Auschwitz

  • 27.06.90

    Die Theologie ist der Einspruch gegen die Zwänge, als welche die gesellschaftlichen Strukturen des Realitätsprinzips heute erfahren werden; sie wird blasphemisch, wenn sie mit schwindender Kraft der Reflexion selber diesen Zwängen unterliegt (ihnen einen religiösen Anstrich verleiht: zweite Religiosität; Anbetung der „theologischen Mucken“ der Warenform).

    FR: „Vatikan droht kritischen Theologen“ – Hier fordert die Kirche, die selbst kein Mitleid kennt, in paranoider Verkehrung der Verhältnisse Mitleid mit sich selbst, mit den „Hirten der Kirche“, wenn sie von den Theologen fordert, daß sie bei Konflikten mit der Kirche keinen „Druck auf die öffentliche Meinung ausüben“ sollen. Übernahme des „Nestbeschmutzer“-Syndroms? (Ähnlich schon im Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“). – „Triebkräfte der Untreue gegen den Heiligen Geist“? Es gibt die Sünde wider den Heiligen Geist, aber keine Untreue gegen den Heiligen Geist (die Nibelungentreue sollte man dem nationalen Wahn überlassen); und bei den „Triebkräften“ kann es sich nur um die allzu bekannten subversiven Kräfte handeln (projektive Nebeneffekte der krichlichen Sexualmoral).

    D.’s Interpretation des „Richtet nicht, damit ihr nicht von Gott (E.D.) gerichtet werdet“ entstellt den Sinn des Gebotes.

    Mit der Kritik der politischen Theologie und der Rechtfertigung des Bürgers blendet D. das Herrendenken und seine Folgen für den Prozeß der Verweltlichung aus. Wer die Kritik der Welt aus der Theologie eliminiert, kastriert die Theologie. Da trifft sich D. mit Habermas, mit dessen Kritik an der Frankfurter Schule: an den Weltbegriff wird nicht mehr gerührt. D.’s Diffamierung des „Retter-Syndroms“, eigentlich der Erlösung, ist der genaue Ausdruck davon. Hier adaptiert er, was er zugleich kritisiert (und das macht den D. so anstrengend): die Kirche als Gnaden-Verwaltungsanstalt. Zusammenhang mit der von D. sowohl kritisierten als auch dann doch akzeptierten Opfertheologie.

    Ist nicht D.’s Verständnis der j Urgeschichte neokolonialistisch (Vergangenheit als Rohstofflieferant). So wird die j Urgeschichte wieder einmal von oben her erledigt, anstatt sich wirklich darauf einzulassen.

    Die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen: das ist auch einer anderen Interpretation fähig als einer fundamentalistischen.

    Religion ist heute entweder Blasphemie oder eine offene Wunde, deren Sinnesorgan z.B Adorno, Jean Amery, Primo Levi oder Nelly Sachs heißt. Es ließe sich leicht ein Kanon verbindlicher Schriften zusammenstellen, deren Kenntnis bei einer Neubegründung der Theologie vorauszusetzen wäre: Drewermann scheint keine dieser Schriften zu kennen. Zu beachten ist freilich, daß diese Literatur Literatur von realen oder potentiellen Opfern ist und von den (realen und potentiellen) Tätern nicht unverwandelt rezipiert werden kann. Dazwischen steht die Vernichtungswut, die Opfer und Täter trennt. Unsere Kraft reicht nur soweit, wie wir bereit sind, uns durch diese Literatur aufstören zu lassen.

    Das angstfreie Leben, das D. wohl als Utopie, als Bild eines Lebens, das mit sich versöhnt ist, vorschwebt, ist in der D’schen Version nur auf der Grundlage neuer Verdrängungen und Rationalisierungen möglich, das aber heißt: nur als Quellgrund neuer Angstregionen. Angst ist ein Indikator für Unaufgearbeitetes: freilich für ein nicht nur im Subjekt, sondern zugleich draußen, in der Objektivität Unaufgearbeitetes.

    Zu Kant: Die Moral ist der Schopf, an dem sich die Philosophie aus dem zuvor selbst produzierten Sumpf ziehen muß.

    Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ rückt den Kreuzestod Christi überhaupt erst in die richtige Perspektive. Es ist die schärfste Kritik an seiner Instrumentalisierung zur Opfertheologie. Die Vorstellung, daß die KZ-Schergen nach getaner Arbeit auch 1944 noch zu Hause mit Frau und Kindern unterm Weihnachtsbaum Weihnacht gefeiert haben, sollte eine Schutzimpfung gegen den sentimentalen Sog des Weihnachtsfestes sein, der ohnehin nur dem Weihnachtsgeschäft zugute kommt, in dem sich Auschwitz fortsetzt.

    Die Opfertheologie verhält sich zur Befreiungstheologie wie die Familie zur Ehe (oder wie die Eucharistie zum Kannibalismus?). Die Ehe ist ein Sakrament, nicht die Familie; die ist eines der Zentren des bürgerlichen Schuldzusammenhangs, ein Mythos-Generator.

    Gibt es für die Idee der seligen Anschauung Gottes eine biblische Grundlage, oder handelt es sich hier um ein philosophisches (aristotelisches) Erbe? Zusammenhang mit dem aristotelischen Theorie-Begriff, abgegolten und erledigt durch die kantische Philosophie (Zusammenhang der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik).

    Der Rosenzweigsche Weltbegriff scheint mir den Punkt zu bezeichnen, von dem aus der „Stern“ aufzuarbeiten wäre. Das „All“, gegen das er seine Philosophie setzt, ist ja der Gegenstand des Weltbegriffs, gegen den seine Philosophie andenkt. Der Weltbegriff ist selber an die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur gebunden, ein Nebenprodukt des Objektivationsprozesses, der Vergegenständlichung der Natur, hinter deren Rücken gleichsam der Weltbegriff sich konstituiert. Herrschaft verstrickt sich in Welt.

    Wenn das Verhältnis des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Planckschen Strahlungsformel begriffen ist (Ursprung und Bedeutung des Korpuskel-Welle-Dualismus), ist der Einstieg in eine neue Naturphilosophie geschafft (Zusammenhang mit dem -vierdimensionalen – Raumzeitkontinuum, mit der Minkowskischen Raumzeit: Stellenwert des die Lichtgeschwindigkeit repräsentierenden imaginären Raumteils: Grund für die Begrenzung auf den mikrophysikalischen Bereich?).

    Dem Naturschönen wohnt ein utopisches Element inne, während die weltliche Schönheit nur regressive Züge trägt (Zusammenhang von Natur- und Weltbegriff).

    Der eigentliche Gegenstand des Inzest-Verbots ist der Ursprungs-Mythos, in letzter Instanz die Fundamentalontologie. Parvus error in principio magnus est in fine. Aktualität von Kafkas Parabel vom Schauspieldirektor, der zur Vorbereitung einer neuen Inszenierung die Windeln des künftigen Hauptdarsteller wechselt.

    Zusammenhang von Öffentlichkeit und Krieg (unter Einbeziehung der Lehre vom Heiligen Geist).

    Das Gefühl ist das Gegenteil von Glück; das Glück ist kein Gefühl.

    D. überantwortet die Theologie einem Abfall-Vernichter.

    „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn“.

    Gilt das Kreuzeswort Jesu „Vater, vergib ihnen, …“ auch für die Kirche, die sich mit der Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat?

    F.R. hat nach W.B. die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördert statt sie seßhaft zu verwalten, D. wirft die Tradition wie einen Ballast ab, um die Verwaltungspraxis zu erleichtern. Dabei ist er sich nicht zu schade für die denunziatorische Nutzung einer instrumentalisierten Psa. z.B. im Falle des Franz von Assissi.

    Wenn Jesus die Schuld der Welt auf sich genommen hat, dann war das kein stellvertretendes Opfer, sondern ein durchaus realer Versuch, verdrängungslos zu leben.

  • 24.06.90

    Die Probleme der drei Offenbarungsreligionen (Juden, Christen, Islam)? – Auschwitz, Staat Israel, politischer Fundamentalismus? (Hat das Christentum im Judentum die eigene Vergangenheit, der Islam die eigene Zukunft vor Augen? Antizipation der Erlösung / Rückfall hinter die Offenbarung? – Islam ist über Stammesreligion nicht hinausgekommen; mißlungener Versuch, ohne Zwischenstufe der Urbanisierung ein Imperium zu begründen; islamisches Recht, Grenze der arabischen Mathematik und Ökonomie?). Gegenüber der mittelalterlichen Theologie galt der Islam als „Heidentum“, als Vorwelt, als (äußerer) Repräsentant des Vergangenen (- und das Judentum als innerer?).

  • 21.06.90

    Verhältnis von Bekenntnis (Konfession), Lehre, Verkündigung? Ist eine entkonfessionalisierte Kirche noch fähig, den sogenannten „Verkündigungsauftrag“ wahrzunehmen, ist der „Missionsauftrag“ überhaupt noch sinnvoll und begründbar („Judenmission“; Probleme der Islammission; Probleme der Missionserfolge bei den vorzivilisatorischen Völkern, bei den Stammesgesellschaften; Mission und Kolonialisierung; Mission und Geschichte der Sozialisation, M. und Ethnologie; Probleme nach Herstellung der „Einen Welt“, Genesis der zweiten/dritten Welt; Missionsland Europa). Rückwirkung auf das Selbstverständnis der Theologie; was heißt „in alle Welt“? Wäre ein entkonfessionalisierter „Missionsauftrag“ nicht der Auftrag zur Welt-Kritik, zur Ausbreitung des parakletischen Denkens?

    D.’s Verinnerlichung, Entrealisierung und Enthistorisierung der Schuld, sein Konzept einer ubiquitären „j Urgeschichte“ hat u.a. auch den Nebeneffekt der Relativierung von Auschwitz. Wenn Auschwitz mit dem (historischen, nicht nur innerlichen, psychologischen, archetypischen) Sündenfall zu tun hat, dann darf dabei die Geschichte, die Veränderung, die z.B. allein schon in der veränderten technischen Dimension, in der veränderten Gestalt der Naturbeherrschung (Grund und Reflex der gesellschaftlichen Strukturverschiebungen) sich ausdrückt, nicht unterschlagen werden: die reale Geschichte.

  • 11.06.90

    Hängt die Gereiztheit D.s gegenüber Rahner und vor allem Metz vielleicht mit dem Konzept der „ubiquitären“ Struktur der j Urgeschichte zusammen, mit der Tilgung ihres historischen Charakters, der Anpassung an den naturwissenschaftlichen Objektivitätsbegriff (letztlich mit der Verdrängung der Schöpfungslehre)?

    „Selten nur wurden Menschen in größerer Zahl in Deutschland …“ (III, S. XVI) – Auschwitz lag nicht in Deutschland. – Diese Selbstmitleidsblockade war der Grund für die unsäglichen Verdrängungsleistungen in den vierziger Jahren.

    „(Die Psa) versteht die Angst nur (?) als einen Reflex äußerer Gefahrensituationen, nicht als etwas, das vom Bewußtsein der Menschen selbst ausgeht.“ (III, S. XX)

    „Nicht was andere aus einem gemacht haben, ist das Entscheidende, sondern zu wem man sich selbst bestimmt hat und wozu man sich in jedem Augenblick auch heute noch weiter bestimmt.“ (III, S. XXIII) – Konkreter: Für das, was andere aus einem gemacht haben (d.h. für sich selbst, für den eigenen Charakter), die Verantwortung übernehmen. Der Sartresche Existenzialismus, auf den D. sich hier offensichtlich bezieht, abstrahiert von der Geschichte und von der versöhnenden Kraft der Erinnerung, wenn er den Vorrang der Existenz vor dem Wesen und die Fähigkeit, das eigene Wesen selbst zu setzen, vertritt.

    „So wird die Objektivität des Erkennens, die den Aufstieg der Wissenschaft ermöglichte, von der ständigen Ichbezogenheit der Angst blockiert.“ (III, S. XXXV) – Nicht nur blockiert, sondern gleichzeitig und ebensosehr blind weitergetrieben (vgl. die DdA).

    „Was ein Neurotiker an seinem Therapeuten lernt, das hat die Menschheit lernen müssen in dem Glauben an den Gott des Volkes Israel, mit dem einen wesentlichen Unterschied …“ (III, S. XXXVI) – Ist das das D.sche Konzept?

    Die Anwendung des Bildes vom brennenden Dornbusch (III, S. XXXVII) liegt nur knapp daneben: Nicht die Menschen, sondern das Werk ihrer Hände (was ihre Bearbeitung des Ackers für sie hervorbringt: die gegenständliche Welt als Substrat der Geschichte und als Gericht) ist das mit dem Bild Gemeinte.

    „Im Umkreis der Mythen wie der Neurosen gibt es keine Geschichtlichkeit (er meint: keine wirkliche Geschichte, H.H.); alles erstarrt darin vielmehr zu einer angsterfüllten Gegenwart (zur Ubiquität, H.H.), die von dem Schrecken und den Mächten der Vergangenheit (vom Mythos, vom Schicksal, H.H.) vollkommen überlagert wird.“ (III, S. XXXIX) Der Umkreis der Mythen wie der Neurosen ist demnach exakt der durch das Erkenntnisgesetz der Wissenschaft (in den Naturwissenschaften durchs Inertialprinzip) bestimmte, und er umfaßt nachweisbar auch das D.sche Konzept (das Inertialsystem stellt jene Zweideutigkeit, jene Ununterscheidbarkeit von Objektivität und Projektion, Paranoia und Selbstmitleid, her, die Medium sowie Grund und Folge der Instrumentalisierung ist und nur durch Schuldreflexion sich auflösen läßt).

    D.’s Versuch, eine theistische Theologie ohne Sündenfall und Auferstehung der Toten zu begründen, führt zwangsläufig in den Mythos zurück. Die Existenz Gottes läßt sich nicht daraus ableiten, daß andernfalls nur Verzweiflung, „das Böse“ und der Wahnsinn bleiben. Auch die therapeutische Instrumentalisierung ist blasphemisch. – Im übrigen würde seine Theologie anders aussehen, wenn er wirklich glauben (und den Glauben wörtlich nehmen) würde anstatt an den Wunsch sich zu klammern, daß es (für wen?) gut wäre, wenn es einen Gott gäbe.

    Gibt es einen trinitarischen Bezug von Angst, Schuld und Scham (Projektionen: Macht, Gericht, Sexismus; Opfer: Juden, Ketzer, Frauen)?

  • 09.06.90

    Die Opfertheologie und die daran anschließende (die Kirche als Verwalterin des Heilgutes begründende) Gnadenlehre rückt durch die gleiche Form der Instrumentalisierung (der „Verweltlichung“), die insbesondere dann die Geschichte der Naturerkenntnis und -beherrschung charakterisiert, die Gläubigen auf die Täterseite, blasphemisiert die Theologie, entmündigt die Christen, macht die Lehre für politische Zwecke verfügbar, polarisiert den Terror (nach innen durch die Unterwerfungsbereitschaft, durch Verführung zur Identifikation mit dem Aggressor; nach außen durch das Angebot von Opfern für Entlastungsaggressionen – Heiden, Häretiker, Juden, Frauen; durch Exkulpierung offenen Terrors). Sie eröffnet den masochistischen Nachfolgebegriff (durch stellvertretendes Leiden) und verdrängt den realen: Nachfolge als Übernahme der Schuld der Welt, als Verantwortungsfähigkeit. An die Stelle einer säkularisierten Theologie, einer Theologie, die selber Opfer der Säkularisation geworden ist (in der Geschichte des Dogmatisierungsprozesses), müßte eine kritische Theorie der Geschichte der Säkularisation treten, eine theologische Erkenntniskritik als Kritik des Herrendenkens in der Theologie (als Selbstreinigung der Theologie): die Vergangenheit ist nicht frei verfügbar.

    Zu Lyotards Reflexionen über Auschwitz (Verbrechen sind nicht mehr justiziabel, weil es gelungen ist, die Spuren und die Zeugen restlos zu beseitigen): Die zynische Anwendung dieses Prinzips findet heute bereits öffentlich, z.T. mit Zustimmung der Öffentlichkeit, jedensfalls ohne nennenswerte Kritik, vor allem aber in gesetzlichem Rahmen statt; gegen freigegebene Opfer (Mitglieder einer „terroristischen Vereinigung“) ist jede Schikane möglich und zulässig, die nicht juristisch dingfest zu machen ist (wenn sie unter einem Vorwand erfolgt, gegen den rechtlich wirksame Einwände nicht möglich sind). Moral ist nicht einklagbar.

    Anwendung der psychoanalytischen Interpretation der „Schaulust“ (vgl. II, S. 452) auf den philosophisch-wissenschaftlichen Theorie-Begriff (und auf das Verhältnis der kantischen Anschauungsformen zur transzendentalen Logik, zur kritischen Begründung des Wissensbegriffs).

    Die psychoanalytische Ableitung des jüdischen Bilderverbots (K. Abraham, sh. D. II, S. 457) vergißt den erkenntniskritischen Zusammenhang, auf den das Bilderverbot verweist (die Theorie-Kritik). Das Bilderverbot, das allen Menschen-, Welt- und Gottesbildern den theologischen Grund entzieht, trennt die jüdische Religion sowohl vom Mythos wie von der Philosophie (der postmythischen Schwester des Mythos); es hat einen Begriff der Erkenntnis zur Folge, der das Unrecht des Wissens und der Gegenstandslogik aufzulösen trachtet durch eine parakletische, an der Idee des Namens sich orientierende Erkenntnis. Frage, ob nicht in diesem bisher uneingelösten Erkenntniszusammenhang auch der patriarchalische Grundzug der jüdischen Religion (ihre letzte Bindung an den Mythos) sich auflöst. Hat die feministische Theologie dem vielleicht schon vorgearbeitet?

  • 04.06.90

    „… Illusionen, deren Trugbild dem ungetrübten Auge eines Kindes verborgen bleiben sollte.“ (S. 476)

    „… verzehrte rasch und gewaltsam wie ein Steppenbrand die kleinen Reste an spärlichem Grün in den Niederungen und Tälern des irdischen Lebens.“ (S. 472) – Solche Sprachbilder verraten mehr, als der unmittelbare Wortlaut des Textes wahrhaben will.

    So verdienstvoll die Gesamtdarstellung des Klerikers ist, es bleibt ein Verdacht, daß hier eine katholische Assimilation (wie im letzten Jahrhundert die jüdische) auch den Schatten des Selbsthasses (eines verinnerlichten Antiklerikalismus) nach sich zieht. Ausgeblendet wird der Hintergrund (der Symptomenkomplex der zweiten Schuld) in Deutschland; die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird nur soweit mit vollzogen, wie sie sich in die Kritik an der Kirche mit einbeziehen läßt. Die Psychologie des Klerikers wird sicher überhaupt erst durchsichtig, sobald sie die Reflexion auf den welthistorischen Zustand der Dinge mit einbezieht: das gesamtgesellschaftliche Verhältnis von Es, Ich und Über-Ich, von dem das kirchliche nur ein ohnmächtiger Reflex ist. Der Verdacht bleibt, daß D. die Vorteile der Assimilation und des Schutzes der kirchlichen Institution zugleich haben möchte; den Widerspruch, der daraus notgedrungen folgt, hat er nicht aufgearbeitet (den Widerspruch des antiautoritären Autoritarismus).

    D.’s Antisemitismus? (S. 493ff: die „Religion des Alten Testamentes“)

    Das Christentum und das Erbe Ägyptens (S. 496): Verrat des Exodus.

    Zusammenhang der umfassenden Adaptation mythischer Motive mit der zentralen Verdrängung des politischen Teils der Idee des seligen Lebens. (Bedeutung Ägyptens für D.: Kein Gedanke an die Realität des Pharaonischen Reichs; Entpolitisierung, Psychologisierung der Befreiungstat Moses, des Mordes an dem Sklaven-Aufseher).

    2 Fragen:

    – Mit dem sozialen Hintergrund blendet D. auch das Faktum aus, daß sein Thema, insbesondere Keuschheit und Sexualität jetzt, infolge einiger genau bestimmbarer gesellschaftlicher Veränderungen, zum „Problem“ wird, an dem auch die Kleriker selbst nicht mehr vorbei kommen (Zusammenhang mit dem Ursprung der Psychoanalyse).

    – Ausgeblendet wird bei der Darstellung der Probleme der Keuschheit eigentlich vollständig das Problem, wie es aus dem Blickwinkel der Frau sich darstellt, der sehr wohl Vorbehalte gegen die freie Verfügbarkeit für männliche Begierden mit einschließt.

    M.a.W. verkürzt wird das gesamte Problem um den Problemkern, der vielleicht doch (freilich mit ganz anderen Konsequenzen, als aus der Sicht des Sexismus, des klerikalen Herrendenkens) in der kirchlichen Tradition steckt.

    „… der Haß auf die eigene Männlichkeit … übersetzt sich jetzt in eine Fülle reiner Gedanken zur Rettung der Welt“ (S. 556): D.h. wer über Auschwitz den Verstand verliert, und ernst macht mit der Maxime, daß das nicht wieder eintreten darf, tut es aus „Haß auf die eigene Männlichkeit“? Umgekehrt: Birgt nicht das Bestreben, den „Haß auf die eigene Männlichkeit“ zu vermeiden, gerade die Gefahr des Sexismus in sich? – Unfreiwilliger Hinweis auf den Zusammenhang von Empathie und parakletischem Denken?

    D.s Konzept stimmt nur unter der Voraussetzung, daß wir in einer heilen Welt leben, die nur von der Kirche angeschwärzt wird. Nur so läßt sich der Eindruck vermitteln: Wenn ihr aus den Fängen des Klerikalismus euch befreit, ist alles in Ordnung. Statt dessen käme es darauf an, diesen Zustand des Klerikalismus als selbst vermittelt (objektiv im Zustand der Welt, subjektiv in der Unfähigkeit, den Wahrheitskern der theologischen Tradition zu realisieren) zu begreifen. Und die begriffene Vermittlung könnte sehr wohl ein Moment der Realisierung der Wahrheit der theologischen Tradition sein.

  • 03.06.90

    Drewermann/Metz:

    – Strukturen des Bösen ohne Erwähnung von Auschwitz, ohne Kenntnis der bisherigen Analyse des Antisemitismus, offensichtlich ohne Kenntnis der Untersuchung des autoritären Charakters („no pity for the poor“: Weigerung, die Verantwortung für den Zustand der Welt zu übernehmen)

    – Karl Thieme: Verwandtschaft von Antisemitismus und Antiklerikalismus (D.s Grenze gegen beide diffus, nicht eindeutig)

    – Begriffe wie Forderung, Gebot lassen sich nicht streichen (irgendwann muß jeder die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen, ohne sich noch auf fremde Schuld herausreden zu dürfen; Psychoanalyse nur sinnvoll, wenn sie bei Übernahme dieser Verantwortung hilft: „wo Es war, soll Ich werden“, andernfalls nur strategische Nutzung des Schuldverschubsystems zur eigenen Entlastung: zur Verdrängung von „Schuldgefühlen“ und zur Herstellung des pathologisch guten Gewissens)

    – D. wehrt mit dem „moralischen Zwang“ eigentlich die Erinnerung an die Ehre und Würde des Subjekts (seiner Verantwortung) ab; die Psychologie ersetzt nicht die Moral, sie ist nur ein notwendiges Hilfsmittel gegen die Ideologisierung der Moral (gegen ihre Verwendung als Mittel der Rechtfertigung und Anklage – der Ankläger hat immer unrecht)

    Psychoanalyse auch Prototyp, Paradigma des „Wissens“ im Sinne Benjamins.

    „… Geld und Besitz in einen Fetisch absoluter Daseinssicherung zu verwandeln“ (S. 378): Dieser „Fetisch“ ist doch nun tatsächlich das transzendentale Apriori des Realitätsprinzips, des Ich, die Verknüpfung der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik, Grund und Motor des historischen Abstraktionsprozesses, Konstitutionsgrund der Welt, Inhaber des Gewaltmonopols (auch gegen den Staat – kraft des Verfassungsprinzips des Eigentums), Subjekt der Rechtfertigung, der Anklage und des Weltgerichts. Diesem „Fetisch“ ist mit moralischen Argumenten nicht beizukommen. – Vergleichbar nur dem hilflosen kirchlichen Kampf gegen die Naturwissenschaften zu Beginn der Neuzeit. (Welche Bedeutung haben vor diesem Hintergrund das vatikanische Bankwesen und die deutsche Kirchensteuerregelung? – Vgl. Auch Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers und Wucherzins und Höllenqualen – auch eine bis heute unaufgearbeitete Vergangenheit)

  • 01.06.90

    D. meidet die Anbindung psychoanalytischer Begriffe an die Strukturbewegungen im historischen Prozeß: Die Ableitung der „Methoden theologischer Zwangsvereinheitlichung durch Ketzermacherei und Häretikerausschluß“ aus der Psychologie des Klerikers z.B. müßte ergänzt werden durch eine kritische Analyse der realen Geschichte von Ich, Es und Über-Ich (der Geschichte der Herrschaft, in die sie verflochten sind): Hier wäre die Kenntnis der materialistischen (politisch-ökonomischen) Geschichtsanalyse zweifellos von Nutzen. Hätte D. sich etwas mehr mit der jüngsten Vergangenheit befaßt, würde er z.B. den Begriff der „Identifikation mit dem Aggressor“ kennen, der sicherlich mehr zur Aufklärung frühkirchlicher Vorgänge beitragen könnte (wie überhaupt die Anwendung psychoanalytischer Methoden auf diese Periode konstruktiver sein würde als ihre Anwendung auf die „jahwistische Urgeschichte“: kann es vielleicht sein, daß das Christentum das Objekt der Psychoanalyse überhaupt erst „geschaffen“ hat? – vgl. S. 278: die „ödipale Problematik … lediglich eine kulturelle Variable, deren Einfluß auf die Mentalität der europäischen Zivilisationsgeschichte allerdings nur schwer überschätzt werden kann“).

    Zu Dornen und Disteln: sh. Mt 7,16 „die Trauben bei den Dornen und Feigen bei den Disteln suchen“.

    Adorno: Heute ist schon jeder Katholik so schlau wie früher nur ein Kardinal. – Hat D. nie den Zynismus (und seine Wurzeln) analysiert, der heute als notwendige Folge aus dem Zustand der Theologie (nicht erst aus der Psychologie des Klerikers) resultiert, und der möglicherweise stärker, wirksamer und weiterreichend im katholischen Laien sich manifestiert, der gelernt hat, sein instrumentalisiertes Christentum als Herrschaftsmittel im privaten Bereich wie in der Politik taktisch und strategisch zu nutzen. Dagegen hat der Kleriker durch seine theologische Ausbildung noch Reibungsflächen, die vielleicht sein Leiden /am Zustand der Theologie) erhöhen, die aber auch die Chance eröffnen, durch Reflexion, durch Aufarbeitung dieses Leidens den Zustand der Theologie selbst zu ändern (die Möglichkeiten ihres Mißbrauchs zu reduzieren).

    Bemerkt D. nicht die Projektion, die in der unkritischen Rezeption des Katharerbildes steckt? (S. 162).

    Zu dem „Mangel an Persönlichkeit“ (S. 167, 170) vgl. die Bemerkungen von F.R. im „Stern“. Ist der Begriff der P. eigentlich psychoanalytisch relevant?

    Zu der wirklich nur noch polemischen Darstellung der klerikalen Kleidung: Warum eigentlich so ausführlich nur hinsichtlich der Nonnenkleidung? Was ist mit der liturgischen Kleidung? Und vor allem: Fehlt nicht als Hintergrund eine Soziologie der Kleidung (und hierbei auch der Mode) überhaupt? Ist es zulässig, hier die Realität als nicht mehr zu hinterfragende Normalität hinzunehmen, an der dann die klerikale Kleidung (ihre diachronische Symbolik) so unreflektiert gemessen werden darf? Wäre hier nicht eher ein Aufklärung dieser Diachronik, eine Aufarbeitung der Geschichte dieser gegenwärtigen Vergangenheit vonnöten?

    Drewermann kennt offensichtlich nur das „persönliche Gebet“ (das es heute eigentlich schon nicht mehr gibt, jedenfalls nicht mehr in authentischer Form), nicht jedoch das meditative Gebet (vgl. Reinhold Schneiders „allein den Betern …“ und Ernst Blochs „Wahrheit als Gebet“): Das persönliche Gebet ist den Tätern nach Auschwitz untersagt; das meditative Gebet (als Trauer- und Erinnerungsarbeit) behält seine Bedeutung (ja gewinnt sie heute vielleicht sogar verstärkt) als Vorstufe und als Exercitium des parakletischen Denkens.

    Was ist eine „persönliche Vertiefung der Frömmigkeit“ (S. 179)? Auch die Wachmannschaften in den KZs haben Weihnachten gefeiert.

    Zur Bußpraxis (S. 180): Die wirkliche Schuld ist heute nicht mehr beichtfähig, sie ist nicht mehr in dem Sinne individuell, wie es das Institut der Beichte voraussetzt. Vgl. hierzu das Jesus-Wort über die Aussöhnung mit dem Bruder vor dem Opfer: Dürfte hiernach heute überhaupt noch jemand am Opfer teilnehmen?

    „Was immer heute Religion heißt, vermittelt sich persönlich oder gar nicht …“ (S. 212f): Das kann doch nur heißen, daß der Inhalt, die Wahrheit, nicht mehr vermittelbar ist, sondern nur noch die „personality“ des Vermittlers (des „Führers“ – vgl. die Vorbereitung des H.J. Degenhardt auf das Priesteramt), vielleicht so etwas wie Charisma, Aufrichtigkeit o.ä., jedenfalls etwas, daß nicht mehr anhand nachvollziehbarer Kriterien (außer denen des „positiven Denkens“) zu beurteilen ist?

    D.s Begriff von den Psalmen: „tagaus tagein zu dem Hersagen altorientalischer Lieder genötigt“ – „Haßtiraden der Psalmen“ -„nicht ein einziges wirkliches Fürbittgebet“ – „Texte, gebunden an den heiligen Egoismus einer altorientalischen Stammesreligion“ – „muß sie beten, daß Gott dem König Macht gibt, seine Rache an den Feinden zu genießen“ (S. 179)

    S. 245ff: D. hat den entscheidenden Punkt des double bind in der Psychologie des Klerikers offensichtlich nicht begriffen (obgleich er ihn selbst kurz vorher sehr genau beschrieben hat): nämlich die „Doppelbindung“ an die „Mutter Kirche“, nicht selten projektiv ausgebildet in der priesterlichen Marienverehrung (sh. jedoch hierzu S. 287f). Dagegen ist das von D. beschriebene Beispiel der Gefühlsverwirrung in der ungeklärten Beziehung einer Frau zu „ihrem“ Pfarrer ein Fall, der nur vor dem Hintergrund einer selbst bereits wahnhaften (blasphemischen) Religionsbindung double-bind-ähnliche Züge annimmt (vgl. Schizophrenie und Familie – Anwendung auf Genesis und Struktur der Marienverehrung?). – Einbindung von double-bind-Strukturen in die Normalität zunächst durch die Religionen, dann Verselbständigung (sekundäre Religion – vgl. Spengler)?

  • 16.05.90

    Walter Benjamin in einem Brief an Scholem vom 05.08.37: er wolle der Jungschen Archetypenlehre, die er für „echtes und rechtes Teufelswerk“ hielt, „mit weißer Magie zu Leibe rücken“. (Briefwechsel S. 247; vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat, S. 244 und Anm. Nr. 112 dazu) – Nochmal die Geschichte von der Hexe von En Dor lesen.

    Ist das Sexualtabu ein Teil des Tabus über den Totenkult? (Genesis/Sündenfall, Ursprungsgeschichte der Sexualmoral, Zusammenhang mit politischer Theologie)

    Ginzburgs Hexensabbat: Gibt das Buch nicht auch Hinweise und Kriterien zur Beurteilung des Gesamtkomplexes der Terroristenverfolgung? Gibt es nicht gemeinsame oder auch nur vergleichbare Vorurteile (begründet in der Absicht der Stabilisierung von Herrschaftsstrukturen)? Insbesondere: Ist die Paranoia, die in beide hereinspielt, ein Nebeneffekt der Verdrängung des eigenen Schuldanteils an dem Konflikt, Blockade der Analyse dessen, was sich wirklich abspielt?

    Die merkwürdige Haßbindung der Rechten an die Toten (Grabschändungen, Schmierereien auf Friedhöfen, an Grabsteinen u.ä.): Die Gefahr der Linken ist die Instrumentalisierung des Todes, die der Rechten seine Magisierung. Man wird es sich nach Art einer Mutprobe (als Teil eines Initiationsritus) vorstellen müssen: die, die die Gräber schänden, scheinen auch von der Erwartung motiviert zu sein, daß nicht auszuschließen ist, daß die Gräber sich öffnen und die Toten hervorkommen (um sich an den Überlebenden zu rächen). Nicht zufällig ist der Werwolf (überhaupt der Wolf) eine faschistische Identifikationsfigur. Zum Werwolf wird, wer den „inneren Schweinehund“ in sich besiegt hat; den inneren Schweinehund besiegt man mit Mutproben, die die moralische Identität untergraben sollen (die Toten kommen nicht heraus, der liebe Gott greift nicht ein). Die erwünschte Befreiung ist eine Befreiung von den Tabus der Moral, vom Über-Ich. Ein weiterer Nebeneffekt: diese Mutproben haben eine gewaltige Bindungskraft: die der Komplizenschaft. Elemente davon sind nicht zufällig bei Polizeieinsätzen anläßlich linker Demonstrationen zu erkennen, die dann regelmäßig das Lob der Politiker nach sich ziehen. Der rein technische Aspekt dieses Verfahrens, durch projektive Kriminalisierung den politischen Grund der Sache zu verdrängen, sich die politische Auseinandersetzung zu ersparen, hat die Vorurteilsstrukturen, die er zugleich produziert und ausbeutet, zur Voraussetzung.

    Drewermann: „Es ist der in unserem Zusammenhang vielleicht wichtigste Satz der ganzen Angsttheorie der Psa, wenn Freud sagt: „Leben ist … für das Ich (Hervorhebung H.H.) gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden …“ (Drewermann II, S. 155; vgl Freud: Das Ich und das Es, XIII 288) – Anstatt dieses Zitat kritisch zu begreifen (Struktur und Genese des Idealismus anhand der Struktur des Ich) rezipiert er es affirmativ: als Beweis für den (zutreffenden, aber theologisch irrelevanten) Konnex von Ich und Geliebtwerden. Die Position Drewermanns bezeichnet genau den Punkt, den sie dann auch beschreibt: den Abfall von Gott (er beschreibt, ohne es zu wissen, seine eigene Position). – Drewermanns Begriff des Bösen ist ein infantiler Begriff: So verstehen Kinder sich selbst als böse (das Ich, das sich als Nein konstituiert, als apriori schuldig, das ebendeshalb des Geliebtwerdens bedarf, weil es selbst der Liebe nicht fähig ist), nachdem es die Eltern, aus deren Bannkreis sie nicht herauskommen, ihnen einsuggeriert haben. Das Schlimme ist, daß dieser infantile Begriff des Bösen der in der Gesellschaft immer noch herrschende ist; er ist der Nährboden insbesondere für die neue Welle des Nationalismus, für die Weigerung, den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (und das Ich als Moment darin) zur Kenntnis zu nehmen. Es steckt die Weigerung mit drin, erwachsen zu werden, die Verantwortung für sich und für die Welt, in der man lebt, zu übernehmen (Grund sind die Angst und die Panik, die Kritik an den Eltern immer noch auslöst; Deutschland: das sind die Toten – die toten Helden – der Vergangenheit, von denen man nicht loskommt – vgl. Bitburg und Kohls „Versöhnung über Gräbern“).

    Drewermanns Haltung erinnert an die um Umkreis der Psychoanalyse nicht seltene Geste der Heilung durch Abwehr von Schuldgefühlen, der Unfähigkeit zu realer Schuldbearbeitung (Trauer- und Erinnerungsarbeit), die nach Auschwitz das erste Erfordernis einer theologischen Rezeption der Psychoanalyse sein sollte.

    Verantwortung übernehmen ist etwas anderes, als zur Verantwortung gezogen zu werden, d.h. sich schon im vorhinein gegen eine apriorische Anklage, einen apriorischen Verdacht rechtfertigen zu müssen und dadurch in das Gravitationsfeld der Autorität hereingezogen zu werden (in den Bannkreis der Eltern).

    Gott ist nicht beleidigungsfähig; jede andere Vorstellung ist (subjektiv wie objektiv) pathologisch und blasphemisch.

  • 14.04.90

    Wie kann man noch 1977 (im Jahre Stammheim) ein dreibändiges Werk mit dem Titel „Die Strukturen des Bösen“ schreiben, ohne Auschwitz, den Faschismus, den Antisemitismus, die Hexenverfolgung, die Inquisition, ohne Hitler, Himmler, Eichmann zu erwähnen, ohne „Die Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt zu kennen (Rosemary Radford Ruethers „Brudermord und Nächstenliebe“ oder auch Ralph Giordanos „Zweite Schuld“ sind später erschienen): Ist nicht diese Art, Fachtheologie zu treiben, d.h. sich dabei um Gott und die Welt nicht kümmern, ein wesentliches Moment der „Strukturen des Bösen“? – Welches Böse meint Eugen Drewermannn eigentlich (nur das innerliche, private, psychologische, oder auch – wenn schon nicht zentral – das öffentliche: Wissenschaft, Ökonomie, Politik, die Welt)? Besteht nicht die Gefahr, daß er – wie die christlich-apologetische Geschichtsschreibung zum Ende des Römischen Reiches – den politischen Untergang auf die moralischen Verfehlungen der Menschen in dieser Zeit zurückführt?

  • 18.03.90

    „… das Andenken daran (an das letzte Abendmahl als Vergegenwärtigung des Kreuzestodes) bis zum Ende der Welt festhalten …“ (Trid. Sess. XXII, c.1): also nur „bis zum Ende der Welt“, nach dem Weltuntergang nicht mehr. Die Zeit danach ist die des Abstiegs zur Hölle, der letzten Aufgabe vor der Erlösung der Welt.

    Die Kirche hat keine Aufgabe mehr in der Welt, die ohnehin nach ihrem Untergang (in den Weltkriegen) und nach der realen Wiederholung des Kreuzestodes in Auschwitz („Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, …“) in Verwesung übergegangen ist; die Postmoderne (die gegenwärtige Gestalt des Nominalismus) ist der genaueste ästhetisch-philosophische Ausdruck davon.

    Zusammenhang damit: Die Weltkriege haben die „eine Welt“ (die sich dann in zunächst drei, demnächst möglicherweise nur noch zwei Welten aufgespalten hat) erst geschaffen; aber die Schaffung der Welt ist der Vollzug des Urteils über die Welt, denn der Begriff der Welt ist kein Objektbegriff, sondern der Inbegriff des transzendentalen Urteils: die Welt ist das Weltgericht (jedoch nicht das Jüngste Gericht, sondern eher deren Objekt!).

    (Ängste angesichts der Ereignisse in Deutschland: nationalistische Besoffenheit; Fremdenhaß; Wiederholungszwang, Verschiebung und Projektion von Schuld; soziale Marktwirtschaft als Nachfolgeorganisation des mißlungenen politischen Herrschaftstriebs; den letzten Krieg doch noch gewinnen und die Erinnerung an die Schuld endlich aus der Welt schaffen; Entstehung eines exkulpierenden, rechtfertigenden Fundamentalismus: „Marx ist tot, Jesus lebt“)

  • 30.12.89

    Hinweis für Gottsucher: Ist Auschwitz der brennende Dornbusch (der brennt, aber nicht verbrennt)?

    Mit dem Staunen verschwindet das Denken, wird die Welt zum Traum, in dem es eine Realitätsprüfung nicht mehr gibt, der Indikativ nur noch als Imperativ erfahren wird.

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