’e, das H)? Kann es sein, daß im Deutschen die Flexionen (die Deklinationen) durch genus-spezifische Elemente überlagert werden, gleichsam eine zweite Reflexionsstufe zum Ausdruck bringen? Wenn ja, welche Sprachlogik verbirgt sich dahinter? Auffällig ist eine merkwürdige Reflexions-Beziehung des Femininum zum Maskulinen (der maskuline Artikel erscheint als Genitiv- und Dativ-Artikel im Femininum, und die feminine Deklination des Artikels ist zugleich das Modell der allgemeinen Deklination im Plural) wie des Maskulinum zum Neutrum. Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang mit der Ersetzung der Suffixbildung durch Bildung mit Hilfe von Hilfszeitverben bei den Konjugationen (und der Ersetzung der hierarchischen Begriffs- durch hierarchische Satzkonstruktionen) und schließlich mit dem exzessiven Gebrauch von Prä- und Suffixen im Deutschen?
    Wie verhält sich eigentlich das Wort vom Weizenkorn, das sterben muß, um hundertfältige Frucht zu bringen, zu dem Gleichnis vom Weizen, der unter die Dornen, auf felsigen und auf fruchtbaren Grund fällt? Sind die Dornen und der Felsen nicht Symbole der Hypostasierung des Todes (die in die Theologie durch den affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs hergekommen sind, und in denen sich die entscheidenden Aspekte dieses Weltbegriffs, seine Subjekt- und Objektfunktion, ausdrücken)? Grund ist die Weigerung, das Nachfolge-Gebot in die Grundlagen der Theologie (der Gotteserkenntnis) mit hereinzunehmen. Aber Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt.
    Ist nicht die Versteinerung (der Fels) Grund und Folge der nicht übernommenen Arglosigkeit (der Unfähigkeit, die Klugheit der Schlange ohne projektive Entstellung, ohne der Paranoia zu verfallen, zu übernehmen)? Ist sie nicht eine Folge der bis heute unaufgelösten Paranoia im Kern der Welt?
    Zum Brief an Metz: Das „Zeit ist’s“ verweist auf den Aktualitätskern der theologischen Erkenntnis, auf das, was die Mystiker das „nunc stans“ (und Ernst Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“) nannten. Dieser Aktualitätskern ist die bis heute ungehobene Wahrheit des Sterns der Erlösung.
    Ist nicht die Kirchengeschichte der paulinischen Theologie die Geschichte des kirchlichen Kleinglaubens, und hat nicht die lutherische Rechtsfertigungslehre diesen Kleinglauben auf den Begriff gebracht? Aber Jesus ist der, der dem Sturm und den Wellen des Meeres gebietet, und ist uns nicht ein Teil dieser Kraft in seinem Namen mitgegeben?

  • 21.06.93

    Gründet
    – der Raum in der Beziehung von Rechts und Links (Gericht und Barmherzigkeit),
    – das Bekenntnis in der von Vorn und Hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken, berith und Schwur) und
    – das Geld in der von Oben und Unten (Gewalt und Herrschaft und Knechtschaft, diatheke und Tod)?
    Und alle drei hängen mit Trägheit, Licht und Schwere (auch mit den drei Aspekten des Bösen: dem Satan, dem Teufel und dem Dämon) zusammen?
    Haben Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge etwas mit den drei Abmessungen des Raumes, mit Raum, Geld und Bekenntnis (Bekenntnis des „Namens“!), und mit den drei evangelischen Räten zu tun (entspricht das „Bekenntnis des Namens“ der Keuschheit, das verdinglichte hingegen der Unzucht? – „Lehrzuchtverfahren“).
    Die Bekenntnislogik ist wie die des Geldes ein Aspekt der Logik des Inertialsystems.
    Die vergangene Zukunft ist die durchs Dogma neutralisierte Parusie-Erwartung.
    Das Blutsymbol ist durch die Bekenntnislogik und durch das verdinglichte Dogma nicht nur unkenntlich gemacht worden: es ist in sein Gegenteil verkehrt worden. Es wird durchsichtig, wenn die verdinglichende Gewalt im Dogma getilgt wird, wenn in ihm die Gottesfurcht, die Umkehr und die Nachfolge wiedererkannt werden. Insofern ist die Opfertheologie in der Tat das zentrale Objekt der Weltkritik. Das Dogma ist der Greuel am heiligen Ort.
    Die Hegelsche List der Vernunft heißt bei Kant noch schlicht und einfach Betrug (Kr.d.r.V., S. 395).
    Im Futur II, im „Es wird gewesen sein“, klingt das „was wird schon gewesen sein“: die enttäuschte Erwartung, nach. Hier wird die Wurzel des Herrendenkens sichtbar: es gründet in der Verzweiflung (die die Wurzel des Neutrums ist, des Objektbegriffs: des Staubs, aus dem Adam ward, und zu dem er wieder werden wird, und von dem die Schlange sich nährt).
    Der Vertrag bedarf des Schwures und der damit verbundenen Einrichtungen: des Tempels, der Religion, des Opfers und des Priestertums, während das Testament an den Tod anknüpft.
    Trotz des Satzes „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ war der Kreuzestod kein Heldentod. Obwohl der Heldentod, der die Greuel des Krieges, die den Heldentod begründen, hinter sich verbirgt, sie unsichtbar macht, in der Tradition der christlichen Kreuzestheologie begründet ist (was ein bezeichnendes Licht auf die zentrale Bedeutung des Kreuzestodes in der deutschen Nachkriegstheologie wirft). Hier liegt zweifellos einer der Gründe, weshalb innerkirchlich die Aufarbeitung der Vergangenheit so schwer fällt: die Lösung liegt zu nah. Voraussetzung einer solchen Aufarbeitung wäre in der Tat der Bruch des Tabus, das über dem Heldentod liegt, seine Lösung vom Kreuzesparadigma: die Kritik seiner christlichen Prämissen. Ist nicht der Kreuzestod Jesu die offene Wunde der Geschichte, und die Opfertheologie – als Versuch, die offene Wunde durch Verdinglichung und Instrumentalisierung zu schließen – der blasphemische Kern der christlichen Tradition, nicht mehr nur Produkt der enttäuschten Parusieerwartung, sondern deren Hintertreibung?
    Weltkrieg (dessen Name die transzendentallogische Einheit von Welt und Krieg aufs genaueste bezeichnet), Heldentod und Auschwitz bezeichnen den Kulminationspunkt einer bis heute nicht aufgearbeiteten Theologie.
    Volk als Schicksalsgemeinschaft ist die Gemeinschaft einer Mordgesinnung, die glaubt, sie könne nicht haftbar gemacht werden. (Dieser Satz löst das Rätsel des Begriffs der „Volkspartei“.) Gilt das gleiche auch für „Bekenntnisgemeinschaften“? Sind nicht Bekenntnisgemeinschaften ebenfalls Schicksalsgemeinschaften? Aber die Differenz zwischen Volks- und Bekenntnisgemeinschaften ist ablesbar an der Differenz zwischen Antisemitismus und Antijudaismus: Das Schicksalhafte des Volks gründet im Biologischen, das des Bekenntnisses in einem Akt, der die Zustimmung per definitionem mit einschließt. Das Volk ist durch Gründung der Gemeinschaft im Blutprinzip antisemitisch; durchs Blutprinzip tritt das Volk in wütende Konkurrenz zum auserwählten Volk.
    Müßte der Satz „Ich bin das A und das O (das Alpha und das Omega), der Erste und der Letzte“ (Apk 18, 216, 2213) wegen seines Ursprungs im Hebräischen nicht auf das Aleph und das Taw bezogen werden? Und hängt das mit dem et (dem Akkusativ-Partikel und dem mit) und dem at (dem femininen Du), in dem beide Buchstaben vereinigt sind (die nach kabbalistischer Auffassung das ganze Alphabet, die ganze Schrift, in sich befassen) zusammen? Haben die Griechen das thet und taw durch das Omikron und das Omega (beiden entspricht das hebräische waw) ersetzt: die beiden Verschlußlaute als Grenzbuchstaben durch zwei Vokale? Hängt das damit zusammen, daß die hebräische Sprache eine Sprache im Angesicht, die griechische eine Objektsprache ist (was die christliche Theologie nicht von der Gottesfurcht, der Umkehr und der Nachfolge suspendiert)?

  • 23.05.93

    Wenn das „natürliche Sittengesetz“ (vgl. Z. 1958f) unveränderlich ist (und das unterstellt schon das Adjektiv „natürlich“), dann ist Erlösung unmöglich: dann gibt es zum Staat und zu dieser Welt keine Alternative.
    Z. 1968: „So hat er das Kommen Christi vorbereitet“: Klingt das nicht eher nach dem Organisationskonzept einer Konzertagentur, als nach einem Akt der göttlichen Vorsehung?
    Was heißt es eigentlich, daß „der Menschensohn auch Herr über den Sabbat“ ist (Mk 228)?
    Z. 2302: „Zorn ist ein Verlangen nach Rache“. Diese Definition ist nicht nur falsch, sie ist antisemitisch. Sie unterschlägt die Differenz zwischen Wut und Zorn und die Beziehung des Zorns zur Liebe.
    Zum Titel „Friede“ (Z. 2302ff): Es gibt auch objektive Verhältnisse, die von denen, die deren Opfer sind, als Rachewunsch, als Haß, erfahren werden. Nicht immer (und heute weniger denn je) hängen Friede und Gerechtigkeit von personalisierbarem guten Willen ab. Das „sie wissen nicht, was sie tun“ hat heute eine beängstigende Aktualität (im Staat wie in den Kirchen); sie wird umso beängstigender, je mehr sie geleugnet wird.
    Der Lieblosigkeit der Ausführungen über die Liebe entspricht die Einsichtslosigkeit in die Verstrickungen auch der Kirche in den gesellschaftlichen Prozeß. Das Gegenmittel wäre zu entwickeln aus dem achten Gebot: Das „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“ ist im Prozeß der Verweltlichung der Welt zu einem Erkenntnisprinzip, zu einem Teil der Idee der Wahrheit selber, geworden: das einzige Mittel zur Auflösung des Banns. Erkenntniskritik ist zu einem Mittel geworden, der Gesetzmäßigkeit der Lüge auf die Spur zu kommen.
    Die „Reinheit des Herzens“ (Z. 2518ff) hat mit der Übernahme der Sünden der Welt (und mit Herrschaftskritik) zu tun, während der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs die Idee der Reinheit des Herzens zur Unkenntlichkeit entstellt, wenn er – durch die Logik des Weltbegriffs – sie als einen Begriff der Sexualmoral zu begreifen gezwungen ist (die kirchliche Sexualmoral konnte die entsetzliche historische Bedeutung nur gewinnen, nachdem mit der Idee einer „Entsühnung der Welt“ die Welt und mit ihr ihr Daseinsgrund: die Institutionen der Herrschaft, der Kritik entzogen wurden; zwangshaft reproduziert deshalb der neue „Welt“-Katechismus das autoritäre Syndrom).
    Der Eindruck, daß der Katechismus nur lieblos von der Liebe, von der Sexualität, von der „Natur des Menschen“ – um von dem eigentlich theologischen Bereich zu schweigen – redet, hängt mit dem ungeklärten Weltbegriff zusammen.
    Diese Katechismus erinnert nicht zufällig an die Trümmerlandschaften nach dem Kriege.
    Der Katechismus ersetzt die benennende Kraft der Sprache durch ihren Schein: die ernennende Gewalt der Autorität (ähnlich wie er die erkennende Kraft des Namens durch die bekennende Gewalt aller über alle ersetzt). Der Name des Goebbelsschen Ministeriums („Propaganda“) ist nicht zufällig kirchlichen Ursprungs. Die hierbei von der Kirche benutzte tabuisierende Gewalt des Begriffs des Heiligen, die selber bereits antijudaistisch war, ließ sich dann über das beliebig anzuheizende, Mordlust erzeugende Grauen vor den „Juden“ antisemitisch instrumentalisieren.
    Natur als Inbegriff des Andersseins ist durch den Tod vermittelt (Grund der „Todesangst“ von Getsemane: der Schweiß des Angesichts aus Gen 319 wird hier zu Schweiß und Blut).
    Die Begriffe Natur und Materie sind ohne Antisemitismus, Fremden- und Frauenfeindschaft nicht zu halten.
    Kommt der unsäglich erbauliche Ton (Verletzung der biblischen „Nüchternheit“) nicht daher, daß die an sich prophetische Wahrheit in die indikativische Dingsprache zurückübersetzt wird (Grund des Dogmatismus)? Durch den Indikativ wird das, was (wie die Idee des Ewigen) jeder Vergangenheit sich entzieht, unter die Vergangenheit subsumiert, ihrem Gesetz unterworfen, damit aber neutralisiert und entmächtigt. (Vgl. Mt 2327: Wehe auch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler: Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.) Die Sprache des Katechismus ist die „fachidiotische“ Sprache derer, die sich von Berufs wegen damit befassen müssen, aber die Sache selbst um keinen Preis an sich herankommen lassen dürfen.
    Was im neuen „Welt“-Katechismus zur Trinitätsspekulation verkommt, war einmal nur die verdinglichte Beschreibung der Umkehr. Die Übersetzung metaphorischer Namen in Begriffe ist in einer Logik und in einem System vermittelt, dessen Hypostasierung das Objekt der Trinitätslehre ist. Es war der Weltbegriff, der (vermittelt durch den Natur- und Objektbegriff) die Begriffe von ihrem metaphorischen Sprachgrund getrennt hat.
    Das Urteil ist das gekreuzigte Wort.
    Hängt der Gottesname „Vater“ (dessen patriarchalische Konnotationen heute nicht mehr verdrängt werden sollten) mit der Übernahme der Sünden der Welt zusammen (wie der Vatername mit dem Begriff der Schuld, der der Mutter mit dem der Sünde)? Ist er nur der Name eines Äons?
    „Unser tägliches Brot gib uns heute“ – aber nicht unseren täglichen Wein?
    Es gibt keinen Begriff ohne Empörung: jeder Begriff ist durch seinen Objektbezug über der Sache. Die „Natur der Dinge“ ist der Inbegriff ihres Andersseins. In der Erkenntnis des Andersseins (der „Natur“) der Dinge und als dessen Legitimation bildet sich der Weltbegriff.
    Der Freudsche Mythos von der Ermordung des Urvaters durch die Brüderhorde (der in dem christlichen Gottesnamen „Vater“ nachklingt) ist ein wesentlicher Beitrag zur Erklärung des Antisemitismus.

  • 15.05.93

    Katechismus, Ziffer 157: „Der Glaube ist gewiß, gewisser als jede menschliche Erkenntnis, denn er gründet auf dem Wort Gottes, das nicht lügen kann.“ So offen operiert der Katechismus mit Zirkelschlüssen, nachdem er gerade (Ziffer 156) dargetan hat, daß der „Beweggrund, zu glauben, … nicht darin (liege), daß die geoffenbarten Wahrheiten im Lichte unserer natürlichen Vernunft wahr und einleuchtend erscheinen. Wir glauben wegen der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch täuschen kann.“ Worauf beruht die „Gewißheit des Glaubens“, insbesondere die, daß die „Autorität“, in der er gründet, die „des offenbarenden Gottes selbst“ ist?
    Der Spagat zwischen Fundamentalismus und Wissenschaftsgläubigkeit wäre wohl nicht auszuhalten, wenn es nicht geheime Verbindungslinien zwischen den Prämissen beider gäbe. Vgl. Ziffer 159 zu Glaube und Wissenschaft.
    Aber muß sich dieser Katechismus nicht auch dem Wort stellen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Das gilt insbesondere auch für die merkwürdige Trinitätsspekulation (während die Nachfolge im ganzen Katechismus nicht vorkommt: wird sie durch das Trinitätskonstrukt ersetzt?). Insbesondere hier, in der Trinitätsspekulation, hat man das Gefühl, daß die Autoren sich selber Trost und Mut zusprechen (im Dunkeln pfeifen). War die Trinitätslehre der Preis für die Instrumentalisierung der Religion (im Kontext dieser Tr. ist eine Theologie im Angesicht Gottes undenkbar)? Und hängt sie nicht insofern mit dem Weltbegriff zusammen, als sie die Erinnerungsarbeit nicht nur verweigert, sondern den Schein erzeugt, sie sei unnnötig, überflüssig. Diese Tr. ist der Deckel auf der Vergangenheit, das eigentliche Herrschaftsmittel. Was ist das für eine „Seligkeit Gottes in sich selber“, wenn ihr jegliche Sensibilität für das, was außer ihm geschieht, fehlt, wenn ihr der Zustand der Welt schlicht gleichgültig ist? Konsequenterweise wird die „Auflehnung gegen das Übel in der Welt“ zu den Ursachen des Vergessens, der Verkennung, ja der ausdrücklichen Zurückweisung der „innigsten und lebenskräftigsten Verbindung mit Gott“ gezählt, Ziffer 29: War Hiob Atheist? Und ist der hier zugrundegelegte Begriff des seligen Lebens nicht die genaueste Beschreibung des Autismus, die dann das Wort, die Sprache, weil sie für sie gegenstandslos geworden sind, leugnet (in logischer Konsequenz einer Theologie hinter dem Rücken Gottes, in der die Sprache durch die Sexualität, die Zunge durch den Phallus, ersetzt wird)? So hat die Kirche Gott, die Welt und uns alle zum Schweigen gebracht.
    Ziffer 314: Die Ästhetisierung des Bösen (das „Drama des Bösen und der Sünde“) ist eine notwendige Folge der Instrumentalisierung des Opfers (und des Ursprungs der Religion, der mit der Instrumentalisierung des Opfers zusammenfällt): der Unfähigkeit, dem realen Grauen standzuhalten. So wird „die Ermordung des Sohnes Gottes“ (wo ist die biblische Grundlage dieses antisemitischen Begriffs?) zum „schlimmsten moralischen Übel, das je begangen wurde“ (Ziffer 312). Das steht 50 Jahre nach Auschwitz, und im gleichen Jahr, in dem katholische Kroaten, muslimische Bosnier und orthodoxe Serben sich gegenseitig umbringen, im Katechismus der Katholischen Kirche!
    Die vergegenständlichte Trinititätslehre ist ein Produkt der Ausblendung und Verdrängung der Nachfolge und der Umkehr (der Austreibung der Nächstenliebe und der Gottesfurcht). Aber bisher konnte der Schaden der Theologie (der Dornen, des Unkrauts und des steinigen Grundes) noch durch die humanisierende Kraft der Texte der Schrift eingedämmt werden.
    Dieser Katechismus handelt nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.
    Die Perversion der kirchlichen Theologie liegt darin, daß sie die Trinitätslehre, anstatt sie als Ausdruck des Schmerzes zu begreifen, in einen Ausdruck der Befreiung und des seligen Lebens umgelogen hat. Hier liegt der Grund des pathologisch guten Gewissens und der Gemeinheitsautomatik, die den Faschismus in Europa ermöglicht haben. Die Idee des seligen Lebens Gottes in sich selber ist der Zucker, mit dem das Opfer der Vernunft versüßt wird.
    Die Trinitätslehre ist das kreisende Flammenschwert, mit dem der Cherub den Eingang des Paradieses bewacht.
    Die Trinitätslehre ist die vergegenständlichte und so verdrängte Umkehr (die Vorstellung vom seligen Leben Gottes in sich selber das dem Bilderverbot unterliegende Bild dieser Umkehr, eigentlich ein Bild der Vergewaltigung, der Einheit von Trunkenheit, Gewalt und Desensibilisierung).
    Wie hängen Trinititätslehre und die kopernikanische Wende mit einander zusammen (zum Begriff der Umkehr)?
    Woher kommt es, daß Katholiken Biertrinker und Fleischesser sind?
    Das „Wenn die Welt euch haßt“ ist über die Identifikation mit dem Aggressor: über die affirmative Rezeption des Weltbegriffs (das Trinken des Kelches) am Ende zum Selbsthaß, zum Grund der Selbstverfluchung, geworden.
    Klingt nicht in der Selbstverfluchung Petri das Motiv der Sünde wider den Heiligen Geist an? Dagegen steht nur das „und er ging hinaus und weinte bitterlich“ und der Satz, daß „die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen“.
    Die Autoren des Katechismus sprechen über die Schrift wie Vertreter des Wiener Kreises über die Kunst.
    Wenn die Autoren des Katechismus die Sprache des AT als Bildersprache denunzieren, so gehört das mit zum Zusammenhang der Neutralisierung der Sprache, zum Kontext des kirchlichen Autismus (ihrer „Dialog“-Unfähigkeit).
    Aber „Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt“ (Jes 5511).
    Sind nicht Empfindlichkeiten generell pathologische Symptome?
    Wenn die Trinitätslehre der Inhalt, ja die Erfüllung der göttlichen Offenbarung, und darin die Erlösung beschlossen wäre, dürfte sie nicht die paranoischen Folgen haben, die sie offensichtlich hat.
    Ist nicht der Begriff einer „ewigen Ordnung der göttlichen Personen“ eine contradictio in adjecto: gleichsam ein Stück Isolationshaft?
    Der Interpretation der Trinitätslehre im Katechismus widersprechen doch sehr deutlich Stellen wie die vom „Sitzen zur Rechten des Vaters“, über die johanneischen Texte zum Parakleten, zum Heiligen Geist, bis hin zu den Dingen, die nach den Worten Jesu dem Vater vorbehalten sind.
    Ist nicht die Trinitätslehre Produkt der Inertialisierung der Theologie, der Subsumtion der Theologie unters Inertialsystem (der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, Bedingung der Objektivierung). Die Trinitätslehre ist ein Stück Bekehrungstheologie, aber damit das Gegenteil einer Theologie der Umkehr (des Namens und des Angesichts). Es bleibt beim autoritären Gehorsam, die Ohren bleiben geschlossen.
    Die Kirche hat den Kelch getrunken, von dem Jesus in Getsemane gehofft hat, er möge an ihm vorübergehen. Aber das Kreuz hat sie nicht auf sich genommen.
    Die Trinitätslehre, wenn sie einmal begriffen wird, wird sich als der Gegenstand der Todesangst Jesu in Getsemane erweisen.
    Der hakeldama, das „Blut, das vom Acker zu mir schreit“ und das auf die erde geschüttete Blut beim Opfer (zusammen mit dem Verbot, Blut zu trinken): welcher Zusammanhang mit der Eucharistie?
    Ist die Kirche nicht eher das ägyptische Sklavenhaus als Babel (das Sklavenhaus der schechina)? Vgl. die Beziehung von Theologia und Oikonomia bei den Kirchenvätern (Ziffer 236), auch „Heilsökonomie“.
    Gliederung der Kritik des Katechismus:
    – Sünden der Welt (Übernahme, nicht Hinwegnahme; Begriff der Welt),
    – theologischer Ursprung der Naturwissenschaft (Verweltlichung der Welt), Naturwissenschaften als „Kloß im Hals der Theologie“, -Kritik der Trinitätslehre (Folge der Rezeption des Weltbegriffs, Ursprung der Bekenntnislogik, entstellter Inbegriff der Umkehr), die dreifache Leugnung und der Hahn,
    – Das Lachen und die Austreibung der Dämonen, Weinen und Erinnerungsarbeit als Trauerarbeit (Kreuzestod kein Gegenstand der Empörung),
    – Getsemane und der Kelch (Todesangst und Weltbegriff), die Trinitätslehre und das kreisende Flammenschwert,
    – Philosophie und Prophetie, die Barbaren und die Hebräer (Natur und Materie), Name und Begriff.
    War die Dogmatisierung der homousia ein Werk des Heiligen Geistes, und Konstantin sein Instrument? Oder gehört sie zu jenen Ärgernissen, von denen es heißt, sie müssen kommen, aber wehe denen, durch die sie kommen.
    In der Tat die Verweltlichung der Welt christlichen Ursprungs.
    Die nach Rosenzweig nicht unerhebliche Frage, ob Künstler selig werden können, wäre endlich auch auf Theologen anzuwenden. ist nicht die Theologie – nach der Kunst – zur letzten Bastion des Mythos geworden? Und sind nicht die Bekenntnislogik, die Trinitätslehre und die Opfertheologie durch die Anpassung an die Welt erzwungene Machinationen zur Abwehr und Verhinderung der Umkehr?
    Ist nicht der verdinglichte Zeugungsbegriff in der Trinitätslehre eine Ersatzbildung für den verlorenen Begriff der Erkenntnis, und das „Hervorgehen“ (des Heiligen Geistes) ein Produkt der Neutralisierung der messianischen Wehen?
    Das positivistische Dogmenverständnis, der Preis für die Rezeption der Philosophie, erzeugt durch das hierzu erforderliche Bindemittel der Bekenntnislogik eine hochexplosive Mischung.
    Die Trinitätslehre als Theologendroge (Theologie als Theologie für Theologen).
    Der Begriff der Kontingenz, den Theologen gerne nutzen, ist ein metaphysischer Totschlagebegriff. Er dispensiert von Differenzierung und Reflexion.
    Was hat es eigentlich mit den „Fleischtöpfen Ägyptens“ auf sich?

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