Bekenntnislogik

  • 30.07.92

    Das Ganze ist das Unwahre. Dann schließt allerdings die Idee der Wahrheit die Unabgeschlossenheit der Vergangenheit: die Idee der Auferstehung der Toten, mit ein. Und die Toten werden unsere Richter sein.
    Die Pharisäer und die Sadduzäer unterschieden sich u.a. durch ihr Verhältnis zur Lehre von der Auferstehung der Toten. Droht nicht heute der Kirche die Gefahr, sadduzäisch zu werden (die Griechen leugneten die Idee der Schöpfung, der vollendete Kapitalismus die der Auferstehung von den Toten; das Judentum gründet in der Schöpfungsidee, das Christentum in der Auferstehungsbotschaft)? Und welche Bedeutung hat dann die Magd des Hohepriesters in der Geschichte der drei Leugnungen? Ist die erste Leugnung die opfertheologische Interpretation des Kreuzestodes und der Auferstehung?
    Hängt die Lehre von der Auferstehung der Toten mit der Geschichte von den sieben unreinen Geistern zusammen (Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung)?
    Ist das nicht ein ungeheures Bild: die Frauen, die zum Grabe eilen, um den Leichnam des Gekreuzigten zu salben, ihm als Opfer die messianische Würde zu geben; und sie finden das Grab leer.
    Gibt es einen Unterschied zwischen dem johanneischen Passionsbericht (ohne Abendmahl) und den Passionsberichten der Synoptiker, insbesondere im Hinblick auf Frauen (die am Abendmahl nicht teilnehmen)?
    Hängt der Dualis, überhaupt die Vorstellung des Paares, mit einer Geschichtsphase zusammen, in der die Unterscheidung von Rechts und Links noch erheblich war? Und verweist das Ende des Buches Jonas (… die Rechts und Links nicht mehr unterscheiden können) nicht auf das Verschwinden des Dualis? Diese 120000 sind die, die glauben, sich selbst im Spiegel zu sehen, und nicht begreifen, daß sie sich spiegel-, d.h. seitenverkehrt sehen. Und ist das nicht der Inhalt des Reflexionsgesetzes, das der Hegelschen Logik zugrundeliegt: das Eine ist das Andere des Anderen? Aber ich sehe mich im Spiegel eben nicht so, wie die anderen mich sehen. Es ist das gleiche Reflexionsgesetz, das die Philosophie an die Ontologie bindet. Aus dem gleichen Grunde verfängt sich die Husserlsche Intentionalität in ihren eigenen Verstrickungen. Die Wahrheit ist niemals Gegenstand intentionaler Akte (vgl. 1 Kor 1312 und Jak 123). Die Folgen des Verschwinden des Dualis sind an der kantischen transzendentalen Logik ablesbar, es sind die Folgen, die aus der Hypostasierung des Raumes (die auch in der Gestalt der transzendentalen Ästhetik sich erhält) sich ergeben.
    Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, nicht über der Sache, sondern in der Sache zu sein; aber in der Sache unterliegt sie der Gewalt der Reflexionsbegriffe, wird sie gleichsam seitenverkehrt. Darum ist sie eine Weltphilosophie und eine Philosophie des Weltgerichts.
    Als „subjektive Form der äußeren Anschauung“ hat Kant den Raum zugleich kritisierbar und unkritisierbar gemacht.
    Bezeichnet die kantische Unterscheidung von Welt- und Schulphilosophie das Verhältnis von protestantisch-bürgerlichem zum katholisch-feudalen Wissenschafts- und Philosophie-Verständnis?
    Schließt der Dualis und die Unterscheidung von Rechts und Links auch die Unterscheidung von Zukunft und Vergangenheit (oder auch von Himmel und Erde) mit ein? Der Dualis wird verdrängt in der Geschichte der Universalisierung der Welt.
    Der „Stern der Erlösung“ ist ein archäologisches Werk; darauf verweist vor allem der Rosenzweigsche Begriff der Vorwelt (und der des Mythos). Es käme heute darauf an, das archäologische Element auch an der Psychoanalyse zu begreifen, sie von ihrem „psychologischen“ Bann (aus dem Bann des Privaten) zu befreien: zu begreifen, daß die Verdrängung und der Begriff des Unbewußten nicht nur auf das psychologische Innere sich beziehen, sondern einen realen objektiven Anteil haben.
    Verdankt sich der indische Frauenmord der Verschmelzung der Friedmanschen Ökonomie mit vorkapitalistischen Religionsresten (Zusammenhang mit dem Ursprung der Fundamentalismen)? Hier bestätigt sich die Benjaminsche These, der Kapitalismus sei ein reiner Kult ohne Dogma: der reinste Opferdienst, der wegen seiner „Ideologiefreiheit“ sich mit allen Religionsformen verbinden kann, allerdings um den Preis ihrer Wahrheit. Ich glaube, die Kapitalismuskritik beginnt erst, sie ist nicht zu Ende. Nur war sie untauglich als Ideologie.
    Der moderne Bekenntnisbegriff entspringt genau an der Stelle, die Walter Benjamin bezeichnet hat, wenn er den Kapitalismus einen reinen Kult ohne Dogma genannt hat: es ist eine Leerstelle. Hier wird jede Religion, die auf die Kapitalismus-Kritik verzichtet, fundamentalistisch.
    Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten: Der kalte Krieg wurde eingeleitet durch die MacCarthy-Ära, in der Bundesrepublik durch den Radikalen-Erlaß. Und die Bildzeitung hat es auf den Punkt gebracht, wenn sie die Frage, woran Eltern erkennen können, ob ein Kind in der Gefahr steht, Terrorist zu werden, damit beantwortet: Wenn es sich zu sehr um Gerechtigkeit kümmert. Die Terrorismus-Fahndung folgte immer schon der Methode: Haltet den Dieb. Sie selber ist der Terrorismus, den sie verfolgt, und dessen sie aus eben diesem Grunde nie habhaft wird.
    Die Blasphemie, die in der Bekenntnisforderung des Staates steckt, wird von den Kirchen deshalb nicht erkannt, weil sie selber die Erfinder, ersten Anwedner und ersten Nutznießer dieses blasphemischen Bekekenntnisbegriffs waren. Dieser Bekenntnisbegriff besetzt genau die Stelle, an der das wirkliche Bekenntnis real werden könnte: die benennende Kraft der Sprache. Es ist dieser Bekenntnisbegriff, der den Namen des Sohnes und mit ihm den Ursprung des Parakleten leugnet.
    Der liberale Ideologiebegriff entspricht genau der Benjaminschen Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma. Jede Gestalt der Lehre wird angesichts dieses Kults zur Ideologie.
    Was muß erst passieren, bis auch die Kirchen begreifen, daß der „Sieg über den Kommunismus“ die bestehenden Probleme nicht gelöst, sondern nur verschärft hat, und daß eine der Triebkräfte, die zur Brutalisierung der Versuche, die ungelöstem Probleme zu lösen, geführt haben, in der blinden Regression der Rückkehr zu den traditionellen Religionen liegt. Der Jugoslawien-Konflikt sollte eigentlich auch die beteiligten Kirchen (u.a. die katholische) an ihre Mitschuld erinnern.
    Sind die lutherische Rechtfertigungslehre und das hobbessche „homo homini lupus“ nicht zwei Seiten ein und derselben Sache? Und richtet sich dagegen nicht auch das Wort: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“
    Die kirchliche Lehre von den Schafen und der Weideauftrag an Petrus (Joh 2115ff) werden sinnvoll und verständlich nur vor dem Hintergrund des Deuterojesaias, der Gottesknechts-Kapitel, und von Joh 129.
    Zum Verständnis der Lehre vom corpus Christi mysticum: Wer wird im liturgischen „agnus dei, qui tollis peccata mundi“ angesprochen: Christus oder nicht doch jeder Christ?
    Zum messianisch-parakletischen Element in der Einsteinschen Relativitätstheorie:
    – sie verleiht dem Inertialsystem (dem logisch-mathematischen Zentrum der gesamten naturwissenschaftlichen Aufklärung) eine Exzentrizität, sie rückt es aus dem erkenntnistheoretischen Zentrum, in das es die kantische Erkenntniskritik (die Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung) gebracht hat, heraus.
    – Offen bleibt jedoch die Beziehung zu dem theoretischen Bereich, auf das die allgemeine Relativitätstheorie sich bezieht, die Gravitation. Ist hier nicht eine Lösung denkbar, die auch die zentralen Konstanten (die Lichtgeschwindigkeit und die Gravitationskonstante) in einen Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit rückt, ihnen den Charakter der Konstanten nimmt.
    Zum solaren Mythos: Ist nicht auch das Matriarchat eine männliche Erfindung?
    Zum Begriff der arche und zum Thales’schen Satz „Alles ist Wasser“: Bezeichnet nicht der Begriff der arche die bis heute unaufgelöste, aber aufzulösende Bindung von Ursprung und Herrschaft (Schuld und Schicksal, das Wasser als realmythische Symbol)? Und worauf beziehen sich dann die paulinischen Archonten (die Herrschaften und Mächte)?
    Hängt der Stich in die Seite beim Kreuzestod Jesu mit der Erschaffung Evas (aus der Seite Adams) zusammen?
    Ist die Maria Magdalena-Geschichte insgesamt prophetisch, und bezieht sich die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern auf die Kirche (als Korrelat zur Leugnungs-Geschichte)?

  • 19.07.92

    Der Beifall ist nicht so sehr Lohn für eine Leistung, als vielmehr Teil jenes verdinglichten Seligkeitsbegriffs, zu dem -nach Augustinus (dessen Predigten nach van der Meer nicht selten vom Beifall der Gläubigen unterbrochen wurden) – auch der Anblick der Qualen der Verdammten in der Hölle gehört. Im Beifall verpufft die Angstfreiheit, die die Musik verspricht; er stellt die Alltagssituation, in der sich niemand mehr diese Angstfreiheit leisten kann, wieder her. Im Beifall manifestiert sich explosiv und zugespitzt die ganze Problembreite des Lohns in der vom Tauschprinzip beherrschten Gesellschaft; des Lohns, der von der Moral und Theologie bis hin zum Arbeitsentgelt im Kapitalismus die Idee des Glücks (der Güte ohne Lohn, des richtigen Lebens, das seinen Lohn in sich selber hat) neutralisiert und zerstört. Seitdem glaubt niemand mehr im Ernst (sondern nur noch in dem demonstrativen Sinne eines Glaubens für andere, der dann zum Teil eines Herrschaftssystems und Gegenstand der wissenschaftlichen Theologie geworden ist) an die Unsterblichkeit der Seele oder an die Auferstehung der Toten.
    Liszt (und vor ihm in einigen Werken Beethoven, nach ihm dann allerdings potenziert der unsägliche Richard Wagner) hat den Beifall in die Musik mit hineinkomponiert.
    Das „Wissen um“ oder die Neutralisierung der Theologie (zu Tiemo Rainer Peters „Mystik Mythos Metaphysik“, S. 70): Mit dem Hinweis auf die IX. der Benjaminschen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ spricht Peters von „einem memorativen Wissen um den Tod und die Toten“. Mit dieser Formulierung neutralisiert er den theologischen Sinn des Eingedenkens, der Erinnerung, und transportiert ihn ins sterilisierte Begriffs-Labor einer Wissenschaft, die aufs peinlichste jede Berührung mit einer Sprache meidet, die vielleicht doch in Gefahr geriete, ihre benennende Kraft (und im Begriff der Erkenntnis selber deren Beziehung zum Gebet) wiederzugewinnen. Die Erinnerung haftet am Namen, das „Wissen um“ verweist auf das namenlose, vergegenständlichte Korrelat des Begriffs. Diese (memorativ vergegenwärtigte) Vergangenheit unterscheidet sich von der erinnerten dadurch, daß in ihr der „Anspruch“ an die „schwache messianische Kraft“, die „uns wie jeder Generation vor uns mitgegeben“ ist (These II), bereits gelöscht ist. Vergangenes wird gewußt, aber erst das „Wissen um“ die Vergangenheit, das dem Eingedenken sich in den Weg stellt, neutralisiert sie, raubt ihr die theologische Kraft. Das „Wissen um“ leugnet um einer Gewißheit willen, die sich an die Stelle des Gewissens setzt, den Grund der Lehre von der Auferstehung der Toten. Auch das ist eine Methode, mit Auschwitz (der Massenreproduktion des Kreuzestodes, der bis heute nur der Abstieg zur Hölle, aber keine Auferstehung folgte) fertig zu werden.
    Das Christentum hat seit je „Vergangenheiten überwunden“: den Mythos, die jüdische Tradition, die Häresien (und heute auch Auschwitz?). „Überwunden“ aber hat es damit eigentlich nur die Erinnerung der Schuld, die ihm in den Gestalten des Heidentums, der Juden, der Ketzer (und schließlich auch der Frauen: in der Geschichte vom Sündenfall ist allein der Fluch über Eva mit einer Verheißung verknöpft, während Adam nur die Schlange nährt) vor Augen stand. Die Überwindung aber war seit je ein anderer Name für Verdrängung: jedenfalls ist die Erinnerung dessen, was die Kirche in ihrer Geschichte alles überwunden hat, bis heute nicht ins theologische Selbstverständnis der Christen (und ins christliche Verständnis der Theologie) mit eingegangen. Deshalb war Theologie seit je bloß apologetisch, Rechtfertigung: Theologie hinter dem Rücken Gottes, und aus dem gleichen Grund dogmatisch; und das Bekenntnis war der Institutionskitt, der die Gemeinschaft der Gläubigen bei der Stange hielt; beide sind Produkt der Kraft des Bindens, die der Kirche mitgegeben ist. Theologie im Angesicht Gottes hingegen (der Anfang der Kraft des Lösens, die der Kirche verheißen ist) wäre nicht mehr apologetisch, sondern prophetisch; das Bekenntnis würde das der Erbschuld (und den Anteil der Kirche daran: die bis heute verweigerte Übernahme der Sünde der Welt ) mit einschließen, es wäre endlich Teil der Gottesfurcht, die nach der Schrift der Anfang der Weisheit ist.
    Notwendig wäre eine sprachliche Analyse der Theologie beider christlichen Konfessionen heute (z.B. Wendungen wie Theologie als „Rede von Gott“, „Vollzug“ von Gedanken innerhalb der Theologie – so als handele es sich um eine Art Strafvollzug – u.ä.). Trotz oder wegen der Logos-Theologie ist auffällig, wie niedrig der Level der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit ist. Gründe scheinen zu sein:
    – der Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung, der eine Kritik des positivistische-gegenständlichen Wahrheitsbegriffs fast unmöglich macht,
    – insbesondere in Deutschland der unabweisbare Exkulpations- und Rechtfertigungsdruck nach Auschwitz und Faschismus,
    – der geschichtslogische Stand des Bekenntnisbegriffs (zusammen mit der Rezeption des lutherischen Rechtfertigungsbegriffs im Katholizismus): als Folge der Verinnerlichung und Verdrängung der häresienbildenden Kraft,
    – Theologie hinter dem Rücken anstatt im Angesicht Gottes,
    – Rückwendung der im Entstehungsprozeß des Dogmas entsprungen projektiven Gewalt gegen das Subjekt der Theologie selber: die Kirche,
    – Unauflösbarkeit des Komplexes Opfertheologie, Gnadenlehre und Heilsverwaltung, nach Verdrängung der Nachfolgeidee (Zusammenhang von Logosidee und Übernahme der Sünde der Welt, von Sprach- und Schuldreflexion),
    – im Katholizismus auffällig die Verwechslung von transzendent und transzendental (ontologisches Mißverständnis der transzendentalen Logik), das positivistische Dogmen- (und Wissenschafts-)verständnis, die Unfähigkeit zur Erkenntniskritik.
    Zum Problem des Atheismus: Heideggers Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, unterstellt, daß ein Nichts im Sinne seines Satzes (wenn auch nicht sich denken, so doch) sich vorstellen lasse. Und kein Zweifel, vorstellen läßt es sich nur in Anlehnung an die Vorstellung des leeren Raumes, ähnlich wie in dem Satz: Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren. Schwierig wird’s jedoch, wenn man sich alles fortdenkt (von allem abstrahiert), bleibt dann nicht doch der leere Raum, auch das Vorher und Nachher, die leere Zeit? Der Arme hat nichts, aber ist dieses Nichts nicht doch schon ein bestimmtes Nichts, das Nichts an Nahrung, Kleidung, Haus und Freunden? Noch bestimmter wird das Nichts der verschuldeten Länder der Dritten Welt: Sie haben nichts, um ihre Schulden (und die Zinsen für ihre Schulden) zu bezahlen. Der Arme hat nicht einmal Schulden (denn er hat niemanden, der ihm zuvor etwas leihen würde), während das Nichts der verschuldeten Länder, die verbrauchten Kredite, immer noch die Beziehungen zu den Gläubigerbanken voraussetzen. Das Nichts, das Heidegger vor Augen steht, setzt voraus, daß es sich auf ein All bezieht, das sich hinwegdenken läßt. Aber diese Voraussetzung ist durch den „Stern der Erlösung“ widerlegt. Dieses All, das Universum, von dem unsere Universitäten ihren Namen haben, konstituiert sich erst im Kontext des bürgerlichen Subjektbegriffs, der ohne die Vorstellung, daß dem Begriff „alle Objekte“ in der Realität etwas entsprechen muß, nicht zu halten ist.
    Eigentumsabgrenzungen:
    1. die Grenze einer Fläche (der abgegrenzte Acker, die Nation),
    2. die Oberfläche eines Dings (als Außengrenze der Identität zählbarer Einzelobjekte, das Tier) und
    3. das Gewicht (bei Massengütern, unabhängig von der Identität der Einzelobjekte).
    Das Geld vereinigt alle drei Grenzbestimmungen:
    – Sein Geltungsbereich bestimmt sich nach 1. (die Grenzen einer Nation, zu deren essentiellen Souveränitätsbestimmungen die Währungshoheit gehört);
    – als zählbare Einheit bestimmt sich die einzelne Münze nach 2. (durch ihre dingliche, jedoch als zugleich massenhaft bestimmte Identität, ohne benennbare Einzelidentität),
    – während ihr „Wert“ sich durch ihre Beziehung zur (namengebenden, benennenden) Münzeinheit, die grundsätzlich als Gewichtseinheit definiert ist, bestimmt.
    Geldwirtschaft und „Zerstörung“ der benennenden Kraft der Sprache (Turmbau zu Babel, Ursprung und Geschichte des Nominalismus). Der Sündenfall und die Bedeutung des Gravitationsgesetzes für die Geschichte des Geldes (wie hängt der Wittgensteinsche Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ mit dem Stand der Geschichte des Kapitalismus zusammen?).
    Horror vacui: Die Vorstellung des leeren Raumes hat kein objektives Korrelat. Ich muß den Raum erst in Gedanken leermachen (ihn zugleich aus seinen mathematischen Voraussetzungen rekonstruieren), um ihn mir als leer vorstellen zu können. Welches Interesse aber habe ich an dieser Operation, wer ist in welcher Weise an dieser Operation beteiligt, und was bewirke ich damit: was richte ich damit an? Welchem Schrecken setze ich die Dinge aus? Gleicht die Vorstellung des leeren Raumes in ihrer Wirkung aufs Objekt nicht dem zynisch-obszönen Witz (dem Herrenwitz), der alle anderen auf Kosten seines Objekts zum Lachen bringt, der Produktion des Gelächters (das im übrigen – wie die Vorstellung des unendlichen Raumes – seine Wirkung nach außen und nach innen zugleich und auf gleich verheerende Weise entfaltet)? – Vgl. Büchners Lenz und Nietzsches Fröhliche Wissenschaft.
    Es gibt den zynisch-obszönen Witz nur als Herrenwitz (als Frauen- oder Damenwitz ist er unvorstellbar); hängt das genetisch und geschichtstheologisch mit dem männlichen Confessor (und seiner Beziehung zur Virgo) zusammen? Der zynisch-obszöne Witz ist ein Bekennerwitz (mit einer bekenntnislogischen apriorischen Objektbeziehung); für das schallende Gelächter sind Frauen nur Objekt, sie sind aufgrund ihrer Stimme zum schallenden Gelächter nicht fähig (ist die weibliche Stimme die der Panik, des passiven Schreckens – Grund der Mode als Identifikation mit dem Status des Objekts einer Aggression, der Anpassung an den Zwang zur öffentlichen Ausstellung des eigenen Körpers?).

  • 15.06.92

    Das Adornosche Konzept einer Säkularisation theologischer Gehalte ist zweideutig: Vergessen wird, daß der innere Motor des Säkularisationsprozesses selber bereits Produkt einer Säkularisation theologischer Gehalte ist, der christlichen Theologie-Geschichte sich verdankt. Mit der Folge, daß es heute generell (auch unter den Schülern Adornos) nur noch theologische Halbbildung gibt: nichts mehr, was sinnvoll auf seinen rationalen Gehalt sich zurückführen ließe. Das „theologische Erbe“, auf das Adorno sich bezog, war nicht mehr nur „klein und häßlich“, wie Benjamin schon notierte, sondern für die Nachkriegsgeneration schlicht inexistent. Übriggeblieben waren nur die „theologischen Mucken“ der Ware, und deren Säkularisation war ja wohl nicht gemeint.
    Das Schuldbekenntnis ändert ebensowenig die Tat wie das Glaubensbekenntnis die „Tatsachen“.
    Ist nicht bereits die Trinitätslehre das erste Resultat der falschen Säkularisation (Produkt der Brechung der Theologie im Medium des Weltbegriffs: der Philosophie und des Rechts) und deshalb nicht mehr säkularisierungsfähig? Und sind nicht diese Rechenkunststücke von ein Wesen und drei Personen, eine Person und zwei Naturen, Nebenfolgen dieser Brechung? Kommt man der Sache nicht näher, wenn man Begriffe wie Substanz, Person, Natur als im historischen Prozeß – in einer konkreten Situation und in einem genau bestimmbaren Kontext – entsprungene Begriffe begreift und diesen Ursprung in ihr Verständnis mit hereinnimmt. Genau diese Begriffe sind es, die als unreflektierte den unreflektierten Weltbegriff und mit ihm den geschichtlichen Schuldzusammenhang in die Theologie hereingebracht haben (und Ursache dafür sind, daß christliche Theologie heute zum Prototyp theologischer Halbbildung geworden ist).
    Die Trinitätslehre hat einmal dazu verholfen, den Weltbegriff zu stabilisieren, an den sie gebunden ist. Dagegen bedurfte es der Trinitätslehre nicht mehr, nachdem diese Aufgabe vom Inertialsystem übernommen wurden (d.h. nach Begründung der naturwissenschaftlichen Aufklärung). Und genau das Inertialsystem ist Produkt der Säkularisation der Trinitätslehre. In diesem Prozeß ist der moderne Naturbegriff entsprungen. Seitdem ist die Theologie leer, tot und stumm geworden wie der Raum. Die Trinitätslehre wäre wirklich obsolet, wäre sie nicht die versteinerte Erinnerung an eine bis heute unbegriffene Vergangenheit. Und genau daran hätte sich die Erinnerungsarbeit abzuarbeiten, die heute allein noch Theologie heißen darf.
    Die Selbstverfluchung (in der Geschichte von den drei Verleugnungen) ist ein Resulat jenes Prozesses, auf den sich das Gebot „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ bezieht: In dem Maße, in dem die Kirche als richtende Instanz sich begreift, richtet sie sich selber. „Wer dieses Brot unwürdig ißt und diesen Wein unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht.“
    Person und Schuld: Als Person bin ich freigesprochen vom gesellschaftlichen Schuldzusammenhang und nur für mein eigenes Handeln verantwortlich. Rührt dann nicht Auschwitz an die Grundlagen des Personbegriffs?
    Die Verdrängung der „Schuldgefühle“ dort, wo ich nichts ändern, nicht eingreifen kann (eigentlich in der gesamten beruflichen und politischen Sphäre, ebenso im Verhältnis zur Vergangenheit und zur Natur), ist der Tod der Sensibilität, der Tod der Erfahrungsfähigkeit: Grund der kollektiven Amnesie. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ist imgrunde eine Flucht vor der Zumutung der Schuldreflexion, die sich dann faschistisch als Heroismus verkleidet. Die pompöse Vorstellung, die wir mit dem Begriff der „Übernahme der Sünde der Welt“ verbinden, täuscht uns selbst insbesondere darüber hinweg, daß es sich hier um den ganz schlichten Grund der Erfahrungsfähigkeit handelt. Die benennende Kraft der Sprache ist nicht zurückzugewinnen ohne die Fähigkeit zur Reflexion von Schuld.
    Das „Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden“ erinnert an das projektive Moment im Materiebegriff, wobei an den Namen der Materie, an den Zusammenhang mit „mater“, zu erinnern ist. Liegt hier der Grund für den Zusammenhang zwischen Rousseaus Naturbegriff und dem Inzestmotiv in seinen Bekenntnissen? Und verweist das nicht zugleich auf die Konstellationen, aus denen die Hexenverfolgung entstanden ist?
    Das katholische Schriftverständnis scheint der Tendenz nicht mehr sich entziehen zu können, alles ins Banale und Erbauliche übersetzen zu müssen, um nicht an das erinnert zu werden, worauf es eigentlich ankäme.
    Wenn bei Augustinus das Glück der Seligen im Himmel den Anblick der Leiden der Verdammten mit einschließt, so ist das die genaue Umkehrung des Realgrundes des Christentums: der Sensibilisierung durch die Übernahme der Sünde der Welt (vos estis sal terrae). Hier wird ableitbar und kritisierbar, weshalb Augustinus die Erbschuld in die sinnliche Lust verlegen muß. Auch die verdinglichende Trennung von Leib und Seele, mit den merkwürdigen Ursprungskonzepten im Hinblick auf die Einzelseele, überhaupt der objektivierende (und instrumentalisierende) Erkenntnisbegriff gehört hierher. Diese Trennung ist mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften obsolet geworden; sie ist (mit der Trennung von Welt und Natur) in ihren Ursprung zurückgekehrt: in die Herrschaft des Raumes über die Erkenntnis und die Urteilsform, den Inbegriff der Erbschuld und die Verkörperung des Baums der Erkenntnis
    Die kantische Unterscheidung von Schul- und Weltphilosophie und sein (bei Hegel sich entfaltendes) Votum für die Weltphilosophie ist die Grundlage und die Voraussetzung für die Konzeption der transzendentalen Ästhetik, insbesondere für das Konzept der subjektiven Form der äußeren Anschauung. Genau darin, in der subjektiven Form der äußeren Anschauung, manifestiert sich die unreflektierte (und fast unreflektierbare) Gewalt des Weltbegriffs über das Denken. Die Form der äußeren Anschauung ist gleichsam der Statthalter des Urteils der anderen im Einzelsubjekt. Und dieser Statthalter des Allgemeinen ist kommunikativ oder – wie Kant selber nachgewiesen hat – mit den Mitteln der Beweislogik nicht mehr zu erschüttern. Das einzige, das Kant festgehalten hat, was dann aber gründlich verdrängt wurde – nicht zuletzt mit Hilfe der scheinbaren Auflösung des Problems durch Hegel -, findet sich in den Antinomien der reinen Vernunft. Hier begründet er die Subjektivität der Formen der Anschauung mit dem Nachweis, daß die Fragen, ob der Raum endlich oder unendlich ist, oder ob die Zeit einen Anfang hat oder auf eine unendliche Vergangenheit zurückweist, mit den Mitteln der Beweislogik nicht entscheidbar sind. Dieser Nachweis der Subjektivität eröffnet den Raum zur Begründung der Freiheit (im Gegensatz zum Naturbegriff) und damit der praktischen Vernunft.
    Freiheit, die mehr ist als das liberum arbitrium, läßt sich nur im Kontext der Reflexion von Schuld begründen.
    Jede Apologetik enthält dadurch, daß sie sich der Logik des Diskurses, der Beweislogik (Kommunikation und Öffentlichkeit) bedient, etwas von der Identifikation mit dem Aggressor, nimmt von ihm etwas in sich hinein. Unter diesem Aspekt wäre die Geschichte der Theologie als Teil der Geschichte der drei Leugnungen zu begreifen.
    Die Theologen: Sind das nicht die falschen Freunde Hiobs?
    Der Begriff der Welt definiert das Eine als das Andere des Anderen, er schließt die Leugnung des Einen mit ein.

  • 10.06.92

    Ist die Magd des Hohepriesters die ancilla theologiae (die Philosophie)?
    Die Arbeit ist immer die Arbeit anderer, und deshalb ohne Schmerz und ohne Mühsal, d.h. unkörperlich (vgl. Assmann, S. 88). Grundsatz der Mechanik: Man muß Schläge einstecken, um Schläge austeilen zu können. Und verdrängt werden die „Taten und Leiden des Lichts“. Nur mein Schmerz ist realer Schmerz; er ist irreal für andere, und mit dem Für-andere-Sein wird der Schmerz irrealisiert, gegenstandslos.
    Zu dem Satz „Da interessiert sich kein Schwein für“ und zu der Geschichte mit den Dämonen und der Schweineherde: Das Schwein ist schamlos, aber nur deshalb, weil es keine Fähigkeit zur Selbstreflexion von außen hat. Es ist ebenso unfähig sich selbst in den Augen anderer wahrzunehmen wie, in den anderen mehr als nur ein Objekt zu erkennen; Schweine fressen ihre eigenen Kinder. Sie wälzen sich im eigenen Dreck, sind Verkörperungen des Kummerspecks, und sie sind „nackt“. Aber werden sie dazu nicht erst im Zuge ihrer Domestikation? Sind Tiere nicht generell Verkörperungen von natürlichen Sozialcharakteren, und liegt darin der Grund für das Symbol Behemoth?
    Ist das Ich nicht pathologisch, Produkt eines Entzündungsvorganges (des induzierten Selbstinteresses)?
    Das Wunder von Kana: die Verwandlung von Wasser in Wein. Sind es die Wasser oberhalb oder unterhalb des Firmaments, die in den Wein des Taumelkelchs verwandelt werden? Und worauf verweist die Hochzeit zu Kana? In welcher Beziehung steht der Wein zur Hochzeit (vgl. die Töchter Lots)?
    Ist nicht die Atomistik mit all ihren Differenzierungen, die ganze Mikrophysik (mit Elektro-, Thermodynamik und Chemie), Produkt der dem Inertialsystem immanenten apriorischen Objektbeziehung (der Einbeziehung des Objekts in die Urteilsform: der transzendentalen Logik), Pendant der Subsumtion der Lohnarbeit unters Tauschprinzip im Ursprung des Kapitalismus (paradigmatisch die Verschiebung der Arbeit vom realen Arbeitenden ins Kapital)? Ist hier nicht der Punkt, an dem die verwirrende Obszönitat des Zusammenhangs von Zeugung und Zeugenschaft sich zu klären beginnt?
    Zusammenhang und Differenz von Geld und Raum: Der Kapitalismus subsumiert die Vergangenheit unter die Zukunft (zerstört durch die Subjektivierung und Instrumentalisierung der Zwecke die Idee einer objektiven Teleologie), während die Naturwissenschaft die Zukunft unter die Vergangenheit subsumiert; zusammengehalten wird beides durch die Vorstellung einer homogenen Zeit. Aber deshalb ist nur die Naturwissenschaft in einem strengen Sinne prognostisch. – So hängen Götzendienst, Sternendienst und Opferwesen zusammen.
    Zwölf Apostel und sieben Diakone: Tierkreis und Planetensystem? Wer waren die sieben Diakone, und weshalb war Stephanus (die Krone) der erste Märtyrer?
    Weitere Zuordnungen zu 12 und 7: Judentum und Heidentum (12 Stämme und 12 Apostel, aber 7 Diakone); 12 Monate und 7 Tage (Jahr und Woche); 12 Tierkreiszeichen und 7 Planeten.
    Worin bestand die Buße der 120000 in Ninive, die Rechts und Links nicht unterscheiden konnten, und des Viehs?
    Was bedeutet es, wenn im Buch Tobit der Dämon Asmodai siebenmal den Bräutigam der Sara in der Brautnacht tötete, und erst Tobias die Sara von diesem Fluch befreit; und wie hängt das zusammen mit der Geschichte des Tobit, der erblindete, weil er gegen den Befehl des Königs die Toten begrub, und nach der Tötung des Fischs geheilt wird? Aber am Ende wird Ninive dann doch zerstört, weil Jona es prophzeit hatte.
    In der Skyline Frankfurt kehrt die ökonomische Rationalität des Marktes in ihre idolatrischen Ursprünge zurück.
    Jesus hat gesagt: Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon. Gilt auch für Theologie: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß?
    Ist das Heute nicht etwas anderes als das An diesem Tag? Es gibt kein Gestern, das nicht zuvor ein Heute war (es gibt kein ursprüngliches Gestern: zum Begriff der Ewigkeit).
    Die Bedeutungen der Präpositionen und der Präfixe überschneiden sich, sie lassen sich nicht eindeutig trennen. Soweit sie sich trennen lassen, sind Präpositionen in erster Linie räumliche und zeitliche Objektbestimmungen, während Präfixe objektbezogene Bestimmungen des Tuns und Leidens sind. Auch Präfixe sind vom Ursprung her Präpositionen, nur daß sie ins Werk zurückgenommen worden sind und ihm eine prismatische Vielfalt von Bedeutungen verleihen (be-, ver-, zer-, ent-, etc.).
    Gibt es eigentlich die Hilfszeitverben (sein, haben etc.) ohne das Futur II?
    Würde nicht die Bedeutung des Marktparadigmas und auch die der politischen Ökonomie entscheidend sich ändern, wenn man die Geschichte der Banken (Schuld und Kredit) mit hereinnimmt?
    Das Hinter dem Rücken ist kein einfacher Tatbestand, sondern setzt sich zusammen aus den Prinzipien der Anklage, der Verwirrung und der Zuteilung des Schicksals (des Zufalls: Modell der Zuordnung von Begriff und Objekt). Die Zuteilung des Schicksals ist die Macht, die das Prädikat im Objekt über das Subjekt gewinnt (die adaequatio intellectus et rei ist mehr als die „Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand“). Wer gemordet hat, ist ein Mörder: Diese Macht ist zugleich das Prinzip der Hypostasierung (der Personbegriff in der Trinitätslehre) und der Ursprung des Begriffs der Materie.
    In der Geschichte des Bekenntnisbegriffs wurde der Knoten geschürzt, der uns heute zu strangulieren droht.
    Zum Heideggerschen Begriff des Daseins: Dieses deiktische Da -Heidegger spricht auch vom „Sein des Da“ – enthält die Leugnung des Du; das Dasein ist das zum Verstummen gebrachte, fertiggemachte, aus der Kommunkation herausgefallene („geworfene“) Subjekt.
    War die Gnadenlehre nur möglich in einem sprachlichen Kontext, in dem es den Dativ und den Konjunktiv gibt?
    Liegt der Fehler des Augustinus, der bis in die Taten der raf nachwirkt, nicht darin, daß er das „Nicht soll ihrer gedacht Werden“ ersetzt durch den fixierenden Genuß der Seligen im Himmel im Anblick der Leiden der Verdammten.
    Die falsche Übersetzung des tollere (airho – aufheben, aufnehmen) mit „Hinwegnehmen“ hängt zusammen mit der falschen Identifikation des johanneischen mit dem philosophischen (philonischen?) Logos-Begriff (genauer: der Verwechslung von Name und Begriff). Sie bezeichnen gemeinsam präzise den Sündenfall der Theologie.
    Zu den Unterschieden des Opferparadigmas in Markt- und Planwirtschaft: Hier wäre auch hinzuweisen auf die Selbstopfer und die Opfer der Vernunft, die von den Angeklagten in den stalinistischen Schauprozessen gebracht worden sind (nur weil es der Sache diente, der Lüge zuzustimmen, deren Opfer sie selbst dann waren). Schon vor diesem Hintergrund wäre die Klärung der Frage der Tode von Stammheim wichtig (waren es marktwirtschaftliche Morde oder stalinistische Selbstopfer: hier konvergieren beide Paradigmen).
    Das In-der-Welt-Sein ist die Vorprägung durch die Welt, zu der es fast keine Distanz mehr gibt, nur noch das Mitmachen.
    Liegt das Firmament (die Mondsphäre), die die Wasser oberhalb von den Wassern unterhalb scheidet, nicht auch zwischen Nord und Süd (Links und Rechts)? Gehören Kopernikus und Kolumbus nicht auch in diesem (geschichtstheologischen) Sinne zusammen? Wo liegt das „Schwarze Loch“: in Süd- oder in Nordamerika?
    Hat das firmamentum, die Feste, die Trennung der Wasser oben und unten und die Einheit von Feuer und Wasser, etwas mit der Beziehung von Reichtum und Armut zu tun?
    Zum Verhältnis von Opfer und Gewalt siehe Assmann, S. 184.
    Ist die „Sinnfrage“ (die Husserl noch in der Bedeutungslehre rationalisieren konnte) nicht das letzte Rudiment der Namenlehre in der vom Begriff durchherrschten Sprache? Zusammenhang mit der Idolatrie: sie ist Ausdruck der Hybris des Subjekts, sie macht das Subjekt zum Logos (Sinn ist Sinn für mich; und wenn, dann soll die Welt Sinn für mich haben; Konsequenz aus dem heutigen Verständnis der Unsterblichkeitslehren: was scheren mich die anderen).
    Heute ist schon der Begriff des Eigentums transzendental: alle sind Proletarier; und das Eigentum repräsentiert das trandzendentale Subjekt.
    BEF und BALM: Der Unterschied zwischen einem Amt und Anstalt (zwischen Beamten und Angestellten) ist in vorliegendem Falle haushaltsrechtlich begründet. Der Haushalt eines Amtes (einer nachgeordneten Behörde) ist im Bundeshaushalt auszuweisen, während bei einer Anstalt nur die Kosten der Anstalt auszuweisen sind (z.B. im Falle einer Kreditaufnahme nur die Kosten des Kredits, der Schuldendienst, nicht die Kreditaufnahme selber). Aber weshalb heißen dann Schulen, Gefängnisse, Irrenanstalten und Krankenhäuser sowie die Rundfunk- und Fernsehanstalten auch Anstalten? Kommen etwa alle, die angestellt werden oder etwas angestellt haben, in eine Anstalt? Und wie hängen Anstalten mit Veranstaltungen zusammen?
    Müßte nicht in etymologischen Wörterbüchern die Darstellung der Herkunft von Begriffen außer auf die Geschichte der Wortbedeutung auch auf die institutionelle Geschichte seiner Anwendung (zuletzt auf die politische Ökonomie) reflektieren?
    War nicht die Führerrede das Realsymbol des Rundfunks; was ist das Realsymbol des Fernsehens? Es müßte irgendwo in der Fluchtlinie der Einheit von Sport und Kultur zu suchen sein: der Stillstellung des Subjekts im Zuschauer. Unterhalten werden, um nicht auf den richtigen Gedanken zu kommen?
    Ist nicht der Titel „Götze Markt“ und das Konzept, das dahinter steht, auch ein Stück Verharmlosung? Ein Freund der Familie, der Anfang der vierziger Jahre für kurze Zeit aus Dachau entlassen wurde, antwortete damals auf die Frage „Wie war’s“: „Noch schlimmer“. Hier wird etwas identifiziert, was getrennt gehalten werden muß: Das Marktparadigma (Privateigentum, Geldwirtschaft, Handel; Ursprung des Rechts) ist nicht selbst der Götze, sondern in der Tat, auch historisch, die Wurzel der Idolatrie (es wäre Aufgabe der Altorientalistik, das endlich aufzuarbeiten: nur so wäre auch dem Ursprung der Religonen und der politischen Institutionen der frühen Großreiche, des Geldes und auch der Schrift auf die Spur zu kommen). Die Idolatrie war eine Form der Absicherung, der Herstellung von Strategien der Schuldverarbeitung, die notwendig waren, um die durch das Marktparadigma veränderten Bedingungen der Erfahrung zu verarbeiten. Zum Ursprung des Christentums: Was einmal der Götzendienst leistete, wurde dann durch den Ursprung und die Konstituierung des Weltbegriffs übernommen (über die Philosophie und die Institutionen des Römischen Reiches), das Christentum ist nur die jüdische Antwort auf diese veränderte Situation (eine Antwort, die dann allerdings von real existierenden Christentum im Sinne der Idolatrie verfälscht wurde: das Marktparadigma ist gleichsam in die Substanz des historischen Christentums mit eingegangen).
    Insbesondere wird bei Assmann (obwohl er die „Dialektik der Aufklärung“ zitiert) ausgeblendet, daß in diese Geschichte des Marktparadigmas (als Grund und Teil der Herrschaftsgeschichte) auch in die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur mit eingegangen ist, daß es einen realhistorischen Zusammenhang des Marktparadigmas mit dem Grundkonstrukt, dem dann – durch Vermittlung der Theologie – die naturwissenschaftliche Aufklärung sich verdankt, gibt. Auch deren Anfänge liegen in der altorientalischen Geschichte.
    Die Übersetzung des zweiten Gebots durch das Gebot „Du sollst nicht fluchen“ ersetzt die Gottesfurcht durch die Herrenfurcht und unterbindet das Gottsuchen, sie installiert im Zentrum der Theologie den Götzendienst, die Idolatrie.

  • 07.06.92

    Zusammenhang von: Übernahme der Sünde der Welt, Feindesliebe, Arglosigkeit, Verzicht auf Projektion und Hypostasierung. Aufklärung wäre heute die Aufklärung der Herrschenden und ihrer Anhänger darüber, was sie sich selbst antun.
    Grund des evangelischen Rates der Armut: Grund des Hasses sind das hypostasierte Eigentum und seine gesellschaftlichen Derivate.
    Wie hängt Adam Smith mit Newton zusammen, die „invisible hand“ mit der dynamischen „Begründung“ des kopernikanischen Weltsystems durch die Gravitationstheorie?
    Naturwissenschaft, Kapitalismus, Bekenntnis: hängen diese drei in dieser Reihenfolge nicht mit Vorn und Hinten, Rechts und Links und Oben und Unten zusammen?
    Mit Kopernikus und mit dem Ursprung des Kapitalismus ist der Teufelspakt in die Konstruktion der gesellschaftlichen Realität mit eingegangen. (Kopernikus und Kolumbus arbeiteten am gleichen Projekt, und die Postmoderne ist nur durch ein Geringes von der Wahrheit noch getrennt.)
    Assmann: Götze Markt, S. 17: die „permanente diffuse Katechese“ reicht weit tiefer, als Assmann begreift, sie reicht in den Prozeß und das historisch sich fortschreibende und akkumulierende Ergebnis der naturwissenschaftlichen Aufklärung zurück.

  • 06.06.92

    Armut ist die Energiequelle, aus der der Kapitalismus den Reichtum schöpft. (Zum Begriff des Proletariats: Wer kein Eigentum hat, ist durch seine „Existenz“ schon verschuldet und muß seine Schulden lebenslänglich abarbeiten.)
    Mit der Denunzierung des Marktes als Götzen ist noch nicht viel getan; sie erinnert zu sehr an die Auseinandersetzung mit den „Häresien“; sie unterstellt, daß eine Gesinnungs- (Bekenntnis-) änderung schon der Anfang einer Änderung der Dinge sei. Notwendig wäre die genaue Analyse der Gewalt, die im Markt sich zu einem die Gesellschaft insgesamt beherrschenden System zusammengeschlossen hat; das Pseudoreligiöse am Markt ist Teil der Vergötzung der Macht: Teil eines Religionsbegriffs, dessen christliche Ursprünge zu bestimmen wären.
    Mit der Armut exportiert diese Gesellschaft auch die Paranoia: die autoritären Systeme und den Terror in die Dritte Welt. Hier liegt die Schuld der Kirche, daß eine wirkliche Bekehrung trotz der Christianisierung nicht gelungen ist.
    Wie hängen die Banken mit dem Militär zusammen?
    Das Futur II und die Astronomie: Schon im Schöpfungsbericht wird den Leuchten am Himmel die Herrschaft über die Zeit übertragen.
    Welches waren die jüdischen Opfertiere: u.a. das Lamm (Vorbild des Gottesknechts), die Tauben (Typos des Heiligen Geistes) und der Stier (Verkörperung JHWHs?).
    Zu dem Schiller-/Hegel-Wort „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ (die Welt als Inbegriff des richtenden Prinzips in der Geschichte): Heißt das nicht im Hinblick auf Heidegger, daß er durch die Fundamentalontologie, durch den Begriff der Eigentlichkeit, der Entschlossenheit, des Vorlaufens in den Tod, sich selbst an die Stelle dieses richtenden Prinzips zu setzen versucht, damit jedoch das Gericht auf sich zieht (dieses Gericht über Heidegger wäre die Neubegründung der Theologie). Es war seit je die Anpassung an die Welt, die das Gericht auf sich gezogen hat (die Anpassung an die Welt oder die Verführung des Richtens). Der Weltbegriff ist das Subjekt und Medium der Erbschuld (das ist der präzise Sinn von Joh 129). Der Naturbegriff als Inbegriff des Objekts (Nicht-Subjekts) vermischt den Begriff des Opfers mit dem der Unschuld der richtenden Gewalt, verleiht ihm die exkulpatorische Kraft, die auch im naturwissenschaftlichen Erkenntnistrieb mit enthalten ist. Vorbild des modernen Naturbegriffs war u.a. der christliche Typos der Jungfrau.
    Der Begriff der Rechtfertigung bezeichnet ein Moment der Bekenntnislogik: die falsche Form der Schuldverarbeitung.
    Lassen sich die unterschiedlichen Beziehungen rechter und linker politischer Gruppen zu Tod aus den unterschiedlichen Beziehungen von Markt- und Planwirtschaft (Babel und Ägypten) zur Zeit herleiten?
    Als Grundlage der Handels- und Rechtsbeziehungen im Imperium Romanum war das Pantheon zugleich Grundlage der Pax Romana.
    Hat nicht die Übernahme der Sünde der Welt etwas mit dem Baum des Lebens zu tun? Und verhält sich der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zum Baum des Lebens nicht wie die Philosophie zur Prophetie, oder wie die Erkenntnisfunktion des Raumes zur benennenden Kraft der Sprache?
    Bedeutung des Tierkreises:
    – in der chaldäischen Astrologie,
    – im griechischen Mythos (Idee des Heros),
    – in den Megalith-Kulturen,
    – in der jüdischen Tradition (Tierkreis-Mosaiken in antiken Synagogen?).
    Hat der später als Sothis-Periode mißdeutete Sachverhalt in der ägyptischen Geschichte etwas mit dem Tierkreis zu tun? Ist die Patriarchen- und Exodus-Geschichte so etwas wie ein Astral-Mythos?
    Freude, Lachen und Johlen; oder: Befreiung, Herrschaftskritik und Freude, und Herrendenken, Objektivierung durch Lachen, Johlen und Rache.
    Die Instrumentalisierung der Welt und die Zerstörung der teleologischen Prinzipien gehören zusammen; sie machen den Raum frei für das liberum arbitrium und die Subjektivierung der Zwecke, die dann selber wiederum über das Tauschprinzip und die Geldwirtschaft in eine der instrumentalisierten Welt angemessene Beziehung gerückt werden. In der instrumentalisierten Welt gibt es zur Herrschaft keine Altenative.
    Hat nicht die Übersetzung des zweiten Gebots in „Du sollst nicht fluchen“ ein ähnliche Funktion wie die des achten „Du sollst nicht lügen“? Auch das „Du sollst nicht fluchen“ ist ein Teil des Herrschaftsmechanismus, der Herrschaftskritik schon im Keim unterdrückt. Beide Übersetzungen haben hinterhältig und gemein gewirkt.
    Hat Auschwitz nicht eine zweitausendjährige Vorgeschichte? Und ist die Angst im Garten Gethsemane nicht eher auf diese Geschichte als auf die private Todesfurcht zu beziehen?

  • 04.06.92

    Heidegger und die Bergpredigt: Ist nicht die „Sorge“ der Platzhalter des Futur II in beiden (und Heideggers Philosophie insgesamt die Selbstreflektion der inertia: seine Fundamentalontologie gleichsam das Inertialsystem von innen)?
    Die Übernahme der Sünde der Welt bezeichnet im Christentum genau den Punkt des Widerstands gegen die Abstraktion, gegen das falsche Allgemeine (und seinen Grund im Tausch- und im Trägheitsprinzip). Schuld ist immer konkret, und sie ist immer vergangene Schuld (Inbegriff der Last der Vergangenheit); erst durch die Opfertheologie ist der Kreuzestod Christi auch zu der für ihn zukünftigen Schuld in Beziehung gesetzt worden, nur so war die christliche Erlösungs- und Gnadenlehre zu begründen. Aber diese Begründung war falsch (und mit ihr ein Pfeiler des kirchlichen Selbstverständnisses); den Schein der Wahrheit verdankte sie allein der Unfähigkeit zur Kritik des Tauschprinzips; zugleich war sie fähig, Modell des Inertialsystems zu werden. Mit dieser Begründung wurde die Vergangenheit bloß verdrängt anstatt durch Erinnerungsarbeit übernommen, wurden die Verdrängungsmechanismen selber in den Kern der Religion mit aufgenommen und durch den potentiellen Häresie- und Blasphemievorwurf unangreifbar gemacht, zugleich die Verführung und der Genuß der Exkulpierung gegen das Bewußtwerden abgeschirmt.
    Zur Täufergeschichte: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem „ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi“ und dem „Das ist mein geliebter Sohn …“: zwischen der Übernahme der Sünde der Welt und der Vater-Sohn-Theologie? Gehören nicht die Begriffe Schuld, Bekenntnis, Zeugenschaft dem gleichen Kontext an (beachte die Doppelbedeutung des Zeugungsbegriffs im Deutschen)? Wie verhalten sich kennen, erkennen, bekennen zu zeugen, erzeugen, bezeugen?
    Hatte Jesus nicht zusammen mit den Geldwechslern auch die Taubenhändler aus dem Vorhof des Tempels vertrieben (Bedeutung der Tauben in der Schrift und des Taubenopfers)?

  • 29.05.92

    Ist nicht die „Gottesruhe“ (Augustinus), das selige Ruhen Gottes in sicher selber, die Kehrseite des Gottesschreckens, den der „selige“ Gott in der Geschichte des Christentums nach außen verbreitet hat?
    Hinweis des Augustinus darauf, daß das Kreuzeswort Jesu „Es ist vollbracht“ und die anschließende Grabesruhe dem Ende des Schöpfungswerks und der Ruhe am siebten Tag korrespondiert. Ergibt sich daraus nicht der natürliche Schluß, daß das Christentum insgesamt dann den drei Tagen im Grab (dem Zeichen des Jona) entspricht?
    Neutralisiert die Unterscheidung der Erkenntnis vor, in und nach der Sache (die spätere analogia entis) nicht die Bedeutung der Umkehr für die Erkenntnis (Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang), den Begriff der Prophetie (Grund seiner Umwandlung in Allegorie)?
    Es gibt kein Feindbild ohne projektives Element. Und der Götzendienst hat genau diese Funktion: das projektive Element abzustützen, das Feind- (und Herren-)denken zu exkulpieren. In der Philosophie wird dieses projektive Element über den Begriff der Materie, in der Theologie durch die Allegorie, die Vorstellung des Teufels und der Hölle und durch den Zusammenhang von Bekenntnis und Frauenfeindschaft, in der objektiven Realität selber verankert (Grundlage und Reflex des Weltbegriffs).
    Die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik gehört zum System der transzendentalen Logik; sie unterliegt selber der moralischen Urteilslust, dem Empörungs-, dem Feinddenken, die sie in der Gesinnungsethik denunziert. Die bloße Gesinnung ist in der Tat bloß Ausdruck des ohnmächtigen Exkulpationswunsches, der durch die Verurteilung des andern glaubt, sich selbst reinwaschen zu können (Sündenbockmechanismus). Sie kommt zu sich selber erst im Verzicht auf Exkulpation: im Kontext der Gottesfurcht. Diese neue Gestalt der Gottesfurcht war das Feuer, das Jesus auf die Erde bringen wollte, und von dem er wünschte, es brennte schon.
    Die Vergegenständlichung des Lichts ist mit der Elektrodynamik erkauft. Das am ersten Tage geschaffene Licht hat weniger mit dem physikalischen Objekt als vielmehr mit dem Beginn (der Potenz) der Einsicht zu tun. Das Licht ist das Medium des Angesichts. Extreme des Angesichts: das Lachen und der Schrecken.
    Das ist der entscheidende Einwand gegen Heidegger: es gibt keine objektlose Angst; oder anders: es gibt keine Angst ohne Objektbezug. Insofern ist die Angst ein Sinnesimplikat der transzendentalen Logik (ihres apriorischen, aber leeren Objektbezugs) und vom Geltungsbereich der Begriffe Natur und Welt nicht abzulösen. Gegenstand der Angst ist der Tod; und die heideggersche objektlose Angst ist ein Produkt seiner „Entschlossenheit“, des „Vorlaufens in den Tod“, sie ist der Preis für die „Eigentlichkeit“. Der Tod wird immer nur als Tod anderer erfahren. Der eigene Tod ist nicht erfahrbar. Soweit ich mich im eigenen Tod erfahre, erfahre ich mich nur durch Reflexion: als Anderer für Andere. So ist die „Erfahrung“ des eigenen Todes nur ein Sinnesimplikat meines In-der-Welt-Seins. Aber: Stark wie der Tod ist die Liebe. Und Adornos Satz: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist, wäre insoweit auch auf diese Beziehung von Angst und Tod anwendbar. – Ist die heideggersche „Entschlossenheit“ nicht doch nur der Kult des Selbstmitleids?
    Stark wie der Tod ist die Liebe: Schließt das nicht eine neue Gestalt der historischen Erkenntnis mit ein, nämlich als Erinnerungs- und Trauerarbeit. Und ist nicht diese Erinnerungs- und Trauerarbeit im Credo vorbezeichnet in dem Satz: abgestiegen zur Hölle.
    In der objektlosen Angst, in der Entschlossenheit und in dem Vorlaufen in den Tod, sowie im Begriff der Eigentlichkeit hat Heidegger etwas von der Innenerfahrung der Arbeit des Begriffs erhascht.
    Hoffnung ist uns allein um der Hoffnungslosen willen gegeben: das ist der Anspruch, den die Toten an uns haben.
    Entspricht nicht der Feste oben (zweiter Tag) das Trockene unten (dritter Tag)?
    Sed libera nos a malo, muß das nicht heißen: sondern befreie uns von der (von unserer) Bosheit.
    Kritik des Dogmas, oder die Entkonfessionalisierung der Kirche.
    Der Unsterblichkeitsglaube hat das Selbsterhaltungsprinzip in die Theologie eingeschmuggelt.
    Hat der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen etwas mit dem Geld (mit der erkenntnisleitenden Funktion des Geldes in der durch Eigentum definierten Gesellschaft: mit der Geltung des Selbsterhaltungsprinzips) zu tun?
    Sind nicht die drei Verleugnungen des Petrus eigentlich Identifikationen mit dem Aggressor, d.h. gleicht Petrus sich nicht durch die Verleugnungen dem anklagenden Prinzip, das von der Magd des Hohepriesters und den Umstehenden vertreten wird, an (bis hin zur Selbstverfluchung)? Beginnen die Verleugnungen nicht mit der Opfertheologie, mit der falschen Übersetzung des „tollere“ im „ecce, qui tollit peccata mundi“ (und ist die Figur des Täufers in diesem Zusammenhang auch typologisch zu begreifen: ist er der Hahn; Geschichte des Herodes; Verhältnis von Wasser- zu Geisttaufe)?
    Die Feindesliebe und die Erneuerung des Antlitzes der Erde.

  • 26.05.92

    „Du hast dem Menschen ja gegeben, von anderen auf sich zu schließen und auf Zeugnis selbst von Weibern hin vieles aus seiner Vergangenheit zu glauben.“ (Augustinus: Bekenntnisse, übers. Joseph Bernhart, FTb 1955, S. 11f) Frauen sind demnach an sich weder bekenntnis- noch zeugnisfähig, und A. scheint es als demütigend empfunden zu haben, hier auf einen Tatbestand gestoßen zu sein, dessen Kenntnis er dem Zeugnis „von Weibern“ verdankt (gottseidank wird dieses Zeugnis ergänzt durch den Schluß von anderen auf sich selbst). Wie hat sich das auf das Selbstverständnis des Christentums, auf den Ursprung der Theologie, bei ihm (und bei den anderen „Vätern“, auch bei Konstantin) ausgewirkt, daß nicht selten die Bekehrung durch Mütter vermittelt war? Ist dieses „Demütigende“ nicht eine der Quellen des Objektivierungstriebs? Ist nicht doch mehr an der These, daß das frühe Christentums (seit Maria Magdalena und Petrus) von Frauen angenommen und vermittelt, aber von Männern dann verwaltet wurde? Und ist nicht die Theologie insgesamt der zwanghafte Versuch, das, was sie auf das Zeugnis von Weibern hin glauben, durch den Schluß von anderen auf sich selbst zu verifizieren? Grund des Bekenntnisbegriffes und seiner Folgen bis hin zum Hegelschen Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“? Zusammenhang mit den Bekenntnissen des Jean-Jaques Rousseau: mit dem Inzest-Bekenntnis, dem neuen Naturbegriff (und seiner christologischen Logik), Nutzung des Naturbegriffs als Exkulpationsmaschine (Entlastung des personalen Schuldbegriffs von der „Sünde der Welt „, von der Erbsünde), erster Versuch über die These eines natürlichen Ursprungs der Sprache, Trennung der Sprache von der Reflexion der Schuld (Übernahme der Sünde der Welt).
    Der oben zitierte Satz aus den Bekenntnisses des Augustinus erklärt sowohl das Zölibat (seine kirchenpolitische Instrumentalisierung) als auch das Problem Drewermann. Das bedeutet aber auch, daß es möglich sein muß, die Mutterbindung der Kleriker nicht nur psychologisch, sondern aus dem gegenwärtigen Stand der Theologie herzuleiten.

  • 22.05.92

    Wird nicht die Theologie des Augustinus erst dann durchsichtig, wenn man sein Konzept aus dem Referenzsystem der bürgerlichen Konkurrenz und Selbsterhaltung herausnimmt und auf das Problem der objektiven Erlösung der Welt bezieht, oder: wenn man die Gottesfurcht mit hereinnimmt, dazu dann allerdings auch den letzten Satz des Buches Jona. Ist nicht die Untersuchung über die Gnadenlehre von 397 ein nur leicht entstellter Traktat über die Gottesfurcht (Ausgangspunkt, daß man sich der Gnade nicht rühmen darf, mit der besonderen Problematik, daß das Thema an einen Bereich rührt, der einer „objektiven“ Darstellung nicht fähig ist)?
    Dämonische Züge gewinnt dieses augustinische Konzept aus den Prämissen, die eigentlich erst nach ihm sich durchgesetzt und verstärkt haben: aus dem Gemisch von Ohnmacht, Selbstmitleid, Konsumentenhaltung oder aus dem gleichen Grund, den Adorno einmal so zutreffend beschrieben hat: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben in der Lage ist“. Dieser Habitus der Ohnmacht im Entscheidenden, der zusammenhängt mit der Enttäuschung der Parusieerwartung, die Martin Werner als eine der Ursachen des Dogmatisierungsprozesses nachgewiesen hat. Er rührt her aus der Welterfahrung unter den Prämissen des Römischen Reiches. Zu untersuchen wäre generell, in welcher Gestalt und auf welchen Wegen der Weltbegriff in die Theologie sich einschmuggelt und zu welchen Folgen in der Theologie das geführt hat. Es ist die gleiche Ohnmacht, die im Weltbegriff sich vergegenständlicht und der die gleiche minimale Verschiebung sich verdankt, die dann die christliche Sexualmoral begründet und geformt hat, und zwar im Kontext jenes Problems, das in Begriffen wie iustificatio (Rechtfertigung oder Gerechtmachung?) und confessio (Problem der Bekenntnislogik) sich anzeigt.
    Am Ende wäre dann auch noch auf den postapokalyptischen Jonas zu verweisen, insbesondere auf den letzten Satzes des Buches Jona („Wie sollte ich mich nicht erbarmen …“). Und ist nicht in der Tat Jona die Kirche:
    – die von Anfang an sich geweigert hat, ihren prophetischen Auftrag an Ninive, „die große Stadt“, anzunehmen,
    – die nach Tarschisch fliehen wollte, ins Meer geworfen und vom Fisch gefressen wurde, in dessen Bauch sie ihren Lobgesang anstimmt, wieder ausgespien wird, nach erneutem Auftrag eine Tagesreise nach Ninive hereingeht und dort verkündet: „In vierzig Tagen wird Ninive zerstört“.
    Und dann kommt die ganze Nachgeschichte, Gottes Erbarmen und der Hader Jona’s mit Gott, den Gott mit seinem Hinweis auf sein Erbarmen beendet.
    Es geht beim Augustinus nicht um die Synthese von Gnade und Freiheit, und wer auf den manifesten Sinn der augustinischen Erörterungen sich einläßt, ist schon verloren.
    Sind nicht die Erörterungen des Augustinus in erster Linie Erörterungen zum Problem der Gottesfurcht, und werden sie nicht zwangsläufig mißverstanden, wenn man sie unter dem Stichwort Gnadenlehre liest?
    Das Problem des Augustinus scheint mir darin zu liegen, über das Nichtrühmen das „Richtet nicht …“ in die Gnadenlehre hereinzubringen.
    Kommt nicht das Problem auch dadurch, daß A. ein typologisches mit einem historischen Problem (oder ein prophetisches mit einem philosophischen) verwechselt?
    Die Ethik ist eine Richtschnur des Handelns; zu einem Element der Erkenntnis wird sie in dem Augenblick, in dem sie als Grund des moralischen Urteils nicht mehr verwendbar ist, d.h. wenn sie reflektiert und bewußt aufhört, Wertethik zu sein.
    Ich bin zweimal beim Versuch, eine Dissertation zu schreiben, gescheitert:
    – das erstemal an Max Schelers Wertethik, deren obszöne und blasphemische Strukturen herauszuarbeiten gewesen wären;
    – das zweitemal an einer Arbeit über Hume, an dessen radikalem Empirismus ich die Probleme des kantischen und hegelschen Erkenntnisbegriff noch einmal aufarbeiten wollte (Zusammenhang von Ich-Identität und Dingbegriff).
    An beiden bin ich gescheitert.
    Hat dieser Begriff des Scheiterns etwas mit dem Scheiterhaufen zu tun? Jedenfalls verdanke ich es Karl Jaspers, wenn ich das Scheitern nicht nur als etwas Negatives erfahren habe, wenngleich ich den gleichen Horror vor der jasperschen Heroisierung des Scheiterns habe. Mir scheint es käme eher darauf an, eine Theorie des Feuers aus dem Begriff des Scheiterns zu entwickeln, in dem Sinne, in dem Franz von Baader einmal die hegelsche Philosophie das Autodafe der bisherigen Philosophie genannt hat.
    Die Theorie des Feuers als Entfaltung einer Theorie der rettenden Kritik: Diese Theorie fände sich dann in der Theologie als Lehre vom Heiligen Geist wieder. Eines ihrer ersten Objekte wäre die verdinglichte Feuerlehre der vergangenen Theologie: die Lehre von der Hölle und vom Fegefeuer (vgl. Le Goff)
    Erinnerung an Karl Kraus, an „Die letzten Tage der Menschheit“, in denen er das Wiener Cafehaus zugleich als Logenplatz des Weltuntergangs und Produktionsstätte der Phrase, die die Welt in Brand gesetzt hat, vor Augen führt. Dieses Cafehaus definiert letztmals die Grenze von Fegefeuer und Hölle und markiert genau ihren historischen Ort. Und sind nicht „Die letzten Tage der Menschheit“ die Probe aufs Exempel jener Stelle im Jakobusbrief, die von der menschlichen Zunge handelt, und sind diese Zungen nicht wieder ein Exempel für die Feuerzungen im Pfingstereignis der Apostelgeschichte? Dazu das Jesus-Wort „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“.
    Die Logik des Schreckens ist die Logik des Bekenntnisbegriffes. Sie hängt zusammen mit der Beziehung von Lachen und Schrecken, und das wäre zu entfalten.
    Das Bilderverbot richtet sich gegen die Trägheit des Vorstellens, somit auch gegen die Mathematik: Läßt sich deren Beziehung zur Sprache vielleicht einer Theorie des Feuers bestimmen?
    Ursprung und Folgen der Sexualmoral: Verwechseln heut nicht alle den Kampf mit den Windmühlen mit dem Kampf gegen den Drachen?

  • 19.05.92

    Die aristotelische Metaphysik ist von der aristotelischen Körperphysik nicht zu trennen, zu der u.a. auch die Lehre vom natürlichen Ort gehört, die dann durch die noesis noeseos, durch das Denken des Denkens, das (über das teleologische Element darin) eins ist mit dem ersten Beweger, direkt in die Metaphysik einmündet. Mit der Kritik und Auflösung der Zweckursachen, mit der Subjektivierung der Teleologie und d.h. mit der Etablierung des Inertialsystems verliert die aristotelische Metaphysik ihre Basis. Das ist vermittelt durch die Theologie, durch die Einführung des Schöpfungsbegriffs in die aristotelische Metaphysik (in die er nicht hineinpaßt). Durch die Idee einer creatio ex nihilo gewinnt zwar der aristotelische Gott Schöpferkraft, gewinnt er seine besondere Art von Allmacht, die ihn dann allerdings (durch die genau hier logisch erzwungene nominalistische Revolution) gleichsam von innen aushöhlt, als Hypostase des Staates erkennbar macht. Nicht Gott, sondern der Staat ist „Schöpfer“ der Welt; und die creation ex nihilo ist ein Deckbegriff der unbegriffenen ökonomischen Funktion des Staates.
    Quellpunkte des Systems sind:
    – die Geldwirtschaft,
    – dann der (aus der Verbindung der philosophischen Gotteslehre mit der theologischen Schöpfungsidee entspringende) theologische Bekenntnisbegriff,
    – und am Ende das Inertialsystem (mit dem daraus entspringenden christologischen Naturbegriff).
    Die Etablierung des Inertialsystems ist von ähnlicher geschichtsphilosophischer Relevanz und Bedeutung wie der kirchliche Dogmatisierungsprozeß, mit dem sie genetisch, strukturell und logisch zusammenhängt.
    Die fürs Inertialsystem konstitutive (systembildende) Beziehung zur Vergangenheit hat ihr Modell und ihr Vorbild in der Beziehung zur Vergangenheit, die bereits den Prozeß der Dogmenbildung bestimmt. Die „Überwindung“ der Vergangenheit (der vergangenen Gestalten der Religion oder der Erkenntnis) ist in beiden Fällen erkauft mit der unkenntnlich gemachten Wiederkehr des Verdrängten.
    Das newtonsche Gravitationsgesetz und seine Optik gehören zum Inertialsystem als Stabilisatoren (als Wächter des Orthogonalitätsprinzips) dazu.
    „Oh Haupt voll Blut und Wunden …“: das tiefste Symbol des Inertialsystems (eigentlich insgesamt die Passionsgeschichte: mit dem „Warum schlägst du mich?“, der Königsparodie und der Dornenkrone, aber auch unter Einschluß des Unschulds-Händewaschens des Pilatus).
    Der Satz Adornos „Ideologie ist Rechtfertigung“ ist im strengen Sinne christologisch, bringt die „Sünde der Welt“ auf den heutigen Erkenntnisstand.
    „Wenn die Welt euch haßt …“ Das heißt doch auch: der Haß, den ihr verspüren werdet, wird so subjektlos sein wie die Welt; das ist der Hintergrund und die Grundlage für das Wort am Kreuz: „… denn sie wissen nicht, was sie tun“. Und dieses Wort scheint heute zum Wesen und zu Signatur der Welt insgesamt zu werden: Wer weiß noch, was er tut? Vgl. hierzu auch das Ende des Buches Jona. Heute verstricken sich alle in Schuld, die es immer noch nicht wissen und sich wohl dabei fühlen. Nochmal: „Wenn die Welt euch haßt …“ Aber wenn der Geist kommt, wird er das Antlitz der Erde erneuern, das hinter diesem Haß der Welt nicht mehr zu erkennen ist.
    Drei Bemerkungen zur Kritik der Naturwissenschaft:
    – Das Inertialsystem ist das Referenzsystem aller naturwissenschaftlichen Erscheinungen, Begriffe und Gesetze;
    – es konstituiert sich durchs Relativitätsprinzip, durch das Gedankenexperiment, das die Orthogonalität aller Strukturen im Inertialsystem (bis hin zur „Trennung“ von Raum, Zeit und Materie); dazu gehören die Formulierung des Gravitationsgesetzes (die Identität von träger und schwerer Masse) und der Grundlagen der Optik (Feststellung der endlichen Lichtgeschwindigkeit);
    – mit der Etablierung des Inertialsystems ist die Herrschaftslogik mitgesetzt, als Logik des Zusammenhangs von Objektivation und Instrumentalisierung.
    Rosenzweigs Bemerkung zu Schopenhauer und Nietzsche, daß sie als erste die Welt nach ihrem Wert für sie (für Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche) beurteilen, bezeichnet den Punkt, an dem erstmals die Sünde der Welt in die Philosphie hereinragt.
    Der Konsensbegriff und die Kommunikationstheorie übersehen, daß die Logik – nach dem Hegelschen Nachweis – ohne ein dezisionistisches Moment nicht zu halten ist; eben deshalb bedarf die Hegelsche Rechtsphilosophie eines Souveräns und seiner Legitimierung durch Geburt. Es gibt in der Tat keine Wahrheit ohne die Idee der Versöhnung.
    Bis heute hat die Kirche ihre Hähne immer rechtzeitig geschlachtet.
    Ohne Metaphorik verliert die Sprache ihre benennende Kraft; aber die Metaphorik lebt von der Logik der Umkehr. Sie verhält sich zur Identitätslogik wie die Begründung zur Kausalität. Ohne Metaphorik verliert die Sprache mit der benennenden auch die begründende Kraft („Traum der Menschheit, sich von einem Punkt des Raumes zu einem anderen Punkt des Raumes zu bewegen“).
    Weltbegriff: historisch, logisch und theologisch.

  • 17.05.92

    Ist nicht die besondere Eigenschaft der Exponentialfunktion die, die auch ihre statistische Anwendung begründet, daß sie selbstreferentiell ist. Diese Eigenschaft hängt zusammen mit ihrer Beziehung zu den trigonometrischen Funktionen.
    Gehört zu den Begriffen Natur und Welt nicht als dritter Totalitätsbegriff der des Bekenntnisses dazu; und hat dieser nicht sogar eine (gnoseologische) Schlüssel- und Angelfunktion, die nur deshalb so schwer zu ermitteln und zu durchschauen ist, weil er genau den blinden Fleck in diesem System bezeichnet? Als Deckbegriff über das durch die Totalitätsbegriffe Natur und Welt Verdrängte begründet und sichert (exkulpiert und neutralisiert) er ihre gegenständliche Funktion und Bedeutung.
    Das Lippenbekenntnis ist die Verhinderung des Zungenredens oder die Sünde wider den Heiligen Geist.
    Effekt der Sexualmoral: die Verdinglichung des Menschen. Die Vergesellschaftung der Sexualmoral, die sich dem Christentum verdankt, macht alle zu Richtern über alle; durch sie halten sich die Menschen gegenseitig in Schach und werden so prinzipiell beherrschbar. Ist hierzu nicht die Abtreibungsdebatte das letzte Rückzugsgefecht?
    Die „religiöse Erneuerung“ nach der pornokratischen Phase der Papstgeschichte, die u.a. zur kirchlichen Zölibatsregelung führte, hat damit diese Funktion der Sexualmoral in der Kirche verankert (Verschiebung der Zentrums vom Unrecht zum Sittenverfall). Sie hat den Grund gelegt für die wachsende Frauenfeindschaft (bis hin zu Hexenverfolgung) und für die naturwissenschaftliche Aufklärung (Ursprung des Trägheitsbegriffs und des Inertialsystems). Die Sexualmoral hat durch die Verdrängung dessen, was mit dem Angesicht und dem Namen bezeichnet wird, die Schuld unentrinnbar im Objekt verankert: Grund und Ursprung des modernen Materiebegriffs. Zusammenhang von Sexualität, Geld und Trägheitsprinzip.
    Die Sexualmoral war der Grund der kollektiven Neurose, die in jedem Dorf den dorfeigenen Dorfidioten produzierte.
    Die heutige Gestalt der Sexualmoral ist die neidbestimmte Empörung über Geld. Beide hängen zusammen mit einem naturbezogenen Unschuldsbegriff: Die Menschen sind von Natur unschuldig und werden schuldig erst durch Handeln (Recht, Personbegriff und Zurechenbarkeit).
    Das Problem der natürlichen Unschuld, die Bekenntnisse des Augustinus (die Sünden des Säuglings), kirchliche Gnadenlehre und Ursprung der Kindertaufe (im direkten Widerspruch zum Wort Jesu über die Kinder). Auflösung durch den Begriff der Sünde der Welt (es gibt einen Zeitpunkt, an dem jeder die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen muß).
    Die Rechtfertigungsrhetorik „Ich habe doch niemanden umgebracht“ grassierte nicht zufällig in der Zeit des Judenmords in Deutschland.
    Die Orthogonalität begründet den Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung mit dem Rechtfertigungszwang.
    Was bedeutet das Wort vom „erhöhten“ Christus: Steckt darin die Beziehung zur Herrschaftsgeschichte, die auch im Symbol des Kelches steckt und mit der Geschichte von Gethsemane zu tun hat?
    Bezieht sich das Wort von der Ersetzung des steinernen Herzens durch ein fleischernes Herz auf Petrus? Und wie verhält sich das zu dem rätselhaften ebenfalls auf Petrus bezogenen Wort: „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du dein Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 2118), das sich auf seinen Tod beziehen sollte? Was bedeutet die Geschichte mit dem Schwert und dem Knecht Malchus, und dem rechten Ohr, das Petrus abschlägt und Jesus wieder anheftet; und was heißt Malchus?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie