Womit die Banken handeln: Ist es nicht schlicht und einfach fremder Leute Geld? Und sind die Banken nicht das Modell der repräsentativen Demokratie: Wie bei den Banken ihr Geld, so geben die Bürger bei der Wahl ihre Stimme ab; was dann mit beiden geschieht, darauf haben sie keinen Einfluß mehr, sie wissen es nicht einmal mehr (vgl. das Verhältnis von Kirche und Bekenntnis).
Was im Planetensystem selbsttätig, nämlich durchs Gravitationsgesetz, zu funktionieren scheint, muß im Geld-Kosmos durch Zentralbanken reguliert werden. Hat der Dopllereffekt etwas mit einer im Kosmos eingebauten Inflationsrate zu tun?
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn: Die Zuordnung der Planeten zu den Wochentagen entspricht nicht der Reihenfolge ihres Abstands von der Sonne.
Kann es sein, daß die Lösung des Rätsels der sogenannten Venus-Katastrophe in dem Satz liegt: Geld macht sinnlich. Und ist das nicht auch ein Hinweis auf das Verhältnis der Venus zum Merkur? Aber die Sinnlichkeit ist die Quelle der Gewalt und des Kriegs, die dann mit Hilfe des Rechts und des Staats zu domestizieren versucht worden sind. Aber sind diese Fortschritte nicht ebensosehr Rückfälle, Regressionen?
Ist nicht das Schema Hure/Heilige ein Nachklang des astrologischen Verhältnisses von Erde und Venus? Und ist nicht dieses Echo im Namen des Materialismus festgehalten, in dem die mater anklingt, aber auch das Geld, der Egoismus und die Sinnlichkeit, die Sexualität? Merkwürdig, daß Jupiter und Mars eher idealistische Konnotationen mit sich führen: Ist nicht der Gegensatz Idealismus/Materialismus an den Gegensatz von Welt und Natur gebunden?
Ist nicht das Rosenzweigsche Konzept der Umkehr der Versuch, das Ergebnis des Objektivationsprozesses von der Sünde der Instrumentalisierung zu erlösen? Und sind nicht in der Tat die Sünden der Welt die Sünden der Instrumentalisierung?
Das Herrendenken sanktioniert den Schuldzusammenhang, macht ihn zur Natur. Dagegen steht das verteidigende, parakletische Denken, auch im Verhältnis zur Natur: als Kritik und Auflösung des Naturbegriffs.
Mit der Trennung des jüdischen und christlichen Wegs, und der Anerkennung auch des christlichen Wegs, hat Franz Rosenzweig den Christen den Tikkun übertragen. Ist nicht Franz Rosenzweig Christ geworden, als er Jude blieb?
Waren nicht die Schreiber die Herren und Verwalter der Sprache?
Sind die Schafe mitsamt den Schäfern nicht ein entsetzliches Bild der Trägheit, und gehören dazu nicht die Hunde?
Das „Alte Testament“ ist die babylonische Gefangenschaft der Tora. Und hatte Jesus nicht recht, als er sagte, daß eher Himmel und Erde vergehen werden, bevor auch nur ein Jota vom Gesetz vergeht (vgl. Lk 1617): Himmel und Erde sind (mit dem Weltbegriff: dem Konzept der creatio mundi und der Entsühnung der Welt durch den sogenannten Opfertod am Kreuz) vergangen. Damit war auch die Tora vergangen, domestiziert, zu einer Waffe des Antijudaismus geworden. Die Erben der griechischen Barbaren: für die Christen waren das die Juden, die Heiden, die Ketzer (und die Erben der Natur und Materie? – Himmel und Hölle, die Eucharistie und das verdinglichte Wort?).
Haschamajim: Sind es nicht die Feuer der Kritik, die die unteren Wasser in die oberen, den Mythos in Segen verwandeln? Und bezieht sich darauf nicht das Wort vom Binden und Lösen? Die Gebete der Heiligen sind Gott ein süßer Geruch (Reinhold Schneider: Allein den Betern kann es noch gelingen …). Und: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Und wie froh wäre ich, es würde schon brennen. (Lk 1249)
Bekenntnislogik
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23.03.93
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22.03.93
Ist der deutsche „Ernst“ (K.-H. Bohrer in der taz) nicht der tierische Ernst, und hängt er nicht mit der Bindung des Nationbegriffs an das Blut (mit der deutschen Staatsmetaphysik) zusammen?
„Jede Schuld rächt sich auf Erden“ (an wem?). Diese mythische Beziehung von Schuld und Rache ist die Geschäftsgrundlage des Strafrechts, gewinnt ihre volle mythischen Gewalt aber nur unter den Prämissen der deutschen Staatsmetaphysik, die glaubt, die Politik von der Politik erlösen, befreien zu können, die den Schein erzeugt, Politik könne durch Verwaltung ersetzt werden (durch den Rechtsstaat), und der Schein der Unschuld reiche aus, die politische Qualifikation zu beweisen. Sie ist eine Folge der unaufgearbeiteten Vergangenheit. Zu dieser nicht aufgearbeiteten Vergangenheit gehört auch das Fehlen eines Friedensvertrages: die Krisen der „Wiedervereinigung“, aber auch die Krisen in der dritten Welt, die nach dem Zusammenbruch der staatskapitalistischen Länder des Ostens (nach dem Ende der direkten Bedrohung) auf andere Weise nach Europa zurückkehren, sich in Jugoslawien und jetzt in den aus der Sowjet-Union hervorgegangenen Staaten reproduzieren, lassen das Versäumnis spürbar werden: Es ist nicht gelungen, reale Grundlagen für die veränderten Verhältnisse zu schaffen, ja, der Mangel wird nicht einmal gefühlt. Und niemand scheint in der Lage zu sein, die Dinge vom Grunde her zu bereinigen: Aber ist das nicht vielleicht sogar objektiv unmöglich geworden? Alle schlittern in Katastrophen hinein und niemand weiß, weshalb.
Ist nicht der Satz, der Staat sei der Schöpfer der Welt, insoweit umkehrbar (und auch umzukehren), als sich jetzt herausstellt, daß die Welt Schöpferin des Staates ist, die in ihm nur den Schein eines Herrn erzeugt, den sie aber dann in ihren Orkus mit hereinreißen wird, wenn die Dinge endlich selber Herr des Prozesses werden, in dem sie einmal entsprungen sind.
Die jüngstvergangene Mode ist das Längstvergangene.
Engholms Satz, daß man vor dem Einsatz der Bundeswehr außerhalb der NATO „die Familien befragen“ müsse, ist so brav, so privatistisch und so unpolitisch wie dieser ganze Mann. Hier läuft wieder einer in die Exkulpationsfallen hinein, in denen die Politik heute verkommt. Zu fragen wäre,
– ob es überhaupt sinnvoll ist, in diesem Weltzustand (der zugleich keine andere Alternative zuzulassen scheint) noch Politik auf militärische Gewalt zu gründen,
– ob den objektiven Aufgaben des Militärs (Sicherung der Einrichtungen und der Versorgung der Metropolen) das Institut einer allgemeinen Wehrpflicht noch gerecht werden kann, ob nicht eine Freiwilligen-Armee (eine Art Fremdenlegion der NATO) den Aufgaben besser gerecht würde.
– Die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht aus anderen (staatspolitischen, „erzieherischen“) Gründen, zum Zweck der „inneren Stabilisierung“ des Gemeinwesens, ist objektiv nicht zu begründen, es sei denn, man würde offen für einen faschistischen Staat votieren.
Es sind offensichtlich die naheliegendsten Gedanken, die keiner mehr offen auszusprechen (und in der Folge keiner mehr zu denken) wagt: Jeder hat Angst, von der Schubkraft des Bestehenden fortgespült zu werden. Das Denkbare ist zum Undenkbaren geworden. Aber sind die Probleme, die jetzt an allen Ecken und Enden der Welt aufbrechen, noch mit den Kurzschluß-Methoden einer Politik zu lösen, in der durch die wechselseitige Kontrolle aller sichergestellt wird, daß keiner mehr politisch zu denken wagt.
Ist das „Ich denke, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können“ (sic, B.H.) nicht das Gegenteil des Denkens: eine exkulpierende Instanz? Ist hier nicht die Leerstelle, in der dann die Nationalismen und die Bekenntnisse sich ansiedeln? Das Kind der illegitimen Beziehung beider ist der Faschismus.
