Zur memoria passionis gehört auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Leidensseite des Handelns, die Fähigkeit zur Empathie, zur Barmherzigkeit, die Einübung der Sensibilität, der Identifikation mit dem Anderen: die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen.
Die Schrift verwirrt die Unmittelbarkeit, das Geld die Barmherzigkeit und das Bekenntnis das Angesicht.
Die Trinitätslehre ist eine Schutzimpfung gegen das biblische Symbol.
Die Apologetik verrät, was sie verteidigt.
Der der Personalisierung zugrunde liegende Rachetrieb verharmlost, was er anprangert, und verhindert die Erkenntnis, daß die Strukturen überleben.
Verwaltung: Die wohldotierte Verantwortungslosigkeit.
Wie es scheint, geht es dem BAW nicht mehr um Erkenntnis, sondern nur noch um Diskriminierung. Er hat sich längst selber politisch instrumentalisiert.
Die altkirchliche Basilika (der Name gründet in einem Adjektiv basilikä = königlich: die königliche <Halle>) ist hervorgegangen aus der römischen Basilika, einem kommunalen Mehrzweckbau mit repräsentativem Charakter, der als Markthalle, Bankgebäude und Börse, als Gerichtssaal und allgemeiner Treffpunkt diente (dtv-Atlas zur Baukunst I, S. 231). Vor den Christen hatten bereits jüdische Gemeinden den Typ der Basilika für ihre Synagogen übernommen (S. 259). Im Gegensatz zum Tempel, der in erster Linie Haus des Gottes (des göttlichen Namens bzw. der Statue des Gottes) war, war die Basilika ein Versammlungsraum, der Ort der Gemeinde, der ekklesia. Zum Namen: War die Basilika nicht in der Tat die königliche Halle, der Ort, der den gesamten Bereich königlicher Kompetenzen, den Bereich, für den dann der Name der Welt sich durchsetzte, repräsentierte, vom Kommerz über das Geldwesen bis zum Gericht. Die Basilika war gleichsam der Mikrokosmos, die embryonale Welt, der Quellpunkt des Objektivationsprozesses. Und genau dieser Ort wurde zum Ort der Kirche. In welcher Beziehung steht dieser Zusammenhang zur Geschichte der Architektur, die – unter christlichem Vorzeichen – in erster Linie eine Geschichte der krichlichen Architektur war: Läßt sich daran nicht die Herrschaftsgeschichte ablesen (Herrschaftsgeschichte als Vorgeschichte der der naturwissenschaftlichen Aufklärung, die selber als Geschichte der Verinnerlichung der Architektur sich begreifen läßt)?
Bekenntnislogik
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12.6.1995
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8.6.1995
Hermes oder Idealisierung als Schuldverschiebung: Die Waage (Symbol des Gerichts) macht Gewichte (Schuld) vergleichbar, indem sie auf sich selbst ableitet (die Schuld auf sich nimmt, scheinbar hinwegnimmt, und die Objekte zu Objekten idealisiert). – Haben die Schalen der Waage etwas mit dem Kelchsymbol (und mit der Logik der subjektiven Formen der Anschauung) zu tun?
Ist die Anwendung des Gravitationsgesetzes auf das Sonnensystem nicht vergleichbar mit der Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Probleme (und ist sie nicht ähnlich problematisch)? – Kann man die Massen von Sonne, Mond, Erde und Planeten, ihre „Gewichte“, (auch nur in Gedanken) mit Hilfe einer Waage vergleichen und bestimmen? Oder ist nicht das Gravitationsgesetz diese Waage (der logische Grund der Vergleichbarkeit der „Massen“ von Sonne, Mond, Erde und Planeten, und damit der Grund der Anwendbarkeit dieses Begriffs in dieser Sphäre); auf welchem Boden steht diese Waage: welche Waage und welcher Boden würde dem gemeinsamen Gewicht von Sonne, Mond, Erde und Planeten standhalten? – Das Inertialsystem und das Gravitationsgesetz sind beide Waage und Boden zugleich: Darin ist die Identität von träger und schwerer Masse begründet, oder genauer: Das Inertialsystem und das Gravitationsgesetz begründen sich wechselseitig.
Sch’ma Jisrael (mit den Ohren lesen): Der Islam nimmt den Koran „wörtlich“, das Christentum das Dogma, das „orthodoxe“ Verständnis der Schrift (nur der Theologe weiß, was der biblische Autor gemeint hat). Beide stehen unter dem Bann der Logik der Schrift (der Bekenntnislogik), beide sind unfähig zur Sprachreflexion: Beide haben verlernt zu hören, sind taub.
Peter Brown: Macht und Rhetorik in der Spätantike. In der machtorientierten Welt der Spätantike (des römischen Reiches) ist die Sprache zur Rhetorik geworden: zu einem Instrument der Demonstration, der Verschleierung und der Ausschmückung von Macht. In welcher Beziehung stehen hierzu die Vätertheologie, das Selbstverständnis der Kirche und die Ausformulierung des Dogmas, die Orthodoxie (der Begriff und die Sache)?
Die Trennung von Macht und Rhetorik ist ein Teil der Geschichte der Trennung von Wirklichkeit und Sprache (die von der Entmächtigung der Sprache, die nur noch äußerlich auf die Sache sich bezieht, ausgeht).
Der Name gründet in Gott, der Begriff im Staat.
Das Neutrum entspringt gemeinsam mit der Vorstellung der Reversibilität aller Richtungen im Raum, die mit der anderen Vorstellung verbunden ist, daß jede Zukunft einmal vergangen sein wird. Das Neutrum antizipiert die Vergangenheit der Zukunft, es kennt das Leben ebenso wie das Licht nur als vergangenes. -
7.6.1995
„Was dir auch begegnet, es war dir von Ewigkeit her vorbestimmt …“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, X, 5). Dieser Satz konvergiert mit dem berüchtigten Hegelschen Satz „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ (Vorrede zur Rechtsphilosophie), von dem er (inhaltlich) nur durch zwei Momente unterscheidet: durch die persönliche Ansprache des Lesers, durch das Du („Was dir auch begegnet“), und durch die Bezugnahme auf die Ewigkeit, deren Begriff hier freilich von dem des „Überzeitlichen“ sich nicht abzuheben scheint, was den Satz in die gleiche Schicksalslogik bannt, die auch den Hegelschen Satz durchherrscht. Erst der Sprachsinn der Ewigkeit, der von dem des Überzeitlichen dadurch sich unterscheidet, daß er jede Vergangenheit von sich ausschließt, der dann allerdings auch die Ersetzung des Präteritums (war) durch das Präsens (ist) erforderlich macht, vermag dem Satz einen nachvollziehbaren Sinn zu geben, dessen genaue Formulierung so lauten könnte: „was dir auch begegnet, seiner Wahrheit wirst du nur im Lichte des Ewigen (im Lichte des göttlichen Angesichts) inne“. – Hat nicht das kontrafaktische Urteil (ein Instrument des Schuldverschubsystems) genau die Funktion, die Gegenwart von der Last der Ethik zu befreien?
Wer die Last der Schuld auf sich nimmt, befreit sich von ihr; wer sie verdrängt, befreit sich von der Last der Ethik.
Zivilisationsbruch: Auschwitz hat den Planeten aus seiner Bahn geworfen; er ist zu einem Kometen geworden, der nur ihm Augenblick noch einer stabilen Planetenbahn ähnlich sieht.
Auschwitz hat die Theodizee widerlegt (sie als ein Scheinproblem erwiesen, mehr noch: als das Harakiri der Theologie). Die Theologie (oder die Existenz Gottes) wird durch Auschwitz weder bewiesen noch widerlegt. Die Vorstellung, daß das Gute an seinem weltlichen Erfolg erkannt werden kann und das Böse am Mißerfolg als Ausdruck der Strafe, die es unweigerlich nach sich zieht, ist blasphemisch, sie instrumentalisiert die Religion, macht sie zur Religion für andere, sie entzieht der Religion ihren einzigen Grund, den ethischen. Insbesondere für die, die in der Tradition der Täter stehen, für Christen und für Deutsche, müßte der Gedanken, daß Gott sich für Auschwitz rechtfertigen müsse, schon im Ansatz sich von selbst verbieten.
Marc Aurel spricht von der „Mutter Natur“ und von der „Welt, die dich zeugt“ (X, 7 und XII, 1).
Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen, warum nicht die Natur?
Allwissend: Beispiel dafür, daß schon ein einzelner Begriff sich selbst widersprechend sein kann.
Wenn es Leben auf andern Sternen gibt, dann braucht man es auf dieser Erde nicht zu achten.
Inversion: Das Feindbild gehört zur Bekenntnislogik, weil es das Schuldverschubsystem begründet. Das „Glaubensbekenntnis“ ist die Umkehrung des Schuldbekenntnisses; es löst sich auf, wenn ich die Sünde der Welt auf mich nehme (wenn ich des Schuldverschubsystems, der Projektion, nicht mehr bedarf.
Nekrophilie: Nach der Apokalypse gibt es am Ende eine Zeit, in der die Menschen den Tod suchen, ihn aber nicht finden werden. -
4.6.1995
Der Antisemit ist unbelehrbar, weil das Vorurteil das pathologisch gute Gewissen mit einschließt: die Exkulpationsautomatik. Grundlage dieser Exkulpationsautomatik ist das Schuldverschubsystem, dessen logischer Kern die Bekenntnislogik ist.
Die Übernahme der Sünde der Welt sprengt die Bekenntnislogik und schafft der Barmherzigkeit den Grund.
Gibt es im Hebräischen den Indikativ? Die indoeuropäischen Formen der Konjugation unterscheiden sich von den hebräischen dadurch, daß sie das Handeln der Zeit subsumieren. Aber damit (mit der Subsumtion des Handelns unter die Zeit) werden die Dinge dem Raum unterworfen (von ihren Eigenschaften getrennt). Was bedeutet das für die Formen der Deklination („Eine ausgebildete Kasusflexion gibt es im Hebräischen nicht mehr(!)“ – Körner: Hebräische Studiengrammatik, S. 90: So können Zeitfolgen verwechselt werden)?
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Was dem Indikativ zu entsprechen scheint, der Narrativ (wie umgekehrt dem Konjunktiv der Finalis), unterscheidet sich durch eine charakteristische Differenz: Während der Narrativ den alles Erzählen beherrschenden Grundton der Trauer (das Bewußtsein der Vergangenheit dessen, wovon erzählt wird) in sich enthält, hat der Indikativ diese Trauer verdrängt, die die Vergangenheit begründende Kraft sich zueigen gemacht: als objektivierende, determinierende und bestimmende Gewalt des Begriffs (der Indikativ instrumentalisiert die Vergangenheit: er setzt sprachlogisch das die Vergangenheit abschließende indoeuropäische Perfekt voraus). Ohne Indikativ gäbe es keine Ontologie und kein Wissen. Die Differenz, die den Konjunktiv vom Finalis unterscheidet, hängt damit zusammen: Beide beziehen sich auf Ziele, aber während der Finalis von der Objektivität der Ziele (von ihrer objektiv begründenden Kraft) ausgeht, gründet der Konjunktiv in der Subjektivierung alles Zwecke, in der die Kategorie des Möglichen begründet ist (hier wurde der Grund für den Nominalismus, für die Zerstörung zunächst der benennenden, dann der argumentativen Kraft der Sprache gelegt). Es rührt an tiefe sprachlogische und sprachgeschichtliche Zusammenhänge, wenn das Hilfsverb „Sein“ (die Grundkategorie des Indikativs) zugleich als Possessivpronomen der dritten Person singular maskulinum Verwendung findet, und das Hilfsverb „Würde“ (die Grundkategorie des Konjunktiv), in der Lage ist, – bezeichnenderweise nach einem Genus-Wechsel, nach Transformation ins Feminine – so etwas wie die „Würde des Menschen“ (seine Fähigkeit und sein Recht, sich selbst Ziele zu setzen: Grund des Naturrechts, des Begriffs wie auch der Sache, die mit dem Begriff der Würde überhaupt erst entspringt) zu bezeichnen. Waren nicht die Namen der „Wilden“ und der „Barbaren“ herrschaftsgeschichtlich und zugleich sprachlogisch begründet: als Bezeichnungen für Völker, die
– wie die Wilden außerhalb jeden staatlichen Zusammenhangs (in dem der Begriff der Würde und des Naturrechts allein sich definieren und begründen läßt) oder
– wie die Barbaren außerhalb des eigenen Staates (außerhalb der durch den Staat definierten und nur für die Bürger des Staats geltenden Seins- und d.h. Eigentumsordnung) lebten?
Die Tatsache, daß die kantische Vernunftkritik nur als Gesellschaftskritik, nicht aber als Wissenschaftskritik überlebt hat und historisch wirksam geworden ist, daß der wissenschaftskritische Grund der kantischen Philosophie aus ideologischen Gründen verdrängt worden ist, scheint damit zusammenzuhängen, daß eine von ihrem wissenschaftskritischen Grund abgelöste Gesellschaftskritik noch als Entlastungswissenschaft sich mißbrauchen läßt. Nur so war es möglich, den Habitus des in die Sache nicht verstrickten neutralen Zuschauers, dem die Antinomien der reinen Vernunft den Boden entzogen hatten, zu rekonstituieren. Hat nicht Hegel dem vorgearbeitet, als er die Antinomien der reinen Vernunft aus ihrer Beziehung zur transzentendentalen Ästhetik löste und der Logik zuordnete, sie gleichsam als Motor in den dialektischen Prozeß mit einbaute? Ähnlich scheint das Bemühen der Habermas-Schüler motiviert zu sein, das Aufstörende an der Dialektik der Aufklärung (und das ist wiederum ihr wissenschaftskritisches Element) endlich zu neutralisieren.
Der Weltbegriff ist eine Funktion der Herrschaftsgeschichte: Ein Instrument der Vergesellschaftung von Herrschaft.
Gegen Habermas: Ein herrschaftsfreier Diskurs ist erst dann möglich, wenn es gelingt, Herrschaft bis in ihre Wurzeln (die in den Abgrund hineinreichen) zu reflektieren, ans Licht zu holen. Aber das geht nicht ein für allemal (durch eine dem Wissenschaftsbegriff genügende Theorie). Diese Reflexion mißlingt, wenn sie nicht auf ihren Zeitkern rekurriert. Habermas hat diese Reflexion prinzipiell verfehlt, als er die Natur ausschloß.
Für mich ist die Nazizeit nicht vergangen, sondern gegenwärtig: Ich habe in den Abgrund geschaut.
Hat Jesus nicht den eigenen Vater verdrängt, und den Bann genau dadurch aufgerichtet, daß er ihn vergöttlichte? In den Evangelien tritt sein leiblicher Vater zum letzten Mal auf, als Jesus zum erstenmal seinen himmlischen Vater zitiert. Danach ist er aus dem Leben Jesu (und aus der Geschichte des Christentums) ausgeschieden, verschwunden. Ist nicht die Geburtsgeschichte (mit den Engeln, die Maria real und dem Josef im Traum erscheinen, und mit der Zeugung durch den Heiligen Geist) die Konsequenz daraus? Aber liefert hierzu nicht Freud den Schlüssel in „Totem und Tabu“, in seinem psychoanalytischen Mythos von der Tötung des Urvaters, dem sakramentalen Urkannibalismus und der Entstehung der Brüderhorde? Trägt nicht das Christentum Züge dieser Brüderhorde (mit dem späten Echo in der Ode an die Freude: Alle Menschen werden Brüder – nicht nur ein anatomisch unmöglicher Wunsch, sondern einer, der erst wahr wird, wenn man ihn umkehrt, wenn endlich alle Brüder Menschen werden).
Der Marxsche Satz „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ war eine Kampfparole gegen den Idealismus. Und nur in dieser Funktion ist er wahr. Er hat Recht gegen einen Idealismus, der davon ausgeht, das das Bewußtsein jetzt schon das Sein bestimmt. Aber entscheidend ist nicht die gleichsam ontologische Differenz von Materialismus und Idealismus, sondern die zeitliche: Daß das Sein immer noch das Bewußtsein bestimmt, das ist die Katastrophe; und ist der Wunsch, daß endlich das Bewußtsein das Sein bestimmen möge, daß der Bann des Schicksals durchbrochen wird und der „entsetzliche Fatalismus der Geschichte“ ein Ende hat, nicht der Kern der Utopie?
Ist nicht mein Faschismus-Trauma eine Anwendung des Satzes „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“? Bei mir war’s das faschistische Sein, das mein Bewußtsein bestimmt hat, auch wenn ich selbst einmal geglaubt hatte, ich sei immun dagegen gewesen. Und ist nicht dieser Satz in der Geschichte des Marxismus die Basis des ontologischen Vorurteils, des fundamentalistischen Mißverständnisses der Marxschen Theorie, seines Mißbrauchs als Herrschaftsmittel, als Ideologie, gewesen? -
31.5.1995
Das Glaubensbekenntnis, die instrumentalisierte Umkehrung des Schuldbekenntnisses, gründet in der Logik des Weltbegriffs, es gehört zur Ursprungsgeschichte und zu den Konstituentien der Raumvorstellung. Die Struktur der Bekenntnislogik (die Konstellation von Feinddenken, Verrätersyndrom und Paranoia sowie männlicher Selbstbeherrschung und Frauenfeindschaft) läßt aus dieser Beziehung zum Schuldbekenntnis sich herleiten. Daß die Kirchen am Ende die Idee der Erlösung, der Befreiung von Schuld, ins Glaubensbekenntnis verlegt haben, hängt hiermit zusammen (und ist eine der Folgen der Vergegenständlichung des Kreuzestodes). Die Bekenntnislogik hat das Schuldverschubsystem begründet und in der Theologie verankert. Ihre logischen Wirkungen lassen am Fall des juristischen Schuldurteils (als Form des synthetischen Einzelfall-Urteils apriori) sich demonstrieren: an der logischen Funktion des Bekenntnisses zum Staat in jedem Schuldurteil, insbesondere aber in sogenannten Staatsschutz-Verfahren (in Hegels Rechtsphilosophie erscheint diese Form des synthetischen Einzelfall-Urteils a priori in der logischen Ableitung des Monarchen – vgl. Rechtsphilosophie, 280). Das Urteil des römischen Statthalters über Jesus, seine Vorgeschichte und seine Vollstreckung am Kreuz gehören in diesen Zusammenhang (und ebenso wie die Idee des Absoluten, die Zerstörung der Erinnerung an den Namen Gottes, in den Kontext des Worts von der Erfüllung der Schrift).
Das Subjekt eines jeden Schuldurteils ist die Welt, die selber Identität nur durch ihre Beziehung zum Staat hindurch gewinnt. Jede Metaphysik ist Staatsmetaphysik. Schuld gibt es nur im Kontext von Herrschaft, wie es auch Herrschaft nur im Kontext der Schuld gibt. Schuld und Herrschaft sind wechselseitig sich konstituierende Reflexionsbegriffe. Der Objektbegriff selber, mit dem Herrschaft in der Außenwelt sich begründet, indem sie sich an ihrem gegenständlichen Substrat den nötigen Halt verschafft, ist das Modell des apriorischen Schuldurteils.
„Männer machen Geschichte“: Kontrafaktische Urteile sind Produkte des Rechtfertigungszwangs, sie gründen in einem apologetischen Geschichtsverständnis, mit dem der Historiker gegen den Indizienprozeß, den die Geschichte gegen ihn führt, um ihm die Sünde der Welt aufzubürden und anzulasten, sich zu verteidigen versucht. Ihr Ziel ist es, den Schuldzusammenhang mit der Vergangenheit durch Personalisierung, durch Verschiebung und Zurückdrängung der Schuld ins Vergangene, zu neutralisieren.
Der Begriff der Verweltlichung der Welt hat einen kleinen logischen Mangel: Unabhängig von der Verweltlichung gibt es keine Welt, die dann gleichsam nachträglich und von außen sich verweltlichen ließe. Der Begriff der Welt bezeichnet nicht mehr und nicht weniger als den jeweiligen Stand der „Verweltlichung“.
Das Problem der Theologie liegt in dem apologetischen Kontext ihrer Ursprunggeschichte. Apologetik läßt das, was sie zu verteidigen meint, nicht unberührt; sie verändert es unter der Hand. Wenn die Orthodoxie in der Auseinandersetzung mit den Häresien sich gebildet und entfaltet hat, so heißt das auch, daß mit der Verurteilung der „Irrtümer“ der Häresien die Probleme, deren Ausdruck diese Irrtümer“ waren, innerhalb der Orthodoxie prinzipiell zwar gelöst, mit der Verurteilung ihrer häretischen Folgen aber ebensosehr auch verdrängt worden sind. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit wäre noch zu leisten.
Mit dem apologetischen Prozeß ist die Bekenntnislogik in die Theologie eingewandert und hat sie von innen verändert. Apologetik ist die Instrumentalisierung des Satzes: Wer sich verteidigt, klagt sich an. Mit jeder Verurteilung einer Häresie hat die Orthodoxie sich selber mit verurteilt.
Das Dogma verletzt das Gebot der Heiligung des Gottesnamens.
Steckt nicht hinter dem Bilde des Perpetuum mobile ein sehr ernsthaftes Problem, und zwar eines, das mit dem Apparat zusammenhängt, der die Menschheit ernährt, die ihn bedient, und sie zugleich in die Katastrophe hineintreibt: mit dem Staat?
Seit heute sind die Gundbach-Wiesen südwestlich vom Anglerteich mit dem Hinweis gesperrt: „Kein Durchgang! Betreten verboten gem. § 3 Ziffer 8 der Verordnung über das Naturschutzgebiet Mönchbruch von Mörfelden und Rüsselsheim vom 3. Februar 1995 (Staatsanzeiger für das Land Hessen Nr 9 vom 27.02.1995, S. 698ff). Regierungspräsidium Darmstadt“. – Das gleiche Durchgangsverbot findet sich an der Birkenseewiese, am Erlenbruchweg und am Weg, der den Gundbach entlang führt. Ein präzises Beispiel für die Logik des Verwaltungshandelns: für ein Handeln hinter dem Rücken der Betroffenen (es schafft vollendete Tatsachen). Die Erinnerung an die wilhelminische Vorgeschichte ist eindeutig. Gegen den Startbahnbau und gegen den Bau von Cargo City waren Naturschutzgründe unerheblich, aber gegen den täglichen Spaziergänger schlagen sie durch. -
27.5.1995
Kritik der Sprache: Name und Begriff unterscheiden sich wie Imperativ und Indikativ, wie Wort und Schrift, Gebot und Gesetz, Freiheit und Kausalität (Determination). Deshalb gibt es keine Freiheit ohne Schuldreflexion, von der die subjektiven Formen der Anschauung, in denen der Schuldzusammenhang des Begriffs gründet, nur zum Schein dispensieren.
Komplizenschaft ist das Produkt der Instrumentalisierung der Solidarität. Sie ist der Grund, aus dem die Bekenntnislogik hervorgeht. Die Bekenntnislogik macht das Opfer zum Schuldigen und versucht das durch seine Vergöttlichung zu sühnen.
Die Verkündigungsgeschichte steht in der Tradition, wonach die Propheten im Mutterleib berufen wurden (während die Geschichte der Orthodoxie das kirchliche Pendant der Geschichte der Hysterie ist).
Die verdrängte Barmherzigkeit erscheint im Objekt als Hysterie.
Hängt das Wort des Täufers, er sei nicht würdig, seine Schuhriemen zu lösen, zusammen mit dem andern Wort: Der Himmel ist sein Thron und die Erde ist der Schemel seiner Füße?
Laß leuchten Herr Dein Angesicht, erfüllt mit Deiner Gnade Licht: Das Licht Seiner Gnade ist die Barmherzigkeit, die Fähigkeit, sich in einen andern hineinzuversetzen, die Umkehr des objektivierenden Prinzips, Inbegriff des verteidigenden, des parakletischen Denkens.
Das Wort und die Logik der Schrift: Die vollendete Gestalt der Lehre wäre eine, in der alle sich wiedererkennen (und nicht eine, in der der Eine dem Andern etwas vorschreibt).
Der die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt hat: Verweist nicht das Gründen auf die Kausalitätslogik, das Aufspannen auf die teleologische Logik? Das Erstgeschaffene waren die Himmel, erst das zweite die Erde, und die war wüst und leer.
Ist nicht die Finsternis über dem Abgrund der Ursprungsort der Philosophie und der Geist über den Wassern der der Prophetie? Und gehört zur Folge dieser Geschichte die Trennung der unteren von den oberen Wassern (durch die Feste des Himmels am zweiten Tag) und dann die Erschaffung der großen Meerestiere und des Menschen (am fünften und sechsten Tag)? -
16.5.96
Liegt nicht der Ursprung der Verhärtung des Herzens in der Unsterblichkeitslehre, in der Vorstellung, daß es ein seliges Leben allein für mich, unter Abstraktion von der Barmherzigkeit: vom Leiden am Zustand der Welt, von der Erinnerung an die Opfer der Geschichte und vom Mitleiden mit dem Leiden der Benachteiligten gebe? Ist nicht das, was heute Gemeinde heißt, die Gemeinschaft dieser verworfenen Hoffnung, und ist es nicht die Bekenntnislogik, die diese Hoffnung von der Wahrheit trennt?
Wer Gott erkennen will, ohne sich in der Fähigkeit, sich in den Andern hineinzuversetzen, in der Kraft der Identifikation mit dem Andern, geübt zu haben, m.e.W. ohne Barmherzigkeit zu üben, betrügt sich selbst.
Zum Brüllen, zum Donnern Gottes: Kann es sein, daß die Antwort, die Gott Hiob aus dem Gewitter erteilt, auch unter der Prämisse zu verstehen ist, daß Gott dem Hiob bedeutet: Hättest du anders handeln können, wenn du an meiner Stelle gewesen wärest, hättest du eine Alternative gesehen?
Wenn Gott lernt, lernt er dann nicht gemeinsam mit uns? Und käme es nicht darauf an, daß er, indem er mit uns Barmherzigkeit lernt, wird was er ist: der Barmherzige (daß er im Lernen mit uns gereut – vgl. Abraham, Moses, auch Jesus in Gethsemane)?
Rechtfertigungszwänge – und die subjektiven Formen der Anschauung wie auch der Weltbegriff sind Instrumente der Rechtfertigung – verwirren und destruieren die Erinnerungsfähigkeit.
Die Kritik der Naturwissenschaften gehört zu den Vorbereitungen des „Hodie, sie vocem eius audieritis …“.
Schließt der Name der Gemeinde heute schon das Gebet um das Kommen des Reichs aus? Die gemeinsame Erwartung (das adveniat regnum tuum) ist nur möglich als tätige Erwartung, sie setzt die Lösung des Banns, der auf der Vergangenheit liegt: die kritische Reflexion der Orthodoxie, der dogmatischen Tradition, des Glaubensbekenntnisses voraus.
Es gibt Wörter, die sind reine Konstruktionen aus Affixen, wie etwa das Wort „Ungetüm“, dessen Stamm identisch zu sein scheint mit dem Suffix -tum (in Irrtum, Reichtum, Deutschtum, Christentum). Kann es sein, daß das „Gebet“ das Präfix be- (das englische to be) in sich enthält (kommt das englische prayer vom Preisen)? Die Anbetung scheint sich herzuleiten vom lateinischen adorare (das wiederum von der griechischen Proskynese sich unterscheidet).
Der bayerische Katholizismus unterscheidet sich vom westfälischen schon durch den Gottesnamen: Dem bayerischen „Herrgott“ entspricht der westfälische „liebe Gott“. Ist der „Herrgott“ nicht ein Staatsgott, der „liebe Gott“ hingegen ein Familiengott, die bayerische Religion eine politische, die westfälische eine private Religion?
Was hat der Pfingstochse mit Pfingsten zu tun? Gehört der Pfingstochse nicht zum Bereich der Herrgotts-Religion, hat er etwas mit Bölls „Sakrament des Büffels“ zu tun? Hier ist daran zu erinnern, daß aus dem Umkreis der jüdischen Opfertiere im Christentum das Lamm (mit dem die Erstgeburt des Esels ausgelöst wird), der Esel, die Taube (das Opfer der Armen), nicht aber das Rind, der Ochse, der Stier vorkommt. Ist der Pfingstochse eine Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist, ein Symbol des kirchlichen Antijudaismus?
Die fortschreitende Privatisierung staatlicher Dienste und Aufgaben ist die Kapitulation des Staates vor der gleichen Wirtschaft, die die Weltherrschaftsphantasien der Nazis, die damals schon als Weltvernichtungsträume sich entpuppten, heute zu erfüllen verspricht. Der neue Imperialismus ist einer, der nicht mehr nur die Dritte Welt, sondern endgültig die Staaten insgesamt in Kolonien des globalen Marktes verwandelt, der in den transnationalen Institutionen sich seine eigenen Verwaltungen schafft. Die Idee der Vernunft, die einmal an der Politik, der Idee des richtigen Staates, sich ausbildete und schulte, gerät unter das Diktat der instrumentellen Vernunft und der entfesselten Selbsterhaltung. -
6.5.1995
Macht und Bekenntnis: Ist nicht das „theis heauton“ des Marc Aurel, wie die Stoa insgesamt, ein Vorläufer der Bekenntnisliteratur von Augustinus bis Rousseau? War nicht Marc Aurel ein Vorläufer Konstantins und die Stoa die Embryonalform des Staatschristentums?
Confessor und Virgo: Unterm Titel der Schuld wird das Vergehen auf das Urteil der Andern bezogen, und dagegen hilft gleichsam prophylaktisch das Bekenntnis, während der Begriff der Sünde auf die Tat sich bezieht: ohne Sünde ist nur die Virgo. Aber ist nicht die Virginitas dann zu einem Qualitätsmerkmal der Ware Frau geworden, zu einem Kriterium ihres Gebrauchswerts (Ursprung der Naturbeherrschung)?
Gründet nicht die Xenophobie in der Vergewaltigungsmentalität, und ist das nicht der Hintergrund des Begriffs der Sodomie?
Wenn es ein hochsymbolisches Gleichnis gibt, dann das vom Feigenbaum, der keine Frucht mehr trägt.
Die Trinitätslehre als Kern der Bekenntnislogik ist der Repräsentant und Statthalter der subjektiven Form der äußeren Anschauung in der Theologie. Durch die Trinitätslehre haben wir Gott in das Gefängnis der Logik der Anschauung, der Bekenntnislogik, eingesperrt (durch die Theologie hinter Seinem Rücken haben wir Ihn zum Autisten gemacht).
Gehört nicht der Satz, daß nur Gott ins Herz der Menschen schaut, zu den Attributen Gottes, die nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen? War das nicht der Sündenfall der Theologie, daß sie den Imperativ in einen Indikativ verwandelt hat? Und diesen Zustand hat sie seit je durch die Ontologie zu retten und zu erhalten versucht. Theologie im Angesicht Gottes ist der Versuch, die gesamte Theologie aus dem Indikativ wieder in den Imperativ zurückzuübersetzen: in das Eine, das nottut.
Bezeichnet nicht der Begriff der Notwendigkeit in der Logik den Akt der Übersetzung des Imperativs in den logischen Zwang des Indikativ? Die logische Notwendigkeit ist eine, die aus der Verdrängung und dem Zwang der Vermeidung der Gottesfurcht sich herleitet.
Die Strategie der Vermeidung der Gottesfurcht liegt insbesondere der Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung der Raumvorstellung zugrunde: der Ästhetisierung der Wirklichkeit, die den moralischen Bezug durch die Verantwortungslosigkeit des Zuschauens ersetzt. Eines der Instrumente dieser Neutralisierung der Objektivität ist die Ontologie, und diese Position hat die Fundamentalontologie bis in ihre bösen Konsequenzen hinein radikalisiert. Hier (wie für den kirchlichen Antijudaismus, die Häretiker- und Frauenfeindschaft) gilt der Satz: Parvus error in principio magnus est in fine.
Bangemachen gilt nicht: Wäre nicht die Theologie im Angesicht Gottes eine, die Gott selber Mut macht?
Schon in den ersten Sätzen der Genesis (in der Erschaffung von Himmel und Erde: und die Erde war wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund) ist das theologische Grundmotiv benannt: der Rhythmus von Katastrophe und Rettung.
Binden und Lösen: Wenn die Katastrophe nicht als unabwendbares Geschehen, dessen Objekte und Zuschauer wir nur sind, gefaßt wird (wenn sie nicht zu einem unabwendbaren Geschehen, zum „Schicksal“, ontologisiert wird), sondern als Konsequenz und Folge einer moralischen Katastrophe, in die wir verstrickt sind, dann wird auch die Rettung zu einem Akt, an dem wir nicht unbeteiligt sind. Hierauf bezieht sich Joh 129, das Täufer-Wort, das nur begriffen wird, wenn es ins Nachfolgegebot mit hereingenommen wird. Deshalb ist der Titel Menschensohn (mit seinem ungeheuren antitotemistischen Gewicht) ein messianischer Titel. Unverantwortlich gegenüber der Welt, in der es lebt, ist nur das Tier, nicht der Mensch.
Nur durch die Kritik der Ontologie und die Restituierung der Ethik als prima philosophia vermag die Theologie sich aus dem logischen Bann der Schicksalsidee zu befreien.
Die frühe Einsicht, daß die Theologie mit den Naturwissenschaften zusammen nicht bestehen kann, wird in eine neues Licht gerückt durch die wachsende Einsicht in die Beziehung des Ursprungs und der Entfaltung der Raumvorstellung zum historischen Objektivationsprozeß und zur Herrschaftsgeschichte. Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang hat seinen realsymbolischen Grund in den drei Dimensionen des Raumes. -
26.4.1995
Wenn den Regierungen die politischen Argumente ausgehen, berufen sie sich auf das Gewaltmonopol des Staates (vgl. hiermit den Gesamtzusammenhang der Konzepte Standort Deutschland, Stabilität der DM und die Neuorientierung der deutschen Außenpolitik an den wirtschaftlichen Interessen des Landes: wer definiert diese wirtschaftlichen Interessen?).
Wodurch unterscheiden sich die Ergebnisse des Ersten von denen des Zweiten Weltkrieges? Liegt nicht der Unterschied darin, daß nach dem Ersten Krieg der Terrorismus in der Metropole als Staatsterrorismus sich etablierte, während er nach dem Zweiten Krieg zu einem Instrument gegen den Staat geworden ist (vielleicht, weil der Staat gelernt hat, seinen eigenen Terrorismus hinter einer legitimierenden Rechtsfassade zu verbergen)?
War nicht der Elternbann, in den die Kindheit nach dem Krieg geraten ist, eine qualitativ neue Form der Verdrängung (in der sich die neue Funktion des nachfaschistischen Staates, seine veränderte Selbstdefinition, widerspiegelte: hat nicht die Logik der väterlichen Gewalt etwas mit der Logik des staatlichen Gewaltmonopols – und mit der Gewalt in der Logik generell – zu tun)?
Zu Jer 3134: Ist nicht die Bekenntnislogik die Logik der wechselseitigen Belehrung aller durch alle und die Verhinderung der Gotteserkenntnis aller? Hat nicht die Kirche, als sie das göttliche Gebot zur Grundlage der kirchlichen Jurisdiktion machte, die Theologie verhext?
Auch die Inquisition ist nicht vergangen, sondern nur formalisiert und neutralisiert worden und so in den Forschungsbetrieb mit eingegangen. Seitdem ist jedes Schuldurteil ein synthetisches Urteil apriori.
Das Apostolat gründet nicht in einem Bekehrungsauftrag, sondern in dem Auftrag, Zeugnis abzulegen für die Auferstehung. Das war das Evangelium, die frohe Botschaft. Dieses Zeugnis ist von Paulus formalisiert und in einen Bekehrungsauftrag umgefälscht worden. Die Zukunft öffnet sich erst, wenn auch die Gräber sich öffnen.
Ist das Englische nicht eine Neutrums-Sprache, erkennbar sowohl an dem to be, der Verwendung des Praefix be- als Infinitiv des Seins, als auch daran, daß die Futur-Bildungen über das Hilfsverb will laufen, mit der doppelten Pointe, daß das Werden in den Willen eines anonymen Subjekts zurückverlegt wird und zugleich das im Deutschen ontologisierte Werden auf einen (Subjekt-)Willen bezogen wird? -
22.4.1995
Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit: Gehört das Opfer zur Geschichte der projektiven Erkenntnis (zur Ursprungsgeschichte des Staates)?
Adornos gelegentliche Bemerkung, daß man vom Selbst wahrscheinlich nur in theologischem Zusammenhang reden könne, bezeichnet genau den Kern seiner Bindung an die Ästhetik. Sie wird wahr nur, wenn man im Selbst nicht das eigene, sondern das des Andern begreift. Die Fähigkeit, in den Andern sich hineinzuversetzen, ist nur theologisch zu begründen.
Das Gebot der Nächstenliebe (Lev 1918) wird in der Fassung überliefert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Dieses „wie dich selbst“ lautet in wörtlicher Übersetzung des hebräischen Textes „er ist wie du“ (Buber: Halte lieb deinen Genossen, dir gleich); es heißt nicht „er ist wie ich“. Erst im griechischen Text des NT erscheint das Selbst: „wie dich selbst“ (Mt 2239: agapäseis ton pläsion sou hos seauton – vgl. auch Mk 1231, Lk 1027).
Die subjektiven Formen der Anschauung sind nicht gleichwertig; beide sind durch die jeweils andere vermittelt: Die Vorstellung des Raumes setzt die Vergegenständlichung der Zeit (die Vorstellung eines Zeitkontinuums) voraus, die selber ein Produkt der Verräumlichung ist, die Form ihrer Beziehung zum Raum zur Grundlage hat. Die Form des Raumes konstituiert sich in diesem doppelten Akt: über das Konstrukt der Verräumlichung der Zeit. Das Inertialsystem ist das Produkt dieser doppelten Abstraktion; darin gründet seine Logik, in der Redundanz der Wechselbeziehungen der einzelnen Momente.
Die Verräumlichung der Zeit hat ihre sprachliche Vorgeschichte in den Konjugationsformen, durch die die indoeuropäischen Sprachen z.B. von den semitischen sich unterscheiden, in der Bindung der Verben an die Zeit, ihrer Subsumtion unter die Zeit, die hier erstmals eine gegen das Tun und Leiden der Menschen selbständige Realität gewinnt (Grund der mythischen Schicksalsidee). Diese Konjugationsformen sind gemeinsam entsprungen mit dem Neutrum (dem dritten Geschlecht) und mit den Steigerungsformen des Adjektivs; sie sind Ausdruck einer tiefgreifenden Veränderung der inneren Logik der Sprache. Wenn es im Hebräischen keine Entsprechungen zu den Totalitätsbegriffen gibt, die die Geschichte der Philosophie beherrschen, zu den Begriffen des Wissens, der Natur und der Welt (an denen die idealistischen Systeme nach Kant sich abgearbeitet haben), so hängt das mit diesem sprachgeschichtlichen Vorgang, mit der seitdem differierenden Sprachlogik, zusammen. Diese Differenz läßt sich an der Beziehung zum Fremden, in der sprachliche und gesellschaftliche Strukturen sich durchdringen, demonstrieren: an den Namen der Barbaren und der Hebräer. Während die griechische Sprache zur eigenen Stabilisierung die Projektionsfolie der Barbaren (als distanzierende, vergegenständlichende Kollektivbezeichnung der Anderen) geschaffen hat, war die hebräische schon in ihrem Namen (in dem die Benennung durch andere als Selbstbezeichnung übernommen wird) auf die Reflexion der eigenen Fremdheit verwiesen. Diese inverse Beziehung zum Fremden ist ein gesellschaftlicher Reflex der grammatischen Differenzen.
Gehören nicht die Namen der Barbaren und der Hebräer zur Ursprungsgeschichte der Schrift? Gehört nicht der phönizische Ursprung der Schrift (der Ursprung der Buchstabenschrift im Bedürfnis des Handels nach einer Schrift, die fremde Sprachen in ihrer Lautgestalt wiederzugeben in der Lage ist) zu den Voraussetzungen, aus denen die Namen der Barbaren (der die Fremden und die Stammelnden zugleich bezeichnet) und der Hebräer hervorgegangen sind? Nicht das Geld, sondern die Schrift gründet im Tauschprinzip; das Geld gründet in der Schuldknechtschaft (in der Tempelwirtschaft). Die Logik der Schrift ist die Logik der Entfremdung. Wie hängt der Name des Logos (und die theologische Idee der Erfüllung des Worts) mit dem Namen der Schrift (und dem Topos der Erfüllung der Schrift, die von der des Wortes wie der Kreuzestod von der Auferstehung sich unterscheidet) zusammmen? Die gegenwärtige Phase der Geschichte der Aufklärung (wie auch der Politik und der Ökonomie) scheint sich auf eine dramatische Weise in die Ursprungsgeschichte der Schrift und des Geldes (in die Ursprungsgeschichte des Staats und des Weltbegriffs) zurückzuschlingen.
Die Theologie im Angesicht Gottes ist eine Theologie, in der Gott nicht mehr als Objekt vorkommt: der Anfang einer areligiösen Theologie.
Der Schatten des Faschismus: das ist die Nacht der dritten Leugnung. Auf diese Nacht verweist das Krähen des Hahns in der Geschichte der drei Leugnungen.
Joh 129, sein Kontext in der Johannes-Apokalypse: Das Kelchsymbol in der Prophetie und in Gethsemane, das sich auf das durchs Anschauen verhexte Denken bezieht, auf die Selbstverstopfung der Ohren durch die „optische“ Grundlegung des Denkens, auf die Unfähigkeit zu Hören (das deshalb in der christlichen Tradition durch den Gehorsam ersetzt wurde). Das Schiff des Odysseus, der Pfropf in den Ohren der rudernden Mannschaft und der Strick, mit dem Odysseus sich an den Mast hat binden lassen, gehören zusammen; und das Ganze hat etwas mit dem Kelch und den subjektiven Formen der Anschauung zu tun, auch mit dem „Grauen, Grube und Garn“ bei Jeremias. War nicht das Erlösungskonzept, das an den Begriff der Entsühnung der Welt sich anschloß, daran, daß „das Lamm … die Sünde der Welt hinweggenommen“ (und nicht, wie es bei genauer Übersetzung heißen müßte, auf sich genommen, H.H.) hat, für die andern das Grauen und die Grube, für die Christen aber das Garn, in das sie hoffnungslos sich verstrickten? Entsprechen nicht der Grube die subjektiven Formen der Anschauung (sowie der Begriff und, als dessen Totalitätsbegriff, die Welt), dem Grauen das Erstarren der Dinge zum Objekt (die „Erscheinungen“ und die Natur) und dem Garn die davon nicht zu trennende Selbstverstrickung des Subjekts (oder der Begriff des Wissens, der Grund und die Totalität dieser Selbstverstrickung)? Das Grauen ist das gegenständliche Korrelat der verinnerlichten Scham, der Grund der Erstarrung des Objekts, die Grube die Verkörperung des Schreckens (dessen gegenständliches Korrelat das Grauen ist) und das Garn das Symbol der Selbstverstrickung des Subjekts in diese Konstellation. Diese Konstellation wäre zu demonstrieren am Ursprung des Massenbegriffs, an der Bekenntnislogik, an der Gestalt des apokalyptischen Tieres (und seiner Beziehung zum Weltbegriff): des Tieres aus dem Meere, dem der Drache seine Macht verliehen hat, und des Tieres vom Lande, Inbegriff und Symbol des falschen Propheten, der Selbstlegitimation der Welt.
NB: Die Bekenntnislogik ist aus dem gleichen herrschaftsgeschichtlichen Grunde indifferent gegen ihren Inhalt geworden, aus dem der Begriff der Materie von seiner Beziehung zu den materiellen Qualitäten sich emanzipiert hat. Die Austauschbarkeit der Bekenntnisinhalte ist Ausdruck des Stands der Naturbeherrschung. Damit hängt es zusammen, wenn gesagt wurde, daß mit der Reformation die häresienbildende Kraft erloschen sei (seitdem gibt es keine Häresien mehr, nur noch Sekten).
Im Begriff der Masse schlägt die projektive Gewalt, die einmal in den Namen der Barbaren und der Wilden sich ausdrückte, ins Innere der Zivilisation zurück (in der gleichen logischen Konstellation, der auch im Ursprung des Antisemitismus sich ausdrückt). Deshalb wird das Zeitalter des Antichrist das Antlitz des Hundes tragen. Der Begriff der Masse ist das Realsymbol einer Logik, die die Theologie verhext, er bezeichnet aufs genaueste den Bann, aus dem der Name Gottes zu befreien wäre: Bezieht sich nicht hierauf das Gebot der Heiligung des Gottesnamens?
Als das Christentum in die Welt hinausging, stand es im Bann des Weltbegriffs (der Philosophie und des Römischen Reiches). Dieser Bann drückte in der Theologie in ihrer vergegenständlichenden Gewalt (in der Theologie hinter dem Rücken Gottes), in der Logik der Orthodoxie, in der Bekenntnislogik, und in den durch sie determinierten inhaltlichen Bestimmungen des Dogmas (von der Opfertheologie über die Vergöttlichung Jesu bis in die Trinitätslehre) sich aus. Die Grundlegung dieses Konstrukts war die Leistung des Paulus (der nur Apostel, nicht aber Jünger Jesu war: seine Legitimation war das Zeugnis der Auferstehung, nicht die Nachfolge).
Die Bekenntnislogik ist ein Teil der Logik des Weltbegriffs. Deshalb ist die Theologie zu einem Teil der Geschichte der Aufklärung (im Sinne der Dialektik der Aufklärung) geworden.
Die moderne Aufklärung ist keine Häresie, sondern Ergebnis und Produkt der Selbstentäußerung der Theologie, die nur deshalb ohnmächtig gegen die Aufklärung ist, weil sie unfähig ist, darin sich wiederzuerkennen („da verließen ihn alle Jünger und flohen“). -
19.4.1995
Nicht der leere Raum, sondern der Begriff der trägen Masse bezeichnet den horror vacui aufs genaueste: nämlich an seinem Objekt. Produziert nicht die neoliberale Wirtschaftspolitik heute das ökonomische Äquivalent des horror vacui? Bei Jeremias erscheint dieser Sachverhalt in dem prophetischen Wort vom „Grauen um und um“ und im Bilde von „Schwert, Hunger und Pest“. Die moderne Geschichte beginnt mit der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip: mit der Produktion der Armut, die man dann ausbeuten kann; sie endet mit dem Entzug der vergesellschafteten Arbeit: mit der Überproduktion von Armut in einer Welt, in der es unmittelbare Verwertungsmöglichkeiten hierfür nicht mehr gibt. Heute verzehren bereits alle, die noch überleben, die Häuser der Armen, die keine Chance mehr haben.
Das Angesicht Gottes ist kein Gegenstand der Anschauung; und in Seinem Licht die Dinge sehen, heißt: die Dinge im Licht der Sprache sehen. „Laß leuchten, Herr, Dein Angesicht“: Dieses Leuchten ist das Wort. Der Sündenfall der christlichen Theologie war es, als die Kirche glaubte, das Angesicht Gottes zu einem Gegenstand der Anschauung machen zu können, als sie die Schamgrenze, die das Anschauen von der Wahrheit trennt, glaubten überspringen zu können. So ist die Religion zu einem Herrschaftsinstrument geworden. Und das war der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen. Dieser Kelch war in der Tat der Grund seines Todes.
Nach Auschwitz: Hat nicht, wer Auschwitz überlebt hat, den Weltuntergang überlebt? Auschwitz ist das Opfer, das nicht mehr sich instrumentalisieren läßt, sondern nur noch nach Barnmherzigkeit schreit.
Im Hogefeld-Prozeß die transzendentale Logik studieren: die Konstruktion eines synthetischen Urteils apriori. Grundlage ist die selbstlegitimierende und -rechtfertigende Gewalt einer transzendentalen Vorurteils-Ästhetik (die in der Beziehung von Staat und Anschauung, in der Logik der Weltanschauung, gründet), zu der die Antinomien, auf die sie hinausläuft, längst verdrängt worden sind.
Die raf-Prozesse beweisen insgesamt, daß die Selbstrechtfertigung des Staates nur im Kontext eines Feindbildes möglich, der den Vernichtungstrieb, der zur Konstruktion des Staates gehört, legitimiert.
Enthält nicht auch das Konzept der subjektiven Formen der Anschauung (mit dem Objektbegriff, zu dessen Konstituentien sie gehören) das verdrängte Feindbild, die verdrängte Paranoia und die verdrängte Frauenfeindschaft?
Zum Begriff der Materie oder das steinerne Herz der Welt: Der Massenbegriff bezeichnet zwei scheinbar getrennte Sachverhalte:
– die physikalische „träge Masse“ (in der alle Unterschiede, die der verschiedenen Materien und die ihrer sinnlichen Qualitäten, verschwinden) als auch
– die gesellschaftliche Form des Kollektivs, in der die Individualität verschwindet, sich auflöst, und Kollektivität, das Anderssein aller, den Schein des Substantiellen gewinnt.
Die Masse ist eine Erscheinung im Bannkreis von Herrschaft: In der Masse wird das Substrat, ohne das es Herrschaft nicht gibt, das Objekt von Herrschaft, zu einer Gewalt, die dem Herrn seine Selbständigkeit raubt, ihn zu einer Funktion ihrer selbst macht. Masse ist das Sich-auf-sich-selbst-Beziehen des Objekts von Herrschaft, die gegen den Herrn ihre Trägheit geltend macht, ihn so in den Bann ihrer Trägheit zieht, als Herr des Herrn sich etabliert. Im Begriff der Masse wird „mit Rind und Esel zusammen“ gepflügt (Dt 2210): wird die Differenz von Joch und Last verwischt. Keiner weiß mehr, daß die Last, unter der er stöhnt, dem gleichen Joch sich verdankt, das alle allen auferlegen. Logische Äquivalente dieses Jochs sind
– eine Moral, die nur noch als Maßstab des Urteils über andere, jedoch nicht mehr als Gebot: als Richtschnur des eigenen Handelns, begriffen wird, und
– eine Form des Bekenntnisses, die seinen Inhalt neutralisiert (ihn austauschbar macht), das Bekenntnis selbst jedoch instrumentalisiert, mit der Folge, daß niemand auf den Gebrauch seiner Funktion, als Bekenntnis für andere ein Instrument der Herrschaft und Kontrolle über alle anderen zu sein, mehr verzichten kann.
Der Kern des Massenbegriffs ist der einer ethischen Verblendung: der Schein der Unschuld als objektiver Grund des universalen Schuldzusammenhangs. Im Begriff der Masse erfüllt und vollendet sich das Schuldverschubsystem.
Das Sehen führt in das stumme Innere der Gattung; auch Tiere urteilen, wenn sie ihrem Selbsterhaltungstrieb folgen. -
17.4.1995
Die mathematische Rationalität ist eine der Ebene (die ihr Gegenteil als Spiegelung in sich enthält). Das Problem kommt herein mit der Tiefe, die die Mathematik als Physik realisiert: mit dem Plastischen, mit dem Widerstand, mit der Schwere. Hierbei verweist die Schwere auf die Gravitation, der Widerstand auf die Mechanik und das Plastische auf das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Die dritte Dimension ist als deren Norm das Innere der Fläche. Und verhalten sich nicht Norm und Fläche wie die Gravitation zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit?
Ethik: Ist das nicht heute der Versuch, Perspektiven und Rechtfertigungen für institutionelles Handeln zu gewinnen (allgemeingültige Normen)? Ethik richtet sich an Institutionen; das gilt auch für die „personalistische Ethik“ (für die Wertethik, die sich an die Repräsentanz der Institutionen in Subjekt richtet, an die „Person“). – Merkwürdig, daß ich Adornos Satz zur Sexualethik als einen Satz zur Sexualmoral in Erinnerung habe: Verhält sich die Ethik zur Moral wie die Ästhetik zur Kunstphilosophie? Schließen nicht Moral und Kunstphilosophie die Vergegenständlichung dessen mit ein, was Adorno in der Reflexion halten möchte? Aber sind nicht Vergegenständlichung und Reflexion siamesische Zwillinge, die sich nicht von einander trennen lassen, ohne daß beide sterben?
An welchen Stellen kommt der Kaiser im NT vor? (Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, Mt, Mk, Lk. – Wir haben keinen König als den Kaiser, Joh. – Vgl. die Kindheitsgeschichte bei Lk und Paulus in der Apg.)
Ist die Sünde wider den Heiligen Geist nicht aus ihren Folgen zu erschließen: Sie wird weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben. Nicht vergeben aber wird dem, der selber nicht vergibt, der zur Verteidigung des Andern nicht bereit oder fähig ist, weil er mit dem Ankläger sich identifiziert. Das aber ist das Prinzip der Welt, der Grund ihrer Verführungsgewalt.
Müßte nicht insbesondere die Kirche endlich begreifen, was der Satz bedeutet: Mein ist die Rache, spricht der Herr? Dieser Satz schließt jede kirchliche Komplizenschaft mit der Rechtsordnung, der gesellschaftlichen Organisation des Rachetriebs, aus. Hiernach dürfte sich die Kirche durchs Gewaltmonopol des Staates nicht mehr dumm machen lassen. Die Idee des Staates gründet im Prinzip der Vergesellschaftung der Rache, und das Gewaltmonopol des Staates („Alle Gewalt geht vom Volke aus“) hat seine Wurzeln im unaufgelösten Rachetrieb der Menschen. Ist nicht der Staat selber der Terrorist, den er projektiv mit dem 129a verfolgt? Müßte nicht endlich der Faschismus zum Gegenstand einer Selbstaufklärung der staatlich organisierten Gesellschaft werden (zum Gegenstand einer Selbstaufklärung, die die Sensibilisierung für Gewalt zum Ziele hat)?
Rotes Tuch: Ein Staat, der geliebt werden will, ist wie ein Stofftier, das die Liebe instrumentalisiert und ausbeutungsfähig macht (war nicht die goldene Statue des Nebukadnezar das erste Stofftier?). Der Staat, der geliebt werden will, ist eine Projektion derer, die den Staat (den „Schöpfer der Welt“) als Ich-Stütze brauchen: Ihnen werden alle, die dieser Stütze nicht bedürfen, zu Objekten der Wut. Ist das nicht ein Hinweis auf Bölls Sakrament des Büffels (und auf das Verständnis der Tatsache, daß das Symbol des Rindes in der christlichen Symbolwelt nicht mehr vorkommt, weshalb das Symbol des Esels unverständlich geworden ist).
Der „Götzendienst“ gehört (wie die antiken Kosmologien) zur Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs.
Beruht nicht die gesamte Physik auf der Übertragung des Tauschprinzips auf die Erscheinungen der Natur (die in diesem Akt zur Natur erst wird)? Das Instrument dieser Übertragung war einmal der Begriff, der dann im Inertialsystem sich entfaltete und vollendete, sich aus seinem eigenen Grunde selbst erzeugte und begriff. Das Inertialsystem hat die Natur in ein System mathematischer Äquivalenzbeziehungen aufgelöst (sie damit in einen mathematischen und einen dynamischen Teil aufgespalten).
Ulrich Sonnemanns „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“: War das nicht eine Paraphrase zum Thema „Im Angesicht und Hinter dem Rücken“?
Theologie wird wieder möglich, wenn es gelingt, die Beziehung von oben und unten aus dem Räumlichen ins Sprachliche zurück zu transformieren.
Im 18. Kapitel des Johannes-Evangeliums steht ein Satz über Petrus, mit dem „angedeutet“ werden soll, „durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde“ (V. 18f), während es über Johannes heißt: „Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?“
Haben sich die Gewichte nicht schon so verschoben, daß es nicht mehr um das Neue unmittelbar, um das zukünftige Neue, sondern nur noch um das Neue im Alten, um das vergangene Neue geht? Nicht, daß die Vergangenheit uns hilft, wir müssen dem Vergangenen helfen.
Herrschaft, Gewalt und Macht: Auch Frieden und Gerechtigkeit sollen herrschen. Eine ähnliche Bedeutung von Gewalt und Macht scheint es nicht zu geben. Wie es Herrschaft über andere (und mit ihr Knechtschaft) gibt, gibt es auch Gewalt über andere (Sklaverei); Macht hingegen wird an anderen ausgeübt. Herrschaft ohne Beherrschte wäre denkbar, wenn sie die Herrschaft aller ist. Gewalt und Macht hingegen enthalten (wie die transzendentale Logik) eine apriorische Beziehung zum Objekt in sich, von dem sie (wie das Urteil) abhängig sind.
Der Satz „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ wäre zu korrigieren: Es kommt darauf an, das Erbe zu reflektieren, daß man nicht davon besessen wird.
Tiere haben die Scham (den Blick der Andern) verinnerlicht und instrumentalisiert: In der Farbe ihres Fells oder ihres Federkleids, aber auch in ihren wesentlichen (Flucht- und Aggressions-) Merkmalen. Die Scham gehört zum logischen Existenzgrund und zu den Formbestimmungen der Gattung.
Zu dem Titel „Die Autorität der Leidenden“ (J.B.Metz): Wäre hier nicht zu unterscheiden zwischen dem Leiden der Anderen und dem eigenen Leiden, zwischen Last und Joch (das Leiden der Anderen ist meine Last, die ich auf mich zu nehmen habe, mein Leiden ist ein Joch, das ich anderen auferlege)? In jedem Fall ist die Verführung durchs Selbstmitleid zu reflektieren. Dieser Unterschied rührt an die Differenz zwischen dem steinernen Herzen und dem Herzen aus Fleisch, zwischen Barmherzigkeit und strengem Gericht.
„Die Autorität der Leidenden“: Gibt der Begriff der Autorität die Intention von J.B.Metz korrekt wider?
Der Satz aus den Passionsgeschichten „Den Andern konnte er helfen, sich selbst nicht“ liefert den Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Durch diesen Satz werden die Richtenden überführt.
Sind die Disteln und Dornen nicht das Symbol des Staates (der zum Fluch über Adam nach dem Sündenfall gehört)?
Sind nicht die sieben unreinen Geister die durch Selbstbezogenheit verunreinigten Geister: das Inertialsystem?
Das Bekenntnis ist die geheuchelte Nachfolge, seine pharisäische Form (das „getünchte Grab“).
Dritte Leugnung: Die Selbstverfluchung beginnt dort, wo die Paranoia anfängt, von den Freunden sich verfolgt zu fühlen, um sie dann präventiv zu Feinden zu erklären („Viel Feind, viel Ehr“). Zugleich wird man sich jedoch selbst zum Feind: Prinzip des Faschismus, der darin sein eigenes Gemeinschaftsprinzip, das Band, das alle „zusammenschweißt“, erkennt.
Das Sakrament des Büffels: Der Büffel ist eine Art des Rindes. Es verweist auf das im Christentum verschwundene Stieropfer. Hat nicht die Kirche den Opferbegriff seit je zweideutig gehalten, so daß beides, das Sakrament des Lammes und das des Büffels darunter verstanden werden konnte? Vgl. Horkheimer: Das Christentum ist die menschenfreundlichste Religion; aber es gibt keine Religion, in deren Namen solche Untaten begangen worden sind.
Der Letzte, der den Himmel offen sah, aber nicht mehr genau zu beschreiben vermochte, was er dort sah, war Swedenborg.
War nicht die Auferstehung, das Hervorgehen aus dem Felsengrab, in das ihn Joseph von Arimathäa gelegt hatte, auch ein Bild der Geburt?
Die Väter der Apostel:
– Simon (und Andreas?) war der Barjonas, der Sohn des Johannes;
– Jakobus und Johannes waren die Zebedäussöhne;
– war Nathanael der Bartholomäus (und wer ist Tholomäus)?
– der kleine Jakobus war (der Sohn) des Alphäus (und der andere Judas, nicht Ischarioth, sein Bruder?).
Zu Judas Ischarioth: Steckt in dem Beinamen „isch“, der Mann, und die Pluralendung -oth? Und hat das -ari- etwas mit dem Löwen (vgl. Ariel: leo dei, symbolischer Name für Jerusalem) zu tun? Verweist diese Zusammensetzung (Judas als einer der „Löwenmänner“) auf zelotische Herkunft? (War Paulus ein Judas redivivus, mit Stephanus anstelle von Jesus: Beide, Judas und Paulus, handelten im Sold bzw. im Auftrag der Hohenpriester?)
Vulgata, hebraicorum, chaldaeorum et graecorum nominum interpretatio:
– Joseph – Augmentum, Domini Augmentum,
– Simon – Obediens,
– Andreas – Fortissimus,
– Jacob – Supplantator,
– Johannes – Gratiosus, Pius, Misericors,
– Nathanael – Donum Dei,
– Bartholomaeus – Filius suspendentis aquas,
– Matthaeus – Donatus,
– Levi – Copulatus,
– Thomas – Abyssus, Geminus,
– Judas – Laudatus,
– Thaddaeus – Laudans,
– Zebedaeus – Dos, Dotatus,
– Iscariot – Vir occisionis,
– Jonas – Columba,
– Lazarus (Eleazar) – Dei adjutorium,
– Barthimaeus – filius caecus,
– Israel – Praevalens deo,
– Hebraeus – Transiens,
– Amalek – Populus lambens
– Aegyptus (hebr. Misraim) – Angustiae, sive tribulationes,
– Pharao – Dissipans,
– Nabuchodonosor – Planctus judicii,
– Gog (Agag) – Tectus,
– Magog – De tecto,
– Saul – Postulatus, Commodatus,
– David – Dilectus,
– Daniel – judicium Dei,
– Cana – Zelus, Aemulatio.
Was haben Visionen und Träume mit dem Exil (und mit der politischen, herrschaftsgeschichtlichen Konstellation, zu der das Exil gehört)? War (neben den Träumen des Pharao) der Traum des Nebukadnezar das Urbild des Traumes? Ezechiel hatte seine Vision „am Flusse Chebar, unter den Verbannten“ (Kap. 1 u. 10), aber nach Jerusalem wurde er (durch den Geist Gottes) „entrückt“ (Kap. 11), um dort die Greuel zu sehen, während der Tempel am Ende Gegenstand von „Gottesgesichten“ im Land Israel, auf einem sehr hohen Berg, war (Kap. 40-48).
Gründet das Problem, daß Apokalypsen unter fremden Namen geschrieben wurden (ähnlich der Pseudodionysius und der Sohar), in der logischen Konstruktion von Vision und Traum?
Konstruktion eines parakletischen Begriffs der Kritik: In der Ursprungsgeschichte der Naturwissenschaften, von Kopernikus bis Newton, wurde der Himmel (zusammen mit Hölle und Fegefeuer) aus dem Raum hinauskomplimentiert. Newtons „absoluter Raum“ (der bei Kant zur subjektiven Form der Anschauung geworden ist) war das „leere Grab“ des christlichen Himmels.
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