Antisemitismus

  • 17.07.91

    Die Geschichte des Objektivationsprozesses ist eine einheitliche Geschichte, die von der Opfertheologie, vom Bekenntnis, bis hin zur Existenzphilosophie reicht.
    Erst die Säugetiere (oder schon die Saurier?) sind Warmblüter, d.h. sie sind nicht auf den Wärmehaushalt der sie umgebenden Natur angewiesen, sondern sie reproduzieren ihn selber. Das ist die Voraussetzung dafür, daß sie sich dann vom Jahresablauf emanzipieren.
    Bildet die Evolution des Lebens die Evolution, die Struktur und die Abfolge der Bildung des Kosmos ab?
    Rosenzweigs Verständnis des Islam ist begründet in der Logik seines Systems und daraus nicht abzulösen. Sollten wir nicht aufhören mit der Erwartung, daß Religionen sich verhalten wie Standesverbände, die auch Kritik nicht ertragen (mit Abwehr darauf reagieren)? Die Selbstbesinnung ist fällig für alle Religionen.
    Das „de mortuis nihil nisi bene“ läßt sich nicht auf die Religionen anwenden. (Die Religionen sind heute allesamt teils parfürmierte Mumien, teils stinkende Leichen – tourismusfördernde Folklore.)
    Das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“, diese beiden Halbsätze sind im Mittelalter getrennt verkörpert worden durch den Dominikaner- und den Franziskanerorden.
    Theologie hinter dem Rücken und Theologie im Angesicht Gottes sind zwei verschiedene Aggregatzustände der Erkenntnis. Theologie hinter dem Rücken Gottes stabilisiert die verschuldete Welt, macht sich gemein mit der Schuld und blendet sie ab: ist der Kern und der Grund der Heuchelei. Sie vergrößert die Last, die auf dem Messias ruht.
    Wer die Wahrheit von der Beweislogik abhängig macht, begibt sich der Kraft zur Unterscheidung der Geister.
    Als ich Theologie studierte, auch in der Zeit des Noviziats, hatte ich mir eigentlich nie vorstellen können, einmal Priester zu werden, mich zum Priester weihen zu lassen. Aber ich hatte auch das – in meiner apokalyptischen Zeitstimmung begründete -Gefühl, daß es hierauf auch garnicht mehr ankomme.
    (FR-Serie über George Steiner: Von realer Gegenwart) … Da sieht man die spitzen Finger und den Papierkorb, da sieht man die Wölfe, die dem Lamm auflauern, da sieht man die Schlangen, die die Arglosigkeit der Tauben nur noch als Dummheit wahrnehmen (während es heute die Klugheit der Schlangen ohne die Arglosigkeit der Tauben schon nicht mehr gibt: sie in der Dummheit der Tauben den Beginn ihrer eigenen Dummheit anschauen.) Es ist zu offenkundig: Man fühlt sich angegriffen und glaubt sich durch Gegenaggression rechtfertigen zu können. In Wahrheit setzt die etablierte Zunft ihre Duftmarken, gibt Tabu-Hinweise für die eigenen Schüler. So erfüllt man aufs präziseste den tiefenpsychologischen Begriff der Abwehr.
    Nochmals zu dem Satz „seid klug wie die Schlangen …“: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie falsch abbildet, und es kommt alles darauf an, dieser Paranoia nicht zu verfallen.
    Die Trennung von Futur und Imperfekt, von Zukunft und Vergangenheit, wird stabilisert durch das Plusquamperfekt. Sie verhindert das Verständnis der Prophetie und ist der Tod der Theologie. Sind die Bäume das Gestalt gewordene Plusquamperfekt, die Tiere das Futur und die Pflanzen das Imperfekt? (Gehört das Verbot von den Bäumen in der Mitte des Gartens zu essen, zum biblischen Nahrungsgebot?) Liegt hier der Grund, weshalb die Namengebung, die benennende Kraft Adams, sich nur auf die Tiere, nicht auf die Pflanzen sich bezieht?
    Erst die Kritik der Physik eröffnet den Problemstoff, der in der Bibel steckt.
    Die Bekenntnislogik ist das Medium der Vergesellschaftung des Herrendenkens. Die Vorbildtheorien gehören zur Bekenntnislogik.
    Mein Eindruck ist, daß Entziehungskuren für Katholiken eingerichtet werden müßten: sie sind alle süchtig, sie stehen alle unter der Droge Kirche.
    Das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, das seine innere Konsistenz längst verloren hat, und nur noch deshlab weiterbesteht, weil keiner die Naturwissenschaften mehr versteht, ist ein Reflex des naturbeherrschenden Subjekts.
    Die entsetzliche Verwechslung der sogenannten künstlichen Intelligenz mit der menschlichen Vernunft ist nur möglich, weil das Fehlen der Spontaneität, der Erfahrung, der Verarbeitung von Erfahrung nicht mehr wahrgenommen wird. Aber das ist (nicht zufällig insbesondere an katholischen Hochschulen) nur deshalb möglich, weil von dem gleichen Effekt heute die Kirche lebt, sich durch die Reproduktion dieses Effekts (über ihren Bekenntnis-, Lehr- und Glaubensbegriff, nachdem sie das Nachfolgegebot endgültig verworfen hat) selber reproduziert.
    Die Bibel ist kein System. Der Versuch, sie dazu zu machen, hat in die Dogmatik, in die Trinitätslehre hineingeführt. Die Bibel ist vielmehr ein Wortfeld, gleichsam der Acker, dessen Bearbeitung uns auch aufgegeben ist. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Wort „Schwerter zu Pflugscharen“, angewandt auf Dogma und Bekenntnis, plötzlich eine sehr erhellende Bedeutung.
    Die Trinitätslehre ist die Form der Verpuppung der Wahrheit; sie hat, ohne daß die Theologen es bis heute gemerkt hätten, in der Hegelschen Logik, in seinem Begriff des Absoluten, sich selbst als leere Hölle zurückgelassen, ohne daß bisher der Schmetterling, der daraus entflogen ist, wahrgenommen worden wäre.
    Eine Sache zum Objekt machen, heißt, sie da fassen, wo sie schuldig ist: sie in den Anklagezustand versetzen.
    Ecce agnus dei, qui tollit paccata mundi:
    – Es heißt peccata mundi, nicht peccata hominum; es geht also nicht um die zurechenbare Schuld, sondern um die Schuld, in die man hineingerät: den Zustand und die Verfassung der Welt, in die man hineingeboren wird.
    – Und das tollit heißt nicht wegnehmen, sondern auf sich nehmen.
    Nach dem Nachfolgegebot ist es diese Schuld der Welt, die der Christ auf sich zu nehmen hat
    Der vom Nachfolgegebot befreite Bekenntnisbegriff liefert das Medium, in dem die Ausrede: „Die Andern tun’s auch“, möglich wird. Er kann so zur Entlastung von der eigenen Verantwortung genutzt werden, zur falschen und unwirksamen Exkulpierung. So gerät das Bekenntnis in den Wiederholungszwang des schlechten Gewissens. Die Logik des Bekenntniszwangs ist die Logik der Urteilslust aus schlechtem Gewissen: des Geredes, zu dem auch die Theologie heute verkommt. So induziert der Bekenntniszwang das Trägheitsprinzip in die Bekennenden und wird zum sozialen Kitt, der die Bekenntnisbedürftigen an die Gemeinschaften, an die sie gebunden sind, fesselt, aus denen sie nicht mehr herauskommen (auch wenn sie sich formal davon lösen). Das schlechte Gewissen, das dem Bekenntniszwang zugrundliegt (und durch ihn fixiert wird), objektiviert sich in dem vom Bekenntnis nicht abzulösenden Feindbild (primär im christlichen Antisemitismus).
    Adornos Bemerkung, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie zugleich falsch abbildet, ist eine präzise Beschreibung des Grundes der Naturwissenschaft.
    Die Bekenntnislogik und die Logik des Inertialssystems konvergieren miteinander.
    Zum Problem der Benennung der Tiere:
    – Wenn die Katastrophe der Urzeit, an die Max Horkheimer zufolge die Tierwelt erinnert, näher bestimmt werden kann, dann dürfte sie mit der Benennung der Tiere durch Adam zusammenhängen.
    – Die Benennung der Tiere durch Adam steht im zweiten Schöpfungsbericht; im ersten werden die Tiere – je nach ihrer Art -durch Gott erschaffen.
    – In der Sintflut erhält Noah den Auftrag, die Tiere in Paaren mit in die rettende Arche zu nehmen.
    – Im Buch Hiob führt Gott dem Hiob am Ende die apokalyptischen Tiere vor Augen, mit dem zusätzliche Hinweis: Warst du dabei, als ich sie schuf? (Löst sich das Rätsel des Endes des Buches Hiob durch die doppelte Gestalt der Schöpfungslehre?)
    – Vgl. auch die Geschichte mit der Schlange beim Sündenfall (Staub fressen / zu Staub werden).
    Zum Sündenfall:
    – Adam hat den Tieren ihren Namen (ihre Bestimmung) gegeben, also auch der Schlange (der klügsten unter den Tieren): ist somit die Schuld der Schlange (die Schuld der Welt) die Schuld Adams?
    – Die Schlange „wird Staub fressen“, Adam „ist Staub und wird wieder zu Staub werden“: Frißt die Schlange Adam?
    – Das Weib dagegen ist in Feindschaft mit der Schlange, ihr Nachkomme wird der Schlange den Kopf zertreten.
    – Vgl. auch
    . Noach (Gen 9), die Arche und der Bund mit den Tieren,
    . die Nahrungsgebote,
    . Hiob / Apk,
    . Hos 220: endzeitlicher Bund mit den Tieren.
    – DdA: Tiere erinnern an Katastrophe in der Urzeit.

  • 10.06.91

    Wertsetzung und Sinngebung setzen voraus, daß die Sache an sich wert- und sinnlos ist. Insoweit sind auch die positiven Werte Ausdruck von Verzweiflung.
    Die Häresie wurde als Verrat empfunden, weil sie das Geheimnis der Orthodoxie ausplauderte. Durch die Mobilisierung der apologetischen Kräfte ist die Orthodoxie dann immer tiefer in die Verstrickung hineingeraten (Zusammenhang von Orthodoxie, Vergegenständlichung, Apologetik/Theodizee und Opfertheologie; Grund und Kontext der Häresienbildung).
    Im Faschismus erfüllt sich die Geschichte der Häresien, aber so, daß gegen ihn Apologie nicht mehr greift, nicht mehr möglich ist, sondern nur noch das Bekenntnis, die Erfüllung des Nachfolgegebots: die Übernahme der Schuld der Welt, an deren Grund der Faschismus (durch den bedenkenlosen Gebrauch der Gemeinheitsautomatik) rührt.
    Geschichte und Opfer: Die Nachgeborenen glauben, Herr der Vergangenheit zu sein, über die sie als Wissende und Urteilende (wenn sie das Erbe der Vergangenheit antreten, ohne die darin kapitalisierte Schuld zu reflektieren) sich erheben; sie können aber über die Vergangenheit nur deshalb sich erheben (und die Früchte der geopferten Vergangenheit ohne das Bewußtsein von Schuld genießen), weil sie mit der Vergegenständlichung des Vergangenen zugleich sich von der vergangenen Schuld glauben exkulpieren zu können, ihr damit aber gerade rettungslos verfallen. – Der Antisemitismus wollte mit den Juden die Vergangenheit, für die sie einstehen, loswerden. Und nicht zufällig ist jeder Historismus chauvinistisch: der Staat repräsentiert diese Herrschaft über die Vergangenheit; deshalb muß er seine Bürger, von denen er die Verdrängungsleistung fordert, generell unter Anklage setzen und braucht einen Staatsanwalt. Wehe denen, die sich erinnern.
    Kontrafaktische Urteile in der Geschichte haben genau diese Exkulpationsfunktion. Als Urteilender distanziert man sich von der vergangenen Schuld, anstatt sie aufzuarbeiten. Kontrafaktische Urteile sind insoweit falsch, wie sie der gleichen Faktizitätslogik gehorchen wie die Tatsachenurteile. Auch der kontrafaktisch Urteilende steht als der moralisch Überlegene auf diesem Riesenleichenberg. Oder auf der Vergangenheitskolonie, der Vergangenheits-Dritte-Welt, dem Vergangenheits-Proletariat (das durch den Tod enteignet ist und dessen Arbeitsfrüchte wir genießen: dem ganzen Heer der toten Erniedrigten, Ausgebeuteten und Vergessenen).
    Die Vergegenständlichung vollzieht am Objekt die Taufe der Vergangenheit. Genau das leistet die kantische Vorstellung der Zeit als subjektive Form der Anschauung.
    Confessor und virgo: Der Mann nimmt die Schuld auf sich und kann sich davon nur befreien durchs Bekenntnis, er kann heilig werden nur als Bekenner; die Frau ist davon dispensiert, sie wird nur schuldig, wenn sie ihre Unschuld verliert: ist die Unschuld bei der Frau eine biologische, keine moralische Qualität?
    Im Anfang war das Wort, aber was ist der Anfang anderes als der erste Ursprung der Vergangenheit? Genau in diesem Punkt entspringt die Sprache. So hat die Sprache eine ursprüngliche Beziehung zu den Toten – als Ausdruck der Trauer über das Vergehen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung von den Toten.
    Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Aber woher kam die Urflut, die dann übrigens noch geschieden wird in die Wasser diesseits und jenseits des Firmaments?
    Theologisch begründete Herrschaftskritik kann sich nicht einschränken auf den gesellschaftlichen Aspekt von Herrschaft, sie muß auch den naturalen Aspekt mit einbeziehen. Die gesellschaftliche Herrschaft enthält über ihr Verhältnis zur Naturbeherrschung auch ein naturales Moment, das im Rahmen einer theologischen Herrschaftskritik offengelegt werden muß (das ist der letzte Sinn einer Naturphilosophie). Es gibt einen Naturgrund von Herrschaft, den wir besetzt halten, der aber mit den Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft über die Natur nicht identisch ist, sondern zugleich davon getrennt untersucht und dargestellt werden muß.

  • 30.05.91

    Gegen die rabbinische Lehre vom bösen Trieb steht im NT das Gebot der Nachfolge, der Übernahme der Schuld der Welt; weiterhin: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“; ebenso das Gebot der Feindesliebe; aber das ganze zusammen mit dem Verbot, das Unkraut vor der Zeit auszureißen.
    Grund dieser Differenz ist der Umkehrpunkt, der in der Zeitenwende erreicht ist: das römische Imperium, die hierdurch im Ansatz realisierte Einheit der Welt, die zur Folge hat, daß es diese unmittelbare Beziehung nicht mehr gibt, daß alles vermittelt ist, daß in die Begriffe des Individuums, der Person, dann des Subjekts und des Objekts, die Geschichte der ganzen Welt mit eingeht. Die Beziehung zum Anderen, zum Objekt ist durch die ganze Weltgeschichte, durch die Struktur der Gesellschaft vermittelt (und diese Vermittlung heißt in der Schrift „Babel“?). Hier liegt der Grund für die leichte Veschiebung vom Konzept des bösen Triebs zu den utopischen, scheinbar unrealisierbaren moralischen Forderungen des Christentums, aber das mit der Folge, daß diese utopischen moralischen Forderungen dann wirklich zur Utopie verkommen sind, während in der Praxis und im Dogma die Rückkehr erfolgte zu jener Pseudo-Unmittelbarkeit, die den Inhalt vernichtet hat und durch den Schein einer Erlösung ohne Umkehr absolut böse geworden ist.
    Horkheimers Bemerkung, daß es keine menschenfreundlichere Religion gibt, als das Christentum, aber auch keine, in deren Namen so schlimme Untaten begangen worden sind, hat genau hier ihren Grund.
    Aber was ist dann im Islam passiert?
    Der Begriff der Umkehr hat einen moralischen und einen zeitlichen Sinn. Umkehr leitet ihre Notwendigkeit daraus ab, daß im historischen Prozeß die vergangene Zukunft und die zukünftige Vergangenheit korrelativ immer weiter anwachsen. Wenn die Vergangenheit die Zukunft endgültig überformt: das wäre die Hölle. Die Gemeinheit ist genau die prophylaktische und präzise Anpassung an diese Hölle (deshalb ist sie leichter begründbar als das Gutsein): das Herrendenken.
    Zum Zeitsinn der Umkehr: Das verinnerlichte Opfer ist das Opfer der Erinnerung. Und das ist der Preis für das Bewußtsein, wie weit wir es doch gebracht haben, der Preis für die installierte und kaum noch wegzuarbeitende generelle Empörung, die die westliche Zivilisation insgesamt mittlerweile kennzeichnet.
    Der Objektbegriff ist der Korken auf der Flasche, in die wir den Geist eingesperrt haben.
    Ist Hiob ein Araber; wer sind dann die drei Freunde des Hiob?
    Die gesamte Physik ist eine Veranstaltung zur Erhaltung des Inertialsystems.
    Ungeklärt ist eigentlich immer noch das Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit zur Gravitation.
    Den ruhenden Raum, der die Dinge nicht affiziert, in dem sie unberührt sich aufhalten, gibt es nicht. Genau das ist die Gewalt die den Dingen angetan wird, wenn wir sie „hinter ihrem Rücken“, im Verhältnis der „reinen Äußerlichkeit“, unter „Laborbedingungen“ erforschen.
    Zur speziellen Relativitätstheorie Einsteins: die Zeitdilatation und die mit ihr systematisch verbundene Längenkontraktion sind richtungsbezogen, nicht objektbezogen.
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit macht das Moment der Gewalt kenntlich, das im Inertialsystem steckt. Dagegen hat Einstein Zeit seines Lebens aufbegehrt, während die, die aus der Quantenphysik glaubten, philosphischen Honig schlecken zu können, in Wirklichkeit nur die Ideologie zur Anpassung an die Gewalt geliefert haben (und zum Teil aus diesem Grund fromm geworden sind: religiös, ohne die Last der Umkehr auf sich nehmen zu müssen).
    Strukturalismus und Dekonstruktivismus haben ihr Vorbild in der protestantischen Bibelkritik und Exegese. Das, was diese mit biblischen Texten anstellt, haben die Franzosen dann generell auf Literaturkritik, Schriftkritik, Sprachkritik ausgedehnt.
    Wichtiger als die Suchen nach Autor, Quellenschriften, Sinn scheint mir die Untersuchung des Sprachgestus, z.B. der Wendung „Spruch des Herrn“ oder dessen, was die Exegeten den poetischen Teil im Jeremias nennen: eine Sprachgestalt, in der der Autor sich gleichsam kleinmacht, in der er fast nicht mehr vorkommt, während in den Prosatexten bereits moderne Subjektivität sich ankündigt, der Autor sozusagen als transzendentales Subjekt zu diesem Text dazugehört.
    Die heutige Neigung, Prophetie als „gefährlichen Text“ zu begreifen, müßte um ein geringes korrigiert werden, um der Wahrheit näher zu kommen. Gefährlich ist nicht die Prophetie, sondern ihre Nichtwahrnehmung, die dann zu Folgen wie Auschwitz führt.
    Bileams Esel: Welche Bewandnis hat es überhaupt mit dem Esel in der Schrift, z.B. damit, daß der Messias auf einem Esel nach Jerusalem hereinreitet?
    Die historisch-kritische Untersuchung der Bibel ist als deren Neutralisierung tendentiell antisemitisch. Der Gegenstand der Bibelkritik, das was durch Bibelkritik freigelegt werden soll, sollte nicht das Unvermögen, sondern die Kraft des biblischen Autors sein.
    Das Gebot der Feindesliebe wird durch zugrundegelegtes Harmoniebedürfnis nicht erfüllt, sondern unterwandert. Die Aufhebung der Feindschaft gibt es nicht, wer sie anstrebt, intendiert die Vernichtung des Feindes.
    Welche Aggressionen in der Exkulpierungssucht schlummern, läßt sich an manchen neudeutschen Bewegungen studieren.
    Am Beispiel des Kruzifixes ließe sich leicht die Bedeutung des Bilderverbots (und die Folgen seiner Übertretung) nachweisen.
    Die christliche Tradition dringt noch durch in der Politik unserer Bekenntnis-Parteien, die die Bekenntnislogik (z.B. das Personalisierungssyndrom) nutzen, um dahinter ihre dann nicht mehr kritisierbare Politik zu treiben.
    Der transzendentale Idealismus ist die babylonische Gefangenschaft der Theologie (und die negative Dialektik ist ein Äquivalent des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit; sie verhält sich zur Hegelschen Dialektik wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindkeit zum begrifflichen Kontinuum der Physik).
    Die Sonne beherrscht den Tag, der Mond die Nacht, aber die Erde bewegt sich (mit den Planeten) um die Sonne, der Mond um die Erde. Stellenwert von Wachen, Schlaf und Traum?
    Der Logos und die Vergöttlichung des Opfers (oder das Opfer und die Sprache): Die benennde Kraft der Sprache ist allein wiederzugewinnen im Rahmen der Nachfolge; jeder Versuch, das im Rahmen einer Opfertheologie zu instrumentalisieren, führt in die Dialektik des Richten und Gerichtet-Werdens. Das instrumentalisierte Opfer verhext die Sprache, das reflektierte Opfer erneuert sie: Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ war der Systemgrund der Prophetie.
    Was ist der Unterschied zwischen den Pluralformen Elohim, Haschamajim und Sefirot, Sabaot?
    Die sogenannten Anthropomorphismen in der Schrift, die im Übrigen dazu ja erst vor dem Hintergrund des „naturwissenschaftlichen Weltbildes“ geworden sind, sind die eigentliche Erfahrungsquelle der Theologie. Wer diese Erfahrungsquelle verschüttet, läßt die Theologie verdorren, schickt sie in die Wüste, zu der die Welt geworden ist.
    Hat Velikovskys Venus-Katastrophen-Theorie einen ähnlichen Stellenwert und eine ähnliche Bedeutung wie Freuds psychoanalytischer Mythos von der Brüderhorde und der Tötung des Urvaters?
    Das Problem der Gemeinheit in der Justiz ist aus beweislogischen Gründen nicht aufhebbar.
    Stammheim und Velikovskys Venus-Katastrophen-Theorie: Die Selbstmorde in Stammheim waren vielleicht tatsächlich Selbstmorde; aber gleichwohl waren sie auch Morde: induziert (und auch zu verantworten) durch das Verhalten des Staates, durch die Art, wie die Verfolgung, die Ermittlungen und die Verfahren durchgeführt worden sind. Die Katastrophen-Theorie erinnert an die Mord-Theorie insofern, als beide nicht nur Tatsachen-Fragen, sondern auch Schuldfragen beantworten sollen; beide dienen auch der Entlastung, der Exkulpation (und es gibt kein beweglicheres Element als die Schuld).
    Kommt nicht bei Velikovsky und bei Heinsohn (in Abhängigkeit von der Geschichte der Ökonomie) die Rechtsgeschichte zu kurz? Hängt das zusammen mit der Unfähigkeit, das Katastrophische, die Einbrüche in der Gesellschaftsgeschichte zu begreifen. Kriege und andere Katastrophen sind oft nur Folgen von gesellschaftlichen Gewichts- und Gesteinsverschiebungen, von Umschichtungen, Verspannungen, die in normalen, „friedlichen“ Zeiten eingetreten sind, aber mit den damals zur Verfügung stehenden rationalen Methoden nicht zu bewältigen waren.
    Gilt das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ auch für die gesamte nachfolgende Täter-Gemeinde: die Kirche?
    Zu den grammatischen Strukturen der alten Sprachen: Gab es im Griechischen auch einen Vokativ? Und im Hebräischen?
    Der „Aufsatz“, diese Einübung in Heuchelei, ist etwas für Pfarrer, Richter und Lehrer. Themen wie „Der Wald im Spätherbst“ oder „Mein schönstes Ferienerlebnis“ waren Aufgaben, in denen der Schüler zeigen sollte, ob er gelernt hatte „sich auszudrücken“. Er mußte fähig sein, sich selbst ohne reale Objektvorgabe auszuquetschen. Und es waren die gleichen Lehrer, die dann am Ende mit der Frage „Was wollte der Dichter damit sagen“ jede Beziehung zur Literatur im Ansatz zerstörten. Richter, die die Anwendung der Gemeinheit narrensicher machen, Pfarrer, die den Atheismus unter dem Vorwand der Religion lehren, und Lehrer, die die Bildung so substituieren, daß sie danach nicht mehr vorkommt: das sind wohl im Augenblick die perversesten Berufe.
    Ulrich Sonnemanns „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, das die Sachverhalte sehr präzise beschrieben hat, ist möglicherweise deshalb bei den Lesern nicht angekommen, weil der Systempunkt, daß nämlich Gemeinheit kein strafrechtlicher, sondern nur ein theologischer Tatbestand ist, nicht deutlich genug angesprochen wurde.
    Sonnemanns Aufforderung, mit den Ohren zu denken, wäre dahin zu ergänzen: und mit den Augen zu hören (in den Dingen zu lesen). Das würde etwas wie ein mimetisches Sehen voraussetzen und mit einschließen, etwas, das bisher nur einmal in der Geschichte aufgetreten ist, in der Frühphase der Entwicklung der Schrift. Wie verhält sich die Geschichte der Schrift zu den kulturellen und politischen Entwicklungen der Völker: Welcher Phase gehört die arabische Schrift an; was drückt sich in der chinesischen, in der indischen, in der ägyptischen Schrift aus; wie verhalten sich Keilschrift und Buchstabenschrift, welche Schrift hatten die Babylonier? Gibt es Objektschriften (China, Ägypten: Vorrang der Substantive), Prädikatschriften (Indien, Arabien: Vorrang der Verben)? Hängt die Entwicklung der Buchstabenschrift mit dem Bilderverbot zusammen, welche Auswirkung hatte die Einführung der Majuskel in der deutschen Schrift?
    Wenn die Bibel das Wort Gottes ist, dann kann sie nicht nur auf Vergangenheit sich beziehen, dann muß sie eine Gegenwartsbedeutung haben. Konsequenz: das typologische Schriftverständnis?
    Drückt in der Unterscheidung zwischen starker und schwacher Deklination sich der Unterschied zwischen dem Subjekt und seiner Vergegenständlichung, und im Verfall der schwachen Deklination (in Verbindung mit dem Verfall des Konjunktivs) eine Auswirkung des Objektivationsprozesses aus, ein Verfall des Humanen, eine Folge des „Hinter-dem-Rücken-Redens“, des Geschwätzes?
    Was ist an Spenglers Hinweis, daß die Wikinger, die Normannen das Rechnungswesen und die Buchhaltung eingeführt haben? (etwa S. 1010/20?)

  • 23.05.91

    Zu Siegfried Herrmann, Jeremias, Darmstadt 1990: Schwer erträglich der Objektivitätsanspruch, der soweit geht, das der Autor sich selbst in der dritten Person zitiert. Damit scheint es zusammenzuhängen, daß
    – die „Quellen“-Suche einfach nach dem Eindruck aussortiert (und der deuteronomi(sti)schen Redaktion zuordnet), was dem eigenen Prophetieverständnis nicht entspricht;
    – das Prophetie-Verständnis selber sich (positivistisch) an den Klischees „Heils-“ und „Unheilsprophetie“ orientiert, hierbei tendentiell die „Heilsprophetie“ den „falschen Propheten“ zuweist, ohne die zentrale Bedeutung der Umkehr zu sehen, die wörtlich zu verstehen ist: durch Umkehr wird Unheilsprophetie zu Heilsprophetie, beide sind zwei Seiten der gleichen Sache; und falsche Propheten sind jene, die „Heil“ ohne Umkehr versprechen.
    – Deutlicher als „Heil“ und „Unheil“, die christlichem (und dann faschistischem) Sprach- und Denkgebrauch entsprechen, wären ohnehin die biblischen Begriffe Gericht und Barmherzigkeit: Das Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die unbarmherzige Welt (über das Weltgericht).
    – Unerträglich auch die unvermittelte (an preußisch-deutsche Traditionen der Geschichtsschreibung erinnernde) Zuordnung des Prophetenworts zu frühgeschichtlichen Kriegsereignissen mit der Tendenz, Unheil mit Niederlage und Heil mit Sieg gleichzusetzen: so als hätte das Hören aufs Prophetenwort die Niederlage, Unterwerfung und Vertreibung, das Exil, verhindern können. Prophetie ist Herrschaftskritik, nicht Kritik der Herrschaft des Feindes. (Die hämische Reaktion dessen, der den Besiegten nachträglich an seine – vom Propheten vorhergesagten – Fehler erinnert, entstammt der Tradition dieses Prophetieverständnisses).
    – Geschichtsschreibung als Einfühlung in die, die seit je gesiegt haben, verfehlt die historische Wasserscheide der Prophetie von vornherein.
    Unterirdisch scheint hiermit auch Bubers Schrift- und Prophetieverständnis zusammenzuhängen, wie es u.a. in seiner archaisierenden Sprache sich zeigt. Verwaltungssprache wird nicht dadurch „echter“, daß sie auf frühfeudale Verhältnisse rekurriert, gleichsam durch heroische Patina sich zu legitimieren sucht, Geistesgegenwart durch hierarchisches, entmündigendes Realitätsverständnis (Künden, Weisen, Walten), zu dem dann das existentialistische „Geschehen“ paßt: durch den Rückgriff auf vorzivilisatorische Verhältnisse ersetzt (durch die man glaubt, dem antisemitischen Gesetzesverständnis sich entziehen zu können, während man zugleich gesetzlose Zustände, die dem Antisemitismus zugute kommen, befördert).
    Zu Jeremia „der Nacken und nicht das Gesicht“ (vgl. S. Herrmann, S. 95): Präzisierung des „hinter dem Rücken“; der Nacken beugt sich vor den Herren; er trägt die Last, das Joch (beugt sich unter der Last der Schuld). Vgl. u.a. Jer 1719ff: die Sabbatheiligung, 271ff: Zeichenhandlung vom Joch u.ö.
    Kann es sein, daß man die – aus Deuterojesaias Gottesknecht-Liedern stammende – Vorstellung vom Sühneleiden des Gerechten (Jes 53) auf ihren Realgehalt zurückführen, daß man die christliche Form ihrer Adaptation gleichsam umkehren muß, um ihre Wahrheit zu begreifen; man darf sie nicht aus der Sicht des Volkes, sondern aus der des Gottesknechts: nicht teleologisch, sondern kausal interpretieren: als erstes Zeugnis jenes Mechanismus, der dazu führt, daß in der Tat der Gerechte das erste Opfer der Gemeinheit ist, die im realen historischen Prozeß sich durchsetzt, wenn die Gottesfurcht verschwindet und die Lehre keinen Platz mehr findet. Falsch (dem Nachfolgegebot widersprechend) ist auf jeden Fall ihre Umformung zur Opfertheologie, die durch Instrumentalisierung das progressive Verschwinden der Gottesfurcht und der Lehre verursacht und am Ende beschleunigt hat. (Vgl. aber dagegen Hebr 1010 u.a.)
    Die Bemerkung aus der DdA, wonach die Distanz zum Objekt vermittelt ist durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, sowie die Konsequenz, die sich aus der mittelalterlichen Interpretation der biblischen Dornen und Disteln durch die Wormser Chassidim ergibt, ist ohne eine kritische Naturphilosophie nicht zu halten.

  • 21.05.91

    Zur Systemlogik des Bekenntnisses gehört die Heuchelei: daß die, die das Bekenntnis fordern, selber nicht bereit sind, sich daran zu halten. Bekenntnisse sind Bekenntnisse für andere. Der Bekenntniszwang nimmt zu mit der Ohnmacht: deshalb ist er innerhalb der Linken stärker als bei den Rechten. Die CDU ist eine Bekenntnis-Partei, weil sie eigentlich kein Bekenntnis mehr braucht. Die Verflechtung von politischer und wirtschaftlicher Macht enthebt jene, die diese Macht in Händen halten, von jeder Verpflichtung (vgl. die Papstgeschichte des frühen Mittelalters). Der Bekenntniszwang wird nur in Gefahrensituationen aktuell (in Situationen, in denen der instrumentelle Gebrauch geboten ist): hier wird das Bekenntnis wieder zur Waffe, zum Mittel der Diskriminierung, der taktischen oder strategischen Nutzung des Feindbildes.
    Gott gründete die Erde und spannte den Himmel auf: hat er den Himmel mit den Sternen am Firmament befestigt? Und Paulus war ein Zeltmacher. – Gegründet werden Städte, Staaten, Unternehmungen, Firmen, Institutionen; Grund sind teleologische Vorstellungen, Zwecke, Ziele, Ideen als Ursachen. Gründen ist eine technische Organisation von Mitteln zu bestimmten, vorgegebenen Zwecken: Zusammenhang mit der Selbsterhaltung, dem Realitätsprinzip.
    Prophetisches Bilder-Lexikon: die Erde gründen, den Himmel aufspannen, Dornen und Disteln, den Geist ausgießen, Tiere, Völker, Bäume etc.
    Bezieht sich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf den ganzen Raum oder (als Maß einer Bewegung im Raum) jeweils nur auf eine bestimmte Richtung des Raumes: sind die Längenkontraktion und die Zeitdilatation richtungsabhängig (auf den Bewegungssinn bezogen)? Bedeutet das, daß die Beziehung der Zeit zum Raum nicht mehr diesen Totalitätscharakter hat, sondern gleichsam individualisierend vorgestellt werden muß? Was ist hiernach noch gleichzeitig? Ist nur noch der „Lichtstrahl von innen“ das Moment der Gegenwart im Raum, und die Gleichzeitigkeit (als subjektiver, mit dem Inertialsystem als objektiv gesetzter Schein) hiervon zu unterscheiden? Die Lichtgeschwindigkeit gehört zu einem Vorstellungssystem, in dem der Lichtstrahl gleichsam von außen gesehen, vergegenständlicht wird, und erst in diesem Zusammenhang als eine zeitlich bestimmte Bewegung erscheint. (Falsche Interpretation der Zeitdilatation: sie kann nie auf ein ganzes Objekt bezogen werden. Man altert nicht langsamer, wenn man mit einer Geschwindigkeit nahe der Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall fliegt.)
    Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht das Maß einer Objektbewegung im Raum, sondern das einer Raumbewegung im Objekt.
    Verletzen die „Schwarzen Löcher“ nicht das Gesetz der Energie-Erhaltung?
    Schlaf: das Untertauchen ins Gegenständliche, Subjektlose; deshalb: Wachet und betet. Die Physik ist der Traum des Verstandes, die Theologie das Aufwachen.
    Paulus heißt auch Saul; kam nicht David nach Saul?
    Heinsohn weist auf den astronomischen Ursprung des Pentagramm hin: auf den Zusammenhang mit der Planetenbahn der Venus, die in genau acht Jahren fünfmal die Sonne umkreist, bezogen auf die Erde demnach ein Pentagramm beschreibt. Das Pentagramm ist der Drudenfuß: gibt es dazu eine keltische Erklärung?
    Gemeinheit ist kein psychologischer, sondern ein objektiver Begriff; oder genauer: ein Begriff für einen objektivitätsbegründenden Sachverhalt. Die Erfahrung der Gemeinheit läßt drei Reaktionen zu:
    – man wird selber gemein;
    – man wird depressiv;
    – man weigert sich, auch gemein zu werden.
    In der dritten Verleugnung wird die Kirche selber zur Schule der Gemeinheit. Es ist die Phase der Selbstverfluchung.
    Aufklärung beruht auf der Verinnerlichung des Opfers und der Vergeistigung der Idololatrie.
    Abraham (seine Nachkommenschaft ist so groß wie die Zahl der Sterne am Firmament), Isaak und Jakob und die zwölf Stämme Israels: der „Schrecken Isaaks“ („Er lacht“), das Lachen Abrahams und Saras, Jakob: „Gott schützt“ und „Er betrügt“.
    Zu Jakobs Kampf mit dem Engel: Gibt es eine andere Stelle, an der die Hüfte vorkommt? Hat die Hüfte etwas mit der Lende oder mit der Rippe zu tun?
    In welcher Beziehung stehen die zwölf Apostel zu den zwölf Stämmen Israels, den zwölf Söhnen Jakobs (den zwölf Tierkreiszeichen)? An welcher Stelle stehen respektive Petrus, Johannes, Judas?
    Die Sonne herrscht über den Tag, der Mond über die Nacht.
    Zu den frühgeschichtlichen „Naturkatastrophen“ vgl. die Geschichte von den Urkönigen (Könige von Edom) in der Kabbalah?
    Zu den Königen von Edom: Hatte jeder eine Stadt gegründet? Wieviel Städte waren es?
    Woher stammen die Galiläer; gibt es einen Zusammenhang mit dem Stamme Dan?
    Steiner, S. 262; Kunst als Gegenschöpfung, S. 265; S. 268
    Das objektbezogene Lachen ist anders als das befreiende Lachen (ebenso das feindbildbezogene Zwangs-Bekenntnis anders als das befreiende Bekenntnis).
    Zwischen dem An-sich und dem Für-uns ist ein Bruch, der sich dialektisch nicht auflösen läßt. Das An-sich wird in Dialektik hereingezogen durch das entfremdete Subjekt-Objekt: als ein Für-uns.
    Durch das „es gibt“ wird die Frage „Gibt es Gott“ blasphemisch. Für dieses Es gibt es keinen Gott. Dieses Es ist Statthalter der Totalitätsbegriff Welt und Natur, die sich dem historischen Prozeß verdanken, die Subjektivität zum Ursprung haben, deshalb atheistisch sind.
    Zur Genesis des Objektbegriffs: Die Billardkugel, die Erde, die Sterne, die Sonne, das Opfer, das Objekt des Lachens, das Schicksal, das Urteil, das Richten, der Begriff/das Urteil/der Schluß, der Säkularisationsprozeß, die Profangeschichte: Herrschaftsgeschichte und Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, Subjekt und Empörung, Objekt und Instrumentalisierung, Mittel und Zweck, Grund und Begründetes.
    Es ist der zugleich festgehaltene und geopferte Objektbegriff, der die Hegelsche Logik begründet. Die Verinnerlichung des Opfers hat ihr gegenständliches Korrelat im Opfer des Objekts: im Antisemitismus und in der Frauenfeindschaft. Geopfert wird die Klage (Rahel weint um ihre Kinder) und die Barmherzigkeit.
    Jeder Mensch ist Ursprung eines Inertialsystems: Zusammmenhang mit den Fixsternen?
    Spr 1519: Der Weg der Faulen (der Trägen?) ist wie ein Dornengestrüpp, …: Kritik des Inertialsystems.
    Zur Mechanik, zur Realitätserfahrung am Widerstand des Objekts: der Boden ist der Widerstand gegen den Fall (Blut und Boden).
    Zur Dialektik der Scham: Wer selber vor Scham sich verstecken (in den Boden versinken) möchte, respektiert nicht mehr die Scham der anderen (nimmt sie nicht mehr wahr?). Zusammenhang mit der Dialektik der Schuld.

  • 13.05.91

    Die Logik des Bekenntnisses beherrscht auch den Erkenntnisfortschritt: Das Objekt ist der Feind, das Wissen das Denkmal des Sieges; gewonnen wird das Wissen in der Auseinandersetzung mit den Häresien: den veralteten, überwundenen Anschauungen (in jeder Häresie tritt der wahren Lehre erneut ein noch nicht überwundenes Stück Heidentum entgegen). Der Materialismus repräsentiert die ungetaufte, noch nicht überwundene rohe Natur: das, was unten ist und da auch hingehört. Universität ist ein Zielbegriff und ein Kampfruf, die Wissenschaft die Phalanx, die ruhig, gewaltig und unwiderstehlich fortschreitet. Die widerlegten, überwundenen Gedankenmassen haben ihre Begräbnisstätten in den Bibliotheken gefunden; an die Möglichkeit einer Auferstehung denkt niemand.
    Hat der Satz: „Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag“ auch erkenntniskritische Bedeutung? Und ist nicht der Sinn hierfür durch die Musik geschärft worden: durch die Überlagerung verschiedener Zeitstrukturen? Und ist hier nicht die Klassik ein -wie auch immer ambivalenter – Fortschritt gegenüber der Polyphonie Bachs? Werden hier nicht in die Musik Formstrukturen eingearbeitet, die sich dann in der Musik gegen die Musik (in Richtung Sprache?) abarbeiten? Eine Geschichte der Musik nach Bach (bis Schönberg) müßte diesen Prozeß darstellen. Bach hat gleichsam das Gravitationsgesetz in der Musik entdeckt und ausformuliert, Schönberg das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Das Movens in dieser Geschichte ist mit denm Hegelschen Absoluten verwandt: mit dem Gesetz der Profangeschichte: von der brutalen Form der Selbsterhaltung bis zu den sublimsten Formen des Glücksverlangens.
    Das Gefühl, dessen Begriff das Äquivalent des mechanischen Stoßes, das Tastempfinden, wie auch die sublimsten Erfahrungen umfaßt, ist nicht nur der Gegensatz zur Vernunft, zur Logik, sondern es hat seine eigene Logik, die an der der Vernunft partizipiert. Das Gefühl ist die brennende (aber nicht verbrennende) Innenerfahrung der Profangeschichte; durch die Bindung an die Profangeschichte hat es seinen pathologischen Zug, der aber gleichzeitig der Widerstand ist, an dem es sich abarbeitet. Das Gefühl ist das Äquivalent des materiellen Trägheitsmoments im Subjekt. Und die Physik, vom Gravitationsgesetz über die Thermo- und Elektrodynamik bis zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, zum Planckschen Strahlungsgesetz und zur Quantenmechanik, beschreibt nicht nur die Schicksale des Trägheitsbegriffs, sondern ebensosehr die des Gefühls. Das Gefühl konstituiert sich in der Spannung zwischen Welt und Natur (als subjektiver Reflex der entfremdeten, vergegenständlichten Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur). Sein Ursprung licht (sic, B.H.) die Geschichte der politischen Physik (nicht Ökonomie).
    Der Säkularisationsprozeß hat seine Grenze darin, daß in seinem blinden Fleck die christlichen Ursprünge versteckt sind (blind herrschen und zugleich unerkennbar geworden sind). Diese verdrängten christlichen Ursprünge aber sind nur erkenntnis- und bewußtseinsfähig im Rahmen einer politischen Physik. Sie sind aufklärungsfähig nur dann, wenn der Bann, der von der Physik auf die Politik ausstrahlt und übergreift, gelöst wird. (Titel-Vorschlag: Probleme des Säkularisationsprozesses oder Kritik der politischen Physik. – Kritik der politischen Physik ist Kritik der Ästhetik, Kritik des Weltbegriffs; in der Theologie: Kritik des Bekenntnisbegriffs. Hintergrund ist der Zusammenhang der transzendentalen Ästhetik und der transzendentalen Logik)
    Typos meiner Waldspaziergänge: das Brüten des Geistes über den Wassern (in Verbindung mit dem „abgestiegen zur Hölle“).
    Über den Gegenstandsbegriff hat das Subjekt alle Objekte in den Strudel seines Falls mit hereingezogen.
    Der verdinglichte Begriff des Unbewußten, der Zwang, das Unbewußte im Rahmen einer psychologischen Topographie im Subjekt zu lokalisieren, rührt her vom Telos der Psychoanalyse, von dem Ziel, das Subjekt lebenstüchtig zu machen, es ans herrschende Realitätsprinzip anzupassen, es arbeits- und genußfähig zu machen. Mit der Anerkennung des Realitätsprinzips lädt Freud dem Subjekt die ganze Last der Vergangenheit auf; die Hinnahme der Vergangenheit ist die Grundlage des Realitätsprinzips. Aber mit der Anamnese, mit der Erinnerungsarbeit, stellt Freud auch die Mittel bereit, diese Vergangenheit zu durchschauen; wenn die Anamnese entdomestiziert (nicht selber wieder dem Realitätsprinzip unterworfen) wird, vermag sie vielleicht auch diese Prämisse des Freudschen Konstrukts zu relativieren.
    Das Subjekt-Objekt des Rechts ist die Gemeinheit: deshalb ist die Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts.
    Im Gravitationsgesetz und in der Geschichte der Optik und Elektrodynamik ist es der Physik gelungen, die Distanz zum Objekt ins System zu integrieren, so das System überhaupt erst zu konstituieren. Durch diese Einbindung aber ist das System zugleich gesprengt worden (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit).
    Falsch wäre es, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf das Gravitationsgesetz bloß anwenden zu wollen, wichtig wäre es, die Identität zu begreifen.
    Velikowsky und seine Nachfolger, die Vertreter einer katastrophischen Geschichtstheorie, bleiben in dem gleichen Konkretismus stecken, der auch die gesamte Ökologiebewegung beherrscht. Ein nicht konkretistischer Objektivitätsbegriff würde allerdings auch eine Kritik der Physik (Kritik des Inertialsystems) voraussetzen, die es bis heute noch nicht gibt.
    Steckt in der Masse-Energie-Äquivalenz (E = m.c2) der Schlüssel für die Kritik und Entzifferung der wichtigsten Leistung des Gravitationsgesetzes: der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
    Enthalten die apokalyptischen Schriften Erinnerungen an die historischen Naturkatastrophen, oder enthalten sie Hinweise für eine Entschlüsselung dessen, was hier durch das Konzept der historischen Naturkatastrophen bewiesen werden soll? Die konkretistischen Weltuntergangsvorstellungen scheinen in den gleichen Zusammenhang hereinzugehören.
    Wenn die Juden der Augenstern Gottes sind, wer ist dann der Finger Gottes? Ist es der Finger Gottes, der die Lippen öffnet? (Ein Titel wie „Der Heilige Geist als Person“ ist schlicht blasphemisch, eine Sünde wider den Heiligen Geist.)
    Hat der Hahnenschrei etwas mit dem Morgenstern zu tun?
    Die installierte Heuchelei des kirchlichen Lebens heute, der Existenz in der Kirche, beruht darauf, daß der Block des Bekenntnisses, wie es scheint, nicht aufzulösen ist. Erst die Verbindung von Gottesfurcht und Herrschaftskritik löst den mythischen Bann.
    Das Subjekt in der Natur ist das alte logische Subjekt, das Subjekt im Urteil, das durch die Mathematisierung der Natur sich aufgelöst hat. Geblieben ist die Idee des unbegriffenen Benennbaren. Die Auslöschung des benannten (benennbaren) Subjekts ist der systemlogische Grund des Antisemtismus.
    Heute verfängt sich das Herrendenken in seinem selbstproduzierten System. Der Satz „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ benennt das Prinzip davon.
    Der Begriff des Gerichts hängt mit dem der gerichteten Bewegung, mit der Gewalt des Raumes, zusammen; gerichtet wird außerdem das Haus („aber der Menschensohn, hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen soll“); und das Essen wird angerichtet. Gerichtet wird der Angeklagte, der Verbrecher.
    Wie ist es mit dem Haus, dem Wohnen, im Alten Testament (das Zelt, der Tempel), mit dem Land, wo Milch und Honig fließt?
    Die Erde erscheint von außen als „blauer Planet“. Warum eigentlich? Und warum nur die Erde?
    Hegels List der Vernunft ist heute übergegangen in die Gewalt der Vernunft. Genauer: An die Stelle der List der Vernunft ist heute die nackte und brutale Gewalt getreten, die auch in der Vernunft ihr zerstörerisches Werk vollendet hat.
    Die Differenz zwischen dem stalinistischen und dem faschistischen Antisemitismus läßt sich an dem Verhältnis der stalinistischen Schauprozesse und dem faschistischen Judenmord bestimmen: Die Funktion der Antisemitismen war unterschiedlich. Der stalinistische Schauprozeß ging über die Gehirnwäsche zur Auslöschung des Subjekts durch systemkonforme Selbstdenunziation; den Opfern wurde zugemutet, durch die doppelte Selbstdenunziation (als „Verräter“ der Bekenntnisgemeinschaft und des eigenen Gewissens) das von ihnen selbst vertretene System (ihre eigene Identität, wie es heute bei der raf heißt) zu retten. Die Angeklagten bekannten sich schuldig für Taten, die sie nicht begangen hatten. Um der Gemeinschaft, der sie sich verschrieben hatten (dem Bekenntnis, an das sie glaubten), zu dienen, ließen sie sich als Opfer (als Opfer ihrer eigenen Bekenntnislogik) vorführen. Die Nazis hingegen beteten die Gewalt an; und um diese Gewaltmetaphysik bei den eigenen Anhängern rein durchsetzen zu können, vernichteten sie die Angehörigen des Volkes, das an den einzigen Widerspruch gegen die Gewaltmetaphysik: an den Ursprung des Gewissens erinnerte. Die faschistische Gemeinschaft war die der Komplizenschaft, nicht die eines rationalen Bekenntnisses (der Form, nicht des Inhalts des Bekenntnisses).
    Die Liquidierung ist ein stalinistischer Akt, die Endlösung ein faschistischer.
    Intersubjektivität ist ein Bekenntnisbegriff.
    Die Medien sind die Agenten des beschränkten Lesergeschmacks, den sie selber produzieren.
    In den Problemen der Agrarpolitik und in den Dritte-Welt-Problemen drückt sich die Tendenz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur aus, die darauf hinausläuft, die Natur (den Naturstoff und die Arbeit) zum Verschwinden zu bringen.
    Legen die Hinweise von Gunnar Heinsohn die Erkenntnis nahe, daß die Schlachtopfer matriarchalischen, die Ganzopfer (Holocaust) hingegen patriarchalischen Ursprungs sind?
    Urheber des Krieges ist der Staat, nicht das Volk (Franz Rosenzweig, Kleine Schriften). Das Volk ist Opfer des Krieges, und zwar unabhängig von nationaler Zugehörigkeit und unabhängig von Sieg oder Niederlage: so ist das Volk eine Schicksalsgemeinschaft.
    Der Trick der Hegelschen Philosophie, die List der Hegelschen Vernunft, liegt darin, daß er das begriffslos gewordene Objekt zum Verschwinden bringt und auf diesem Wege den Begriff zum Inbegriff des Ganzen macht. Das Objekt, sofern es Deckbild des Anderen ist, dessen, was nicht in den Begriff aufgeht, ist nur noch Denkmal des vergessenen Namens, hat kein Existenzrecht. Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der Philosophie insgesamt antisemitisch, und das auch schon im frühchristlichen Dogmatisierungsprozeß, in der christlichen Theologie.
    Heideggers Existenzbegriff ist Inbegriff der Gewalt, die dem Objekt angetan wird, während der Existenzbegriff bei Rosenzweig, wenn es denn so etwas überhaupt bei ihm gibt, Inbegriff des Leidens ist, das dem Objekt angetan wird. Philosophie ist der Prozeß der Verdrängung dieses Leidens.
    Doppelte Beziehung zum Anderssein im Objekt: die Aggression, die Wut, ist antisemitisch, die Angst vor dem Chaos, vor der Selbstauflösung, ist frauenfeindlich. (Und die Oszillation von Angst und Wut ist die Elektrodynamik.)
    Das Medium der Naturphilosophie ist die assoziative, auch aleatorische Aufschlüsselung des Bruchs zwischen der Sinnlichkeit und ihrer physikalischen Objektivierung. Die hierbei gewonnene Erkenntnis gleicht der, die Spengler die physiognomische Erkenntnis genannt hat, jedoch nach ihrer Befreiung von der Herrschaft, des Mythos, des Schicksals. Sie gehorcht dem Satz: Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe; deshalb seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.
    Der Werbeslogan „Die Polizei, den Freund und Helfer“ ist schlicht eine blasphemische Lüge. Die Polizei ist die Priesterschaft des neumythischen Staates, das Opfer, das sie ihrem endlichen Gott darbringt, liegt noch jenseits des Ganzopfers, es ist kein Opfer mehr zur Entsühnung des Volkes, sondern das Opfer des Volkes zur eigenen Entsühnung, zur Entsühnung des Tieres, in dessen Dienst die Polizei steht.

  • 12.05.91

    Zur Genese des Idealismus: Das Verhältnis von Feind und Verräter (Juden und Häretiker) im Bekenntnissyndrom verführt zur Identifikation beider; im Faschismus waren die Juden Feind, im Stalinismus Verräter. Die Differenz gründet in der Beziehung zum Urteil: der Feind ist gleichsam das Subjekt, der Häretiker Prädikat, die Identität beider das transzendentale Subjekt, der absolute Begriff, die Ontologie. Die Identifikation, die Verwischung der Differenz, ist der Grund der synthetischen Urteile apriori bei Kant, der dialektischen Logik Hegels und der Fundamentalontologie Heideggers.

  • 04.05.91

    Erst wenn der Staat seine benennende Kraft verliert, wenn Prädikate aufhören, als Substanzbegriffe verwandt zu werden (wer gemordet hat, wird zum Mörder; wer gesalbt wurde, zum König oder Christus; wer backt, ist Bäcker; wer lehrt, Lehrer), löst sich der Schuldzusammenhang.
    Das Recht zu urteilen (Prädikate in Substanzbegriffe zu verwandeln – deren Grundlage ist die Mathematik) ist der Grund des Staates. Dagegen richtet sich das „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“.
    Mathematische Gleichungen sind keine Urteile (und Lösungen keine Antworten: Verwechslung von Fragen und Problemen). Nur der Schein der Substantivierung der Prädikate (des Begriffs) verdeckt den Sachverhalt, daß mathematische Gleichungen umkehrbare (reversible), subjektlose Beziehungen von Prädikaten sind. Dazu gibt es kein Subjekt; das ist untergegangen in der Vorstellung der subjektlosen Materie (des Subjekt-Stellvertreters: des allgemeinen Objekts, des Exemplars: des „Falls“; nicht zufällig ist der logische, dem Urteil zugehörige Subjekt-Begriff dann zum erkenntnistheoretischen Subjektbegriff geworden: Subjektivierung der benennenden Kraft des Begriffs). Das Inertialsystem ist das Gefängnis, in das wir die Natur eingesperrt haben; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der einzige Lichtblick.
    NB: Es gibt keine mathematischen „Begriffe“, sondern diese Begriffe sind idololatrische Namen, sie erzeugen (vertreten?) und bezeichnen zugleich das Objekt (Einheit von Erzeugtem und Bezeichneten, Bild und Begriff: deshalb gibt es kein „Wesen“ der Elektrizität). Telos des Falls ist das Exemplar.
    Mit der Institution des Staatsanwalts wird der Staat zur Institution des kurzen Prozesses: Ankläger und Richter sind institutionell nicht mehr getrennt; und sind nicht mehr zu trennen, seitdem es kein Urteilssubjekt mehr gibt, seitdem der Angeklagte nur noch als Objekt erscheint.
    Der Personbegriff ist der Vorläufer des modernen Subjektbegriffs. Seine Leistung war es, die Person vom Namen zu trennen; die Trennung des Objekts vom Namen war dann der Grund der Subjektivierung des Subjekts.
    Das Subjekt ist das Produkt der Gewalt, die ihm angetan worden ist, und die es seitdem allen Objekten und sich selber antun muß, um Subjekt zu bleiben. („Der nicht geschlagene Mensch ist nicht erzogen.“) Die spartanische Härte ist der Schatten der athenischen Vernunft.
    Auch Lachen ist eine Gestalt der Empörung.
    Während die Begriffe des Ewigen und des Überzeitlichen sich präzise trennen und unterscheiden lassen, gibt es andere Begriffe, die genau an dem Schnittpunkt der beiden Begriffe angesiedelt sind und in beiden Zusammenhängen sinnvoll sich verwenden lassen. Dazu gehören neben dem Begriff des Logos der der Person, der des Bekenntnisses, auch der Geistbegriff sowie die Begriffe des Objekts und des Subjekts. Wenn es gelingt, den Knoten, der hier geschürzt ist, wirklich zu lösen – und das würde bedeuten, das Dogma aus seiner Erstarrung zu lösen, zu befreien, es zum Leben zu erwecken -, wäre der Spuk beendet.
    Die Logik des Begriffs ist die Logik der Substantialisierung des Prädikats (Ausdruck der Gewalt, Grund der Reflexionsbegriffe). Gibt es einen Zusammenhang mit der Bekenntnislogik, der „Erkenntnis des Guten und Bösen“, mit der Namenlehre (auf die sie offensichtlich negativ sich bezieht)? Ist die Logik des Begriffs die Kehrseite der Namenlehre, ergibt sich die benennende Kraft der Sprache aus der Erkenntnis des Bösen (und nicht des Guten, wie die Philosophie seit Plato unterstellt)? Die Dinge beim Namen nennen, heißt das nicht: sie so negativ begreifen, wie sie sind? Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: das Negative begreifen, ohne dem Drang zur Selbstentlastung nachzugeben und es durch Projektion (durch Hypostasierung, Personalisierung) zu mildern. Zusammenhang mit dem Gebot der Feindesliebe.
    Substantialisierung des Prädikats: deshalb ist das Sein der erste Begriff und die Ontologie aus systemlogischen Gründen Staatsphilosophie.
    Der Begriff des Grundes (die Grundlage des argumentativen Denkens) reflektiert genau die Logik der Substantialisierung des Prädikats: das Prädikat als Subjekt. Insoweit hat Gott die Erde „gegründet“ (und den Himmel aufgespannt).
    Wenn die gesamte Physik ein selbstreferentielles prädikatives System ist, und auch die Materie (Trägheit, Schwere) bloß Prädikat, nicht Subjekt, so wird das zu benennde Subjekt in der Physik einzig noch repräsentiert durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und durch die mit ihm systemlogisch verknüpften Naturkonstanten (wie das Plancksche Wirkungsquantum, die Masse und Ladung des Elektrons, die Avogadrosche Zahl u.ä.).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verweist auf einen Sachverhalt, auf den Adornos Wort von der Spiegelschrift des Gegenteils zutrifft.
    So wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit etwas übers Inertialsystem aussagt, nicht übers Licht, so sagt der Antisemitismus etwas über die Antisemiten, aber nicht über die Juden aus. Erst wenn das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit selber als Manifestation der Schwerkraft begriffen ist (und nicht nur von außen darauf bezogen werden muß), ist das Rätsel der Physik gelöst. Die Lichtgeschwindigkeit (die Bewegung der elektromagnetischen Wellen und ihr Maß) hat etwas von der Wiederkehr des Verdrängten: Die Abstraktion von der Gravitation (die Formulierung des Gravitationsgesetzes durch Newton) war der letzte Schritt zur Konstituierung des Inertialsystems, die dann zwangsläufig die Vergegenständlichung der elektromagnetischen Erscheinungen nach sich zog. Das Gravitationsgesetz bestimmt das Verhalten der Dinge im Raum, die Elektrodynamik das des Raumes in den Dingen.
    Das Irritierende am Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit scheint darin zu liegen, daß sich zu diesem Gesetz keine verdinglichte Objektvorstellung hinzudenken läßt. Im Gegenteil: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist geradezu die Widerlegung der verdinglichten Objektvorstellung. Und diese Widerlegung wird in der Atomphysik, in der Quantenmechanik wiederum instrumentalisiert, verdinglicht. Was Ralph Giordano die zweite Schuld genannt hat, hat sein frühes Vorbild in der Quantenphysik. Die Neuformulierung der mechanischen Gesetze mit Hilfe der angepaßten Hamiltonschen Gleichungen leistet genau das.
    Die Geschichte der modernen naturwissenschaftlichen Aufklärung beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz; d.h. sie beginnt mit der Angst vor dem Anderen und endet mit der Aggression, dem Vernichtungstrieb gegen das Andere.
    Vgl. die Jotam-Fabel (Ri 97-21): wir sind der Dornbusch (Subjekt der Profangeschichte), Israel die brennende, aber nicht verbrennende Innenseite dieser Geschichte. (Gibt es überhaupt einen Christen nach Auschwitz, der sich mit Israel ohne Hintergedanken befaßt?)
    Hat das Wort, daß, wer Israel antastet, den Augapfel Gottes antastet (Sa 212, vgl. auch Deut 3210, Ps 178), mehr als nur metaphorische Bedeutung?
    Israel der Augapfel (Augenstern) Gottes; was bedeutet es, wenn es heißt: Gott sieht („Und Gott sah, daß es gut war“). Wenn seit Beginn des Gegenstands-Realismus die Realitätserfahrung aus der Widerstandserfahrung abgeleitet wird („daran habe ich mir den Kopf eingerannt“), wenn der mechanische Stoßprozeß gleichsam zur Grunderfahrung wird, so verschwindet damit, was eigentlich das Sehen bezeichnet.
    Ob Heidegger persönlich Antisemit war oder nicht, ist eigentlich schon fast uninteressant; wichtiger ist, daß die Systemlogik seiner Philosophie und deren objektives Korrelat: das, was diese Philosophie vom Zustand der Welt abbildet, antisemitisch ist.

  • 02.05.91

    Als die Kirche das Schuld- und Moralzentrum aus der Politik in die Sexualität rückte (die Schöpfung anstatt auf Himmel und Erde, auf die Welt bezog), hat sie (den Wölfen sich angepaßt und) der Gottesfurcht den Weg versperrt: dafür den Mechanismus des autoritätshörigen Charakters installiert.
    Zum Ursprung des Dezisionismus: Seit es für Antworten keine Begründungen mehr gibt, gibt es für Fragen (wie für mathematische Gleichungen) nur noch Lösungen (für die deutsche Frage, die Judenfrage, die Seinsfrage u.ä.): zugleich wurden die Fragen, um im Jargon zu bleiben, „unlösbar“, denn Lösungen sind keine Antworten.
    Der Begriff der Schuld ist so zweideutig wie der der Person; beide unterliegen der gleichen Dialektik wie das Gewissen, das als Organ der Wahrnehmung der Schuld, der Fähigkeit, ohne Rechtfertigungszwang die eigene Schuld zu erkennen, zu unterscheiden ist von dem Schuldvorwurf, von der Anklage, die die Person von außen trifft und – wenn sie keinen Verteidiger hat – zwangsläufig Rechtfertigungszwänge auslöst, die Person in den Schuldzusammenhang hereinzieht, in denen die gesellschaftlichen Instanzen, vor denen die Person rechtfertigungspflichtig wird, sich konstituieren. Die Person ist nicht nur der Träger des Namens, sondern zugleich der Verantwortung, der Zurechenbarkeit. Die Person muß für ihre Taten geradestehen, sie muß Rede und Antwort stehen. Der Zusammenhang von Name und Schuld, Name und Anklage (man wird beim Namen gerufen, um Rede und Antwort zu stehen) ist die instrumentalisierende Kehrseite des von der Instrumentalisierung befreienden „Heute, wenn ihr meine Stimme hört“. Das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über die Unbarmherzigkeit des Weltgerichts. Die Persönlichkeit besteht vor dem Weltgericht, weil sie dessen richtende Gewalt sich zueigen gemacht, verinnerlicht hat (und somit tendentiell unbarmherzig geworden ist), besteht sie auch vor dem Jüngsten Gericht? „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“.
    Die griechische Philosophie (kennt und) braucht keine „Vorsehung“; in der Gestalt des schönen, wohlgeformten, durchorganisierten Kosmos ist das Ziel präsent, an dessen Bild die Poleis sich orientieren. Der Kosmos ist das Modell der richtigen Gesellschaft. Dagegen ist der römische Weltbegriff ein reiner Herrschaftsbegriff; seine Grenzen sind nicht die inneren Grenzen (die „Formen“) der kosmischen Körper, sondern die äußeren des Römischen Imperiums, der römischen Macht. In der griechischen Philosophie war das Chaos nach innen, in den Begriff der Materie, verdrängt; im römischen Reich lag es sowohl außerhalb der Grenzen der Pax Romana wie dann auch im Innern der zwar unterworfenen, aber nicht schon endgültig befriedeten Völker. Aber beide Weltbegriffe, der philosophische Begriff des Kosmos als auch der politische des Reichs, lassen sich nicht ohne fatale Konsequenzen theologisieren. Wer den Schöpfungsbegriff auf den Weltbegriff bezieht, macht den Staat zum Schöpfer (den die Gnosis übrigens zu Recht als Demiurgen erkannt hat), begründet die verhängnisvolle Staatsmetaphysik, die seit je die wichtigste Quelle des Antijudaismus und am Ende des Antisemitismus war. An der Systemlogik dieses Weltbegriffs hat sich die christliche Theologie seit der Vätertheologie vergeblich abgearbeitet. In diese Systemlogik gehören die Trinitätslehre, die Christologie und Opfertheologie herein, sowie der seitdem zentrale Bekenntnisbegriff, mit dem die Staatsmetaphysik verinnerlicht wurde. Diese Systemlogik war deshalb nicht mehr kritisierbar, weil sie sich selbst im blinden Fleck steht: sie war Grund sowohl des theologischen Objektivierungsprozesses als auch der hierarchischen Kirchenstruktur. Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, der damit installiert war (und seitdem Grundlage der westlichen „abendländischen“ Zivilisation ist), ist das negative Abbild der Trinitätslehre.
    Zum Johannes-Evangelium (zu der daraus abgeleiteten Christologie): Das „Im Anfang war das Wort“, das anklingt an das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, bezeichnet einen Anfang, zu dessen Bestimmung die damit erst entstandenen zeitlichen Bestimmungen nicht ausreichen. Insbesondere ist fraglich, ob er so einfach in die Vergangenheit projiziert werden kann (der Begriff des Ewigen schließt doch eigentlich eine Vergangenheit von sich aus). Und der Logos hat sicherlich weniger mit der Logik (und sei es die Hegelsche) zu tun, als mit der Sprache und dem Namen.
    Was entspricht dem Personbegriff des Tertullian: prosopon oder soma? Oder ist es die Identifikation beider, der Gewaltakt, der die lateinische Theologie begründet? Ist es der gleiche Gewaltakt, der notwendig war, um den griechischen, kosmischen Personbegriff (soma) dem römischen, politsch-juristischen anzugleichen.
    Welche Bewandnis hat es damit, daß das westliche Christentum nicht von der Metropole, sondern von den Peripherien ausgeht (in der auslaufenden Antike Nordafrika, und dann, im beginnenden Mittelalter, Irland)? – Aus Irland kommen insbesondere: die Ohrenbeichte, das Zölibat, die Mönchskirche, das Fegefeuer, insgesamt die Verdinglichung des Jenseits.
    Die inneren Probleme des Christentums sind zu einem nicht unerheblichen Teil Übersetzungsprobleme. Es wäre sicherlich fürs Verständnis wichtig, wenn man die Schriften des NT ins Hebräische oder Aramäische zurückübersetzen würde. Was wäre, wenn man die Trinitätslehre und die Christologie ins Hebräische übersetzen würde?
    An der Startbahnmauer steht heute noch der theologische Satz: „Ihr Gewissen war rein; sie benutzten es nie.“
    Hierarchie bedeutet: der Anfang, der Grund, die Herrschaft des Heiligen, Hieronymus der heilige Name, Augustinus der Augustiner; was bedeutet Tertullian?
    Besteht eine Beziehung zwischen der postmodernen Diskussion um den Begriff des Erhabenen und dem Caesar Augustus, aus der die kirchliche Legende dann den Kaiser Augustus anstelle des erhabenen Caesar gemacht hat. („Oh, du lieber Augustin …, alles ist hin.“)
    „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …“ Über die Münze ist das Bild in den philosophischen Objektbegriff eingewandert, der somit unters Bilderverbot fällt (Zusammenhang von Opfer, Münze, Säkularisation). Dieses Bild des Kaisers ist zugleich Modell für den philosphischen Subjektbegriff (Folge der Säkularisation des Schicksals, des Dämon, des Kaisers, der Vergesellschaftung von Herrschaft). Das „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ ist der legitime Erbe des Kaisers. Hegels Philosophie ist die Entfaltung dieses Zusammenhangs von Begriff, Schicksal, Herrschaft, Objekt und Subjekt, mit der Auflösung in der zutiefst scheinhaften Idee des Absoluten (des Organismus, in dem „kein Glied nicht trunken ist“, geweissagt im prophetischen „Taumelkelch“?).
    Hängt das prophetische Bild des Taumelkelchs mit der Vorstellung von der „entsühnenden Kraft“ des Blutes zusammen (die heute noch die Tradition des Abendmahls entstellt, verdunkelt)?
    Nach Freud ist der Witz auf drei Personen bezogen: den Urheber, das Objekt und den Adressaten des Witzes (der über den Witz lacht). Das Lachen ist Ausdruck und Teil seiner „Objekt“-Beziehung.
    Rechtfertigung ist die Begründung ex post, die Begründung die Rechtfertigung ante.
    Wie verhalten sich Ursache und Grund zueinander? Im Grund reflektieren sich die Zweckursachen, das teleologische Moment in der Sache. Die Welt unterscheidet sich von der Erde (adama) durch die Entgründung, durch die Herrschaft des Kausalitätsprinzips. Die Welt ist die grundlos (atheistisch) gewordene Erde. (Auch die Quantenmechanik hat – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – das Kausalitätsprinzip nicht durchbrochen.) Erst angesichts der grundlos gewordenen Welt ist die Frage sinnvoll: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts. Wenn es nur noch subjektive Gründe gibt, ist die Welt grundlos, bedarf es keines Gottes, gibt es keine Alternative zur Macht. In der instrumentalisierten Welt kommt es nicht mehr auf die Qualität der Argumente an, sondern nur noch auf die dezisionistische Entscheidung dessen, der seine Entscheidung auch durchsetzen kann (auf Macht). Das Äquivalent der Begründung in der formalisierten Logik leistet nicht mehr, was es leisten soll; mit dem Grund verschwindet auch das Subjekt aus dem Denken. Durch den Zusammenhang von Grund und Subjekt rührt das Subjekt an den Grund der Welt, an dem es Anteil hat, und darauf antwortet das Nachfolgegebot.
    Wie hängt Wittgensteins Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ mit der Instrumentalisierung und dem Verschwinden des Grundes zusammen? – Der Sündenfall eröffnet den Abgrund, in dem der Grund zugrunde geht: das Inertialsystem ist dieser Abgrund. Hierauf scheint das Moment des Rechtfertigungszwanges in der Geschichte vom Sündenfall hinzuweisen, wobei der Rechtfertigungszwang nur soweit reicht wie die Projektions-, die Objektivationsfähigkeit (die Schlange überredet, verführt, wird ohne Möglichkeit der Rechtfertigung verurteilt).
    Flammenschwert: Vertreibung aus dem Paradies; Bileam? – Blitz (Mt 2427, 283, Lk 1018, 1724)? Zusammenhang mit dem Gewitter (Hi 38)? Ps 1814ff: „Da ließ der Herr den Donner im Himmel erdröhnen, der Höchste ließ seine Stimme erschallen. Er schoß seine Pfeile und streute sie, er schleuderte die Blitze und jagte sie dahin. Da wurden sichtbar die Tiefen des Meeres, die Grundfesten der Erde entblößt vor deinem Drohen, Herr, vor dem Schnauben deines zornigen Atems.“
    Die zweite Bitte des Herrengebets ist keine Bitte, sondern eine Selbstverpflichtung.
    Ist die Schwangerschaft nicht ein verinnerlichtes Brüten? Das erinnert an den Geist Gottes, der über den Wassern „brütet“.
    Die Theologie heute erinnert an die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung: Und sie sammelten die übriggebliebenen Stücklein, und siehe, es gab zwölf Körbe voll.
    Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?
    Läßt die doppelte Gottesbezeichnung Jahwe und Elohim sich so verstehen, daß die eine die Selbstbezeichnung des den Menschen ansprechenden Gottes ist, während die andere die Fremdbezeichnung ist, sich auf Gott in der dritten Person bezieht, damit aber zwangsläufig im Plural gefaßt werden muß (gegen das Identitätsprinzip und die Hypostasierung des „Einen“).

  • 28.04.91

    Zu den Problemen des Vaterbegriffs gehört es, daß die davidische Abstammung über Josef geht, Josef selbst aber nicht der Vater Jesu ist. Daß Josef später nicht mehr vorkommt, daß aber der Vaterbegriff Jesu trotz allem sehr auf Josef bezogen ist: daß er keinen Vater hat, macht ihm Gott zum Vater. Er hat eine Mutter (was hab ich mit dir zu schaffen?) aber keinen Vater. Der Vaterbegriff scheint dann ja auch in den einzelnen Evangelien mit unterschiedlicher Akzentuiereng, Betonung und Häufigkeit vorzukommen. Der Vaterbegriff ist – wie mir scheint – in der jüdischen Tradition so nicht vorgebildet. Mit dem Vaterbegriff hängt dann auch der fatale trinitarische Begriff der Zeugung zusammen. Frage: Ist das achte Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben …, eine Widerlegung oder eine Bestätigung des Christentums? Oder ist die Zweideutigkeit des Zeugungsbegriffs nur eine Suggestion des deutschen Sprachgebrauchs? Im Lateinischen wird zwischen dem generare und dem testare unterschieden.
    Die Atome, Moleküle (Avogadrosche Zahl), Elementarteilchen sind Knotenpunkte des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit korrigierten Inertialsystems.
    Ist der „unbewegte Beweger“ des Aristoteles der Inbegriff aller Gravitationszentren (zumindest ist er das seit den Kant-Laplaceschen Weltentstehungstheoriem geworden)?
    Die christliche Theologie war seit ihren Anfängen Apologetik. Ihr beliebtestes Werkzeug war – spätestens seit dem ontologischen Gottesbeweis – die Theodizee. Beide, der ontologische Gottesbeweis und die Theodizee, sind den Theologen spätestens mit Auschwitz aus der Hand geschlagen worden. Ist die Trinitätslehre auch eine Gestalt der Theodizee, oder nur ihr systemlogischer Ursprung? Wenn die Theologen nicht in der gleichen Geschichte das Hören verlernt gehabt hätten, hätten sie diese Katastrophe vorher kommen hören (in ihrer eigenen Sprache, in der Sprache der Erbaulichkeit). Die Theodizee war seit je ein Teil der Scheinheiligkeit, die sich im kirchlichen Pomp aufs drastischste manifestiert und darin sich um die Gottesfurcht herumgelogen hat. Wenn doch diese verstockte Christenbande endlich begreifen würde, welche Konsequenzen sie aus dem Nachfolge-Gebot ziehen müßte und daß nicht Gott sich für das Böse in der Welt rechtfertigen muß.
    Adornos „Eingedenken der Natur im Subjekt“ bleibt an die Begriffe von Natur und Subjekt gebunden, die eigentlich zu kritisieren wären.
    Kennzeichnend für den Zustand der Theologie ist es, daß von den zentralen theologischen Kategorien wie z.B. Gottesfurcht oder „im Angesicht Gottes leben“ nur noch ein erbaulicher Gebrauch gemacht wird, der in den Kontext der Scheinheiligkeit hineingehört. Grund ist die metaphysische Interpretation des Ergebnisses der Säkularisation.
    Das wesentlich Neue bei Marquardt ist, daß er begriffen hat, daß nach Auschwitz jede apologetische Haltung gegenüber den Juden untersagt ist; nicht begriffen hat er, daß Mission (die Ausbreitung des Bekenntnisses) insgesamt eine Form der Apologetik ist. In diesem Zusammenhang erweist sich „Empörung“ (der Quellpunkt des autoritären Denkens) als die Versuchung, der unsere Theologie immer wieder erliegt.
    Die Einführung des Personbegriffs in die Theologie war die Folge einer falschen Übersetzung durch Tertullian; im Griechischen heißt es soma. Genau hier ist der Punkt, an dem das physische Martyrium (die Heiligung des Gottesnamens) durch das seelische Selbstmitleid ersetzt wird. Hier setzt sich die Kirche an die Stelle der Armen und der Fremden und begründet so ihre hierarchisch-autoritäre Struktur (und den Pompzwang). Durch den Personbegriff ist die Sünde wider den Heiligen Geist fest in der Theologie installiert worden. Und hier ist der Punkt, an dem Gott, Mensch und Welt fast unrettbar in den Schuldzusammenhang eingebunden worden sind.
    Trug meine Anpassung an kirchliche Bräuche, insbesondere mein Verhalten im Gottesdienst, vielleicht doch von Anfang an subversive Züge: Ich wollte nicht (zu früh) erkannt werden. Hierzu paßt es, daß ich nach dem Krieg sehr kurzentschlossen Theologie studieren wollte, mir aber nie vorstellen konnte, einmal Priester zu werden.
    Auf eine wirkliche Berufung kann man sich nicht berufen (zum Titel des Professors). Bedeutung des Begriffs Berufung: jdn. berufen, sich berufen, berufen werden, Berufung einlegen.
    Im Begriff des Feindbildes verschmelzen die Übertretungen des Bilderverbots und des Gebots der Feindesliebe. Sind nicht alle Bilder Feindbilder? Sind nicht Idole (Götzenbilder) Projektionsflächen für die Identifikation mit dem Aggressor und deshalb untersagt? Und ist nicht das Gebot der Feindesliebe der subjektive Aspekt des Bilderverbots?
    Der Dekalog wird traditionell so aufgeteilt, daß die ersten drei Gebote als die eigentlich theologischen Gebote als die wichtigsten angesehen werden, während die folgenden nur das Zusammenleben der Menschen regeln, somit zweitrangig sind. Könnte es nicht sein, daß bei näherem Hinsehen die Akzente sich doch ein wenig verschieben.
    – Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten: bedeutet doch auch, daß es untersagt ist, Theologie hinter dem Rücken Gottes zu betreiben.
    – Ebenso das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden. Hier geht es nicht um die autoritäre Familienbindung, sondern darum zu begreifen, daß man die Eltern nicht als Projektionsfolie für eigene Fehler nutzen darf, daß man am Ende selbst die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen muß.
    Susanne Albrecht und Ezechiel: Das „dixi et salvavi animam meam“ ist nur einem Propheten (im Rahmen von Herrschaftskritik) erlaubt; im profanen Gebrauch (im Rahmen der Kronzeugenregelung) wird es zur Denunziation, zur Verletzung des achten Gebots. Sie hat ihre Haut, nicht ihre Seele gerettet.
    Die Staatsfrömmigkeit, die im Titel des Staatsanwalts sich ausdrückt, hat u.a. lutherische Ursprünge (bzw. paulinische). Und der Säkularisierungsschub, den der Protestantismus ausgelöst hat, hat offensichtlich seine Grenze in seiner Beziehung zum Staat. Und diese Staatsbeziehung ist es, die den Protestantismus auf spezielle Weise anfällig gemacht hat für den Antisemitismus, d.h. auf pathologische Weise empfindlich gemacht hat gegen das Moment von Herrschaftskritik, das in der jüdischen Tradition enthalten ist. Hier scheint der kritische Punkt beim Friedrich-Wilhelm Marquardt zu liegen, wenn er sein Votum für Israel auch auf den israelischen Staat bezieht.
    Kann es sein, das Marquardtsche Votum für den Staat Israel damit zusammenhängt, daß Israel durch den Staat in den Bekenntnizwang hereingezogen wird? Und Henryk M. Broder und Micha Brumlik sollten vielleicht doch einmal darüber nachdenken, ob nicht ihre Stellungnahmen in der letzten Zeit mehr mit der Schaffung „klarer Fronten“ als mit einer Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zu tun haben, und ob nicht die Aufteilung in Gute und Böse, und die Anwendung des Prinzips „Wer nicht für mich ist, ist wider mich“ in die Mechanismen hineinführt, aus denen der Antisemitismus erwachsen ist: das ist ein böses Erbe des Christentums. Mir ist ein Jehoshua Leibowitz immer noch lieber als ein Micha Brumlik der auf den Bileam Marquardt hereinfällt.
    Zur Kritik von Metaphysik: Die Verwechslung von Kontingenz und Geschöpflichkeit ist identisch mit der Verwechslung des Untertans mit dem Geschöpf (und des Staats mit dem Schöpfer: hier trifft die gnostische Kritik des Schöpfergotts).
    Wie hängt die Institution des Bundespräsidenten mit der Bekenntnislogik zusammen (Personalisierung des Staates)?
    Der Behemoth reicht (wie der Leviathan) in die Saurierzeit zurück; das Rätsel beider läßt sich wahrscheindlich nur gemeinsam lösen.
    Was kommt alles zweifach vor? Jahwe und Elohim, die Urflut und die Wasser (über denen der Geist brütet), die Wasser über und unter dem Firmament, Mond und Sonne, herrschen über Tag und Nacht, Behemoth und Leviathan, Kain und Kenan, Adam und Noach.
    Zur Konstruktion der Verblendung, des Verblendungszusammenhangs: Grundlage ist die Empörung, die Konstitution des Herrendenkens, des vergesellschafteten Subjekts; vorbedeutet im Verhältnis von Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Sonne und Mond, Wachen und Schlaf, Leben und Tod, Name und Begriff. Wir werden geweckt, auferweckt, wenn wir beim Namen gerufen werden. Zusammenhang mit der Trennung von Zukunft und Vergangenheit (Idee der Gegenwart).
    Wo und in welchem Zusammenhang erscheint in der Schrift die Aufforderung zu wachen? Wie hängt das Gebot zu wachen mit dem Beten zusammen?
    Hier sind die Kinder dieser Welt wieder einmal klüger als wir: Im brain-storming haben sie längst entdeckt, was heute nottut (allerdings auch wieder unter Kontrolle gebracht): die Erinnerungsarbeit.
    Im Schöpfungsbericht gibt es sieben Tage, aber nur sechs Nächte: nach dem siebten Tag gibt es keine Nacht.
    Hat nicht der Aufklärungsprozeß, die Geschichte der Säkularisation, die ganze Welt in Nacht getaucht? Die Romantik hat nur den Mond entdeckt, nicht die Sonne. Und die Kirche wird den Herrn dreimal verleugnen und beim Hahnenschrei erwachen.
    Ferdinand Ebner und Florens Christian Rang sind wohl die ersten im Christentum gewesen, die im Ansatz begriffen haben, welche Konsequenzen sich aus der Idee eine Theologie im Angesicht Gottes ergeben. Bei Florens Christian Rang in seiner Idee einer messianischen Erkenntnistheorie und in dem Ziel, nicht die Unendlichkeit Gottes, sondern seine Endlichkeit zu begreifen. Ferdinand Ebner fällt hinter seine eigene Einsicht zurück, wenn er die Ich-Du-Beziehung wieder in seine Ich-Einsamkeit zurücknimmt. Christ kann man nicht alleine sein, nur gemeinsam mit anderen. Das gemeinsame Gebet, die gemeinsame Auflösung der Ich-Einsamkeit: die Ausgießung des Geistes.
    Die Vergöttlichung Jesu, die ihn zum Objekt der Anbetung macht, ist der Balken im christlichen Auge. Hier wurde auf Erden gebunden, was dann auch im Himmel gebunden war; der Weg der Nachfolge versperrt. Vgl. Büchners „Lenz“: Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten.
    Mit dem homoousia haben wir ihn getötet, den cäsarischen Wahn, mit dem wir Macht über den Vater zu erlangen suchten, in die Fundamente der westlichen Zivilisation mit eingebaut. Der Preis dafür war der Antijudaismus (und schließlich der Antisemitismus, die letzte Reichsideologie). „In hoc signo vincis“: Als Siegeszeichen wurde das Kreuz zum Zeichen des Tieres.
    Großartig erinnert Freud an „die Stimmung unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen“. (Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, Fischer Bücherei, Frankfurt 1958, S. 193)
    Gott schuf:
    – Himmel und Erde,
    – das Licht (1),
    – alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln (5),
    – den Menschen (6).
    Gott schied:
    – das Licht von der Finsternis (1),
    – die Wasser unterhalb des Gewölbes von den Wassern oberhalb des Gewölbes (2)
    Gott machte:
    – das Firmament (2),
    – die Lichter am Firmament (4),
    – alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden (5).
    Es sammle sich:
    – das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde (2).
    Das Land lasse wachsen:
    – junges Grün, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin (3).
    Das Land bringe hervor:
    – alle Arten von lebenden Wesen, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes (5).
    Gott nannte:
    – das Licht Tag und die Finsternis Nacht (1),
    – das Gewölbe Himmel (2),
    – das Trockene Land, das angesammelte Wasser Meer (3).
    Herrschen sollen:
    – das größere Licht über den Tag, das kleinere über die Nacht (4),
    – die Menschen: unterwerft euch die Erde und herrscht über die Fische des Meeres, das Vieh, die Vögel des Himmels und alle Kriechtiere auf dem Land (6).
    Gott segnete:
    – alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln (5),
    – die Menschen (6),
    – den siebten Tag (7).
    Nahrungsgebot:
    – Für die Menschen alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen und alle Bäume mit samentragenden Früchten (6),
    – für die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und alles, was sich auf Erden regt, was Lebensatem in sich hat: alle grünen Pflanzen (6).

  • 25.04.91

    „Auf der anderen Seite steht überhaupt ein Verzicht auf theologische Theoriebildung über das Judentum und das christlich-jüdische Verhältnis; man strebt eine rein praktische Beziehung an …: ein offenes gegenseitiges Lernverhältnis … Bekenntnis ist immer Negation eines anderen, während Lernen mich immer in meine Schranken verweist.“ (Friedrich-Wilhelm Marquardt: Verwegenheiten, S. 276) Nicht nur „Verzicht auf theologische Theoriebildung über das Judentum“, sondern allgemein: Korrektur des theologischen Theoriebegriffs, soweit er Theorie „Über“, d.h. hinter dem Rücken seines Objekts sein will: soweit er am szientifischen Objektivationsprozeß sich orientiert. Nicht nur am Beispiel Judentum, sondern am gesamten Inhalt der Theologie muß sich ein Lernen bewähren, das den Komfort des begrifflichen Erkennens, auch wenn auf ihn ohne Gefahr der Regression nicht verzichtet werden darf, als Sünde wider den Heiligen Geist begreift: durch den erreichten Stand des historischen Objektivationsprozesses hindurch (und nach vorbehaltloser Rezeption der nominalistischen Philosophiekritik, allerdings ohne die kurzschlüssige Konsequenz, der Name sei nur flatus vocis, „Schall und Rauch“) einen Erkenntnisbegriff wiedergewinnt, der sein Maß an der benennenden Kraft der Sprache hat. Eine solche Erkenntnis setzt insbesondere die Kritik des Bekenntnisbegriffs: die Entkonfessionalisierung der Theologie voraus. Der Bekenntnisbegriff (und das durch ihn bestimmte Dogma) ist in der Tat hellenistisches Erbe, Erbe der Philosophie und Produkt der Anpassung theologischer Erkenntnis an die Erfordernisse und Strukturen institutioneller (kirchli-cher und politischer) Herrschaft. Der instrumentalisierte Bekenntnisbegriff (dessen Verhältnis zum neutestamentlichen noch zu klären wäre) verletzt durch seinen Objektbezug sowohl das biblische Bilderverbot als auch das Gebot der Feindesliebe. Dieser Objektbezug aber ist die Grundlage jeder „theologischen Theoriebildung über …“ (die den instrumentalisierten Bekenntnisbegriff voraussetzt) In diesem Zusammenhang hat der Bekenntnisbegriff die gleiche Funktion wie die subjektiven Formen der Anschauung in der kantischen Erkenntniskritik: er definiert das Medium, das Referenzsystem, in dem die synthetischen Urteile apriori theologischer Theorie allein möglich sind, allerdings mit der (historisch verhängnisvollen und systemlogisch seit je mit dem kirchlichen Antijudaismus verbundenen) Folge der Unerkennbarkeit der Dinge an sich.
    Daß die christliche Assimiliationsfähigkeit, nachdem sie an der „heidnischen Antike“ sich bewährt hat, an der „jüdischen Widerstands- und Selbstbehauptungsfähigkeit“ gescheitert sei (ebd. S. 276), dieser Satz übersieht, daß gerade die zweite an der ersten gescheitert ist. Walter Benjamin hat als Kriterium der theologischen Erkenntnis und des Offenbarungsbegriffs die Kritik des Mythos, des Schicksals, begriffen. Der Ursprung der Philosophie aber läßt sich als Verinnerlichung des Schicksals, als Aneignung der objektivierenden Gewalt des Schicksals durchs Subjekt (das so zum Subjekt wird) begreifen (der Dämon des Sokrates). Die objektivierende Gewalt des Schicksal hat sich im Begriff niedergeschlagen, dessen Objektbeziehung mythischen Ursprungs ist und den Mythos perpetuiert. (Bei Heidegger, der den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, drückt sich das im Begriff der objektlosen Angst aus: das „Dasein“ ist als verinnerlichtes Subjekt-Objekt des Schicksals selber sowohl Ursprung als auch Objekt der mythischen Angst, nachdem es die projektive Ableitung der Angst durch den historischen Objektivationsprozeß an die Wissenschaft abgegeben hat.) Die Kritik des Objektbegriffs (des historischen Objektivationsprozesses) ist heute zur notwendigen Kritik des historisch-gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs geworden, ohne die es einen angemessenen Theologiebegriff nicht mehr gibt: Wir müssen endlich aufhören, Theologie hinter dem Rücken Gottes zu treiben, wie wir begreifen müssen, daß der Objektivationsprozeß (dessen theologischer Zentralbegriff der des Bekenntnisses war) zwar unvermeidlich war, aber nur durch kritische Selbstreflektion seine Beziehung zur Wahrheit wiederzugewinnen vermag. Im Begriff des Bekenntnisses hat der Mythos im Zentrum der Theologie überlebt.
    Ist die Israel-Theologie Marquardts nicht doch der verzweifelte Versuch, über Judentum und Israel den Realitätsbezug wiederzugewinnen, den die Theologie durch ihre Instrumentalisierung verloren hat, anstatt – und dabei ist die jüdische Tradition in der Tat eine unersetzliche Hilfe – durch Erinnerungsarbeit den Schuldzusammenhang aufzulösen, der in der Geschichte des Bekenntnisses die Wahrheit des Christentums zur Unkenntlichkeit entstellt hat.
    Wenn Petrus ein Typos der Kirche ist (wie Karl Thieme immer gelesen hat), könnte es dann nicht sein, daß Mt 1618 wahr ist, nur die Kirche(n) bis heute halt nur gebunden, aber noch nicht gelöst hat (haben), und vor allem: daß diese Lösung mit der des Bekenntniszwangs zusammenfällt.
    „Barths Zeit stand ganz real im Zeichen des „Vergehens“ Israels“ (Marquardt: Verwegenheiten, S. 284): Das sind nun wirkliche sprachliche Verwegenheiten, wenn nicht Entgleisungen. Ich würde sagen: Barths Zeit stand ganz real im Zeichen der Vorgeschichte des Holocaust, des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte. Der obige Satz, wenn er denn im übrigen so stehen bleiben sollte, müßte enden: „… im Zeichen des antisemitischen/antijüdischen Vorurteils über das „Vergehen“ Israels“.
    Oder: „Christliche Theologie nach Auschwitz und seither kann nur ethisch sein, wenn sie bemüht ist, mit den wirklichen und allen möglichen Opfern, Ganzopfern, den zum Holocaust Bestimmten, sich zu einen; nur dann, wenn sie Gottes Erbarmen und Gottes Gericht nicht weiter nur im Blick auf sie zu erkennen sich bemüht, sondern in einer neuen Anstrengung auch von ihnen her.“ (S. 285, Hervorhebungen z.T. von mir, H.H.) Wenn ich den Satz richtig verstehe, kann er doch eigentlich nur bedeuten, daß Theologen immer noch für sich in Anspruch nehmen, „Gottes Gericht … im Hinblick auf sie (die Juden) zu erkennen sich (zu) bemühen“, jetzt, nach Auschwitz, nur eingeschränkt durch die zusätzliche Anstrengung, Gottes Gericht „auch von ihnen (den Juden) her“ zu erkennen, als ob nicht das eine (Gottes Gericht über andere zu erkennen) genau die Hybris wäre, die zu Auschwitz geführt hat, und nur das andere (sich selbst in der Erwartung des Gerichtes Gottes zu erkennen) das einzig Zulässige, der einzig mögliche Weg zur Erfüllung des Nachfolgegebots, unter dem auch Theologen stehen. Dann aber kann christliche Theologie nach Auschwitz nur bestehen, wenn sie – anstatt „mit den wirklichen und allen möglichen Opfern … sich zu einen“ – endlich zu begreifen versucht, daß sie im Anblick von Auschwitz (und in dieser Gefahr steht auch die Opfertheologie im Anblick des Kreuzes) auf der Täterseite sich befindet (Mt 2540+45). Der Versuch, mit den Opfern sich zu einen, steht in der Tradition christlicher Einigungs- und Innerlichkeitsmystik (Ziel aber ist weder die Einigung mit Gott, noch die mit den Opfern, sondern die Einung und Heiligung des Gottesnamens: darin ist die jüdische Tradition mit der zweiten Bitte des Herrengebets einig); zulässig und gefordert ist nur der von uns zu leistende Teil an der Versöhnung: Reue und Umkehr; dazu gehört die Kraft zur Identifikation mit den Opfern, die Kraft, sich in die Erfahrung dessen, was wir ihm angetan haben (oder antun), „hineinzuversetzen“, das aber heißt: die reale und konkrete Schulderfahrung nicht zu verdrängen; aber das ist etwas anderes als die (Flucht in die) Einung. Die Versöhnung selbst kann ohne Verletzung der Gottesfurcht nicht antizipiert werden.

  • 24.04.91

    „Ich halte Hypnose für die oberste Stufe der Überzeugung“ (Jeshajahu Leibowitz: Gespräche über Gott und die Welt, S. 178): „Überzeugt“ wird der Richter durch die glaubwürdige Aussage von Zeugen, während der Angeklagte bekennt. Die Überzeugung ersetzt das fehlende Bekenntnis. Beide sind (im forensischen Gebrauch) sinnvoll nur im Hinblick auf das richtende Urteil. Wirksamer als die Überzeugung ist aber in jedem Falle das Bekenntnis; deshalb die Ausbreitung der Folter in der Welt nach Auschwitz. Allerdings beeinträchtigt die Folter die Glaubwürdigkeit des Bekenntnisses: die fehlende Glaubwürdigkeit wird ersetzt durch die Gewalt; das Opfer (das Objekt) ist in jedem Falle schuldig (wie in der Physik und im Hexenprozeß).
    Intersubjektivität ist die vollendete Form der Überzeugung: Hier wird die Gesellschaft insgesamt (ohne Ausnahme) zum Zeugen. Hergestellt wird die Intersubjektivität durch Mathematik (die kantischen Formen der Anschauung), durchs Tauschprinzip oder durchs Zwangsbekenntnis (in der Religion durchs Dogma, im Staat durchs Feindbild). Ist Intersubjektivität ohne (reale oder potentielle) Folter herstellbar?
    Zur trinitarischen „Zeugung“: Meint das „Heute habe ich Dich gezeugt“ nicht eigentlich das „Bezeugen“?
    Die Gefahr bei Marquardt ist die der Theologisierung Israels (vgl. „Verwegenheiten“, S. 160f, 169ff und 183ff). Eine Israel-Theologie, die nicht vermag, Auschwitz und die Palästinenser mit einzubeziehen, grenzt an Blasphemie, erinnert an eine Bewältigung der Vergangenheit, die den Antisemitismus bloß umkehrt, aber seine Prämissen konserviert: an einen Exkulpierungsversuch, der dem Wiederholungszwang verfällt. Das grenzt an theologischen Kolonialismus. Hier ist der Satz von Leibowitz vielleicht nicht unwichtig: „Der Glaube, der darauf gegründet ist, daß ich über Gott Bescheid wüßte, ist Götzendienst.“ (S. 124) Das Bilderverbot gilt nicht nur in der Anwendung auf Gott.

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