Antisemitismus

  • 09.09.90

    Feindesliebe als Erkenntnismittel: Im Haß das projektive Moment erkennen und als Schlüssel zur Wahrheit nutzen (z.B. Judenhaß als Reaktion auf den Dogmatisierungsprozeß, in dem die Christen durch Instrumentalisierung des Opfers sich auf die Seite der Täter stellten; Augustinus‘ Theorie von der Seligkeit im Anblick der Höllenleiden scheint darin begründet zu sein; die eigene Schuld mußte dann um der Befreiung willen zur unendlichen Schuld des „Gottesmords“ gesteigert und auf die Juden abgewälzt werden).

    Der Begriff des „deutschen Volkes“ ist ein Pleonasmus: die Deutschen sind das Volk, sozusagen der Inbegriff der gentes, der ethne, der (heidnischen) Völker, und ihre wirkliche Bekehrung hat vielleicht einmal tatsächlich Bedeutung für die Menschheit.

  • 27.08.90

    Der Rechtfertigungszwang (Bekenntniszwang) verändert auch das Gerechtfertigte (den Inhalt des Bekenntnisses): den Glauben, den man verteidigt (bekennt). Das wird deutlich an den Äußerungen jenes Anhängers Lefebvres, der die Wiedereinführung der Inquisition forderte und im Zusammenhang damit auch die Todesstrafe rechtfertigte. Zum apologetische Grundzug der Orthodoxie heute gehört offensichtlich auch die Erfahrung, daß eine Verteidigung der Lehre ohne die Hilfe äußerster Rechtsmittel wie Inquisition und Todesstrafe nicht mehr möglich ist. Zugrunde liegt eine Ohnmachtserfahrunmg, die sich anders nicht mehr zu helfen weiß. – Aber ist diese Ohnmachtserfahrung nicht doch real begründet? Und sind nicht die Anpassungstendenzen der modernen Theologie weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Flucht vor dieser Ohnmacht?

    Das „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ ist die schärfste Kritik am Bekenntnis-Christentum. Das christliche Bekenntnis bedurfte seit je des Pharisäers als Verdrängungshilfe und Projektionsfigur, um die damit verbundenen Schuldgefühle loszuwerden.

    Wie hängen die Begriffe Bekenntnis und Symbolum zusammen? War das Bekenntnis der Vollzug einer Identifikation mit dem Aggressor, und der Formel-Inhalt das Zeichen (Symbol) dieser Identifikation?

    Der theologisch-soziale Doppelsinn des Opfer-Begriffs ist ein Hinweis darauf, daß das eigentliche Opfer das soziale und nicht das kultische ist. Das kultische ist nur die zugleich verdrängte Deckerinnerung ans soziale Opfer. Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will Ich, nicht Opfer“ drückt genau das aus.

    Sind die Christen (die Katholiken) Gottesfresser? – Durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie steigern wir die Last anstatt sie mitzutragen (Umkehr des Nachfolgegebots). Die Projektion auf die Juden im christlichen Antisemitismus (in der christlichen Judenfeindschaft) ist die genaue Folge davon, ist die projektive Verarbeitung, die nicht zufällig in Auschwitz endet.

    Gläubige Theologie wäre Theologie im Antlitz Gottes, hieße Theologie so betreiben, als wäre ER anwesend. Gläubige Theologie wäre Theologie als Gebet, Theologie, die Gott als Adressaten hat und jeden Satz vor IHM verantworten muß.

    Die Theologie spricht über Gott hinter seinem Rücken, d.h. sie glaubt nicht an seine Anwesenheit und muß sich deshalb ihrer Wahrheit durch kollektive Zustimmung versichern. (Zusammenhang mit dem Bekenntnis-Begriff!)

    Rosenzweigs Satz: „Von der Welt wissen wir nichts, und dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von der Welt“ ist so abzuändern, zu ergänzen und zu verschärfen: „Die Welt ist der Grund unseres Nichtwissens“; es sind die (weltlichen) Bedingungen unseres Wissens, die unser Nichtwissen von Gott und Mensch zur Folge haben. – Das jedoch ändert Struktur und Zusammenhang des Rosenzweigschen Systemkonzepts. – Wäre diese Änderung in einem dann allerdings sehr weitreichenden Sinne christlich zu begründen?

    Liegt das Problem in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ in der Ambivalenz seines Weltbegriffs? Anstelle Gott/Mensch/Welt: Gott/Himmel und Mensch/Erde? Müßte nicht die Summa contra gentiles neu geschrieben werden?

    Adornos Philosophie – vor allem seine Hegel-Kritik – ist der Versuch, den brennenden Dornbusch von innen zu beschreiben (vgl. Franz von Baaders Vergleich der Hegelschen Philosophie mit einem Autodafe).

    Titel-Vorschlag: Verwaltete Theologie oder Bemerkungen zum Begriff der Konfession.

    Ist der Taumelkelch, von dem die Propheten gelegentlich reden, die Philosophie (an der nach Hegel „kein Glied nicht trunken ist“).

    Ist jedes Bekenntnis die Antwort auf eine Anklage (und insoweit Schuldbekenntnis, jedoch ohne wirkliches Schuldbekenntnis): das Zwangsbekenntnis unterstellt, daß jeder (selbst der noch ungetaufte Säugling) zunächst einmal ein Ketzer ist?

    Die autoritäre Forderung des Bekenntnisses ist der Mißbrauch des Bekenntnisses. Sie unterstellt, daß der, dem das Bekenntnis abgefordert wird, grundsätzlich schuldig ist und davon durch das Bekenntnis sich freisprechen kann (vgl. hierzu auch Kant!). Ihr Ziel ist die Identifikation mit dem Aggressor, die absolute Heuchelei.

    Zwei Dinge, die die Neubegründung der Theologie notwendig machen:

    – Ihr Verhältnis zu den modernen Naturwissenschaften (Ausgangspunkt: die spezielle Relativitätstheorie Einsteins), und

    – ihr Verhältnis zu Auschwitz: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. – Der Knecht Gottes ist Israel, aber wir können es nicht wieder instrumentalisieren wie beim Kreuzestod Jesu.

    Theologie war in ihrer ganzen christlichen Geschichte der Versuch, hinter dem Rücken des lieben Gottes über ihn zu reden. Die Folgen liegen heute offen zutage. Theologie ist heute die offene Wunde, und nur wer das realisiert, ist befugt, Theologie zu betreiben. So wie Einstein die offene Wunde der Physik ist, während die gesamte pseudometaphysische Mikrophysik und Quantentheorie einschließlich der pseudomystischen Konsequenzen, die einige glaubten, daraus ziehen zu können, nichts anderes ist als die Instrumentalisierung dieser Wunde (Salz für die Wunde). Insofern ist allerdings die Quantenphysik in der Tat die Erbin und Nachfolgerin der europäischen Theologie.

    Den Begriff der Umkehr auf die Dogmatik anwenden. Hilfe wäre das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, das parakletische Denken; Frage, ob die gesamte Dogmatik zu retten ist.

    Die Aufspaltung der Eschatologie, die Trennung des Himmels oben von der zukünftigen Welt, ist historisch erledigt; ihr ist die Grundlage entzogen seit Kopernikus, seit Newton, seit dem Fall Galilei.

    Bekennen darf man nur, wo man geliebt wird; das Zwangsbekenntnis ist in einem letztlich auch kosmologischen Sinne der Grund des Übels.

    Verteidigendes Denken: Heute sind wir schon soweit, daß die Verteidigung eingeschränkt, teilweise ganz ausgeschlossen wird (u.a. bereits durch das Rechtsdogma von der Verteidigung als einem „Organ der Rechtspflege“, d.h. der Staatsräson, die es auch erforderlich machen kann, einem Vorurteil Rechtskraft zu verschaffen).

    Adornos Idee des Nichtidentischen, die Grundlage der Negativen Dialektik, steht in der prophetischen Tradition des Eintretens für den Armen und den Fremden. Diese Tradition wird übrigens unmittelbar aufgenommen und zitiert in der Analyse des autoritären Charakters, unter dem Titel „no pity for the poor“.

    Das Phänomen der aggresiven Sanftheit (Drewermann) wäre doch etwas genauer zu beschreiben: Grund ist das verdrängte, nicht aufgearbeitete Selbstmitleid.

    Die letzte moralische Barriere ist die Sprache; wenn die zerbricht, brechen alle Schranken; wie es scheint, ist es kein Zufall, daß die, die sich deutsch fühlen, des Deutschen in der Regel nicht mächtig sind (vgl. das in KuS zitierte antisemitische Flugblatt aus der Zeit des Vormärz).

    Gibt es eine Geschichte der Aufführungsform, der musikalischen Bearbeitung und Darbietung des Deutschland-Liedes. Kann es sein, daß die Form, in der es heute öffentlich dargeboten wird, die von den Nazis zusammen mit dem unsäglichen „Horst-Wessel-Lied“ für die öffentliche Darbietung eingerichtet wurde? Daß es sich sozusagen um die vom Horst-Wessel-Lied infizierte und vergiftete Version handelt?

    Läßt sich das historische Bekenntnis-Problem auch in der Musikgeschichte nachweisen (Entsinnlichung, Vergeistigung der Musik unter christlichem Einfluß, vgl. Kurt Blaukopf oder Wiora)?

    Die Übertragung der Schlüsselgewalt an Petrus (Mt 16,19, worauf übrigens die „strenge Weisung“ folgt: „niemand zu sagen, daß er der Messias sei“) begründet keinen Rechtstitel, sondern eine bis heute nicht wahrgenommene Pflicht.

    Wurden Marcion und die Gnosis nur deshalb so wütend abgewehrt, weil sie den Christen das Bild ihres verdrängten Selbstverständnisses vorhielten?

    Zum Problem des Islam: Gibt es im Islam die Idee eines moralischen Subjekts, des Gewissens? Hat der Islam das (aristotelische) Erbe der objektiven Vernunft angetreten und zugleich seine Widersprüche rein herausgearbeitet? Ist der erfolgs-, nicht moral-orientierte Politik-Begriff des Islam systembedingt? Ist der Islam im genauesten Sinne die Weltreligion?

    Zur Dornen und Distel-Tradition: Sündenfall, brennender Dornbusch, Jotam-Fabel, Gleichnis vom Weizen unter Dornen (Unkraut), Dornenkrone.

    – Der brennende Dornbusch: die brennende Innenerfahrung der Profangeschichte (Auschwitz); die genaue Beschreibung der Grundlage der Gotteserfahrung;

    – Dornenkrone: dieser König der Juden ist der König eines Reichs, das unter der und gegen die profangeschichtliche Herrschaft der Welt heranwächst;

    – Dornen und Disteln als Inbegriff der Welt (des katastrophischen Aspekts der Geschichte).

    Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ als der Anfang der utopischen Kraft des Heiligen Geistes, des parakletischen Denkens.

    Hat Kant das Geheimnis der Trinitätslehre durch seine Entdeckung der Form der äußeren Anschauung prinzipiell bereits gelöst? Und hat dazu Einstein die notwendige Ergänzung und Korrektur geliefert? Ist die spezielle Relativitätstheorie eine Teilaspekt der objektiven Bedeutung des brennenden Dornbuschs?

    Der vielleicht entscheidende Satz zu Auschwitz stammt von Thomas von Aquin: „Parvus error in principio magnus est in fine“ (De ente et essentia).

    Der Haß auf das Alte Testament ist begründet im (projektiven) Herrenneid. (Grundlage ist – gegen den Sinn des Textes – ein autoritärer Gottesbegriff: Gott als der Herr der Geschichte, der man selber sein möchte). Das AT verträgt sich nicht mit einem kolonialistischen Geschichtsverständnis (wie klug sind wir doch heute, und wie dumm waren die vergangenen Geschlechter).

    Die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Naherwartung der Parusie. Die Orthodoxie stand seit je unter dem Zwang, überlebensfähig zu bleiben in der Welt; sie stand damit immer in der Gefahr der Verweltlichung, der Identifikation mit dem Aggressor. Das Unkraut dessen Vernichtung Jesus dem Jüngsten Gericht vorbehalten hat, sind die Dornen und Disteln aus der Geschichte der Sündenfalls (es sind diese Dornen, unter die nach dem Gleichnis die Weizenkörner gefallen sind, die dann ersticken).

  • 26.08.90

    Der merkwürdige Haß auf das Alte Testament (seinen „orientalischen“ Charakter und Ursprung, ähnlich dem „asiatischen“ Ursprung, auf den im Historikerstreit – in einer zweiten projektiven Verschiebung – noch Herr Nolte die faschistischen Untaten zurückführte) rührt her vom Neid der Volkstümler auf das zugleich bewußt und gezielt mißverstandene „auserwählte Volk“; übriggeblieben ist der Haß auf das Alte Testament, aus dem man nur noch die eigenen verdrängten Untaten herausliest. – Erstes Modell dieses Konstrukts war das antijudaistische Selbstverständnis des frühen Christentums als „neues Israel“.

    Hieraus läßt sich das Kohlsche Erfolgsrezept herleiten, der immer, wenn er eine Niedertracht verkündet, zur Rechtfertigung (Herstellung des guten Gewissens) gleich den Sündenbock mitliefert, auf den das moralische Urteil projektiv abgeleitet wird. (Die Unmoral der anderen zugleich anprangern und als Rechtfertigung der eigenen Unmoral nutzen. Selbstmitleid als Umkehr der Empathie (und als Grund des moralischen Rigorismus). Trick der Empörung. Zu ändern nur durch „Umkehr“ im wörtlichen Sinne.)

  • 22.08.90

    Offb. 12: Wenn die Frau nicht Maria, sondern Israel meint (KuS, S. 116), dann wäre die „Wüste“ das Exil (aber könnte nicht auch die Kirche gemeint sein?); und der „Sturz“ des „großen Drachen“ auf die Erde könnte Vorgänge beschreiben, die sich kirchen- und gesellschaftsgeschichtlich beschreiben ließen (Einbeziehung der Kirche in den Herrschaftsprozeß, Instrumentalisierung der Religion; Konstituierung des Subjekts in Philosophie, Gesellschaft und Politik durch Verinnerlichung des Schicksals und des dämonischen Orakels; Ursprung von Glaube und Bekenntnis; Zusammenhang von Geldwirtschaft/Tauschprinzip, Objektivationsprozeß, Politik und Religion, Geschichte der Aufklärung). Telos des Drachensturzes wäre die Verwirrung und Zerstörung der Bedingungen seiner Sichtbarkeit: die universale Verblendung, die in den Naturwissenschaften zu sich selber kommt. – Geschichte des Antisemitismus (alle Vorurteile, auch die des kirchlichen Antijudaismus, sind Projektionen) nutzen als Anleitung zur geschichtlichen Selbstreflektion der Kirche. Der Antisemitismus hat nichts mit der „Judenfrage“, aber umso mehr mit der Geschichte der mythischen Selbstverblendung des Christentums zu tun.

    Nicht Gott/Welt/Mensch, sondern Juden/Ketzer/Frauen als drei Gestalten des „Nichts“, des Andersseins. Wäre es möglich, mit diesen Ausgangspunkten den „Stern“ neu zu schreiben (Unser Nichtwissen von den Juden, Ketzern und Frauen ist der Grund unseres Gespensterwissens, unserer Vorurteile über Juden, Ketzer und Frauen)? Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Armut, Gehorsam und Keuschheit)?

    Beziehung unseres Gespensterwissens zum „Bekenntnis“:

    – die Juden sind verstockt,

    – die Ketzer sind heterodox, sie haben das falsche Bekenntnis,

    – Frauen sind bekenntnisunfähig (und verstehen nichts von den Naturwissenschaften).

    Das Bekenntnis ist eigentlich das (männliche) Bekenntnis zur eigenen Potenz (deshalb Symbolum?), daher die Notwendigkeit der Projektionen, die begründet sind in

    – der eigenen Unbelehrbarkeit,

    – der Diskriminierung des Gottsuchens und

    – der Unfähigkeit zur Empathie.

  • 14.08.90

    Die Instrumentalisierung des „Opfertodes“, die die Erlösten, die durch die im Sühneleiden erzeugte Gnade Befreiten, zugleich zu Tätern macht (das ist der Grund der Trübsal, die Luther zur christlichen Kardinaltugend gemacht hat; jedoch der Preis war hoch: sie bedarf der projektiven Entlastung durch den Antisemitismus, sie funktioniert nur durch Verschiebung der Schuld an dem „Gottesmord“ auf die Juden), diese Instrumentalisierung ist das Modell für die Instrumentalisierung der Arbeit, ihrer Subsumtion unters Tauschprinzip (und zugleich der theologische Reflex dieses Kristallisationskerns des Kapitalismus). Sie ist zugleich Kern und Grund der transzendentalen Logik: Grundlage des Objektivationsprozesses (der Geschichte der Verdinglichung); Nachvollzug der Gewalt des Herrendenkens: des gnadenlosen Gerichts über die Dinge (eines Gerichts unter Ausschluß der Verteidigung).

    Anmerkungen:

    – Die Instrumentalisierung des Kreuzestodes zum Opfertod macht die, die es als Religion verwenden, zu Tätern; es macht die Religion zur Blasphemie; sie selbst sind die Gottesmörder, als welche sie die Juden umbringen (das Opfer, an das sie nicht glauben können, erzeugt selbst den Wiederholungszwang).

    – Die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt (DdA).

    – die Opfertheologie ist der Kern der absoluten, unentrinnbaren und – nach dem Ende der Eschatologie – nicht mehr auflösbaren Schuld; es bleibt allein die Rechtfertigungslehre: die dann den Säkularisationsprozeß sanktioniert.

  • 12.08.90

    Geheucheltes (entmündigendes) Mitleid nutzt die Angstbereitschaft des Leidenden (instrumentalisiert das Leiden, schirmt es ab gegen reales Mitleid), ist autoritär, potentielle Schuldzuweisung; Alibi gegen Selbstvorwurf: no pity for the poor; Begründung des guten Gewissens auf Kosten des Opfers.

    Glauben kann man nur an Ideen, die man nicht versteht (Hitler): Auch der Irrationalismus gehorcht einem rationalen Gesetz; auch hier (wenn nicht vor allem hier) schreibt die Form den Inhalt vor. Der Antisemitismus ist insoweit nicht nur irrational; an ihm läßt sich das „mysterium iniquitatis“ studieren, das im übrigen vorgebildet war (und ist) in der Geschichte des christlichen Dogmas, dieses Dogma verfügbar machte für Machtinteressen, zugleich einen Erlösungsbegriff begründete, der ein gutes Gewissen (Befreiung von der Schuldqual) lieferte, ohne die Praxis anzutasten. Dieses Instrumentarium (die Konstellation von Glaube, kollektivem Bekenntnis und irrealem Erlösungsbewußtsein) ist das mysterium iniquitatis, der Grund der europäischen Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung ebenso wie der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung.

    Welchen Sinn hat es, wenn das Christentum seit der Ausbildung des Dogmas insbesondere das Bekenntnis zum Messias als Gottessohn und zur Trinität forderte. War es nur die Unterwerfung, die Absicherung der eigenen Anschauung durchs kollektive Bekenntnis; oder waren es praktische (moralische) Konsequenzen, die durch das theoretische Konzept begründet waren? – Die praktischen Konsequenzen, die tatsächlich gezogen wurden, waren jedenfalls teils magischer, teils projektiver Natur: sie lagen in der Vorstellung, daß von einem im übrigen folgenlosen Bekenntnis das göttliche Wohlgefallen abhinge (die Erlösung), während zugleich Objekte freigegeben wurden zur Projektion dessen, was man selber verdrängen mußte, um dieses irrationale Konstrukt zu akzeptieren (gleichsam ein psychodynamischer Selbstläufer, der dann als Bindemittel für Kirche und Staat nutzbar war); darin konstituierte sich der Schuld- und Verblendungszusammenhang, der am Ende in Auschwitz, im Antisemitismus, in der nackten Barbarei rein und unverstellt sich manifestierte. Den Projektionsschutz, den das Gebot der Feindesliebe hätte bieten können, hatte das Herrendenken außer Kraft gesetzt.

    Haben die Begriffe „Gottesmutter“ und „Gottesmörder“ vielleicht einen gemeinsamen dogmatischen Ursprung? (KuS, S. 163ff)

    Die Theologie steckt heute in einer double-bind-Falle: Seit sie nach dem Sieg des Dogmas die Kritik des Herrendenkens nicht mehr sich zutraut, hat sie sich selbst die Möglichkeit der Kritik der Naturwissenschaften verbaut und zugleich der eigenen vernünftigen Selbstbegründung den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Idee des seligen Lebens ist nicht zu halten, wenn sie nicht ihre weltkritische Kraft (im ökonomischen wie im naturwissenschaftlichen Bereich) zurückgewinnt. (genauer)

  • 30.07.90

    Der Begriff der Ewigkeit ist nicht unabhängig von der Zeit: er meint kein Überzeitliches, sondern eine Zukunft, in der die Vergangenheit aufgehoben ist (die Idee des Ewigen schließt begrifflich Vergangenheit von sich aus); nicht der Verstand (das Organ des überzeitlich Allgemeinen), sondern die Erinnerung ist der Repräsentant des Ewigen im Subjekt; deshalb die zentrale Bedeutung der Aufarbeitung von Verdrängtem für eine theologische Erkenntnistheorie (jedoch mit einem objektiven Verdrängungsbegriff).
    Der Bekenntnisbegriff trennt das „abendländische Christentum“ von der antiken Welt: allerdings abstrakte Trennung, d.h. ohne Erinnerungsarbeit (Grund der Instrumentalisierung des Dogmas).
    Die griechische Religion war eine kosmologische Religion, die römische eine politische. Damit hängt es zusammen, daß in Griechenland die Philosophie, in Rom der Kaiserkult das dämonische Zeitalter beenden und das moderne Subjekt (die Zweckrationalität durch Auflösung und Verinnerlichung des mythischen Orakels) begründen. Sokrates und Oktavian („Augustus“) sind die Heroen der neuen Zeit, Repräsentanten des modernen Subjekts. Die chemische Verbindung beider geht – vermittelt durch die Stoa – über die Funktion des Bekenntnisbegriffs (des Symbolums), mit der Gefahr des Selbstverrats durch Verinnerlichung des Opfers (der mythischen Erhöhung des Jesus Christus), in die Grundlagen des Christentums mit ein: das ist die historische Wasserscheide zur Antike. (Beziehung zur Geldwirtschaft, zum Ödipuskomplex? – Ursprung der Latenzphase? Ursprung des „transzendentalen Subjekts“?)
    Gibt es in der Antike das Rechtsinstitut des Verteidigers, des „Beistands“; was ist ein Paraklet, seit wann gibt es ihn? Regelungen über Zeugen, wann und unter welchen Bedingungen ihr Zeugnis rechtswirksam ist, gibt es. – In der Kirchengeschichte gibt es die Zeit der Zeugen (Märtyrer, Bekenner), dann – ununterbrochen bis heute – der „Aufseher“ (Bischöfe: Ankläger, die zugleich Richter sind, bei eingeschränkter Verteidigung), aber noch keine Zeit des Beistandes (im Kirchenrecht im übrigen ein unterentwickeltes Gebiet; Ausnahme: der advocatus diaboli).

    Das Christentum als prophylaktische Antwort auf einen qualitativen Fortschritt in der Geschichte des Sündenfalls, den es selber initiiert; das Bekenntnis sowohl der Quellpunkt des neuen geschichtlich-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs als auch zugleich das letzte Netz und der Umkehrpunkt der Rettung (vgl. Funktion und Wahrheit der Trinitätslehre: Christus zur „Rechten“ des Vaters, d.h. Repräsentant nicht der Strenge, des Gerichts, sondern des Erbarmens, der Gnade).

    Zusammenhang von Bekenntnis und Rosenzweigs Lehre vom Charakter (im Anschluß an Kant): Gegenüber der Selbstgerechtigkeit des „So bin ich nun einmal“ impliziert die Lehre von der Nachfolge (als Übernahme der Schuld der Welt) vorab die Übernahme der Verantwortung auch für den eigenen Charakter (dem individuellen Abdruck der Welt im Subjekt – falscher Grund der astrologischen Charakterlehre -, in der „Seele“), der aus dem Bereich des Schicksalhaften (falsch überhöht durch den abscheulichen Begriff der „Berufung“) herauszulösen ist. Jeder ist in der Tat verantwortlich auch für das eigene Gesicht! Und: Rosenzweigs „Vorwelt“ steht unter dem Gesetz der Welt.
    Gab es in der Antike (und gibt es im Islam) „Charakter“ (vgl. Rosenzweigs Konstrukt und Adams Namengebung der Tiere). Charakter und Berechenbarkeit/Beherrschbarkeit (Hypostasierung von Eigenschaften als Korrelat der Hypostasierung von Begriffen, Grundlage des Objektivationsprozesses; durch den Charakter unterscheidet sich der Knecht vom Sklaven?). Charakter und Tauschprinzip/Entfremdung: Genesis des Wertbegriffs. (Charakter und periodisches System der Elemente?)
    Zu v. Rad, Kuhl und Zimmerli: Gibt es eigentlich eine christliche Erläuterung des „AT“, die Auschwitz mit berücksichtigt (und Theologie nicht hinter dem Rücken des lieben Gottes betreibt, dagegen die Erschütterung zu erkennen gibt, die die abscheuliche christliche Selbstgerechtigkeit und mit ihr den projektiv-wütenden Objektivismus, der insbesondere in der Frage des „Gesetzes“ tendentiell antisemitische Züge annimmt, endlich in Frage stellt)?

  • 18.06.90

    D. nimmt Rationalisierungen unkritisch als Feststellungen objektiver Tatbestände, Schutzbehauptungen als reale Kausalbeschreibungen. Die Psychologisierung der Kriegsursachen ist Resultat der Verdrängung der materiellen Ursachen.

    Erst vor dem Hintergrund der Erkenntnis der objektiven historischen Kriegsursachen (die nicht ubiquitär sind) wird auch der Sinn und das Gewicht ihrer psychologischen Verstärkung erkennbar: insbesondere der Komplex der Komplizenschaft, der dann z.B. auch die Funktion des Antisemitismus (als Überwindung des „inneren Schweinehundes“, als Instrument zur Ausschaltung des Gewissens) erkennbar macht. Hier würde auch die Kritik der Geschichte des Christentums eine ganz andere Bedeutung gewinnen.

    D.’s Begriff der Eucharistie ist nur ein weiterer Hinweis darauf, daß dieses Sakrament heute (nach Auschwitz) ohne Reflexion seines barbarischen (kannibalischen) Aspekts nicht mehr nachvollziehbar ist. Aber: welche biblischen Hinweise muß D. verdrängen (vom „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ bis zur Forderung, vor dem Opfer mit dem „Bruder“ – und nicht im Opfer mit sich selbst und mit dem „Schicksal“ (S. 323) – sich zu versöhnen)? Nicht die „Versöhnung mit dem erlittenen Leid“ (die seitens des Täters die Forderung, das Opfer möge sich doch gefälligst damit abfinden, mit einschließt) sondern die Versöhnung des angetanen Leids (über die der Täter nichts vermag, außer durch Erinnerung, durchs Schuldbekenntnis) ist das einzige religiös noch zu begründende Ziel (vgl. S. 328); diese Grenze der Ethik aber ist innerhalb der Ethik, im Rahmen ethischer Argumentation, zu bestimmen, sobald man bereit ist, den Bann der reinen Innerlichkeit, der Psychologisierung zu sprengen und die Realität der Schuld (gegen ihre Verharmlosung zu bloßen „Schuldgefühlen“) sowie den Unterschied zwischen Tätern und Opfern wahrzunehmen und anzuerkennen.

    Die Instrumentalisierung ist eine Folge der Ubiquität, der Abstraktion von der historischen Realität (oder der Umwandlung der realen Schuld in Schuldgefühle, Grundlage der denunziatorischen Selbstentlastung). So wird die Psa verinnerlicht, im schlechten Sinne psychologisch und schließlich selber mythisch. Das Vieldeutige des Mythos (seine Funktion im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang) zieht die Willkür an, gibt den Mythos frei zur beliebigen Verwendung (insbesondere zur Selbstrechtfertigung durch Schuldverschiebung).

  • 05.06.90

    Drewermanns Kritik an den Klerikern gründet im Blick auf die (von ihm als Kleriker beneidete) Welt; sein Ideal ist die „freie Persönlichkeit“.

    Die Kritik D.’s nimmt demagogische und denunziatorische Züge an, wenn es darum geht, projektiv die Ansprüche und Forderungen des Gebots (das er vom Gesetz und vom Befehl offensichtlich nicht unterscheiden kann) abzuwehren (vgl. vor allem die Ausführungen zum Gehorsam).

    Merkwürdiger Eindruck beim Drewermann: Argumentation unverbunden, auch auf Kosten von Widersprüchen; schwer zu fassen: zu jeder Aussage auch das Dementi; großes strategisches (oder nur taktisches?) Geschick. – Vor allem merkwürdig die gereizte Reaktion auf Rahner, mehr noch auf J.B.Metz. Frage, ob nicht gerade hier projektiver Anteil? Insbesondere das Problem der gesellschaftlichen und historischen Valenz/Vermittlung psychoanalytischer Einsichten. Psa. gebunden an die familiäre, intime Situation; reif für Psa. erst bei einem bestimmten Stand der Entwicklung der Privatsphäre (an die insbesondere auch der katholische Religionsbegriff gebunden ist)? Übertragbarkeit auf andere Situationen? Privatsphäre selbst gesellschaftlich-historisch vermittelt; Zusammenhang mit der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur; Funktion des Weltbegriffs. Fehlende Reflexion hierauf hat Zweideutigkeit/Ambivalenz zur Folge; Folge der Herrschaft der Reflexionsbegriffe? (…: Seit Entwicklung der Psa erübrigt sich die Produktion von Kunst, da jetzt Neurosen direkt (ohne Sublimierung) bearbeitet werden können: Anwendung auf Drewermann). Abwehr der Theologie notwendig aus Selbstschutzgründen, zur Erhaltung der Produktivität?

    Steckt in Adornos Satz: „Der Ankläger hat immer Unrecht“ nicht auch ein logisches Problem, der Kern der negativen Dialektik? Und rührt nicht die „Unlogik“, der merkwürdig diffuse und oszillierende Wahrheitsbegriff bei D. aus der Nichtbeachtung der durch A.’s Satz bezeichneten Logik? M.a.W.: folgt aus dem Verständnis, der Entschuldigung, immer auch die Erlaubnis? Es ist das gleiche Mißverständnis, das der Verwechslung von Moral und Recht zugrunde liegt. (Bezeichnend, daß immer die gegen die „Gesetzlichkeit“ der jüdischen Religion aufbegehren, die selbst diese einfache Unterscheidung nicht verstehen oder nicht wahrhaben wollen).

  • 04.06.90

    „… Illusionen, deren Trugbild dem ungetrübten Auge eines Kindes verborgen bleiben sollte.“ (S. 476)

    „… verzehrte rasch und gewaltsam wie ein Steppenbrand die kleinen Reste an spärlichem Grün in den Niederungen und Tälern des irdischen Lebens.“ (S. 472) – Solche Sprachbilder verraten mehr, als der unmittelbare Wortlaut des Textes wahrhaben will.

    So verdienstvoll die Gesamtdarstellung des Klerikers ist, es bleibt ein Verdacht, daß hier eine katholische Assimilation (wie im letzten Jahrhundert die jüdische) auch den Schatten des Selbsthasses (eines verinnerlichten Antiklerikalismus) nach sich zieht. Ausgeblendet wird der Hintergrund (der Symptomenkomplex der zweiten Schuld) in Deutschland; die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird nur soweit mit vollzogen, wie sie sich in die Kritik an der Kirche mit einbeziehen läßt. Die Psychologie des Klerikers wird sicher überhaupt erst durchsichtig, sobald sie die Reflexion auf den welthistorischen Zustand der Dinge mit einbezieht: das gesamtgesellschaftliche Verhältnis von Es, Ich und Über-Ich, von dem das kirchliche nur ein ohnmächtiger Reflex ist. Der Verdacht bleibt, daß D. die Vorteile der Assimilation und des Schutzes der kirchlichen Institution zugleich haben möchte; den Widerspruch, der daraus notgedrungen folgt, hat er nicht aufgearbeitet (den Widerspruch des antiautoritären Autoritarismus).

    D.’s Antisemitismus? (S. 493ff: die „Religion des Alten Testamentes“)

    Das Christentum und das Erbe Ägyptens (S. 496): Verrat des Exodus.

    Zusammenhang der umfassenden Adaptation mythischer Motive mit der zentralen Verdrängung des politischen Teils der Idee des seligen Lebens. (Bedeutung Ägyptens für D.: Kein Gedanke an die Realität des Pharaonischen Reichs; Entpolitisierung, Psychologisierung der Befreiungstat Moses, des Mordes an dem Sklaven-Aufseher).

    2 Fragen:

    – Mit dem sozialen Hintergrund blendet D. auch das Faktum aus, daß sein Thema, insbesondere Keuschheit und Sexualität jetzt, infolge einiger genau bestimmbarer gesellschaftlicher Veränderungen, zum „Problem“ wird, an dem auch die Kleriker selbst nicht mehr vorbei kommen (Zusammenhang mit dem Ursprung der Psychoanalyse).

    – Ausgeblendet wird bei der Darstellung der Probleme der Keuschheit eigentlich vollständig das Problem, wie es aus dem Blickwinkel der Frau sich darstellt, der sehr wohl Vorbehalte gegen die freie Verfügbarkeit für männliche Begierden mit einschließt.

    M.a.W. verkürzt wird das gesamte Problem um den Problemkern, der vielleicht doch (freilich mit ganz anderen Konsequenzen, als aus der Sicht des Sexismus, des klerikalen Herrendenkens) in der kirchlichen Tradition steckt.

    „… der Haß auf die eigene Männlichkeit … übersetzt sich jetzt in eine Fülle reiner Gedanken zur Rettung der Welt“ (S. 556): D.h. wer über Auschwitz den Verstand verliert, und ernst macht mit der Maxime, daß das nicht wieder eintreten darf, tut es aus „Haß auf die eigene Männlichkeit“? Umgekehrt: Birgt nicht das Bestreben, den „Haß auf die eigene Männlichkeit“ zu vermeiden, gerade die Gefahr des Sexismus in sich? – Unfreiwilliger Hinweis auf den Zusammenhang von Empathie und parakletischem Denken?

    D.s Konzept stimmt nur unter der Voraussetzung, daß wir in einer heilen Welt leben, die nur von der Kirche angeschwärzt wird. Nur so läßt sich der Eindruck vermitteln: Wenn ihr aus den Fängen des Klerikalismus euch befreit, ist alles in Ordnung. Statt dessen käme es darauf an, diesen Zustand des Klerikalismus als selbst vermittelt (objektiv im Zustand der Welt, subjektiv in der Unfähigkeit, den Wahrheitskern der theologischen Tradition zu realisieren) zu begreifen. Und die begriffene Vermittlung könnte sehr wohl ein Moment der Realisierung der Wahrheit der theologischen Tradition sein.

  • 03.06.90

    Drewermann/Metz:

    – Strukturen des Bösen ohne Erwähnung von Auschwitz, ohne Kenntnis der bisherigen Analyse des Antisemitismus, offensichtlich ohne Kenntnis der Untersuchung des autoritären Charakters („no pity for the poor“: Weigerung, die Verantwortung für den Zustand der Welt zu übernehmen)

    – Karl Thieme: Verwandtschaft von Antisemitismus und Antiklerikalismus (D.s Grenze gegen beide diffus, nicht eindeutig)

    – Begriffe wie Forderung, Gebot lassen sich nicht streichen (irgendwann muß jeder die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen, ohne sich noch auf fremde Schuld herausreden zu dürfen; Psychoanalyse nur sinnvoll, wenn sie bei Übernahme dieser Verantwortung hilft: „wo Es war, soll Ich werden“, andernfalls nur strategische Nutzung des Schuldverschubsystems zur eigenen Entlastung: zur Verdrängung von „Schuldgefühlen“ und zur Herstellung des pathologisch guten Gewissens)

    – D. wehrt mit dem „moralischen Zwang“ eigentlich die Erinnerung an die Ehre und Würde des Subjekts (seiner Verantwortung) ab; die Psychologie ersetzt nicht die Moral, sie ist nur ein notwendiges Hilfsmittel gegen die Ideologisierung der Moral (gegen ihre Verwendung als Mittel der Rechtfertigung und Anklage – der Ankläger hat immer unrecht)

    Psychoanalyse auch Prototyp, Paradigma des „Wissens“ im Sinne Benjamins.

    „… Geld und Besitz in einen Fetisch absoluter Daseinssicherung zu verwandeln“ (S. 378): Dieser „Fetisch“ ist doch nun tatsächlich das transzendentale Apriori des Realitätsprinzips, des Ich, die Verknüpfung der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik, Grund und Motor des historischen Abstraktionsprozesses, Konstitutionsgrund der Welt, Inhaber des Gewaltmonopols (auch gegen den Staat – kraft des Verfassungsprinzips des Eigentums), Subjekt der Rechtfertigung, der Anklage und des Weltgerichts. Diesem „Fetisch“ ist mit moralischen Argumenten nicht beizukommen. – Vergleichbar nur dem hilflosen kirchlichen Kampf gegen die Naturwissenschaften zu Beginn der Neuzeit. (Welche Bedeutung haben vor diesem Hintergrund das vatikanische Bankwesen und die deutsche Kirchensteuerregelung? – Vgl. Auch Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers und Wucherzins und Höllenqualen – auch eine bis heute unaufgearbeitete Vergangenheit)

  • 31.05.90

    Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene; beide sind nicht unmittelbar gegeben, sondern gesellschaftlich (oder transzendentallogisch, durch Herrschaft) vermittelt (das kantische Ich, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, ist das Subjekt-Objekt von Herrschaft und der Repräsentant der Welt, des Realitätsprinzips; das Ich bin nicht ich). Beide stehen im Kontext (im Schuldzusammenhang) von Naturbeherrschung.

    Die (mehr den Leser als die Sache) erschöpfende Geschwätzigkeit Drewermanns, die unkonzentrierte Art zu schreiben, das punktuelle Reagieren auf Reize: das alles sind Symptome der Verdrängung oder Verleugnung. Zentral scheint hierbei die Verdrängung der realen Schuld zu sein (soweit sie rechtlich nicht dingfest zu machen ist): der „Schuldgefühle“, die therapeutisch aufzulösen seien. Ist das sein Befreiungsbegriff? Vgl. die Wendung „Erlösung (was immer das bedeuten mag)“ (Kleriker, ca. S. 90-100?). Bezeichnend, daß der Faschismus (ebenso die Vorgeschichte in Ketzerverfolgung, Inquisition, Antisemitismus, Hexenverfolgung) nur als Folie für den Schuldvorwurf gegen die Kirche, den Klerus, erscheint (vgl. u.a. S. 162f), nicht aber als Gegenstand der Reflexion, der „Gewissenserforschung“ (die D. vielleicht auch für veraltet hält). Insgesamt würde das einer Strategie der Befreiung durch Projektion (die Gefahr jeglicher Therapie) entsprechen, der technischen Handhabung eines Schuldverschubsystems, das die eigene Entlastung mit der Belastung der Außenwelt erkauft, gleichsam die Nachfolge Christi auf den Kopf stellt und glaubt, die Umkehr sich ersparen zu können. Diese Strategie wird mit Angst erkauft, für die er als Palliativ dann den lieben Gott braucht (Verwechslung von Schöpfung mit „Erzeugung“ der Materie). Das Resultat dieser Strategie wäre das pathologisch gute Gewissen (der Quellpunkt psychotischer Normalität; Drewermann weiß offensichtlich nicht, wovon er redet, wenn er dem Klerus eine „ontologische Verunsicherung“ nachsagt; er hätte vielleicht doch auch Sartres Beschreibung eines Antisemiten einmal lesen sollen). Auch Drewermann möchte (wie alle Kleriker heute) „normal“ sein (vgl. S. 170: „Die Künstlichkeit und Exemtheit gegenüber der Normalität …“).

    Das Unsystematische läßt sich mit Händen greifen in D.’s Kritik der Opfertheologie: Mit der Opfertheologie verwirft er auch die zentrale Lehre von der Übernahme der Schuld (des Abstiegs zur Hölle), den zentralen Punkt des Nachfolgegebots (auch hier würde er – Gesetz und Gebot verwechselnd, wie die gesamte Theologie, die den Offenbarungsbegriff verdrängt hat – vielleicht nur noch den „moralischen Zwang“ wahrnehmen, nicht aber mehr den theologischen Grund, den Kontext und Zusammenhang des Begriffs der Nachfolge).

    Der missionarische Eifer und die Ketzerverfolgung sind Symptome der Ich-Schwäche (die mit dem Herrendenken wie der Schatten mit dem Licht verbunden ist): Man glaubt seiner eigenen Überzeugung erst, wenn sie kollektiv abgesichert ist (der passive Glaube bedarf der Bestätigung durch den identischen Glauben der anderen, während der aktive Glaube seine eigene Rationalität entfaltet und der kollektiven Absicherung nicht bedarf). Vermittelt wird diese Absicherung durch die instrumentalisierte Orthodoxie des Dogmas, des durch Autorität definierten Bekenntnisses (und durch die Wut, die gegen alle sich richtet, die die Demuts- und Unterwerfungsgeste der Einstimmung ins kollektive Zwangsbekenntnis nicht mitvollziehen).

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