In der Studie über den autoritären Charakter gibt es einen Abschnitt mit dem Titel „no pity for the poor“; und die Studie insgesamt ist eine Studie über Xenophobie.
Schlimm und verhängnisvoll, und ein Teil jenes Ärgernisses, von dem Jesus gesagt hat, es müsse kommen: „aber wehe denen, durch die es kommt“, ist das opfertheologische Konzept einer „Entsühnung der Welt“, die Lehre von der „Hinwegnahme der Sünden der Welt“.
Die Philosophie oder das Herrendenken ist der Grund der Selbstzerstörung des Antlitzes.
Sind die staatlichen und wirtschaftlichen Verwaltungshierarchien, und in ihnen das Prinzip der Delegation der Verantwortung, nicht Formen der Säkularisation der andern Hierarchien, ihrer endgültigen Subsumtion unters Herrschaftsdenken. Die Vergesellschaftung von Herrschaft hat den Engeln den Existenzgrund entzogen, sie durch Regierungs- und Amtsräte ersetzt. Ist nicht die Verwaltung der Inbegriff der sieben unreinen Geister? Es käme in der Tat heute darauf an, die Theologie auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, anstatt sie weiterhin seßhaft zu verwalten.
Hat der gordische Knoten, der Joch und Deichsel des Ochsenkarrens verbindet, etwas mit dem Ursprung der Schrift zu tun (des Aleph, Bet): Alexander hat diesen Knoten nicht gelöst, nur durchschlagen. Der Weltbegriff ist der durchschlagene Knoten (der den Objektivations- mit dem Vergesellschaftungsprozeß verknüpft). Im Kern dieses Knotens stecken die subjektiven Formen der Anschauung Kants.
Durch die subjektiven Formen der Anschauung sind wir gleichsam exzentrisch an den Weltprozeß gefesselt.
Für Israel war die Schrift die hebräische Schrift: Ausdruck der Fremdheit, die im Namen des Hebräischen anklingt. Ist nicht die Lösung des Rätsels des Namens der Hebräer ein Anfang der Lösung des Rätsels des Ursprungs der Schrift?
Der Weg zu den Enden der Welt, die Bekehrung der Welt, bezeichnen einen Vorgang, der in der äußeren und inneren Welt zugleich sich abspielt.
„Muß in einer historischen Welt nicht jemand genau so alt sein wie die Welt?“ (Levinas: Schwierige Freiheit, S. 164)
S. 167 nennt Levinas das Bekenntnis ein „Beiwerk des bürgerlichen Komforts“.
Der Weltbegriff unterwirft auch die Vergangenheit dem Bann der Herrschaft: er begründet und stabilisiert ein gleichsam kolonialistisches Verhältnis zur Vegangenheit. Hier werden Vergangenheiten immer nur überwunden; der Ausschluß der Trauerarbeit (des Eingedenkens) ersetzt das Sich-Hinein-Versetzen durch die Einfühlung in die Vergangenheit (den Historismus). Der Weltbegriff versiegelt das Grab, in dem die Toten auf die Erweckung warten.
War nicht die Hexenfurcht auch die Furcht vor der Auferstehung der Toten (abzulesen an den Projektionen der Inquisitoren)? Aber die Alternative ist nicht die Leugnung der Auferstehung, die sich die Physik als Instrument geschaffen hat, sondern ein Verständnis, das die Erweckung der Toten Gott vorbehält. War die Hexenverfolgung von der Furcht vor den Toten bestimmt, dann war Auschwitz der Testfall (der Testfall des perfekten Verbrechens): der experimentelle Beweis dafür, daß es keinen Grund gibt, die Toten zu fürchten. Aber wie die Gräberschändungen beweisen, können die Rechten doch nicht so recht an das Ergebnis des Experiments glauben.
Ist nicht die Schrift der Friedhof, auf dem die Toten der Auferweckung harren?
„Name ist nicht Schall und Rauch.“ Ist nicht der Stern der Erlösung ein Versuch, in dieses Buch den eigenen Namen (Ich, mit Vor- und Zunamen) einzuschreiben?
Die Anonymität des Apokalyptikers, sein Versuch, sich in fremde Namen einzuschreiben: Sind das nicht auch Versuche, im andern sich der der eigenen Auferstehung zu versichern? Und bezieht sich das „Wenn ich will, daß er bleibt, was geht’s dich an“ nicht auf den Namen des Johannes, des Apokalyptikers?
Der Begriff der Erbsünde verweist auf den Zusammenhang des Weltbegriffs mit dem des Erbes; Zwischenglied ist das Wort von den Sünden der Welt.
Muß man sich die Sätze, mit denen die Philosophie die Logik demonstriert hat, nicht doch ein wenig genauer ansehen:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
Der Prämisse hat die Theologie seit je mit der Lehre von der Auferstehung wiedersprochen. Dem Schluß, daß Sokrates sterblich sei, wäre anzumerken, daß er nicht gestorben ist, sondern einem durch Rechtsspruch verordneten Selbstmord aus freiem Willen sich gefügt hat. Hat nicht dieser Tod, das dem Staat freiwillig dargebrachte Selbstopfer, mehr mit dem Ursprung und Charakter der Philosophie, auch mit dem sokratischen Daimon, zu tun, als bisher angenommen wurde? Zum Kreuzestod Jesu gehören die Worte „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ und „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Ist nicht der Selbstmord des Sokrates ein Paradigma der Philosophie seitdem, bis hin zum „Vorlaufen in den Tod“ Heideggers? Die affirmative Beziehung zum Tod gehört zu den Grundlagen des philosophischen Welt- und Selbstverständnisses.
Die säuberliche Trennung der Seele vom Leib die dem christlichen Unsterblichkeitsverständnis zugrunde liegt, raubt ihm zugleich seinen Existenzgrund.
Ist nicht das Geld der Goldgrund des Staates, politisch-ökonomischer Reflex des Sonnensystems, die säkularisierte Sonne selbst? Und sind nicht die Ministerien und die Verwaltung ein Abbild des Planetensystems? Die Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft, die Geschichte des Vergesellschaftungsprozesses insgesamt, hat in den Subjekten das Chaos hinterlassen, dessen Opfer sie zugleich geworden sind, weil sie es in den Ordnungen, die das Chaos produzieren, nicht erkennen können.
Dorn, Horn, Zorn, Korn, vorn: Sind das Wörter, die sich nur zufällig reimen?
Werden die verschiedenen Hörner (Ochs und Widder, Schofarhorn, Hörner des Altars, Hörner des Drachen) auch im Hebräischen durch das gleiche Wort bezeichnet?
In welcher Relation stehen die Massen, die Entfernungen von der Sonne und die Geschwindigkeiten der Planeten? -
16.03.93
Waren die Tempel die Brutstätten der semitische Sprachen, und das Königtum die der indogermanischen? Und haben in Ägypten die Pyramiden die Tempel abgelöst?
Der Schrecken Isaaks: Hängt das Lachen mit dem Fressen zusammen, und der Schrecken Isaaks mit der Erinnerung an das Menschenopfer, das Opfer der Erstgeburt?
Heute prallt die Idee der Güte, einer göttlichen Gerechtigkeit, am Zustand der Welt und an der Unaufhebbarkeit der Vergangenheit ab. Die Opfertheologie ist eine Kompromißbildung, die dem Eingedenken und der Güte den Grund entzieht.
Wird der letzte Satz des Geists der Utopie vielleicht wahr, wenn man in ihm den Namen Gottes durch den des Staates ersetzt? -Zumindest führt das in die Nähe der Lösung.
Was man von Rosenzweig lernen kann: Umkehr, Name und Antlitz: Aber Umkehr, Name und Angesicht: sind das nicht die eigentlich gemeinten Objekte der evangelischen Räte: der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit?
Erst wenn man begreift, daß das Antlitz des andern die Epiphanie (das reale Ebenbild Gottes) ist, begreift man was Tod und Trauerarbeit heißt.
In Kafkas Strafkolonie wird der Name in den Rücken des Delinquenten eintätowiert. Liegt hier der Grund des Satzes: Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.
Wann und wo hat Jesus eine Priesterkirche und eine Priesterreligion gestiftet?
Als die Jünger nach ihrer ersten Aussendung zurückkehrten, berichteten sie, daß sie in seinem Namen Dämonen ausgetrieben hatten. Darauf antwortete Jesus, nicht das Dämonenaustreiben sei das Entscheidende, sondern daß ihr Name im Himmel verzeichnet sei. Und er fügt hinzu: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. (Luk 1018) Aber vom Menschensohn heißt es dann (1724): Denn wie der Blitz leuchtet von einem Ende unter dem Himmel bis zum andern Ende unter dem Himmel, so wird der Sohn des Menschen sein an seinem Tag.
Ähnlich wie die Richtungen im Raum sind auch der Raum, das Geld und die Bekenntnisform austauschbare und gleichwohl deutlich unterschiedene Kategorien, zusammengehalten nur durch den Weltbegriff.
Dem Naturbegriff, der die Auferstehung der Toten leugnet, wäre die Trauerarbeit allein angemessen, während dem affirmativen Naturbegriff der Begriff einer Versöhnung über Gräbern (des blasphemischen Kerns der deutschen Staatsmetaphysik) entspricht.
Welt ist der Inbegriff der Sünden der Welt, Natur die Schuld, die auf der Natur lastet.
Sind an Stammheim nicht beide Varianten erschreckend: sowohl der als Selbstmord getarnte Mord (das perfekte Verbrechen des Staates), als auch der als Mord getarnte Selbstmord (der vorgetäuschte Opfertod). Aber hat nicht das perfekte Verbrechen des Staates doch eine andere Qualität als der instrumentalisierte Selbstmord? Und sind nicht beide Formen der Säkularisation der Opfertheologie und des Bekenntnisses, einer zweiten Säkularisation?
Zum Bild vom Zug, der auf den Abgrund zurast: Sind nicht die Geschwindigkeit des Zuges und die Tiefe des Abgrunds von einander abhängige Variable? Ist die Energiequelle nicht die Zukunft, die hier verheizt wird; erzeugen wir nicht mit dem Reichtum auch die Armut, und erreichen wir nicht heute die Grenze, an der es nicht mehr möglich ist, sie nach draußen zu exportieren? – Die Ableitung des Geldes aus dem Tauschverhältnis setzt voraus, was eigentlich zu beweisen wäre (und macht es so unsichtbar): die Beziehung des Geldes zur Schuld; mit dem Privateigentum (mit der Privatisierung der Selbsterhaltung) entspringt auch die Schuldknechtschaft, die Versklavung durch Verschuldung, nicht mehr nur durch Gefangene aus Kriegen.
Wenn es stimmt, daß die Geschichte der Aufklärung die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers ist, wäre es dann nicht notwendig, die Geschichte des Opfers genauer in Augenschein zu nehmen?
Ist nicht das Angesicht die Form der Auflösung (das Produkt der Inversion) der Form der Anschauung: des Raumes?
Glück ist eine nicht auf die Sexualität, sondern aufs Angesicht bezogene Kategorie (zum Begriff der Sinnlichkeit).
Geben nicht die Schelerschen/Hartmannschen Schichtentheorien (vom Anorganischen, Pflanzlichen, Tierischen bis zum Geist) einen Hinweis auf den Ursprung und die Bedeutung der geologischen Schichten? So wie ja dann auch in der Tat die Evolutionsstufen des Lebens bestimmten geologischen Schichten zugeordnet werden können.
Die babylonische Sprachverwirrung hat die benennende Kraft der Sprache nur eingeschränkt, nicht aufgehoben. -
13.03.93
Leer, gereinigt und geschmückt: Bezieht sich das nicht auf den Raum, das Geld und das Bekenntnis?
Entscheidend zum Verständnis des Sterns der Erlösung: Die Todesangst, mit der die Erkenntnis anhebt, weist auf eine gemeinsame Todes- und Erkenntnisgrenze hin: aufs Inertialsystem (nur Vergangenes kann gewußt werden). In diesem Zusammenhang ist der Naturbegriff bei Rosenzweig genauer zu bestimmen.
Beziehung des Orion und der Plejaden zum Binden und Lösen: Die Geschlossenheit des Kreises enthält ein Moment des Scheins, und zwar das gleiche, dem auch die Vorstellung von der Abgeschlossenheit der Vergangenheit sich verdankt. Die Geschlossenheit des Kreises verewigt die Abgeschlossenheit der Vergangenheit, sie verschließt damit die Zukunft.
Das Binden und Lösen beschreibt sowohl einen Gegensatz, als auch eine wechselseitige Bedingung: es gibt ein Binden oder Lösen wie auch ein Binden durch Lösen und ein Lösen durch Binden.
Hat die Türangel (der Angelpunkt) etwas mit angelus, dem Engel zu tun?
Es gibt den Stein als Fundament und als Eckstein. Was ist der dreimal leugnende Fels? Vgl. hierzu auch die rätselhafte Stelle: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. (Joh 2118) Wird nicht heute die Kirche geführt, wohin sie nicht will? Ist die Kirche dadurch nicht selber zum Herzen der harrenden und sich sehnenden Schöpfung geworden, und wartet sie nicht als ohnmächtige Kreatur auf die Freiheit der Kinder Gottes? Rührt nicht die Kirche allein noch an der Naturgrund von Herrschaft?
Der Baum des Lebens hat seine Wurzeln im Paradies. Merkwürdige Affinität von Wurzeln und Blitz (bei Frieda Kahlo).
Zu Joh 129: Im Buch Numeri (1117, sh. auch vorher V. 14) findet sich der Hinweis, daß der Geist die Übernahme der „Last des Volkes“ mit einschließt. Die „Sünden der Welt“ sind eine Potenzierung (und Universalisierung) der Last des Volkes.
Definition der Archäologie: In den Ruinen der untergegangenen Welt die Spuren der vergangenen Zukunft suchen.
Werden nicht heute die als trunken beschimpft, die die Trunkenheit aller nur wahrnehmen?
Zu Johann Baptist Metz: Das Lied „Mein Gott, wie schön ist deine Welt“ gilt nur noch für die zukünftige Welt, für den Inbegriff der göttlichen Verheißungen (die Ideen des Reiches Gottes, des seligen Lebens).
Die Vorstellungen vom Alter der Welt, von der Tiefenzeit, sind primär menschheits- und naturgeschichtlich, sekundär astronomisch und zuletzt geologisch begründet.
Ist nicht die Auferstehung Jesu ein Stück vergangener Zukunft, das nur durchs sogenannte Ostermysterium ins Heidnische zurückgebogen wurde: kein Natursymbol, sondern die Sprengung des Naturbegriffs selber?
Heute setzt die Welt die Menschen so unter Anklagedruck, daß jeder nur noch seine Unschuldsnische sucht. Und parakletisches, verteidigendes Denken gibt es nur noch im Kontext der Übernahme der Sünden Welt; das ist der Kern des Nachfolgegebots. Seit den Kirchenvätern verletzt die christliche Theologie das Gebot „Richtet nicht …“, und sie ist seitdem gerichtet.
Ist das Glaubensbekenntnis nicht in der Tat ein Sündenbekenntnis, dazu noch ein im Kern verstocktes: eins, das das Bewußtsein, ein Sündenbekenntnis zu sein, verloren/verdrängt hat und ins Affirmative verfälscht worden ist.
In welcher Beziehung steht das kreisende Flammenschwert des Cherubs am Eingang des Paradieses zu den Rädern des Gotteswagens, der Merkaba, bei Ezechiel?
Doppelaspekt des Opfers: als Opfer der Gegenwart um der Zukunft (des Lohnes) willen, oder aber die Errettung der der Vergangenheit geopferten Zukunft? -
11.03.93
Ist es eigentlich so ganz abwegig, wenn man den Begriff der Totalität mit dem des Tötens in Verbindung bringt?
Ist nicht der Komparativ der Hebel der Neutralisierung, und der Superlativ Ausdruck der Idolatrie: der Instrumentalisierung des Göttlichen?
Der Komparativ und der Ursprung des Sports (höher, schneller, weiter).
Das „Richtet nicht“, das „Liebet eure Feinde“ und das „Seid arglos wie die Tauben“ gehören zusammen und bilden ein System. Sie sind Teil der negativen Trinitätslehre: Der Richtende leugnet den Vater, der Hassende den Sohn und der Paranoide den Heiligen Geist.
– Richtet nicht: Kritik des Geldes,
– Liebet eure Feinde: Kritik des Bekenntnisses, und
– Seid arglos wie die Tauben: Kritik des Raumes.
Ist nicht das Problem des Ursprungs der Schrift noch rätselhafter als das des Ursprungs des Geldes? Waren die Keilschrift-Schuldscheine in den altorientalischen Tempeln nur Schuldscheine? Ist die Verflechtung des Ursprungs der Schrift mit dem Ursprung des Geldes, beide vermittelt durch das Realsymbol des Opfers, nicht doch enger? Krankt nicht das Heinsohn-Illingsche Konzept an der Unfähigkeit zur Reflexion von Sprache und Schrift (an der Verwechslung gesellschaftlicher und realer Naturkatastrophen), oder an der Verdrängung des Problems des Ursprungs von Sprache und Schrift (Beziehung der sumerischen zur hethitischen Sprache, Ursprung der indogermanischen Sprachen und der Buchstabenschrift)?
Theologie ist Sprachphilosophie, die die Dinge wieder zum Sprechen bringen will, indem sie den Bann des Verstummens löst. Die Todesgrenze ist eine Sprachgrenze (und die Existenz der Sprache die Widerlegung des Wahrheitsanspruchs der Physik).
Die Opfertheologie hat den Tod, den die Welt uns auferlegt, instrumentalisiert. Wenn der Begriff der Todsünde ein gegenständliches Korrelat hat, dann ist es die Opfertheologie (als Kern der Sünde der Welt). War nicht die Todesangst in Getsemane die Angst vor der Instrumentalisierung des Todes (und so die Angst vor dem Grund der Todesangst).
Hegels Wort von der „falschen Zärtlichkeit für die Welt“ ist projektiver Natur: es verbirgt Hegels eigene falsche Zärtlichkeit für den Geist. Zwar vermag nur der Geist den Widerspruch zu ertragen, aber dieser Widerspruch ist der Widerspruch der Welt, und: wer angesichts von Auschwitz den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.
Die Sprache, die aus dem Leiden Literatur macht, versündigt sich am Leiden (und nur dem Dichter gab ein Gott zu sagen, was er leidet). Aber gibt es eine Alternative?
Während Jesus einzig die Nachfolge fordert, begnügt sich die Kirche (im Auftrage der Welt) mit dem Bekenntnis.
Hängt die 3. Pers.-Endung -nd (sind) mit der Partizip-Endung -nd (seiend) zusammen?
Haben Infinitiv und Neutrum einen gemeinsamen Ursprung?
Öffentlichkeit, Medien und die Denunziation: Vor dem Gericht der Öffentlichkeit reicht jeder Verdacht aus, während Verteidigung keine Chance hat (Prinzip Drachenfutter). Man darf keine Fehler mehr machen, aber das zerstört die Phantasie und die Kreativität. Heute beherrschen die Medien die Phantasie, besetzen die letzten Schlupflöcher und lassen keine freie Phantasie mehr zu. -
06.03.93
Die subjektiven Formen der Anschauung (Raum und Zeit, aber auch das Geld und das Bekenntnis) sind ein Reflex des Gewaltmonopols des Staates. Die Grenze, die den Herrn von den Beherrschten trennt, ist eine Todesgrenze. Der Bann bezeichnet genau diese Todesgrenze. Das Recht zu töten bleibt der Natur und dem Staat vorbehalten, während Gott die Toten auferweckt. Stehen wir nicht unter dem Bann der subjektiven Formen der Anschauung, sind wir nicht allesamt Kaninchen vor der Schlange?
Das Zeichen des Jona: Bezieht sich dieses Wort nicht doch auf den letzten Satz des Buches Jona, und ist nicht die Nicht-Zerstörung von Ninive die Katstrophe? Aber hat Gott nicht hier den Grund seines Zuwartens (nicht seiner Barmherzigkeit) benannt? Hierauf antwortet erst wieder das Buch Tobit. Aber was hat es dann mit der „Buße“ des Königs, der Menschen und des Viehs auf sich?
Im Kontext des Begriffs ist die Beziehung der Sprache zum Wesen durch den Schein vermittelt, während die benennende Kraft der Sprache sich erst durch die Kritik des Scheins hindurch erschließt.
„Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.“ (Spruch an der Mauer der Startbahn West des Frankfurter Flughafens)
Die Deutschen: ein Volk ohne Gottesfurcht. Das ist der Grund der deutschen Staatsmetaphysik, und deshalb hat das Gewaltmonopol des Staates nur hier diese überschießende Bedeutung.
Nicht: Mach unser Herz von Sünden rein, sondern: Ersetze unser steinernes Herz durch fleischernes.
Zum Paradigma des Angesichts: An dem Beispiel mit dem Kind in der Familie läßt sich noch mehr verdeutlichen. Steckt in dem Reden über das Kind (hinter seinem Rücken) nicht bereits die ganze Welt? Ist nicht die Welt das Erbe, dessen Last wir den Kindern aufbürden?
Das Gefährliche an der Politik heute, das, was man ihre Abgehobenheit und die Arroganz der Macht nennt („Solidarpakt“ oder die „Sozialverträglichkeit“ der Kürzung der Sozialhilfe), ist begründet in dem Bündnis von Sprache und Macht, das den Machtlosen, den Objekten der Politik die Sprache raubt: diese finden in der Sprache der Politik ihre eigenen Erfahrungen nicht wieder, sie bleiben stumm und unmündig. Für sie ist der Sprache der Politik nur noch die Sprache der Gewalt.
Hat nicht die Rezeption des Weltbegriffs in der Theologie und das dem zugrundeliegende Bündnis der Kirche mit der Macht die Kirche in den Wiederholungszwang versetzt: den Logos seitdem immer wieder kreuzigen zu müssen. Für die Kirche ist Jesus zu einem geworden, der nicht wußte, was er sagte; aus ihrem Besserwissen hat sie die Theologie gemacht. Was ist das Dogma anderes als das entleerte Wort: auch das dann gereinigte und geschmückte Wort.
Wer wählt, gibt seine Stimme ab.
Ist das Allgemeine die Gemeinheit aller?
Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde. Aber nachdem der Kosmos endgültig vom Himmel gereinigt worden ist, ist der Himmel uns auf eine ganz andere Weise zum Greifen nahe gerückt. Hierauf bezieht sich das Wort vom Lösen.
Zum Schamanentum: Kann es nicht sein, daß in den Opfern und Riten der Religionen und in den sie begleitenden Anschauungen Aufschluß zu finden ist nicht nur über ihren eigenen Sozialcharakter, über ihre Stelle im historischen Prozeß, sondern auch über die Gründe der Welt?
Hat der Brief an die Philipper nur etwas mit der Stadt Philippi zu tun, oder auch etwas mit den Anhängern des Philippus (der den äthiopischen Eunuchen bekehrte und dann mit seinen vier prophetischen Töchten in Antiochia lebte)? Und ist Timotheus nicht einfach der Gottesfürchtige? -
23.02.93
Off 411: Ist ta panta ein Plural? Dann kann man es nicht mit „Welt“ übersetzen.
Virginitas: Nach Hypostasierung der Materie (der Sexualität) Heiligsprechung der Unschuld; Produkt der Individualisierung und Privatisierung der Moral, Folge des Verzichts auf Weltkritik, Abwehr des Anteils am Schuldzusammenhang des kollektiven Weltgrunds.
Als Gefangene unserer Geschichte sind wir Gefangene der anderen.
Müßte man im NT nicht das homologein im „Bekenntnis“ des Namens mit „Heiligung“ des Namens übersetzen?
Nicht Herrschaft-, sondern Gewaltkritik: Idee einer Herrschaft ohne Gewalt (Gen 1: Zusammenhang des Herrschaftsauftrags mit dem vegetarischen Nahrungsgebot, d.h. ohne Töten der Tiere).
Das Votum gegen den Anthropomorphismus der jüdisch-christlichen Tradition (eine notwendige Folge der Rezeption des Weltbegriffs) ist ein Votum gegen die Erinnerung, gegen das Verstehen des andern: ein Votum gegen den Heiligen Geist.
Der Weltbegriff symbolisiert die vollendete Selbstentfremdung.
Wenn die Welt durchs Kreuzesopfer entsühnt wurde, kann Politik kein Gegenstand der Kritik mehr sein.
Hängen die Differenzen im Weltbegriff im Griechischen und Lateinischen (kosmos und mundus) mit denen im Naturbegriff (physis und natura) zusammen?
Das Christentum kann sich nur über die jüdische Religion und über den Islam selbst begreifen.
Zum Binden und Lösen vgl. Hiob 3831 (vgl. auch Hiob 99 und Am 58): Knüpfst du die Bande des Siebengestirns, oder löst du des Orions Fesseln? (Siebengestirn = großer Bär? Orion = Sternbild der Äquatorzone, im Winter am Abendhimmel sichtbar.)
Der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs trennt das Tun vom Urteil: vom Erwischtwerden. Er verlegt die Sünde ins Erwischtwerden. Das war der Hintergrund der Seiterschen Bemerkung nach Rostock, als er nur die Befleckung des deutschen Namens im Ausland wahrnahm, aber weder die Ängste und die Schmerzen der Opfer jetzt, noch die Erinnerungen derer, die die Schrecken der Vergangenheit erlebt und überstanden haben, und auch nicht den barbarischen Zustand der Täter. Hat er damit nicht die Opfer (auch die vergangenen, die schon einmal ausgebürgert wurden) in einem ganz neuen Sinne zu „Ausländern“ gemacht? Und sind die Lichterdemonstrationen nicht doch auch nur ein Stück Exkulpationsdemonstration: Wir sinds nicht gewesen (der Sprachregelung Kohls entsprechend: Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich)? Klingt in dem Ganzen nicht auch ein spätes Echo der Friedensreden Hitlers nach?
Die sieben unreinen Geister, sind das nicht auch Produkte des Mißbrauchs der sieben Sakramente (als Instrumente zur Begründung und Stabilisierung des Weltbegriffs)? Und ist nicht die analogia entis ein nicht ganz ungefährliches Konstrukt: ein früher Hinweis darauf, daß am Ende die Natur christologische Züge angenommen hat?
Hängen die sieben unreinen Geister damit zusammen, daß auch der Syrer Naaman erst durch die siebenfache Taufe im Jordan von seinem Aussatz befreit wurde? Was hat es mit dem Jordan auf sich: Johannes taufte am Jordan; und mit der Überschreitung des Jordan beginnt die Landnahme unter Josua?
Das Hegelsche Weltgericht ist der Inbegriff der Sünden der Welt, Produkt der Unfähigkeit, sich in den andern hineinzuversetzen.
Erinnerungsarbeit ist die Antwort auf die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit (Hinweis: der Raum ist die Macht der Vergangenheit über die Zukunft). Dazu bedarf es der Arglosigkeit, der Freiheit vom paranoiden Denken.
Gibt es heute noch Reichtum; und eröffnet sich hier, in der Vorstellung des Reichtums selber, nicht ein Abgrund.
„Sind wir Gefangene unserer Geschichte?“ Bezieht sich das Wir und das Unser auf das gleiche Subjekt: Gibt es hier nicht ein Übergewicht der Last der christlichen Geschichte?
Der Weltbegriff ist der Vorhang, hinter dem wir unschuldig schuldig, und d.h. gemein geworden sind. Ist nicht die Physik eine Form der paranoiden Erkenntnis? Der Weltbegriff ist ohne einen projektiven Anteil (und ohne die Stabilisierung dieses projektiven Anteils) nicht zu halten. Die „Entsühnung der Welt“ ist eigentlich die Entsühnung des Subjekts: die Erlaubnis, sich ohne Bewußtsein von Schuld des Instruments des Weltbegriffs zu bedienen. Durch die creatio mundi ex nihilo wurde diese Schuld Gott, und durch die Opfertheologie zugleich Jesus angelastet: Liegt hier der logische Grund der homousia?
Wird aus dem Koran das gleiche Wort im Englischen mit „creator“ und im Deutschen mit „Herr“ übersetzt? Wenn ja, welcher Schöpfungsbegriff steckt dahinter: einer, der den Untertan zur Kreatur seines Herrn macht?
Wo liegt die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen (zwischen mir und dem anderen)?
Das Frauen, wenn sie in den Himmel kommen, zu Männern werden, ist keine Erfindung Tertullians; es steht schon so bei Lukas, wo es heißt, daß die, „die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, … durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes werden“ (Lk 2036).
Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen (Lk 2114): Das ist das Verbot der vergegenständlichenden Theologie.
Im Schöpfungsbericht kommt dreimal bara und dreimal baruch vor, dreimal „schaffen“ (Himmel und Erde, Fische und Vögel und die Menschen) und dreimal „segnen“ (im Hinblick auf die Fische und Vögel, die Menschen und den siebten Tag).
Der biblische Herrschaftsauftrag an den Menschen unterscheidet sich von der Geschichte der Naturbeherrschung dadurch, daß er das Töten ausschließt. Er folgt nach dem vegetarischen Nahrungsgebot für Menschen und Tiere. Herrschaftskritik wäre von Gewaltkritik zu unterscheiden, und an den Naturwissenschaften die Verblendung zu bestimmen, die auf die Gewaltsubstanz der Welt (auf die Beziehung zum Gewaltmonopol des Staates) verweist.
Hängt die Frage der Beziehung von Herrschaft und Gewalt (und der Beziehung beider zur Macht) mit der Bildung des Angesichts zusammen? Wie unterscheiden sich Herrschaft, Gewalt und Macht?
Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen (Joh 35). Bezieht sich das nicht auf Gen 12 (auf den Geist Gottes über den Wassern, und die erste Geburt, vor der Wiedergeburt, auf die Finsternis über dem Abgrund)? Ist die Finsternis über dem Abgrund die Idolatrie, und der Geist über den Wassern die Prophetie?
Nach Auffassung des Islam ist Koran das Äquivalent der zerstörten ersten Tafel vom Sinai, und ebenso das Äquivalent zur Person Jesu, nicht zu den Evangelium, zum „Neuen Testament“. Ist nicht nur der Koran eine „Heilige Schrift“ (und die entsprechende Benennung der Bibel ein Produkt der Islamisierung)?
Was bedeutet es, wenn im Hebräischen schon die zweite Person (und nicht erst die dritte) nach Geschlechtern getrennt ist? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis wider deinen Nächsten geben?
Mit der Verdrängung der Idee des seligen Lebens wurde die Wurzel der Sinnlichkeit abgeschnitten.
Lebt nicht die Stummheit des Helden in veränderter Gestalt im Begriff und in der persona fort?
Falsch ist die quasi teleologische Beziehung des Kreuzestodes auf mein Seelenheil.
Kann es sein, daß die männliche Rolle des Konfessors daher rührt, daß die Männer das Opfer begehen, d.h. die Schuld auf sich nehmen, während die Frauen zum Priestertum nicht zugelassen wurden, um sie vor der Schuld des Opferns zu bewahren (Grund der religiösen Bedeutung der virginitas)? Vgl. auch Walter Burkert: Wilder Ursprung.
Materie und Opfer: Das Opfer hängt mit der Erfahrung des Tötens zusammen, ist ein Mittel der Verarbeitung dieser Erfahrung. Es wurde überflüssig mit der Verinnerlichung des Opfers: mit dem Ursprung der subjektiven Form der äußeren Anschauung, der Konstituierung der Raumvorstellung. Auch die Materie ist Produkt des Tötens.
Burkert, S. 22: Darstellung eines Schuldverschubsystems.
Der Weltbegriff rechtfertigt das Töten und die Naturbeherrschung ohne die Erinnerung des Opfers (unter Verdrängung dieser Erinnerung).
Wo gibt es die indogermanische Mediopassivform, und was bedeutet sie (Burkert, S. 25)?
Gibt es einen generellen Zusammenhang zwischen Musik und Opfer? Hängt der Ursprung der Musik in der kainitischen Genealogie mit der Ursprungsgeschichte des Opfers zusammen?
Burkert, S. 26: Maskierte Männer haben das Tier zu töten. Die Maske schützt die Täter vor dem Erkanntwerden. Leistet das nicht seit dem Ursprung dieses Begriffs der Begriff der Person (Zusammenhang mit dem biblischen Feigenblatt)? Mit Vorliebe treten Chöre in den Tragödien in der Maske von Fremden oder von Frauen auf; wenn sie Athener darstellen, können dies allenfalls alte Männer sein, kaum je aber die jungen Bürger von Athen.
Die Idee des Schicksals (als Schuldzusammenhang des Lebendigen) gründet im Tötungsritual des Opfers. In dieser Tradition steht die Geschichte der Naturwissenschaften (Bedeutung der Opfertheologie für die Ursprungsgeschichte der Naturwissenschaften).
Sprachdenken ist metaphorisches Denken, aber eines, das man unter Kontrolle behalten muß. Ein sich verselbständigendes (hypostasiertes) Bilderdenken führt von der Sache weg. Man kann sich auch in Bildern verfangen und verstricken.
Wie hängen die drei Aspekte des Naturbegriffs: Herrschaftsobjekt, Medium der Exkulpation und Ursprung von allem, mit dem Raum zusammen, mit dem Im Angesicht und Hinter dem Rücken, Rechts und Links und Oben und Unten?
Problem der Beziehung der Verinnerlichung des Opfers zur These, daß nichts Vergangenes wirklich vergangen ist: Werden nicht am Ende die Steine wirklich schreien? Und hat der Satz „Maria bewahrte alles in ihrem Herzen“ etwas mit der verborgenen Erinnerungskraft der Materie zu tun (Erinnerung der Zukunft)? Wäre das „Macht euch die Erde untertan“ nicht zu ergänzen durch das Verbot zu vergessen?
Worauf bezieht sich das „Herniederfahren“ Gottes beim Turmbau zu Babel?
Der Weltbegriff entmächtigt die Sprache.
Das Christentum ist als Kirche durch seine Leugnung hindurch gerettet worden.
Was trennt die Innenwelt von der Außenwelt, das Private vom Öffentlichen? Bezeichnet nicht das Schwert die Grenze von Innen und Außen (Enthauptung)? Ist das Schwert nicht ein Symbol für diese Grenze (kreisendes Flammenschwert)? Und gibt es einen Zusammenhang des Schwertsymbols mit der Geschichte des Opfers? Das Schwert ist in der Geschichte des Opfers geschmiedet worden. Und eine, wenn nicht die zentrale Verkörperung des Schwertsymbols ist der Weltbegriff als Inbegriff des Begriffs und als Konstituens des Natur- und Objektbegriffs.
Der Gedanke, daß ich kein Recht hatte, die Privilegien der Opfer für mich in Anspruch zu nehmen, gehorcht schon einer sowohl christologischen wie auch antisemitischen Logik. Privilegien der Opfer gibt es nur im Christentum; Nur hier hat das Leiden Verdienstcharakter (Grund der Vergöttlichung Jesu).
Der Gegenbegriff zum Vorbestraften und zum Verbrecher ist der des Unschuldigen (u.U. „wegen erwiesener Unschuld freigesprochenen Bürgers“). Aber ist nicht der unschuldige nur der „unbescholtene“ Bürger (Schuld gleich Bescholtenheit, bewiesener Verdacht)? Was heißt eigentlich „Vorbestraft“? Unterscheidet sich der Vorbestrafte vom Unbescholtenen nicht doch nur durchs Erwischtwordensein? Die aktive Nutzung des Nicht-Erwischtwerden-Könnens ist der Quellpunkt der Gemeinheitsautomatik.
Drei sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins. (1 Joh 57) Wie hängt das zusammen mit Gen 12, dem Geist Gottes über den Wassern, und der Beziehung von Johannes- und Jesus-Taufe? Aber was hat es mit dem Blut auf sich? Klingt darin die Vorstellung mit an, wonach Blut als Ausdruck der verinnerlichten Scham sich fassen läßt? Gründet hier die Heiligkeit des Bluts; und ist es dieses Blut, das zum Himmel schreit (Abel, Noe, Ursprung und Geschichte des Opfers)? (Hat die deutsche Blutwurst etwas mit der Eucharistie zu tun?)
Beziehung zum Kelch in Getsemane: Verstrickung des Christentums in die Herrschaftsgeschichte. Diesen Kelch trinken heißt: der durch ihn verursachte Trunkenheit sich nicht überlassen, dabei seiner selbst mächtig bleiben (Abstieg zur Hölle?). Entspricht dem nicht das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“? Und ist das nicht gemeint in der Frage an Jesu an die Zebedäus-Sühne: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?
Das Neutrum (ne-utrum) macht das Ungleichnamige gleichnamig. Es gründet im Futur II, der grammatischen Form der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit, die das Andersein der Zukunft ausschließt: Quellpunkt des Inertialsystems. Der genaueste Anwendungsfall einer Reflexion, die diesen parvus error in principio aufzulösen versuchen wollte, sind die Naturwissenschaften, insbesondere die Astronomie, die Kosmologie. Die philosophische (und vor ihr die mythische) Subsumtion von Himmel und Erde unter den Totalitätsbegriff Welt ist der Ursprung der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen; mit ihr ist die nominalistische Konsequenz der Philosophie mitgesetzt, ihre sprachzerstörerische Kraft. Sie gründet in dem mathematischen, die Mathematik begründenden Konstrukt, dessen Symbol das Gleichheitszeichen ist: der Orthogonalität, die die Richtungen im Raum reversibel und Vergangenheit und Zukunft ununterscheidbar macht und die Gegenwart ausblendet. Sie macht insbesondere die Umkehr gegenstandslos: Hier lassen sich Vorn und Hinten, Rechts und Links sowie Oben und Unten nicht mehr unterscheiden. In diesem Kontext ist die Umkehr (im Christentum) zur Buße geworden. So leugnen die Naturwissenschaften das Angesicht, die Gnade und den Islam (den Willen Gottes). Der Islam im rechten Verstande, die „Unterwerfung“ unter den Willen Gottes, ist kein Passivum, sondern ein Aktivum: nicht das Erleiden eines Schicksals, sondern das Tun des Willen Gottes.
Theologische Ableitung des Inertialsystems: Hat es nicht auch symbolische Bedeutung, wenn der Islam den Sabbat auf den Freitag vorverlegt hat, gleichsam vor dem Sabbat stehenbleibt, während das Christentum den Sabbat auf den Folgetag (die dies dominica) verschoben hat, ihn gleichsam „überwunden“ hat, als Preis dafür aber selber dem Inertialprinzip verfallen ist (die Ruhe des Sabbat, die Spitze und Erfüllung der höchsten Aktivität, in die Ruhe des Toten: in Trägheit zurückübersetzt hat)? Ausdruck dieser „Überwindung“ des Sabbat ist das Symbol des steinernen Herzen der Welt.
Ist nicht der Weltbegriff ein Instrument, das es uns ermöglicht, uns den Anblick des Wirbels, in dem wir stehen, zu ersparen, uns den falschen Begriff der Ruhe (als Bewegungslosigkeit: vorgestellt im ruhenden Raum des Inertialsystems) zu vermitteln? Er installiert im Zentrum der Theologie den Götzendienst. -
13.02.93
Der Weltbegriff bewirkt, daß wir uns selbst im blinden Fleck stehen; diesen blinden Fleck projizieren wir zugleich nach draußen: als Natur. Um diesen blinden Fleck zu erhalten, bedarf es der Opfertheologie; und zwar der Opfertheologie als Nachfolge-und Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategie, die das Schuldverschubsystem begründet, dessen diverse Auskristallisationen wir Welt nennen.
Sind nicht die Gräberschändungen symbolische Handlungen: hilflose Abwehrreaktionen gegen die als reale Gefahr erfahrene Wiederkehr des Verdrängten? Haben diese Gräberschändungen, durch die rechte Aktionen sich von linken unterscheiden, nicht erst nach dem Kriege, genauer: nach Auschwitz, und hier als Zeichen nicht geleisteter Erinnerungsarbeit eingesetzt? Ist hier nicht eine neue Qualität in der Geschichte des Antisemitismus, und rührt diese neue Qualität nicht auch an die Grenze theologischer Sachverhalte? In den Evangelien waren es (neben Petrus) die Dämonen, die das Messiasbekenntnis abgelegt haben.
Das Reich der Erscheinungen schließt das Was der Erscheinungen von sich aus, bleibt äußerlich dagegen, macht es unkenntlich. Diese Äußerlichkeit drückt sich in den Totalitätsbegriffen Natur und Welt aus. Die Welt ist das Subjekt des Subjektlosen; sie konstituiert sich als Inbegriff des gleichen, durch die Institution des Opfers begründeten Vakuum, in das zuvor die Idolatrie die Götter hineinprojiziert hatte.
Ist nicht die Übernahme der Sünden der Welt die Restituierung der Gottesfurcht unter den Bedingungen des neuen Äons? Und haben wir nicht mit der Vergöttlichung Jesu ihn mit dieser Gottesfurcht allein gelassen? Und in welcher Beziehung steht die Gottverlassenheit des Gekreuzigten zu der Verlassenheit, in die wir ihn gestürzt haben?
Die bloße Verwerfung der Dogmen, der Orthodoxie, der Sakramente, des Priestertums und der Hierarchie gehört in den Zusammenhang des erinnerungslosen Abschieds: sie wiederholt zwangshaft das Ursprungsgesetz der Dogmen, der Orthodoxie und der anderen dazugehörenden Dinge. Es gibt eine Art des Umgangs mit der Vergangenheit – und fast unsere ganze Geschichtsschreibung gehört hierher -, die darauf hinausläuft, die in der Befassung mit dem Vergangenen aufbrechenden Erinnerungen unschädlich zu machen, das Verstörende gleichsam zu domestizieren. Die Schrift nicht nach Belieben (nach den Gesetzen unserer Verdrängungsmechanismen) auswerten, sondern als Rätselschrift lesen lernen, das ist die Voraussetzung dafür, daß sein Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt.
Die höhnische (oder ironische) Verdoppelung im Namen der Barbaren, ist das nicht auch ein Hinweis auf den Grund der Reversibilität aller Richtungen im Raum und der Irreversibilität der Vorstellung einer homogenen Zeit (der Verknüpfungsbegriffe von Welt und Natur): des Ausschlusses der nur in Identifikation mit dem Fremden sich begreifenden Idee der Gegenwart? Ist das nicht m.a.W. ein Hinweis auf das projektive Moment in aller Objekterkenntnis? Und ist dann nicht die Geschichte der Naturwissenschaften die Geschichte der Barbarisierung der Welt?
Gibt es eigentlich einen sprachlichen Zusammenhang zwischen dem melech und dem maleach, dem König und dem Boten, dem Engel, und ist es nicht eine Verharmlosung des Boten, des Engels, wenn man glaubt, seinen Namen fein säuberlich von dem des Gottessohns trennen zu können? Ist nicht auch der Sohn ein Bote?
Der Horkheimer-Satz „Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum, aber es gibt auch keine Religion, in deren Namen solche Untaten begangen worden sind“ bezieht sich nicht auf die beiden Seiten eines Blattes, sondern auf die beiden Seiten eines Handschuhs. Beim Umstülpen ist die Mahnung aus dem Märchen zu beachten: Vergiß das Beste nicht!
Woher kommt das Wort Mal; gibt es einen Zusammenhang zwischen Denkmal, Wundmal, einmal, nochmal, malnehmen, Maler (der Anstreicher wie der Künstler)?
Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug sei, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, bewahrheitet sich heute global aufs ungeheuerlichste. Hegel hat nur den zusätzlichen Hinweis vergessen, daß die bürgerliche Gesellschaft zugleich den blinden Fleck erzeugt, der die Wahrnehmung dieses Sachverhalts fast unmöglich macht.
Ist nicht das Lamm in Joh 129 identisch mit dem Lamm der Apokalypse, das allein berufen ist, die sieben Siegel zu lösen?
Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht: Deshalb fällt der Kreuzestod nicht unter die Blutschuld (Ex 22). Aber hat dieser Dieb etwas mit Hermes/Merkur zu tun? -
10.02.93
„Haus des Urteils“ und „letztes Gericht“ (Eisenmann/Wise, S. 241): Bezeichnen diese Begriffe nicht den Raum (als Form und Symbol der Verstockung gegen die Umkehr)?
Zu Young, Beschreiben des Holocaust: Die Kritik an Peter Weiss (S. 118ff, wo er den marxistischen Ansatz von Peter Weiss kritisiert) und an Tadeusz Borowski (S. 170ff) bezeichnet genau die Grenzen des Youngschen Versuchs. Zu der folgenden Textpassage (von Tadeusz Borowski): „Erst jetzt erkenne ich, welcher Preis für die Errichtung der alten Kulturen bezahlt wurde. Die ägyptischen Pyramiden, die Tempel und die griechischen Statuen -welch ein abscheuliches Verbrechen! … Die Antike, das gewaltige Konzentrationslager, …“ schreibt Young: „So hat sich im Kopf des Schriftstellers nicht allein die Zukunft (!), sondern auch die Vergangenheit, sein kulturelles Erbe, in ein großes KZ verwandelt“. Wäre etwa die Verwandlung der Zukunft in ein großes KZ nicht so schlimm wie der verzweifelte Blick auf die Entstehungsbedingungen des „kulturellen Erbes“? Und spielt sich der beschriebene Sachverhalt nur „im Kopf des Schriftstellers“ ab? Ist der Begriff der Normalität, der dem Werk Youngs zugrundezuliegen scheint, überhaupt noch zu halten? Und trennt nicht Auschwitz in der Tat das „kulturelle Erbe“ von der Wahrheit?
Der christliche Begriff der Buße konnte sich von dem der Umkehr ablösen und gegen ihn verselbständigen nur dadurch, daß die Welt (in der Konsequenz der Opfertheologie und unter Verletzung des Nachfolgegebots) als entsühnt begriffen und damit die Sünde entpolitisiert, privatisiert wurde. Dem theologischen Begriff der Rechtfertigung (der an die Stelle der Forderung, gerecht zu werden, tritt) setzt die vorhergehende Rechtfertigung der Welt -Grund des Bekenntnisbegriffs und dann jeder Ideologie – voraus. Und dieser Begriff des Bekenntnisses verewigt den ungerechten Zustand der Welt und macht ihn unkenntlich.
Mit der Vorstellung des unendlichen Raumes schützt sich die Subjektivität gegen die Reflexion des sie begründenden Herrschaftsmoments. Ebenso wie die Vorstellung des Raumes sind auch die Begriffe Natur und Welt, die sich im Medium des mathematisierten Raumes überhaupt erst konstituieren, selbstreferentiell und damit fast unreflektierbar.
Wäre das Rosenzweigsche Konstrukt nicht doch einmal anhand folgender Thesen zu überprüfen:
– Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung,
– der Begriff des Wissens die Offenbarung und
– Naturbegriff die Erlösung?
In welcher Beziehung stehen dazu:
– Adornos Kritik der Verdinglichung,
– sein Konzept des Eingedenkens der Natur im Subjekt und
– das auf Benjamin sich berufende Konzept der vollständigen Säkularisation aller theologischen Gehalte?
Zur Jotam-Fabel (Ri 97ff): Der König steht in der Figur des Dornbuschs (und, nach Jürgen Ebach, Kains). Ist darin nicht auch ein Stück Messias-Kritik enthalten, die das kritische Element in den Evangelien (die Unkraut- und Kain-Tradition in ihm) antizipiert? Welche Bewandnis hat es dann mit dem Ölbaum, dem Feigenbaum und dem Weinstock? Ist nicht die Jotam-Fabel mehr als nur eine moralische Fabel: eine prophetische Fabel?
Sind die Entdeckung des Winkel und die Entfaltung der Geometrie der Fläche bei den Griechen nicht ein Abfallprodukt der Entdeckung der Schrift, die ebenfalls auf die Fläche sich bezieht (Zusammenhang mit der Schrift als verstummte und deshalb tradierbare Sprache)?
Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkommt: Die in der Schrift verstummte Sprache will wieder laut werden.
Ist nicht die christliche Theologie in ihrer dogmatischen Gestalt mehr als Hurerei: die Vergewaltigung der Schrift? -
08.02.93
Das Zwangsbekenntnis ist ein projektives Bekenntnis: ein Bekenntnis für andere, aber auch ein projektives Schuldbekenntnis: Kern der Komplizenschaft derer, die die Religion nur noch ausbeuten. Es verhält sich zum wirklichen Bekenntnis wie Beethoven zu Mozart.
Wird nicht im Zwangsbekenntnis die Lehre von der Göttlichkeit Jesu an Voraussetzungen gebunden, unter denen sie nicht zu halten ist (double bind). Und hängt das nicht mit der Hellenisierung der Theologie zusammen, mit einer Objektbindung der Sprache, die z.B. in der Verbalinspiration, in dem Verständnis der „Wörtlichkeit“ (im augustinischen „de genesi ad literam“) sich ausdrückt, aber auch im Gesamtkonstrukt der dogmatischen Theologie, die eigentlich nur das philosophische Erkenntniskonzept (den Weltbegriff) rettet, aber die Gotteserkenntnis verrät? Hier liegt der Keim der nominalistischen Selbstzerstörung der Theologie, die heute endgültig der Willkür überantwortet zu werden scheint.
Die Verbindung des Logos mit der Schöpfungslehre untergräbt die christliche Vorstellung vom fleischgewordenen Gott: sie ist wahr nur, wenn sie als Symbol der Erinnerungsarbeit gefaßt wird.
Die Deutschen haben keinen Witz, weil sie Witze machen: weil sie unfähig sind, sich der Komplizenschaft des obszönen Witzes zu entziehen (Funktion des obszönen Witzes für die Geltungskraft des Realitätsprinzips).
Der Weltbegriff verdrängt die Erinnerungsfähigkeit, die der benennenden Kraft der Sprache zugrunde liegt.
Verweist die „Bitte“ im Brief an Martin Buber (und seine Folgen) nicht auf ein mimetisches Verhältnis zur Tradition: Bin ich nicht gleichsam (unter dem Druck des Faschismus) in diese Theologie hineingekrochen? Ich habe sie mir nicht vom Leibe halten können.
In welchem Zusammenhang stehen in den Qumran-Texten (Eisenmann/ Wise) die Hinweise auf „Fels“, „Turm“, „Wand“ und „Festung“ (Körperliche Raumbegriffe?), auf Jona und auf die Kreuzigung (S. 148/151)?
Der Naturbegriff bezeichnet die Objektseite, der Weltbegriff die Subjektseite der verräumlichten Dingwelt (des kantischen Reichs der Erscheinungen). Das Wissen gründet in dem Konstruktionsprinzip, das Natur und Welt verbindet und trennt (in System der transzendentalen Logik): es definiert die Gestalt des gegen die Offenbarung (die Prophetie) sich verstockenden Bewußtseins. Sind nicht wir das halsstarrige Volk, als welches wir die Juden ansehen? -
04.02.93
Erinnert das im zweiten Kapitel des ersten Teils des „Beschreiben …“ angesprochene Problem nicht an das Problem der Autorenschaft insbesondere in der apokalyptischen Literatur (aber auch beim Pseudo-Dionysius und beim Sohar), das sich, wie vielleicht das Fälschungs-Problem im Mittelalter und das Chronologie-Problem insgesamt, nicht mehr unter dem Titel Fälschung erledigen läßt? Die Authentizität eines Werks kann nicht immer daran gemessen werden, ob sich der Autor zu seinem Werk „bekennt“. Umgekehrt: Setzt dieses „Bekenntnis“ nicht eine Identität der Person voraus, die an die der subjektiven Formen der Anschauung (an die Einheit des Ich denke, bei der heute zu fragen ist, ob sie der Idee der Wahrheit noch standhält) gebunden ist und mit dieser steht und fällt.
Reproduzieren sich nicht angesichts von Auschwitz die theologischen Probleme, in die sich die christliche Theologie nach der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes verstrickt hat?
Zeitunglesen: das allmorgendliche Drachenfutter, weltlicher Exorzismus gegen die Gewalt der nächtlichen Träume.
Ist die Befreiung der Maria Magdalena von den sieben unreinen Geistern nicht auch eine Form des Erkanntwerdens in dem Sinne, in dem es heißt, daß Adam sein Weib erkannte?
Die Auflösung des Banns der Vergangenheit ist die Auflösung des Wissens durch erinnerndes Erkennen. (Hat das Prädix er- etwas mit der dritten Person sing. masc. zu tun?)
Zum „Laß den Kelch an mir vorübergehen“: heißt das, er möge es mir ersparen, ihn trinken zu müssen? Und wie heißt das Vorübergehen im Griechischen?
Die affirmative Rezeption des Weltbegriffs war erkauft mit der Versteinerung der Kirche. Und war das nicht vorbezeichnet im Namen des Kephas?
Motive, die Adornos Interesse geweckt haben, waren wohl:
– daß die Verwirklichung der Utopie sich daran messen läßt, daß es des Ich nicht mehr bedarf;
– daß die gesamte Natur noch unter einem Bann steht; und
– daß der Ursprung der Philosophie der Verinnerlichung des Schicksals sich verdankt.
Hat sich nicht das gesamte Realitätsverständnis verändert, als physis mit natura und kosmos mit mundus übersetzt wurde?
Wenn Prophetie Herrschaftskritik ist, dann ist – nach der Vergesellschaftung von Herrschaft – Erkenntniskritik die letzte Gestalt ihrer Verkörperung.
Welchen Wert hat die Taufe, wenn sie nicht die Erinnerung an den Täufer in sich enthält: an das „Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe“ und das „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt auf sich nimmt“ -
28.01.93
Drücken sich in der Redensart „den Staub von den Schuhen schütteln“ (bei der Aussendung der Jünger Jesu) nicht die beiden Sachverhalte mit aus, daß
– die Schuhe ein Instrument der Besitzergreifung sind und
– im Staub dessen Beziehung zum Fluch über die Schlange und über Adam nachklingt?
Ist das „Staub von den Schuhen Schütteln“ das Gegenteil der Aufforderung: Ziehe deine Schuhe aus, hier ist heiliger Boden; ist es ein Fluch über die Städte, die die Jünger nicht aufnehmen?
Die Konstruktion des Begriffs der Erscheinung schließt als Kristallisationskern ein projektives Moment mit ein.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Stephanus und der Dornenkrone? Und ist der Gepfählte ein Gottesfluch nicht auch in dem Sinne, daß die opfertheologische Verarbeitung des Kreuzestodes mit der Leugnung des Nachfolgegebots und mit dem Bann der Vergegenständlichung, den sie über den Kreuzestod verhängt, genau diesen Fluch transportiert?
Der kirchliche Antijudaismus gründet in der Unfähigkeit, die Schmach und die Schande, die der Kreuzestod mit repräsentiert, zu ertragen. Die Opfertheologie, und in seinem Schatten der kirchliche Antijudaismus, ist ein Mittel und ein Produkt der falschen Verarbeitung dieser Schmach.
Hat Heinrich Böll nicht recht: Sind es nicht die verwesenden und verfaulenden Reste des Hegelschen Staats, mit denen wir es heute zu tun haben, und deren Vergiftungserscheinungen jetzt beginnen aufzubrechen und sich zu manifestieren?
Ist nicht die Unbeherrschbarkeit der vegetativen Körperfunktionen ein Hinweis darauf, wie tief die Unfähigkeit, in Vergangenes einzugreifen, in unsere eigene physische Existenz hereinreicht? Aber im Angesicht des andern erblicke ich die Spuren des Ursprungs und der Geschichte der Welt und der Menschheit: der Schöpfung.
Die Kritik des Wissens und der Vernunft durch Erinnerungsarbeit ist ein Teil des Versuchs, den Bann, der auf der Vergangenheit lastet, zu sprengen.
Ein Krieg, der wegen eines falschen Bekenntnisses geführt wird, beleidigt Gott mehr als alle falschen Bekenntnisse.
Die Astronomie hat die Astrologie nur „überwunden“, nicht widerlegt.
Himmel und Erde werden vergehen: Genau daran (an dieser Vergängnis) hat die Theologie seit der Konzeption der Lehre von der creatio mundi ex nihilo mit gewirkt.
Wodurch unterscheidet sich der griechische kosmos vom lateinischen mundus (der „geschmückte“ Kosmos von der „gereinigten“: militärisch und rechtlich begrenzten und gesicherten Welt)? Hat das deutsche Wort Mund etwas mit dem lateinischen Wort mundus zu tun? Vergleiche auch den Zusammenhang mit Münze, Munition (Verteidigung, Befestigungsanlagen, Recht)?
Hat die Beschreibung dessen, den der eine unreine Geist verlassen hat: er sei leer, gereinigt und geschmückt, mit dem Weltbegriff zu tun, der dann zur Wohnung der sieben unreinen Geister wird? Und steckt in der Folge: leer, gereinigt und geschmückt nicht eine Beziehung zu den drei Versuchungen, den drei Leugnungen, den drei Dimensionen des Raumes (auch zur Subjektivität des Raumes, des Geldes und des Bekenntnisses)?
Verhält sich das Griechische zum Lateinischen wie Form der äußeren zu der der inneren Anschauung?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie