Ist nicht der AcI eine sprachliche, grammatische Konstruktion, die die Dinge in den Herrenblick rückt?
Was haben die Handbücher der EDV-Hard- und Software mit Auschwitz zu tun?
Der Weltbegriff ist das Apriori der Instrumentalisierung. Der Weltbegriff und der Naturbegriff stützen sich gegenseitig.
Leer, gereinigt und geschmückt: Gereinigt und geschmückt erinnern an den lateinischen und griechischen Weltbegriff, an mundus und kosmos. Leer ist das Ergebnis der Geschichte der Naturwissenschaften; Wird dieses Leer nicht von den verzweifelten Rechten als Handlungsanweisung verstanden? Das Vacuum zieht die sieben unreinen Geister an, die sich als Feinde der unreinen Geister maskieren.
Die Fähigkeit zur Reflexion des Raumes eröffnet den Blick auf die vergangene Zukunft (während der unreflektierte Raum als Form der äußeren Anschauung ihn versperrt).
Der Stein, der Fels, ist die neutralisierte Umkehr: nur noch schwer (und so das Fundament der Kirche?).
Ist es nicht merkwürdig, und steckt nicht möglicherweise mehr dahinter, daß die Wahlplakate der etablierten Parteien diesmal alle in der gleichen Grundfarbe erscheinen: in blau (neben F.D.P. diesmal auch CDU, SPD und die Repubklikaner). Rote Schrift haben die CDU und die SPD.
Das Licht ist der Quellpunkt des Angesichts, das Gegenstück zum Kristallisationskern der Verdinglichung.
Was haben die Flußpferde, die Nilpferde, mit den Pferden zu tun? Weshalb heißen sie Pferde, und ist dieser Hinweis auf die Pferde auch in anderen, insbesondere in den altorientalischen Namen des Flußpferds enthalten? Wenn Pferde, Adorno zufolge, die Nachfahren der Helden sind, sind dann die Flußpferde Inbegriff und Realsymbole des mythischen Helden, Verkörperungen des tragischen Verstummens?
Pferde sind das ästhetische Bild des Rassischen. Enthält nicht der Begriff der Rasse Konnotationen, die sich in seiner biologischen Bedeutung nicht erschöpfen, es sei denn, daß man das Biologische selber realsymbolisch begreift, ähnlich wie die Lebensphilosophie versucht hat, den Begriff des Lebens zu erfassen? Sind nicht die Namen Leben, Rasse, Pferd, Held Teil eines Bedeutungsfeldes, zu dem auch die Begriffe des Schicksals und des Tragischen gehören? Dieses Tragische, Schicksalhafte gehört zu den Ursprüngen des Antisemitismus, und das deshalb, weil mit dem Jüdischen das Prophetische als das Antitragische und das Antischicksalhafte schlechthin erahnt wurde. Die Rosenzweigsche Konstruktion des Tragischen, des Schicksals und des Mythos unter dem Begriff der Vorwelt gibt einen Vorbegriff dessen, was mit der Verinnerlichung (und Umwandlung) dieser Kategorien unter dem Begriff der Welt dann eingetreten ist.
Ist nicht der Islam die Kunstreligion? Und ist nicht Mohammed auf einem Pferd in den Himmel aufgefahren? Hat nicht der Islam die Prophetie als Richten mißverstanden (mit den bekannten Folgen in der durch den Islam vermittelten Gestalt der mittelalterlichen christlichen Theologie)?
Im Gegensatz zu den jüdischen Gelehrten, die Schriftgelehrte sind, sind die islamischen Rechtsgelehrte: Sind nicht die christlichen Gelehrten Rechtsgelehrte, die sich als Schriftgelehrte mißverstehen, und deshalb dogmatisch? Die Gefahr des theokratischen Mißverständnisses der Religion wird erst dann gebannt sein, wenn das Christentum sich selbst begreift. Die theokratische Version der Religion hat ihr Realsymbol in Petrus/Kephas. Darauf bezieht sich das „Weiche von mir Satan“, die Gethsemane-Geschichte und die Geschichte von den drei Leugnungen.
Gehören zum Petrus nicht auch die Simon-Geschichten: vom Simon von Cyrene über den Magier Simon bis hin zur Simonie.
Antisemitismus
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06.02.93
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03.02.93
Wozu benötigt die Sprache das Futur II? Hat das Futur II (als sprachlicher Kern des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs) etwas mit dem babylonischen Turm, der bis zum Himmel reichen sollte, zu tun? Ist sie der Ursprung des Falls (die Antizipation des Selbstmords)? Das „Es wird gewesen sein“, die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, begründet mit dem Selbsterhaltungsprinzip die wechselseitige Äußerlichkeit der Dinge im Raum, sie konstituiert damit die Raumvorstellung selber: die die Orthogonalität und die Reversibilität der Richtungen im Raum begründenden Logik. Sie begründet das abschlußhafte, die Dinge wie die Vergangenheit abschließende Wissen, seine vergegenständlichende Kraft, die in der Trennung und wechselseitigen Konstituierung von Natur und Welt sich manifestiert.
Das Futur II neutralisiert den Wunsch und das Gebot; es ist der Grund des Gesetzes, ein Graecum, kein Hebraicum. Es hat mit dem Orakel und mit den Auguren zu tun, nichts hingegen mit der Prophetie. Es ist der sprachliche Grund und Reflex der Subjektivierung des Schicksals (der Philosophie und des Weltbegriffs) und insoweit das reale Korrelat der Geschichte des Turmbaus zu Babel.
Zielt nicht der katholische Gebrauch des Begriff des Fundamentalismus heute auf die Wahrheit selbst: sich selbst erfüllende Projektion?
taz, 03.02.93 („Unterm Strich“): Die Redensart „Aus Saulus wird
Paulus“, aus einem schlechten Mensch wird ein guter Mensch, fußt nach neuesten Bibelforschungen auf falschen Voraussetzungen. Der Apostel habe seinen ursprünglichen Namen niemals abgelegt, sei zeitlebens Jude geblieben und gelte fälschlicherweise als Mitbegründer des Christentums, erklärte der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide in einem AP-Gespräch. Saulus, der später als zweiten, römischen Namen Paulus angenommen habe, habe sich nie zum Christentum bekehrt. „Das Wort Bekehrung kommt in der sogenannten Damaskus-Vision überhaupt nicht vor, sondern es heiße dort Berufung zum Apostolat“, erläutert der in Frankfurt am Main lebende Religionswissenschaftler. Nach der Überlieferung hatte Paulus auf dem Weg von Arabien nach Damaskus die Vision, daß Jesus ihn zum Apostel berufen wolle. Mit dem Menschen Jesus ist Paulus jedoch nie zusammengetroffen. Zu Petrus und Jakobus soll Paulus einmal gesagt haben: „Meine Vision der Auferstehung war wichtiger als eure Begegnung mit dem irdischen Zimmermannssohn.“ Als ein wesentliches Forschungsergebnis bezeichnet es Lapide, daß sich Paulus entgegen der Überlieferung im Galater-Brief niemals in Arabien aufgehalten habe. Vielmehr sei er von Arawah (hebräisch Steppe) nach Qumran gegangen, die beide am Toten Meer liegen. Den Weg habe Paulus zu Fuß oder auf dem Esel in etwa einer halben Stunde bewältigt. Qumran, wo im Jahre 1947 die berühmten Schriftrollen gefunden wurden, habe früher den Beinamen „Damaskus in der Wüste“ getragen, erläutert Lapide. So sei fälschlicherweise überliefert worden, Paulus sei von Arabien nach Damaskus in Syrien gegangen. Gegen die klassische Überlieferung spreche auch, daß es damals etwa von Riad nach Damaskus eine Achttagereise gewesen wäre, erklärte der Neutestamentler. Die berühmten Qumran-Rollen, Handschriften vor allem aus Büchern des Alten Testaments, wurden 1947 in einer Höhle von Beduinen entdeckt, die auf der Suche nach einer entlaufenen Ziege waren. „Die meisten Rollen sind aus Leder, wenige aus Papyrus und nur zwei aus Kupfer“, erläutert der Neutestamentler. Da Wissenschaftler noch heute dabei seien, die Rollen auszuwerten, werde spekuliert, daß mit einer Gesamtveröffentlichung „die Einzigartigkeit von Jesus und seiner Botschaft geschmälert“ werden könnte. (Zusatz taz: Oh weh, oh weh.)
Die „Beschreibung des Holocaust“ von James E. Young rührt an einen zentralen Punkt: an das Problem des Schreibens heute überhaupt und an das Verständnis der Schrift. Nähe zur „Grammatologie“ von Derrida und zum „Widerstreit“ von Lyotard. Erinnerung an die Selbstmorde von Jean Amery, Primo Levi und Paul Celan (unsere Mitschuld daran, weil wir nicht bereit waren, den Schrei aufzunehmen). Lyotards Reflexionen über das vollkomene Verbrechen rühren an ein Problem der Sprache, für das Auschwitz auch steht: an die Unfähigkeit, den Bann der Gemeinheit zu sprengen und zugleich die rechtlichen Kriterien der Zeugenschaft zu erfüllen. Dazu ist an den Kontext des Logos-Begriffs und das „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, …“ zu erinnern, die das Problem in einen realen theologischen Zusammenhang rückt. Läßt sich über Auschwitz erst im Kontext der Idee der Auferstehung (oder erst nach der Auferstehung der Toten) schreiben? Rückt das die deutsche Abwehr der Postmoderne nicht doch in ein anderes Licht? Und hat es nicht doch verhängnisvolle Folgen, wenn dieser Diskurs in Deutschland fast nur abgewehrt und die Postmoderne wie eine Häresie verfolgt wird?
In Auschwitz ist der Weltbegriff mit untergegangen, er ist seitdem für die Theologie nicht mehr brauchbar. Auschwitz ist der Maelstrom, dessen Poe’sche Beschreibung Adorno als Motto vor seine Kierkegaard-Arbeit gesetzt hatte: der Wirbel, der die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt. Wir leben in diesem Wirbel und halten ihn immer noch – unter dem Bann der subjektiven Form der äußeren Anschauung, des Raumes – für eine ruhende Welt. Auschwitz ist der Beweis dafür, daß der Logos die Last, die wir ihm aufbürden, indem wir die Nachfolge verweigern (und die Erscheinungen für die Dinge an sich halten), nicht zu tragen vermag. Die Last ist endgültig auf uns übergegangen.
Erinnerungsarbeit und Vergangenheitskolonialismus: Solange wir glauben, die Richter der Toten sein zu können, richten sie uns.
Zeugenschaft und Eingedenken: Dieses „Das darf nicht vergessen werden“ ist das zentrale Motiv, nicht die Widerlegung der Leugner.
Zu Otto F. Best (FR von heute): Die Deutschen haben keinen Witz, weil sie Witze machen. Dadurch unterscheiden sie sich u.a. von den Franzosen. Witz ist die Fähigkeit zur Sprachreflexion, die das Witze-Machen durch seine verdinglichende, vergegenständlichende Gewalt (durch Gelächter) zerstört. Der deutsche Witz ist eine xenophobe und paranoide Notwehraktion (Indiz der verfolgenden Unschuld). Karl Kraus hat einmal darauf hingewiesen, daß die Deutschgesinnten in der Regel des Deutschen nicht mächtig sind. (Vgl. Adenauers Wort: „Je einfacher Denken ist eine guten Gabe Gottes“. Einschlägig scheinen auch die Satzeinschübe Kohls zu sein, wie z.B.: „das werde ich an dieser Stelle sagen dürfen“, mit denen Kohl seine Rede unterbricht, um sein Erstaunen darüber auszudrücken, was er hier wieder einmal sagt, und mit denen er zugleich sich selbst ermächtigt, es zu sagen. Das liegt auf der gleichen Ebene wie seine eigene Unfähigkeit und die anderer Mitglieder seines Kabinetts, zu den xenophoben und antisemitischen Ausschreitungen der letzten Zeit überhaupt auch nur einen vernünftigen Satz zu sagen. Zugrunde liegt die allgemeine Erleichterung darüber, daß wir nach der wiedergewonnenen Einheit uns keine Zurückhaltung mehr auferzulegen brauchen und endlich wieder sagen dürfen, was wir denken; die Irritation durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen wird real verdrängt und verschoben auf das bedauernswerte Unverständnis des Auslands für diese deutsche Eigenart, auf die wir leider noch Rücksicht nehmen müssen.)
Die verandernde Kraft des Seins ist der Grund des Weltbegriffs, sie wird durch durch die Gewalt des Weltbegriffs unumkehrbar. Der Weltbegriff ist die verandernde Kraft des Seins als Totalität.
Ist nicht der augustinische Satz, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle gehört, eine direkte Konsequenz aus dem Kernkonstrukt der dogmatischen Theologie: der Opfertheologie. Hier liegt der Grund, daß in der kirchlichen Tradition die Buße nur noch als Leiden verstanden wird, und nicht als Tun: die Umkehr ist gegenstandslos geworden. War nicht das Bild der Hölle ohnehin das Produkt einer projektiven Verarbeitung des Bewußtseins, daß die Gläubigen selber für sich und für die anderen die Hölle sind (mit der Exkulpierung von Herrschaft, der Legitimierung des staatlichen Gewaltmonopols, und einem Begriff der Sexualität, in dem die politische Ohnmacht bewußtlos sich reflektierte, als dem Herd des ewigen Feuers)?
Das Wort von den Pforten der Hölle (Mt 1618): ou katischysousin autäs, sie werden sie nicht überwältigen.
Die Rehabilitierung Galileis durch Johannes Paul II scheint mir auf den Versuch hinauszulaufen, den Kloß im Hals der Theologie, zu dem die Naturwissenschaften geworden sind, jetzt endlich zu schlucken: aber wird die Kirche nicht daran ersticken?
Das Dogma war der Preis, den der Staat und die Philosophie für die Rettung des Welt- und des Objektbegriffs zahlen mußten.
Hegels Satz, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, müßte eigentlich unters kirchliche Abtreibungsverbot fallen (durch den affirmativen Weltbegriff hat die Theologie sich selbst abgetrieben).
Zur deutschen Staatsmetaphysik gehören neben dem Gewaltmonopol des Staates und dem Staatsanwalt auch das deutsche Staatsexamen. -
21.01.93
Das Problem des Patriarchats ist ein Problem der Geschichte der Naturbeherrschung und seiner gesellschaftlichen Organisation: der Politik. Das Verhängnis des Christentums war es, daß es die symbolische Kritik dieser Geschichte privatisiert, als „realistische“ Sexualmoral mißverstanden hat.
Drewermann verteufelt die Hilflosigkeit, was nicht dadurch besser wird, daß diese Hilflosigkeit der Kirche selbstverschuldet ist. Hilflosigkeit ist nur durch die Erweckung der Kraft zu helfen zu „überwinden“. Wer diese Kraft verloren hat, erfährt sich selbst als hilfsbedürftig, die ganze Welt als gnadenlos, als potentiellen Feind. Es ist diese Hilfsbedürftigkeit, die die Kraft zu helfen in sich aufsaugt wie das schwarze Loch jegliche „Strahlung“: das Licht und seine Derivate. Und es ist die gleiche Hilflosigkeit, die aus sich selber die paranoide Empfindlichtkeit erzeugt, die das Gegenteil der Sensibilität ist.
Der Satz: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebst auf Erden“, wird durch seine bloß private Interpretation verfälscht: Er enthält generell den Hinweis auf die Vergangenheit und die Verpflichtung zur Erinnerungsarbeit, die den Bann der Welt und den der Natur sprengt. Ein anderer Ausdruck für diese Erinnerungsarbeit ist die Idee der Auferstehung der Toten.
Der Historismus ist ein Vergangenheits-Kolonialismus, wobei das Herrschaftsmoment in diesem Kolonialismus ein wechselseitiges ist: Indem wir glauben, die Vergangenheit zu beherrschen, beherrscht sie uns. Der Objektivationsprozeß, der im Historismus auch die Vergangenheit ergreift, ist als ein Moment der Erkenntnis der Vergangenheit unabdingbar und notwendig; aber auch hier erweist sich die Idee der Umkehr als gnoseologische Kategorie: Hier heißt Umkehr: Auferstehung der Toten.
Müßte nicht der Paulus-Satz, wonach die ganze Kreatur seufzt und in Wehen liegt, durch seine Anwendung auf die Vergangenheit auf die Toten bezogen und so radikalisiert werden?
Die Vorstellung von einem jenseitigen Himmel, getrennt von dem endzeitlichen Gottesreich und gleichsam zeitlich vor ihm, trennt die Unsterblichkeit der Seele von der Auferstehung der Toten; sie stellt die Idee der Auferstehung der Toten durch ihre Vertagung ad calendas graecas gleichsam still. Thomas von Aquin hat es noch gewußt, daß das Schicksal der Seele vor der Auferstehung (nach der Trennung vom Leib und im Zustand dieser Trennung) kein glückliches ist, daß sie an der Trennung leidet und Erfüllung erst in der Wiedervereinigung mit dem Leibe findet. Aber ist nicht diese Vorstellung insgesamt falsch, insbesondere nachdem der Himmel im historischen Aufklärungsprozeß aus dem räumlichen Oben verdrängt worden ist. Die Idee des Ewigen legt es ohnehin nahe, deren Beziehung zu Raum und Zeit, und damit auch zur Geschichte, neu und anders zu bestimmen: Der Himmel ist kein anderes Amerika, das jenseits des Ozeans liegt, aber der gleichen Zeit unterworfen ist, wie alle anderen Orte der Welt. Die Vorstellung, der Himmel sei nur ein anderer Ort, falle aber unter das gleiche Zeitkontinuum wie diese Welt, habe gleichsam eine zeitparallele Geschichte, ist der Grundfehler der kirchlich-theologischen Tradition. Das bloß Überzeitliche ist die verworfenste Gestalt des Zeitlichen und auf keinen Fall zu verwechseln mit dem Ewigen.
Die naturwissenschaftliche Aufklärung, deren Erkenntnisgesetz selber aus der Theologie stammt, hat die Theologie in eine Engführung (in ein „Nadelöhr“) gebracht, vor der sie heute zu kapitulieren scheint.
Ist es nicht heute fast unmöglich geworden, das Judentum als Christ aus der Sicht des Zuschauers zu betrachten? Die zwangsläufig daraus erwachsenden Rechtfertigungszwänge führen notwendig in neue Antisemitismen hinein. Kann es sein, daß hierbei der Israel-Tourismus eine nicht ganz ungefährliche Rolle spielt?
Wie wäre es, wenn man die drei regulativen Ideen Kants, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, ersetzen würde durch die drei theologischen Kategorien Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, d.h. durch objektive Ideen: Käme man damit nicht auch dem Problem der kantischen Philosophie näher. Sind nicht diese drei regulativen Ideen auf die Totalitätsbegriffe der kantischen Philosophie zu beziehen, auf Welt, Wissen und Natur, aus denen sie gleichsam durch Umkehr sich rekonstruieren lassen und deren Bann sie zugleich sprengen: Die Idee der Schöpfung sprengt den Bann des Weltbegriffs, die der Offenbarung den des Wissens und die der Erlösung (die die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt) den des Naturbegriffs. -
19.01.93
Das Entscheidende an der Vorstellung des Atoms ist der leere Raum, in dem es vorgestellt wird.
Genügt es noch, den „Glauben an“ durch die „Treue zu“ zu ersetzen?
Überzeugen ist unfruchtbar: Und zwar deshalb, weil das Überzeugen des andern nur mit Hilfe von Beweisen möglich ist, und die Ambivalenz des Beweises aus dem Überzeugen nicht herauszubringen ist. Das Überzeugen appelliert an die Gemeinschaft der subjektiven Formen der Anschauung und des Bekennens, an die Gemeinschaft der Intersubjektivität. Weil alle darin sich geborgen fühlen möchten, kann keiner mehr mit sich alleine sein: das ist der Preis des Überzeugens. Modell des Überzeugens ist die logische Automatik der sich (in sich selbst, in den Objekten und in den Köpfen der Menschen) fortzeugenden Form des Raumes (die für Sokrates und den Sklaven die gleiche ist). In der Logik des Überzeugens gründet die Verführungskraft des Bekenntnisses, die von den Konfessionen bis hinunter zu den Hooligans und den Skins, in denen das Bekennen in die Gestalt der Erscheinung selber hereingenommen wird (als Maske, als persona in reinster Form), sich ausbreitet und – wie der Raum die Dinge – alles durchdringt (Erscheinung an sich).
Jesus, der Freund der Zöllner und Dirnen: Sind nicht die Dirnen das Kirchenvolk, und beziehen sich nicht darauf die Sätze: Gehe hin und sündige fortan nicht mehr, und: Ihr wird viel vergeben werden, denn sie hat viel geliebt. Aber wer sind die Zöllner (Matthäus/Levi war ein Zöllner)?
Der Streit um die Gesamtschule vor fünfzehn Jahren war ein Ersatzkrieg um die unaufgearbeitete Vergangenheit.
Handelt es sich in dem „super hanc petram“ um ein räumliches oder um ein instrumentales „super“?
Sind nicht die Prä- und Suffixe im Deutschen eine Folge der Weichheit, der Nachgiebigkeit dieser Sprache, ihrer Charakterlosigkeit, und das Produkt ihrer allerengsten Anpassung, ihrer Fähigkeit, sich an die vom Inertialsystem beherrschte Vorstellungskraft anzuschmiegen?
Das Inertialsystem leugnet das Licht und mit ihm das Angesicht; es überzieht die sinnliche Welt mit einem Grauschleier, der nicht mehr abzuwaschen ist; das erzeugt den paranoiden (auch dem Antisemitismus und der Fremdenfeindschaft zugrunde liegenden) Reinheitstrieb.
Sind die Prä- und Suffixe die Bazillen und Viren der vom Inertialsystem beherrschten (und ihrer benennenden Kraft beraubten) Sprache?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem durch Prä- und Suffixe gebildeten Sprachleib der indogermanischen Sprachen und der sumerischen („agglutinierenden“) Sprache? Und unterscheiden sich die semitischen Sprachen u.a. dadurch von den indogermanischen, daß sie weitgehend auf die Nutzung von Prä- und Suffixen verzichten (dreikonsonantischer Wortstamm)? Sind die Prä- und Suffixe (und die damit zusammenhängende Durchorganisation der flektierenden Sprachen) Ausdruck der Herrschaft der Subjektivität in der Sprache, des Herrendenkens (Ursprung und Ausbreitung der Neutra und Rückwirkung der Neutra auf die Gesamtstruktur der Sprache)?
Die subjektiven Formen der Anschauung als Medien der Intersubjektivität sind die entfremdeten, der Reflexion entzogenen und somit blind herrschenden Repräsentanten der Gesellschaft im Subjekt.
Das „Du sollst Vater und Mutter ehren“ ist die Aufforderung zur Reflexion der in den Formen der Anschauung neutralisierten und verdinglichten Generationsbeziehungen (zu den Topoi der Lehre vom Antichrist gehört auch der vom unlösbar gewordenen Generationenkonflikt, der u.a. in der Ökonomie, in den Naturwissenschaften, dann aber auch im Natur- und Weltbegriff sich neutralisiert, jedoch nicht gelöst wird).
Der Familienmythos und die Familienbande konstituieren sich mit der Unterdrückung des Generationenkonflikts, der dann extern, als Arbeitswut oder als gesellschaftlicher Konflikt, ausgetragen werden muß. Der präziseste Ausdruck des Scheins der Unlösbarkeit dieses Konflikts in der Struktur des Subjekts sind die subjektiven Formen der Anschauung.
Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären: Dieser Fluch gründet nicht in der bösen Tat, sondern im Rechtfertigungszwang, in den die böse Tat den Täter versetzt; und er gilt nicht nur fürs einzelne Subjekt, sondern auch für „Gesamtpersonen“ im Sinne Schelers (für Deutsche und für Christen).
Die Lösung des siebten Siegels ist die Lösung des Knotens der Zeit: der Ambivalenz von Ruhe und Bewegung (Begriff und Verb). Der Kelch als Zornes- und Taumelkelch rührt an diese Kehrseite des Sabbats, der Kehrseite der Idee der ewigen Ruhe.
Ist die Fundamentalontologie das siebte Siegel (vor dessen Lösung die sechs anderen Siegel zu lösen sind)? -
15.12.92
Nur zusammen mit den theoretischen Folgen der Lehre von der „Hinwegnahme der Sünden der Welt“ sind die entsetzlichen praktischen Folgen des Wortes von der „Erfüllung der Prophetie“ zu verstehen: Nur so war es möglich, die „Unheils“-Prophetie allein auf die Juden anzuwenden, sich selbst aber davon freizusprechen: Voraussetzung war die Vorstellung, daß durch den Opfertod Jesu die Welt bereits entsühnt war, die Christen die Sorge um die Welt den dazu berufenen Herren überlassen konnten (gegen den Inhalt der „Abschiedsreden“ Jesu im Johannes-Evangelium, und gegen die darin enthaltene Lehre vom Parakleten, vom Heiligen Geist: die Lehre von der Entsühnung der Welt durch den Opfertod Jesu hat die Politik gegen Kritik immunisiert). Mit diesem Weltbegriff war der Antisemitismus untrennbar verbunden.
Ist nicht die Geschichte der drei Leugnungen Petri eine prophetische Antizipation der Entwicklung der Beziehungen des Christentums zur Geschichte des Staates als Organisation einer Gesellschaft von Privateigentümern (deren Auswirkungen bis in den Naturbegriff hereinreichen). Die Erfindung des Rechts war ja nicht nur ein Mittel zur Humanisierung des Staates, sondern zugleich eine Sanktionierung des Rachedenkens, verknüpft mit der des Selbsterhaltungsprinzips. Es hat nie ein Recht ohne Strafe gegeben.
Die Kirche verfängt sich in ihrer eigenen Schlinge, wenn sie heute von außen als Ursache der Greuel, die in ihrem Namen verübt worden sind, begriffen wird. Da hilft keine Apologetik mehr, die im Gegenteil die Sache nur verschlimmert. Sie hat nur die Rechtfertigung der Greuel geliefert, deren Ursache politisch-ökonomische Ursachen waren. Auch das war eine Form der Übernahme der Sünden der Welt, aber die falsche: Der Preis war ein Idealismus, der den bloßen Meinungen Kausalität zusprach in einer Welt, die von anderen Mächten beherrscht wird, deren Erkenntnis aber – auch mit Hilfe der Kirche – tabuisiert und diskriminiert wurde. Der kirchliche Bekenntnisbegriff, seine Logik und seine, aus seiner Hilflosigkeit stammende praktische Explosivkraft, schlägt heute auf die Kirche zurück, wenn sie von ihren Kritikern als schuldig erklärt wird insbesondere am Antisemitismus und an der Frauenfeindschaft.
Rosenzweigs Hinweis, daß das Wort von der Mittlerschaft des Sohnes (daß niemand zum Vater komme, außer durch den Sohn) nur für die Heiden, nicht aber für die Juden gelte („Wir sind schon beim Vater“), wäre dahin zu ergänzen, daß jenes „durch“ nicht instrumental, sondern nur im Sinne der Nachfolge verstanden werden darf. Die Juden sind schon beim Vater, aber wir, die Christen, haben die Welt, die über unseren Köpfen und hinter unserem Rücken sich etabliert und entfaltet, aufzuarbeiten. Diese Aufarbeitung hat das offizielle Christentum versucht zu umgehen durch die Vorstellung, daß diese Welt von Gott aus dem Nichts erschaffen und durch den Opfertod Jesu entsühnt wurde. Beide Vorstellungen enthalten – mit Kant zu reden – ein Rattennest von Widersprüchen. Nur (gegen die Gnosis) der Schöpfer der Welt ist auch nicht der jüdische Gott, sondern der Staat (der sterbliche Gott).
Sakral sind die Herrschaftsinstitutionen und ihr naturaler Reflex, nicht die religiösen. Die Säkularisation ist der notwendige Prozeß der Entmischung von Politik und Religion, aber sie ist noch nicht am Ende (welche politische Bedeutung haben die sieben Sakramente?).
Hat nicht der Entzauberungsprozeß Halt gemacht vorm Subjekt selber, und liegt hier nicht der Grund für das, was man heute den religiösen Ego-Trip nennen muß?
Die multikulturelle Gesellschaft: Ist das nicht der Versuch einer anderen Platzverteilung in einem Zug, der auf den Abgrund zurast?
Ist nicht die Politik (unter dem Einfluß der Bekenntnislogik) zu einem Inbegriff der Sprechblasen geworden, mit denen die bloße Verwaltung, das bloße Reagieren, sich nach außen präsentiert, allerdings mit jener besonderen Sprechblasen-Technik, die endlich zu analysieren wäre, und deren Beherrschung, wie es scheint, insbesondere Kohl seine Karriere verdankt (nicht mehr nur ein Schurz, sondern eine ganze Physiognomie aus Feigenblättern)?
Was bedeuten die Namen des Himmels und der Erde?
Das Bekenntnis ist ein Ausdruck der Ohnmacht (der Hilflosigkeit) und der Furcht vor Verfolgung (der Furcht, für sein Denken haftbar gemacht zu werden); deshalb gibt es kein Bekenntnis ohne Feindbild. Das Feindbild (das Stück Projektion in ihm) ist der Kitt, der sowohl das Dogma als auch die Gemeinschaft der Gläubigen zusammenhält. Das Bekenntnis ist Subjekt-Objekt (Opfer-Täter) der Instrumentalisierung: Grundlage der Dynamik der verfolgenden Unschuld, die im Faschismus ihr immanentes Ziel hat und in der Mordlust der Faschisten kulminiert.
Das peri physeos der ersten Philosophen war das Instrument der Verarbeitung der Erfahrung im Interesse der Verinnerlichung des Schicksals und der Etablierung des Weltbegriffs. Die Philosophie unterscheidet sich von den vorausgegangenen Gestalten der Verarbeitung der Erfahrung durch das Argument, die Begründung, den Beweis (die Prosa).
„Man ist jetzt allgemein der Meinung, daß die Anfänge der von den Vorsokratikern betriebenen Spekulation mit der kormogonischen Tradition orientalischen Zuschnitts zusammenhängen.“ (Die Anfänge der abendländischen Philosophie, dtv 1991, S. 11) Gemeinsam ist beiden (der Philosophie und den mythischen Kormogonien), daß sie die Ursprünge zu ermitteln suchen.
Die Homogenität der Zeit wird durch eine imaginäre Zeitumkehr hergestellt, durch die Vorstellung, daß ein Vorgang auch rückwärts ablaufen könne und dann den gleichen Gesetzen gehorchen müßte. Deshalb ist die Homogenität der Zeit an die Reversibilität aller Richtungen im Raum gebunden. Und deshalb werden mit dem Kausalitätprinzip alle teleologischen Elemente unterbunden und verdrängt.
Die orphischen Mysterien sind Produkt der Privatisierung des Sakralen, oder auch der Sakralisierung des Privaten. (Anfänge, S. 14)
Nach Kritias sollen die Götter „verhindern, daß die Menschen heimlich die kriminellen Handlungen verüben, die die Gesetze verbieten“. (S. 21) -
14.12.92
Ist die mittelalterliche Dämonenlehre nicht eine entfremdete und verdinglichte Erkenntnis- und Gesellschaftskritik, der notwendige Schatten der Aufklärung: der mit ihr dogmatisierten Form der Objektbeziehung? So ließe sich der Hexenwahn, auch seine inhaltliche Bestimmung (sh. u.a. Carlo Ginzburg: Hexensabbath), als Deckbild der beginnenden naturwissenschaftlichen Aufklärung begreifen, der Antisemitismus und Auschwitz als Widerspiegelung des Endes der Aufklärung.
„In der griechischen und in der von ihr herstammenden russisch-orthodoxen Kirche gab es keine Hexenverfolgung, keine Inquisition, keine Massenabschlachtungen.“ (Rudolf Krämer-Badoni, S. 180) Weil es dort den Ursprung der Naturwissenschaften nicht gegeben hat. -
13.12.92
Der Naturbegriff verstellt das Votum für die Fremden, der Weltbegriff das für die Armen: eine Neubegründung der Theologie ist nur durch die Kritik beider Begriffe (durch die Metakritik der kantischen Vernunftkritik) hindurch möglich.
Das Votum für die Fremden und das für die Armen sind zentrale Motive der prophetischen Tradition, die Kritik der Frauenfeindschaft ist ein apokalyptisches Motiv: sie ist mit der Enttäuschung der Parusie-Erwartung vergessen und verdrängt worden.
Die Wiedergewinnung der sensibilisierenden und benennenden Kraft theologischer Erkenntnis ist nur möglich durch die Kritik der neutralisierenden Gewalt des Bekennens hindurch. Das Bekenntnis ist Produkt der Mimesis an die entfremdete Welt: der Identifikation mit dem Aggressor.
Der Freudsche Urmythos ist eine verschlüsselte Christentums-Kritik: Die Judenfeindschaft und der kirchliche Antijudaismus waren der Vatermord.
Wenn es praktische Vorschläge zur Behebung der Fremdenfeindschaft gibt, dann jedenfalls nicht in der Richtung, die durch die unsägliche Asylanten-Diskussion vorgegeben zu sein scheint. Vergessen wird, daß die Xenophobie an den Grund des Problems der Beziehung von Theorie und Praxis (oder an die Fundamente des Selbstverständnisses des Staates: der deutschen Staatsmetaphysik) rührt, daß insbesondere jede technologische Lösung zunächst einmal zurückzustellen ist und die genaueste Erkenntnis des Problems, auch wenn sie „praktische Lösungen“ zunächst auszuschließen scheint, Voraussetzung jedes weiteren Schrittes ist. Zu überprüfen sind:
– der Staatsbegriff: wie er sich z.B. im Namen des Staatsanwalts manifestiert, nämlich den Staat als Prinzip der Anklage begreift, deren „Anwalt“ der öffentliche Ankläger ist, der jedoch in Deutschland nicht so heißen darf: durch seinen Namen ist der Staatsanwalt primär auf die Verteidigung des Staates, und erst in zweiter Linie auf die Verfolgung des Unrechts (oder gar auf das Ziel der Verteidigung der Schwachen) verwiesen: eine die Paranoia fördernde Institution;
– der Gewaltbegriff: ein Verständnis des Gewaltmonopols des Staates, das
. Gewalt in erster Linie als Gewalt gegen den Staat begreift, deshalb rechte Gewalt nicht in gleichem Maße der strafrechtlichen Verfolgung aussetzt wie linke, und aus dem gleichen Grunde
. eher darauf abzuzielen scheint, kritisches Denken (das mit „anschlagsrelevanten Themen“ sich befaßt) zu kriminalisieren als die realen Ursachen der Gewalt ernsthaft zu bekämpfen: in diesen Zusammenhang gehören z.B. die zögerliche Verfolgung von sexuellen Gewaltdelikten (Vergewaltigungen, insbesondere auch in der Ehe), aber auch die skandalösen Anerkennung von Trunkenheit als Strafmilderungsgrund bei Gewaltdelikten (kritisches Denken gilt als strafverschärfend, Trunkenheit als strafmildernd: ein wesentlicher Grund für die Gewaltaffinität in diesem Staat).
– Blindheit gegen Rechts nicht gesinnungs-, sondern systematisch begründet (Problem des Gesinnungsbegriffs),
– Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand,
– Eigentum und Selbsterhaltung (Weltbegriff): Ego-Trip,
– Staatsbürgerschaft: endlich das Blutsprinzip durch rechtliche Regelung ersetzen.
Steckt darin (in dieser ethnisch begründeten Staatsmetaphysik) nicht jene kirchliche Tradition, die seit der Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie zwar jede unreglementierte Sexualität diskriminiert, aber die Kritik der Gewalt (in Kriegen, bei Anwendung von von Mitteln politischen Terrors: Folter, Scheiterhaufen, Völkermord) fast grundsätzlich vermeidet? Der Hinweis auf den Zusammenhang mit dem Weltbegriff rührt an den Kern des Problems. Nicht zufällig hat der Papst bei der Rehabilitierung Galileis den Inquisitoren „guten Glauben“ attestiert, und so mit instinktiver Präzision das Problem auf den Kopf gestellt.
Zum Begriff der Natur: Warum heißt die Einbürgerung „Naturalisierung“ (begrifflicher Zusammenhang mit „Säkularisierung/Verweltlichung“)? Der Naturalisierte wird Objekt und Subjekt des Staates, der ihn naturalisiert. Vor diesem Hintergrund wäre Natur als Schuldzusammenhang, Volk als Schicksalsgemeinschaft zu definieren. Der Fremde steht außerhalb der Natur (Grund der Xenophobie).
Christologische Logik des Naturbegriffs: Die Vergöttlichung des Opfers ist der Grund der zivilisatorischen Selbstvergöttlichung, der Sakralisierung des Subjekts durchs Selbstmitleid (Tabuisierung der Opferrolle). -
12.12.92
„Die Götterwelt fungiert als eine völkerrechtliche Instanz, die auf die Einhaltung der Verträge achtet.“ (Assmann, S. 256)
Vertragsbruch als Urmodell der Sünde. (ebd.)
In welchem Zusammenhang stehen im Christentum Kanonbildung und Dogmatisierungsprozeß?
„Das Problem ist für die Wissenschaft das, was die „Mythomotorik“ für die Gesellschaft im Ganzen ist. Das Problem enthält ein Moment dynamischer Beunruhigung. Die Wahrheit ist einerseits problematisch, andererseits wenigstens theoretisch lösbar geworden.“ (S. 288)
Im Kontext des „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ gibt es den anderen, an die Pharisäer gerichteten Satz, wonach sie durch Wissen schuldig werden. Dieser Satz, der auf den Rat hinausläuft, dumm zu bleiben, denn „Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß“, ist böse. Hier liegt der Grund der Verdrängungsmechanismen, der Verdummungsautomatik, die ihre schlimme Wirksamkeit dann entfaltet hat. Hier werden die Dummen heiliggesprochen.
Die systematische Stelle des Naturbegriffs im Stern der Erlösung macht deutlich, welchen Bann er begründet, und daß er nur durch Umkehr, in der der Bann sich löst, auf die Idee der Wahrheit zu beziehen ist.
„Gehet hin in alle Welt“, dieser Auftrag ist nicht nur geographisch, sondern auch begrifflich zu verstehen. Er bezieht sich auch auf die Apperzeption und vollständige Durchdringung der weltkonstituierenden Philosophie.
Staub, Schmutz und Abfall sind Kategorien der Xenophobie. (Hat der Name der Hebräer etwas mit dem Fluch über Adam und die Schlange, mit dem Staub, zum dem Adam wird und den die Schlange frißt, zu tun? Wird nicht die Erinnerung an das „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“ zur Selbstbezeichnung? Als Hebräer aber sind sie Nahrung der Schlange. Ist in diesem Licht nicht die Schlange des Moses, ihr Kampf mit den Schlangen der Zauberer des Pharao, die erhöhte Schlange, zu sehen? Wann wurde die Schlange aus dem Tempel entfernt? – Wird im Christentum der Benennende und Fressende: Ägypten, die Philister, auch Holofernes ins hebräische Subjekt mit hereingenommen; ist das der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge vorübergehen; und drückt sich das im Kreuzestod, dem ambivalentesten Symbol des Christentums, für das das „Ein Gehenkter ist ein Fluch Gottes“ – 5 Mos 2123, Gal 313 – weiterhin gilt, aus? – Vgl. auch Hebr 1126, 122, 1313)
Der Weltbegriff macht die Schande (das Aufdecken der Blöße) allgemein, das Christentum macht sie reflexionsfähig: es relativiert die Schande, die Schmach, befreit die Menschen von ihrer Gewalt (das Kreuz ist Grund der Ästhetik, aber selbst kein ästhetisches Objekt; Beziehung der Schande zur Sexualmoral): Schande wird reflexionsfähig durch Übernahme der Sünde der Welt.
Hat der Name des Petrus etwas mit den drei Leugnungen zu tun, mit dem „Von allen Seiten von außen“ und der Hilflosigkeit dagegen, (Genesis der Verdinglichung, Versteinerung)?
Gethsemane, und nicht die Todesangst, wäre der Anfang einer christlichen Theologie, die dem mit dem Stern der Erlösung gesetzten Anspruchsniveau genügt.
Vorweihnachtliche Unzufriedenheit: omna animal post coitum triste.
Der Begriff unterscheidet sich vom Namen wie das Zeitlose vom Ewigen. Das Zeitlose gilt zu aller Zeit, das Ewige besteht zu keiner Zeit, außer „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“. Das Zeitlose ist bis zur Strangulierung verstrickt in die Zeit, nur das Ewige bringt die Luft zum Atmen.
Das jesuanische „Die Blinden sehend machen“ sollte nicht verwechselt werden mit dem „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Gegenstand der erlösten Erkenntnis ist nicht die Nacktheit, sondern das Angesicht.
Es gibt eine Vergöttlichung Jesu, die ihn gleichsam stillstellt, unschädlich macht. Sie hat mehr mit dem Binden zu tun als mit dem, was in seinem Munde Bekenntnis hieß.
Gehört es mit zum Providentiellen in der deutschen Sprache, daß in ihr der Name der Taube an den der Taubheit anklingt (mit der Konnotation des Doven)?
Mit scheint, die Abtreibungsdiskussion hängt strukturell mit der Xenophobie zusammen. Innerkirchlich implodiert in der Abtreibungsdiskussion die Sexualmoral, Folge ihrer unaufgeklärten Beziehung zum theologischen Weltbegriff und seiner Verflochtenheit in die reale Geschichte (Zusammenhang mit der unaufgearbeiteten Frauenfeindschaft und dem Zölibatsproblem und mit den drei ungelösten Vergangenheitsproblemen: Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung).
Lippen und Zunge, Phallus und Vagina: Weshalb heißt das Lippenbekenntnis Lippenbekenntnis?
Ist nicht heute die Nutzung der Welt als Exkulpationsmaschine die Wand, die uns von Auschwitz trennt, und der Grund der Unfähigkeit, Auschwitz und seine gegenwärtigen Metastasen wirklich wahrzunehmen?
Zu Metz am 11.12.: Die Verwechslung der Empfindlichkeit mit der Sensibilität beharrt auf der unzivilisierten Verletzbarkeit, während die Sensibilität ihrer selbst auch nach Verletzungen noch mächtig bleibt. Die Sensibilität unterscheidet sich von der Empfindlichkeit durch ihr parakletisches Element.
Errettung der vergangenen Zukunft: Siehe hierzu das Gleichnis vom armen Lazarus, der den Reichen darauf hinweist: deine Brüder haben Moses und die Propheten; an die sollen sie sich halten. -
29.11.92
Wie ein geiles Ross ist ein gehässiger Freund, unter jedem Reiter wiehert es. (Sir 336)
Woher kommt und was bedeutet der Begriff Kamerad? Zusammenhang mit camera, Kammer: Gefährte, Kammergemeinschaft (Kluge). Bezieht sich die „Kameradschaft“ nicht primär auf die Situation einer physischen, durch Front und Feind bestimmten Gefahrensituation? In rechten Gruppierungen üblich, Abgrenzung gegen Feind und Verräter, Zusammenhang mit (oder durch?) Xenophobie: Xenophobie als Mittel der Selbstdefinition (Antisemitismus). Zur Kameradschaft gehört der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ (gegen die Versuchung zur Identifikation mit dem Fremden). Ist nicht der Kamerad der „gehässige (verräterische) Freund“? Die Kameradschaft hält so lange wie die Frontsituation (das „Fronterlebnis“), außerhalb wird sie nur zusammengehalten durch die ambivalente Führerbeziehung (die in der Gegenrichtung das Gegeneinander-Ausspielen der Kameraden mit einschließt). So hängt die Rolle des Soldaten (und die des Polizisten) zusammen mit Mord und Vergewaltigung. – Dekonstruktion des Liedes vom guten Kameraden (Kohls Besuch in Bitburg und Verdun, „Versöhnung über Gräbern“, Heldengedenken, Totenkult und „Beschwörung der Vergangenheit“, Gräberschändungen).
Wie verhalten sich die Begriffe Kamerad, Kollege und Genosse zueinander?
Vergleiche hierzu das mythische Bild des Pferdes (die durch den Wind trächtig werdenden Stuten), auch die Geschichte des Pferdes (seit wann Reiter, seit wann ziehen Pferde den Pflug?). Pferd und Sexualität: warum lieben 10-/12-jährige Mädchen Pferde? Pferd und Rasse (Rassepferd, Rasseweib). Nietzsches Wahnsinn wurde ausgelöst durch den Anblick einer Pferdemißhandlung.
Die thomistische Lösung des Universalienstreits, wonach die Universalien für Gott ante rem, für die Menschen post rem zu verstehen sind, ist durch Kant, durch die transzendentale Logik, durch das Konzept der synthetischen Urteile apriori, auf den Kopf gestellt worden. Hier sind die Zeitverhältnisse umgekehrt worden: das war der Preis für die Vorstellung einer homogenen Zeit. Wer glaubt, die kantische Philosophie thomistisch rezipieren zu können, für den werden in der Tat das Transzendente und das Transzendentale ununterscheidbar: er zerstört die Grundlagen der Theologie.
Das Evangelium ist eine Flaschenpost; und das Dogma enthält die Formel des Meeres, in dem diese Flaschenpost bis heute unentdeckt schwimmt.
Die offizielle Theologie heute ist maskierter Atheismus.
Bezieht sich das Neutrum (als ne utrum) nicht auf Himmel und Erde; und fällt sein Ursprung nicht zusammen mit dem des Weltbegriffs (die Welt ist keins von beiden, weder Himmel noch Erde)?
Jericho, Sodom und Gibea: Rahab und die Frau und die Töchter Lots (über die Moabiterin Ruth) finden sich im Stammbaum Jesu wieder. Die „Nebenfrau des Leviten“, die dem Mob geopfert wird, kommt wie Jesus aus Bethlehem in Juda.
Ist Daniel der einzige Prophet, der den Traum und seine Deutung kennt? (Dan 25,15ff) -
27.11.92
Was heißt eigentlich: su ei Petros, kai epi tautä tä petra oikodomäso mou tän ekklesian, kai pylai hadou ou katischysousin autäs. kai doso soi kleis täs basileias ton ouranon, kai ho ean däsäs epi täs gäs estai dedemenon en tois ouranois, kai ho ean lyseis epi täs gäs estai lelymenon en tois ouranois. (Mt 1618f, vgl. 1818: hosa ean däsäte epi täs gäs estai dedemena en ourano kai hosa ean lysäte epi täs gäs estai lelymena en ourano.)
– „auf diesem Felsen“: Petrus, der Fels, ist der Grund der Kirche wie die Erde der Grund des Bindens und Lösens, das auch in den Himmeln gilt, ist;
– an Petrus: die Schlüssel des Himmelreichs, beziehen sich auf das Schließen und Öffnen: Objekt im Singular, „in den Himmeln“ im Plural;
– an die Jünger: Binden und Lösen: Objekt im Plural, „im Himmel“ im Singular.
Adornos Bemerkungen „Zum Ende“ in den Minima Moralia: wären sie nicht anzuwenden auf die Kirche, und wäre damit nicht das Lösen vorbezeichnet? Ist nicht die „vollendete Negativität“ die Kirche als steinernes Herz der Welt (die Greuel am heiligen Ort)? In den gleichen Kontext gehört auch das Wort von der vollständigen Säkularisation der theologischen Gehalte, insbesondere die Reflexion auf die Zweideutigkeit des Konzepts der „vollständigen Säkularisation“.
Was ist der Unterschied zwischen Erfahren und Ergehen: Das habe ich erfahren, aber: so ist es mir ergangen.
Die Stummheit des Helden durchdringt seit der Verinnerlichung des Schicksals fortschreitend die Sprache insgesamt. Der Nominalismus ist das wachsende Bewußtsein davon. Diese Stummheit hat sich aber im allgemeinen Gebrauch als Geschwätz unkenntlich gemacht. Die Sprachlosigkeit wird nicht mehr erfahren. Wir selbst haben die Schöpfung als Natur zum Schweigen gebracht.
Bezeichnen das deutsche Sein und das englische to be nicht doch beide ein Possessivverhältnis: das Sein als selbstbezogenes, das to be als fremdbezogenes Possessivverhältnis. Hängt es damit zusammen, daß die englische Sprache und der englische Geist gleichsam hebräischer und alttestamentlicher sind als der deutsche? Hängt es damit zusammen, daß die englische Sprache die Intimkonkurrenz, die in Deutschland diese fürchterlichen Folgen hatte, nicht kennt? Und ist nicht die Schelersche Englandkritik (wie überhaupt die Englandfeindschaft der Deutschen) ein projektiv verschobener Antisemitismus?
Wann hat sich das Neutrum gebildet? Das sprachliche Geschlecht, das den Akkusativ zum Nominativ, das Objekt zum Subjekt macht: Ausdruck der Erfahrung, daß auch die Sache tätig ist. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bildung des Neutrum und dem Ursprung des Futur II? Gibt es im Hebräischen ein Neutrum, und hängt das Neutrum mit dem Auf-dem-Bauche-Kriechen und dem Staubfressen der Schlange zusammen (ist das Neutrum durch die Institution des Königtums vermittelt – vgl. die Jotam-Fabel)? Das Hegelsche Absolute ist der gefallene Gott.
Josef war ein Zimmermann, Simon/Petrus ein Fischer, Saulus/Paulus ein Zeltmacher.
Das Verhältnis von Bekenntnis und Tat ist genau umgekehrt, als die Bekenntnislogik uns einreden will. Nicht nur das Schuldbekenntnis, auch das „Glaubens“-Bekenntnis folgt (als Rechtfertigung) dem Handeln. Das Bekenntnis steht in der magischen Tradition, wenn es glaubt, sich der Verurteilung durch andere dadurch entziehen zu können meint, daß es gleichsam prophylaktisch in sie mit einstimmt (automatisierte Heuchelei). Das neutestamentliche homologein meint die Nachfolge, nicht das „Lippenbekenntnis“. Zur Bekenntnislogik gehört als Grundlage und als Konsequenz: Man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen.
Über den peer-group-Effekt, die Mutprobe und die Komplizenschaft führt das Bekenntnissyndrom direkt in den Faschismus. Aber diese Mechanismen gibt es auf beiden Seiten: Auf der staatlichen Seite (in der Verwaltung, in der Polizei, im Strafvollzug, der jede hierarchische Struktur auf ihren gemeinsamen Nenner bringt) ist der Grundsatz: Sich nur nicht erwischen lassen, durch den anderen „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“ handbar gemacht, instrumentalisiert worden.
Jericho, Sodom, Gibea:
– in Jericho: die Boten Josues werden von der Hure Rahab aufgenommen und vor dem Angriff der Einwohner Jerichos gerettet; beim Untergang Jerichos wird nur Rahab gerettet.
– in Sodom: die Boten JHWHs werden von Lot aufgenommen und vor dem Mob in Schutz genommen; Lot bietet dem Mob seine Töchter an, die Boten JHWHs schlägt die Angreifer mit Verblendung (und retten Lot und seine Töchter).
– in Gibea: ein Levit, der als Fremder im entlegensten Teil des Gebirges Ephraim lebt, kommt mit seiner Nebenfrau (aus Bethlehem in Juda, dem Geburtsort Davids) nach Gibea (dem Geburtsort Sauls), findet keine Herberge, sitzt auf dem Marktplatz bis ein alter Mann, der als Fremder in Gibea lebt, kommt und ihn in sein Haus aufnimmt. Als der Mob kommt und die Herausgabe des Fremden fordert, bietet der Gastgeber seine jungfräuliche Tochter und die Nebenfrau des Leviten an; der Levit greift seine Nebenfrau und bringt sie dem Mob, der bis zum Anbruch der Morgenröte seinen Mutwillen mit ihr treibt. Am Morgen findet der Levit die Frau tot vor der Schwelle. Er nimmt die tote Frau auf seinem Esel mit in seine Heimat, zerschneidet sie dort in 12 Teile und schickt je einen Teil an die Stämme in Israel (es folgt der Rachefeldzug Israels gegen Benjamin, die Zerstörung Gibeas, der Schwur von Mispa, die Neubegründung Benjamins: Raub der Frauen von Jabesch-Gilead). -
21.11.92
Mt 79f: Oder ist jemand unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?
Inwieweit hängt das Naturschöne mit der Metaphorik und wie hängen beide mit der benennenden Kraft des Sprache zusammen?
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, wohl aber die Abtreibung.
Die Beziehung der Schöpfungslehre auf den Weltbegriff hat die Theologie insgesamt verdorben.
Hegels Satz, daß die Idee die Natur frei aus sich entläßt, ist insofern wahr, als der Naturbegriff in der Tat ein freies Produkt des Weltbegriffs ist. Nur was die Idee frei aus sich entläßt, ist der Begriff der Natur, der dann (aufgrund seines Ursprungs) mit dem Widerspruch behaftet ist, daß er den Begriff nicht halten kann (weil er sich als Korrelat des Begriffs definiert). Daran zerbricht die Hegelsche Philosophie.
Den Warnhinweis, den Kant vor die double-bind-Falle des Idealismus gesetzt hat, haben alle Kant-Interpreten bis heute übersehen.
Die als zeitunabhängig vorgestellte Reversibilität der Richtungen im Raum ist der Grund für die Neutralisierung (und Zerstörung) des Angesichts und für die Trennung von Natur und Welt. Der kantische Ausdruck, wonach die Begriffe Natur und Welt gelegentlich ineinander laufen, drückt diesen Sachverhalt aufs genaueste aus. Rechts und Links nicht unterscheiden können, das heißt genau, im Bann dieser beiden Begriffe verbleiben.
Drewermanns nun wirklich skandalöse Bemerkung zum Matthäus-Evangelium, wonach hier die Zerstörung des Tempels in Jerusalem als Strafe für den Tod des Gottessohnes dargestellt werde, hängt hiermit zusammen.
Zum Antlitz des Hundes: Auch Drewermann scheint den Anblick von außen nicht zu ertragen.
Der Antisemitismus verrät die Fremden, die Ketzerfeindschaft die Armen, die Frauenfeindschaft das parakletische Denken (die Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser, noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann). Bezieht sich das Wort vom Lösen nicht auf diese Sünde? Und ist nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist der konkrete Hinweis auf den Teil der Erlösung, der nicht bei Gott, sondern bei den Menschen liegt: daß Gott nicht wider die Freiheit der Menschen handelt, und daß die Welt (als Objektivation der Unfreiheit) genau die Grenze seines Handelns bezeichnet?
Der Logos ist in der Tat das Licht, das in die Welt gekommen ist, aber die Welt hat es nicht begriffen (Joh 14ff): weil sie es als Welt nicht begreifen kann.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Midas, dem alles unter seinen Händen zu Gold wird, und der daran verhungert, und dem Gordion, der den Knoten geknüpft hat, an dessen Lösung die Herrschaft über Asien gebunden ist?
Die Sünde der Welt auf sich nehmen, heißt auch: den mythischen Wurzeln der Welt (ihrer Geburt aus der Idolatrie) nachgehen, die heute fällige Erinnerungsarbeit leisten.
Nochmals zur Geschichte vom Sündenfall: Reflektiert sich das Weibliche im Neutrum nicht anders als das Männliche, und steckt darin der aufzulösende Knoten?
Ob wir nur diese eine Welt haben, mag, nachdem der Multiplikator in den Weltbegriff mit eingebaut, davon nicht zu lösen ist, dahingestellt bleiben; aber es gibt gibt keinen begründbaren Zweifel daran, daß es nur diese eine Geschichte gibt. Und in diese Geschichte ist diese Welt verflochten.
Der Ursprung des Weltbegriffs und der des modernen Naturbegriffs bezeichnen Wendepunkte in der Geschichte, und in beiden Ursprungsgeschichte steht die Astronomie Pate.
Ist nicht der Glaube durch den Kontext des Weltzustandes, in den er heute gerückt ist, (und durch die Sprache, die diesen Weltzustand definiert) nur noch Vermessenheit? -
10.11.92
Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Preis, das Opfer und die Strafe.
Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Das Inertialsystem wird nicht siegen. Und ist hiernach die Rücknahme der Verurteilung Galileis, und zwar der Form, nicht der Sache nach, ein Teil der Selbstverfluchung?
– Sollte der Papst wirklich gesagt haben: Galilei, ich verzeihe dir, so klingt das, als wenn auch die Deutschen eines sich bereit erklären würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen.
– Und wenn der Papst die Männer der Inquisition mit dem Hinweis auf den „guten Glauben“, in dem sie gehandelt hätten, verteidigt, so wird man daran erinnern müssen, daß mit dem gleichen Argument („fehlendes Unrechtbewußtsein“) die ganze Nazijustiz freigesprochen wurde, ja daß mit diesem Argument die Täter selber (in Auschwitz und den anderen KZs), die auch glaubten, für eine gute Sache zu handeln, nicht hätten schuldig gesprochen werden dürfen. Auch der Fremdenhaß und der Antisemitismus sind bona fide geschehen.
Das „Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann und darf niemand auf sich selbst anwenden (dieser Aspekt, der eine seiner Wurzeln in der paulinischen Gesetzeslehre hat, gehört zu den Gründen der Theologie).
Das bona fide gehört zu den Wurzeln der Perfidie, die die Kirche seit je an den anderen (insbesondere an den Juden) verfolgt hat.
Zur Anzeige der Frankfurter Sparkasse in der FR von heute: Dies ist der unverhohlene Aufruf dazu, Frankfurt endlich mieterfrei zu machen. Der Hinweis darauf, welche Gewinne z.Z. aus den Mietsteigerungen gezogen werden können, ist selber eine der Hauptursachen der Mietsteigerungen. Hier (an der Grenze, an der Politik, Ökonomie und Reklame in einander fließen) läßt sich verdeutlichen, wie Anschauungen, die vorgeben, ideologiefrei zu sein, fast naturgesetzlich und zwangsläufig Zustände begründen, die Haß auf die Fremden dann als Blitzableiter brauchen, d.h. zum Ideologie-Generator werden. Diese Reklame verschweigt nicht mehr nur den Tod, sondern sie gehört zu den Schreibtisch-Ursachen des Mords. Heute glaubt die Politik insgesamt, durch Perhorreszierung des Denkens ideologiefrei leben zu können.
Der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit unter dem Titel Rassismus ist ohnmächtig und hilflos, weil nach dem Modernisierungsschub, den der Faschismus geleistet hat, die Brutalität die Rechtfertigung durch den Rassismus nicht mehr braucht, sondern schlicht und einfach nur noch auf Fremdheit reagiert. Und die, die heute als Nazis sich gerieren, haben das entweder noch nicht gemerkt (und sind noch dümmer, als die Nazis es schon waren), oder sie verkleiden sich bloß aus Reklamegründen, nutzen das Nazibild als Wirkungsverstärker.
War die Gnosis nicht ein Stück offener Projektion, steckte der Demiurg nicht in der logischen Fluchtlinie jener Gestalt der Theologie, die durch Zuhilfenahme der Philosophie von ihrem jüdischen Ursprung glaubte sich emanzipieren zu müssen? Der christliche Gott trägt seit den Anfängen der hellenisierten Theologie demiurgische Züge; so war der Zwang, sie auf den eigenen Ursprung zu projizieren, fast unwiderstehlich. In der Gnosis hat die Kirche erstmals ein Stück ihrer selbst verdammt, ohne sich real davon befreien zu können. Und hat die Kirche nicht seitdem in ihren Feindbildern das Unerlöste in sich selber gehütet und gepflegt?
Seid arglos wie die Tauben: Steckt nicht in jedem Wohnen ein Stück „Argwohn“?
Rankes Satz, es sei Aufgabe des Historikers zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, unterschlägt das Was. Er vernebelt damit, daß für den Historiker dieses Was vorgegeben ist durch sein (damals vor allem nationales) Interesse. Nur wer das nicht mehr zu reflektieren bereit ist, für den bleibt nur das Erkenntnisziel, wie es den eigentlich gewesen sei. Das Was erscheint als Objekt der freien Wahl.
Randbemerkung hierzu: Spielt hier nicht auch die merkwürdige Beziehung der Fragewörter zu den bestimmten Artikeln mit herein, die Beziehung von wer wie was zu der die das?
– Hier steht das Wie in einer noch unaufgeklärten Beziehung zum femininen Artikel. Hängt das Wie mit der Instrumentalisierung des Weiblichen zusammen, die die patriarchalische Sprache insgesamt charakterisiert? Und
– hängt es nicht auch damit zusammen, daß in den indogermanischen Sprachen im Weiblichen Genitiv und Dativ (und im Weiblichen und im Neutrum Nominativ und Akkusativ) nicht zu unterscheiden sind. Das aber heißt, daß das Weibliche wie das Neutrum im strengen Sinne subjektlos sind (keinen Nominativ haben), nur als (aus dem Akkusativ abgeleitetes) Objekt vorkommen, und daß im Weiblichen darüber hinaus durch die Nichtunterscheidung von Genitiv und Dativ das Herrschafts- und Besitzverhältnis des Genitiv von der Geschenk- und Gnadenbeziehung des Dativ nicht sich trennen läßt: die Differenz von Hingabe und Vergewaltigung (ähnlich wie die Gemeinheit überhaupt) in der Sprachstruktur nicht bestimmbar ist.
– Die Trennung von Masculinum und Neutrum, von Person und Sache, ist im Femininum gegenstandslos; das Neutrum ist ein abgespaltener Teil des Masculinum: deshalb gelten Frauen als unsachlich, als der Logik nicht fähig.
– Frage: Wie hängt das zusammen mit der Bildung des Futur II (dessen Ursprung sich herleiten läßt aus dem Ursprung des Privateigentums, der neuen Bedeutung der Vaterschaft und seiner Beziehung zur Funktion der Erbschaft): liegt hier nicht der Grund der Trennung von Person und Sache, von der das Weibliche ausgenommen ist?
– Wie hängt diese Sprachstruktur mit dem Ursprung des Objektbegriffs, mit dem Begriff des Schicksals und der Geschichte seiner Verinnerlichung in der Gestalt des bürgerlichen Subjekts und im Ursprung der Philosophie zusammen?
– Ist dieser Zusammenhang des Masculinum, Femininum und Neutrum nicht im Sündenfall, im Verhältnis von Adam, Eva und der Schlange vorgebildet; verweist nicht insbesondere die Geschichte mit dem Staub (zu dem Adam wird, und von dem die Schlange sich nährt) auf den besonderen Charakter des Verhältnisses von Männlichem und Sachlichen? Das Neutrum ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt.
Unter der Herrschaft des Weltbegriffs wurde das Antlitz der Erde entstellt und die ganze Schöpfung in der Naturhölle eingesperrt.
Die andere Bedeutung des Futur II: Es wird (wohl so) gewesen sein, ist zu ergänzen durch das „Wenn du es sagst“. Hier wird die Autorität von der Sache in die Person zurückgenommen und zugleich relativiert. Hier reflektiert sich die Unterscheidung von Person und Sache, die im Männlichen gründet. Das Logozentrische des Indogermanischen ist der Widerpart des Logos.
Hängt die Logik jener „Tiefenzeit“ bei Stephen Jay Gould nicht mit jener Logik zusammen, die die Reklame heute zu einem Mordinstrument macht, und mit der gleichen Logik, die die Politik von den realen Erfahrungen der Menschen auf eine fast nicht mehr nachvollziehbare Weise entfernt? Das aber heißt, ist sie nicht ein Teil jener Logik, die heute die Welt insgesamt in sodomitische Zustände hineintreibt
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie