Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns verdankt sich der Logik der Ästhetisierung: der Abstraktion vom Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, von der Schwerkraft, vom Tod, von der Sexualität. Der entscheidende Schritt der Abstraktion von der Schwerkraft (der Konstituierung des Trägheitsgesetzes) war die newtonsche Theorie, die Vergegenständlichung der Schwerkraft durchs Gravitationsgesetz, die sie zu einer Reflexionsbestimmung gemacht hat. Erst Newton ist es gelungen, den Schrecken der Schwerkraft, den die Theologie unter dem Titel der Erbsünde reflektiert hat, durch Vergegenständlichung zu bannen (nicht freilich, ihn aufzulösen).
Die newtonsche Gravitationstheorie hat die Erinnerung an den Fall verdrängt; so ist die Welt zu „allem, was der Fall ist“ geworden.
Ihr seid das Licht der Welt: Wenn das Licht die erinnerte Schwere ist, ist dann nicht die Lichtgeschwindigkeit das Instrument der Verdrängung dieser Erinnerung?
Die letzte Phase der Physik – in der Konsequenz der Vergegenständlichung der Schwere – war die Selbstverzehrung und die Löschung des Lichts.
Beschreibt nicht das Licht den Weg des Namens?
Sind nicht alle Theorien seit dem Ursprung des christlichen Dogmas Theorien, deren Zweck es ist, die Reflexion von Herrschaft auszuschließen und einen schuld- und herrschaftsfreien Raum zu konstituieren, ist das nicht das Gesetz ihres „Fortschritts“?
Sind Satan und der Teufel die Gegenbilder von JHWH und Elohim, Reflexe des Gottesnamens im Säkularisationsprozeß? Und hängt die Unterscheidung von Satan und Teufel mit der Trennung von Natur und Welt zusammen (oder auch mit der Unterscheidung des Planetensystems vom Tierkreis)?
Ist nicht der Beamte, der aus seinem Nichtsein, aus seiner Selbstverleugnung, sein Selbst gewinnt, ein Beleg für die creatio mundi ex nihilo?
Die Bekenntnislogik ist die Logik des entäußerten Gewissens.
Die Frage, was geht in den Köpfen derer vor, die dieses Verfahren (den Hogefeld-Prozeß) so durchziehen zu müssen glauben, gewinnt Bedeutung vor dem Hintergrund, daß dieser Prozeß seitens der Anklage im Namen des Staates und seitens des Gerichts im Namen des Volkes geführt wird. Aber wenn die Öffentlichkeit nach dem Motte reagiert: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, gerät sie in den Bann der Komplizenschaft.
War nicht die raf (der Terrorismus) ein Angriff von einer Seite, von der er nicht erwartet wurde: ein Überraschungsangriff, der der Öffentlichkeit die Sprache geraubt hat?
Zum Erbe des Faschismus gehört die Neigung, historische Erscheinungen zu verurteilen, bevor man sie begriffen hat (Zusammenhang mit dem Unschuldssyndrom und der Bekenntnislogik). Gilt nicht Hegels Satz: Das Wirkliche ist vernünftig, das Vernünftige ist wirklich, in dem Sinne auch weiterhin, daß er generell vor das moralische Urteil das Begreifen dessen, worauf das Urteil sich bezieht, setzt? Bezeichnet die Formel „Solidarität ohne Komplizenschaft“ nicht auch Beziehung zur Vergangenheit, die in der Lage wäre, dem moralischen und dem kontrafaktischen Urteil über Vergangenes den Boden zu entziehen?
Bekenntnislogik
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1.1.96
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31.12.95
Was wird aus einem Staat, der den Richtern die Last des Bewußtseins der Folgen seines Tuns abnimmt?
Nur finstere Geheimnisse kann man verraten. Die göttlichen Geheimnisse (die von theologischen Geheimnissen zu unterscheiden sind) sind Gegenstand der Offenbarung.
Transzendentale Ästhetik: Das Inertialsystem ist (nach der Erfindung des Geldes und nach der Entfaltung der Bekenntnislogik) die letzte Gestalt der Instrumentalisierung des Feigenblatts.
Delegation, Stellvertretung, Repräsentation und Schuldverschubsystem: In dieser Konstellation konstituiert sich das Objekt.
Der Handel hat mit dem Gebrauch des Geldes das Schuldverschubsystem begründet und darin die Erinnerung an die Schuldknechtschaft, die zur Ursprungsgeschichte des Geldes gehört, aufbewahrt.
Der Name der Schlachtbank hält die Erinnerung an den Ursprung der Banken in der Tempelwirtschaft wach.
Als Habermas den Gedanken einer resurrectio naturae verworfen hat, hat er den Begriff der Politik instrumentalisiert.
Kronzeugenregelung: Instrumentalisierung und rechtliche Absicherung des falschen Zeugnisses.
Reklame: Die Instrumentalisierung der Zeugenschaft (der Schlager macht Reklame für die Ware, die er selber ist: Reklame der Reklame; im Markenartikel machen die Ware und ihre Käufer Reklame für die Reklame, die den Verkauf der Ware sichert: Säkularisation der Bekenntnislogik und der ihr inhärierenden Exkulpationsautomatik, ihrer schuldvernichtenden und erlösenden Macht; vergleichbar dem Sport, der die nationalen Emotionen an sich bindet und reproduziert, die ohne ihn drohen, gegenstandslos zu werden).
Die Hooligans gehören wie die Benutzer/Träger von Markenartikeln zu den letzten Nachfahren der Confessores (der BMW-Fahrer bekennt sich zu BMW; wer Levi’s trägt, ist cool).
Ursprung des Neutrum: Folge der Abstraktion vom Geschlechterverhältnis im Begriff der Gattung (Konstituierung des Allgemeinen; Ursprung des Unzuchtsbechers: der Gemeinheit). Mit dem Neutrum (mit der transzendentalen Ästhetik und Logik, mit der Trennung der Begriffe Natur und Welt) ist die Sexualmoral entstanden.
To be or not to be, that is the question: Das Präfix be-, das im Englischen als Name des Seins fungiert, ist der logische Katalysator der Vergegenständlichung, des Objektbegriffs. Der englische Empirismus ist sprachlogisch begründet.
Im Bekenntnis wird die Erkenntnis sich selbst zum Objekt, erstickt die Kraft des Namens, wird sie blind und lahm: das Bekenntnis ist die genaue Umkehrung des homologein, der Heiligung des Gottesnamens. Die Bekenntnislogik ist ein Teil der Logik des Weltbegriffs. -
29.12.95
Bekenntnislogik ist Stellvertreter-Logik (mit der Opfertheologie als Schuldverschubsystem). Hierzu ist Joh 129 in der Tat ein Schlüsseltext (Ersetzung des Nachfolgegebots durch das theologische Konstrukt der „Entsühnung der Welt“).
In den gleichen Zusammenhang gehört das Paulus-Wort, daß durch das Gesetz die Sünde gekommen sei, das nur durch die Bekenntnislogik zur Grundlage der Rechtfertigungslehre geworden ist. Bezieht es sich nicht auf die vorausliegende Transformation des Gebots ins Gesetz, in der die Bekenntnislogik gründet (auf das gemeinsame Pflügen von Ochs und Esel)?
Die Transformation des Gebots „Du sollst nicht töten“ in ein Gesetz läuft auf die Verurteilung des Mörders hinaus.
Hegel hat einmal auf die Veränderung des Krieges (und in der Konsequenz dieser Veränderung auf die des Staates) durch die Erfindung der Fernwaffen (die technische Perfektionierung von Pfeil und Bogen durch die Erfindung des Pulvers: durch Kanone und Gewehr) hingewiesen, die den Feind endgültig aus der Konstellation des Angesichts herausgenommen, das Töten im Krieg zu einem abstrakten Vorgang gemacht hat: Das Töten ist zu einem technischen Vorgang geworden. Die Erfindung des Schießpulvers hat den realen Feind durch das Feindbild (und die Barbaren durch die Wilden) ersetzt. Die gleiche Logik (die Logik der Verdrängung des Angesichts und des Schreckens) liegt der „Erfindung“ der Gefängnisse, der Irrenanstalten und der Schlachthäuser zugrunde.
In Auschwitz wurde sowohl technisch-industriell als auch von Angesicht zu Angesicht getötet. Himmler: „… und dabei anständig geblieben zu sein“.
Ist der „Hinterhalt“ (die strategische Form der List) zusammen mit Pfeil und Bogen (und sind beide zusammen mit dem Staat) erfunden worden? Gibt es nicht biblische Geschichten, die diese Beziehung dokumentieren (Zusammenhang mit dem „Bogen in den Wolken“)?
Nach 2 Sam 1 läßt David den Amalekiter töten, der (im Widerspruch zu der Darstellung in 1 Sam 31) bekannte, er habe Saul getötet. „Dein Blut über dein Haupt! Denn dein eigner Mund hat wider dich gezeugt, da du sprachst: Ich habe den Gesalbten des Herrn getötet.“ (Vgl auch 2 Sam 4: Die Ermordung Isbaals durch Baana und Rechab, die Söhne Rimmons aus Beeroth, und deren Tötung durch David.)
In 2 Sam 5 übersetzt nur Riesler mit „die Dunklen und die Blonden“, während die Zürcher Bibel, aber auch Zunz mit „die Blinden und die Lahmen“ (und Buber mit „die Blinden und die Hinkenden“) übersetzen.
Steht nicht das Prophetenwort „Mein ist die Rache, spricht der Herr“ gegen die Instrumentalisierung der Rache durch den Staat, durchs Recht? (Und ist nicht die Diskriminierung dieses Worts, die es als Beweis für einen „altorientalischen Rachegott“ nimmt, nur ein Mittel, die Erinnerung an die staatskritischen Elemente der Prophetie zu verdrängen: Die Rache soll das Monopol des Staates bleiben. Aber genau das ist das Ursprungsmotiv der Judenfeindschaft und des Antisemitismus.)
Was geht in den Köpfen vor sich, wenn die Polizei Bewohner der Slums in Montevideo festnimmt und zwingt, durch den Slum zu laufen und zu rufen „Hoch lebe die Polizei“?
Oder: Was ist in der Ursprungsgeschichte der Kirche passiert, als sie den Kreuzestod Jesu instrumentalisiert, ihn zur Grundlage der Opfer- und Sakramententheologie gemacht hat?
Und was geht hier vor, wenn in deutschen Staatsschutz-Verfahren die Angeklagten generell zu Feinden werden?
Muß nicht jeder Befreiungskampf heute auch ein Kampf gegen bestimmte Formen der Logik sein: gegen jene Formen der Logik, die verhindern sollen, die Folgen des eigenen Tuns noch wahrzunehmen?
Die Grenze zwischen Offenbarung und Mythos ist identisch mit der Grenze, die die Schuld von der Sünde trennt. Jesus hat „die Sünde der Welt“ auf sich genommen, nicht die „Schuld der Welt“ hinweggenommen. Die Bemerkung Emmanuel Levinas‘, daß alle Gewissensprobleme (man könnte auch sagen: alle Schuldprobleme) apriorische Probleme sind, hängt hiermit zusammen.
Die subjektiven Formen der Anschauung haben die Welt „verurteilt“ (dadurch ist die Welt zur Welt geworden). Sie haben die Logik des kopernikanischen Systems zu einer apriorischen Logik gemacht. Die Bedeutung der speziellen Relativitatstheorie Einsteins liegt darin, daß sie die verurteilende Gewalt des Systems auf das System selber angewandt hat: daß sie es verurteilt hat.
Gegenständlich, stillgestellt, ist das Vergangene nicht an sich, sondern nur für den, für den es vergangen ist. Die Objektivität der Vergangenheit ist in sich selber subjektiv vermittelt, zu ihren Konstituentien gehört der Akt der Objektivierung (wie die Geschichtsschreibung zur Geschichte). Mit dem Fortschreiten der Geschichte ändert sich nicht nur unser Blick auf die Vergangenheit, sondern es ändert sich die Vergangenheit selber (die allein durch unsern Blick, durch unsere Erinnerung, Sein gewinnt). Der Weltbegriff und die ihn konstituierenden subjektiven Formen der Anschauung leugnen diese Veränderung. Wirkliche Objektivität gewinnt die Vergangenheit nur im Licht der Erlösung, der Idee der Auferstehung.
Das Ideal einer objektiven, die Tatsachen ein für allemal feststellenden Geschichtsschreibung leugnet die Hoffnung, die auch die Toten mit umfaßt. -
27.12.95
Gründet nicht die Bekenntnislogik in der Beweisumkehrlogik, und ist sie nicht eine Reflexionsform des Raumes, der Reversibilität aller Richtungen im Raum? Verhält sich nicht die Bekenntnislogik zu ihren Inhalten wie der Raum zu den Objekten im Raum (ihr gemeinsames Symbol ist der Kelch)?
Sind nicht das Geld, die Bekenntnislogik und der Raum die Brennpunkte des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs?
Das Gesicht des Andern ist die Widerlegung der subjektiven Formen der Anschauung, der Vorstellung des unendlichen, leeren Raumes. (Der Satz, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, leugnet das Angesicht.)
Zu der jüdischen Tradition, die dem Tun vor dem Hören den Vorrang gibt, gibt eine kleine Begebenheit einen Hinweis. In meinem Arbeitszimmer hängt ein neues Bild (eine Reproduktion eines Bildes von Paul Klee). Die Sekretärin meines Abteilungsleiters kommt herein, sieht das Bild und ruft spontan: „Was für ein schönes Bild!“. Aber im selben Augenblick schlägt sie die Hand vor den Mund und korrigiert sich: „Ach nein, das ist ja ein modernes Bild“: Ein Sieg der Reflexion über die Spontaneität, der Philosophie über das Selbst, des erinnerten Hörens über das Tun, die Selbstzerstörung des arglosen Blicks. -
26.12.95
Für den „Leidenskelch“, von dem Bedenbender gelegentlich spricht, gibt es zwei neutestamentliche Belegstellen: die Getsemane-Geschichte und die Stelle, an der Jesus den Jakobus fragt, ob Jakobus den Kelch trinken könne, den er, Jesus, wird trinken müssen. Aber meinen diese Stellen nicht eigentlich etwas anderes: Ist der „Leidenskelch“ nicht in Wahrheit der Taumelkelch, der Kelch des göttlichen Zorns und Grimms, am Ende der Unzuchtsbecher: Symbol der Geschichte des Herrendenkens (der Taumelkelch ist der Kelch, den die Herrschenden trinken, der sie besoffen macht; vgl. Hegels Definition des Wahren in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes, Theorie-Werkausgabe, S. 46)?
Zur Jotham-Fabel: Der Feigenbaum ist ein Symbol des Friedens (das Sitzen unterm Feigenbaum). Die Dornen und Disteln wachsen in der Wüste (mit der Wüste als Symbol der wachsenden Herrschaft des Äußeren über das Innere: der Geschichte des Weltbegriffs).
Verweist nicht der strafrechtliche Begriff des Mordes auf eine merkwürdige Über-Kreuz-Verschiebung (ursprünglich verweist das lateinische mors, aus dem der Begriff des Mordes sich herleitet, auf das subjektlose Sterben, während der Begriff des Todes auf ein Töten durch einen andern zurückweist)? Im Begriff des Mords ist nicht mehr die Tat, sondern der Täter das eigentlich definierende Moment: in ihn ist das Moment der Konkurrenz zum Staat mit eingegangen, das den Mord zum Mord und den anderen Tod zu einem neutralen Ereignis, einem Naturereignis, gemacht hat (darin spiegelt sich die Beziehung des Ursprungs und der Geschichte des Staats zum Ursprung und zur Geschichte des Naturbegriffs).
Gehört nicht das strafrechtliche Konstrukt des Mörders zu den logischen Bedingungen des Objektbegriffs, fällt es nicht unter die Kritik der Verdinglichung? Die Begründung einer Eigenschaft durch eine vergangene Tat, die zugleich verurteilt wird (die Begründung der Eigenschaft und des Dings in der Logik der Verurteilung): Steht dagegen nicht Joh 129, die Forderung der Übernahme der Sünde Adams, die den christlichen Namen begründet? Es gibt keine Theologie ohne die so begriffene Idee der Erbsünde: Die Sünde der Welt ist die Erbsünde (und die Taufe, die „von der Erbsünde befreit“, das Symbol der Erfüllung des Nachfolgegebots).
Die Theologie im Angesicht Gottes gründet in der Erinnerung des Paradieses.
Im Gegensatz zum Gott der Philosophen ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs einer, den etwas gereut: der lernfähig ist. Diese Lernfähigkeit gehört zu den Attributen Gottes, die im Imperativ, nicht im Indikativ stehen.
Die kantische Vernunftkritik hat (als Kritik des Wissens) die Idee eines „allwissenden“ Gottes widerlegt; sie hat damit eine Gottesvorstellung widerlegt, zu deren Konsequenzen die Leugnung der Lernfähigkeit: die Leugnung des Attributs der Barmherzigkeit, gehört.
Der aristotelische Gott war der „erste Beweger“; den „allwissenden“ Gott hingegen haben die Muslime erfunden, die dann konsequenterweise aus der Barmherzigkeit Gottes seine unterschiedslose „Allbarmherzigkeit“ gemacht haben.
Gott ist nicht allwissend, er sieht ins Herz der Menschen (das ist das Feuer, das Jesus vom Himmel bringen wollte, und er wollte, es brennte schon).
Die InfoAG gleicht darin dem Gericht sich an, daß sie die Beziehung der „Kirchenleute“ zur Angeklagten zu diskriminieren versucht, ihnen in ähnlicher Weise wie das Gericht Hubertus Janssen unterstellt, er unterstütze die raf, den Verdacht, „objektiv“ für den VS zu arbeiten, anzuhängen versucht. Beide Konstrukte sind paranoid, beide arbeiten nach der Methode der Umkehr der Beweislast: der Ankläger braucht seine Unterstellung nicht zu begründen, der Beschuldigte soll seine Unschuld beweisen. Beide machen Gebrauch von dem Satz, wonach Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
Das Feinddenken und die Ausgrenzung und Diskriminierung des Verräters sind, weiß Gott, nicht unbegründet, sie sollten aber reflexionsfähig gehalten werden, weil sie anders in eine Logik hineinführen, die am Ende als Logik der Identifikation mit dem Aggressor sich erweist. Diese Logik ist die Logik des Staates, die es zu durchbrechen gilt.
Die Bekenntnislogik hat einen paranoiden Kern.
Der Begriff der Erscheinung erinnert nicht zufällig an den Bereich des Gespenstischen: Sind nicht die neutestamentlichen Dämonen Vorläufer der Naturwissenschaften (in deren Bann die Welt insgesamt heute steht)?
Hegel hat den kantischen Kritikbegriff vergegenständlicht (ins Vergangene transformiert), ihn in den Begriff der Objektivität selbst hineingetrieben, wo er dann in der Idee des Weltgerichts sich verkörpert. So ist Kritik zu einer im Interesse der Herrschaft instrumentalisierten und domestizierten Kritik geworden. Dieser Kritikbegriff hat die Dialektik begründet, er ersetzt Solidarität durch Komplizenschaft. Er hat den Erkenntnisbegriff durch ein eingebautes Freund-Feind-Denken vergiftet.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit läßt auch eine Interpretation zu, in der die Lichtgeschwindigkeit selber als unendliche Geschwindigkeit sich erweist, während die schlechte Unendlichkeit der räumlichen Ausdehnung (und mit ihr das die Raumvorstellung konstituierende Prinzip der Gleichzeitkeit) auf die Logik der Zeitumkehr, der im Objekt nichts entspricht, zurückweist. Nur im Kontext dieser Logik, die die Vorstellung des Zeitkontinuums begründet (die Zukunft zu einer zukünftig vergangenen Zukunft macht), sind die Richtungen des Raumes reversibel. Die Logik der Zeitumkehr verwirft die Idee der Rettung, sie macht den katastrophischen Lauf der Geschichte unumkehrbar. In den indoeuropäischen Sprachen beherrscht diese Logik über die Formen der Konjugation (insbesondere über das Präsens und über den darin fundierten Ursprung des dritten Geschlechts, des Neutrums) die Grammatik (in der Geschichte vom Sündenfall symbolisiert die Schlange das Neutrum). Die Logik der Zeitumkehr ist der Kern der Logik der Schrift.
Zum Verständnis der „subjektiven Formen der Anschauung“: Ein Kind, das etwa 20 m hinter seiner Mutter hergeht, blickt mich, als ich ihm begegne, ganz kurz aus seinen Augenwinkeln an, senkt dann seinen Blick, verschließt sein Gesicht und drückt so seine Weigerung aus, aus dem Status des Objekts meiner Anschauung (dem Status des räumlichen Objekts) herauszutreten und mit mir, und sei es nur durch den Blick, zu kommunizieren.
Es gibt nichts Neues unter Sonne (Kohelet): Es ist die gleiche Sonne, die Homer und die uns bescheint, aber es sind nicht die gleichen Sterne.
Gehört nicht das Auftreten der Ehrenbataillone beim Empfang fremder Staatsmänner im Fernsehen ebenso zu den Formen der politischen Verdummung wie der Auftritt der MP- und Schußwesten-bewehrten Polizeibeamten beim Hogefeld-Prozeß? In beiden Fällen verselbständigt sich die öffentliche Demonstration gegen das, was wirklich dort passiert (und gegen die Öffentlichkeit abgeschirmt werden soll). Dieser Prozeß darf nicht einmal mehr ein Schauprozeß sein, weil er sich damit selbst entlarven würde. Daß Justitia eine Binde vor den Augen trägt, heißt, daß sie ohne Ansehen der Person urteilt (sie soll nicht den Rang der Person, sondern nur die Tat vor Augen haben). Dieser Grundsatz jeden rechtsstaatlichen Verfahrens wird suspendiert, wenn statt des Angeklagten ein Feind zum Gegenstand des Verfahrens wird.
Zu den Konstruktionsprinzipien synthetischer Urteile apriori gehört das Prinzip der Austauschbarkeit, der Reversibilität von Subjekt und Prädikat. Im Rahmen dieser Logik begründet der Satz „Alle Mörder sind Staatsfeinde“ den Schluß „Alle Staatsfeinde sind Mörder“. Das aber ist die Logik des Vorurteils (der moralischen Version des synthetischen Urteils apriori) ebenso wie die der mathematischen Erkenntnis (diese Logik liegt u.a. der kopernikanisch-newtonschen Astronomie zugrunde): Sie macht das Ungleichnamige (e.g. Himmel und Erde) gleichnamig. Die kantischen Antinomien der reinen Vernunft (die Hegel, um seine dialektische Logik zu begründen, neutralisieren muß) beziehen sich auf diesen Sachverhalt, sie haben ihn erstmals kenntlich gemacht, und zwar mit Hilfe der logischen Figur des „apagogischen Beweises“, mit dessen Hilfe Kant dem Prinzip der Reversibilität von Subjekt und Prädikat endgültig die Grundlage entzogen hat. Dieser Nachweis aber reicht weiter, als es zunächts erscheint: Er rührt an den Grund und die Grenze der Beweislogik, und damit an den Grund und die Grenze des Satzes, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (der u.a. dazu dient, das Verfahren der Umkehr der Beweislast unangreifbar zu machen). Der kantische Nachweis ist die erste Demonstration der logischen Relevanz des Levinas’schen Hinweises auf die Asymmetrie zwischen mir und dem Andern, ein Hinweis, der den logischen Universalismus sprengt (und in diesem Zusammenhang den Erkenntnisbereich, auf den in der theologischen Tradition der Begriff Lehre sich bezog, neu begründet). In der kantischen Antinomie der reinen Vernunft hat die Philosophie das Prophetenwort vom Rind und Esel (und dessen biblischen Konnotationen, die tief in den theologischen Begriff des Opfers hineinreichen) eingeholt.
Das Prinzip der Umkehr der Beweislast begründet das positivistische Rechtsverständnis, indem es das Recht zu einem Subsumtionsrecht macht (das dann den Weg frei macht für ein Verfahren, in dem der Angeklagte zum Feind wird).
Gemein ist jede Präventiv-Anklage, die dem andern die Last des Unschuldsbeweises zuschiebt, die davon ausgeht, daß die Verteidigung allein Sache des Angeklagten sei. Diese Form der Präventiv-Anklage geht davon aus, daß Unbarmherzigkeit und Gnadenlosigkeit erlaubt sind (und das ist der logische Abgrund, aus dem der Staat hervorgeht). Dieser Logik hat Kant den Boden entzogen.
Was ist von einem Verfahren zu halten, in dem durch Gerichtsbeschluß die Wege verstellt werden, auf denen vielleicht der Unschuldsbeweis zu führen möglich wäre?
Ist nicht die Bekenntnislogik der Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat, der eigentlich zu lösen wäre: der Knoten, der den gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang zusammenbindet? Wäre nicht die Kritik der Bekenntnislogik das Ende des Bücherschreibens (die Widerlegung des Kohelet), das Heraustreten aus dem Bann der Logik der Schrift, das Heraustreten aus dem Bann der Logik des Weltbegriffs?
Hängt die Bedeutung der apokalyptischen Formel „der ist, der war und der sein wird“ nicht auch von der Reihenfolge der Zeitbestimmungen ab?
Zu den Orionen (vgl. das Jesaia- Zitat bei Bedenbender) wäre die Hiob-Stelle hinzuzunehmen (über den Orion und die Plejaden). Beschreiben nicht die Planeten die Außengrenzen, zu denen neben dem König, dem Krieg und dem Handel (der Geldwirtschaft) auch die Frauen gehören (Zitat eines Ethnologen: das ist ein feindlicher Stamm, mit dem heiraten wir nur).
Empfindlichkeiten sind Wege in die Opferfalle: Bezeichnen sie nicht genau den Punkt, in den das Wort, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden, Hoffnung zu pflanzen versucht?
Pharisäer und Schriftgelehrte: Nur unterm Rechtfertigungszwang, der selber aus dem Vergangenheitscharakter des Gebots entspringt, wird das Gebot zum Gesetz.
Zu Kafkas Parabel vom Schauspieldirektor, der eine Neuinszenierung vorbereitet: Müßte er nicht den zukünftigen Schauspieler, dessen Windeln er wechselt, erst zeugen?
Diente nicht die Verschiebung des Naturbegriffs von der Zeugung zur Geburt (von physis zur natura) dazu, die messianischen „Wehen der Geburt“ zu verdrängen, sie unsichtbar zu machen, sie zu individualisieren, sie als individuelle Strafe für die „Sünde der Welt“ dem ganzen Kollektiv der Frauen anzuhängen? Verweist die Bedeutungsverschiebung in den Begriffen Natur und Welt nicht auf eine sprachlogische Differenz, die auf die Beziehung der griechischen zur lateinischen Grammatik zurückweist? Und liegt dieser sprachlogischen Differenz nicht die Differenz in den politischen Institutionen zugrunde, der Unterschied der institutionellen und imperialen Entfaltung des Römischen Reiches und des Caesarismus zur philosophiebegründenden polymorphen Gestalt der griechischen Polis?
Gab es die hagiographische Unterscheidung von Confessor und Virgo schon in der griechischen Kirche, oder gehört sie zur Gründungsgeschichte der lateinischen Kirche? Hängt sie mit der Umformung des Symbolums in eine Confessio, mit der nicht nur der Name, sondern zugleich die Logik der Sache sich ändert, zusammen? Die Vermutung wäre zu begründen, daß das Symbolum (das für Augustinus noch ein sacramentum war) im Schuldzusammenhang der imperialen lateinischen Sprachlogik zur Confessio geworden ist. -
23.12.95
In der Geschichte vom Beelzebub und den Dämonen wird immer übersehen, daß das Wort von der Einheit des Reichs nur auf das Reich des Beelzebub sich bezieht, darüber hinaus aber nicht anwendbar ist. Im Reich des Beelzebub wären die Dämonen nicht zu vertreiben.
Gehört nicht die kabbalistische Interpretation des Werks des zweiten Tages, wonach die Wasser nicht „an einem Ort“, sondern „am Ort der Eins (der Einheit, der Identität)“ sich sammeln, in den gleichen Zusammenhang (und ist nicht dieser Ort der Eins das mystische Korrelat des Objektbegriffs)? Deshalb sind die Wasser ein Symbol sowohl der Völkerwelt als auch des Begriffs, und deshalb sind die großen Seeungeheuer das Symbol sowohl der Herren dieser Völkerwelt als auch der philosophischen Idee des Absoluten; und deshalb wird das Meer am Ende nicht mehr sein.
Heute sind alle Kriege Religionskriege. Jeder will nur noch auf der richtigen Seite stehen, der Unschuldtrieb ist stärker als der Wille zur Gerechtigkeit.
Könnte es nicht sein, daß es sich als wichtiger erweisen wird, die Bekenntnislogik zu durchschauen, als ihr zu gehorchen? Nur so, scheint mir, läßt die zerstörerische Gewalt, die von ihr ausgeht, vielleicht am Ende doch noch sich neutralisieren.
Mnemosyne zitiert das Wort aus den Minima moralia, wonach es ein richtiges Leben im falschen nicht gibt. Angesichts des Zustands der Welt, ist der Komfort, sich unschuldig zu fühlen, der mit Hilfe des Rechtfertigungszwangs und der Bekenntnislogik sich abzusichern versucht, nicht mehr zu rechtfertigen.
Die Rechtfertigung des Tötens verdrängt bloß das Grauen des Tötens, sie hebt es nicht auf.
Es kommt darauf an zu begreifen, daß der Begriff des Staatsfeinds eine paranoide Konstruktion ist: Der Staat ist kein Wesen, das man lieben oder hassen könnte; möglich und deshalb notwendig ist nur seine herrschaftskritische Reflexion. Das Freund-Feind-Denken ist ein Produkt der Instrumentalisierung der herrschaftskritischen Reflexion.
Merkwürdig und symptomatisch der Schrecken, den die „Kirchenleute“ auf beiden Seiten hervorrufen. Nur so lassen der Tenor des Beschlusses, mit dem das Gericht das seelsorgliche Gespräch zwischen Birgit Hogefeld und Hubertus Janssen (der sich nicht nur „Pfarrer nennt“) ablehnen zu müssen glaubte, als auch die Reaktion der InfoAG auf eine öffentliche Erklärung der „Kirchenleute“ zum Prozeß sich erklären. -
20.12.95
„Israeliten und Israelis bekennen sich als Abendländer. Was wollen sie vom Abendland bewahren.“ (Levinas: Der Fall Spinoza, in Schwierige Freiheit, S. 104) Ist Israel (im Sinne Levinas‘) ein christlicher Staat? – Das könnte die These belegen, daß der Zionismus den Antisemitismus beerbte: Sehen nicht die Dämonen wieder einmal genauer als die Anderen? Erkennen die zu Antizionisten mutierten Antisemiten in Israel wieder einmal das, was sie in sich selber hassen, werden sie hier endgültig als „Christen“, als konsequente Vertreter der Bekenntnislogik, erkennbar?
„Unsere Sympathie für das Christentum … bleibt freundschaftlich und brüderlich. Sie kann nicht väterlich werden.“ (ebd. S. 108) Hängt das mit dem merkwürdigen Phänomen in den Evangelien zusammen, daß das Verschwinden Josephs, das Vaters Jesu aus den Texten, einhergeht mit dem Hervortreten der Vater-Hypostase, die dann wiederum den Namen, mit dem Gott selbst sich geoffenbart hat, verdrängt?
Solidarität ohne Komplizenschaft: Wer den Mord rechtfertigt, weiß nicht, was er tut. Die (nachträgliche) Rechtfertigung wird ihm unter der Hand zur Norm, deren einziger Zweck es zu sein scheint, das Grauen und den Schrecken zu verdrängen, die mit dem Töten verbunden sind; das gleiche Grauen und den gleichen Schrecken, die das eigentliche Erbe des Nationalsozialismus sind, und die durch jede Norm, durch die, die das Töten rechtfertigt, wie auch durch die, die es verurteilt, verdrängt wird. Dem Strafrecht zufolge wird nicht die Mord, sondern der Mörder bestraft; der Mord ist kein Tat-, sondern ein Täterdelikt. Die Tat fällt nicht unters Recht, weil sie ein Teil der Gewalt ist, die das Recht begründet; der Mord ist ein Täterdelikt, weil der Staat im Mörder seinesgleichen erkennt. Was am Mord verurteilt wird, ist nicht die Verletzung des Gebots: Du sollst nicht töten, denn die würde die Grundlagen des Staates, das Recht ebenso wie das Militär (das seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht alle zu Komplizen zu machen versucht), mit verurteilen. Im Mörder verurteilt der Staat nicht den Mord, sondern die Hybris dessen, der sich ein Recht anmaßt, das nach dem Selbstverständnis des Staates nur ihm zusteht. Deshalb darf zur Begründung der Strafbarkeit des Mordes nur auf den Schaden, den er dem Opfer zufügt, Bezug genommen werden, nicht aber darauf, was einer, der einen anderen tötet, sich selbst antut. Die Befriedigung der Rachegefühle (die zu seinen eigenen Existenzbedingungen gehört) ist dem Staat wichtiger als deren Auflösung, die allein in der Lage wäre, dem Gewaltpotential, das die gemeinsame Grundlage des Staats und der Verbrechen ist, ein Ende zu machen.
Jedes Urteil ist inhuman, das unfähig ist, sich in den Angeklagten hineinzuversetzen. Wird diese Unfähigkeit zum Prinzip erhoben, wird der Angeklagte zum Feind (wie generell im Bereich der Staatsschutzverfahren heute).
Solidarität ohne Komplizenschaft kündigt auch das Einverständnis mit der Philosophie. Der theologische Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht, bezeichnet genau die Stelle, an der der Staat blind ist, und an der sich alle blind machen, die sich – sei es als seine Anwälte, sei es als „Feinde“ des Staates – mit ihm gemein machen. Es gehört zur Tradition der deutschen Staatsmetaphysik, daß hier der öffentliche Ankläger Staatsanwalt heißt. Er vertritt die Anklage nicht als Person, die ihr Tun öffentlich zu verantworten hat, sondern als Anwalt des Staates, der ihn legitimiert und exkulpiert, im genauesten (nämlich im theologischen) Sinne „verantwortungslos“ macht.
Der Staatsfeind ist eine contradictio in adjecto: der Staat ist kein Wesen, dem man Feind sein könnte: man kann ihn weder lieben noch hassen (beide Verhaltensweisen wären pathologisch). Aber ist nicht der Staat das pathologische Wesen, das Feinde produziert (und, indem er in seine Bürger das Feinddenken induziert, sie beherrschbar macht)?
Ohne Sport und ohne Stofftiere ist der Staat nicht mehr zu ertragen, aber mit ihnen wird er unerträglich.
Wer sich gegen das „Herz“ der Menschen blind macht, kann zwischen einem seelsorglichen und einem konspirativen Gespräch nicht mehr unterscheiden (das Feinddenken macht ihn paranoid).
Das Grundgesetz enthielt auch den Versuch, einige Vorkehrungen zu treffen, die Möglichkeiten eröffnen sollten, dem Zwang der Komplizenschaft sich zu entziehen. Dazu gehörten das Recht auf Wehrdienstverweigerung (gegen die Komplizenschaft mit dem Recht zu töten), das Recht auf Widerstand (gegen die Komplizenschaft mit dem Mißbrauch der Gewalt im eigenen Land) und das Asylrecht (gegen die Komplizenschaft mit den Unrechtsstaaten draußen). -
18.12.95
Unzuchtsbecher: Hängt nicht der 68er Bruch mit Veränderungen in der Kindheit nach 45 zusammen? Mit der Struktur einer Kindheit, die nach der radikalisierten Trennung von Beruf und Familie von jeder realen Erfahrung der Außenwelt abgeschnitten war. Die ersten Erfahrungen der Außenwelt, deren Repräsentanten in der Familie deren „beruftätige“ Mitglieder, der Vater und immer häufiger auch die Mutter, waren, verschmolzen mit verworrenen Meldungen über eine Zeit, die so schrecklich war, daß man sich damit möglichst nicht befassen sollte. Der Faschismus war gleichsam der letzte Repräsentant jener Tabuzone, deren Grenzen in „normalen Zeiten“ durch die Sexualmoral (und versteckt durch die politischen und kirchlichen Herrschaftsstrukturen, in die das Leben eingebunden war) definiert wurden. Die Wand, die die Selbsterfahrung von einer Vergangenheit trennte, die nur noch den Schrecken repräsentierte, schien erfahrbar zu werden, als die Schrecken der Vergangenheit begannen, mit den ersten Außenwelt- und Öffentlichkeitserfahrungen zu verschmelzen, mit dem Bild der verständnislosen Eltern, mit den Schockerfahrungen, die, beginnend mit der Einschulung, dann zum Modell der Realitätserfahrung überhaupt geworden sind, sowie schließlich mit dem Eintritt in die Berufs- und Erwachsenenwelt, der durch die im Zuge der Rezession zusehends sich verschärfenden Zugangsbedingungen die Schrecken der Kindheit ins Unerträgliche potenzierte.
Der 68er Bruch hat der wirklichen Öffentlichkeitserfahrung den Weg verstellt, die Außenwelt dem Schuldverschubsystem, den Empörungsmechanismen und dem Urteil, insgesamt dem projektiven Rachetrieb, preisgegeben (er hat die Außenwelt zum Objekt einer Logik gemacht, deren sexualmoralisches Modell die Vergewaltigung ist). Das religiöse Korrelat dieser Außenweltlogik ist der Fundamentalismus.
Wenn der Faschismus zur Tabuzone wird, wird die Menstruation zur politischen Frage.
Die Tagträume werden heute von der Kulturindustrie produziert, verwaltet und in eigene Regie übernommen. Bei allen wechselnden Moden hält sie das eine Ziel fest in Augen: die Leute am Erwachen zu hindern.
Unter den Spinnen gibt es Arten, bei denen das Weibchen das Männchen nach der Begattung frißt. Ist das nicht ein Symbol der Beziehung von Genesis und Geltung, insbesondere in den Naturwissenschaften, in denen der Ursprungsprozeß unrekonstruirbar geworden ist? Haben die Naturwissenschaften nicht überhaupt etwas sehr Spinnenhaftes?
Das Urteil ist nur zu retten, wenn die transzendentale Logik selber zum Gegenstand der Kritik der Urteilskraft geworden ist.
Die Wahrheit hat etwas mit der metaphorischen Kraft der Sprache zu tun, die die Gewalt des Indikativs sprengt: Ist nicht der Indikativ der Repräsentant der mathematischen Erkenntnis in der Sprache? Der Indikativ schließt Vergangenheit und Zukunft kurz, bringt so die reale Gegenwart zum Verschwinden und ersetzt sie durch das Präsens. Nur durch die Metaphorik hat die Sprache noch Teil an der realen Gegenwart. Läßt sich daraus nicht begründen, daß und weshalb die Bibel endlich soweit zu dekonstruieren ist, daß sie als Steinbruch für die dogmatische Beweislogik unbrauchbar wird? Statt dessen käme es darauf an, in den Text hineinzuhören: sowohl in die Querverweise (vgl. Lazarus, die sieben unreinen Geister, den Kelch) als auch in die narrativen Elemente, die jedes für sich aufs genaueste aufzunehmen (und so dem erbaulichen Gebrauch zu entreißen) sind.
Das Hören, der Gehorsam und das Herrendenken.
Zu Gehorsam: woher kommt das Suffix -sam? Hat es etwas mit Sammeln, mit der inneren Pluralisierung zu tun (mit dem Vertreiben des Subjekts), oder genauer: mit der Ersetzung der erhabenen Gemeinschaft, für die der Name Israel steht, durch eine Form der Kollektivität, die im Bannkreis der Herrschaft (unterm Herrenblick: im Kontext der subjektiven Formen der Anschauung) sich konstituiert? Läßt nicht der Name Israel, der u.a. auch das Subjekt der Psalmen bezeichnet, durch das Wort sich definieren: Solidarität ohne Komplizenschaft (ein Wort, das sich sehr eng mit Ton Veerkamps Titel „Solidarität und Autonomie“ berührt)?
Vgl. auch die Beziehung des Namens Israel zum Namen der Hebräer, der die Hereinnahme der Fremdbezeichnung ins eigene Selbstverständnis der Israeliten dokumentiert (vgl. hierzu wiederum die Bedeutung und Funktion des griechischen Kollektivbegriffs der Barbaren). Auf ein merkwürdiges Problem in dem Gebrauch, den Moses von diesem Namen macht, wenn er gegenüber Pharao sich auf den „Gott der Hebräer“ (später dann auf JHWH) sich beruft, bleibt hinzuweisen: Spricht Moses hier nur die Sprache Pharaos, oder sind weitere Konnotationen mit zu heranzuziehen (u.a. eine mögliche Beziehung zur dreifachen Gotteserscheinung: im brennenden Dornbusch, am Sinai, als Moses IHN von hinten sehen darf, und schließlich in der Erscheinung „von Angesicht zu Angesicht“?
Wenn die Schöpfung im Zeichen des Lichts steht, steht dann nicht die Apokalypse im Zeichen des Feuers (und sind beide nicht sprachsymbolische Zeichen, deren Verhältnis sich bestimmen läßt und zu bestimmen wäre)?
Ist das Feuer ein durch Tragheit und Schwere vermitteltes Licht, steckt in der Beziehung beider mocht die ganze Geschichte des Dogmas (der Bekenntnislogik) und der Naturwissenschaften (des Inertialsystems)? -
17.12.95
Die Barmherzigkeit ist der Mutterschoß der zukünftigen Welt. Hängt nicht die Rosenzweigsche Übersetzung von Gen 12a: „Geist Gottes brütend über den Wassern“ (Stern der Erlösung, Frankfurt 1988, S. 170), hiermit zusammen? Und wenn die Propheten „im Mutterschoß“ berufen wurden, heißt das nicht, daß sie im Namen der Barmherzigkeit berufen wurden?
War nicht die 68er Bewegung ein Ausbruchsversuch aus der gleichen Lähmung, die mich in den 60er Jahren am Schreiben gehindert hat? Aber ein Ausbruchsversuch, der die Voraussetzungen seines möglichen Gelingens zugleich verdrängt hat? Meinen Hoffnungen, mit denen ich die 68er begleitet habe, war eigentlich von Anfang an das Bewußtsein, daß es so nicht möglich war, beigemischt. Die 68er waren einer Logik verfallen, die aus ihrer Beziehung zum Faschismus, aus den daraus erwachsenen Rechtfertigungszwängen, sich herleiten läßt: Die Verurteilung des vergangenen Faschismus, die jedes Verständnis ausschloß, umschrieb die ganze Spannweite der philosophischen Bewegung von Spionoza bis Hegel: das Urteil über den Faschismus war im Anfang der „index veri et falsi“, es erwies sich dann als der „bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist“. Die Verurteilung des Faschismus war ein „historisches“ synthetisches Urteil apriori, es kehrte sich als juristisches „synthetisches Urteil apriori“ in den „Staatsschutzprozessen“ gegen die, die im Licht dieses Urteils die Gegenwart zu zu begreifen versucht hatten. Der Grundfehler lag in dem unausweichlichen logischen Zwang, der mit dem doch so evidenten Schuldspruch über den Faschismus die gesamte Vergangenheit neutralisierte, die Erinnerung gegenstandslos machte.
Welche rechtslogische Bedeutung hat die Umwandlung des Angeklagten in einen Feind: Gewinnt nicht das juristische Urteil erst durchs Feindbild sein apriorisches Objekt (so wie die transzendentale Logik durch die subjektiven Formen der Anschauung)?
Die juristische Adaptation des Feindbildes (deren Logik der Carl Schmittsche Rechtsphilosophie zugrundeliegt) ist der Kern der Notstandslogik, die in den Staatsschutzverfahren den Rechtsstaat dekonstruiert.
Wenn der Rechtfertigungszwang zum Gerüst der transzendentalen Logik des Rechts wird, wird der Strafvollzug zur Grundlage des „Reichs der Erscheinungen“, die selber kein Teil des Reichs der Erscheinungen ist, wird der Strafvollzug zu dem hinter den Erscheinungen verborgenen Ding an sich. -
14.12.95
Vollendung der Mechanik: Wenn das Bestehende zum Betonklotz wird, dann müssen seine Kritiker aufpassen, daß sie nicht zu Betonköpfen werden.
Zum Begriff der Religion: Nicht mehr Kitt, sondern Zement; nicht die Fensterscheibe, die die Innen- von der Außenwelt oder den Käufer vom Warenangebot trennt, sondern die Betonwand, an der man sich den Kopf einrennt. Im Bildschirm des Fernsehers maskiert sich diese Betonwand als Fenster. Das Fernsehen hat die Wohnungen zu Monaden gemacht: sie sind fensterlos (seitdem vertragen die real existierenden Fenster keine Gardinen mehr). Das Fernsehen transportiert nicht das Warenangebot ins Wohnzimmer, sondern das Wohnzimmer ins Innere der Ware (das sich beim Erwachen aus dem Alptraum der Logik des Tauschprinzips als das Innere der Hölle erweisen wird).
Faschismus als Modernisierungsschub: War Hitler der Vorläufer, das Modell und die Keimzelle des Fernsehens? Läßt diese Frage in eine der Kritik der politischen Ökonomie sich übersetzen (Selbstzerstörung der politisch-moralischen Kategorie der Souveränität)?
Das Wort, daß der Menschensohn auf den Wolken des Himmels (wieder-)kommen wird, enthält einen Hinweis auf einen Prozeß im Begriff und in der Struktur der Öffentlichkeit, auf den wirklichen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.
In der Unterscheidung von Macht und Herrschaft spiegelt sich die von Wut und Zorn. Zur Bestimmung der Begriffe Herrschaft, Macht und Gewalt vergleiche die Bemerkungen von Emmanuel Levinas zum Begriff der Gewalt (Schwierige Freiheit, S. 19, 25). Sind nicht Gewalt und Macht Manifestationen der Herrschaft, reflektiert im Medium der Gemeinheit (der Urteilsform), und verhalten sich Gewalt und Macht wie Natur und Welt (wie Objekt und Begriff)? Deshalb ist die Frage der Gewalt eine essentielle Frage der Linken, die der Welt ihre Naturseite (der Weltgeschichte die Naturgeschichte) vorhält, während die Machtfrage das Erkennungszeichen, an dem die Rechten sich erkennen, ist (Gewalt ist eine Form der Herrschaft, die den Begriff nicht halten kann).
Gewalt ist ein Akt der Befreiung, nur die Nazis haben „die Macht ergriffen“.
Unterm Rechtfertigungszwang schnurrt die Wahrheit zusammen zur Ideologie, zum puren Bekenntnis, entfaltet sich in ihr die Bekenntnislogik, zu deren Elementen das Feindbild, die Eliminierung der Häretiker und der Sexismus, die Frauenfeindschaft, gehören.
Wenn ein Mord sich verständlich machen, niemals aber sich begründen läßt, dann einzig unter dem Aspekt der Notwehr, aber nicht mit dieser unsäglichen Begründung, daß Geiselnahme immer auch die Möglichkeit des Tötens mit einschließt (gleichsam eine Situation, in der Notwehr sich nicht ausschließen läßt), oder dem Hinweis auf „absolut negative Menschen“, die nicht sich ersetzen lassen. Diese Logik ist antisemitisch (der Holocaust wurde als ein präventiver Akt der Notwehr verstanden, die jüdische Rasse als eine Gruppe absolut negativer Menschen).
Der Versuch, einen Mord zu rechtfertigen, gerät zwangsläufig zur Begründung, zur Festlegung einer Norm, die dann auch auf andere Fälle sich anwenden läßt. Da aber sei Gott vor.
Läßt sich nicht die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht auf die Nachkriegsgeschichte anwenden, in der die Verlierernationen (Deutschland und Japan) am Ende über die ehemaligen Siegermächte triumphieren?
Sind nicht die Streiks in Frankreich eine Folge der Übertragung der deutschen Wirtschafts- und Währungspolitik (Standort Deutschland und Stabilität der DM) auf die EU? Und ist nicht die Konstruktion der EU, die nur eine neue, demokratisch weder legitimierte noch kontrollierte Verwaltungsebene geschaffen hat, ein Hinweis auf die politisch-ökonomischen Gesteinsverschiebungen, die der Faschismus ausgelöst hat: der Sieg der Ökonomie über die Politik, die Rückverwandlung von Politik in Verwaltung? Ein Subjekt dieses Vorgangs ist nicht mehr erkennbar, der rechtspolitische Begriff der Souveränität (das Bewußtsein der Verantwortung des Staates für die Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens, das ersetzt worden ist durch den gegen jede Kontrolle abgeschirmten Gebrauch des staatlichen Gewaltmonopols) ist endgültig gegenstandslos geworden. Wozu der Staat allein noch gebraucht wird, ist ideologischer Natur: er ist zur Exkulpationsmaschine geworden, der die Gewalt, die er nicht mehr beherrschen kann, wenigstens rechtfertigen soll.
Hat nicht Heinrich Böll mit seinem Wort vom verfaulenden, verrotteten Staat ein Stichwort geliefert, das in der Lage wäre, das Marxsche Konzept vom Absterben des Staates zu spezifizieren: Der Staat ist abgestorben, aber ohne daß etwas anderes an seine Stelle getreten wäre, und wir wohnen im Augenblick dem Verwesungsprozeß bei, dem Prozeß der Verrottung und gleichzeitigen Vergiftung aller Lebensverhältnisse.
Der Staat hat in einer Reihe von Institutionen die Einrichtungen geschaffen, die dazu dienen, ihm die Last Souveränität, der Entscheidung und der Verantwortung dort, wo er sich unfähig weiß, sie zu tragen, abzunehmen (Verfassungsgericht, Bundesbank). Die wütende Reaktion auf einige Urteile des BVG, die dem Exkulpationsbedürfnis des Staates nicht entgegenkamen, ist nur so zu erklären. Der vorauseilende Gehorsam der Deutschen Bundesbank, ist da schon genehmer.
Der Kopf des Fisches: Der Verrottungsprozeß des Staates hatte eine Vorgeschichte, er war schon zu erkennen an seinen letzten höchsten Repräsentanten, am Kaiser Wilhelm und an Hitler.
Versucht nicht dieser Prozeß gegen Birgit Hogefeld die Verfahren gegen die raf auf eine neue Ebene zu schieben? Geht es jetzt nicht energisch an das Konzept der Konstruktion synthetischer Urteile apriori, der Einbeziehung des ganzen raf-Komplexes in ein reines Subsumtionsrecht, in dem es dann auch der Kronzeugen nicht mehr bedarf? Dazu gehört u.a. das Verfahren der Einführung bereits rechtskräftiger Urteile, die falsch sein mögen, die aber den Vorzug haben, daß sie einer nochmaligen Beweisführung nicht mehr bedürfen, somit gegen jede erneute Diskussion abgesichert sind. Hierher gehört insbesondere auch der Teil aus der Anklage gegen B.H., der auf ihre Beteiligung an dem „Mord“ und den „Mordversuchen“ in Bad Kleinen abstellt. Wird hier nicht eine Logik konstruiert, die dann als Subsumtionslogik auf alle weiteren raf-Verfahren, die noch anstehen mögen, anwendbar wäre, in jedem Falle aber die Wirkung einer Präventivabschreckung haben würde. Einer Präventivabschreckung, die u.U. dann auch auf den gesamten Bereich der herrschaftskritischen Reflexion und gegen jede Form der Staatskritik sich anwenden ließe (die Habermassche Konzeption des herrschaftsfreien Diskurses, könnte sich als ein Stück vorauseilenden Gehorsams erweisen), nach dem mittelalterlichen Rechtsgrundsatz: Mitgefangen, mitgehangen.
Hat nicht der Gesetzgeber dem schon vorgearbeitet, und tut er es nicht weiterhin? Nur: Niemand merkt’s mehr. Wenn’s hoch kommt, dann reicht’s nur zum folgenlosen Protest.
Der Frontbegriff und die Verräterdiskussion waren logische Fallen, in die alle Empörten hereingelaufen sind. Die Empörungslust war von Anfang an sexistisch.
Die Uniform hebt das Tötungsverbot auf, indem sie das Gesicht löscht. (Welche Konsequenzen hat dieser Satz für das Verständnis des Hegelschen Begriffs der „Aufhebung“? Ist die Aufhebung der Transformator, der das Gebot in ein Gesetz verwandelt, gehört der Begriff der Aufhebung zu den Konstituentien der Bekenntnislogik? Ist das Dogma die aufgehobene Wahrheit?) -
12.12.95
Müßte der Titel des Buches von Heribert Prantl nicht anders lauten, anstatt „Deutschland, leicht entflammbar“: „Deutschland brennt“ (oder, um den Anschluß an Ulrich Sonnemanns vor 32 Jahren erschienenes Buch herzustellen: „Jenseits der Grenze der Zumutbarkeit“, mit der anzuschließenden einfachen Frage: Wie lebt sichs da)?
Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung (ist nicht das Sehen) das Korrelat und zugleich ein Produkt der Bekenntnislogik? Und gründet nicht der wissenschaftliche Begriff der Kritik darin, daß zuvor das Bekenntnis aus einer Theorie herauspräpariert werden muß, wodurch sie zu einem Gegenstand der Kritik überhaupt erst gemacht wird? Hängt nicht die Bekenntnislogik über die gemeinsame Beziehung zur Gemeinheit mit der Beweislogik zusammen (und sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung Formen, die sich selbst beweisen, Formen mit einer eigenen, selbsttätigen Beweisautomatik – vgl. Off 1713.17)? Die Bekenntnislogik ist die Logik des Schuldverschubsystems. Die ihr zugrundeliegende Schuldumkehr ist der Grund der Trennung von Natur und Welt.
Die kantische Unterscheidung im Erkenntnisbegriff, den er in femininer und in neutraler Form verwendet (die Erkenntnis, das Erkenntnis), bezeichnet genau den Ursprungspunkt des Gemeinheitsmoments in der Erkenntnis, den Punkt, an dem Genesis und Geltung sich trennen. Die Generalisierung des Femininum war eigentlich eine Neutralisierung, die die Erkenntnis an ihrer Wurzel vergiftet hat. Seitdem ist die Erkenntnis unfruchtbar und kinderlos (die Verkörperung der Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit ist das Dogma). Was hat Kant mit Sara (der Mutter Isaaks), Hanna (der Mutter Samuels) und Elisabeth (der Mutter des Täufers) zu tun?
Die feministische Theologie ist ein notwendiger und längst fälliger Ausbruchsversuch aus der Bekenntnislogik. Hierzu gehört auch ein Titel wie der des „Schwarzmond-Tabu“ von Jutta Voss, ein drastischer Beleg für die Notwendigkeit des Ausbruchs (vgl. auch Birgit Hogefeld, „Ich verstehe: DAS muß frau verstecken“, in Info 8 zum Prozeß gegen Birgit Hogefeld, Anfang Dezember 95). Sind nicht die entscheidenden Texte der feministischen Theologie jene, die sich gegen die Vergewaltigung durch die Bekenntnislogik wehren? Es ist wahr, im Christentum kommen seit Paulus die Töchter und die Schwestern nicht mehr vor. Die letzte Erinnerungsspur ist die völlig mißverstandene Maria Magdalena, das verdrängte und diskriminierte Gedächtnis der Befreiung von den sieben unreinen Geistern. Die Bekenntnislogik ist in der Tat eine männliche Logik: die Logik, die Sara, Hanna und Elisabeth unfruchtbar macht. Die Bekenntnislogik ist das Medium der Erzeugung und Reproduktion der Gemeinheit in der Theologie. Sie hat den Zugang zur Erkenntnis des Gottesnamens verlegt. Ist nicht der Gebrauch des Vaternamens unverständlich, obsolet geworden, nachdem niemand mehr das Erbe der Barmherzigkeit antreten will? Wartet nicht immer noch die ganze Schöpfung auf das Offenbarwerden der Freiheit der Kinder Gottes? -
8.12.95
Gibt es ein kosmologisches Äquivalent der Logik der Schrift? Ist nicht die Kosmologie (und der Ursprung des Weltbegriffs) insgesamt ein Produkt der Logik der Schrift? Wäre vor diesem Hintergrund nicht die biblische Wendung „Erfüllung der Schrift“ (und ihre Beziehung zur Katastrophe, zuletzt zum Kreuzestod Jesu) genauer zu bestimmen?
In welcher Beziehung steht die Logik der Schrift zum Buch des Lebens?
Die Bekenntnislogik, das sind die Dornen und Disteln; sie definiert das Gesetz der Profangeschichte.
Die Bekehrung ist die instrumentalisierte Umkehr; die Bekenntnislogik beschreibt das Gesetz dieser Instrumentalisierung.
Nicht auf die Hypostasierung der Ursprünge: auf die Reflexion der Ursprungsgeschichte kommt es an.
Die Kriminalpolizei rät: Schüren die Ratschläge der Kriminalpolizei nicht genau die Ängste, denen sie dann abhelfen sollen? Diese Ängste sind nicht von vornherein irrational, sie werden es durch Einbeziehung in ein Kriminalisierungskonzept, indem sie das Machtdenken befördern (law and order).
Reflektiert sich darin nicht ein Stück Logik-Geschichte (und ihrer Beziehung zur Herrschaftsgeschichte): Die Kriminalisierung ist in der Sphäre zwischen Begriff und Objekt angesiedelt, sie ist ein Instrument zur Stabilisierung des Begriffs, was nur zu Lasten des Objekts (im Kontext seiner Kriminalisierung) möglich ist. Kein Urteil (kein Begriff und kein Objekt) ohne Verdrängung. Auch das Strafrecht, die Justiz und die Knäste (mit denen der Staat dem Volk einen Teil seiner Verdrängungsleistung abnimmt) haben eine bewußtseinsstabilierende Funktion.
Liegt nicht der Beschluß des 5. Senats des OLG Frankfurt im Hogefeld-Prozeß, der jede Rückfrage zum Tod von Wolfgang Grams unterbindet, auf der gleichen Ebene wie der Beschluß, in dem es zu Hubertus Janssen heißt: „der sich als Pfarrer bezeichnet“? Beides gehört zum Komplex der Beziehung von Gemeinheit und Beweislogik.
Die Ausblendung der Umstände des Todes von Wolfgang Grams hat natürlich auch die Funktion, alles auszublenden, was der Mordthese, in die dann Birgit Hogefeld mit einbezogen werden kann, im Wege stehen könnte. Der Beschluß des Senats ist ein Baustein in der Konstruktion eines synthetischen Urteils apriori (Indiz eines Versuchs der Rechtsbeugung?).
Das Verhalten des Senats erweckt den Verdacht, daß seine Beschlüsse strategische Beschlüsse sind, deren vorrangiger Zweck es ist, die Verfertigung eines synthetischen Urteils apriori sicherzustellen.
Ob der, dem man nichts nachweisen kann, auch vor sich selber unschuldig ist, ist eine andere Frage. Ist es nicht in der Tat wichtiger, mit sich selbst ins Reine zu kommen, als unter dem Zwang des guten Rufs den Rechtfertigungszwängen zu verfallen?
Wie hängt der Satz „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“ mit dem Eindruck zusammen, daß im Hogefeld-Prozeß, wie in den raf-Prozessen überhaupt, der Angeklagte nicht mehr Angeklagter, sondern Feind ist? Wie hängt das Feinddenken mit der Gemeinheitslogik zusammen?
Die Sozialdemokratische Partei scheint nicht zu begreifen, was z.Z. in Frankreich sich tut: Verweisen nicht die Streiks in Frankreich aufs deutlichste auf den Zusammenhang der Bedingung der Geldwert-Stabilität, an die die Einführung einer einheitlichen europäischen Währung gebunden ist, mit dem Zwang zum Abbau der Sozialleistungen? Ist nicht schon dieses Nicht-Begreifen der Beitrag der SPD zum Sozialabbau in Deutschland? Aber hat das Bedürfnis der Sozialdemokraten in Deutschland, von den Herrschenden anerkannt zu werden, nicht schon seit je ihre Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aufs empfindlichste und aufs folgenreichste behindert?
Die subjektiven Formen der Anschauung rücken die Welt ins Licht des Prinzips der Selbsterhaltung, in dem sie zur Welt erst wird.
Das indogermanische Präsens gehört zu einer Welt, die ihr perfectum nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit hat; einer Welt, die sich nicht ändern läßt. Diese Welt konstituiert sich im Kontext der Anschauung, als deren Korrelat.
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