Auschwitz

  • 19.11.89

    Nach dem Weltuntergang: In Deutschland kann man die Menschen bereits physiognomisch danach unterscheiden, ob sie die Erfahrung des Weltuntergangs verdrängt haben oder nicht. Das allgemeine „pathologisch gute Gewissen“ und seine Derivate und Folgen sind der genaueste Ausdruck dieser Verdrängung, der „zweiten Schuld“. Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist einer der Gründe für diesen Zwang zur Verdrängung: Mit der Welt wäre dann nämlich auch das Dasein erinnerungslos untergegangen. Die Verleugnung des Judenmords bei Heidegger folgt genau hieraus. Dem Schwarzen Loch Auschwitz entspricht das Schwarze Loch der Physiognomien jener, die aus dem letzten Krieg nichts mehr lernen können: Diese Gesichter strahlen nichts mehr aus, sie saugen die letzten Lebenskräfte aus einer Welt, die nur noch verwest.

    Der übermächtige Zwang zur Rechtfertigung, der auch Kritik noch instrumentalisiert, in seinen Dienst stellt, ist eine Funktion des verwesenden Weltbegriffs, des Zustands der Welt nach ihrem Untergang. Das transzendentale Subjekt ist nicht mehr zu halten. Der ökologische Konkretismus heute ist das zugleich hilflose und projektive Bewußtsein davon.

    Die falsche Symbolik des „Volkstrauertags“: Die Trauer um die Toten darf die Unterschiede nicht neutralisieren, darf das große Wort von der Versöhnung nicht, ohne es selbst zu schänden, unterschiedslos auf alle Toten (auf Opfer und Täter) anwenden. Die fünf Kreuze im Hintergrund machen – abgesehen von der sonst nicht mehr nachvollziehbaren christlichen Symbolik – wohl nur Sinn, wenn man die Zahl der „Schächer“ erhöht (worauf weisen die beiden Kreuze im Hintergrund des Hintergrunds hin)?

  • 06.08.89

    Auschwitz ist Anlaß, den theologischen Stellenwert des Martyriums (und der Opfertheologie) zu überprüfen. Falsch ist die Vorstellung, daß das Leiden schon für sich Erlösungsgrund ist (Gott ist kein Kannibale); das so erzeugte masochistische Religionsverständnis (diese Form der Leidensmystik) hat

    – die Religion zu einem Herrschaftsmittel instrumentalisiert und

    – (durch die vom Masochismus nicht zu trennende sadistische Komponente) die Bahn frei gemacht für die Schreckensgeschichte, die das Christentum für andere dann geworden ist.

    Das Selbstmitleid, das der „Aufmerksamkeit“, der Wahrnehmung, was man selbst draußen anrichtet, den Boden entzieht, hat hier seinen Ursprung. Insofern ist Heideggers Fundamentalontologie christlichen Ursprungs. (Vgl. hierzu Elaine Pagels: Versuchung durch Erkenntnis, Kap. IV.)

    Das Glaubensbekenntnis enthält weder die Lehre Jesu, (die Bergpredigt: Nächsten-/Feindesliebe), noch gehorcht es ihren Grundsätzen („Richtet nicht, …“), sie ist bereits Produkt der Neutralisierung und Instrumentalisierung, die (wie jedes Bekenntnis) die Wahrheit zur Unkenntlichkeit entstellt und so für die Heuchelei brauchbar macht. Diese Tradition hat sich neben der anderen, befreienden (und mit ihr verbunden) in der Geschichte der christlichen Religion und Theologie erhalten.

    Innen und Außen: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ (W. Benjamin). Wer kann seiner selbst ohne Schrecken inne werden, wenn Menschen im Knast sitzen, als „Penner“ nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen, als Huren sich prostituieren müssen, um zu überleben; wenn in der Dritten Welt Kinder verhungern, weil wir im Wohlstand leben; wenn die Erinnerung an Auschwitz (wie nach alter religiöser Vorstellung Gott) allgegenwärtig ist (übrigens mit besonderer Eindringlichkeit in den Dingen, die einmal konzipiert waren als Verdrängungshilfe: dem Erscheinungsbild des deutschen „Wiederaufbaus“: unserer Städte).

    Gott suchen im eigenen Selbst: das ist wahr nur, wenn man weiß, daß das Selbst die Beziehung zum Zustand der Welt mit einschließt: wenn der Verdrängungsberg abgetragen ist (der Glaube diesen Berg versetzt hat).

  • 21.05.89

    Auschwitz hat den Trostanteil im Parakleten vernichtet, zerstört; übriggeblieben ist einzig die Verteidigung. Oder anders formuliert: In Auschwitz ist das (von uns selbst als richtende Instanz ausgelöste) Weltgericht über uns manifest geworden; hier hilft kein Trost mehr, der vielmehr blasphemisch geworden ist, sondern nur noch die (unmögliche) Hilfe für die Opfer, das Eingedenken, die verzweifelte Erinnerungs- und Trauerarbeit.

  • 31.03.89

    Auschwitz: Nicht wir urteilen über die Vergangenheit (Museum, Historismus, Wertphilosophie), sondern die Vergangenheit ist das Urteil über uns („Umwertung der Werte“). Das aber ist die bis heute unbegriffene Wahrheit des Christus, der sich diesem Urteil unterwirft (abgestiegen zur Hölle, hat alle Schuld auf sich genommen, „richtet nicht …“). – Modell der „Umkehr“.

    Heidegger war – gerade als Atheist – katholisch: sein Nachkriegserfolg insbesondere im deutschen Katholizismus war darin begründet, daß er das Modell für ein Überleben der Kirche als Institution geschaffen hat, allerdings um den Preis des Selbstmords der katholischen Theologie, die es seitdem nicht mehr gibt.

    Bewußtsein ist – wie das Wissen – abhängig von seinem Gegenstand: etwas strukturell Vergangenem; als Vergangenes ist es etwas sich selbst Entfremdetes, Produkt eines Zerfalls-, Dissoziationsprozesses. Bewußtsein ist selbst der blinde Fleck.

    Glauben im Sinne von „etwas für wahr halten“ zerstört seinen Gegenstand, indem er ihn in einen Bereich hereinzieht, in dem dieser Gegenstand sich zwangsläufig auflöst: durch Assimilation an die Gesetze des Wissens, durch Subsumtion unters Vergangene (Theophysik statt Theologie).

    Gegen Heidegger: Angst ist nicht objektlos, sondern selber Medium von Erkenntnis, allerdings einer Erkenntnis, die nicht den Gesetzen des Wissens, der Subjektivität sich unterwirft (der im übrigen zynische Satz „Not lehrt beten“ rührt an diesen Sachverhalt und ist insoweit fast wahr). Keine sicherere Abwehr der Erkenntnis, kein besseres Mittel der Selbstverblendung, der Verdrängung als die Tabuisierung der Angst. Diese Funktion der Angst rührt her von ihrer Beziehung zur Schuld. – Die These von einer objektlosen Angst ist das Tabu über Erkenntnis.

    Die objektlose Angst und die Reduzierung der Philosophie aufs „Seinsdenken“ gehören zusammen; die Angst, deren Reflexion Heidegger wie der Teufel das Weihwasser meidet, ist es, die die Bewegung des Gedankens, sein Zusammenschrumpfen auf das bloße Sein, vorschreibt und zugleich von jeglichem Schuldbewußtsein befreit (damit allerdings den paranoiden Zwang, genauer: den paranoiden Sog der „Eigentlichkeit“, weiter verstärkt). Übrig bleibt – nach der Abspaltung vom Objekt – nur das Objekt als Korrelat des Denkens, eigentlich nur das leere Denken selber. Und dessen Name ist Sein.

  • 12.12.88

    „Auschwitz war ‚ein fremder Planet‘, dessen Gesetze die Regeln einer normalen menschlichen Gesellschaft ins Gegenteil verkehrten.“ (R.J.Lifton: Ärzte im Dritten Reich, S. 439) Ist in Deutschland (oder überhaupt in der Welt) nach dem Krieg eigentlich eine „normale menschliche Gesellschaft“ wieder entstanden; ist nicht das Bewußtsein, wieder in einer „normalen menschlichen Gesellschaft“ zu leben, paradoxer Weise genau die Voraussetzung dafür, daß Auschwitz in den Fundamenten der Gesellschaft fortexistiert; ist nicht diese Welt insgesamt zu „einem fremden Planeten“ geworden?

    „Wieder ersetzte die Gewissenhaftigkeit das Gewissen, …“ (ebd. S. 462).

    Helmut Wirths über seinen Bruder Eduard: „… if anybody must be killed … a doctor has to be a witness, … guilty or not.“ (ebd. S. 477) Die Verbindung von Heilen und Töten hängt möglicherweise auch damit zusammen, daß nur ein Arzt den Tod feststellt, auch den – im Falle des futurum perfectum im System Auschwitz – bevorstehenden (bei der Selektion).

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