Hegel verwechselt das Andere mit dem Selbst (substituiert dem Andern das Selbst: Ursprung der verandernden Kraft der Hegelschen Logik).
Gott und das Absolute unterscheiden sich durch die Umkehr: Das Abolute verdankt sich dem Schein, Gott ohne Umkehr erkennen zu können; allein im Bannkreis des Absoluten verwandeln sich die Attribute des Handelns in Attribute des Seins: der göttlichen „Natur“ (ontologisches Vorurteil).
Unterm Bann des Weltbegriffs hat das Christentum (mit der Vorstellung einer absoluten Vergangenheit, mit der Trennung der Zeiten vor und nach Christus) die negativen Zahlen erfunden (und damit die Form der äußeren Anschauung, die Form des Raumes begründet und konsolidiert und der Idee der Umkehr den Weg verstellt). Voraussetzungen waren:
– die Entdeckung des Winkels durch die Griechen (Orthogonalität und Philosophie) und
– die Entdeckung der Zahl Null durch die Araber (den Islam); die Erfindung der negativen Zahlen war selber dann die Voraussetzung der
– Konstituierung des Inertialsystems (Grund der modernen Aufklärung).
Die Phasen dieser Geschichte haben ihre theologische Entsprechung
– in der Begründung des Dogmas (der Orthodoxie),
– der Lehre von der creatio mundi ex nihilo (mit der Ausgestaltung durch den katholischen Mythos: insbesondere durch die in den Raum projizierte – und so instrumentalisierte – Eschatologie: Himmel, Hölle und Fegfeuer) und
– am Ende in der Konstituierung der Bekenntnislogik (mit der endgültigen Subjektivierung des Glaubens verschwindet die Kraft zur Häresienbildung, da sie in den Kern der Orthodoxie selber eingewandert ist: der Greuel am heiligen Ort).
Orgelmusik: Läßt sich der Charakter christlicher Gottesdienste nicht am deutlichsten daran ablesen, daß selbst das Singen alle Zeichen der Passivität (der Trägheit, der das Singen gleichsam von außen aufgeprägt wird, der es nur widerfährt) aufweist? In diesen Gottesdiensten ist das Wirken der Bekenntnislogik, ihrer selbstentfremdenden und zugleich welt- und gemeinschaftsbildenden Kraft, mit Händen zu greifen. – Nimmt das entsetzliche Blockflötenspiel in „modernen“ Gottesdiensten nicht das Orgelspiel (das musikalische Pendant der Konfession) nur in eigene Regie (und entspricht es nicht einer kirchlichen Architektur, die nach dem Kriege die Außenwände nach innen gekehrt: die Außenwelt zur Innenwelt gemacht hat, gegen die keine Widerstandskräfte mehr zugelassen werden; beides Formen der Identifikation mit dem Aggressor)?
Bekenntnislogik
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4.4.1994
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30.3.1994
Die Kritik des Systems ist notwendig als Kritik der Verstrickung des eigenen Denkens ins System. Insbesondere die Totalitätsbegriffe zeigen systemische Züge.
Merkwürdige Geschichte: Der Begriff des Glaubens wurzelt im Begriff der Treue. Diese Treue ist zum Glauben erst unter der Herrschaft der Bekenntnislogik geworden. Erst die Nazis haben die Treue wiederentdeckt, aber als säkularisierte und personalisierte Treue (zu der sie übrigens im Systemzusammenhang von Glauben und Bekenntnis geworden ist).
Enthält nicht der Satz aus Benjamins Passagenwerk, daß es nichts Veralteteres gibt als die jüngstvergangene Mode, einen Hinweis auf das zentrale Problem der Erinnerungsarbeit: auf den Zusammenhang des Ältesten mit der Gegenwart? Ist die Vorstellung, daß die drei räumlichen Dimensionen im Hinblick auf ihre Beziehung zur Zeit äquivalent sind, nicht bloßer Schein? Wird sie nicht insbesondere durch die Schwere widerlegt?
„Der Himmel ist sein Thron, die Erde der Schemel seiner Füße“: Was heißt das? Drücken sich darin nicht zwei verschiedene Formen des Besitzens aus (zwei Formen des Besitzens, die nur Gott zugesprochen werden dürfen)? Sind es diese Formen des Besitzens, die im Inertialsystem vergewaltigt und falsch identifiziert werden? Am Inertialsystem wäre zu demonstrieren, daß die Begriffe Wissen und Erkennen nicht deckungsgleich sind (daß es ein gegen das Erkennen sich sperrendes, widersetzendes Wissen gibt: Grund des Positivismus, das Problem der physikalischen Erkenntnis).
Joh 129, Maria Magdalena und die sieben Siegel, oder: die Kritik des Inertialsystems (Erkenntnis des Tieres: hier braucht es Weisheit und Verstand).
Ist eigentlich Joh 129 der einzige Bezugspunkt der Apokalypse im Johannes-Evangelium?
Ist die (von der in den anderen Sprachen abweichende) Geschlechtszuordnung von Sonne und Mond im Deutschen die Besiegelung der Trennung von Ding und Sache, der vollständigen Verkehrung?
Gibt es eine Geschlechtszuordnung von Städten im Deutschen (die Anwendung des bestimmten Artikels auf die Städtenamen)? Der Gattungsbegriff Stadt ist feminin, aber die einzelnen Städte wie Köln, Berlin, Frankfurt u.ä. sind (wie die erste und zweite Person) geschlechtsunabhängig. Hat die Verschiebung der Deklination in den bestimmten Artikel (in dieses deiktische und substantialisierende Sprachelement) den Namen erst wieder freigesetzt, vom Begriff getrennt? Gilt das, was hier für die Stadtnamen gilt, nicht allgemein für Namen (auch die Namen von Ländern, Firmen, Betrieben, sofern sie nicht im Namen ein institutionelles oder ein dem äquivalentes begriffliches Element enthalten, wie die Post, die Bundesbahn, die AEG: Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft u.ä.). Namen von Bergen, Flüssen sind nicht geschlechtsneutral (Berge sind männlich, Flüsse: die westlichen sind maskulin, die östlichen feminin?). – Warum kann man „die Eintracht“, „die Borussia“, „der VfL“, aber nicht im gleichen Sinne (wenn man den Verein und nicht die Spieler meint) „die Bayern“ sagen (im Hinblick auf die Wortbedeutung „Eintracht“ oder „Verein“ oder auf die feminine Wortbildung „Borussia“)? Ist die Geschlechtsneutralität der Namen eine Folge dessen, daß in den indoeuropäischen Sprachen das Neutrum zu einem Geschlecht geworden ist? Zweite Neutralisierung: Parodie auf die Theologie des Namens? Umgekehrt: Ist das Neutrum ein Abkömmling des Namens (und die Materie der Schwamm, der die benennende Kraft der Sprache aufsaugt)?
Die Löschung des Namens und die Zerstörung des Angesichts gehören zusammen mit der an der Entflammung gehinderten Entzündung (Zusammenhang mit der Theorie des Feuers). Produkt der Entzündung, die nicht zum Feuer sich befreit, ist das Ich (die Identität, die Person). Ursprung dieser Entzündung ist die Urteilsform, der Schwelbrand ist der der Empörung. Ist nicht die Idee des Absoluten die Narbe an genau der Stelle, an der die benennende Kraft ausgebrannt (die Sprache gelöscht) wurde, die gleiche benennende Kraft, die im Namen Gottes gründet (und sich erfüllt). Hierauf bezieht sich das Wort vom Bekenntnis des Namens. – An dieser Stelle ist daran zu erinnern, daß der Tempel in Jerusalem nicht das Haus Gottes, sondern das seines Namens war.
Vater unser, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name: Wurde nicht mit der Zerstörung der Himmel die Kraft des Namens, die benennende Kraft der Sprache gelöscht (und nur in dem Buch, zu dem die Himmel sich aufrollen, erinnert und aufbewahrt)? Wie ist die Heiligung des Gottesnamens noch möglich ohne die Restituierung des Anfangs der Schöpfung, ohne die Erinnerung der Himmel? – Ist der Singular Himmel nicht der Reflex und das Pendant der Idee des Absoluten in der Theologie (wurde der Plural nicht durch die Idee des Absoluten getilgt, und damit zugleich der Name gelöscht): Grund der Geschlechtsumwandlung von Sonne und Mond im Deutschen?
War nicht die newtonsche Sonne noch Ausdruck der regierenden (männlichen) Gewalt, und ist die Sonne nicht zum passiven (feminisierten) Objekt erst im Absolutismus: mit dem Übergang von Politik in Verwaltung (zusammen mit der Privatisierung und Vergesellschaftung von Herrschaft, der Verbürgerlichung des Königtums), geworden. Die Sonne wurde feminin und der Mond maskulin, als Herrschaft endgültig gegen die Religion sich verselbständigte, im Prinzip der Trennung der irdischen von der himmlischen Sphäre, im Mond, sich festmachte.
Hat nicht das Christentum den Sonntag zum Ruhetag gemacht, und d.h. nach dem griechischen Modell in der Idee des Absoluten (der noesis noeseos) die Identität von Herrschaft und Muße hergestellt, die dann in der subjektiven Form der äußeren Anschauung, im Raum (im Systemzentrum des Inertialsystems), sich vergegenständlichte. Erinnerung an China: Herrschaft durch Nichtstun. Dagegen steht die kräftige Erinnerung Hermann Cohens, daß die Attribute Gottes Attribute des Handelns und nicht des Seins sind, und Erinnerung von Immanuel Levinas daran, daß die Ethik und nicht die Ontologie die prima philosophia ist.
Der Himmel ist maskulin, und die Erde feminin. Das aber heißt, daß in der deutschen Sprache der Mond dem Himmel und die Sonne der Erde zugeordnet sind.
Hängt nicht die Geschlechtszuordnung von Sonne und Mond im Deutschen mit der Bildung und Funktion der bestimmten Artikel zusammen?
Wie verhält es sich
a. mit den Planeten: hier scheint nur die Venus feminin zu sein, und
b. mit dem Gattungsbegriff Stern, der im Deutschen maskulin ist, und wie in den anderen Sprachen, insbesondere im Griechischen (astron n.) und Lateinischen (stella f.; sidus, -eris n.)?
Wie verhält sich das Ganze zum Sündenfall, nach welchem Adam dazu verurteilt wurde, den Staub zu produzieren, den die Schlange frißt (genauester Ausdruck der neutralisierenden Gewalt des Patriarchats, die am Ende auch das Neutrum selber ergreift: im Greuel am heiligen Ort)?
Der zum Nominativ (zur Bezeichnung des Substantivs) entmächtigte Name wird über den Neutralisierungsprozeß hinaus nochmals neutralisiert, und wird so zum Absoluten, zum schwarzen Loch, in dem der Name gelöscht wird.
Ist nicht der Greuel am heiligen Ort die letzte Steigerung der Unfähigkeit, Rechts und Links zu unterscheiden, auf die am Ende des Jonasbuches hingewiesen wird. Produzenten des Greuels am heiligen Ort sind: das Inertialsystem, das Tauschprinzip (die Geldwirtschaft) und die Bekenntnislogik (Instrumentalisierung des Kreuzestodes: Inbegriff der Exkulpations- und Gemeinheitsautomatik).
Das Zeichen des Tieres an der Stirn und an der Hand: Ist das nicht der Hegelsche Begriff? In der Apokalypse nochmal genauer die Attribute des Drachen und der Tiere ansehen (Hörner, Köpfe, Kronen). -
28.3.1994
„Gott, wie zuträglich muß es erst sein, wenn Nachdenkender vom Betrunkenen lernt.“ (Kafka: Erzählungen, S. 223)
„Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr.“ Ist diese Tiefe der Abgrund, der die Andern von mir trennt? Und ist die Intersubjektivtät nicht bloß der Poesche Maelstrom?
Wenn die Trunkenheit ein sprachlicher Sachverhalt ist, was ist dann der Wein (Noe, Hochzeit von Kana)? Und was ist die aufgedeckte Blöße, und hat die Decke, mit der Sem und Japhet die Blöße Noes bedecken, etwas mit dem Fell von Tieren und mit den Zelten Sems zu tun?
Die Philosophie ist die erzwungene Selbstreflexion jener Verstrickung, in die das Bewußtsein durch den Weltbegriff gerät.
DAs Absolute rührt an die Wahrheit ähnlich, wie die beiden Seites eines Blattes sich berühren.
Die Zauberei, die an den Hexen verfolgt wird, ist die Zauberei des Absolutismus, der in den Hexen die eigene Beziehung zum Totenreich wiedererkennt.
Schon beim Pharao wittert das Herrendenken im Befreiungstrieb einen konkurrierenden Machtanspruch.
Hat nicht der deutsche Michel das Quis ut Deus immer schon auf seinen Wilhelm bezogen, der am Ende Adolf hieß? Bindeglied war der säkularisierte Heroismus: der durch Verdrängung irrational gewordene Freiheits- und Revolutionstrieb.
Wie hängen die Infinitivbildungen (die Verbalsubstantive) mit dem Sein zusammen:
– paideuein/ einai
– facere/ esse.
Sind die Infinitivsuffixe aus den Infinitiven von Sein hervorgegangen? (Ist das Sein, oder das Seiende Gegenstand der griechischen Ursprünge der Philosophie von Parmenides bis Aristoteles?)
Der obszöne Kern der Naturwissenschaften: Das Inertialsystem als die Einheit von Vergewaltigung, Masturbation und Exhibitionismus. Der Weltbegriff bezeichnet die durch Trunkenheit aufgedeckte Blöße (vgl. auch das Aufdecken der Blöße bei den Propheten).
Der projektive Charakter des Vorwurfs einer metabasis eis allo genos: Die Befolgung dieser Warnung endet in der Rassentheorie und im Antisemitismus. Gehört nicht die Fähigkeit, auch in eine andere Gattung und in ein anderes Geschlecht sich hineinzuversetzen, zu den Vorzügen und zur Würde der Menschen? Darauf, auf die Aufhebung der Gattungsgrenze, die eine Todesgrenze ist, bezieht sich die Idee der Auferstehung der Toten.
Zum Pazifismus: Darf der Tierschutz auch für den Behemot und den Leviatan gelten (für den totalitären Staat oder den Kapitalismus)?
Der Begriff und die Polizei machen ihre Objekte dingfest, während die Ausbilder und Aufseher sie fertigmachen.
Zum Begriff des Bekenntnisses: Die virgo (das weibliche Pendant des confessor) verkörpert die Keuschheit, nicht die Unschuld; darin liegt (im Gegensatz zur sexualmoralischen) ihre politisch-theologische Bedeutung. Die Verknüpfung von Keuschheit und Unschuld (Grund der zentralen Funktion der Sexualmoral in der verdinglichten Theologie und Folge der Rezeption des Weltbegriffs, der Opfertheologie und der damit verknüpften Bekenntnislogik) hat eine der gefährlichsten und verhängnisvollsten Entwicklungen in der religiösen Tradition eingeleitet. Diese gegen ihre politischen Bedeutung immunisierte Keuschheit ist im Zölibat instrumentalisiert (zu einem Herrschaftsmittel gemacht) worden. Nicht die Sexualität, sondern das Herrendenken (zu dessen Implikationen der Sexismus gehört) ist das, was in der Prophetie mit Unzucht und Hurerei (wie auch mit der Trunkenheit und dem Kelch des göttlichen Zorns) gemeint war. -
19.03.94
Läßt sich die Unterscheidung von Rechts und Links an der Bekenntnislogik demonstrieren? Sucht die Kirche unterm Bann der Bekenntnislogik nicht Jesus zur Linken, während er doch zur Rechten des Vaters sitzt. Darauf bezieht sich das Bekenntnis des Namens, der verdrängte Wahrheitsgrund des Glaubensbekenntnisses.
Zum Problem des Ebenbilds: Gründet nicht die Unterscheidung zwischen Seinem Bild und dem Bilde Gottes im Schöpfungsbericht in der zwischen Gericht und Barmherzigkeit: zwischen Rechts und Links)?
Das Absolute ist der Rücken Gottes: der apriorische Gegenstand einer Theologie hinter dem Rücken Gottes.
Zur Beziehung der Bekenntnislogik zur Scham: War nicht die Islamisierung des Bekenntnisses mit der Durchsetzung des Zölibats verbunden (sowie mit dem Ursprung der Eucharistie-Verehrung, der Konsolidierung der Lehre vom Fegfeuer, mit der Einführung der Ohrenbeichte, insgesamt mit der Übernahme der caesarischen Tradition in Theologie und Kirche und ihrer gesellschaftlichen Entsprechung in der devotio moderna)?
Die Geschichte der drei Leugnungen ist die Geschichte der Verinnerlichung der Scham (und somit ein Teil der Geschichte der kirchlichen Sexualmoral).
Die Konsistenz der Welt geht heute zu Bruch. Es gibt keinen Begriff der Welt mehr, der noch haltbar wäre ohne Reflexion des projektiven Moments in ihm (eines realprojektiven Anteils, dem auf der Erkenntnisseite der Begriff eines objektiven realsymbolischen Anteils entspricht).
Es sind die Wasser des Thales, die am Ende als Feuer sich erweisen: Das Feuer ist das Ansich des Wassers, nicht der Luft (Typos der Beziehung der Wassertaufe zur Geisttaufe).
Zur Genesis des Neutrum (Ursprung des Weltbegriffs): Bis zur Kritik des Anthropomorphismus reicht das Streben, die Dinge von jeder Beziehung zum Subjekt zu reinigen, einen Begriff der Objektivität zu etablieren, zu dem das Subjekt nur äußerlich, ohne jede Schuldbeziehung, sich verhalten kann. Aber das im Ursprung Hinauskomplimentierte kehrt am Ende wieder: Hinter den Dingen sind keine Geheimnisse mehr, nur das Subjekt selber, das Selbst, findet sich hinter allem wieder. Dieses Geheimnis der Philosophie hat Hegel ausgeplaudert; und die Vermutung erscheint nicht unbegründet, daß eben das es war, was die Hegelsche Philosophie hat obsolet werden lassen. Nichts ist anthropomorpher als das Absolute: der Schatten, den das Subjekt auf den Namen Gottes wirft, der zur Totalität sich aufspreizende blinde Fleck, das Subjekt, das sich nur noch überall selbst im Wege steht und gegen die einzige Erkenntnis, die diesen Namen tragen darf, ohne das Recht der Dinge zu verletzen: die Gotteserkenntnis, sich verstockt. -
18.03.94
Auch das Lippenbekenntnis ist ein (projektives) Schuldbekenntnis: logisches Zentrum des Schuldverschubsystems. Im Bekenntnis (im Kontext mit seiner „gemeinschaftsbegründen“: politischen, ökonomischen und religiösen Gewalt) gewinnt das projektive Moment in der begrifflichen Erkenntnis seine gegenständliche Kraft. Erkenntnistheoretisch gründet das Bekenntnis in der Form der äußeren Anschauung: in der Form des Raumes, praktisch bildet es sich am Modell der Logik des Tauschprinzips.
Die genetische Beziehung der Trennung von Ding und Sache zur mittelalterlichen Eucharistie-Verehrung gründet in der Bekenntnislogik: Durch diese Beziehung rückt die Eucharistie (und mit ihr die Opfertheologie, eigentlich das gesamte Dogma) in den Kern des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs, wird sie zur Verkörperung der „Sünde der Welt“ („Denn wer ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, wenn er den Leib nicht unterscheidet“).
Wenn das Bekenntnis der unreine Geist ist, der in die Wüste geht, welches sind dann die sieben unreinen Geister, die mit ihm zurückkehren?
Mit dem Bekenntnis (das als Produkt der Verinnerlichung der Scham sich begreifen läßt) ist die Fixierung auf die Sexualmoral mitgesetzt: So ist die Kirche in die Fundamenten des Weltbegriffs mit eingegangen und seitdem darin enthalten (und verhext auch die jüdische Tradition und den Islam, Grund des Fundamentalismus).
Das Bekenntnis als Produkt der Verinnerlichung der Scham kehrt die Richtung der Scham um; die Blöße soll nicht mehr nur vor dem Blick der andern, sondern – nach Verinnerlichung des des Blicks von außen: des Gesehenwerdens, nach Verinnerlichung der Welt – präventiv schon vor der eigenen Wahrnehmung geschützt werden: Konstituierung des Verdrängungapparats, Ursprung des steinernen Herzens und des pathologisch guten Gewissens; dagegen hilft nur noch Umkehr als Erinnerungsarbeit.
Durch ihre Beziehung zur Verdrängung unterscheidet sich die Bekenntnislogik von der bloßen Heuchelei: Der Begriff der Heuchelei unterstellt ein bewußtes Verbergen (gegen den Blick von außen), während die Verdrängung gegen den eigenen Blick nach innen schützen soll; dieses Verfahren funktioniert nur auf der Basis der Bekenntnislogik (die eine Form der Urteilslogik ist).
Die „verandernde Kraft“, die Rosenzweig der Kopula „ist“ zuspricht, beherrscht die Urteilsform insgesamt: auch die Bekenntnislogik.
Als die Deutschen nach dem Krieg den Gedanken an eine Kollektivschuld verwarfen, statt dessen (nach einem Vorschlag von Theodor Heuß) die Kollektivscham als ein der Einnerung an das Grauen angemessenes Verhalten akzeptierten, haben sie mit der Bekenntnislogik die alte Welt (den Weltbegriff und die damit verknüpften Verdrängungsmechanismen) gerettet. – „Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.“ So endet die Erzählung „Ein Landarzt“ von Kafka.
Trifft es zu, daß es Sprachen gibt, die die Unterscheidung von Maskulinum und Femininum nicht kennen, sondern nur die von Belebtem und Unbelebtem? Welches Weltverständnis liegt diesen Sprachen zugrunde, sind sie nicht schon unter der Gewalt des Neutrums entstanden (denn die Unterscheidung von Belebtem und Unbelebtem, Organischem und Anorganischem, mißt das Belebte am Unbelebtem; dieses ist das Hypokeimenon)? Haben diese Sprachen mit den hamitischen Sprachen zu tun, sind sie „Sklavensprachen“ (Produkt der aufgedeckten Blöße des Vaters)? Und haben sie etwas mit den Geschichten von den Göttersöhnen und den Menschentöchtern zu tun?
Ist der Name des Vaters ein Name JHWHs oder ein Name Elohims?
Der Ursprung der Philosophie, das Verstummen der Sprache und die Barbarisierung der Welt (durch Zurichtung zur Natur).
Die Kirche hat das parakletische, das verteidigende Denken durch das apologetische Denken ersetzt: Sünde wider den heiligen Geist.
Steckt die Lösung der Hegelschen Philosophie in dem Satz „Schuld ist die Ehre des großen Charakters“ (der sich übrigens im Hegel-Register der stw-Ausgabe nicht findet)? Aber klingt dieser Satz nicht ein wenig wie der Satz Heideggers „Wer groß denkt, muß groß irren“?
Schuld, Ehre und Charakter bezeichnen die Einheit des Schuld-, Verblendungs- und Herrschaftszusammenhangs.
Käme es nicht heute darauf an, die Bewegung vom Mythos zur Offenbarung, die Franz Rosenzweig im Verhältnis des zweiten zum ersten Teil des Stern der Erlösung beschreibt, als das Modell der realen Befreiung im Christentum: der Umkehr, zu begreifen? Ist das Christentum nicht (durch die Bekenntnislogik) die ambivalente Einheit von Mythos und Offenbarung? Ist es nicht diese Einheit (die des Bekenntnisses), die heute in den Spannungen sich entlädt, die das Überleben des Christentums in seiner bisherigen Gestalt in Frage stellt? Eine Hilfe ist der Hinweis, daß in der Schrift das gewöhnlich mit „Bekenntnis“ übersetzte homologein auf den Namen (das Telos der benennenden Kraft der Sprache) sich bezieht.
Die Materie (selber Produkt der Verinnerlichung der Scham) ist der Schwamm, der die benennende Kraft der Sprache in sich aufgesogen hat; das Bekenntnis (der logische Kern der Begriffsbildung) ist eine Ersatzbildung dafür.
Hängt der Name der Ahnen mit den Verben ahnen (die Zukunft wird nach Schelling geahnt) und ahnden (die Schuld wird geahndet) zusammen? Vorstellbar wäre, daß mit der „geahndeten“ Zukunft (und das Ahnen gibt es gelegentlich auch in der sprachlichen Form des Ahndens) die unter die Vergangenheit subsumierte (und so in der Tat geahndete: zur Schuld verurteilte) Zukunft gemeint ist. -
17.03.94
Durch Philosophie und Naturwissenschaft wurde die Schöpfung zur Welt bekehrt.
Was ist der Unterschied, zwischen der Befriedigung eines Bedürfnisses und seiner Stillung?
Wird durch das Präfix be- ein Vorgang ins Sprachlose, Stumme, in den gewaltsamen Vollzug (Paradigma Strafvollzug), transformiert: die Umkehr in die Bekehrung, die Stillung in die Befriedigung, die Erkenntnis ins Bekenntnis?
Wenn wir aus dem Bann der Philosophie, des Absoluten, uns lösen, heraustreten wollen, müssen wir arglos werden wie die Tauben. – Ist der Bann des Absoluten die Paranoia, Produkt des projektiven Moments in jeder begrifflichen Erkenntnis? Die Idee des Absoluten ist in jeder ihrer Gestalten, auch in der der Theologie seit ihrer Hellenisierung, eine Manifestation der Hybris (der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen, den nach seinem Wort jedoch auch die Jünger würden trinken müssen).
Jede Erscheinung ist Erscheinung von etwas: ins Anderssein gebannt. Was als ihr Anderes darin erscheint, ist das Subjekt selber, das so sich selbst zum Absoluten wird. Die Hegelsche Logik ist das Ergebnis der genauesten inneren Analyse der Erscheinung: Deshalb steht am Anfang der Hegelschen Philosophie die Phänomenologie des Geistes.
Bezeichnet der Begriff des Bekenntnisses nicht aufs genaueste das projektive Moment in jeder Erkenntnis, und war das nicht mit der Wendung des griechischen Geistes zur Philosophie mitgesetzt (mit Begriffen wie Natur, Welt, Materie und Wissen)?
Die Kirche hat in der Geschichte des Dogmas und der Theologie den Scheffel produziert, hinter dem sie ihr Licht (das Angesicht Gottes) zum Verschwinden gebracht hat (vgl. auch die Geschichte der drei Leugnungen). Die Selbstverfluchung und der Greuel am heiligen Ort: Heute verwechselt sie das Licht mit diesem Scheffel. -
16.03.94
Zur Kritik des Objektbegriffs: Wer über Fußball schreibt, darf nicht über Fußball schreiben. Hegels Satz, daß die Substanz Subjekt sei, bezeichnet kein befreiendes, sondern ein verzweifeltes Projekt. Und die Idee des Absoluten ist nur die ideelle Partizipation an diesem Subjekt (nur die Identifikation mit ihm), wie die Hegelsche Freiheit nur das Bewußtsein der Freiheit ist. Auf der Grundlage und im Kontext der Gotteserkenntnis wird die Moral aus einem Maßstab des Urteils zu einer Richtschnur des Handelns. Diese Differenz zwischen dem Maßstab des Urteils und der Richtschnur des Handelns ist die Differenz zwischen dem Feigenblatt und der Frucht des Feigenbaums. In der zweiten Leugnung wurde der Rock aus Fellen ins Feigenblatt zurücktransformiert, in der dritten löst auch das Feigenblatt sich noch auf. Die Geschichte der drei Leugnungen erweist sich so als eine Geschichte der Scham. Die griechische Philosophie ist dem Bannkreis des Schicksals entronnen, indem sie das Gesetz des Schicksals verinnerlicht, aus der Rolle des Objekts herausgetreten ist und zu seinem Subjekt sich gemacht hat: Ursprung des Begriffs. Die moderne Aufklärung – und darin gründet ihre Beziehung zur Theologie – hat den gleichen Prozeß im Medium der Scham (am Paradigma des Tods am Pfahl: des Kreuzestods) vollzogen. Und wenn die Verinnerlichung des Schicksals der Grund ist, aus dem der Weltbegriff hervorgegangen ist, dann ist die Verinnerlichung der Scham (die den Weltbegriff konkretisiert) der Grund des Bekenntnisbegriffs und der Trennung von Ding und Sache: Ursprung der modernen Sprachen in Europa. Aufgrund dieses Prozesses, im Kontext dieser Geschichte der Scham wurde die Sexualmoral ins Zentrum der modernen Bewußtseinsgeschichte gerückt. Gehören nicht das Haus und die Abtrennung der Privatsphäre in diese Geschichte der Scham (und haben der Ursprung und die Geschichte der Religion und des Tempels, der Name des Pharao und das Sklavenhaus Ägypten, die zur Vorgeschichte der Moderne gehören, damit zu tun)? Hat die Geschichte vom Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert etwas mit der Geschichte des ägyptischen Tempels und seiner Beziehung zur Pyramide und zu den Sphingen zu tun? Beim Turmbau zu Babel ist JHWH (nicht Elohim) herniedergefahren (und hat die Sprache der Menschen verwirrt): Ursprung des Geldes, der Astronomie, der Schrift, der Idolatrie und der Determinantensprache (Quellcode der flektierenden Sprachen)? Wenn man die Schlange als Realsymbol des Ursprungs des dritten Geschlechts: des Neutrums, begreift, enthält dann der Satz: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben, nicht den Schlüssel zur Auflösung des Problems: Durch die fehlende Arglosigkeit, durch das paranoische Moment, unterscheidet sich die Klugheit der Schlange (die neutralisierende Erkenntnis, das Wissen) von der Gotteserkenntnis.
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11.03.94
Die Hegelsche Logik ist eine Logik der Selbsterhaltung, und deshalb eine Welt- (und Ding-) Logik. Was durch die Entwicklung des Begriffs vom Sein zur Idee hindurch sich erhält, ist das Selbst, das sich in allem wiederfindet und wiedererkennt, das gleichsam überall seine Duftmarken setzt; die Totalität dieser Duftmarken ist der Begriff. Hegels Logik ist eine hündische Logik, die das Angeblicktwerden nicht erträgt: weil sie das Angesicht Gottes nicht erträgt. (Man erkennt die Hundeart nicht an der Gestalt des Hundes, sondern einzig an der allen Hunden gemeinsame Hundewelt und ihrer Logik.) – Vgl. auch Hegels Bemerkung über den göttlichen Zorn (der aufgrund seiner Beziehung zur göttlichen Barmherzigkeit in der gnadenlosen Welt, in der die Wut herrscht, geleugnet werden muß und als erstes die Wut auf sich zieht; Theologie im Angesicht Gottes hingegen wäre die Stimme des göttlichen Zorns). Nur das Absolute gewährt noch den Schein der securitas adversus deum, die der Mythos seit je gesucht hat. Hegels Philosophie ist nicht arglos: deshalb braucht sie die List der Vernunft.
Sind die Engelchöre der theologischen Tradition der Kirche die Engel Elohims, zu denen im Kontext der verandernden Gewalt der Philosophie auch die Cherubim und Seraphim geworden sind (und nicht die Engel JHWHs: die Engel des göttlichen Angesichts; diese haben Abraham von der Opferung Isaaks abgehalten)?
Das Zölibat oder die instrumentalisierte Unschuld ist eine direkte Konsequenz der Umformung der Sexualmoral in eine Urteilsmoral: eine Konsequenz ihrer Privatisierung und Entpolitisierung. Der (theologische und politische) Gebrauch dieser Moral hat das Zölibat (die etwas anderes ist als die Keuschheit) zur Voraussetzung. Das Zölibat gehört zu den Folgen der theologischen Rezeption des Weltbegriffs.
Das „Seid arglos wie die Tauben“ ist der Einspruch gegen die Paranoia, und das „et ne nos inducas in tentationem“ die Warnung davor.
Ist nicht der Begriff der Materie das philosophische Pendant zum hebräischen Namen der Barmherzigkeit? Und gründet die Beziehung beider nicht im gemeinsamen Namen der Mutter?
Zum Charakter der Apokalyptik gehört die Geschichte aus dem Buch Daniel, in der Nebukadnezzar die Weisen Babels (u.a. die Chaldäer) auffordert, ihm nicht nur seinen Traum zu deuten, sondern den Traum, der ihm aus Angst entfallen war, den er vergessen hatte, selber zu benennen.
Am Ende des Buches Jona, gehören da nicht die 120 000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können, mit dem nachfolgenden „so viel Vieh“ zusammen? Ist die Unfähigkeit, zwischen Rechts und Links zu unterscheiden, nicht ein Teil der Unfähigkeit, Mensch und Vieh zu unterscheiden? Und gehören nicht beide in den Kontext der Genesis des Ding- und Objektbegriffs?
Ist das gegenwärtige (nur noch katastrophische) Verständnis der Apokalypse nicht die letzte Bastion des Mythos: des In-Angst-Erstarrens vor der Offenbarung, die mit dem Namen der Apokalypse vorab, auch vor ihrem katastrophischen Aspekt, gemeint ist?
Die Bekenntnislogik ist das Produkt des vom Weltbegriff nicht abzulösenden Rechtfertigungszwangs. Das drückt sich aufs genaueste in dem denkwürdigen Sachverhalt aus, daß im Lateinischen das Bekennen durch eine Passiv-Konstruktion repräsentiert wird (confiteor, confiteri; vgl. auch die anderen verba deponentia wie conari versuchen, vereri sich fürchten, loqui sprechen, partiri teilen, pati leiden; der Ursprung der Deponentien war die mediale Form, die im Lateinischen sich nicht erhalten hat): Ist das Subjekt dieses Bekenntnisses die Welt (und die Konfessionalisierung ein notwendiges Moment der Verweltlichung des Subjekts: Objekt des Schicksals: der Religion oder der Politik, zu sein)?
Die Bekenntnislogik (die Logik des Weltbegriffs) greift ebenso wie die Sensibilität auch die Erinnerungsfähigkeit an. Sie ist das Zentrum des Schuldverschubsystems, der Grund und die Wurzel des projektiven Erkenntnisbegriffs, der dem kantischen Begriff der Erscheinungen zugrunde liegt. Ist er die Narbe an der Stelle, an der der Knoten, der zu lösen gewesen wäre, zerschlagen wurde? – Wo liegen die etymologischen Wurzeln des confiteri? Gibt es eine Beziehung des fiteor, fiteri zum fatum, gehört es (oder gehören die Deponentien insgesamt) zu den Faktoren der Verinnerlichung des Schicksals?
Ist nicht die im Christentum entfaltete Bekenntnislogik die Vollendung des babylonischen Turms, der bis an den Himmel reicht, und bezieht sich darauf nicht das Wort vom Binden und Lösen? -
07.03.94
Hegels Logik ist eine Dinglogik, zu deren Konstituentien das Trägheitsgesetz, das Tauschprinzip und die Bekenntnislogik gehören. Die Bekenntnislogik ist die Feigenblattlogik: die Reaktion auf die Erfahrung von Nacktheit und Scham (die Sünde der Welt). Bezieht sich hierauf nicht das „leer, gereinigt und geschmückt“ in der Geschichte von den sieben unreinen Geistern?
Der Dingbegriff ist der Repräsentant der dritten Leugnung (des sich auf sich selbst beziehenden Andersseins) in der Logik.
Es gibt keine Welt ohne Staat und keinen Staat ohne Welt. Der Staat entspricht der Gattung bei den Tieren (dem Behemoth: daher die Affinität des totalitären Staats zum Rassismus und zum Antisemitismus). Oder anders: Wie die Gattung konstituiert sich der Staat an der Todesgrenze (hier gründet die genetische Beziehung des Staates und des Weltbegriffs zur Astronomie, zum Sternenhimmel) und stabilisiert sie. Das Wort „Stark wie der Tod ist die Liebe“ ist auch auf den Staat zu beziehen: Liebe ist nur möglich, solange man sich vom Staat nicht dumm machen läßt (die Beziehung zur Sensibilität ist erkennbar am sprachlichen Unterschied von Gesinnung und gesonnen).
Wird in dem Satz „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe“ nicht das Täuferwort aus Joh 129 zitiert, und zwar als Teil des Nachfolgegebots?
Ist die Hegelsche Logik ein pornographisches Buch, und das Ende der Logik, an dem die Idee „die Natur frei aus sich entläßt“, ein öffentlicher Orgasmus?
Gewinnt die Marxsche Kategorie des Klassenkampfes ihre wirkliche Bedeutung nicht erst dann, wenn sie realsymbolisch – und nicht, wie im real existierenden Sozialismus, fundamentalistisch verdinglicht – verstanden wird? -
3.3.1995
Ist nicht Gunnar Heinsohn Opfer seines eigenen historischen Objektivitätsbegriffs geworden? Seine These, daß Hitler die Judenvernichtung angeordnet habe, um mit den Juden die Erinnerung an das Tötungsverbot zu tilgen, ist von der Motivation her wahr; nur gilt diese Motivation für den Antisemitismus insgesamt, und Hitler unterscheidet sich von den Antisemiten sonst durch durch das Maß an Konsequenz, durch den pseudomessianischen Akt: Er legitimiert sich als Führer dadurch, daß er in vollem Bewußtsein der Konsequenzen die Verantwortung für diesen Antisemitismus übernimmt; er nimmt „die Sünde der Welt“ auf sich (er nimmt den Tätern die Schuld ab, in die er sie doch zugleich verstrickt). Es geht in der Tat nicht um die Juden; eine Erinnerung tilgt man nicht, indem man die Träger dieser Erinnerung vernichtet. Zur beabsichtigten Wirkung der „Endlösung“ gehört sowohl die Binnenwirkung der Komplizenschaft (der „Treue“: wer in diese Taten verstrickt ist, kommt davon nicht mehr los) als auch die Außenwirkung des Terrors („wat denn, icke mir uffhängen lassen, lieber gloob ick an’n Sieg“) mit dazu: die irrationale Kommunikation der Gewalt als Verdrängungshilfe, ohne die das Tötungsverbot nicht aufzuheben ist. Ohne den gesamtgesellschaftlichen Resonanzboden, der selber zu dechiffrieren wäre, allein durch den Rekurs auf die Absicht und den Willen Hitlers wäre diese Tat nicht möglich gewesen. Dieser „Resonanzboden“-Effekt hat am Ende des Krieges, als das Konstrukt in der Niederlage implodierte, den ungeheuren Rechtfertigungsdruck erzeugt, der die Nachkriegsgeschichte in Deutschland beherrscht (und alle Voraussetzungen des Wiederholungszwangs in sich birgt). Selbst der Erklärungsbedarf steht unter diesem Rechtfertigungszwang und müßte ihn in die Reflexion mit aufnehmen, wenn er wirklich zur Befreiung beitragen soll. Ich habe das Gefühl, daß die heinsohnsche Form der Verarbeitung des apokalyptischen Aspekts dieser Geschichte (Entschärfung der Apokalypse durch Neutralisierung, durch Reduktion auf die Erinnerung an eine längst vergangene Naturkatastrophe, als hätten wir nicht das Objekt für das Studium der Apokalypse in der jüngstvergangenen gesellschaftlichen Naturkatastrophe vor Augen).
Gunnar Heinsohn scheint alle bisherigen „Auschwitz-Theorien“ nur als Konkurrenz zum eigenen Konzept wahrzunehmen; und es gehört schon einiges dazu, allen bisherigen Reflexionen über Auschwitz (so u.a. den Studies in Prejudice, der Dialektik der Aufklärung, oder etwa dem Werk Hannah Arendts) bloß „Ratlosigkeit“ zu attestieren, um dann sein eigenes Werk als die gleichsam endgültige Lösung des Problems zu empfehlen. Wäre nicht eher von einer gemeinsamen Anstrengung zur Aufklärung des wahrhaft Unbegreiflichen ausgehen. Denn unbegreiflich bleibt diese Tat (wie auch die Welt, in der sie möglich war) für jeden, für den die Moral das sich von selbst Verstehende ist. Das Problem ist eher: Wie müßte die Welt aussehen, wenn man sie unter der Voraussetzung dieses Prinzips zu verstehen versucht; eine Welt, die dem Bann der Ontologie entronnen ist, und deren prima philosophia die Ethik wäre?
Durch seinen Beitrag zur Chronologie-Revision („Die Sumerer gab es nicht“), zur Ursprungsgeschichte des Geldes („Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft“), und jetzt zur Erforschung des Antisemitismus („Was ist Antisemitismus“ und „Warum Auschwitz“) hat Gunnar Heinsohn Wesentliches zur Selbstaufklärung der Gegenwart beigetragen. Kann es sein, daß es nur noch einer kleinen Korrektur seines Konzepts bedarf?
Zu Heinsohns Bemerkungen über den Totenkopf wäre an Benjamin zu erinnern, der im Totenkopf die Urallegorie erkannt hat. (Gibt es nicht Gesichter, in denen dieses leere Grinsen des Totenkopfs geronnen, als Charaktermaske eingezeichnet ist? Sind es nicht die „schneidigen“ Profile, die unter Offizieren verbreitet waren, und dann in der SS zum Züchtungsziel der nordischen Rasse geworden sind?)
Tucholskys Satz „Alle Soldaten sind Mörder“ ist zweifellos eine Übertreibung; aber gibt es nicht im Bereich des Soldatischen ein Magnetfeld, das seine Anziehungskräfte vor allem auf einen disziplinierten Mordtrieb ausübt, auf die, die zur Ausübung dieses Triebs die institutionelle Deckung (den „Befehl“) brauchen? Und ist es nicht gerade dieser disziplinierte Mordtrieb, der so empfindlich auf den Vorwurf in dem Satz Tucholskys reagiert?
Die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung, die nicht zufällig mit der Astronomie beginnt (sowohl in der Antike, als auch in der modernen Welt), ist ein Teil des Gattungsprozesses der Menschheit.
Das Angesicht steht für die Fähigkeit, sich mit anderen zu identifizieren, für die Empathie und Barmherzigkeit, dafür daß niemand weiß, ob er selbst anders wäre als einer, den er zu verurteilen geneigt ist, wenn er ernsthaft in seine Situation sich hineinversetzt. So hängt das Angesicht mit Urteil zusammen: Es ist nicht nur die Tötungshemmung, die Emanuel Levinas in ihm erkennt, sondern vielmehr und vor allem eine Urteilshemmung, die zugleich deutlich macht, daß es eine Erkenntnis gibt, die den Rahmen des Urteils sprengt. Auf diesen Sachverhalt bezieht sich das Prophetenwort vom Rind und vom Esel: Diese Urteilshemmung macht die Unterscheidung von Last und Joch erfahrbar.
Die homousia ist das neutralisierte homologein, Produkt der Hellenisierung der Theologie, Anfang der Theologie hinter dem Rücken Gottes. Dieser Neutralisierung verdankt sich der Begriff des Bekenntnisses.
Gründet das Neutrum im Menschenopfer?
Waren nicht die Astrologie und die Alchimie gleichsam Häresien zu einer naturwissenschaftlichen Orthodoxie, die aus ihnen (durch symbolischen Elternmord) sich entwickelt hat? Wie alle Häresien sind sie nur verurteilt, verdrängt und verfolgt, nicht aber aufgearbeitet worden. Während die Astrologie gleichsam die politische Außenseite der Naturwissenschaft repräsentiert, repräsentiert die Alchimie ihre mystische Innenseite. Beide bezeichnen Knotenpunkte der Begriffsgeschichte von Schicksal und Scham.
Der Begriff der Kollektivscham hat den Rechtfertigungszwang, der im Kern der modernen Aufklärung enthalten ist, nur verstärkt, anstatt ihn zu reflektieren.
Der Objektbegriff ist der Pflug, vor den Rind und Esel gespannt sind.
Hodie, si vocem eius audieritis: Dieses Heute tritt ein, wenn der Bann der Natur gelöst ist (mit der Einung des Gottesnamens): Wenn aus den Blinden und Lahmen die, die tun und hören, geworden sind.
Definition der Kommunikationstheorie: Theorie der Signale, mit denen Isolationshäftlinge sich untereinander verständigen (oder auch, nur getrennt davon, ihre Wächter).
Dauer, Folge und Zugleichsein: Gründet nicht die Dauer in der Beziehung von Vorn und Hinten, die Folge in der von Rechts und Links und das Zugleichsein in dem von Oben und Unten (im Verhältnis der Fläche zu der zu ihr gehörenden Normalen)? Ist nicht die Orthogonalität zweier Geraden in einer Fläche zu unterscheiden von der Orthogonalität der Normalen zur Fläche? Kann es sein, daß diese beiden Formen der Orthogonalität sich zueinander verhalten wie die Orthodoxie des Symbolums zu dem der Konfession? -
02.03.94
Ist die Kehrseite der Naturwissenschaften (und ähnlich die der Ökonomie und die des Dogmas und der Bekenntnislogik) elliptisch: Wo ist der zweite Brennpunkt?
Das Interesse an der Erhaltung der Referenzsysteme der Natur, der Ökonomie und der Religion (Inertialsystem, Geld, Bekenntnislogik), die sich ohnehin gegenseitig stützen, der Widerstand gegen ihre Reflexion, ist heute stärker als das Interesse an der Wahrheit.
Was entspricht dem Urknall und dem Schwarzen Loch in der Ökonomie und in der Religion?
Die Rekonstruktion der Bekenntnislogik hat die Entschlüsselung der Sakramentenlehre zur Voraussetzung. Für Augustinus waren das Symbolum und das Herrengebet noch Sakramente, die bei der Taufe übergeben wurden. Wann ist die systematisierte Sakramentenlehre (die Lehre von den sieben Sakramenten) entstanden? Fällt sie nicht unter den gleichen Bedingungszusammenhang wie auch die Konsolidierung der Lehre von den letzten Dingen (Hölle, Himmel und Fegfeuer), die Durchsetzung des Zölibats, der Ursprung der Eucharistie-Verehrung (Fronleichnam) und der Ursprung der Ohrenbeichte; und wird dieser Bedingungszusammenhang nicht durch den neuen, islamisierten (d.h. durch das religiöse Trägheitsgesetz der Ergebung charakterisierten) Weltbegriff, der darin sich abzeichnet, definiert? Ist nicht die Lehre von den sieben Sakramenten (Symptom der Islamisierung des Christentums) bei Thomas von Aquin schon voll ausgebildet?
Die Hegelsche Logik ist die Selbstreflexion des Dings, und ihre Beziehung zur Theologie wäre in dem gleichen Zusammenhang zu bestimmen, in dem der Dingbegriff als die Säkularisationsgestalt der Eucharistie sich erweist. Ist nicht die Philosophie in der Tat der corpus Christi mysticum, aber in der Gestalt des Fronleichnams (der Eucharistie als Symbol des am Kreuz gestorbenen Leibes des Herrn)?
Wie verhält sich der Begriff der Totalität zu dem des Absoluten (oder: wie verhält sich der Faschismus zum Barock)? -
23.02.94
Der moderne Existenzbegriff (wie auch die ontologische Mode) schneidet mit der logischen auch die Reflexion auf gesellschaftliche Vermittlung ab, in der sich das Zweideutige der logischen enthüllt: Gesellschaftliche Reflexion ist Schuldreflexion, die sowohl, wenn sie aus Exkulpationsgründen projektiv betrieben wird, der Selbstentlastung dienen, als auch, wenn sie die Schuldreflexion mit einschließt, auf Veränderung, Versöhnung abzielen kann. Fehler der logischen Reflexion ist es, daß sie diese Zweideutigkeit neutralisiert, beide Momente glaubt zusammenschließen zu können: Darin gründet die Idee des Absoluten, der Mythos der Logik. Ist die Logik das „zweischneidige Schwert“ (Ps 1496, Spr 54, Hebr 412, Offb 116, 212).
Der Existenzbegriff bei Kierkegaard ist nur ein schiefer Ausdruck für das, was Emanuel Levinas die Asymmetrie in der Beziehung des Ich zum Andern (zum Du) genannt hat.
Der Objektbegriff wird aus drei Quellen gespeist:
– aus der naturwissenschaftlich-technischen Vergegenständlichung der Dinge in Raum und Zeit (hic et nunc),
– aus dem unter den Bedingungen des Privateigentums, der Geldwirtschaft, des Tauschprinzips entspringenden Warencharakter der Dinge und
– aus der Bekenntnistheologie und ihrer opfertheologischen Zuspitzung zur Eucharistieverehrung.
Auch für den Objektbegriff gilt wie für die Eucharistie: Praestet fides supplementum, sensuum defectui (Thomas von Aquin: Pange, lingua, gloriosi). Ist das nicht ein Hinweis auf die Stellung der Sakramente zur Objektivität insgesamt:
– Die Taufe und das Wasser (das Wasser im Schöpfungsbericht, die Sintflut, Thales),
– die Buße, die Exkulpation und das Binden durch Lösen,
– die Eucharistie, das Opfer und das Ding (Trennung von Ding und Sache),
– die Firmung und das Selbst (Glaube, Bekenntnis und Autonomie),
– die Priesterweihe und die Instrumentalisierung der Versöhnung (Religion und Herrschaft),
– die Ehe, das Patriarchat, das Inzestverbot, der Staat und das Privateigentum,
– die letzte Ölung, der Messias und die sieben unreinen Geister (die Salbung Jesu durch die „große Sünderin“, Maria Magdalena, die Frauen beim Grabe und die erste Zeugin der Auferstehung)?
Ist die kirchliche Sakramentenlehre Produkt einer Umkehrung der Astrologie (Produkt der Verinnerlichung des Opfers und der Etablierung des Herrendenkens)? Wie hängen die Sakramente (von der Taufe über die Buße, die Eucharistie, die Firmung, die Priesterweihe und Ehe bis zur letzten Ölung) mit den Symbolen und Bedeutungen der Planeten (Sonne, Mond, Merkur, Mars, Jupiter, Venus und Saturn) zusammen?
Wer das Rätsel der Hegelschen Philosophie löst, löst den Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat (während Hegel ihn erneut geschürzt hat).
Ist nicht das Procedenti ab utroque (im Pange, lingua) der konkrete Einspruch gegen das ne-utrum, das Hegel in der Idee des Absoluten restituiert und vollendet hat? – Wenn das Ding die Ursprungsgestalt des Absoluten (der absoluten Neutralisierung) ist, dann ist der Heilige Geist (das verteidigende Denken) der konkrete Einspruch gegen die Verdinglichung (das richtende Denken).
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