Im Tabu erweist sich das Lachen als magische Gewalt. Über die Bekenntnislogik ist diese magische Gewalt ins Christentum wieder eingedrungen. Die Bekenntnislogik ist eine in die Sphäre des Begriffs transponierte Namensmagie. Die Heiligung des Gottesnamens löscht die Spuren des Lachens (die Reste der Magie) im Namen. Zur Idee des Absoluten: Ist nicht der Begriff ein erstarrtes, abgestorbenes Gelächter (und das Feuer die Innenseite des Wassers)? Heute sind die Nächte zwischen den Tagen der Schöpfung wichtiger geworden als die Schöpfungstage selber. Die Art, wie unsere Theologen heute mit dem Gottesnamen, dem Tetragrammaton, umgehen (die historische Vergegenständlichung des Namens, die ihn aussprechbar macht, weil sie uns aus seiner Gegenwart entfernt hält), hängt mit dem Ursprung und mit der Geschichte der Hysterie zusammen. Zum Ursprung der Eucharistie-Verehrung (der devotio moderna): Die Gläubigen wollten die Last der Heiligung des Gottesnamens endlich loswerden und auch ein Ding haben, das sie anbeten konnten. Von Hegels Absolutem ist nur die Hybris übriggeblieben. Das Verhältnis der Namenslogik zur Logik des Begriffs läßt sich demonstrieren am Verhältnis des Namens der Hebräer zu dem der Barbaren, oder auch am Verhältnis des Begriffs der Barmherzigkeit zu dem der Hysterie. Die Wissenschaftsgeschichte nach Kant ist nur verständlich, wenn man begreift, daß die kantische Wissenschaftskritik in ihrem Kern, in der Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung, bis heute nicht rezipiert worden ist. Verstanden wurde, daß es zu den subjektiven Formen der Anschauung keine Alternative gibt, und das wurde als Rechtfertigung akzeptiert, von den Formen der Anschauung schamlos Gebrauch zu machen, so als handele es sich um objektive Gegebenheiten. Sind nicht die Formen der Anschauung insgeheim Formen des von einer namenlosen Macht Angeschautwerdens (der verinnerlichten, ausweglosen Scham)? Das drückt sich aus in dem logischen Zwang, dem die Raumvorstellung (die keine ist, weil sie ihren inneren Widersprüchen nicht standhält) sich verdankt: dem Wiederholungszwang ihrer Selbsterzeugung und Selbstfortpflanzung (Beziehung der Raumvorstellung zur Bekenntnislogik, zur Sexualität und zum Keuschheitsgebot). Sind nicht die Heldenfriedhöfe Denkmäler der Leugnung der Auferstehung, und liegt die Schändung jüdischer Friedhöfe nicht in der genauen Konsequenz ihrer Logik? Heldenfriedhöfe sind die Mausoleen der vergesellschafteten Herrschaft.
Bekenntnislogik
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11.7.1994
Beklemmende Komik der altorientalischen Geschichtsschreibung: Hier ersetzt die martialisch-nationalistische Phantasie, an deren Sprachgestalt sich ablesen läßt, daß es so nicht gewesen sein kann, die kritische Arbeit. Der Stil, der den Schein erweckt, der Historiker beschreibe eine lebendige Gegenwart, gleicht nicht zufällig dem von Theologen, die ihre eigenen Vorurteile als Gottes geheime Pläne ausgeben. Sowas macht man (auch in der atheistischen Theologie, die an die Gegenwart Gottes nicht mehr glaubt) nur mit Toten. Paulus und die „Heidenmission“: die Korrumpierung des Christentums durch den Erfolg. Es würde der Sache sehr nahe kommen, wenn man die Geschichte der Theologie als Geschichte ihrer Abtreibung begreifen würde. Hängt die Tatsache, daß im Hebräischen auch die zweite Person (das Du) geschlechtsbezogen ist, damit zusammen, daß es in ihr kein Neutrum gibt? Ist die zweite Person durch Neutralisierung zur Person (durch ihre Fähigkeit, Eigentum zu haben) geschlechtsneutral geworden; und ist diese Fähigkeit in der Subsumtion des Grund und Bodens (des Ackers) unters Tauschprinzip begründet? Das Arier-Problem läßt sich auf die Grundfrage zurückführen: Wer hat den Vorrang, der Phallus oder die Zunge (das Volk oder die Sprache)? Haben Feuer und Wasser etwas mit Sem und Japhet, mit Hören und Sehen, zu tun? Der Staat ist eine Kapitalmaschine; für ihn ist das Arbeitslosenproblem eine ökonomie-technische Frage: Vorrang hat die Frage der „Konjunktur“, von der die Staatseinkommen abhängen; das Arbeitslosenproblem ist nur ein Mittel der Rationalisierung der Steigerung des Sozialprodukts, von der die Arbeitslosen nichts haben. Aber wird nicht in der Tat das Steuersystem immer mehr zu einem Steuerungssystem, das die Erträge in die richtigen Taschen leiten soll? Und ist nicht dieses Steuersystem im Hinblick auf den Staatsertrag ein Beschleunigungs-, im Hinblick auf die Vollbeschäftigung (auf das „Recht auf Arbeit“) hingegen ein Bremssystem? Dadurch nämlich, daß sie (über die Lohn- und Einkommensteuer) die Arbeitskosten zusätzlich belastet. Wäre eine Infrastruktursteuer denkbar, die die Nutznießer der gesellschaftlichen Vorleistungen direkt an ihren Kosten beteiligt, und wäre sie nicht im Hinblick auf die wirtschaftliche Gesamtrechnung ehrlicher? Ist nicht die Erfindung der Tiefenzeit auch ein Ausbeutungsphänomen, das an der Kapitalstruktur und -funktion des nachfaschistischen Staates, des Staates nach dem faschistischen Modernisierungsschub, nachzuweisen wäre (hat Hegel mit der Kritik der kantischen Dinge an sich nicht die Ursachen der Erscheinungen aus dem Blickfeld gerückt)? Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, wäre endlich zu verifizieren durch den Versuch der Bestimmung der Struktur des Reichtums (durch Analyse seines mathematischen und seines dynamischen Teils sowie wie der Beziehung beider). Die Eigentumsseite ist seine mathematische, seine ruhende Seite, während die Frage der Entstehung und der Erhaltung des Reichtums, seine dynamische Seite, eine merkwürdige Eigenschaft aufweist: sie ist Teil eines fortschreitend sich beschleunigenden Prozesses der Selbsterhaltung durch Selbstvernichtung: der Erneuerung durch Selbstaufopferung; sie ist ein Teil der fortschreitend sich beschleunigenden Umlaufzeiten des Kapitals (hier liegt das derzeit explosiv sich ausbreitende Tätigkeitsfeld der Banken). Wäre bei der Analyse der inneren Struktur des Reichtums nicht die alte Astrologie (die selber schon eine durch Projektion in den Kosmos sich selbst entfremdete Analyse des Reichtums war) eine wichtige Hilfe (durch die Beziehungen Venus/Reklame, Merkur/Zirkulation, Mars/Konkurrenz, Jupiter/Recht)? Die Propheten haben vom „Tag des Herrn“ gesprochen, Jesus sagte bei seinem ersten Auftreten in Kana: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“. Einer der Quellpunkte der Gemeinheit: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, würde es die List, die Übervorteilung der Dummen nicht geben. Im Kontext der Bekenntnislogik ist die politisch-gesellschaftliche Analyse weniger wichtig als das Feindbild, ohne das es die projektive Schuldverarbeitung, die dem Herrendenken zugrundeliegt, nicht gibt. Im Bann der Bekenntnislogik ist der dialektische Materialismus zur Ideologie geworden; der Antisemitismus ist die selbstreferentiell gewordenene Bekenntnislogik. Die Bekenntnislogik ist das logische Äquivalent des prophetischen Symbols des „Taumelbechers“, der Trunkenheit (und das Herrendenken das logische Äquivalent der Trunkenheit)?
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7.7.1994
Als die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung ist die Sprache zugleich die Verheißung der Auferstehung.
Als zentrales Moment der Konstituierung des Objekts gehört die Scham zur Urteilsform. „Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht“: Diese Freiheit von Scham ist der genaueste Ausdruck des seligen Sprachgeistes im Paradies. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Mit der Einbeziehung des Blicks des andern in die eigene Wahrnehmung entspringt die urteilende Erkenntnis. Die Scham – und mit ihr die Urteilsform – entspringt im Sündenfall: Sie ist wie der Sündenfall ein sprachliches Phänomen. Deshalb ist auch das Keuschheitsgebot ein Sprachgebot, vielleicht das wichtigste. Zentraler Einwand gegen Hegel: Die Scham beherrscht seine Logik, wird jedoch selbst nicht reflektiert.
Keuschheit, Armut und das Hören (nicht der „Gehorsam“) sind die Konstituentien der Arglosigkeit.
Man sollte die Sprache nicht mit der „Rede“ verwechseln: Es gibt keine „Rede von Gott“ (das ist eine Professoren- und Predigerübersetzung von Theologie, schamloses Geschwätz: ihr Modell ist die monologisierende Vorlesung oder Predigt, die die Schamgrenze zum Andern nicht mehr kennt).
Nur Gott sieht ins Herz der Menschen. Wer über andere urteilt, verflucht Gott, fällt ihm in den Arm.
Weltuntergang: Der Weltbegriff gründet im Exkulpationstrieb, er wird mit dem Exkulpationstrieb untergehen.
Das Schuldverschubsystem ist die Grundlage und der Reflex eines paranoiden Verschwörungskonzepts, das im Kern des Weltbegriffs steckt. Was bedeutet der Schwur im Begriff der Verschwörung (und damit im Weltbegriff)? Eine verschworene Gemeinschaft ist eine Bekenntnisgemeinschaft (deshalb hat die SS sich als Orden verstanden). Auf diesen Zusammenhang bezieht sich der Satz: Du sollst nicht schwören.
Der Schwur ist der Dampf in der Empörung (kein besserer Gemeinschaftskitt als die gemeinsame Empörung über einen gemeinsamen Feind).
Beerscheba: Was hat die Sieben mit dem Schwur zu tun?
Zu den Prämissen der Konstruktion des Raumes gehörte die Erfindung der Null (die über den Islam aus Indien nach Europa gekommen ist). Ist der Raum ein Schamkonstrukt (das Medium der Konstruktion des Objektbegriffs und der Verinnerlichung der Scham)?
Die Apologetik oder der Rechtfertigungszwang ist der steinerne Grund, aus dem das steinerne Herz erwächst.
Bezeichnet nicht der Begriff der concupiscentia das Selbsterhaltungsprinzip, das dann, weil es sich selbst im blinden Fleck stand, auf die sexuelle Begierde verschoben wurde? Mit dieser Verschiebung auf die Sexualität, ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Begründung und Konsolidierung des Schuldverschubsystems, wurden die Schleusen geöffnet für die Überschwemmung der Erkenntnis insgesamt durchs Selbsterhaltungsprinzip: zur Durchsetzung des Weltbegriffs, zur Materialisierung der Welt. Hier wurde der Schöpfer zum Demiurgen, wovor ihn auch das ex nihilo nicht mehr hat retten können.
Die Ontologie ist die hypostasierte Killerphrase.
Zum Gürtel des Petrus (Joh 2118): Hat das etwas mit dem Gürtel des Jeremias in der Felsspalte am Euphrat (Jer 13) zu tun, und hat das wieder etwas mit Off 914 und 1612 zu tun?
Bei den Kirchenvätern war das Bild vom Kreuz als Teufelsfalle beliebt: Ist das Kreuz (als Bekehrungs- und zugleich Umkehrverhinderungs-Mittel) nicht zur Heidenfalle geworden? -
2.7.1994
Es gibt keine Erinnerung ohne Vergessen: Das nachtragende Gedächtnis (das Elefantengedächtnis, in der Geschichte der Nationalismus, aber auch die Mathematik) zerstört die Erinnerung durch seinen Egozentrismus (durchs Selbsterhaltungsprinzip, auch das von Kollektiven: durch den Weltbegriff, den Inbegriff der durchs Selbsterhaltungsprinip definierten Objektivität). Der Weltbegriff ist der Inbegriff des nachtragenden Gedächtnisses und seiner Logik. „Verstehen Sie Spaß?“ Dieser Spaß fängt dort an, wo er im Ernst aufhören sollte: bei der Gemeinheit. Wie hängen Ursprung und Logik der Schrift mit dem Ursprung und der Logik des Weltbegriffs (mit dem Ursprung der Bekenntnislogik und des Schuldverschubsystems) zusammen? Ist nicht die historische Bibelkritik ein Produkt der Anwendung der Logik der Schrift auf ein Werk, das nur als Kritik dieser Logik verstanden werden kann? Die Grammatik ist das Medium, in dem die Logik der Schrift in der Sprache sich entfaltet. Insbesondere die indogermanischen Sprachen scheinen den Ursprung der Schrift schon vorauszusetzen, aus der Anpassung an die Logik der Schrift sich herleiten zu lassen (über den Ursprung des Neutrum, der veränderten zeitlichen Organisation der Sprache, und zusammen mit dem Ursprung des Weltbegriffs).
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30.6.1994
Durch ihr Verhältnis zur Philosophie war die christliche Theologie in die Geschichte des Weltbegriffs und in die Herrschaftsgeschichte verstrickt. Das Tabu auf der Herrschaftskritik (die Verteufelung der Herrschaftskritik), das mit dem Weltbegriff mitgesetzt war, hat zur Verdinglichung (Privatisierung und Biologisierung) der Sexualmoral geführt: es hat die Erinnerung an die messianischen Wehen verdrängt. Die Vergangenheit ist (ebenso wie die Physik) nicht wirklich stillgestellt und tot; stillgestellt und tot ist unser Blick auf die Vergangenheit (und auf die Natur). Die Logik dieser Stillstellung ist die Logik des Weltbegriffs (ihre Akteure sind die Urteilsform, die Bekenntnislogik und die Opfertheologie, das Inertialsystem). Der gordische Knoten: Ist nicht der Objektbegriff die Folge davon, daß er nur durchschlagen, nicht gelöst wurde? Durchschlagen hat den Knoten die Philosophie; Aufgabe der Theologie heute wäre es, ihn endlich zu lösen. Ein Hinweis dazu: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben. Oder: Verfallt nicht der Paranoia, zu der die Klugheit der Schlange verführt. Die Paranoia ist der Grund des Mythos: der Schicksalsidee wie auch des Begriffs. Die erste Aufklärung (der Ursprung der Philosophie) verdankt sich der Verinnerlichung des Schicksals: die Allgemeinheit des Begriffs gründet darin, daß hier jeder zur Quelle des Schicksals aller geworden ist. Die zweite Gestalt der Aufklärung, die aus der Theologie hervorgegangen ist, verdankt sich der Verinnerlichung der Scham. Hier gründet die veränderte Beziehung zur Vergangenheit, in der sie durch Entfernung nahe gerückt wird (und aufs neue in Bewegung gesetzt wird). Die Vergangenheit ist nicht das ruhende Tote, sondern der bacchantische Taumel, der Hexentanz der letzten Walpurgisnacht. Die Einheit von Teufel und armer Seele gründet in der Verinnerlichung der Scham, während der Name des Dämons, des unreinen Geistes, der Besessenheit, zurückweit auf die Verinnerlichung des Schicksals (den Ursprung des Weltbegriffs). Steckt nicht in der Beziehung des einen zu den sieben unreinen Geistern die Beziehung der Verinnerlichung des Schicksals zu der der Scham (der Philosophie zum Ursprung der modernen Naturwissenschaft)? Durch die Kollektivscham (die eher auf den „verlorenen Krieg“ paßt als auf das ungeheuerliche Verbrechen des Judenmords) ist Deutschland zum Objekt der Welt geworden (Ursprung der Xenophobie: die Angst vor dem Blick des andern). Liegen die sexuellen Phantasien im Kontext des Pflichtzölibats nicht in der Konsequenz der Schamlogik (der Unfähigkeit zur Reflexion ihres herrschaftsgeschichtlichen Grundes)? Wenn bei Hegel die Idee die Natur frei aus sich entläßt, diese Natur dann aber den Begriff nicht halten kann: ist das nicht das genaueste Bild der Katastrophe (und die Widerlegung der Idee und des Absoluten, die sie freilich nicht gegenstandslos macht)? Die homousia hat das homologein entmächtigt: zum Bekenntnis neutralisiert (wie heißen das Bekenntnis und der Bekenner, die Confessio und der Confessor, auf griechisch?). Ist nicht die Confessio das vergeistigte Martyrium (Produkt der Vergeistigung des Leidens im „Opfer“)? Steckt darin nicht der Schlüssel der ganzen Geschichte: im sprachlichen Übergang von der hyle zur materia, von der physis zur natura, vom kosmos zum mundus? Hat hier nicht eine ungeheure sprachlogische Verschiebung stattgefunden (die gleiche Verschiebung die auch der tertullianischen Begründung der lateinischen Fassung der Trinitätslehre zugrunde liegt, wenn er dem hypokeimenon den lateinischen Namen des prosopon beilegt)? In der tertullianischen Übersetzung berühren sich die Logik der Tragödie und die des Kosmos; war dieser Konnex nicht überhaupt erst innerhalb des Christentums möglich? Hier wurde der Kosmos in den hochdramatischen Geschichtsprozeß mit einbezogen. Die Geschichte von den drei Leugnungen sprengt den Autoritätsbann der Kirche, ohne die Kirche selbst zu verwerfen. Sie begründet im Symbol des Hahns ein neues Selbstbewußtsein, sie gibt dem Heiligen Geist Raum. Wer die Schrift insgesamt als Prophetie liest, verändert (berichtigt) damit nicht nur den Sinn der Schrift, sondern auch den der Prophetie. Wenn die Idee des Absoluten der Schatten ist, den das Subjekt auf Gott wirft, berührt sich das nicht mit jener Auslegung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, wonach niemand über seinen eigenen Schatten springen kann? Ist nicht das Verhältnis von Schuldknechtschaft (Lohnarbeit), Tauschprinzip und Privateigentum ein Reflex der Orthogonalität des Raumes und ebenso das Verhältnis von Opfertheologie, Bekenntnislogik und Dogma? Alle drei, das Tauschprinzip, die Form des Raumes und die Bekenntnislogik, sind dem selbst auferlegten Zwang der Instrumentalisierung unterworfen (sie gehören zu den Konnotationen der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“). Ist nicht die Mathematik (das Inertialsystem) die Finsternis über dem Abgrund? Hat nicht im Konflikt zwischen Peter Eicher und seiner Tochter diese „den besseren Teil erwählt“? Die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels: Sind nicht die Vögel akustische Blumen? Und ist nicht das Naturschöne Ausdruck von Wiederholungszwängen: Ausdruck des Seufzens und Harrens der Kreatur? Der Gehorsam ist ein Produkt der Verräumlichung des Hörens und die Sexualmoral ein Produkt der Verdinglichung der Keuschheit (die Zwischenstufe beider war die Logik der Schrift); beide sind Teil einer Beziehung von Theorie und Praxis, die im Verhältnis von Naturwissenschaft und Technik sich erfüllt (und Freiheit nicht kennt). Theologie im Angesicht Gottes erfüllt sich in einer Theologie von Angesicht zu Angesicht (als Reflexion der Scham, nicht als Unterwerfung unter ihr Gesetz: wie im Islam): Sie setzt die Freiheit der Kinder Gottes voraus.
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26.6.1994
Die Logik der Gemeinheit bezieht sich gerne auf Tatsachen (die sie notfalls auch erfindet, jedenfalls dann, wenn sie im Augenblick nicht „widerlegt“ werden können: „Notlüge“). Durch den Begriff der Tatsachen werden die Schuldbeziehungen dingfest gemacht: werden alle zu Tätern gemacht (und durch die Logik des Weltbegriffs zugleich entlastet). Tatsachen sind die Säulen des Weltbegriffs und die Fixsterne des Schuldzusammenhangs. Tatsachen sind nackt. Tatsachen sind „nackt“, weil sie „nicht widerlegbar“ sind, Gemeinheit hingegen ist nicht nachweisbar. Zur „Sünde der Welt“: Welcher Anfang ist in dem Satz „Im Anfang war die Tat“ gemeint? Zur Theologie im Angesicht Gottes: Nur Gott sieht ins Herz der Menschen. Was wird aus einer Welt, in der der Gedanke an diesen Gott nicht mehr zu halten ist (die von dieser „Gottesvergiftung“ endgültig sich befreit haben wird)? Das Inertialsystem verwandelt die Welt in „alles, was der Fall ist“ (macht Licht und Finsternis ununterscheidbar). Nackte Tatsachen: Der Bereich, in dem das Gesetz der Fortpflanzung des Lichts im Raume gilt, ist der Bereich der aufgedeckten Blöße. Hängt die Existenz des Lebendigen nicht mit der „Fortpflanzung“ des Lichts im Raume zusammen? Die Pflanzen entringen sich der Schwere, „streben zum Licht“; die Tiere haben das Licht verinnerlicht, sind deshalb selbständige (wahrnehmende, dem Selbsterhaltungstrieb gehorchende, Ziele anstrebende, aus eigenem Antrieb sich bewegende) Wesen. Nicht durch den Werkzeuggebrauch, sondern durch die Fähigkeit, die Welt, die den Werkzeuggebrauch begründet und legitimiert, zu reflektieren, unterscheidet sich der Mensch vom Tier. War nicht schon die Astrologie ein kosmologischer Reflex des Selbsterhaltungsprinzips? Das konservative Konstrukt, wonach die Familie die Keimzelle des Staates ist, hat seine Wahrheit darin, daß in der Tat an den Familiendramen heute der Zustand und das Schicksal des Staates sich ablesen läßt. Als Verstärker wirken die Medien, die nur voyeuristisch an diesen Dramen teilhaben, sie für die voyeuristische Bedürfnisse des Publikums ausbeuten. Die Medien unterstützen und verstärken die Rechtfertigungszwänge, die diesen Familiendramen zugrundeliegen, sie determinieren. Die Lindenstraße ersetzt die Nachbarn, die viel langweiliger sind, sie ist ein Isolationsprojekt (sie isoliert die, die ihr verfallen sind, und unterhält die so Isolierten). Sie ist eine Art Beichte im Schuldverschubsystem (bekannt und als Urteilsobjekte vorgeführt werden die Sünden der andern, die Absolution erhält der Zuschauer, nach dem das moralische Urteil insgesamt beherrschenden Prinzip: Gott sei dank, daß wir nicht so sind). Ist nicht das „Bekannte“ („mir ist bekannt, daß …“) Inhalt eines im Schuldverschubsystem auf die Objektivität, auf Anderes oder Andere projizierten Bekenntnisses; das (Glaubens-)Bekenntnis ist das veranderte (Schuld-)Bekenntnis? Verzeihen und Vergessen: Von jemandem, der nicht verzeihen kann, sagt man er könne nicht vergessen. Aber das ist nachweislich falsch. Die Logik dieses Satzes gründet in jener Selbstzerstörung der Erinnerung, ohne die es den Weltbegriff nicht geben würde. Hier liegt die Wurzel der fatalen Folgen des christlichen Erlösungskonzepts, das die ganze Vergangenheit dem Vergessen überantwortet. Zur Frage der Säkularisierung theologischer Gehalte: Die Anwendung dieses Konzepts auf die Rechtfertigungslehre, die schon in den Wurzeln des Christentums angelegt ist, führt über die Bekenntnislogik direkt in den Faschismus. Bekenntnistheologie ist Feigenblatt-Theologie, ist Heuchelei. Das Rechtfertigungsproblem ist ein Teil des Schamsyndroms (im Paradies heißt es: „sie waren nackt und sie schämten sich nicht“; nach dem Sündenfall hingegen „gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: aber kein Wort, daß sie sich jetzt schämten). Die subjektiven Formen der Anschauung werden sich der Reflexion solange entziehen, wie von der Schuldreflexion abstrahiert wird. Zur dritten Leugnung: Die Sünde wider den Vater und die wider den Sohn können vergeben werden, die Sünde wider den Heiligen Geist kann weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden. Das Objekt ist der Inbegriff der sechs Finsternisse (der sechs Nächte), durch die die sieben Schöpfungstage voneinander getrennt sind, und die wie diese zum Schöpfungsbericht gehören. Gehört nicht der Stalinismus, das Problem „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“, in die Geschichte der Parusieverzögerungen? – Die Bekenntnislogik, die im „Diamat“ auch den „real existierenden Sozialismus“ beherrschte, (und in ihrem Kern der Weltbegriff selber) ist das notwendige Korrelat der Parusieverzögerung. Ist das Schicksal des Stalinismus, des „real existierenden Sozialismus“, ein Menetekel für die Kirche?
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20.6.1994
Verantwortung übernehmen heißt heute: lernen zu wissen, was man tut. Und genau das halten heute alle für unmöglich; deshalb stehen sie unter dem Zwang der Absicherung ihres Tuns durch Autorität. Wissen was man tut, das setzt heute prophetische Erkenntnis voraus.
Die Bekenntnislogik bezeichnet den Naturbegriff der gleichen Sache, deren Weltbegriff transzendentale Logik heißt. Bei Kant bleibt dieser Zusammenhang unerörtert, weil durch die Kritik der praktischen Vernunft (die diesen Naturbegriff durch den der Freiheit ersetzt) gleichsam präventiv schon widerlegt worden ist. Ist nicht die Trinitätslehre durch das homoousios (durch einen Akt caesarischer Souveränität) zu einem Instrument der Konstituierung, Rechtfertigung und Abschirmung der intentio recta geworden, einer von der Last der Umkehr befreiten, und so in die Logik des Weltbegriffs sich verstrickenden Erkenntnis (zum Kristallisationskern der Theologie hinter dem Rücken Gottes)? Die creatio mundi ex nihilo ist der Angelpunkt der Beziehung der Theologie zur politischen Ökonomie (vgl. den Begriff der Geldschöpfung und den Ursprung und die Bedeutung des Begriffs des Geistes der Marktwirtschaft). Das Buch Tobias gehört zu den apokryphen Schriften des AT: Hier wird der Fisch gefangen, geschlachtet und instrumentalisiert, und Ninive wird zerstört (Jonas behält am Ende doch Recht gegen Gott). Sind nicht die Pharisäer-Geschichten im NT allesamt Warnungen vor der Bekenntnislogik (vor dem Ursprung der Heuchelei)? Das Paulinische Wort vom Leib als Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 619), Grund der Warnung vor der Unzucht, begründet die theologische Bedeutung der Sensibilität (nicht die kirchliche Sexualmoral). Die Scham hat durch ihre Bedeutung fürs Schuldverschubsystem auch einen technischen Aspekt. Mit dem Personbegriff ist ein Schuldbegriff verknüpft, der – wie die Maske das Gesicht – die Schuld, um die es in Wahrheit geht, verbirgt, unkenntlich macht. Zur Kollektivscham: Das war die Lösung, mit dessen Hilfe die Schuldwahrnehmung verdrängt worden ist. Statt dessen wurde die Scham als Leistung der Schuldbefreiung begriffen (daran ist zunächst die Religion zugrunde gegangen, Fortsetzung folgt). Diese Scham verändert nicht die Tat, irrealisiert nur die Schuld (indem sie sie aus der Beziehung zu Gott herauslöst und in den Weltbegriff integriert und technisch handhabbar macht). Die Wahrheit des Idealismus liegt darin, daß die Welt in der Tat durch Subjektivität konstituiert wird (wobei die Scham zur objekt-konstituierenden Kategorie geworden ist: die Beziehung des Objekts zum Begriff ist eine Beziehung der Scham, und der Begriff ein Akt der Entblößung; die Scham ist das Grundelement des Schuldverschubsystems). Die Welt des Idealismus ist die aufgedeckte Blöße der gefallenen Kreatur, das Instrument des Aufdeckens der Blöße (der Akkusativierung der Dinge) sind die subjektiven Formen der Anschauung. -
18.6.1994
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Orthodoxie und Dogma beruhen auf der Anwendung der im Rechtsstreit entwickelten und geltenden Beweisgrundsätze auf den Bereich theologischer Erkenntnis (mit der Folge, daß am Ende der „Glaube“ all das bewahren muß, was durch die Lücken der Beweisbarkeit fällt). Mit diesen Grundsätzen aber wird die Unbeweisbarkeit („nur Gott sieht ins Herz der Menschen“) und schließlich die Unkenntlichkeit der Gemeinheit (die Exkulpationsautomatik des Weltbegriffs) in die Theologie verpflanzt, wird schließlich eine Theologie begründet, die gegen ihren Gebrauch durch die Gemeinheit keinen Schutz mehr bietet. Liegt hier nicht der Grund für den Ursprung (die Konstruktion) des Inertialsystems (und der Schlüssel für das wirkliche Verständnis des Relativitätsprinzips, für die Erkenntnis seines Zusammenhangs mit der Bekenntnislogik)?
Ein anderer Name für die „Heiligung des Gottesnamens“ (oder auch für das „Bekenntnis des Namens“): Theologie im Angesicht Gottes. Die Kritik der „Theologie hinter dem Rücken Gottes“ gehorcht und entspricht der Intention der Erfüllung der zweiten Bitte des Herrengebets und der Bekenntnispflicht. -
15.6.1994
Werturteile sind Instrumente der Verdinglichung (des Konkretismus und der Personalisierung). Sie erzeugen den Schein, als machten sie die Welt durchschaubar: sie organisieren die Erfahrung vor dem Hintergrund des Eigeninteresses, vor allem der eigenen Rechtfertigungszwänge. Werturteile gewinnen ihre Objektivität unter dem Gesetz des Exkulpationstriebs (sie sind Teil und Basis des Schuldverschubsystems). Werte gehorchen der Bekenntnislogik (dem moralischen Äquivalent des Profitinteresses), ihr Identitätsprinzip ist das kollektive der Konfession, der eigenen Nation. Werte sind (wie die subjektiven Formen der Anschauung insgesamt) Gemeinschaftskitt, ihr Einfluß aufs Handeln ist minimal (sie konstituieren sich in einer durch die moralische Form der Anschauung – durch die reflexionslose, verdinglichte Scham – definierten transzendentalen Logik: in einer dem Anschauen vorgegebenen, vom Handeln durch einen Abgrund getrennten Objektivität, einer moralischen Erscheinungswelt, die durch law and order zusammengehalten wird).
Kann es sein, daß der Anteil der „windigen Geschäfte“, der Geschäfte mit redundanter Gewinnorientierung und maximaler Gewinnerwartung (die spekulativen Geschäfte: neben dem Rüstungsgeschäft vor allem die Geld- und Grundstücksgeschäfte), anwächst, daß die Erwartung, Investitionen kämen der Produktion und der „Schaffung neuer Arbeitsplätze“ zugute, immer mehr zur Illusion, zu einem rational aufklärbaren (und aufzuklärenden) Schein wird? Der Satz „Leistung muß sich wieder lohnen“ wird in diesem Kontext wahr, wenn man ihn umkehrt: Leistung ist alles, was sich lohnt (Leistungsträger sind die Besserverdienenden).
Der Hegelsche Begriff der Spekulation hat mit dem gleichlautenden ökonomischen Begriff mehr als nur den Namen gemein: Beide gründen im Schein. Der Begriff der Spekulation ist von dem des Absoluten (der Spieglung des Subjekts im Unendlichen: dem Schatten, den die Subjektivität auf Gott wirft) nicht zu trennen. Wie die Idee des Absoluten löst er sich auf im Licht des Angesichts. Aber zugleich ist das Schicksal der Idee des Absoluten (das heute an den Formen des Rechtsextremismus und am Fundamentalismus zu studieren wäre) in die ökonomische Krise verflochten, die am Begriff der „Spekulation“ sich festmachen läßt.
Hegels Satz, daß „die bürgerliche Gesellschaft … bei all ihrem Reichtum nicht reich genug (ist), …“, scheint heute seine dynamische Seite hervorzukehren: Die Art, in der die bürgerliche Gesellschaft heute ihren Reichtum produziert, wird heute zur direkten Ursache der Produktion und Ausbreitung der Armut (des „negativen Reichtums“). Die sich beschleunigenden Wirbel und Strudel der Kapitalbewegungen entwerten und vernichten jeglichen Besitz mit Ausnahme des kapitalisierten Eigentums, das selbst zu den die Kapitalbewegungen beschleunigenden Kräften gehört (vgl. als Modell das Ergebnis des cartesischen Versuchs, die Gravitationskräfte aus mechanischen Ursachen abzuleiten). Die Besitzer dieses Eigentums, die die proletarisierten Erben des Feudalismus in ihre Reihen mit aufgenommen haben, sind feudalisiertes Proletariat, Mitglieder eines neuen Feudaladels, dessen Feudalherr das anonymisierte Kapital selber geworden ist.
Die subjektiven Formen der Anschauung abstrahieren vom Gesehenwerden: sie abstrahieren von der Realität des Angesichts; diese Abstraktion betrifft real die Armen, die Fremden und die Frauen. Symbol der Aufhebung dieser Abstraktion ist die Idee der Auferstehung der Toten.
Projektiver Grund
– der Urhäresie: der Gnosis (Erschaffung der Welt durch den Demiurgen) und
– der letzten Häresie, die die häresienbildende Kraft in sich aufgesogen und aufgezehrt hat: des Hexensyndroms (Herrin des Totenreichs).
Die Herrschaft, die in dem auf die Welt bezogenen Schöpfungsbegriff theologisch verankert (und von der Gnosis auf den „jüdischen Gott“ projiziert) wurde, wird im Hexenglauben, dessen fundamentum in re in den Naturwissenschaften sich konstituiert, auf die „magischen Kräfte“ der Hexen projiziert (das Totenreich ist die Natur im Bann des Inertialsystems).
Blind und lahm: Das sind die Attribute des Objekts.
Paulus hat den Mord an Stephanus, dessen Tod er niemals erwähnt, nur dadurch für sich gegenstandslos machen können, daß er
– sich selbst bei der Tat als Werkzeug der „Juden“ und
– die Tat als die Tat der andern, die sie ausführen,
gesehen hat. Und er hat nicht Stephanus, sondern die Kirche verfolgt. So konnte er die Leiden des Stephanus auf den Tod Jesu verschieben, den Kreuzestod zum Opfertod machen. Jesus, nicht Stephanus, ist ihm auf dem Wege nach Damaskus erschienen und hat ihn (nach seinem Verständnis) zu einem seiner Auferstehungszeugen gemacht. – Muß nicht, wer einen Mord zu verantworten hat, das „Gesetz“ und die „Werke“ verwerfen und alle Hoffnung in den Glauben und in die Gnade setzen? Ähnlich regungs- und empfindungslos wie Paulus in seinem öffentlichen Selbstverständnis gegenüber dem Tod des Stephanus waren später die Inquisitoren gegenüber ihren Opfern. War nicht diese projektive Verarbeitung der Schuld das Modell des kirchenchristlichen Erlösungsbegriffs (der kirchlichen Gnadenlehre), und das hier erstmals begründete Schuldverschubsystem der Kern der „Theologie hinter dem Rücken Gottes“: des Dogmas und der Bekenntnislogik? Hier ist die Geschichte der kirchlichen Auseinandersetzung mit den „Häresien“, ihre Logik und ihre gesellschaftliche Funktion, vorgebildet. Mehr noch: Die Konstruktion dieses Schuldverschubsystems war die Bedingung des Überlebens in der durch den Römischen Staat definierten Welt; seine welthistorische Bedeutung liegt darin, daß durch dieses Konstrukt die philosophische Aufklärung in einer Gestalt „gerettet“ worden ist, die dann zur Grundlage des modernen Säkularisationsprozesses geworden ist: in der der christlichen Theologie.
Paulus und das Relativitätsprinzip, die Opfertheologie und das Inertialsystem (Ursprung des Nominalismus im Schuldverschubsystem).
Die theologischen Probleme, die aus der Frage der Frauenordination sich ergeben, gleichen nicht zufällig denen der Gründung des Staates Israel (den Problemen der Säkularisation der messianischen Idee). -
14.6.1994
Angriff auf die Barmherzigkeit: Mit fortschreitender Säkularisation, mit der Entfaltung, Ausbreitung und Stabilisierung des Inertialsystems (der Geldwirtschaft, der Bekenntnislogik), entfalten sich die Kräfte der Gemeinheit, die dann gegen jede Manifestation der Barmherzigkeit draußen, deren Regung im eigenen Innern sie um der Selbsterhaltung willen schon im Keim verdrängen müssen, sich zuspitzen. Gnadenlosigkeit wird zum Markenzeichen der „Persönlichkeit“ (Ursprung des „steinernen Herzens“). Eines der frühesten Warnsignale (dem der Ursprung der Psychoanalyse sich verdankt) war die diskriminierende Abwehr der letzten Erinnerung an die Barmherzigkeit, die im Namen der Hysterie sich ausdrückt. Ausdruck der Hysterie aber war ihr Name. nicht das, was dieser Name bezeichnen sollte (exemplarisches Modell des projektiven Erkenntnisbegriffs). Im Namen der Hysterie hat sich der Schoß geöffnet, aus dem der Faschismus gekrochen ist (Eichmann sprach immer von den Ideen, die er „geboren“ hatte). – War die Erfindung der Hysterie eine Vorstufe der Abtreibungsdiskussion?
Die kirchliche Stellung zur Abtreibungsfrage wird wahr, wenn man sie auf die messianischen Wehen bezieht.
Ist der gnostische Lösungsversuch des Weltproblems (Erschaffung der Welt durch einen Demiurgen, der dann allerdings, anstatt als Staat begriffen, durch projektive Verschiebung mit dem jüdischen Gott identifiziert wurde) nicht eng mit der paulinischen Tendenz, den Konflikt mit dem Römischen Staat auf die jüdische Tradition (das „jüdische Gesetz“) abzuwälzen, verbunden? War nicht die Gnosis überhaupt so etwas wie die – zwangsläufig aus dem christlich-jüdischen Urschisma folgende – Urhäresie, aus der die nachfolgenden häretischen Bewegungen (bis zum Verbrauch der häresienbildenden Kraft in der Reformation) sich müssen ableiten lassen? Das Urschisma, die Gnosis und die Verurteilung der Gnosis ist als Ganzes der dramatische Prozeß der ersten Leugnung.
Atomphysik und die Umkehr: Ist das Atommodell die mathematische Parodie der Lösung der sieben Siegel (vorgestellt am Prozeß der Abfolge der Umkehr aller Richtungen in ihrem Ursprungspunkt)?
Tod und Auferstehung haben etwas mit der Beziehung von Erde und Himmel zu tun (wer den Himmel leugnet, leugnet die Auferstehung). Und wenn Jesus in den Himmel aufgefahren ist, ist das nicht auch ein Hinweis darauf, daß der Name des Messias im Namen des Himmels mit erschaffen ist?
Ist das Wort „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“ nicht ein Hinweis auf die messianischen Wehen?
In dem Feuer, das Jesus auf die Erde bringen wollte, und von dem er wünschte, es brennte schon, werden die oberen und die unteren Wasser wieder zusammengefügt.
Die unverschämte (unkeusche) Dreistheit einer bestimmten Art des öffentlichen Auftretens von Katholiken (ein Exhibitionsmus, dem man ansieht, welche Mühe er hat, den Vergewaltigungstrieb in sich unten zu halten).
Als das Christentum seinen Weg in die Welt hinaus begann, war es hilflos und wehrlos gegen die Philosophie und gegen den Römischen Staat.
Das Objekt des Satzes „Herr vergib ihnen, …“ sind wir, denn wir wissen weniger den je, was wir tun (wir sind die 120 000 in Ninive, die rechts und links nicht unterscheiden können).
Die Unterscheidung von oben und unten (Religion und Herrendenken) und von vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken) ist relativ leicht verständlich zu machen, während die Unterscheidung von rechts und links (Gericht und Barmherzigkeit) ist die schwierigste. Das scheint damit zusammenhängen, daß diese Unterscheidung keine theoretische, sondern eine praktische Unterscheidung ist.
– Mit der Unterscheidung von vorn und hinten hängt das Urschisma,
– mit der von oben und unten die Gnosis und die daraus folgende Geschichte der Häresien,
– mit der von rechts und links die patriarchalische Struktur der Kirche und der Sexismus zusammen; hier beantwortet sich die Frage nach der Hilfe im zweiten Schöpfungsbericht.
Leben wir nicht in einer Welt, in der das Normale verrückt ist und das Verrückte der normale Ausdruck der Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit dagegen?
Zu Umberto Ecos Sprachphilosophie: Es fehlt die Kritik des Neutrum.
Drei Gestalten der Finsternis: die Nacht, die Farben und die Materie. -
13.6.1994
Das sogenannte mosaische Gesetz ist kein (staatliches) Gesetz, sondern ein (göttliches) Gebot. Kann es nicht sein, daß die paulinische Gesetzeskritik genau darauf abzielt, und deshalb an die Stelle des Gesetzes den Eigensinn des Glaubens setzt?
Die Richter (im Buch der Richter) waren Richter nicht nach innen, sondern nach außen, erst die Propheten waren Richter nach innen, dann aber auf die Könige und das Volk als Ganzes bezogen. Das aber heißt: die Welt war Objekt, nicht (wie im staatlichen Recht) Subjekt des Gerichts.
Der Skinhead oder die irre gewordene Bekenntnislogik.
Gehört nicht beides zusammen, daß ich
– die Gnadenlehre nie verstanden habe und
– mir nie habe vorstellen können, Priester zu werden und z.B. die „Messe zu lesen“, überhaupt sakramentale Handlungen zu vollziehen?
Das bedeutete jedoch, daß ich mir nie habe vorstellen können „berufen“ zu sein, die durchs „Kreuzesopfer“ begründete (und durch die Opfertheologie instrumentalisierte) Tradition selbst zu übernehmen und weiterzutradieren.
Der Staub ist das Symbol der Verschmelzung der Zukunft mit der Vergangenheit im Objekt, die Schmerzen der Geburt hingegen erinnern an die Lösung dieses Zeitknotens.
Bezieht sich nicht das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist (die weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werden kann) auf das Lösen (was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein)?
„Allein den Betern kann es noch gelingen“: Die künftige Welt ist nur der Barmherzigkeit und dem Gebet offen, nicht dem Denken. -
12.6.1994
Berufskleidung für Soldaten (Uniformen und Waffen, sowie Orden und Standarten) gibt es, seit es geprägte Münzen gibt (zur Geschichte der Banken, zur Kritik des Absoluten, des Weltbegriffs und des Staates). Zur Geschichte der Banken: War nicht die Priesterkleidung die erste Banker-Kleidung, und ist nicht die Banker-Kleidung im neunzehnten Jahrhundert zur männlichen Standardkleidung überhaupt geworden (Bedeutung der Krawatte)? Zur Geschichte der Optik: Im Ersten Weltkrieg ist die Gala- und Paradeuniform durch die Tarn- und Schutzuniform (Feldgrau und Stahlhelm) ersetzt worden. Gegen den Monotheismus: Nicht die Einheit, sondern die Einzigkeit ist ein Attribut Gottes (Hermann Cohen, vgl. Hegels Logik über das Eine und das Viele, das Eins und das Leere). Das Christentum hat die Prophetie mit der Philosophie verwechselt, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit dem Absoluten. Durch das Attribut der Einheit wird Gott zu einem Nationalgötzen (wozu der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs dann für die deutsche bibelwissenschaftliche Tradition auch geworden ist: Grund der Verstrickung des deutschen Nationalismus in den Antisemitismus). Befördern die gegenwärtigen Verhältnisse nicht die windigen Geschäfte? Und die F.D.P. ernennt alle, die daran teilnehmen, zu Leistungsträgern (die es nur als „Besserverdienende“ sind). Die röhrenden Hirsche, die irgendwann die Kruzifixe in den Wohnzimmern ersetzt haben: die Eucharistie der steinernen Herzen, Beweis der Anstrengung, die heute notwendig ist, das Realitätsprinzip anzuerkennen (und das Fernsehen: die Aufbereitung des Realitätsprinzips zur frohen Botschaft – Drachenfutter). Hat die Eucharistie nicht in der Tat einmal die Gläubigen in die Anfangsgründe dieses Fotorealismus eingeübt (die Transsubstantiation und die Hostie als Modelle der technischen Reproduzierbarkeit)? Ist das Tier aus dem Wasser die Philosophie (der Weltbegriff), und das Tier vom Lande die theologische Orthodoxie und ihr Produkt: die modernen Naturwissenschaften (der Naturbegriff)? Die Sprache heute ist der (durch Geldwirtschaft, Inertialsystem und Bekenntnislogik) gefesselte Prometheus. Sensibilität ist Sprachsensibilität; sie gründet in der Fähigkeit, die Logik der Sprache nicht zu verdrängen, ihrer Instrumentalisierung zu widerstehen (sie gründet in der Fähigkeit zur Reflexion des Tauschprinzips, des Trägheitsgesetzes und der Opfertheologie).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie