Ist nicht die aus der Zeit des Hexenwahns stammende Vorstellung vom Verkehr der Hexen mit dem Teufel ein Abkömmling, ein spätes innerchristliches Echo des hieros gamos? Darin das projektive, auf die Dämonisierung der Theologie selber zurückweisende Moment erkennen, würde den Bann wirklich lösen.
Das Quantenprinzip und die daraus ableitbare Mikrostruktur der Materie ist eine unmittelbare Folge aus dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem (Spur der Differenz zwischen dem Raum des Inertialsystems und dem Anschauungsraum).
Heinsohn wagt es nicht, dem Hexenwahn ins Antlitz zu schauen. Statt dessen zeichnet er eine Karikatur des Wahns (das Bild des Wahns, wie es aus der Sicht der Opfer sich darbietet, als Karikatur), um so das Problem zu neutralisieren. Ähnlich – und in der gleichen Richtung verhängnisvoll – verhält es sich, wie mir scheint, mit seiner Antisemitismustheorie. Beides scheint zusammenzuhängen mit dem sektiererischen Grundzug, gleichsam der Ketzer-Logik, die seine Darstellungsweise und sein Beweisverfahren beherrscht. Die Ketzer-Logik ist ein abgespaltener Teil der Bekenntnis-Logik; sie versucht, den Status der Orthodoxie im Kampf gegen die Orthodoxie zu gewinnen (die Orthodoxie bei dem von ihr selbst erzeugten falschen Namen zu nehmen): hier ist die zentrale Kategorie die des Scharfsinns (nicht zufällig eine der Kriminalistik, dem Detektivischen, dem Bereich Verbrechensverfolgung angehörige Kategorie).
Der König war seit dem Ursprung dieser Institution Erbe des Opfers. Ihm wurde die Schuld aufgelastet, die die ersten Bürger noch nicht zu tragen vermochten; und dafür wurde er geehrt. Aus dieser magischen Tradition, scheint mir, stammt der rationale Kern des Satzes von der Übernahme der Sünde der Welt (ausgesprochen vom gleichen Johannes, der den Herodes wegen seiner Beziehung zur Frau seines Bruders angreift und deshalb auf Verlangen der Frau hingerichtet wird – vgl. auch das Jesus-Wort über Johannes: „Was seid ihr gekommen zu sehen …?“). Heute, angesichts der vollendeten Vergesellschaftung von Herrschaft, wäre endlich diese Königstradition mit zu vergesellschaften (als Antwort auf die „Verinnerlichung des Opfers“, die die DdA als Teil des bürgerlichen Subjektbegriffs erkannt hat). Das christologische Dogma, die Vergöttlichung des Opfers, und sein das Bewußtsein insgesamt verhexender Abkömmling: der moderne Naturbegriff, liegen in dieser unaufgeklärten Königstradition, genauer: in der mythologischen, der heidnischen, nicht in der jüdischen Königstradition.
Ist das Geld die Eucharistie des mythischen Königs (und deshalb der Kapitalismus reiner Kult ohne Dogma)? Gleicht nicht die Logik der Eucharistie der des Geldes? Und was hat Pilatus in der Messe zu suchen?
Materie ist eine Kategorie der Geld-Mystik (die Substanz des corpus mammonis mysticum).
Den biblischen Schöpfungsbericht als ein Stück politischer Theologie lesen: das dürfte auch dem „kosmologischen“ Gehalt des Schöpfungsberichts näherkommen als jeder Versuch einer naturwissenschaftlichen Interpretation.
Ist das Licht, das am ersten Tag allein durchs Wort geschaffen wurde, das gleiche, das auch dem Visionsbegriff zugrundeliegt: eher ein sprachlicher als ein optischer Sachverhalt, Grund der benennenden Kraft der Sprache, ihres „Objektbezugs“? Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ ist ein Beispiel für dieses innersprachliche „Sehen“, von dem die erkennende Kraft der Begriffe sich herleitet (woran erkennt ein Kind, daß Bernardiner und Dackel Hunde sind?), und das in der metaphorischen Sprache fortlebt (Zusammenhang der Metaphorik mit dem Angesicht: in der Metaphorik werden nicht nur die Dinge von uns, sondern auch wir von den Dingen erkannt).
Der Weltbegriff steht in der kainitischen Tradition.
Die formalisierte Logik zerstört die Grundlagen der Argumentation (der logischen Grund-Folge-Beziehung): das rührt daher, daß in der Argumentation etwas von der benennenden Kraft der Sprache noch sich manifestiert, die dann durch die Einbeziehung in die Zwangslogik der Beweisführung und deren „verandernde“ Kraft neutralisiert wird.
Antisemitismus
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29.08.92
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25.08.92
Merkwürdige Konstruktion in der Heinsohnschen Erläuterung des römischen Instituts der Adoption: Hier lebt der Mann (der Eigentümer) nicht in seinen Söhnen, sondern in seinem Eigentum (in seinem Werk) fort: der Adoptionssohn ersetzt den biologischen Sohn. Wie hängt das mit dem Gegenbild des proles zusammen, der nichts anderes besitzt als seine Nachkommenschaft (und in seiner Karriere über den Kolonen zum Feudalherrn das erste Beispiel für die Dialektik von Herr und Knecht liefert)? Erst der moderne Bürger verwaltet sein Eigentum im Interesse seiner Erben? In welcher Beziehung steht die Adoption zur Vergöttlichung der Cäsaren (zu den orientalischen Gottkönigen)?
Merkwürdig auch die Affektfreiheit bei der Darstellung der Kindestötung (als Mittel der Familienplanung – Abblendung des Zusammenhangs mit dem Kinderopfer?), und die Ironisierung des Prinzips der „Heiligkeit des Lebens“; hierzu paßt es, wenn Heinsohn über die pauschale Verurteilung der Hexenverfolgung (und ihrer kirchlichen und politischen Urheber) hinaus mit keinem Wort auf den Punkt zu sprechen kommt, der die Hexenverfolgung in der Tat mit dem Holocaust (und den Hexenwahn mit dem Antisemitismus) verbindet: das Problem des Ursprungs jener Gemeinheit, die die Formen der Verfolgung (Inquisition, Folter, Scheiterhaufen: die handwerkliche Vorstufe des industriellen Holocaust) öberhaupt erst möglich macht und als deren Opfer Menschen bestimmt, die wie Frauen und Juden zu den Schwachen, jedenfalls nicht zu den Herrschenden gehören; was müssen Menschen zuvor sich selber antun, um das andern Menschen antun zu können.
Hegel nennt den Staat den sterblichen Gott. Diesen Gott aber beten die Kirchen immer noch an, und sie bemühen sich verzweifelt, nicht wahrzunehmen, daß er sterblich ist. Dieses verdrängte Problem (oder die Verdrängung dieses Problems) soll die Opfertheologie lösen (die dadurch blasphemisch wird).
Es scheinen bestimmte Namen zu sein, die im NT mehrfach auftauchen: Johannes, Simon, Judas, Josef, Jakobus?
– Berufungsgeschichten gibt es von Simon und Andreas, Johannes und Jakobus, Philippus und Natanael, Matthäus (Levi).
– Natanael taucht nur als „echter Israelit“ unter dem Feigenbaum auf (aber als Jünger angeworben durch Philippus).
– Hat der Apostel Philippus mit dem späteren Diakon Philippus zu tun? Sein Name ist hellenisch („Pferdefreund“). – Philippus-Stellen: Berufung des Natanael, Brotvermehrung, „zeig uns den Vater“, Vermittler der Bitte des Griechen (über Andreas – auch ein griechischer Name!); als Diakon: Predigt in Samaria, Bekehrung des äthiopischen Kämmerers, lebt später in Cäsarea, hat vier prophetische Töchter.
– Die Brüder Jesu sind Jakobus, Simon, Josef, Judas?
Der Danielsche Nebukadnezzar frißt am Ende wie ein Ochse Gras, seine Haare wurden so lang wie Adlerfedern und sein Nägel wie Vogelkrallen (Dan 425ff). Ist er das Vorbild für den vegetarischen Antichrist?
In der Verfolgung der raf agiert der Staat aus eigener Betroffenheit (und Wut), angesichts des Fremdenhasses, der Ausländerfeindschaft (der rechtsradikalen Skinhead-Szene) fürchtet er sich vor dem Ansehensverlust im „Ausland“ („Schändung des deutschen Namens“). Die vielfach dokumentierte Mordlust läßt ihn kalt. Am Schutz der Menschen ist er nicht interessiert. -
22.08.92
Das Staunen Gunnar Heinsohns darüber, daß die gleiche israelitische Geschichte, die einmal Maßstab war für die altorientalische Chronologie, dann daraus gestrichen wurde, während die so entstandene Chronologie im übrigen unverändert beibehalten und dann antisemitisch genutzt wurde, paßt sehr genau zusammen mit jener merkwürdigen Geschichte, in der die christliche Theologie (die dogmatisch verstandene Orthodoxie) objektiv zu den Entstehungsbedingungen der modernen Naturwissenschaften gehört – wobei der moderne Naturbegriff ohne die christologische Logik (die den Täter exkulpierende Logik der Vergöttlichung des Opfers) nicht zu denken ist -, nicht den Naturbegriff in Frage stellt, sondern durch ihn hindurch die Theologie so verhext, daß sie, zur Unkenntlichkeit entstellt, ohne Gefahr des Einspruchs bestritten werden kann.
Die Astronomie gehört seit je zu den staatsbegründenden Wissenschaften (Kopernikus, Bodin, Kolumbus und die Hexenprozesse).
Wo liegt die Differenz zwischen einer gesellschaftlichen und einer realen Naturkatastrophe? In ihren Auswirkungen auf die Opfer kann sie nicht liegen. Worin lag die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon für die Geschichte der europäischen Aufklärung? Lag sie nicht darin, daß es sich hier um eine Katastrophe handelte, die keinen Schuldigen brauchte?
Die subjektiven Formen der Anschauung sind die subjektiven Formen der Anschauung der anderen; in ihnen bezieht sich das Denken auf das Denken der anderen; sie sind die Statthalter der anderen im Subjekt (Medium der Vergesellschaftung des Subjekts). Darin liegt ihre große Bedeutung für die philosophische Begründung des Wissenschaftscharakters der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Hier lernt das Subjekt sich selbst von außen (in den Augen der anderen) sehen. Das gehört in die Geschichte vom Sündenfall: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
Das, was im Objektivationsprozeß nach innen verdrängt wird, wird verdrängt vor der Gewalt des Äußeren, vor der das Subjekt schon kapituliert hat. Diese Kapitulation ratifiziert das Ende des Prozesses: das Barbarisch-Werden und schließlich das Verschwinden dessen, was unterm Begriff des Inneren falsch begriffen wird. Die Idolatrie und der Ursprung des Weltbegriffs bezeichnen den Anfang dieses Prozesses.
In der Diskussion der transzendentalen Logik gab es die Frage nach der transzendentalen Ableitung dieser Schreibfeder, die Aufforderung an den transzendentalen Idealismus, ihre Existenz aus den Voraussetzungen der reinen Vernunft zu konstruieren. Mit diesem Beispiel wurde auf den auch durch den transzendentalen Idealismus nicht aufgehobenen Wert der Empirie hingewiesen. Aber dahinter steckt ja doch auch noch ein anderes: Ist die „Ableitung“, die „apriorische Konstruktion“ einer Schreibfeder so denkunmöglich? Wäre sie nicht doch zu leisten durch eine Erinnerungsarbeit, die mit der Schreibfeder die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Stellung im Lebensprozeß der Gesellschaft (Zusammenhang der Schrift und ihrer Techniken mit der Urgeschichte des Staates und der Zivilisation, des Geldes, der Sprache, des Mythos, der Philosophie, der Prophetie) und den Stand dieser Geschichte in der Gegenwart, in der die Schreibfeder (dann der Füllfederhalter, die Schreibmaschine, die elektronische Textverarbeitung) ein wichtiges Indiz für die Stellung des Bewußtseins zur Objektivität und für die geistigen Produktions- (und Erinnerungs-)Bedingungen ist.
Die Ezechielstelle über Jerusalem (Vater ein Amoriter, Mutter eine Hetiterin) mit Abraham-Melchisedek, mit Davids Eroberung Jerusalems und dem Hebräer-Brief vergleichen?
Die Frage, ob das Tausch-Paradigma oder das Schuldknechtschafts-Paradigma wichtiger sei für die Gesellschaftserkenntnis, scheint mir der anderen Frage vergleichbar zu sein, ob der begriffliche Zusammenhang der Mechanik besser durchs Relativitätsprinzip oder durchs Gravitationsgesetz zu bestimmen sei. Beide Aspekte gehören zum Begründungszusammenhang ihres Objektbereichs und zum Konstitutionszusammenhangs ihres objektbegründenden Referenzsystems. – Bedeutung der Relativitätstheorien Einsteins, die zwar nicht die Lösung bieten, aber die bis heute genaueste Darstellung des Problems.
Zur Kritik der Naturphilosophie: Bezeichnet nicht der Naturbegriff seit je den Mülleimer der Philosophie: Mit dem Naturbegriff wurde der Widerspruch zugedeckt, der von der Arbeit des Begriffs nicht abzulösen ist. Wer diesen Mülleimer öffnet, muß damit rechnen, daß, was er darin sieht, nicht mehr mit der Philosophie zusammen sich anschauen läßt. Mit der Auflösung des Rätsels des Naturbegriffs löst sich die Philosophie selber auf. Seit ihrem Ursprung hat die Philosophie den Naturbegriff als Mittel ihrer Selbstkonstituierung benutzt; sie hat ihn damit der Reflexion entzogen und ihm zugleich eine Last aufgebürdet, die er zu tragen nicht imstande ist.
Wenn man die hegelsche Philosophie – das Autodafe der bisherigen Philosophie, wie Franz von Baader sie genannt hat – als die Selbstverständigung der Geschichte des Herrendenkens begreift, und wenn man das Herrendenken als die Außenseite der Theologie begreift, dann ist Adornos negative Dialektik Theologie.
Der Nationalsozialismus, die Rassenideologie, enthält wie jede Ideologie (oder auch wie jeder Wahn) einen rationalen Kern. Diesen rationalen Kern mit aufzuarbeiten, ihn mit zu reflektieren, heißt auch: ihn dadurch, daß man ihn reflektiert, ihn ins Bewußtsein hebt, zu neutralisieren, ihm seinen wahnhaften Charakter zu nehmen.
Die Tatsache, daß die hebräische Sprache kein Futur kennt, hängt mit dem Bilderverbot zusammen. Umgekehrt hängt die Existenz der futurischen Formen in den sogenannten indogermanischen Sprachen mit der Ausbildung des mythischen Denkens, mit der Geschichte der Säkularisation des mythischen Denkens durch Verinnerlichung des Schicksals, des Ursprungs und der Entfaltung des begrifflichen Denkens zusammen, bis hin zum Ursprung des Weltbegriffs, des Inertialsystems und der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Der Schritt über die vorgriechische Geschichte hinaus wird präzise bezeichnet durch die Bildung des Weltbegriffs, mit dem Naturbegriff gleichsam als Abfalleimer.
Die Wiedergewinnung des messianischen Element ist ohne die Kritik der Christologie und ihres Zusammenhangs mit dem philosophischen Naturbegriffs nicht zu leisten.
Die Entdeckung des Blutkreislaufs und die Entdeckung des kopernikanischen Systems sind gleichzeitig; sie stehen in einem Schuld-und Systemzusammenhang mit dem anatomischen Ursprung der modernen Medizin und der gleichzeitigen Geschichte der Hexenverfolgung.
Kann es sein, daß der Begriff der Arier kein stammesgeschichtlicher, sondern ein herrschafts- und sprachgeschichtlicher (Ursprung der staatenbegründenden Sprache) und damit primär ein soziologischer ist?
Ist das Wasser, dieses flüssige Element, ein Symbol der Zeit, genauer: der Zeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Futur II und dem Inertialsystem sich darstellt (der Fähigkeit, die Zukunft als vergangen zu denken)? Und wird dieses „flüssige Element“ im Relativitätsprinzip (in dem der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie gemeinsamen Prinzip) benannt? Das würde die Einsteinsche Theorie erst in den Zusammenhang ihrer realen Bedeutung stellen: So wäre sie unmittelbar auf Thales („Alles ist Wasser“) und auf den biblischen Schöpfungsbericht (Geist Gottes über den Wassern, Scheidung der Wasser durch die Feste). – Die Festkörperphysik und die Gastheorien sind Objekttheorien, während die Flüssigkeitsphysik eine Systemtheorie sein müßte. Der speditionelle Begriff des Massengutes rührt ebenso wie der damit verwandte Begriff der flüssigen (nicht festen) Materie an den Grund des philosphisch-naturwissenschaftlichen Massenbegriffs.
Der Arzt als magischer Helfer: diese Vorstellung ist ein Produkt der exkulpatorischen Delegation der eigenen Verantwortung für die eigenen Physis und die Gesundheit an einen Sündenbock; auch ein Versuch, schuldlos zu erscheinen (exkulpatorisches Element in der Krankheitslust).
Das unbekehrte Christenum ist verinnerlichte Idolatrie, die so zum Ferment des Bösen wird: daher die Bedeutung der Teufel, Dämonen, unreinen Geister und die Höllenvorstellung im Christentum.
Der Weltbegriff ist ein Begriff der Herrschaftsgeschichte, nach der Vergesellschaftung von Herrschaft, nach der Implantierung der subjektiven Formen der Anschauung im Subjekt, fast nicht mehr kritisierbar.
Die Marxsche These (aus den Thesen über Feuerbach):
Bisher haben die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern,
genauer bestimmen:
Bis jetzt steht die Philosophie unter dem logischen Gesetz des Weltbegriffs, es käme aber darauf an, sie aus dieser Verstrickung zu lösen.
Mit der Reformation hat die Kirche ihre „häresienbildende Kraft“ verloren. Seitdem schmort sie in ihrem eigenen Saft.
In dem in traditionellen Darstellungen der Logik beliebten Beispiel eines logischen Schlusses:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
wird unterschlagen, daß Sokrates sich dem Verfahren eines amtlich verordneten Selbstmords unterworfen hat. Er hat die Todesstrafe, die die polis über ihn verhängt hat, selber vollstreckt und den ihm nach seiner Verurteilung überreichten Schierlingsbecher getrunken. Das, so scheint mir, ist das Modell für das Heideggersche „Vorlaufen in den Tod“, die durch den Tod vollzogene Identifikation mit dem Kollektiv (Hegels „Substanz als Subjekt“); dieser Tod ist die Grundlage des Herrendenkens. Und die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist die Schrumpfform des philosophischen Unsterblichkeitsgedankens. Aber in dieser Konstruktion steckt zugleich das Echo aus der Geschichte vom Sündenfall: Wenn ihr von diesem Baume eßt, müßt ihr sterben, sterben. Hier wird der Tod als eine Konsequenz an eine Gestalt der Erkenntnis geknüpft, die seitdem der Grund ist für die Instrumentalisierung der Welt: die Erkenntnis des Guten und Bösen. Es ist der gleiche Prozeß, in dem über die Gestalt des sokratischen daimon und durch die Verinnerlichung der mythischen Schicksalsidee das Subjekt glaubt, aus dem mythischen Schuldzusammenhang heraustreten zu können und sich als „philosophisches Subjekt“ und als Teil der („zivilisierten“) Welt konstituiert. Die verinnerlichte Struktur des Schicksal ist zum Wesen des Begriffs geworden, unter dessen Herrschaft die Welt als Welt sich konstituiert. -
13.08.92
Wie hängt der „Schrecken vor euch auf alle(n) Tiere der Erde“ (Gen 92f: nach der Sintflut, im Zusammenhang mit dem Noah-Bund und dem zweiten Nahrungsgebot) mit
– der Erschaffung und dem Segen (Gen 124ff) sowie
– der Namensgebung durch Adam, dem Herrschaftsauftrag und dem ersten Nahrungsgebot (Gen 219f)
zusammen? – Zusammenhang mit der christlichen Eucharistie (Ver-innerlichung des Schreckens)?
Drückt sich in dem Zusammenhang des „Schreckens auf allen Tieren“ mit der Namengebung ein sprachliches Moment aus (Terror als Grund und Teil der Kommunikation; Ausdruck des Schreckens als Grund der Benennbarkeit)?
Der Andere und der Fremde: Der Andere ist das Nicht-Ich, das Objekt, bleibt auf das individuelle Ich bezogen (Asymmetrie von Ich und Du); der Fremde ist fremd für uns, der Angehörige einer fremden Nation, Religion, Rasse, eines fremden Kollektivs („Stämme, Sprachen, Völker und Nationen“). Für das Autonomie-Konzept ist das Problem des Fremden (wie auch der Grund des Antisemitismus) bloß irrational, Folge der Identifikation mit einem Kollektiv, der Heteronomie. Nur: Auch das Autonomie-Konzept ist an eine Gemeinschaftsvorstellung gebunden, an die der Zivilisierten (nur daß hier die Kollektivität durch den Weltbegriff gesichert wird, nicht mehr ins Bewußtsein fällt), wobei die Nichtzugehörigkeit zu diesem Kollektiv als Rückständigkeit und als moralisch-zivilisatorischer Defekt erfahren wird. Unter der Hand werden die Nichtzivilisierten (die Wilden, Barbaren, Muslime, Juden u.ä.) zu den Fremden, auf die der Zivilisierte glaubt, nicht mehr mit Xenophobie reagieren zu müssen, weil er autonom, vernünftig ist; und er glaubt, in diesen Fremden nur deren Unvernunft zu verurteilen, jene Verhaltensweisen, die ihn von der Gemeinschaft der Vernünftigen ausschließen. Aber steckt in diesem Vernunftbegriff nicht schon jene Gewalt als Fundament mit drin, die die Erhaltung der Realität (der nur mit Gewalt aufrecht zu erhaltenden kollektiven Eigentums- und Machtverhältnisse) garantiert, in deren Anerkennung die Vernunft besteht? Und ist nicht der Arme gleichsam vom Grunde her schon unvernünftig, weil seine Interessen in dieser Realität nicht aufgehoben und gewahrt sind? Die herrschende Vernunft der Zivilisierten ist die Vernunft der Herrschaft (und des Gewaltapparats), die die Nichtzivilisierten (ebenso wie die Kinder und in weitem Maße auch immer noch die Frauen) materiell von der Zivilisationsgemeinschaft der Vernünftigen, Erwachsenen ausschließt (und die Forderung nach Aufhebung des Ausschlusses als Materialismus denunziert).
Fremdheit ist ein sprachlicher, Anderssein ein mathematisch-begrifflicher Sachverhalt (setzt die Subjekt-Objekt-Beziehung voraus). Die Differenz zwischen dem Fremden und dem Anderen ist der Schlüssel für die Erkenntnis der Differenz zwischen Sprache und Mathematik, Name und Begriff.
Die Fremdheit (der Ursprung der verschiedenen Sprachen) entspringt beim Turmbau zu Babel (zusammen mit der Idolatrie), die Subjekt-Objekt-Beziehung im Sündenfall.
Das Votum für die Armen und die Fremden definiert die Prophetie, macht sie zur Urform der Herrschaftskritik, während die Philosophie beide stigmatisiert, indem sie die durch den Weltbegriff begründete Verdrängung des Problems zur Geschäftsgrundlage hat.
Der Fremde (der Hebräer) war einmal der Sklave, der Söldner, der Kleinviehnomade.
Die Theologie wird heute verdrängt, weil ihr Anblick unerträglich wäre; hierzu leisten die Kirchen Amtshilfe. Ihr Problem ist nur, daß diese „Amtshilfe“ im Rahmen der „orthodoxen“ Tradition nicht mehr zu leisten, daß die Anpassung an die „ideologiefreie“ Welt (Paradigma: Naturwissenschaften) die Lehre selber angreift und vernichtet. -
06.08.92
Denn sie essen das Brot der Gottlosigkeit und trinken den Wein von Gewalttaten. (Spr 417)
Er wird den Gewalttätigen schlagen mit dem Stab seines Mundes und mit dem Hauch seiner Lippen den Gottlosen töten. (Jes 114)
Staat und Sinnlichkeit, oder Ableitung der Sexualmoral: Die Abtreibungsdebatte fördert es zutage, daß es in allen Rechtsverhältnissen um die Anerkennung von Besitzansprüchen geht. In der Abtreibungsfrage geht es darum, wer Besitzansprüche gegen den Fötus geltend machen kann: der Staat oder die Frau. So erweitert der Staat sein Gewaltmonopol bis in den Schoß der Frau. Und die sexuelle Lust steht gleichsam in Konkurrenz zur Gewaltlust des Staates (zur Verletzbarkeit seiner Eigentumsansprüche); deshalb war sie als Träger der (vorweltlichen) Erbschuld zu kriminalisieren. Und die Gewaltlust des Staates wurde zum Ursprung und Modell jeglicher Vergewaltigung.
Begriffe sind Verkörperungen des Gewaltmonopols des Staates, unkenntlich gemachte Vergewaltigungen der Sprache.
Vernunft und Sexualität verhalten sich zueinander wie Welt und Natur; als getrennte gründen beide in Gewalt.
Die Vorstellung von einer schöpferischen Kraft der Natur ist phallokratisch.
Die Heiligengestalt der virgo entstammt einer Zeit, in der den Menschen das Bewußtsein der Erbschuld noch präsent war. Und der Vollständigkeit halber wird man sagen müssen, daß auch die Kirche die Lehre von der natürlichen Unschuld nie akzeptiert hat; Beweis: die Kindertaufe.
Wollte man heute die virginitas dem Verständnis näherbringen, so müßte man anstatt von Unschuld von Keuschheit reden. Keuschheit aber ist keine Naturqualität, sondern eine ausgesprochen soziale und moralische. Und Keuschheit steht nicht einer direkten, gleichsam intentionalen Beziehung zur Sexualität, sondern in einer reflektierten; sie ist vor allem eine Qualität der politischen Praxis, aber eine fast nicht mehr auffindbare, nicht mehr erkennbare. Ich glaube, man kommt der Sache näher, wenn man Keuschheit im Kontext von Gewalt und Gewaltfreiheit begreift und zu bestimmen versucht. Keuschheit hängt eher mit Arglosigkeit (und ihrer Beziehung zur Unschuld) zusammen als mit jener Unschuld, die sich ausschließlich durch ihre Beziehung zur Sexualität definiert. Dafür ist die Kirche nun wirklich der schlagende Beweis, daß es eine sehr unkeusche Art der sexuellen Enthaltsamkeit gibt.
Keuschheit ist einer der drei evangelischen Räte (die alle sich auf das Leben im Angesicht Gottes beziehen). Die beiden anderen sind Gehorsam und Armut: die Fähigkeit zu hören (das Eingedenken, die Erinnerung) und das reflektierte Verhältnis zum Geld und zu den durchs Geld bestimmten Verhältnissen (Übernahme der Sünde der Welt). Das Verständnis der Keuschheit wird erschwert durch die das Bewußtsein beherrschende Funktion der Naturwissenschaft (Inbegriff der Unkeuschheit?). „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“: das ist der Ausgangspunkt. Die Keuschheit ist eine Weise des Umgangs mit dieser Nackheit, ein Reflex der Scham, der Fähigkeit, sich in den Augen der Anderen zu sehen. Die Scham, die Furcht, nackt und bloß da zu stehen, bezeichnet einen sozialen Sachverhalt: Kinder schämen sich für ihre Eltern; Eheleute schämen sich für einander; wir schämen uns, Deutsche zu sein. Scham ist ein Reflex der Erkenntnis, von anderen gesehen zu werden: ein Reflex der Erfahrung, als Objekt (gleichsam hinter dem eigenen Rücken oder im Stande der realen Schuld) gesehen zu werden. Grundlage fürs Verständnis der Keuschheit ist das Begreifen, wie sich die Nacktheit von der sexuellen Sphäre in alle Lebensverhältnisse verlagert und ausbreitet, und zwar ausbreitet im Prozeß der Objektivation, der das Maß abgibt für den weltgeschichtlichen Stand von Scham und Keuschheit.
Ist nicht das Bild des Objekts, das der Begriff der Natur uns vor Augen stellt, das Bild absoluter Schamlosigkeit (wie sich leicht anhand der Stellung des Objekts in der transzendentalen Logik nachweisen läßt)?
Obszön ist die Abtreibungsdebatte, die ein Problem der Sexualität (letztmals?) zur Rechtfertigung der Gewalt mißbraucht.
Die Vorstellung, Kinder seien unschuldig, ist insoweit zynisch, als sie die Kinder mit ihrer realen Schulderfahrung allein läßt. Ebenso ist allerdings die kirchliche Lehre von der Erbschuld zynisch, weil sie den Kindern die ganze Last der Sünde der Welt aufbürdet, anstatt endlich dem Nachfolgegebot zu gehorchen und sie selber zu übernehmen.
Adornos Hinweis auf den Einschulungsschock und seine Funktion im Hinblick auf die Genese des Antisemitismus greift – wie mir scheint – noch zu kurz: Der Zustand, in den unser Schulwesen gegenwärtig hineintreibt (vom Zustand des zu vermittelnden Wissensstandes bis hin zu den objektiven Bedingungen wie numerus clauses, Leistungsprinzip, Elterndruck), prolongiert den Einschulungsschock; das scheint überhaupt den gegenwärtigen Weltzustand zu definieren: Schock als andauernder Weltzustand (wichtig für die Rezeption Benjamins).
Beachte das Verhältnis von Schule, Kinder und Musik, das das eines Opfergangs geworden ist. Die BILD-Zeitung und der Zustand der Konsum-Musik heute sind die schärfste Anklage gegen den Zustand unseres Schulwesens.
Der Begriff des Anstands hilft nur, den Schein zu wahren, während der des Takts die Sensibilität für den Umgang mit fremder Scham bezeichnet. Leute, die auf Anstand pochen, sind in der Regel taktlos.
Sind Petrus und Paulus (?) Namen, die sowohl im Griechischen als auch im Lateinischen unmittelbar verständlich sind?
Zu den Insignien der Herrschaft gehören neben dem Thron die Krone, das Zepter und der Reichsapfel:
– Der Reichsapfel war das Bild der Welt, deren Einheit durch Herrschaft definiert wurde, war er auch Modell für das Bild des Apfels, den der Tradition nach Eva Adam reichte? Ist die Frucht des Baumes der Erkenntnis der Ursprung des Weltbegriffs?
– War das Zepter ein Phallussymbol (vgl. das Buch Esther)?
– Und welche Bedeutung hatte die Krone?
Die Astronomie seit Kopernikus (seit dem altorientalischen Sternendienst?) gleicht dem Versuch, Anthropologie anhand von Zinnsoldaten zu studieren. -
01.06.92
Das Verhältnis von Begriff und Objekt läßt sich nicht ohne Umkehr auf das Verhältnis von Seele und Leib beziehen. Diese Beziehung (von Begriff und Objekt zu Seele und Leib) entspricht dem von Begriff und Namen.
Gen 67: „Wegwischen will ich vom Antlitz des Ackers den Menschen, den ich schuf, vom Menschen bis zum Tier, bis zum Kriechgerege und bis zum Vogel des Himmels, denn mich leidet, daß ich sie machte.“ (Buber-Übersetzung) Kann es nicht sein, daß hier die erste Stufe des Objektivationsprozesses benannt wird: daß die Sintflut den Acker erst neutralisiert hat, daß mit den Menschen und den Tieren auch „das Antlitz des Ackers“ weggewischt wird? Vgl. auch Gen 723 und 817. Und wie verhält sich das Opfer Noahs (820) zum Opfer Abels? Und was ist mit 92: „Eure Furcht und euer Schrecken sei auf allem Wildlebenden der Erde und allem Vogel des Himmels, allem was auf dem Acker sich regt und allen Fischen des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“
Gehören Ps 10430 und Gen 67 zusammen? Ist die Erneuerung des Antlitzes der Erde die eschatologische Antwort auf die Sintflut? Vgl. hierzu auch den noachidischen Ursprung (und Zusammenhang) des neuen Herrschaftsbegriffs: des Fleischessens und der hierarchischen Strukturen in der Gesellschaft.
1 Kön 1411 (zu Jerobeam), 164 (zu Bascha) und 2124 (zu Ahab): Die Leichen in der Stadt werden von den Hunden gefessen, die auf dem freien Feld von den Vögeln des Himmels.
Neue Jerusalemer Bibel, Anmerkung zu Gen 66: Da reute es den Herrn. Dieses merkwürdige Verlangen katholischer Theologen seit Augustinus, sich Gott so vorzustellen, daß ihn niemals etwas gereut (hier siegt die Philosophie über die Prophetie: das Buch Jonas gibt die Antwort der Schrift darauf). Wer Reue nur als Ausdruck der Schwäche ansieht, als Eingeständnis, etwas falsch gemacht zu haben, macht die Unbekehrbarkeit zu einer Eigenschaft Gottes und wird selber unbekehrbar. Vgl. hierzu auch das Schicksal der Maria Magdalena in der kirchlichen Tradition (wer büßt, muß es schlimm getrieben haben; so wird die Umkehr diskriminiert). Wer die Reue von Gott ausschließt, schließt die Umkehr von Gott aus (und damit die Idee der Erlösung selber). So wurde die Theologie autoritär und paranoid, ein aus verstockter Subjektivität sich herleitender Denkzwang zur Eigenschaft Gottes.
In der Geschichte von den Talenten, die der Herr den Knechten übergeben hat: ist die Kirche nicht zu jenem Knecht geworden, der sein Talent (im Dogma) nur vergraben hat (anstatt damit zu arbeiten)?
Ist nicht schon der augustinische Hinweis, daß man das Wort, daß alles Fleisch Gott schauen wird, nicht wörtlich auffassen dürfe, antisemitisch? (Genesis-Kommentar, Band 2, S. 142)
S. 145: Was hat der Raum mit dem Ungehorsam (mit der Ursünde des Ungehorsams) zu tun? Entscheidet sich die Frage über den Zusammenhang realer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen nicht vielleicht doch zusammen mit der Frage nach Subjektivität und Objektivität des Raumes?
Ebd.: Auch Augustinus kennt schon die Erinnerungsarbeit.
S. 164: Christus war (gegen Augustinus) nicht nur „im Fleisch“ leidensfähig (welche andere Bedeutung hat sonst die „Übernahme der Sünde der Welt“ und die Angst in Gethsemane), aber er war (wegen der „Übernahme der Sünde der Welt“) nicht pathologisch.
Liegt es nicht in der Konsequenz der augustinischen Lehre, daß der „freie Wille“ eigentlich nur einmal tätig war, in der Ursünde Adams? Ist das nicht der Preis für eine monarchisch instrumentierte Theologie, die alles zugleich exkulpieren und absolut schuldig sprechen muß? Keim der Selbstverfluchung: die augustinische Gnadenlehre.
Die augustinische Dämonisierung der Lust präludiert die Subjektivierung der Empfindungen im Kontext der modernen Naturwissenschaften. Sie hat dem Herrendenken die Bahn frei gemacht. Ist nicht in dieser Geschichte der Subjektivierung (und Dämonisierung) der Lust die Geschichte der Inquisition, der Scheiterhaufen, der Hexenverfolgung vorgezeichnet; und gehört nicht auch die grandiose objektive Ironie hier herein, die in der pornokratischen Phase der Papstgeschichte und der pornographischen Phase der Moralgeschichte (in den Kompendien der kasuistischen Moraltheologie des Barock) sich manifestiert?
Die Tatsache, daß Scheler heute fast vergessen ist, daß er nur noch als merkwürdig veraltet wahrgenommen wird (während alle Welt wie Scheler spricht), hängt zusammen mit dem theologischen Kern des Unaufgearbeiteten in unserer Beziehung zur Vergangenheit. Sie hängt zusammen mit jener ebenso merkwürdigen wie ebenfalls unaufgearbeiteten Beziehung der Phänomenologie insgesamt zum Katholizismus, sowohl was die Husserl-Tradition betrifft, als auch, was die Aktualität Schelers in der vorfaschistischen und die Heideggers in der nachfaschistischen Ära betrifft. -
16.05.92
Dem Antisemitismus sind die Trauben zu hoch, deshalb zu sauer.
Hat der gordische Knoten etwas mit der Ökonomie, mit der Geldwirtschaft zu tun und/oder mit dem Planetensystem? Und ist die Transzendentalphilosophie ein Produkt des bloß durchschlagenen, nicht gelösten Knotens?
Hat das Wunder von Kana, die Verwandlung von Wasser in Wein, etwas mit der Noe-Geschichte zu tun (Sintflut, erster Weinanbau, Trunkenheit Noes und Aufdeckung seiner Blöße durch Ham)?
In jedem apodiktischen Urteil steckt die Negation mit drin: A ist nicht A, sondern B.
Die Vögel, die Fische und die Reptilien legen Eier und sind mit Ausnahme der Delphine und Wale keine Säugetiere.
Lippenbekenntnis und Zungenreden. Zunge: welch merkwürdiges Wort und welch gefährliches Ding.
Gibt es nicht, vom Indifferenzpunkt der Längenkontraktion und Zeitdilatation aus gesehen, zwei Wege des Falles, zwei Wege, das Inertialsystem zu konstruieren: die Identität von Trägheit und Schwere und das Plancksche Strahlungsgesetz?
Die Idee Gottes ist von der des Ewigen, die des Menschen von deren zeitlichem Abbild, nicht zu trennen.
Der Fall ist der Fall in die reine Äußerlichkeit, die Trennung von Raum, Zeit und Materie (Trennung von Leib und Seele).
Es gibt keine Begriffe ohne projektiven Anteil. Ist nicht der Grund des begrifflichen Denkens das erlösungssüchtige Selbstmitleid?
Ist der Weltbegriff die Wasserscheide zwischen Hebräern und Juden; und gehört nicht die Geschichte von den verlorenen Stämmen Israels in diesen Kontext? Die Hebräer sind mit dem Haus Israel untergegangen, an deren Stelle ist das Haus Juda getreten? -
14.05.92
Wer Heideggers In-der-Welt-Sein begriffen hat und die Exkulpationsflucht in die Eigentlichkeit nicht mehr mitmachen kann, wird es ohne die Idee der Auferstehung der Toten nicht mehr aushalten können. Die Exkulpationsflucht in die Eigentlichkeit ist die Flucht in den objektiven Irrsinn, zu dem die Welt heute geworden ist.
Die Eigentlichkeit hat mit der Trunkenheit die exkulpierende Funktion gemeinsam. Würde unser Recht die Trunkenheit anstatt als Entschuldigung als strafverschärfendes Element ansehen, wäre die Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft nicht mehr zu rechtfertigen.
Der Heideggersche Begriff der Eigentlichkeit ist der letzte Versuch der Rettung des transzendentalen Subjekts. Der Begriff der Uneigentlichkeit, der ohnehin antisemitisch getönt ist, scheint der letzte Abkömmling des Begriffs der Barbaren zu sein, der im übrigen seit je eine Verkörperung der von der Konstituierung des philosophischen (des transzendentalen) Subjekts nicht ablösbaren Projektion gewesen ist.
Der Esel nimmt die Last auf sich, während beim Stier die geringste Erregung den Aggressionsstau zum Ausbruch bringt.
Die Sexualmoral rührt tatsächlich – aber anders als es der beschränkte Kirchenverstand wahrhaben will – an die Substanz dieser Gesellschaft.
Probleme des Zusammenhangs des Natur- mit dem Schuldbegriff:
– Für die Frau ist die „Unschuld“ die grundlegende Naturtatsache, deren Verletzung durch Befleckung ihre Brauchbarkeit tangiert.
– Für den Mann ist es der mit dem Machttrieb verbundene Sexualtrieb, dessen Gebrauch exkulpiert ist, wenn er bei Trunkenheit erfolgte.
Die häresienbildende Kraft in der Kirche ist nicht ganz verbraucht: Nur, wenn sie heute erscheinen würde, müßte sie als die Kraft zu lösen sich erweisen.
Und er ging hinaus und weinte bitterlich: oh, dieser weinerliche Petrus!
Das Wesen des Militärs muß man heute an seinen Exzessen erforschen. Vorboten und Frühformen dieser Exzesse hat es in den beiden Weltkriegen genügend gegeben. Insbesondere der Rußlandfeldzug mit seinen Begleit-Maßnahmen (vom Kommissar-Erlaß bis zur Judenvernichtung, die den Rußlandfeldzug als Folie brauchte) war das Zentrum, dessen Metastasen sich heute (in den Todeskommandos und den Foltereinrichtungen) über die ganze Welt ausgebreitet haben. Es scheint keine militärische Einrichtung in der Welt mehr zu geben, die nicht in diese Dinge verwickelt ist. Vor diesem Hintergrund ist der Satz „Alle Soldaten sind potentielle Mörder“ noch eine Verharmlosung. Was hier abläuft, ist nicht mehr an Gesinnungen festzumachen, sondern gründet in der verhängnisvollen Weltstruktur selber. Das Scheitern der Guerilla-Bewegungen in der Dritten Welt und der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus machen deutlich, daß nur noch Aufklärung zusammen mit der Verbesserung der materiellen Verhältnisse in der Welt helfen kann.
Es käme darauf an, das Erschrecken, anstatt es über die Empörung gleich abzuleiten, produktiv zu machen. Jedes Erschrecken eröffnet den Blick auf eigene Ängste. In allen Ängsten aber steckt neben einem realen Anteil auch ein Teil Schuld- und Ohnmachtsangst (als Verstärker, wenn nicht als irrationaler Grund). Dieser Angst zum Bewußtsein verhelfen, sie reflektieren lernen, heißt sie in Gottesfurcht umformen. Der Satz „Stark wie der Tod ist die Liebe“ scheint damit zusammenzuhängen, daß in der Todesangst die Schuldangst sich konzentriert und kulminiert. Die Schuldangst sucht ihren Ausweg in Exkulpationsmechanismen, über die sie jedoch nur sich verstärkt und stabilisiert, immer tiefer in die Schuldangst, der sie zu entfliehen trachtet, verstrickt, indem sie versucht, sich der Wahrnehmung zu entziehen. Adornos Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist“ drückt diesen Sachverhalt aufs genaueste aus.
Wenn Gott – Rosenwzeig zufolge – die Seele liebt, so ist darin auch die Morgenggabe des Schöpfers an die Schöpfung: die Sprache, mit eingeschlossen, die gleiche Sprache, die in der Fähigkeit zur Reflexion der Schuld entspringt (Zusammenhang von Logos und Übernahme der Sünde der Welt).
Begriff und Objektivität des Universums ist eine reine Projektion der Angst (die Angst vor dem Doppelgänger hängt mit der Angst vor der Reflexion der Mathematik zusammen). Mathematik heißt: Augen zu und durch. -
10.04.92
In seiner Antisemitismus-Studie übersieht Heinsohn offensichtlich, welche Bedeutung diese gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen, die die Entstehung der Hochkulturen begleiten, für die Geschichte des Bewußtseins haben; hier rächt es sich, daß er beispielsweise den Ursprung der Schrift und die Entwicklung der Sprachen aus seinen Überlegungen ausschließt. Die Darstellung der „Reaktionen der Betroffenen“ auf die „kosmischen Katastrophen“ (S. 31) behandelt diese Reaktionen so, als könnten sie sich auch heute – nach der Ausbildung des Welt- und Naturbegriffs – so abgespielt haben. Daß es eine Geschichte des Bewußtseins gibt, die mit der der Sprachen aufs engste verknüpft ist, scheint außerhalb seines Gesichtskreises zu liegen. Daß es sich hier um vorödipale Zeiten handelt, daß die Bewußtseinsidentität noch nicht vorausgesetzt werden darf, daß das Bewußtsein erst mühsam beginnt, sich aus den mythischen Zwängen zu befreien und welche Rolle dabei die Struktur der Sprachen und die Entwicklung der Schrift, der Ursprung des Privateigentums und des Geldes, die Entstehung des Rechts, aber auch die Institutionen der Religion und der embryonalen politischen Strukturen, insbesondere die Institution des Königtums, spielen, scheint ihn nicht zu interessieren. Daß z.B. erst in den indogermanischen Sprachen über die grammatischen Innovationen, insbesondere die Futurbildungen als Voraussetzung des objektiverenden, hypostasierenden Denkens, ein Weltbewußtsein sich bildet, dessen Vorläufer Mythos, Idolatrie und Opfer sind, die dann – paradigmatisch in der griechischen Philosophie und in deren Konsequenz in der christlichen Theologie – durch Verinnerlichung (durch den ödipalen Prozeß hindurch) zur Grundlage des zivilisatorischen Bewußtseins werden, entgeht ihm. In diesem Zusammenhang – und jedenfalls nicht nur in dem des Interesses an der Voraussage von Naturkatastrophen (vgl. S. 43) – wäre z.B. das Orakelwesen (das in Griechenland ganz erheblich zur Durchbildung der Sprache und zur Entstehung der Philosophie beigetragen hat) zu diskutieren. Velikovsky und seine Adepten lösen keine Rätsel, sondern schürzen neue (oder genauer: machen sie kenntlich). Die monokausale Ableitung des Neuen aus Naturkatastrophen verkennt, daß es auch gesellschaftliche Naturkatastrophen (zu denen Heinsohn selber mit seiner Geldentstehungstheorie entscheidende Hinweise gegeben hat) gibt; und hier scheint mir, stellt sich ernsthaft die Frage: handelt es sich bei dem Zusammentreffen kosmischer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen (die formal dem Leibnizschen Begriff der prästabilisierten Harmonie zu entsprechen scheinen) um reinen Zufall, oder gibt es dazwischen auch vermittelnde Agentien?
Wurden die Götter nach Einführung des Privateigentums durch die Statuen um ihre Opfer betrogen (vgl. Heinsohn, Antisemitismus, S.47)?
S. 54: Keine „wissenschaftlich begründete Religionsüberwindung“, sondern eine prophetische. Der Unterschied ist bestimmbar.
Im VIII. Kap., S. 72ff, führt Heinsohn den Antisemitismus allein auf seine theologischen Ursprünge zurück, ohne den Zusammenhang dieser Theologie mit dem Ursprung des Säkularisationsprozesses und des modernen Weltbegriffs zu begreifen. Aber hier wird es erst interessant. Washalb war beispielsweise der real existierende Sozialismus, insbesondere der Stalinismus, antisemitisch?
Es ist schon ein wenig irrsinnig, wie sich bei Heinsohn die Dinge zu einem System zusammenschließen: Die Naturkatastrophen-Theorie ist nur zu halten, wenn er die Befreiung vom Opfer im Atheismus terminieren läßt und diesen Atheismus in Widerspruch setzt zu den altorientalischen, heidnischen Hebräern, verbunden mit der These, daß erst das (erneut opfertheologische) Christentum monotheistisch geworden sei; so wie er auch schon in seiner Geldtheorie das gesellschaftskritische Element herausoperiert hat, so muß er hier den damit notwendig verbundenen szientifischen Antisemitismus der Wellhausen et al. mit rezipieren, und ihn dann in den Sack reinstecken, den er „Hebräer“ nennt. Zugleich muß er den „Juden“ die Schöpfungsidee nehmen, die doch die Prophetie, der die Absage ans Opfer sich verdankt, erst ermöglichte. Und seiner Geldtheorie das erkenntnis- und gesellschaftskritische Element, das zwangsläufig aus seinem Schuldknechtschaftskonzept folgt, und damit das Moment der Barmherzigkeit nehmen, dem doch die Absage ans Opfer sich verdankt. Zusammen damit muß er die Juden in die Nähe der Philosophen rücken (mit Hilfe des einen Theophrast-Zitats): das aber geht nur, indem er den Juden in ihrer eigenen hebräischen Vergangenheit das Barbaren-Äquivalent verschafft. Das Problem bleibt unlösbar, solange Heinsohn das im Begriff des Begriffs (und schließlich in dem der Welt) säkularisierte und zugleich verdrängte Exkulpations- (und Opfer-) Konzept nicht durchschaut. Inzwischen geht der Verdrängungsapparat, der dem Universums-Konzept zugrundeliegt, zu Bruch.
Der Weltbegriff konstituiert sich auf zwei Ebenen:
a. auf der des Ursprungs und der Stabilisierung des Begriffs (des Referenzsystems der Philosophie), und
b. auf der Ebene und im Rahmen der Stabilisierung der Produktions- und Austauschverhältnisse, des Ursprungs des Marktes, d.h. zusammen mit dem Ursprung des Rechtssystems, das das Privateigentum ermöglicht und garantiert.
Ebenso wie die Philosophie ist der Weltbegriff vom Ursprung, vom Bestehen und von der Geschichte des Privateigentums nicht zu trennen. Hinsichtlich eines jeden Sozialismus-Konzepts wäre festzuhalten: Vergesellschaftung ist ein „naturwüchsiger“ Prozeß und durch Verstaatlichung nicht zu humanisieren. Auch das staatliche Eigentum ist Privateigentum, wobei der Staat aus leicht durchschaubaren Gründen der dümmste (und der gemeinste) Privateigentümer ist.
Wodurch unterscheidet sich Moses von Hammurabi und Solon?
Gegen Adorno: Nicht das Eingedenken der Natur, sondern das der Ursprünge wäre als Ziel der Philosophie zu bestimmen. Von Adorno zu Habermas ist es in der Tat nur ein kleiner Schritt, aber einer in die falsche Richtung. Das Konzept des Eingedenkens der Natur ist Adornos säkularisierte Theologie.
Was bedeutet der Raum für das geschichtliche Eingedenken, für die Erinnerungsarbeit?
Zur biblischen Zoologie: Wie ist das mit den Schafen und Wölfen und Schlangen und Tauben?
Der neutestamentliche Begriff der Sünde der Welt bezeichnet das Konzentrat der Ursprungsgeschichte der Welt in Idolatrie, Sternendienst und Opferwesen. Auch das Menschenopfer steckt in den Fundamenten unseres Weltbegriffs. Daran erinnert der Kreuzestod (Problem der Ursprungsgeschichte der subjektiven Form der äußeren Anschauung: welches ungeheuerliche Problem hat Kant in diesem Begriff stillgestellt?).
Einige Bemerkungen zum Problem einer christlichen Theologie nach Auschwitz.
Der moderne Naturbegriff ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff.
Begriff und Institution der Diktatur hängt mit der Funktion des Prädikats im Urteil und mit der der Predigt im Christentum zusammen.
Bekenntnis und Dogma stammen aus der Sphäre des Rechts, oder sind Reflexionsbegriffe von Rechtsbegriffen.
Es gibt eingreifende Bedenken gegen die Vorstellung der Möglichkeit, das Recht mit den Mitteln des Rechts zu humanisieren. Vgl. den Zerfallsprozeß des Rechts im Gefolge der beiden Weltkriege, die Systemwidrigkeiten, die nicht mehr zu übersehen sind (fehlender Friedensvertrag, Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Delikte, Verdrängung des Gemeinheitsproblems, Fortleben des „gesunden Rechtsempfindens“, d.h. des Rachemotivs im Rechtsstaat, Frage der Gewalt: Gewaltmonopol und Kampf gegen die Privatisierung der Gewalt; kann es sein, daß die Kritik an Carl Schmitt ihr Ziel erst erreicht, wenn sie das Recht selber trifft, dessen ungeheuerliche Systemlogik Carl Schmitt nur ausgesprochen hat – vgl. Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ und die Bemerkungen von Jaques Derrida dazu). -
09.04.92
Wasser: das flüssige, unbestimmbare, objektlose Element (oder das reine Objekt), ein Objekt aus reiner, dingloser Eigenschaft.
Das Benennen gibt es nur zusammen mit dem Scheiden, wobei das eine Mal das Getrennte, das Geschiedene benannt wird: Gott schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht, während das andere Mal das Instrument der Scheidung benannt: Gott machte eine Feste zur Scheidung der Wasser oberhalb der Feste von dem Wasser unterhalb der Feste, und Gott nannte die Feste Himmel. Das Wasser ist demnach das Nicht-Benannte, vielleicht Unbenennbare, das Element, in dem das Ungleichnamige gleichnamig gemacht werden kann, nur unterschieden nach oben und unten.
Das Wasser ist das reine Schwere, das Maß des Gewichtes.
Naturgrund von Herrschaft: Kann es sein, daß es gesellschaftliche Prozesse (gesellschaftliche Gesteinsverschiebungen) gibt, die an den Grund der Natur rühren?
Wo ist die Stelle: Wenn sie schweigen würden, würden die Steine schreien?
Ist nicht die Israel-Theologie (Marquardt u.a.) selber in Gefahr, zu einem Teil des Schuldverschubsystems zu werden? Und zwar durch den Versuch, am Privileg des Opfers teilzuhaben? Denn genau das ist uns als Deutschen und als Christen (als Tätern) untersagt. Wird nicht die Israel-Theologie so zu einem Teil der gleichen Exkulpations-Magie, die in die Katastrophe geführt hat? Oder ist die Israel-Theologie ein unmöglicher Versuch, der Wiedergutmachungspolitik gleichsam theologischen Rang zu verleihen, der ihr nicht zusteht (ohne daß dadurch ihre Notwendigkeit berührt würde). Das reale Votum für Israel ist sehr viel pragmatischer zu begründen (durch unsere Verstrickung in den Schuldzusammenhang, aus dem diese Situation entstanden ist). Nach dem, was wir getan haben, haben wir keine andere Möglichkeit.
Das pragmatische Votum für Israel ist das Eine, das Andere aber wäre das, was Franz Rosenzweig einmal mit seiner Übersetzung der Schriftstelle „Zeit ist’s …“ ausgedrückt hat. Die Existenz Israels und die Gefahr der „Zernichtung der Lehre“ hängen möglicherweise zusammen, aber das kann nicht Gegenstand theologischer Spekulation sein.
Man kann den Vorgang, dessen Zeitgenossen wir heute sind, als einen der Entgründung der Erde beschreiben: Eines seiner auffälligen Produkte ist der Zerfall des argumentativen Denkens, der Kraft der Begründung. Das rührt ans Antlitz der Erde, die Gott „gegründet“ hat (als er den Himmel „aufspannte“). Von dieser „gründenden“ Kraft ist, wie es scheint, nur der Abgrund übriggeblieben, als der die Welt sich manifestiert. Der Zerfall des argumentativen Denkens ist selber begründet in der Gewalt des logischen Zerfalls des Weltbegriffs. Diese entgründende Gewalt des Weltbegriffs produziert die Bekenntnissucht, den Grund der Exkulpationsmagie. Nicht Rechtfertigung, sondern Gerechtmachung; und wenn das heute aussichtslos ist, so drückt sich in diesem Sachverhalt präzise der Grund dessen aus, was in der Schrift Gottesfurcht heißt.
Rationalität selber gründet heute in einer Beziehung zur Schuld, die auf den Komfort der Rechtfertigung verzichtet. Hoffnung drückt sich nur noch in den beiden Petrus-Stellen aus: in dem „er weinte bitterlich“ nach der dritten Leugnung und in der Übertragung der Vollmacht zu binden und zu lösen.
Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern Befreite, ist die einzige, die die Grenze überschritten hat.
Wie hängt der Bekenntnisbegriff mit der Verfälschung des achten Gebots zusammen? Ist nicht das formalisierte Bekenntnis, die Confessio, die tiefste Verletzung des achten Gebots?
Die Unmöglichkeit der Hexen, gegenüber der Inquisition ihre Unschuld zu beweisen, entspricht der Etablierung des Trägheitsbegriffs in den Naturwissenschaften.
Theologie heute ist vergleichbar der Archäologie: Unter den Trümmern der Geschichte die Hoffnungen der Toten wiedererwecken.
Es hilft kein Hinausreden auf die Natur mehr: Wir selbst sind für unsern Charakter und für unser Gesicht verantwortlich. Ob wir dieser Verantwortung gerecht werden können, ist eine andere Frage.
Zum Naturbegriff: Er enthält ein Stück säkularisierte Christologie. Die Natur nimmt die „Sünde der Welt“ auf sich, sie ist das vergöttlichte Opfer, sie spricht uns frei von Schuld, nimmt uns die Verantwortung ab. Eben damit aber hängt es zusammen, daß der Naturbegriff der christologischen Logik unterliegt, den dogmatischen Christus ersetzt. Ähnlich ist auch der Weltbegriff Produkt der Säkularisation einer theologischen Kategorie (so erscheint er dann auch bei Hegel), nämlich der des Gerichts. Durch Anpassung an die Welt werden wir zu Richtern über andere, das ist ihr „zivilisatorischer“ Effekt: die verworfenste Gestalt der Säkularisation. Hier ist der Punkt, an dem sich aufs genaueste zeigen läßt, was es mit dem Wort des Täufers „Sehet das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“ auf sich hat. Und es ist gerade jener exkulpationsmagische Teil der theologischen Tradition des Christentums (jener Teil, aus dem der Bewußtseinskomfort sich herleitet, den wir nicht mehr missen möchten, auch wenn die Welt darüber zugrunde geht), der in diese Verworfenheit hineinführt. Die Heideggersche Philosophie ist der genaueste Ausdruck dieser Verworfenheit.
Jedes Urteil hat durch die Kopula Anteil an der „verandernden Kraft des Seins“ (Rosenzweig).
Schelers Rangordnung der Werte ist gleichsam Produkt einer fleischfressenden Philosophie, einer Philosophie, die am Opfer festhält und es zugleich verdrängt. Daher rührte die Nähe Schelers zum Katholizismus. Auch bei Heidegger sind die katholischen Ursprünge unverkennbar. Nur daß bei ihm der Grund der Verworfenheit als bewußtlose Selbstverfluchung dann erscheint. Es ist die Selbstverfluchung, die von der dritten Leugnung nicht zu trennen ist. Und darin liegt die besondere Bedeutung der französischen Heidegger-Rezeption: es ist die des gallischen Hahns (vgl. hierzu das geradzu prophetische Wort Heines).
Wertphilosophie und Fundamentalontologie sind die Indizes der beiden Weltkriege, der Phasen der Selbstzerstörung der Welt. Wir leben in dem Trümmerfeld, das sie hinterlassen haben.
Man wird davor warnen müssen, den Antisemitismus als eine Gesinnungsfrage zu behandeln. Es ist eine Strukturfrage, provozierend ausgedrückt: eine Frage der Logik. Kriterium ist die Fähigkeit der Reflexion der „Schuld der Welt“.
Sind nicht in der Tat die Farben die Widerlegung der Vorstellung des unendlichen Raumes (und die letzte Erinnerung an die Lehre von der Auferstehung der Toten)? Farben als Taten und Leiden des Lichts: Es gibt morgendliche und abendliche Farben (Licht über Finsternis, Finsternis über Licht: Gelb und Blau). Und es gibt die Mischung dieser Farben (Grün) und die Konträrfarbe dazu (Rot, die Farbe des Gerichts, der Linken; das Blut, das zum Himmel schreit).
Man muß einmal bemerkt haben, welche Katastrophen es auslösen kann, wenn Kinder erfahren, daß hinter ihrem Rücken über sie gerdet worden ist.
Kephas, Petrus: Was ist hebräisch, griechisch oder Latein? – Haben Kephas und Kaiphas etwas miteinander zu tun? -
06.04.92
Der Zusammenhang von Im Angesicht und Hinter dem Rücken hat zu tun mit dem von Bewußtsein und Verdrängung, nur daß er im Begriff des Angesichts nicht psychologisch, sondern als Objektives gefaßt wird.
Obelisk und Pyramide: Potenz und Totenkult?
Konnte Jesus überhaupt die zukünftige Schuld (unsere Schuld) schon auf sich nehmen, geschweige denn „hinwegnehmen“; d.h. ist die Geschichte im Rahmen einer Opfertheologie (Sühneleiden für zukünftige Schuld) überhaupt zu fassen? Die Opfertheologie ist die weltliche (kosmologische) Interpretation der Übernahme der Sünde der Welt als eines vergangenen Ereignisses, die aber eben damit bewußtlos das kapitalistische Konzept antizipiert und den Bezugsrahmen herstellt für die kapitalistische Gestalt der inneren und äußeren Naturbeherrschung.
Daß der Begriff der Welt in den historischen Prozeß verflochten ist, ist selber erst ein Resultat dieses historischen Prozesses und erscheint nicht zufällig zum ersten Mal bei Hegel.
Heute ist vom Christentum allein die Exkulpationsmagie übrig geblieben. Nur sie bindet die „Gläubigen“ noch an diese Religion.
Sapientia, sapere: Beziehung zur Scham; Fähigkeit, das Von außen gesehen Werden zu reflektieren (die Sünde der Welt auf sich zu nehmen). Diese Reflexion ist die Bedingung der Weisheit und des Erlernens des Schmeckens.
„Laßt die Toten ihre Toten begraben“: Ich glaube, mit dieser Begründung könnte man aus der Kirche austreten.
Ist der Freudsche Mythos von der Tötung des Urvaters nicht das genaueste Modell des christlichen Ursprungs des Antisemitismus, der Entstehung des Urschismas.
Definition: Die Welt ist der Abgrund, der die Menschen von sich selber, von einander und von Gott trennt. Vgl. Ludwig Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist.
Kruzifix und Auschwitz: Beides unterliegt dem Bilderverbot; erst die Einhaltung des Bilderverbots, macht den Weg frei für die reale Erinnerung (sprengt die Vorstellung einer homogenen Zeit, während die Opfertheologie diese Vorstellung einer homogenen Zeit voraussetzt und stabilisiert; die Opfertheologie ist ein Teil der Anpassung an die Welt, sie hat den Weltbegriff als Referenzsystem und Maß; die Versöhnung, die sie zu leisten vorgibt, ist Schein, Ersatz für die verdrängte Übernahme der Sünde der Welt).
Metaphorik ist die Quelle, aus der sprachliches Denken sich nährt. Der Kampf gegen die Metaphorik, der Zwang zum direkten begrifflichen Zugriff, zerstört die Sprache, kreuzigt des Logos.
Wenn die Beziehung von Innen und Außen eine Bedeutung hat, dann nur unter dem Aspekt von Rechts und Links: Links (das Richten) nach innen, Rechts (die Barmherzigkeit) nach außen. Das steht hinter dem Wort vom Balken und vom Splitter (während heute in der Folge einer schlimmen christlichen Tradition alle nur barmherzig gegen sich selbst, aber streng gegen die Andern sind, das Gut-Sein verdrängen).
Bei der Übernahme der Sünde der Welt kann und soll nicht geleugnet werden, daß es gegenständliche Schuldzentren in der Welt (die Welt selber als gegenständliches Schuldzentrum) gibt. Nur darf dabei nicht vergessen werden, daß man selber zu ihren Urhebern gehört, sich nicht davon freisprechen kann.
Jede Überwindung ist nur eine Metamorphose; die Vorstellung, das es wirklich überwunden sei, hängt mit der anderen zusammen, daß es tot und vergangen sei, und uns das Tote und Vergangene nicht mehr interessiert: die beste Garantie dafür, daß es weiterlebt.
Das verlorene Antlitz der Erde: Nach der „Heiligung der Welt“ jetzt die „Bewahrung der Schöpfung“? Ist nicht beides falsch?
Wenn die Schlange klüger war als die anderen Tiere des Feldes: heißt das nicht auch, daß die Tiere des Feldes auch klug sind? Liegt die Differenz nicht doch nur in der fehlenden (oder, worauf das Fell hinzudeuten scheint: nicht mehr reflektierbaren) Scham, in der fehlenden Fähigkeit, sich im Blick der anderen zu sehen? -
31.03.92
Nicht die Person und nicht die Seele, sondern das Angesicht: weil nur das Angesicht die Realidee des richtigen und befreiten Handelns in sich enthält. Das aufgedeckte Antlitz ist der Inbegriff der Freiheit der Kinder Gottes, auf die die ganze Schöpfung harrt.
Man kann die Wahrheit bewahren, d.h. seßhaft verwalten, und man kann sie bewähren, d.h. sie auf dem eigenen Rücken weiter befördern. Nur die Bewährung ist der Idee der Wahrheit angemessen.
Gibt es etwas der Umkehr (ihrem sprachlichen, nicht geometrischen Sinn) Vergleichbares auch im Hinblick auf das Inertialsystem? Und müßte diese Umkehr nicht so etwas wie eine Tendenz-Umkehr sein, die die Gewichtsverhältnisse umkehrt: im Gravitationsgesetz die Ungleichnamigkeit (die Heliozentrik als notwendigen Schein) und im Falle des Lichts die „Fortpflanzungs“-Bewegung als Umkehr der realen Intention des Sehens (des Gesichts) -die Lichtgeschwindigkeit als Maß der Vergängnis, gegen die das Lebendige (das Streben nach dem Licht) sich abarbeitet – begreifen. Das Inertialsystem selber ist der terminus ad quem des Falles.
Kreuz und Kelch: „Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ und „Vater, wenn es möglich ist, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehn“. In welcher Beziehung stehen diese beiden Sätze? Der Kelch ist (in Prophetie und Apokalypse) der Kelch des Zornes und der Taumelkelch. Beide sind auf Herrschaftszusammenhänge bezogen. Sind die, die aus dem Kelch trinken, andere als die, die das Kreuz auf sich nehmen? Sind es vielleicht die, die anderen das Kreuz aufbürden? Nochmal „Laß diesen Kelch an mir vorübergehen?“ Ist das nicht die Bitte: Erlasse denen, die mir nachfolgen, das Kreuz? Ist es überhaupt vorstellbar und denkbar, daß Jesus im Garten Getsemane nur für sich die Angst erlitten und gebeten hat? Und sind nicht ebenso die Worte am Kreuz bis hin zum „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ weniger auf die einsame Selbsterfahrung der Person Jesus als vielmehr auf die, die ihm nachfolgen und denen er die ganze Last des Scheiterns aufbürdet, zu beziehen, auf das, was er mit diesem Tod den andern antut, aufbürdet, zumutet? – Ist hier nicht die Schlüsselstelle für das Verständnis des Ganzen? Und ist nicht genau diese Stelle in der gesamten kirchlichen Tradition (in der Tradition des Schlafs der Petrus, Jakobus und Johannes und der Leidensmystik, die diesem Schlaf korrespondiert) auf den Kopf gestellt worden? Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. Das „Laß diesen Kelch an mir vorübergehen“ bezieht sich nicht auf sein privates Schicksal („Todes-angst“), sondern darauf, welche Folgen und Nebenwirkungen sein Schicksal haben wird.
Kreuz und Kelch: Hier liegt der Grund der Ambivalenz der Vergöttlichung des Opfers (von der christlichen Opfertheologie bis zum modernen Naturbegriff).
Mit dem Kreuz hat Jesus nicht unmittelbar befreit, sondern zunächst einmal die Last weitergegeben (und wenn, dann nur dadurch befreit).
Ist die Getsemane-Geschichte ohne die „Engel des Himmels“ beim Lukas zu halten?
Die falsche Leidensmystik, die sich auf der Getsemane-Geschichte herleitet, ist antisemitisch.
Zu Brot und Wein (zum vorangehenden Abendmahl und zum Kelch) vergleiche auch die Geschichte mit den Träumen der beiden Mitgefangenen des Josef, auch die Melchisedech-Geschichte. Zum Kelch vgl. auch die Noe- und Lotgeschichte (Aufdeckung der Scham durch Ham und Inzest der Töchter Lots; war Noe der Erfinder des Weinbaus?).
Ex 3728: Kelche in der Form von Mandelblüten (vgl. Jeremias).
Mk 1038: Wie hängen (Zornes-/Taumel-)Kelch und Taufe zusammen?
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